Spiritual Science and the Future of Humanity
GA 69e — 17 May 1912, Munich
XXIII. Das Wesen Geisteswissenschaftlicher Erkenntnis und deren Bedeutung fr das Menschliche Leben
Heute [habe ich die] Aufgabe, einiges über [das] Wesen der geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse zu sagen. Es handelt sich darum, dass hier von geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen in der Art gesprochen wurde, dass nicht so sehr das Gebiet ins Auge gefasst wurde als die Art der Erkenntnis; zum Beispiel [ist] heutige Psychologie nicht in unserem Sinne Geisteswissenschaft, denn es ist heute eigentlich eine Seelenlehre ohne Seele, wie man die Psychologie heute behandelt und betreibt, als nur äußere Beobachtung. In der offiziellen Seelenwissenschaft findet man, wie sich Vorstellungen anschließen an Sinneswahrnehmung et cetera. Der aber, der Seelenwissenschaft in anderem Sinne verlangt, für den [ist die] offizielle Psychologie unfruchtbar; man kann nichts durch sie wissen über das Schicksal der Seele, zum Beispiel nach dem Tode. Es ist möglich, dass man in die Natur des Geistigen und menschlich Seelischen so eindringen kann, dass man etwas sagen kann über [das] Schicksal der Seele.
Geisteswissenschaft [wird] von vielen Seiten missverstanden, von denen, die auf festem Boden eines Religionssystems zu stehen glauben, oder der Wissenschaft. Geisteswissenschaft, wie sie hier vertreten, hat im Grunde genommen nichts zu tun mit religiösen Bekenntnissen und allen Religionssystemen. Geisteswissenschaft betrachtet das, was in religiösen Bekenntnissen liegt, als Forschungsgebiet, sucht, was darinnenliegt. Ebenso gut könnte man Botanik eine Wiese oder Acker nennen, wie man Theosophie ein Religionsbekenntnis nannte.
Vor 300 bis 400 Jahren stand Naturwissenschaft so, dass große Denker [wie] Kepler et cetera die sinnliche Beobachtung verlassen haben. Sinnliche Beobachtung kann nicht zur Wahrheit auf dem erörterten Gebiet führen. Geisteswissenschaft will nichts anderes als die höchsten, wertvollsten Erkenntnisse auf denselben logischen Wegen ergründen wie die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse. Der Botaniker muss das Ende der Pflanzenbildung mit dem Anfang in ein ganzes Organisches bringen: Entwicklung aus Same zur Blüte und Frucht und wieder Same et cetera. Goethe hat ausgedrückt das Hinentwickeln des Menschen zum Alter und dem Entschluss. Das Geistig-Seelische, das ist wie ein Same; er sagt, im Alter werde man Mystiker. Goethe meinte aber nicht unter «Mystiker», was man heute als Nebuloses versteht, sondern er meint, dass der Mensch durch sein Erleben und sein Tun immer reifer und reifer wird, er reift heran und bildet die Frucht seines Lebens. Wir erkennen [das] besonders an dem, was wir falsch machen, können es aber meist nicht wiederholen. Erfahrungen, Kräfte sammeln sich so an im Menschen, die er nicht verwendet, und diese Kräfte haben ihre höchste Spannkraft, sind am reifsten geworden unmittelbar vor dem Tode; sie bilden den Samen, die geistig-seelischen Keime. Die Ideen, Impulse im Menschen vergehen nicht, [sie] haben innere Wirkungskraft, innere Aktivität und müssen fortwirken. Das schließt sich zusammen als geistig-seelischer Keim, und das, was innere Aktivität, innere Tragkraft, innere Wahrheit hat, das bezeichnet Goethe als das Mystische, und den Menschen, der alt wird, nennt er Mystiker.
Anders in der Jugend: Da sehen wir das, was in der Seele lebt, nach außen schießen; es drängt nach außen; da ist man Idealist, tatkräftig, wirksam, nicht Mystiker; von erster Stunde des leiblichen Daseins schießt das Seelische in äußere Tatkraft, in äußere Formbildung, Bildung, wie [die] Keimkraft in [der] Pflanze. Die Tatsache entgeht der äußeren Psychologie, die Anschauung, dass in uns ein geistig-seelischer Kern lebt, der immer impulsiver wird gegen [das] Alter hin und dann einen Zwischenzustand durchmacht, um danach wieder ins äußere Leben zu dringen. Die konsequente Ausgestaltung der Methoden der heutigen Psychologie, wie Franz von Brentano sie angefangen, der streng wissenschaftlichen Methoden, wird und muss zur Reinkarnationslehre führen. Allerdings ist dazu nötig, dass der Mensch sich umbildet zum Instrument.
Wodurch begreifen, erkennen wir überhaupt? - Wenn wir wissen können, wie die Dinge, [wie] ein Kunstwerk zusammengesetzt sind, wenn wir imstande sind, es zu verfolgen in seinem Werden, in Zusammensetzung, wenn der Mensch selbst dabei ist. Aber so ist es mit der Natur nicht, wie Goethe sagt; nicht das Werdende, das Gewordene tritt da vor uns hin, und das andere bedeutungsvolle Wort Goethes [ist]: Das Gewordene verstehen wir nicht.
Es gibt aber etwas, wo wir beim Werden dabei sind. [Der] Mensch macht abwechselnd [den] Schlaf- und Wachzustand durch. Was ermüdet ihn nun? Das ermüdet, was der Mensch abnutzt aus einem Teil seiner bewussten Tätigkeit heraus. Es tritt keine Müdigkeit ein, wenn man Gedanken frei schweifen lässt, bewusst wach träumend; das ermüdet nicht. Aber das Denken, wo der bewusste Wille dabei ist, der bewusste Wille ist es, der uns müde macht, der uns abnützt. Das Schlafen im Eisenbahnwagen ruht nicht so aus wie das zu Hause im Bett. Hier ruht der Organismus, während in [der] Eisenbahn der Körper in Bewegung bleibt. Die aufgedrungene Bewegung widerspricht den eingeborenen Kräften des Organismus. Jedes Mal, wenn [dem] Organismus von außen eine Tätigkeit aufgedrängt wird, die er durch [seine] eigene Natur nicht hat, tritt Ermüdung ein; [hier liegen] auch [die] Ursachen der Seekrankheit. Jede Nacht während des Schlafs tritt nun ein ein Werden, ein Entstehen in unserem Organismus, der wiederherstellt, was wir vorher abgenutzt haben. Wir sind dabei bei dem Werden, nur sind wir uns [dessen] nicht bewusst.
Aber das strebt die Geisteswissenschaft an, dass der Mensch sich so entwickelt, dass er bewusst dabei sein kann bei diesem Werden. Durch Meditation und Konzentration erreicht er, dass er bewusst einschlafen kann — was natürlich kein Einschlafen ist: Man lebt in sich, ohne sich des Denkens, des Organismus zu bedienen. Aber zunächst empfindet er dies Erleben als einen jämmerlichen Zustand, denn er empfindet das eigene Gehirn zum Beispiel als Hindernis; er muss erst das Gehirn bearbeiten aus dem Geistig-Seelischen heraus, es gewissermaßen umarbeiten, um das auszudrücken durch das Gehirn, was man [er] geistig-seelisch erlebt. Da ist man tatsächlich bewusst dabei beim Werden und arbeitet in derselben Weise aufbauend am Körper, am Organismus, wie das Geistig-Seelische arbeitet am kindlichen Organismus im Entstehen.
Vergleicht man Kinder, deren Eltern noch leben, mit solchen, deren Eltern schon gestorben sind, so kann der geschulte Beobachter manch Interessantes feststellen, zum Beispiel will [der] Erzieher etwas anregen in einem Kinde, das früh den Vater verloren hat, und kommt nicht voran. Es wirken herein in die Gemütsverfassung des Kindes die Sympathien und Antipathien, die der Vater gehabt hat, man kann wiederfinden Sympathien oder Antipathien des Vaters gegen die Mutter oder gegen andere, oder den Sinn, wie der Vater das Kind erziehen wollte. So treten ausgesprochene Antipathien et cetera in auffallender Weise beim Kinde auf, als Fortwirkung der Toten. Es wirkt da das Geistig-Seelische des Vaters auf das Geistig-Seelische des Kindes.
Geisteswissenschaft wird sich nicht richten nach den Vorurteilen oder Aversionen, sondern diese werden sich richten nach den Impulsen, die Geisteswissenschaft für das menschliche Leben gibt.
Der Vater Raffaels war kein großer Maler, aber als er gestorben war - Raffael war elf Jahre alt bei seinem Tode -, konnte sich ungehindert von dem Körperlichen das ausleben, entfalten, was in ihm war, das sich im Materiellen nicht hatte entfalten können, und das strahlte hinein in das Geistig-Seelische des Knaben Raffael und befähigte ihn, die Hindernisse zu überwinden.
Wie unser Herz und unsere Lunge nicht ermüden, weil sie in Einklang stehen mit dem Weltenrhythmus, so wird unser Geistig-Seelisches, wenn es in der geistigen Welt lebt, in Einklang gebracht mit dem Rhythmus, der ihm eigen ist; unser Gefühl, Empfinden, Denken wird durchdrungen von diesem Rhythmus, Theosophie wirkt gesundend. Der Mensch wird mit [einem] geistigem Führer versehen, [das] lässt ihn nicht mehr unbewusst dahinrasen wie eine führerlose Lokomotive, sondern Geisteswissenschaft kann etwas sein der Seele: dass sie weiß, dass sie eingegliedert ist der geistig-seelischen Welt, [und dass] seine [des Menschen] Gedanken mit Weltgedanken, Wille [verbunden sind].
Faust will sein Selbst zu einer Art Geistesorganismus erweitern, er fühlt in sich [die] Kräfte des Kosmos. [So kann man sagen:]
In deinem Denken leben Weltgedanken etc.