Spiritual Science and the Future of Humanity

GA 69e — 8 November 1913, Nuremberg

XII. Die Geisteswissenschaft und die Geistigen Ziele Unserer Zeit

Geisteswissenschaft will keine neue Religion sein und ist auch keine Sekte. Das Verhältnis zur Naturwissenschaft wird durch ein Bild zum Ausdruck gebracht: Der Geisteswissenschaftler verhält sich so zu den Ideen und Vorstellungen, wie sich der Landmann zu seiner Ernte verhält; einen Teil nimmt er als Saatgetreide, den anderen verbraucht er. Man kann die modernen naturwissenschaftlichen Vorstellungen und Ideen denken oder in einem anderen Fall auch leben. Wenn man mit einem Teil dessen, was die Naturwissenschaft gibt, lebt, es so nimmt, wie man physische Nahrung zu sich nimmt, dann kommt man dazu, die Geisteswissenschaft herauszustellen. Naturwissenschaft fordert Geisteswissenschaft. Beispiel von Wasser für die Frage: Ist Seelisch-Geistiges in der Natur zu erkennen? Es ist so darin wie Wasserstoff im Wasser. Man stellt sich vollständig auf den Boden der Geisteswissenschaft, wenn man sie eine geistige Chemie nennt; absondern will Geisteswissenschaft das Geistig-Seelische vom Körperlichen.

Wer Interesse für die Dinge hat, die ihn angehen, der wird merken, dass er sie bewahrt, dass er dafür ein gutes Erinnerungsvermögen, ein Gedächtnis bekommt; von dem Gedächtnis hängt die Gesundheit des Seelenlebens ab. Dass wir unser Selbst überschauen bis in unsere Kindheit, das hängt von unserer Aufmerksamkeit ab; dies scheint zwar leicht, «doch ist das Leichte schwer». Diese Aufmerksamkeit kann bis ins Grenzenlose gesteigert werden; in der Kunst, diese Aufmerksamkeit immer weiter und weiter zu treiben, besteht ein Teil dessen, was der Geistesforscher zu tun hat. Konzentration der Seelenkraft nennt man das. Die Gegenstände, über die man nachdenkt, müssen durch eigene Kraft und Tätigkeit in den Mittelpunkt des Seelenlebens gestellt werden. Diese Konzentration muss mit äußerster Energie und äußerster Geduld betrieben werden. Der einzige Apparat ist die Menschenseele, und der einzige Experimentator ist der Geistesforscher selber. Ein konzentriertes Denken muss der Geistesforscher zuerst in sich selber entwickeln, der ganze Mensch muss ein Aufmerkender werden auf selbstgewählte Vorstellungen, und deshalb ist die geisteswissenschaftliche Strömung wie eine Fortsetzung der naturwissenschaftlichen.

In Wirklichkeit sind es Vorstellungen und Ideen, die die Naturwissenschaft gebracht hat. Sie müssen zum Sinnbild erhoben werden. Dadurch erreicht der Mensch, dass das Geistig-Seelische herausgehoben wird aus dem Physisch-Körperlichen, wie der Wasserstoff aus dem Wasser. Ich stelle dann nicht mehr in meinem Leibe vor, sondern im Geistigen. Man weiß dann, was es heißt, außer seinem Gehirn denken. Es ist ein Sich-Erfühlen außerhalb des Leibes, zunächst außerhalb des Gehirns. Man fühlt dann seinen Körper wie einen äußeren Gegenstand. Das gewöhnliche Denken ist ein robustes und nützt das Gehirn ab; gewöhnlich achtet man aber nicht darauf. Das Wiederuntertauchen in das physische Gehirn bringt eine gewisse Furcht mit sich. Durch Anwendung innerer Kräfte kann das Geistig-Seelische abgesondert werden von dem Körperlich-Leiblichen. Das vom Leibe abgesonderte Vorstellen wird zu einem inneren Mienenspiel, zu einer Mimik. Etwas Aktives, etwas Tätiges ist das Abgesonderte. Dieses innere Mienenspiel hat eine Bedeutung; es zeigt sich sonst nur andeutungsweise, wenn man eine Miene macht.

Völlige Hingabe ist das Zweite. Alles, was im Menschen denkt, fühlt und will, muss er völlig auslöschen und untertauchen in den Strom eines Weltgeschehens. Bis ins Grenzenlose muss diese Hingabe gesteigert werden; so weit, dass der Mensch seinem sonstigen seelischen Leben völligen Stillstand gebietet.

Dann erlebt er sich nicht nur in dem Seelisch-Geistigen, sondern er kommt dazu, dass er in der geistigseelischen Welt wahrnimmt und inmitten von geistigen Wesenheiten ist. In jedes Wesen, das man erkennen will, muss man in der geistigen Welt untertauchen. Sein eigenes Wesen muss man in diese Wesen hineintragen können. Den geistigen Vorgang muss ich als das Meinige erleben, und das geht hervor aus der Pflege der wirklichen Hingabe, getrieben bis ins Unermessliche. Das, was in ihnen vorgeht, muss man mit den Mienen nachmachen. Was die Wesen erleben, muss man mit ihnen erleben. Man kann nicht passiv erleben; im Erkennen muss man [es] ihnen nachmachen. Das drückt sich dann aus im Mienenspiel des eigenen Geisteslebens.

Noch etwas wird durch Konzentration und Hingabe ausgebildet; man trennt wieder das Geistig-Seelische vom Körperlichen ab. Das, was man im gewöhnlichen Leben zum Sprechen verwendet, kann man in der Seele behalten, nicht zum Sprechen verwenden. Im Geistesleib kann man außerhalb des physischen Leibes innerlich sprechen lernen. Man darf nicht einmal das erregen, was im Gehirn erregt wird, geschweige denn, was im übrigen Sprachapparat beim Sprechen erregt wird. Der Mensch denkt immer so, dass das Sprechen anklingt; auch wenn er nur denkt, gehen innerlich die verborgenen Sprechbewegungen vor sich. Man verbinde mit den Vorstellungen gewisse Willensimpulse; man konzentriere sich zum Beispiel auf die Vorstellung eines leuchtenden Kreises. Man stelle sich vor, der leuchtende Kreis sei das Symbolum der in der Welt waltenden Weisheit. Nicht nur im Denken muss man sich konzentrieren, sondern auch mit seinen Affekten sich daran beteiligen. Dann lernt man das innerliche Sprechen und man kann untertauchen in geistige Wesen - und dann erst kann man untertauchen in sein wahres eigenes geistiges Wesen. Mit der von der Sprachkraft abgesonderten geistig-seelischen Kraft kann man untertauchen in das, was die Seele ist. Jetzt tritt das auf: eine Erweiterung des Erinnerungsvermögens über Geburt und Tod hinaus. Man steht dann vor der Lehre der wiederholten Erdenleben.

Noch ein Drittes kann als Seelisch-Geistiges vom Leibe ausgesondert werden. Das Kind kann noch nicht gehen, hat sich noch nicht in das kosmische Dasein eingefügt. Herder hat darauf hingewiesen, wie menschliches Seelenleben in seiner intimen Wesenheit davon abhängt, dass der Mensch in die vertikale Lage kommt und das Antlitz hinausrichtet in Himmelsfernen. Das geschieht durch eine innere Kraft, durch den Menschen selber. — Man kann die Kräfte in der menschlichen Seele finden, durch die sich der Mensch zum wahren, zum himmelaufblickenden Erdenmenschen macht, durch die sich der Mensch seinen moralischen und intellektuellen Charakter selbst gibt. Diese Kräfte können außerhalb eines Leibes gefunden werden; erlebt man sie abgesondert, so erlebt man die geistigen Wesenheiten; dann erlebt man, dass es in der geistigen Welt auch Wesenheiten gibt, die nicht zur Körperlichkeit kommen. Nur dadurch erlebst du sie, dass du die Kraft benutzt, die dich zum aufrecht gehenden Menschen macht. Die abgesonderte Richtkraft des Menschen erlebt der Mensch wie eine innere Physiognomik. In anderen Geistwesen zu sein, [das] erlebt er dadurch. - Indem sich der Mensch selbst aus seinem Leib herausholt, ergießt er sich in eine geistige Welt, in diejenige Region weiß er zu dringen, die früher nur mit dem Glauben durchmessen wurde.

Kann nun heute jeder Geistesforscher werden? Nein. Ebenso wenig, wie jeder Chemiker werden kann und soll. - Der Geistesforscher kann dieselbe Sprache sprechen wie ein anderer Naturforscher. Man muss das, was der Geistesforscher sagt, nicht bloß glauben - durch einen solchen Vortrag kann freilich nur angeregt werden. Das Verständnis beruht darauf, dass man die Sprache, die gesprochen wird, versteht. Geradeso, wie man die naturwissenschaftliche Welt verstehen kann, gerade so schildert der Geistesforscher. Was paradox erscheint, braucht nicht schon unwahr zu sein: Nach und nach wird es zum allgemeinen Verständnis erhoben. Der Geistesforscher steht vor den wirklichen geistigen Zielen der Gegenwart. Die Naturwissenschaft hat die geistigen Ziele unserer Zeit aus den Augen verloren.

Wilson, der Präsident der Nordamerikanischen Union, sagt in seinen verschiedenen Schriften und Betrachtungen immer wieder, und das geht durch viele Schriften wie ein Grundton: Wenn man sich so die Gegenwart ansieht, muss man immer bemerken, wie rasch sich das ganze Leben geändert hat. Der Arbeiter lernt vielleicht sein Leben lang seine Arbeitgeber nicht kennen. Was die Menschen einmal aufgestellt haben von Gesetzen und Verhältnissen und Betrachtungen zwischen Arbeitgeber und -nehmer, ist veraltet, und unsere Zeit ist darüber hinausgeschritten. — Als das Notwendigste betrachtet er es, dass das nachgeholt wird: Was der Mensch nachgedacht hat über das Zusammenleben, ist zurückgeblieben hinter dem, was die Zeit gebracht hat. Die Menschenseelen haben sich, namentlich im neunzehnten Jahrhundert, wesentlich geändert. - Das müssten diejenigen ins Auge fassen, die immer wieder sagen: Wir brauchen keine neue Art, uns zur geistigen Welt zu erheben, wir brauchen uns nur zu erheben zu dem, was einst war. Solche Menschen wollen sich nicht ihre Ziele stecken lassen von den Aufgaben der Zeit. Nicht durch Erneuerung alter Bekenntnisse kann die Menschheit harmonisiert werden. Neue innere Sehnsuchten, neue Lebensrätsel sind der Seele aufgegeben. Die Seelen leben in Welträtseln, die nicht mehr in alter Art gelöst werden, auch wenn diese alte Art in noch so vollendeter Weise an die Seelen herangebracht wird.

Nach dem Muster der Naturwissenschaft können wir eindringen in die geistige Welt. Aber die Geisteswissenschaft stellt Anforderungen an die Menschen, die ihnen heute noch unbequem sind, sie setzt eine erhöhte Tätigkeit der Seele voraus. Der Mensch liebt es heute, die Dinge anzusehen und nicht mitzutun. Ein moderner Philosoph hat in einer Zeitschrift buchstäblich Folgendes ausgesprochen: Wenn ich mich so vertiefe in die Kant’sche und Spinoza’sche Philosophie, da fühle ich, dass mir die Begriffe durcheinandergehen. - Wie will er Abhilfe schaffen? Durch den Kinematographen, durch den Film! Wie sich zwei Begriffe in einem höheren vereinigen, will er so vorführen. Der Herausgeber dieses Aufsatzes in der Zeitschrift nimmt es ganz ernst, denn er leistet sich noch eine Fußnote, in der er sagt, dass es etwas Lobenswertes wäre, wenn uraltes menschliches Sehnen dadurch gestillt werden könnte. Man darf sich also nicht wundern, wenn nächstens über einem Kino steht: Hier wird Spinozas Ethik «gefilmt»!

Man will nicht im Unsichtbaren walten, um sich zum Geiste zu erheben, man will nicht innerlich arbeiten; nur anschauen möchte man. Geisteswissenschaft stellt die entgegengesetzten Anforderungen. Sie verlangt, dass die Seele innerlich aktiv ist, dass sie den Begriff mitzuerleben sucht. Innerlich schöpferisch müssen Sie sich am Schöpfen und Schaffen des Weltengeistes beteiligen. Das moderne Leben fordert von der Seele jedes Einzelnen, dass sie innere Tätigkeit und Regsamkeit entfaltet, sonst wird die Seele vom modernen Leben erdrückt. Nur eine solche Seele wird dem Leben gegenüber der Zukunft gerecht werden können. Der Gegenpol gegen das Äußere muss in dem liegen, was in der Seele durch Erforschung des Geistes lebt. So hängt Geisteswissenschaft mit den Zielen unserer Zeit zusammen.

Von welchem Gesichtspunkt aus ist unsere Zeit eine Übergangszeit? - Es fiel einmal das Wort:

Ihr werdet sein wie Gott und unterscheiden das Gute und das Böse!

Damit hängt auch zusammen, was der Mensch als Freiheit erlangt hat. In dem Analogen [Analogon?] für unsere Zeit liegt etwas Paradoxes. Auf den Impuls kommt es an, der in den folgenden Worten lebt: Wenn die Naturwissenschaft allein bliebe, was für eine Vorstellung würde der Mensch in sich aufnehmen? Wollte man nur auf dem naturwissenschaftlichen Boden stehen bleiben, auf dem, was heute viele für Naturwissenschaft halten wollen, dann würde man sagen, dass der Mensch nur auf einer höheren Stufe der Tiere stehe, dass er nur tierischen Instinkt höher entwickelt habe. Wenn aber der Mensch nur das höchstentwickelte Tier wäre, dann verwandelte sich das zitierte Wort in das andere: «Du wirst sein wie das Tier.» Wenn in unseren moralischen Dingen nur erhöhte Instinkte sind, dann gibt es zuletzt nur Monon: «Du wirst nicht unterscheiden das Gute und das Böse.» Das wäre der umgekehrte Sündenfall. Das ist es, wovor wir stehen. Die Naturwirkung bleibt gegenüber Gut und Böse neutral und dürfte nicht damit zusammengeworfen werden, sonst wäre Moral nur Konvention.

Ein Lebenselixier, innere Harmonie brauchen wir gegen das Verlieren der Seele, die innere Gesundheit, die innere Stimmung, die innere Kraft der Seele, die kommen soll, das ist die Hauptsache. Aus einer neuen Erkenntnis, aus einer neuen Liebe zu den Taten, die das Erdendasein von uns verlangt, muss das kommen. Die in der Entwicklung der Erde liegenden Ziele sind diejenigen, die die Geisteswissenschaft im Auge hat.

Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
Des Menschen allerhöchste Kraft, [...]
So hab’ ich dich schon unbedingt.

Äußere Wissenschaft lässt Mephisto gewiss gelten, Geisteswissenschaft ist getroffen. «Versucher» ist er genannt in der Bibel. Der darf ein solcher genannt werden, der nicht bloß versucht, sondern in das Sklaven-Joch der bloßen Naturwirkung treiben will, der den Menschen der Freiheit berauben will, in das Geistige zu kommen.

Geisteswissenschaft darf sich mit dem Besten, was in früherer Zeit als Ahnung ausgesprochen ist von den Besten, in eine Reihe stellen. Stark und liebevoll und pflichtvoll kann sich die Seele durch die Geisteswissenschaft fühlen, weil sie sich im Geiste darin weiß; das Ewigkeitsbewusstsein gibt sie der Seele. Dasjenige, was einer von der Geisteswissenschaft ausgesprochen hat, ist in dem Folgenden gefühlsmäßig zusammengefasst. Wie abschließend für den Vortrag, empfindungsgemäß soll es angeführt werden, was Herder in seinen «Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit» ausspricht: Schreite ich durch die Pforte des Todes aus dem Leben hinaus in die geistige Welt, so darf ich den Wandel meines Lebens beim Durchgang durch den Tod als etwas betrachten, was ich so ruhig und sicher erwarte, wie ich erlebe den Lauf des Seins in dem Erlebnis des Übergangs vom Wachen zum Schlafen.

Fragenbeantwortung I

Frage: Was ist absolut gut oder böse?

Rudolf Steiner: Das Böse besteht in einer Steigerung des Egoismus. Der betreffende Mensch weiß sein Handeln nicht in Einklang zu bringen mit dem Lauf der Welt. Woher dieser Egoismus kommt, ist gezeigt in der Schrift «Die Schwelle der geistigen Welt». In der geistigen Welt ist der Egoismus ein Organ, durch das der Mensch wahrnehmen kann. Die Möglichkeit des Bösen beruht darauf, dass der Mensch dasjenige, was in einer höheren Welt dem Menschen verknüpft sein muss wie hier das Auge, dass er das herunterträgt in die physische Welt, wohin es nicht gehört. Das Böse in der Sinnenwelt entsteht dadurch, dass menschliche Geisteskräfte missbraucht werden. Durch das Erdenschicksal wird der Mensch zum Guten erzogen werden in den wiederholten Erdenleben. - Mineral und Pflanze und Tier können nicht böse sein im moralischen Sinne. Der Mensch kann seine niederen Triebe und Leidenschaften umwandeln in edle Kräfte. Die Wut des Löwen kann dagegen nicht so ohne Weiteres umgesetzt werden. Der Tod bedeutet für das Tier etwas ganz anderes als für den Menschen; es muss auf die Tatsache gegangen werden und nicht auf Begriffe und Vorstellungen. Dadurch, dass es an einer gewissen Stelle steht, ist etwas das, was es in der Welt ist; es darf aber nicht anderswohin gestellt werden. Frage: Was ist unter den geistigen Wesen zu verstehen, in die das vom Leibe getrennte Denken untertaucht?

Rudolf Steiner: Eliot an der Harvard-Universität sagte etwa im Juni 1909: Zu allen Zeiten wäre es selbstverständlich gewesen für die menschliche Seele, dass sie anerkannt hat, dass sie etwas ist, was unterschieden ist von der bloßen Körperlichkeit.

Anerkenntnis des Geistes ist noch nicht Erkenntnis des Geistes, denn diese ist Erkenntnis der einzelnen Wesenheiten. Die Natur lernt man kennen, wenn man sie in einzelnen Wesenheiten kennenlernt, zum Beispiel einzelne Blumen: Veilchen, Schlüsselblumen, Maiglöckchen und so weiter. - Ebenso gibt es einzelne Wesenheiten, die nicht zur physischen Körperlichkeit heruntersteigen, die sich als die Fortsetzung der gesamten Sinnenwelt ausnehmen. Von konkreten geistigen Wesenheiten sprechen wir. Ein Kind, das noch kein lebendiges Ross gesehen hätte, würde behaupten: Das Ross muss immer hölzern sein. Sobald man auf die einzelnen Wesenheiten hinter der Geschichte, hinter den Naturwesen eingeht, will man das nicht glauben, man sagt: Das gibt es nicht. Was die Besten der Menschheit immer gefühlt haben, wird zur Wahrheit durch die Geisteswissenschaft. Herder sagt in seinen «Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit»: Der Mensch ist ein Mittelgeschöpf zwischen der sinnlichen und der geistigen Welt. Er wächst mit dem Tode in die geistige Welt hinein mit den Kräften, die er sich in der physisch-sinnlichen Welt errungen hat.

Fragenbeantwortung II

Frage: Was ist absolut gut und böse?

Rudolf Steiner: Diese Frage berührt den Schluss des Vortrags nicht. Es ist eine ganz andere Frage. Was gut und böse [ist], ist aus der geistigen Welt heraus zu bestimmen, nicht aus bloßen Naturwirkungen heraus, da kann man nicht von absolut gut und böse reden. Mit gut und böse kommt man nicht zurecht, wenn man nur von einer sinnlichen Welt sprechen will, nicht von einer geistigen Welt, die hinter der physisch-sinnlichen Welt [steht], aber natürlich diese durchdringend, mit ihr ein Eins ausmachend. Die bösen Handlungen des Menschen - was man berechtigt Böses nennen kann - hängen immer zusammen mit einer Steigerung des Egoismus; wenn der Mensch sich nicht in Einklang bringen will mit dem Ganzen der Welt, sondern nur sich folgen will, dann kommt er immer mehr in das Böse hinein. In der geistigen Welt ist der Egoismus ein höheres Sinnesorgan, dort führt er nicht zum Bösen; man würde sonst auslöschen, gar nicht zum Wahrnehmen kommen in der geistigen Welt, denn durch die Egoität nimmt man in der geistigen Welt wahr, dort ist sie etwas ganz anderes. Man soll nicht einen Begriff so ohne Weiteres auf das andere übertragen, dadurch entstehen so viele Missverständnisse und Irrtümer. Zum Beispiel ist für den Menschen der Tod etwas ganz anderes, als für das Tier der Tod ist. - [Ein] Messer ist nicht bloß [ein] Messer, es kann zum Rasieren da sein [und] nicht zum Fleisch schneiden. - Man muss überall auf die Tatsachen zugehen und nicht auf die Begriffe und Vorstellungen. Eine Eigenschaft ist nicht absolut gut oder böse, sondern nur an der Stelle das und das. Zum Beispiel wenn gefragt wird: Ist die Wutkraft des Löwen gut oder böse? - so muss geantwortet werden: Wenn diese Wut in anderen Wesen auftritt, kann sie zu den edelsten Handlungen verwendet werden, während sie dort verwüstet. In der Natur kann die Kraft des Löwen nicht so ohne Weiteres auf ein edles Wesen übertragen werden, aber der Mensch kann das, er kann die Kräfte umwandeln in edle Kräfte. Man muss das anwenden, was Schiller an Goethe schrieb: Es ist nötig, dass man die ganze Natur zusammennimmt, um über das Klarheit zu erhalten, um was es sich handelt. Das gilt auch für die geistige Natur. Geisteskräfte müssen missbraucht werden, um böse zu sein. Der Stein kann nicht böse sein, die Pflanze auch noch nicht, wenn man nicht symbolisch sprechen will. Der Mensch soll durch das Erdenschicksal gerade zum Guten erzogen werden.

Frage: Wie kann durch Konzentration die Kraft der Seele gesteigert werden?

Rudolf Steiner: Im vorangehenden Vortrag wurde ja hingewiesen auf mein Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Ich müsste Ihnen mein ganzes Buch hier vorlesen, das wäre selbst den willigsten Zuhörern zu lang.

Frage: Was ist leibfreies Denken, in das die Seele untertaucht? Rudolf Steiner: Nun, dann ist man eben aus dem Leibe gelöst!

Frage: Wie hat man sich geistige Wesenheiten vorzustellen?

Rudolf Steiner: Indem man sich Geistiges überhaupt vorstellt. Es ist so, wie mit dem Satz: Lebendiges kann nur von Lebendigem stammen. Vor dreieinhalb Jahrhunderten hat noch kein Mensch daran gedacht, das anzuerkennen. Das Gefühl für das Geistige kann aus dem Gedanken zunächst herausglimmen. Anerkenntnis des Geistes ist noch nicht Erkenntnis des Geistes. Wenn jemand bei allen Erscheinungen bloß sagen würde; das ist Natur, Natur, Natur, Natur, Natur; würde er sie kennen? Die Möglichkeit der geistigen Erkenntnis anzweifeln, das ist so, wie wenn ein Kind sagen würde: Mein Ross war immer hölzern; kein Ross aus Muskelfleisch kann es geben. Immer, wenn auch in den verschiedensten Variationen, hört man durchklingen: So etwas gibt es ja gar nicht, denn so etwas kann man sich ja gar nicht vorstellen.

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