Spiritual Science and the Future of Humanity

GA 69e — 10 November 1913, Nuremberg

XIII. Theosophie und Antisophie

Geisteswissenschaft ist theosophisch geartet, weil sie den Menschen zu seinem Urquell zurückführt. Die Menschen kämpfen heute gegen Theosophie, sind also antisophisch gesinnt.

Das ganze Geistig-Seelische wird in den ersten Kindheitsjahren in Anspruch genommen, um die körperlichphysische Organisation, insbesondere das Nervensystem, auszubilden; alle Kräfte werden zu dieser Arbeit verbraucht. Von einem bestimmten Zeitpunkt an ist der menschliche Organismus härter, bestimmter geworden. Das ist der Moment, wo im Kinde das Selbstbewusstsein auftritt. Die geistig-seelischen Kräfte werden in sich selber zurückgestoßen; vorher hat er [der Mensch] sie alle in den Organismus hineingeworfen. Jetzt wird das Geistig-Seelische in sich selbst hineingeworfen. Zuerst schauen wir wie durch eine Glasscheibe, dann aber wird die Organisation wie ein Spiegel, der das geistig-seelische Leben in sich selber zurückwirft. Da sagt er zu sich «ich». Von da an verläuft das Leben in Selbstbewusstsein.

Der Tatsache, dass im zarten Kindesalter unsere Leibesorganisation zu einem Spiegel umgestaltet und unser Geistig-Seelisches in sich selber zurückgeworfen wird, verdankt der Mensch seine ganze irdische Bestimmung und Wesenheit. Was er sich aus seinen früheren Leben an Kräften mitgebracht hat, das hat er hineingearbeitet. Im Leben sind die Kräfte in die Organisation hineinergossen. Das Kind hat sein Selbstbewusstsein zuerst noch nicht, weil die geistig-seelischen Kräfte noch in die physisch-materielle Organisation hineinfließen; diese muss uns wie ein Spiegel gegenüberstehen. Der Mensch wäre geborener 'Theosoph, wenn er dieses Hineinarbeiten in die leibliche Organisation selbst sehen könnte. Auch im Menschen bildet sich schon ein neuer Keim, wie in den Pflanzen, die das künftige Leben fordert.

Das Kind würde verkümmert bleiben müssen, wenn es gleich bewusst wäre, weil dann die geistig-seelischen Kräfte sich nicht alle in die Leibesorganisation hinein ergießen würden. In den geistig-seelischen Kräften, durch die wir unser Selbstbewusstsein heben, bilden sich Keimeskräfte für unser nächstes Leben. Diese dürfen aber nicht herauf in das Selbstbewusstsein; sie müssen schlafen bleiben, denn sie sind aufbauende Kräfte und dürfen ihren Charakter erst entfalten in unserem nächsten Leben. Würde sich der Mensch dieser Keimeskräfte bewusst, so müsste er in Traum oder Schlaf verfallen; wüssten wir von diesen Keimeskräften, so wüssten wir uns in dem Göttlichen, wir wären die geborenen Theosophen.

Die Kräfte, die unser Selbstbewusstsein immer stärker ausbilden können, müssen wir uns gestalten aus der seelisch-geistigen Welt heraus. Wir müssen einen Strom durchschwimmen während des Erdenlebens, auf dessen einem Ufer der Übergang vom theosophischen zum Selbstbewusstsein und an dessen anderem der Übergang vom Selbstbewusstsein zum theosophischen Bewusstsein liegt. Gerade aus unserem Herausgestelltsein aus unserer göttlich-geistigen Stimmung ziehen wir die Kräfte unseres Selbstbewusstseins. Unsere irdische Stimmung muss antisophisch sein.

Zu diesen Keimeskräften kann er [der Mensch] nach den Vorbereitungen dringen, wie im vorigen Vortrag ausgeführt wurde. Der Mensch würde sein Selbstbewusstsein gefährdet glauben, untergraben glauben, daher fürchtet sich der Mensch, die Keimeskräfte für sein nächstes Leben heraufkommen zu lassen, daher die antisophische Stimmung. Der Mensch hat einen Abscheu davor, dass die Keimeskräfte sein Selbstbewusstsein übertäuben und ihn ins Weltbewusstsein hineinwerfen könnten. Eine geheime Furcht hat der Mensch, den Zusammenhang aus den Untergründen herauftauchen zu lassen. Die Seele muss erst stark und energisch werden, dann erst kann sie sich den tiefer liegenden Kräften gegenüberstellen, geradeso, wie sich der selbstbewusste Mensch diesem Spiegel gegenüberstellt. Sein Künftiges kann der Mensch zu einem Spiegel machen, um sein Geistiges zu schauen, geradeso, wie wir im Physisch-Körperlichen einen Spiegel haben, wodurch unser Selbstbewusstsein entsteht.

Indem der Geistesforscher den geheimen Menschen in sich hat, hat er eine Gewähr dafür, dass er unsterblich ist, dass er sich ein Leben in Unsterblichkeit vorbereitet; ebenso, wie die Keimeskräfte der Pflanze die Gewähr dafür geben, dass eine neue Pflanze entsteht.

Gerade diejenigen Kräfte müssen wir am stärksten ausbilden, die uns hinwegführen von unserem göttlichgeistigen Zusammenhang, wir bilden eine antisophische Stimmung aus. Zwischen Gegensätzen hat sich die Menschheit auszubilden. Wie der Mensch hin und her pendelt zwischen Freiheit und Gebundenheit, so pendelt er auch hin und her zwischen Theosophie und Antisophie. Doch hat der Mensch Augenblicke, die ihn seines Urquells bewusst werden lassen, und diese Stimmung kann größer werden und ihn zur Theosophie führen. Unsere jetzige Kultur in ihrer Kompliziertheit tat günstig für die antisophische Stimmung. Als das Leben noch viel weniger kompliziert war, war die Zeit günstig für die theosophische Stimmung. Der König Leon von Phlius, so erzählt Cicero, fragte einst Pythagoras, was er als seine Lebensaufgabe betrachte. - Er betrachte sich als Philosoph, sagte er. Ausdrücken könne er es durch einen Vergleich. Er betrachte das Leben wie eine Art von Jahrmarkt. Da kommen die Menschen von überall her, um sich an den Festspielen zu belustigen, um Dinge zu kaufen und zu verkaufen, um des Gewinnes willen. Doch gebe es auch solche, die als bloße Zuschauer kommen, um alles anzuschauen. - So fühlt er sich mit dem Jahrmarkt des Lebens. Ein inneres Leben führte er, das niemand von äußerem Nutzen ist, das um seiner selbst willen vorhanden ist; als ein solcher Mensch galt Pythagoras, ein Philosophos.

Jetzt kommt eine merkwürdige philosophische Weltanschauung von Amerika nach Europa herüber. James, Schiller und so weiter sind ihre Vertreter, die pragmatische Weltanschauung heißt sie. Diese will sagen: Was sich die Menschen an Vorstellungen erwerben, die über die Sinnesbeobachtungen hinausgehen, hat keinen Wahrheitsgrund. Man bildet sich nur noch die Vorstellungen, die von Nutzen sind; was für das Leben von Nutzen ist, sieht man als Wahrheit an. Den Begriff des Atems bilden wir, weil es nützlich ist, sich so etwas vorzustellen; wahrnehmen kann man es nicht. Es ist nützlich, das Leben unter Idealen vorzustellen und das Leben nach Idealen einzurichten, darum sind Ideale wahr. Für unsere Weltbetrachtung ist es nützlich, sich einen Gott vorzustellen und Ordnung in die Welt zu bringen. Die «Philosophie des Als Ob» ist die europäische Auflage der amerikanischen. Nachdem ihr Urheber aufgehört hatte, Professor zu sein, hat er diese Philosophie herausgegeben. Man kann keine Sicherheit finden, darum tut man, als ob ein Gott da ist, als ob Ideale da sind, nicht, dass sie in irgendeiner Weise da sind. Man nennt diese Philosophie auch Fiktionalismus. Unter dem Besitze der früheren und der jetzigen Religion war es möglich, dass eine «Philosophie des Als Ob» entstand, und wenn diese alte Religion noch so sehr erneuert wird, so wird sie sich doch wieder weiterbilden als «Philosophie des Als Ob».

Du Bois-Reymond, der große Physiologe, suchte in seiner Ignorabimus-Rede das Feld abzustecken, das der Wissenschaft möglich sei zu begreifen. Er zeigt, dass es dieser Wissenschaft unmöglich ist, die Empfindung, die einfachste seelische Erscheinung zu begreifen. Gegenüber allem, was geistig-seelisch ist, sagt Reymond: Wir werden es niemals erkennen. — Diese Stimmung macht die Menschen zu materialistisch-monistisch Gesinnten. Am Schlusse sagt Reymond: Wissenschaft muss sich beschränken auf das, was im Raum und in der Zeit vorhanden ist und geschieht, daher muss ihr unbegreiflich bleiben alles, was über räumlich und zeitlich Geschehendes hinausblickt, denn darüber könnte nur der Supernaturalismus etwas wissen; da höre aber Wissenschaft auf. - Wäre dieser Satz wahr, so könnte keine Logik vorhanden sein, keine Rede da sein. Geisteswissenschaft sucht die Frage zu erkunden: Wie kommen die Menschen dazu, zu sagen: Wo das Sinnliche aufhört, muss die Wissenschaft aufhören?

Die Seele ist weiter als das Bewusstsein. Viele Menschen können für ihr Handeln nicht die klaren Gründe angeben, das wird von der Psychologie anerkannt. Vorstellungsartig oder auch affekt- und triebartig können die unbewussten Gründe sein. Der verborgene Mensch in uns kraftet doch, schlägt doch; der Mensch steht unter dessen Einflusse.

So steht der Mensch unter dem Einflusse der Furcht; sie kann bewusst oder unbewusst sein, er handelt danach. Vom dänischen Forscher Lange [gibt es eine Schrift] «Über den Ausdruck der Gemütsbewegung». Unter dem Einflusse der Furcht wird der Mensch blass, das Auge umflort. Der Mensch findet nicht die Möglichkeit, den Stützpunkt in sich zu finden. Die Gefäße ziehen sich zusammen und damit die Muskeln. Dann ruft der Mensch: Wo ist etwas, woran ich mich halten kann, oder ich falle um? - Nach außen gerichtetes Denken bringt den Menschen in seinem Nervensystem, in seinem Gefäßsystem in denselben Zustand wie die Furcht. Diese Furcht tritt nicht herauf in das Bewusstsein, sie bleibt unterbewusst. Auf der einen Seite sehen wir den furchtsamen Menschen, der zu schwach ist, um sich auf sich selbst zu stellen, der einer äußeren Stütze bedarf; auf der anderen Seite den Denker, der durch seine auf das Äußere gerichtete Denkerstimmung in dieselbe Lage kommt. Aller Materialismus ist eine unbewusste Furcht; ihr Schreien nach der Materie ist ein Ergebnis ihrer unterbewussten Furcht. Im Sinnlich-Materiellen müssen sie eine Stütze haben, um sich zu halten. Wenn ich in das Übersinnliche hineinkomme, da falle ich um; es möge mich etwas halten -, so rufen sie unbewusst aus der Furcht heraus nach der sinnlichen Welt. Es war der Ausdruck der Denkerscheu, des Denkerhorrors, was Reymond zuletzt sagte.

Heute schlägt das Menschenpendel nach der antisophischen Stimmung aus. Die Folge wird sein, dass auch Theosophie stark werden wird. Antisophie ist eine Einseitigkeit; die ganze Seele muss dem Selbst- und dem Gottesbewusstsein gerecht werden. Nur da findet die Seele Ruhe, wo ihre Kraft an der göttlichen Kraft angebunden ist. Geahnt haben die Theosophie gerade die besten Menschen, die die Menschheit vorwärts gebracht haben. Goethe war durchströmt, durchglüht und durchwärmt von theosophischer Stimmung. Ihm kam einmal eine antisophische Stimmung entgegen; auch Antisophen können bedeutende Geister sein. Ein solcher war Albrecht von Haller. Von ihm stammt der Ausspruch:

Ins Innre der Natur dringt kein erschaffner Geist,
Glückselig, wem sie nur die äußre Schale weist.

In der Schale zu bleiben, das ist Antisophie im eminentesten Sinne des Wortes. - Goethes Antwort ist bekannt:

Natur hat weder Kern noch Schale, [...]
Dich prüfe du nur allermeist,
Ob du Kern oder Schale seist.

Fichte sagt aus seiner theosophischen Stimmung heraus: Wer sich in seinem wirklichen Ich erkennt, der steht schon darin in der geistigen Welt. - In der Rede über die «Bestimmung des Gelehrten» drückt sich Fichte so aus:

Ich hebe mein Haupt kühn empor zu dem drohenden Felsengebirge, und zu dem tobenden Wassersturz, und zu den krachenden, in einem Feuermeere schwimmenden Wolken und sage: Ich bin ewig und ich trotze eurer Macht. Brecht alle herab auf mich, und du Erde und du Himmel, vermischt euch im wilden Tumulte, und ihr Elemente alle - schäumet und tobet und zerreibet im wilden Kampfe das letzte Sonnenstäubchen des Körpers, den ich mein nenne; mein Wille allein mit seinem festen Plane soll kühn und kalt über den Trümmern des Weltalls schweben; denn ich habe meine Bestimmung ergriffen, und die ist daurender als ihr; sie ist ewig, und ich bin ewig, wie sie.

Denen, die antisophisch gesinnt sind, sagt er:

Dass Ideale in der wirklichen Welt sich nicht darstellen lassen, wissen wir andern vielleicht so gut als sie, vielleicht besser. Wir behaupten nur, dass nach ihnen die Wirklichkeit beurteilt, und von denen, die dazu Kraft in sich fühlen, modifiziert werden müsse. Gesetzt, sie könnten auch davon sich nicht überzeugen, so verlieren sie dabei, nachdem sie einmal sind, was sie sind, schr wenig; und die Menschheit verliert nichts dabei. Es wird dadurch bloß das klar, dass nur auf sie nicht im Plane der Veredlung der Menschheit gerechnet ist. Diese wird ihren Weg ohne Zweifel fortsetzen; über jene wolle die gütige Natur walten, und ihnen zu rechter Zeit Regen und Sonnenschein, zuträgliche Nahrung und ungestörten Umlauf der Säfte, und dabei - kluge Gedanken verleihen! Fragenbeantwortung

Frage: Lässt sich die Reinkarnation mit Tatsachen in Verbindung bringen, oder muss sie als Dogma angenommen worden?

Rudolf Steiner: Sie ist ebenso wenig ein Dogma wie das Gedächtnis. Das Gedächtnis ist ja auch eine innere Tatsache. Das, an was man sich erinnern muss, kann man nicht herauspumpen und anschauen. So kann man auch die Rückerinnerung an frühere Erdenleben nicht anders beweisen als durch das Erleben.

So ist es mit allen übersinnlichen Wahrheiten. Dazu, dass sie eingesehen werden, ist nur die unbefangene Betrachtung des Lebens notwendig; zum Erforschen braucht man die Hellsichtigkeit. Zwischen Tod und neuer Geburt ist das Streben, sich und auch die ganze Welt zu vervollkommnen, der maßgebende Gesichtspunkt, nicht die Frage, ob es einem angenehm oder unangenehm ist oder Schmerz bereitet. Man kann zu einem Verständnis der Reinkarnation kommen, wenn man sich gegen Schicksalsschläge so verhält, als ob sie nicht zufällig sind, sondern [als ob] man sie sich selber zugefügt hat. Das sind seelische Beweise, deshalb müssen wir selber dabei sein.

Frage: [Wie ist es mit der] siebenjährigen Periodizität, und welche tieferen Ursachen [hat sie]? [Wie ist es bei] Selbstmord?

Rudolf Steiner: In Bezug auf die Frage nach Selbstmord gilt der [Schopenhauer-]Spruch: «Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer.» Man soll das Gute tun, weil [er] das in seine Seele aufnimmt. [?]

Frage: Welches ist das beste Gebet? Ist es das Vaterunser?

Rudolf Steiner: Das Vaterunser [ist] in der Tat ein Universal-Gebet - für das primitivste und das entwickeltste Gemüt. Es hat diese Kraft in sich, auch wenn man seine Gesetze nicht kennt, wie die Pflanze wächst nach Gesetzen, die sie nicht kennt. Ein jedes Gebet muss von einer hingebungsvollen Stimmung getragen sein, sonst kann [es] auch von Übel sein. «Doch nicht mein, sondern Dein Wille geschehe.» Durch diese Stimmung wird erst jedes Gebet zu einem richtigen.

Frage: Der Punkt, wo der Mensch den Zusammenhang mit den höheren Welten einfach fühlt, wie äußert er sich? Bitte Näheres darüber.

Rudolf Steiner: Das ist so ähnlich wie die Frage: Wie kann ich mir den Geist vorstellen? - Eben geistig. Nur keinen spirituellen Materialismus! In der theosophischen Gesellschaft konnte man solche Ausdrücke hören [wie]: Heute sind wunderbare spirituelle Vibrationen im Raume. — Der Geistesforscher würde einfach sagen: Heute ist eine gute Stimmung im Saal. In den theosophischen Büchern wird der Geist so beschrieben: Zuerst ist Materie da, dann wird sie immer dünner, aber die Materie hört eigentlich nie auf. - Den Geist soll man sich vorstellen ohne Anlehnen an ein Materielles. Das Fühlen ist etwas, das seinen Schwerpunkt in sich selber trägt.

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