Spiritual Science and the Future of Humanity
GA 69e — 25 September 1912, Basel
VI. Die Aufgaben der Geistesforschung für die Zukunft
Wenn heute von Geisteswissenschaft die Rede ist in dem Sinne, wie [sie] hier gemeint ist, so kann man es oftmals erfahren, dass Menschen nicht nur diese oder jene begriffliche gegnerische Ansicht äußern, sondern geradezu in leidenschaftlicher Weise sich dagegen wenden, wie gegen etwas, das aus der Willkür dieses oder jenes Menschen entspringen würde und nur durch diese Willkür in die Welt gesetzt sein sollte. Wer das Geistesleben, wie es sich bis in unsere Gegenwart herauf gestaltet, wie es sich durch lange Zeiten schon [vorbereitet] hat, ein wenig überblickt, der wird sehr bald gewahr werden können, dass es sich bei dieser Geisteswissenschaft oder Geistesforschung nicht nur um etwas handelt, das aus den willkürlichen Intentionen irgendeines Kopfes bloß zu entspringen braucht, sondern um etwas, das entgegenkommen will dem Drängen, der Sehnsucht der Zeit. Und derjenige, der vielleicht etwas tiefer hineinschauen kann in dieses Drängen, diese Sehnsucht der Zeit, der wird bei einiger Aufmerksamkeit auch gewahr werden können, wie jene Triebe, die hinführen, unbestimmt und heute noch wie instinktmäßig, nach einer solchen Geistesforschung, wie diese Triebe in der Zukunft immer bestimmter und bestimmter, immer bedeutsamer, immer intensiver werden müssen; sodass die Geistesforschung in der Weise, wie sie hier gemeint ist, einem Drängen der Zeit entspricht. Das darzustellen soll die Aufgabe des heutigen und des morgigen Vortrages sein, die ich vor Ihnen zu halten die Ehre habe.
Es ist im Grunde genommen ganz leicht begreiflich, dass man sich heute mit so mancherlei beliebten Vorstellungen und Ideen, die man sich, um eine Weltanschauung aufzubauen, gezimmert hat, trägt; aber man wendet sich dagegen, wenn Geistesforschung sich hineinstellen will in das Geistesleben der Gegenwart, und behauptet, dass neben dem, was Menschensinne begreifen können, neben dem, was der gewöhnliche Verstand, der seine Vollendung findet in dem Begreifen der wissenschaftlichen Forschungen, dass neben diesem allem am Menschen etwas vorhanden sein soll, was man mit den, für viele so gräulichen, Namen wie «Ätherleib», «Astralleib» und «Ichträger» bezeichnet, sodass der Mensch nicht nur bestehe aus den Stoffen der äußeren Welt, sondern dass er in sich tragen soll auch noch übersinnliche Elemente, wie den übersinnlichen Ätherleib, oder wie den Astralleib, der vollständig übersinnlich ist und zugrunde liegt der physischen Organisation, und dem Träger des eigentlichen Ich, der tiefsten Grund-Wesenheit des Menschen.
Ebenso leicht ist es, zu spotten, ebenso leicht ist es, aus beliebten Begriffen scheinbar Widerlegungen zu zimmern gegen eine solche Erkenntnis; und wenn dann gar hinzukommt, dass geisteswissenschaftliche Forschung mit ihren Methoden die Lebens- und Daseinsbedingungen der menschlichen Natur erforschen will, zeigen will, dass sie hinausreichen will über Geburt und Tod, hinausreichen über das, was die Sinne und die gewöhnliche Wissenschaft erforschen können, dann scheint zu widersprechen eine solche Behauptung allem, was man heute gewohnt ist, zu lesen oder zu hören.
Und dennoch muss durch diese Geistesforschung dem, was schon Lessing mehr oder weniger äußerlich bemerkbar hineingestellt hat in unser Geistesleben, dem muss Aufmerksamkeit entgegengebracht werden; und es muss dieses durch die Geistesforschung belebt werden.
Es muss diese Geistesforschung dem Menschen zeigen, dass in seinen übersinnlichen Gliedern Kräfte zu finden sind, die hinausreichen über dieses Erdenleben; sodass man zu sprechen hat nicht nur von einem, sondern von wiederholten Erdenleben, sodass der Mensch in seinem gesamten Dasein durch Geisteswissenschaft zu überblicken hat sein Wesen: nach vorne über die Geburt hinaus, zunächst in sein geistiges Dasein; dann in frühere Erdenleben, und wieder in die Zukunft hinein, in spätere Erdenleben.
Das gesamte Dasein des Menschen zerfällt für die Geisteswissenschaft in aufeinanderfolgende Erdenleben, welche getrennt sind voneinander durch das, was zwischen Tod und neuer Geburt liegt: durch ein rein geistiges Dasein in übersinnlichen Welten.
Zunächst scheint für den modernen Menschen dieses Eindringen in die geistige Welt so, dass er mancherlei dagegen einzuwenden hat; es erscheint ihm ganz phantastisch. Und gerade der, der die Bedingungen und Grundlagen der Geisteswissenschaft kennt, der wird es begreiflich finden, dass zunächst viel Widerstand sich in der modernen Seele erheben kann gegen derlei Behauptungen. Und da findet man zunächst unter den Einwendungen die Behauptung: Wir übersehen das Dasein, und das, was sich zunächst vor unseren Sinnen ausbreitet, das zeigt uns, dass wir in dem Sinnendasein eine abgeschlossene Welt haben, die sich aus uns selbst erkennen lässt.
Das war ja das Bestreben einer Anzahl großer, ernster Denker der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts: alle Kräfte des Denkens anzustrengen, um das, was sich ausbreitet vor des Menschen Intellekt, aus sich selber zu erklären! Es ist viel getan worden im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts, eine solche Weltanschauung zu begründen, um ihr moralische Stützen, moralische Ziele zu geben, um auch aus ihr Trost für die menschliche Seele zu geben. Und es sind nicht die schlechtesten Seelen, die nach einer materialistischen, positivistischen Weltanschauung gestrebt haben.
Es ist das die eine Sorte der Widerstände, der man begegnet, wenn man über Geistesforschung oder Geisteswissenschaft spricht.
Das Zweite ist etwas, das man bei Menschen findet, die eine andere Überzeugung haben, nämlich, dass hinter dieser sinnlichen Welt eine übersinnliche Welt liegt, Menschen, die eine solche übersinnliche Welt anerkennen, die aber nicht zugeben können, dass des Menschen Erkenntniskräfte, dass des Menschen Forschungsmöglichkeiten geeignet sind, in das übersinnliche Dasein einzudringen.
Seien es nun Zweifel oder solche Einwände, die von philosophischer Seite her kommen, sehr verehrte Anwesende, im Grunde genommen hat gegen alle diese Einwände vor vielen Jahren, vor einem Jahrhundert, alles Nötige gesagt der große Philosoph Johann Gottlieb Fichte, als er in der Art, wie man es eben damals sagen konnte, im Jahre 1811 und 1813 an der neugegründeten Universität in Berlin Vorträge hielt und das, was über den Geist geschaut werden kann, in Worte kleidete. Gleich am Anfang sagte da Johann Gottlieb Fichte zu seinen Zuhörern: Denket euch eine Menge von Menschen, die blind geboren wären und noch als Blinde dastehen, und einer wäre unter ihnen, der als Sehender von dem Licht und den Farben redete. Dann würden diese Menschen sagen: Der redet von etwas Phantastischem, das es gar nicht gibt.
Sie haben von ihrem Standpunkte aus recht, denn was gewusst werden kann von einer Welt, das hängt davon ab, dass der Mensch das Organ dafür hat, es wahrzunehmen. Eine übersinnliche Welt kann nur von dem zugegeben werden, welcher - wie Goethe es nannte — das Geistes-Auge hat, um diese Welt als eine Wirklichkeit vor sich zu haben.
Nun, so, wie diese Geisteswissenschaft oder Geistesforschung in der neueren Literatur vertreten wird, so bringt sie nicht nur Resultate vor, nicht nur dasjenige, was mit wenigen Worten eben angedeutet worden ist, es bringt die Literatur nicht nur hervor dasjenige, was Ergebnisse sind der Forschung, sondern Sie können zum Beispiel in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», auch im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft im Umriss» finden, wie die Menschenseele dazu kommt, wirklich in sich das Organ auszubilden, um hineinzuschauen in die geistige Welt. Und es ist bei diesem Organ so, dass es jedem zugänglich ist, wenn er nur den rechten Weg geht.
Wenn einer blind geboren ist, so kann man davon sprechen, dass ihm vielleicht das Erkennen von Licht und Farben lebenslänglich versagt ist. Bei dem geistigen Auge ist es so, dass es bei jedem geweckt werden kann; Kräfte sind da, die in jedem schlummern.
Es kann, da heute von der «Aufgabe der Geisteswissenschaft für die Zukunft» gesprochen werden soll, nur kurz angedeutet werden, welches nun die Ziele und das Wesen dieser Geisteswissenschaft selber sind. Etwas von dem, was zu dieser Geisteswissenschaft drängt, es liegt sozusagen überall [beschlossen], wo man hinblickt, gerade bei den besten Geistern der sich vorbereitenden neuen Zeit, der sich vorbereitenden geistigen Zukunft.
Unter den vielen Dingen, an welche erinnert werden könnte, sei nur das eine, ja vielbekannte Wort Goethes erwähnt, wo Goethe sozusagen aufgrund einer langen Lebenserfahrung, durch eine eindringliche Betrachtung der Wirklichkeit des Daseins sagt - Sie können die Stelle in den «Gesprächen mit Eckermann» finden -, er sagte: Man mag mancherlei durchlaufen haben im Leben, in allerlei Weise sich zum Dasein gestellt haben - im Alter wird man Mystiker werden.
Und weil Goethe dieser Ansicht war, ließ er ja auch seinen Faust am Ende des zweiten Teiles des «Faust» als Mystiker enden, trotzdem er ihn zugleich als praktische Seele hingestellt hat.
Was will Goethe eigentlich damit sagen, wenn er davon spricht, im Alter werde man Mystiker? Im Grunde genommen kann das jeder Mensch erfahren, der da vergleicht durch eine treuliche Selbstbeobachtung die ganze Stimmung, die ganze Verfassung des Seelenlebens in der Jugend, und dann, wenn ein gewisses Alter erreicht ist: Man hat das Leben durchgemacht, sich eine gewisse Anschauung gebildet, gewisse innere Anschauungen, zu denen man ein ganz bestimmtes Verhältnis, eine Gemütsund Empfindungsstellung gewinnt.
In der Jugend, da können die [Ziele und] Ideale, die Weltanschauungen heraussprudeln - die Anschauungen über die Welt heraussprudeln; man kann das Gefühl haben: Sie sind da, aus dir herausgehoben. Und wenn man insbesondere zur Kindheit zurückblickt, so kann man sehen, wie man da noch nicht sprechen kann davon, wie da die Regsamkeit, die Ausdrucksfähigkeit komme von der Seele und das andere vom Leibe. Wie aus unbestimmten Untergründen des Seelenlebens dringt heraus, was der Mensch an sich beobachten kann in der Jugend.
Später kann man sehen, dass das, was der Mensch sich erringt, aus der Seele herausdringt. Dann aber kommt die Zeit, wo immer mehr das, was sich in der Welt um ihn herum ausbreitet, sich bewusst in der Seele widerspiegelt, wo man weiß: Jetzt zieht sich zusammen in deiner Seele innerlich dasjenige, was du erfahren hast, so, dass es auf andere Dinge ein Licht werfen kann. Man wird innerlich reicher.
Wie frisch man sich im Alter innerlich fühlt, das gibt Aufschluss darüber, was man in der Jugend für Anschauungen aus sich herausprojiziert hat. Im Alter wird man viel unabhängiger von dem Körperlichen. Man macht eine innerliche Erfahrung, die jeder Mensch, auch ohne Geisteswissenschaft, machen kann: die Erfahrung des Seelisch-unabhängig-Werdens von sich, von seiner Körperlichkeit, seiner Leiblichkeit, seinem Persönlichen. Und dieses Innerliche, das spürte Goethe, indem er sagte, man werde im Alter Mystiker. Er meinte: Man hat eine geistige Form, von der aus man Lichter werfen kann auf die Außenwelt.
Und wenn man, ich möchte sagen, die Absicht dieser Goethe-Seele prüft, gerade an dieser Stelle, so kann man sagen: Er hat es gefühlt, wie man in der Jugend, sozusagen in den früheren menschlichen Lebensaltern, im Einklange lebt mit dem, was man auch äußerlich, körperlich ist. Der Körper wächst heran, wird kräftiger und kräftiger; alle einzelnen Funktionen werden kräftiger. Das geschieht in jedem Leben. An jeden Menschen tritt heran, was man nennen kann einen Höhepunkt des Lebens, und an jeden Menschen tritt heran, wie etwas — wie ein Niedergang stattfindet. Wir alle fühlen den Niedergang des Lebens. Aber gerade während des Niederganges des körperlichen Lebens fühlen wir immer mehr und mehr dieses reicher gewordene Innere, wie wir uns mehr innerliches Urteil über die Welt zuschreiben dürfen; wir fühlen das Innerlich-unabhängig-Werden von dem äußeren Niedergang.
Wenn wir uns gesund entwickelt haben, dann fühlen wir das, dass wir innerlich voller, inhaltsreicher werden, wenn wir den Abstieg des Lebens beschreiben. Daher kommt ja die Frage, unabhängig von allen Dingen, die Frage nach dem: Was kommt nach dem Tode, nachdem wir durch die Pforte des Todes geschritten sind - nachdem wir durch die Pforte des Todes hinausschreiten in die geistige Welt?
Das Objektive, Unabhängige vom Persönlichen ist gerade, dass man sich sagt: Du sammelst dir in deinem ganzen Leben einen Reichtum, der immer größer wird. Und wenn das Leben immer reicher, immer inhaltsvoller geworden ist, dann verliert es den Körper. Geht das, was man gesammelt hat durch das ganze Leben, geht das in das Nichts hinein? Das ist die Frage - nicht diejenige, die aus der Todesfurcht, oder aus irgendwelchem subjektiven Empfinden bewirkt wird, sondern, wenn solche Kräfte sich immer reicher und reicher erzeugen, dann entsteht die Frage: Sollen diese in das Nichts verschwinden, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet? Nein, wir können ja an uns wahrnehmen, wie im Grunde genommen während des ganzen Lebens an uns etwas arbeitet, was unser innerer Seelenkern ist, arbeitet an unserem äußeren, leiblichen Dasein. Wir können das am besten erkennen, wenn wir - was immer einen Vergleich mit dem Tode gegeben hat - die wechselnden Zustände zwischen Wachen und Schlafen betrachten und uns fragen, was da eintrete.
Eine äußere, experimentelle Wissenschaft kann darauf nicht antworten. Aber wie gibt die Geisteswissenschaft darauf eine Antwort? Wir schen den Menschen in den Schlaf hineingehen, und der Mensch fühlt dabei, wie er immer fremder und fremder den Kräften wird, durch die er seine Glieder bewegt; er fühlt sich entrinnen dem Irdischen-Leiblichen. Aber in dem Augenblick, wo das geschieht, da löscht sich ja das Bewusstsein aus. Geistesforschung sagt nun: Da geschieht etwas ganz Besonderes: Im Bette liegen bleiben der physische Leib und der Ätherleib; aber heraus zieht sich vom Einschlafen an bis zum Aufwachen dasjenige, was wir Astralleib und Ich-Träger nennen. Nur sind die inneren Kräfte derselben nicht erweckt; daher breitet sich das Dunkel der Bewusstlosigkeit dann um den Menschen aus.
Da zeigt nun die Geistesforschung — Sie können das Genauere darüber in meinen Schriften nachlesen -, dass die Kräfte, die im gewöhnlichen Alltagsleben in diesem Astralleib und diesem Ich-Träger des Menschen so schwach sind, dass der Mensch sich ihrer nicht bewusst sein kann während des Schlafes, dass diese Kräfte aber angefacht werden können.
Das geschieht durch die wirklichen geisteswissenschaftlichen Methoden. Es geschieht durch das, was man Meditation und Konzentration nennt. Wenn der Mensch es über sich bringt, sich selber zu einem Instrument zu machen für die Wahrheiten der geistigen Welt, so kann er das durch Meditation und Konzentration.
Vieles ist dazu nötig. Nur ein Beispiel soll hier angeführt werden. Jemand stelle sich vor, er habe ein Wasserglas, das leer ist, und eines, das ein Viertel mit Wasser gefüllt ist, und gieße von diesem in das leere Glas das Wasser hinein, und er bilde sich jetzt die Vorstellung, dass dadurch, dass dies geschieht, nicht das geschehe, was sonst der Fall ist, dass das Glas, aus dem er gießt, leerer wird, sondern durch das Hinüberschütten in das andere Glas voller werde auch das Glas, aus dem er es schütte. Durch das Mehr, das er hinüberschütte, würde das Glas, aus dem er schütte, immer voller und voller!
Solche sinnbildlichen Vorstellungen, die gar nicht den Anspruch machen, etwas Wirkliches zu sein, die muss man sich bilden. Denn wenn der Mensch nur immer bei seiner Vernunft stehen bleibt und sich bewusst ist, dass seine Vorstellung eine sinnbildliche ist, so kann der Mensch eine gewisse Empfindung dabei haben. Dies kann dann eine höhere Wahrheit ausdrücken, zum Beispiel von der Liebe der Menschen.
Die Liebe ist ein Begriff, in den hineinzudringen geradezu unmöglich ist. Aber man kann einzelne Eigenschaften der Liebe in Symbolen ausdrücken.
Wer von seiner Liebe die milden Kräfte in ein liebebedürftiges Herz hineingießt, der wird bemerken, dass er nichts verliert von seiner Liebekraft, sondern dass durch diese Abgabe seine Kraft immer größer und größer wird. Er wird für diese Liebe das Symbolum gebrauchen können von dem Glase, das nicht leerer wird durch das Hinüberschütten in ein anderes, sondern voller.
Und wenn der Mensch dann alle seine Gedanken zusammenzieht, konzentriert auf ein solches Symbolum, wenn der Mensch die Geduld hat, immer wieder und wieder seine seelischen Kräfte zu konzentrieren auf ein solches inneres Gedankenleben, dann ruft er die schlummernden Kräfte aus seiner Seele herauf und gelangt zu einem Zustande, in dem er ein wahres Instrument wird für die Anschauung der Welt hinter dem Sinnensein.
Der Mensch gelangt dann dazu, in dem Zustande, in dem Wesen, in welchem er sonst nur ist im Schlafe, außerhalb seines Leibes wirklich zu erleben; und er kann herbeiführen die Zustände, die nicht der Schlaf sind, aber dadurch dem Schlafe ähnlich sind, dass er außer sich ist, herausgerückt ist aus sich mit dem Astralleibe und dem Ich. Dann ist er in der geistigen Welt. Die geistige Welt geht ihm dann auf. Das Selbstexperiment ist dann auch ein Beweis dafür, dass er in der übersinnlichen Realität lebt. Und dann wird der Mensch gewahr, dass er das ist, was nicht abhängt von dem Instrument des Leibes, sondern selbst diese Gestalt des Leibes heranbildet.
Und wenn ihm dieses geistige Auge aufgeht, dann merkt er, wenn das Kind durch die Geburt in die Welt tritt, dieses übersinnliche Arbeiten und Gestalten am Menschen.
Dann erst werden diejenigen Dinge, die die äußere Forschung an den Tag bringt, erklärt, wenn wir in der Lage dazu sind, zu bemerken, wie aus der unbestimmten Physiognomie des Kindes heraus die bestimmtere und immer bestimmtere sich formt, wie die Sprache sich herausbildet, wie das Gehirn sich immer mehr ausbildet, der aufrechte Gang erzielt wird.
Da zeigt der Geistesforscher, wer eigentlich der wirkliche Arbeiter ist an der ganzen Gestaltung des Menschen.
Nicht aus dem Physischen heraus gestaltet sich das Geistige, [nicht aus einem einzigen Keim] bei Geburt oder Empfängnis, sondern der Geistesforscher kann beobachten, wie das Geistige heraustritt aus der geistigen Welt, und wie es sich erst den physischen Leib schafft.
So verfolgt man den Menschen über das Leben hinaus, wie man es draußen macht in der Natur, wie man es bei der Pflanze macht, wo man den Keim verfolgt von einem Jahr zum andern; man verfolgt das Ende und verbindet es mit dem Anfange. Man verfolgt den Keim, wie er nicht bloß treibt in der Pflanze. Der Geistesforscher verfolgt nicht bloß das Übersinnlich-Menschliche in seinem Leben zwischen Geburt und Tod, sondern er verfolgt es über das Tor des Todes hinaus. Das, was Goethe sagt, das Mystische, das verfolgt der Mensch, der weiß, dass das, was sich fortpflanzt, das Geistige ist. Und er sieht, wie es immer unabhängiger und unabhängiger wird, wenn der Körper hinfällig wird.
Ebenso, wie der Keim, wenn alles Übrige verdorrt, bleibt und dann sich entwickelt zur neuen Pflanze, so ist es mit dem Geist. Und während mit dem Alter immer mehr abgeht, was unsere leibliche Hülle ist, wird dieses Geistige immer stärker und stärker, und zwar so, dass es reich geworden ist, so geworden ist durch alle seine Erfahrungen, und dadurch nun imstande ist, dasjenige zu können, was es im Beginne des Lebens noch nicht konnte.
Im Beginne des Lebens hat es sich einen [bestimmten] Leib aufgebaut. Während des Lebens erfährt man, dass man das nicht mehr verwenden kann im Tode. Aber im Innerlich-Seelischen, da liegen die Keime für den Aufbau eines neuen Lebens. Und indem wir durch die Pforte des Todes schreiten, können wir sehen, wie die Kräfte zum Aufbau eines neuen Lebens stärker geworden sind.
Und so können wir durch die Geistesforschung sehen, wie der Mensch reif ist zum Aufbau eines neuen Leibes, indem er zwischen Geburt und Tod die Kräfte sammelt, um sich einen neuen Leib aufzubauen.
Ganz dieselben Methoden, durch die man gewohnt worden ist, äußerlich die Natur zu betrachten, wendet der Geistesforscher an; nur wendet er sie so an, dass derjenige, der sie anwenden will, die Organe zum übersinnlichen Schauen entwickeln muss. Dann wird das, was er erklärt, auch begreiflich für den, der noch nicht hineinschauen kann in die geistige Welt, begreiflich aus alledem, was im Einklange steht mit den Erscheinungen des äußeren Lebens.
So wird begreiflich diese zuerst phantastisch vielleicht aussehende Lehre von der Wiederkehr des Menschen, von der schaffenden Seele, die in ihm lebt, und die nicht begrenzt ist durch Geburt und Tod. Dann gelangt der Mensch von heute an einen gewissen Punkt seiner Anschauung von der Welt, an jenen Punkt, der wie die Morgenröte ist, in der Giordano Bruno gestanden hat.
Wie stand er da- Giordano Bruno - als er sein Wissen von der Naturwissenschaft unabhängig machte? Wenn heute die Naturwissenschaft sich stützen muss auf dasjenige, was auf Äußeres sich gründet, dann braucht man nur zu sagen: Auch vor Kopernikus, vor Kepler, vor Galilei richteten die Menschen ihren Sinn in den Weltenraum hinaus und fanden gerade so das Weltengesetz, wie das sich abspielte vor ihren äußeren Sinnen; und er - Giordano Bruno - setzt an die Stelle des äußeren Gesetzes sein inneres Schauen. Bei der Sinnes-Anschauung [blieben die Menschen vor Kopernikus] stehen, die betrachtet haben das Sich-Ausbreiten der weiten Himmels-Sphären und das blaue Himmelsgewölbe wie auf einer Scheibe ruhend sahen.
Was hat gegen diese Anschauung Giordano Bruno gesagt? Er sagte: Das, was ihr als blaues Himmelsgewölbe anseht, ist nur durch die Beschränkung eures Auges. Von jedem Punkte aus sieht das Auge in eine unendliche Welt! Das sagte er auf Grundlage des Kopernikus. Und Kopernikus hatte nicht auf Grundlage sinnlicher Erfahrung ein System bereitet, sondern das, was Kopernikus in seinem System gegeben hat, das hatte er durch das Denken, durch die innere Kraft des menschlichen Seelenlebens.
So darf die Seele sich nicht verlassen auf das, was die Naturwissenschaft als Wissen sich vorstellt. Und aufgrund der inneren Kräfte konnte Giordano Bruno sagen: Das, was ihr mit den Sinnen wahrnehmet, dieses äußere Himmelsgewölbe, das ist nichts weiter als die Grenze eures Schauens!
Geradeso sagt der Geistesforscher: Die Grenze von Geburt und Tod, und dass man den Menschen eingeschlossen glaubt in diese Grenzen, ist durchaus zu vergleichen mit den «Grenzen» im Himmelsraume, die man vor der Kopernikanischen Weltanschauung aufgrund der sinnlichen Wahrnehmung annahm. Und ebenso wie Giordano Bruno weist die Geisteswissenschaft hinaus in die unendliche Weite des menschlichen Seelenlebens. Und wie das blaue Himmelsgewölbe davon herrührt, dass das sinnliche Schauen nicht weiter reicht, so rührt der Glaube, dass das Leben begrenzt sei durch den Tod, daher, dass ein begrenztes Schauen eben nicht weiter sieht als bis zu dem physischen Tode.
Viele stehen heute mit der Geisteswissenschaft an demselben Punkte, an dem die Naturwissenschaft vor drei Jahrhunderten stand; und diesen Prozessen entgegen drängt sich die Sehnsucht der heutigen Zeit, unserer Zeit. Wer den Geistesgang der letzten Zeit verfolgt, der sieht ja, wie von Triumph zu Triumph die Naturwissenschaft und das Denken geschritten sind - das Denken, das an die Naturwissenschaft und an die äußere Wahrnehmung geknüpft ist. Derjenige, der diesen Gang verfolgt, wird da, wo es sich um die Ausgestaltung des Wissenschaftlichen handelt, ganz gewiss ein Bewunderer dieser Naturwissenschaft sein, und nirgends handelt es sich bei der Geisteswissenschaft um ein Ankämpfen gegen die wunderbaren Erfolge der Naturwissenschaft. Aber wenn diese Naturwissenschaft vor Ihre Seele hintritt, dann tritt gegenüber dem Menschenleben noch etwas anderes heran an dieses Menschenwesen.
Ich will hier nicht theoretisieren; wir wollen einen bestimmten Fall ins Auge fassen. - Es war im Februar 1901, da leuchtete plötzlich ein Stern oben am Himmel, und verschwand schon am nächsten Tag: Nachdem er vorher hell-leuchtend erschien, hatte er schon am nächsten Tag kaum recht wahrnehmbares Licht mehr.
Mag die naturwissenschaftliche Hypothese mehr oder weniger recht haben - wie stellt sich die naturwissenschaftliche Seele gegenüber diesem Stern? Sie stellt sich vor, dass dort ein Doppelstern ist, dass dann der eine Stern mit dem andern zusammenstößt und versprüht und in Nebel sich auflöst. Ein helles Aufflackern durch das Zusammenstoßen, dann ein Aufleuchten, ein Abdämmern durch das Zersprühen.
Und wie verfolgt nun der naturwissenschaftliche Gedanke dieses merkwürdige Geheimnis? Denken wir ganz in dem Strome des Denkens, das durch Giordano Bruno, durch Kopernikus sich eingeflochten hat: Da stoßen zwei Weltenkörper zusammen. Giordano Bruno schildert den Hinausblick in die unendlichen Weiten, die Sonne mit ihren Planeten, auf denen Wesen leben. Welten stoßen da zusammen. Vielleicht gehen Millionen von Geschöpfen zugrunde bei einem solchen Zusammenstoß. In dem, was ein Aufflackern ist, und in dem Versprühen liegt all dieses Leben begründet und wird vernichtet. Was weiß uns die Naturwissenschaft eventuell von dem zu erzählen, was da oben vorgeht in dem äußeren mechanischen Zusammenstoß? Da zersprühen Weltenkörper in Nebel, und aus diesem Nebel wird sich ein neues Sonnensystem bilden, werden sich Gewächse, später Tiere, Menschenformen bilden - bis wieder ein solcher Zusammenstoß stattfindet.
So etwas weiß das Denken, das sich an die Naturwissenschaft knüpft. - Man sage nichts gegen die Größe dieses Denkens. Wie möchte man dieses Denken nicht bewundern — dasjenige, was im neunzehnten Jahrhundert durch die Spektral-Analyse, durch die Fortschritte der Biologie erreicht ist. Aber außerdem wirkt neben diesem, was wir soeben jetzt vor unsere Seele hingestellt haben, noch ein anderes, das uns zeigen kann, wie ohnmächtig alles Denken ist, das sich eben an diesem aufblitzenden und zerstiebenden Stern-Ereignis gebildet hat.
Sehen wir eine Mutter heranleben mit ihrem Kinde, so sehen wir sie miterleben, wie das, was Seele des Kindes ist, sich heraufarbeitet; wir sehen diese Mutter verbunden mit dem ersten Heranreifen, den Sprech- und Gehversuchen, wir sehen sie in Liebe verbunden mit dem Kinde; wir schen dann diese Mutter an dem Totenbette, sehen das Kind hinsterben. Wir sehen die Trauer der Mutter, und fühlen in uns die Frage aufsteigen: Warum ist es geboren worden? Und was ist es mit der Seele, die da in die Geburt hineingetreten ist, an der ich meine innige Freude hatte, die mir jetzt in Nichts verschwunden ist?
Da haben wir die Frage nach dem Leben. Und wir wissen, meine sehr verehrten Anwesenden, dass uns auf Schritt und Tritt solche Fragen begegnen, die man aus dem äußeren Sinnensein nicht beantworten kann, die man leben sehen kann in einem Winkel der Seele.
Und jetzt schauen wir hinaus über dasjenige, was die Naturwissenschaft über ein ganzes Weltensystem geben kann, und wir fühlen die Ohnmacht alles dessen gegenüber den Fragen, die die menschliche Seele berühren. Solche Dinge lassen sich nicht durch teilnahmsloses Anstarren hinwegbringen, solche Dinge stellt das Leben immer wieder uns vor die Seele.
Wenn Millionen von Lebewesen tot sind, durch einen Zusammenstoß vergehen — das, was uns die Naturwissenschaft sagen kann über all dieses Vergehen und Entstehen von Wesen und Wesen, es reicht nicht an das heran, was ein Menschenherz frägt, wenn es am Sterbebette eines geliebten Wesens sitzt und sich über das Schicksal des Lebens Gedanken macht!
Wenn man beobachtet das Denken und Treiben der Zeit, heutzutage, diesen Dingen gegenüber, so stellt sich uns gegenüber der Vergangenheit eine große Veränderung vor Augen. Wir brauchen nur zurück bis zur Zeit Goethes zu gehen, um zu sehen, wie selbst die aufgeklärtesten Forscher - abgesehen von den französischen Moralisten — etwas Ähnliches wie die Schöpfungsgeschichte bejahen und sagen: Sie war eben das Leben von dem, was man heute hinstellt als Wissen. Was war denn darinnen in der Mosaischen Schöpfungsgeschichte?
Der Mensch ist in der geistigen Welt, und zu dem wird hinzugefügt erst das Materielle. Diese Weltanschauung gab dem Menschen ein Weltenbild, in dem der Mensch schon drinnen war, und gab es so, dass sie dieser Menschenseele sagte: Was da so wunderbar hereinkommt ins Leben, das gehört der ersten Substanz der Erde an - und du selbst gehörst dazu.
Und immer mehr bildet sich anstelle dessen ein Weltenbild heraus, das nur noch das mechanische Weltengeschehen sicht. Man sieht ein Sterngebilde zersprühen und stellt sich vor, es bilde sich eine neue Welt, so, wie man sich vorstellt, dass sich ein neues Weltensystem bildet. Öfter habe ich ja schon das Bild gebraucht, wie es sich darstellt, wenn man eine gewisse Substanz, eine ölige Substanz nimmt, die Tropfen bildet, ein Kartenblatt durchschneidet und als Äquatorebene sie durchdrängt in das große Tröpfchen, indem man in das Kartenblatt eine Nadel hineinsteckt, anfängt zu drehen, und dann sieht, wie in der Tat kleine Tröpfchen sich abspalten. Und man sieht auf diese Weise tatsächlich etwas wie ein Weltensystem im Kleinen sich entfalten, wie es sich im Großen draußen entfaltet. Und: Wer sollte nicht daran glauben?
Nur einen Fehler hat es: Man darf, wenn man etwas zeigt, die wichtigsten Dinge nicht vergessen, darf nicht vergessen, dass nichts entstehen würde, wenn der Herr Lehrer nicht da wäre und drehte! Sodass man nicht vollständig das darstellt, wenn man den Hauptfaktor vergisst: die treibende Kraft! So hat schon theoretisch dieses «Weltensystem» ein Loch.
Dann aber wird es vollständig unerklärlich, wie anknüpfen kann diese Weltenseele sich selber an das, was sich da entwickelt, damit sie einmal aus ihrem Nichts auf diesen Schauplatz trete.
Und immer mehr hat sich diese Anschauung entwickelt, dass nur das Mechanische zur Welten-Erklärung aufgerufen wird. Von alten Zeiten her, bis auf unsere Zeit selber, ist das so, dass sich immer mehr und mehr eine Art Glaube herausbildete, dass alle Erscheinungen nur mechanisch erklärt werden müssten. Das ganze Menschenleben selber ist nach und nach mechanisch geworden.
Und so ist es ja gekommen, dass die Zeit herankam, wo die Seele mit ihren Fragen dem, was sie im Sinne des modernen Denkens draußen zu schauen vermag, verständnislos gegenübersteht, und keine Brücke zu finden weiß gegenüber dem, was die Wissenschaft sagt. Und indem die Seele sich fragt - die Geisteswissenschaft hat eine Antwort darauf!
Es gab im neunzehnten Jahrhundert eine Zeit, wo man ernstlich geglaubt hat, dass Gedanken aus dem Gehirn entspringen, wo man von Gedanken sprach wie von Gehirn-Schwingungen. Woher könnte es denn überhaupt einmal kommen, dass man Bewegungen im Gehirn in ein unmittelbares Verhältnis mit Gedanken bringen konnte? Woher konnte denn überhaupt diese ganze mechanische Wissenschaft kommen?
Daher kam es, dass in der neueren Zeit durch die notwendige Bedingung dieser Zeit abhandengekommen ist die Fähigkeit der alten Zeit, hineinzuschauen in das Geistige. Man erkannte nicht das Wesen der Gedanken; man wusste nicht einen Gedanken anzuschauen. Und so konnte man glauben, dass in dem, wo die Seele eingebettet ist, im physischen Leibe, allein das Wesen des Menschen läge. Aber wenn man auch diese Seele wegdisputiert, sie ist doch da, und sie stellt sich hinein in den modernen Fortgang der Welt. - Daher hatte sich im Laufe der Zeit der Drang geltend gemacht, anderes wirksames Wesen herbeizuziehen als allein das mechanische Wirken.
Wie trat, seiner Zeit entgegen, ein bedeutender Geschichtsforscher und Kunstverständiger, Herman Grimm, dem Leben gegenüber? Er wusste noch nichts von Geisteswissenschaft, aber er hatte sich eine große Aufgabe gestellt, die er denjenigen, die ihm zuhören wollten, mitteilte. Mir hat er einmal diesen Plan auseinandergesetzt; alles, was er uns im Einzelnen geliefert hat, sollten nur Teile sein aus einem großen Plane heraus. Er wollte an einem großen Werke arbeiten, in dem er darlegen wollte, dass das, was im ganzen Weltendasein wirkt, nicht mechanische Kräfte sind, sondern die «schöpferische Phantasie»! Das, was im Menschen die schöpferische Phantasie ist, das ist draußen die schöpferische Kraft - so sagte er.
Und einen Philosophen hat es gegeben im neunzehnten Jahrhundert: Jakob Frohschammer, in München, der suchte, diese menschliche Phantasie als das Wesentlichste hinzustellen. Wenn er zeigt, dass im Embryo sich nicht nur heranbilden solche Kräfte, an die heute der Mikroskopiker glaubt, sondern er die schöpferische Phantasie als Gestaltungskraft vermutet, so entspricht das in jener Zeit dem Drange, auch etwas Geistiges zu finden, mitten in den Triumphen der Naturwissenschaft den Blick zu richten auf den wirkenden, den schaffenden Geist, der sich zeigt als hinausgehend über Entstehen und Vergehen. Denn das Entstehen und Vergehen ist angeknüpft an das Naturerscheinen; während der schaffende Geist das Bleibende ist.
Und in unserer Zeit sehen wir, wie ernste Menschen fühlen, dass, trotzdem man mit Recht überall da, wo von Naturgeschehen die Rede ist, im Sinne der heutigen Wissenschaft vorgehen muss, wie trotzdem die Seele nicht anders kann, als sich [zu] erheben in das die Welt durchlebende und durchwebende Geistige.
Eine interessante Erscheinung kann man verfolgen heute. Auf jeder Bahnhofs-Buchhandlung bekommt man jetzt ein merkwürdiges Buch: Dieses Buch ist, trotzdem manches Falsche darinnen ist, eine bedeutende Erscheinung der Zeit; es heißt: «Zur Kritik der Zeit», von Walter Rathenau. Ein «Lebenspraktiker» hat dieses Buch geschrieben, der mit freiem Auge dieses Mechanische im wissenschaftlichen und intellektuellen Leben überall erblickt und der gerade in den ersten Kapiteln dieses Buches großartig darstellt, wie die menschlichen Begriffe mechanisch geworden sind, das soziale Leben mechanisch geworden ist.
Das alles stellt er mit dem Griffel des Sinnesmenschen dar, des Menschen, der auf die Wirklichkeit sieht. Aber gerade solch ein Lebenspraktiker, der von dem lebendigen Wesen der Seele ergriffen ist, zeigt uns das Drängen und Sehnen nach dem Geistigen in unserer Zeit. Da finden Sie zum Beispiel bedeutungsvolle Stellen. Die Seele ruft nach dem, was das Geistige, das Spirituelle ist:
Sie sehnt sich nach einem jenseits des Beweisbaren stehenden Sinn [...]. Die Zeit sucht [...] ihre Seele.
Sie sucht ihre Seele, die Zeit - so meint er —,
und wird sie finden; freilich gegen den Willen der Mechanisierung. Dieser Epoche
—der unsrigen—
lag nichts daran, das Seelenhafte im Menschen zu entfalten; sie ging darauf aus, die Welt benutzbar, und somit rationell zu machen, die Wundergrenze zu verschieben und das Jenseitige zu verdecken —
die Wahrheiten zu verstehen.
Dennoch sind wir, wie je zuvor, vom Mysterium umgeben. Unter jeder glatten Gedankenfläche tritt es zutage, und von jedem alltäglichen Erlebnis bedarf es eines einzigen Schrittes,
um hineinzudringen
bis zum Mittelpunkt der Welt. Die drei Emanationen der Seele: die Liebe zur Kreatur, zur Natur und zur Gottheit konnte die Mechanisierung dem Einzelleben nicht rauben; für das Leben der Gesamtheit wurde sie zur Bedeutungslosigkeit verflüchtigt. Menschenliebe sank zum kalten Erbarmen und zur Fürsorgepflicht herab, und bedeutet dennoch den ethischen Gipfel der Gesamtepoche; Naturliebe wurde zum sentimentalen Sonntagsvergnügen; Gottesliebe, überdeckt vom Regiebetriebe mythologisch-dogmatischer Ritualien, trat in den Dienst diesseitiger und jenseitiger Interessen und wurde so nicht bloß unedlen Naturen verdächtigt. Es gibt wohl keinen einzigen Weg, auf dem es dem Menschen nicht möglich wäre, seine Seele zu finden [...]. Aber die Menschheit wird keine Umwege beschreiten. Es werden keine Propheten kommen und keine Religionsstifter, [...]. Es wird keine Einheitskunst der Welt ihre Seele bringen, denn die Kunst ist [schon] ein Spiegel [...] der Seele, nicht ihre Urheberin.
So also spricht ein «Lebenspraktiker» von dem Drängen und Sehnen der Seele. — Vieles in dem Buche ist schief; aber das eine ist wahr: Wer so fühlt, der fühlt, wie nicht mehr gesprochen wird von dem Wahrhaften der Seele in unserer Zeit. Religionsstifter werden zurückgewiesen. Er fühlt, dass auch eine exoterische Lehre nicht mehr angenommen werden will.
Aber das Streben der Zeit selbst geht dahin, die Seele wieder anzuknüpfen an das Geistige.
Und diesem Sehnen entspricht das, was Geisteswissenschaft zu bringen hat, es zeigt die Geistesforschung, dass der Mensch in sich selber finden kann eine solche Entfaltung der in seiner Seele schlummernden Kräfte, sodass der Mensch sich unmittelbar hineinlebt in das, was uns übersinnlich umgibt. Und dann erobert der Blick in diesen Weiten das Materielle.
Wir schauen hinaus und fühlen nicht nur den menschlichen Leib in das physische Dasein eingebettet, sondern durch ihn die Seele eingebettet in das geistige Dasein [wir] erweitern den Blick über Geburt und Tod hinaus.
Wie Naturwissenschaft den Blick erweitert hat über das blaue Himmelsgewölbe hinaus — so, wie Naturwissenschaft sagt: Diese Grenze, die der Mensch sich selbst gesetzt hat, muss erweitert werden, so sagt die Geisteswissenschaft: Das, was die mechanische Wissenschaft, was die mechanische Weltanschauung glaubt über die Grenze, die dem menschlichen Zeitenleben gesetzt ist - die nur von dem begrenzten menschlichen Erkennen selbst herkommt -, das erweiterte menschliche Erkennen wird darüber hinausgehen, wird hinausgehen über diese Grenze, wie die Naturwissenschaft über die Grenze des blauen Himmelsgewölbes hinausging.
So, wie die Geisteswissenschaft hingestellt sieht in unserer Zeit das Drängen und Sehnen nach ihrer Seele, so, wie «die Zeit ihre Seele sucht», so wird sie weiter ausbilden das Leben dieser Seele, wird eine weitere Fortbildung derselben erstreben.
Eine Weltanschauung, die auf der Phantasie aufgebaut ist, kann nicht bestehen; dieses Problem Herman Grimms hätte niemals gelöst werden können. Wir sehen aber, wie bei denjenigen, die sich die Frische dieses Sehnens der Seele bewahrt haben, sich das Verlangen regt, hinauszuschauen in das Geistig-Seelische, das draußen ist in der Welt. Und wir wissen, dass wir ein Teil dessen sind, so, wie unser Leib ein Teil des Stofflichen ist.
Die Geisteswissenschaft will das, wonach die Seele verlangt, den Menschen geben. Und wenn wir fragen: Was wird Geisteswissenschaft zu tun haben in der Zukunft? Wenn alle die Menschen, welche Sehnsucht in sich selbst fühlen nach dem Woher und Wohin der Seele, wenn sie fragen werden, dann weisen wir hin nicht auf abstrakte Begriffe, sondern auf die hungernden Seelen, und suchen diesen hungernden Seelen zu geben, wovon sie deutlich zeigen, dass sie es verlangen.
Nicht von unbestimmter Bruderliebe will Geisteswissenschaft sprechen, sondern so sich stellen zu den Menschen, dass sie geben will, was von der Menschenseele ersehnt wird. Dann mag man diesen oder jenen Einwand hören, Spott und Schlimmeres hören - man wird es gerade als Geistesforscher begreiflich finden, wird verstehen können die Leute, die es von ihrem Standpunkt aus heute noch nicht anders machen können, als es die Gegner der Naturwissenschaft vor Jahrhunderten gemacht haben: Ketzergerichte abzuhalten. Man richtet allerdings keine Scheiterhaufen mehr auf, aber man macht es entspre chend der Mode der Zeit: behandelt die Leute, die nach der Wahrheit streben, als Phantasten und sucht sie durch Spott und Lästerung zu verunglimpfen.
Das macht aber jenen Menschen nichts; denn ihnen kommt es bei der Wahrheit nur auf dasjenige an, dass sie - die Wahrheit - durch ihre eigene Wesenheit sich der Seele als gerechtfertigt zeigt, und dass sie in der Tat dieses Leben befördert, befruchtet, erhöht, und vor dem Leben bestehen kann.
Dass das Letztere geschehen kann, das zu zeigen wird die Aufgabe des morgigen Vortrages sein, der in einer gewissen Weise die Fortsetzung des heutigen bilden wird.
In Bezug auf die Wahrheit kann gesagt werden: Derjenige, der die Wahrheit so hinstellt, wie das eben besprochen worden ist, der kann sich sagen: Gewiss, alles menschliche Streben ist je und je dem Irrtume unterworfen, und vieles wird sich auch dem Geistesforscher leicht als ein Irrtum in das, was er sucht, einschleichen können. Dass der Irrtum noch leichter sich einschleichen kann als in der äußeren Sinneswelt, das ist ihm wohl bewusst. Aber gleichviel - wenn nur der Sinn da ist, die Wahrheit aufzusuchen, dann darf auch das Kleinste, was auf diesem Gebiete geschieht, verglichen werden mit dem Großen, was geschehen ist im Dienste der Wissenschaft. Ob man die Wahrheit auch verspotte, darauf kommt es nicht an. Denn zweierlei ist nur möglich: Entweder ist das, was verbreitet wird, Irrtum — dann wird es durch den strebenden, Wahrheit suchenden Sinn, nach der Wahrheit suchenden Menschensinn schon ausgemerzt werden, denn die nach Wahrheit suchende Menschenseele duldet den Irrtum nicht -, oder aber ist es Wahrheit, dann wird kein Spott, dann werden keine unberechtigten, persönlichen Einwände, dann wird gar nichts dieses, was diese Wahrheit an Siegeskraft in sich hat, aufzuhalten vermögen!
In der Weltgeschichte ist es denn auch so, dass [es zuweilen vorkommt, dass] die Dinge [und] Wesen verkündet werden können. Bezüglich der Wahrheit darf aber gesagt werden: Wo man auch noch ihr den Rücken zugekehrt hat, wo auch die Leute da oder dort sich widersetzen mögen, und wie auch die Wahrheit vergraben sein mag in den tiefsten Schächten - alles das wird überwunden werden! Denn überall noch fand die Wahrheit die Wege, wieder hinauszudringen in die Menschheit und nützlich und förderlich zu sein und ihren Siegeszug durch die Entwicklung des menschlichen Geistes zu halten.