Spiritual Science and the Future of Humanity

GA 69e — 14 May 1913, Strasburg

XI. Wahrheiten und Irrtümer der Geistesforschung

Das feindliche Auftreten, der Widerstand gegen die Geistesströmung ist dem am verständlichsten, der auf dem Boden unserer Geistesforschung steht. Auch Schopenhauer sagt: So ist es denn das Schicksal der armen Wahrheit, dass sie in dem Zeitpunkte, worin sie auftritt, zunächst paradox erscheint, und doch kann sie nicht dafür; sie hat so große und weite Flügelschläge, dass die Individualität darüber hinstirbt.

Die Geisteswissenschaft hat heute die Naturwissenschaft zu ihrem Gegner, nur nicht die wirkliche Naturwissenschaft. Im Jahre 1909 hielt Charles Eliot eine Rede über die Zukunft der Religionen, worin ein Satz lautet: Die Menschen haben in sich und müssen immer in sich haben Leiblichkeit und Seelenkern, den sie nur mit der Erkenntnis des Seelisch-Geistigen erforschen können.

Zwei Lebensfragen treten immer wieder auf: erstens über des Menschen Schicksal, das den Menschen erhebt, indem es ihn zermalmt, und zweitens die Frage nach dem Wesen der Menschenseele. Diese zwei Fragen nagen und quälen in der Tiefe der Menschenseele. Die Aussichtslosigkeit auf eine Antwort macht den Menschen krank bis in die Körperlichkeit hinein.

Zweierlei Umstände treten auf bei der Geburt eines Menschen: Der eine ist reich begabt, voll Versprechen, bei dem andern ist es aussichtslos. So verschieden ist das Schicksal. Und dann die Unsterblichkeitsfrage. Dadurch tritt auf die Furcht und andererseits der Wunsch, dass das Leben sich so und so gestalte.

Man kann glauben an die Unsterblichkeit aus egoistischen Motiven, und nicht daran glauben mit der Moralität des Hinopferns. Aber das Individuelle, das Persönliche ist das Wertvollste. Wird es verschwinden mit dem Tode? Es wäre ein Verstoß gegen die Weltökonomie, wenn etwas zur höchsten Spannung gebracht würde und dann verloren ginge. An die Sinne und das Gehirn ist die äußere Wissenschaft gebunden, das Seelisch-Geistige kann nicht damit erforscht werden. Die Geisteswissenschaft steht auf demselben Boden wie die Naturwissenschaft. Die Pflanze besteht aus unzähligen einzelnen Zellen, [sagt Schleiden]. Das menschliche Auge muss sich bedienen des Mikroskops, des Teleskops für die Gestirne. In den Lebenskörper kann der Mensch nicht eindringen. Das Wesen der Menschenseele ist nicht zu erreichen mit solchen äußeren Mitteln. Die menschliche Erkenntnis kommt zu gewissen Grenzen. Das eigentliche Seelendasein kann sie nicht ergründen. Mit der Denkkraft und Sonstigem kann man nicht eindringen in das Wesen der Seele nach dem Tode und vor der Geburt.

Das innere Seelenleben kann man [jedoch] erstarken, bewaffnen. Man soll es nur nicht mit äußeren Methoden tun, wie der Spiritismus. Manche Forscher versuchen, mit äußeren Experimentiermethoden der Seele auf den Grund zu kommen. Rochas, der ernste Forscher, untersuchte den Menschen, an dem sich scheinbar das Äußerliche des Seelenlebens nachweisen lässt. Er gebraucht dazu ein Medium. Ein Medium ist wie ein menschlicher Automat. Durch magnetische Striche wird ausgelöscht das aktive Seelenleben. Es kann dadurch durchleben einen andern Seelenzustand, zum Beispiel wie wenn es zehn Jahre alt wäre, dann die ersten Erlebnisse, als es zum Beispiel eben schreiben lernte, dann, wie es ein Säugling war. Dann kann es versetzt werden in einen Zustand vor der Geburt; ein Ergebnis finster wie ein Chaos. Immer weiter kann man es versetzen; es kann sich fühlen wie ein alter Mann, dann wie ein junges Kind. So will der Forscher der Gegenwart das Geistige erforschen, wenn er das Objekt vor sich hat.

Aber den Geist kann man nicht herabholen durch äußerliche Mittel, sondern nur durch reine Seelenerlebnisse. Das Kennenlernen des Seelischen ist rein innerlich, durchaus nur durch innerliche Methoden möglich. Das eigene Denken, Fühlen, Wollen kann erkraften durch Verstärkung der Denkkraft, die im wachen Zustand an die äußeren Sinne gebunden ist. Man kann sie verschärfen durch Mittel, genannt Meditation und Kontemplation. Zunächst sind sie anzuwenden auf die Denkkraft, wenn man sich aus dem innersten Willen heraus auf Gedanken konzentriert, die nicht durch äußere Anregungen entstehen. Diese Gedanken wirken selbsterzieherisch so, dass sie uns die Denkkraft verstärken, durch sinnbildliche Vorstellungen - wie zwei Gläser - zur Verstärkung des Seelenlebens. Das ist so, wenn es auch verrückt, unsinnig genannt wird. Doch besteht im Leben etwas, worauf es sich bezieht: die Liebe. Das ist wie die Geometrie. Diese arbeitet auch mit Sinnbildern, Symbolen - [wie bei einer] Medaille.

Für manchen wirkt das bald, für manchen braucht es viele Jahre. Durch Anstrengung werden die Organe stärker gemacht; alle Seelenkraft wird dabei auf einen Punkt konzentriert. Dadurch werden Kräfte aus der Seele geholt. Man springt dabei nicht vom einen zum andern wie sonst. Eine Viertelstunde oder länger [reicht]. Jeder Gedanke im Wachen zerstört eine feine Struktur im Gehirn, was durch das Schlafen wieder hergestellt wird. Von Assimilation und Dissimilation spricht die Wissenschaft schon. Der Zerstörungsprozess, wenn wir mit dem Gehirn denken, spiegelt uns unsere Gedanken. Der materialistische Denker glaubt, unser Gehirn denkt. Aber es ist ein innerlicher Vorgang. Das Gehirn wird beim gewöhnlichen Denken zerstört. Der Gedanke wird durch das Gehirn zurückgeworfen und greift so zerstörend in unser Gehirn ein. Durch Konzentration, Meditation, Kontemplation wird der Mensch nicht schläfrig. Nur Anfänger klagen darüber. Das rührt daher, dass des Menschen Denkkraft sich schwer losmacht vom Gehirn. Dann spüren wir das Gehirn als etwas, worein nicht eingegriffen wird. Wenn der Mensch die Denkkraft als solche erleben will, so muss er sie frei machen vom Gehirn. Dann spürt der Mensch, wie die Denkkraft ein rein seelisches Wesen wird. Diese Erlebnisse sind die erschütterndsten.

Im Wachen fühlt man sich innerhalb der Haut. Jetzt entsteht ein Gefühl, außerhalb des Leibes zu sein, darauf hinzusehen. Wie ein Objekt wird das, was man vorher «Ich» genannt hat, seine äußere Leiblichkeit. Das ist verbunden mit dem Gefühl, dass man mit hundert und aberhundert Kräften hingezogen wird zu seinem Leibe. Hat man das erreicht, so weiß man ein Doppeltes: was man im Menschenleben als schlafender Mensch ist und was einen hinzieht zum Leibe. Du Bois-Reymond versteht nur den schlafenden Menschen, wie er sagte. Aber durch die Lebensvorgänge der Lunge ist nicht das Wesen der Luft zu kennen. Aufwachen in das geistig-seelische Leben ist Sich-Hereinnehmen; Einschlafen ist, wenn das geistig-seelische Leben hinübergeht in unsere Umgebung, wie wenn man die Luft ausatmet. Das Quantum Luft, das wir eingeatmet haben, gehört der Atmosphäre an, so [auch] das Geistig-Seelische der geistig-seelischen Welt. Der Geistesforscher weiß, was sich außerhalb des Leibes erlebt, wie wenn die Luft hinabsehen könnte auf die Lunge. Der Mensch lernt den Zusammenhang seines Seelisch-Geistigen kennen mit dem Leibe, lernt es in seiner Unabhängigkeit vom physischen Leibe kennen, lernt es kennen vor der Geburt, dass es vorher in der geistigen Welt lebte, wie er hingeht sogar zur leiblichen Verkörperung, zu einem Elternpaar, lernt sich im vorgeburtlichen Zustande kennen, alles durch die Verselbstständigung der Denkkraft.

Die nächste Seelenkraft, die verselbstständigt werden kann, ist die Sprachkraft, die in wirklich gesprochenen Worten nach außen fließt. Der Mensch hat das Broca’sche Organ; das Sprechen bereitet es zu, sodass es wird, wie es ist. Ursache und Wirkung werden verwechselt durch die Wissenschaft. Durch motorische Kräfte wird beim Sprechen der Kehlkopf in Bewegung gesetzt, greift etwas hinein in den vibrierenden Kehlkopf, und von da wird die Luft in Bewegung gesetzt. Wie die Denkkraft abgetrennt wird vom Gehirn, so die Sprachkraft vom Broca’schen System [Organ], indem man die Meditation getränkt sein lässt durch Gefühle und Empfindungen bei der Meditation «Im Lichte strömt leuchtende Weisheit» [...].

Das ist nicht eine äußerlich sinnliche Wirkung, sonst würde man einen nicht für einen Phantasten halten, sondern für einen Narren. Man möchte nun in dieser Meditation sich in Enthusiasmus vereinigen mit der leuchtenden, waltenden Weisheit, dann reißt sich die Sprachkraft los von der Leiblichkeit. Man lebt darin stumm und schweigsam, behält etwas innerlich, bricht ab, erlebt in der Seele, was noch weiter hinunterführt als das Erste. Man schaut hinüber nicht nur in sein eigenes früheres Erdenleben [...], sondern man schaut zurück auf frühere Erdenleben. Dadurch wird zur Gewissheit, dass das Erdenleben gefolgt sein wird von einem rein geistigen Leben, und dass ein anderes Erdenleben folgt. Das Bewusstsein erweitert sich in wiederholten Erdenleben. So kommt der Geisterforscher wie der Chemiker zu seinen Ergebnissen. Das sind nicht beliebige Mittel, sondern Mittel, wodurch man sein Seelenleben bewaffnet, wie das Auge bewaffnet wird durch das Mikroskop. Dann wird noch eine Seelenkraft bewaffnet und verstärkt: die, welche sich äußert in der Blutzirkulation und Herzbewegung. Bei Scham und Furcht setzt sich im gewöhnlichen Leben ein geistig-seelischer Vorgang um in etwas, was selbst in das Blut hineingreift, was so eingreift, dass unser Blut losgelöst werden, unabhängig gemacht werden muss.

Was geschieht, wenn die Meditation ausgestattet wird mit Willen? «In dem Lichte waltet und webt die waltende Weisheit.» Auch mit dem Willen muss man sich ganz hineinversetzen in eine solche Meditation, dann machen wir Seelenkräfte frei, die in den ganzen Kosmos hineingreifen, die uns einen Blick werfen lassen auf Ursprung und Ziel unserer Erde. Dann sieht man: Die aufeinanderfolgenden Erdenleben haben einmal einen Anfang genommen; die Erde war einmal da zum ersten Male. Die Erde wurde einst herausgeboren aus dem geistigen Zustand, [sie] wird wieder in einen geistigen Zustand übergehen. Auch viele andere Methoden gibt es, um solche Resultate zu erreichen. Man muss in dieser Weise, [was] in aller Kürze [hier skizziert ist], zum geistigen Forscher werden. Aber um ein Bild zu machen, muss man Maler sein, nicht [braucht man Maler sein], um es zu genießen. Es wäre wenig, wenn es nur für die Maler wäre. Um geistige Wahrheiten zu ergründen, muss man Geistesforscher sein; um sie zu verstehen, muss man nur den gesunden Menschenverstand anwenden, trotzdem sie für Ketzerei, Träumerei gehalten werden.

Aber auch Irrtümer sind möglich. Man erlangt höhere Organe, indem man sie so ausbildet wie beschrieben. So erwachend erlangt man höhere Sinne: geistige Augen und geistige Ohren - [wie] Goethe [sagt]. Aber wie erlangt man gesunde Organe? Mit kranken Augen sieht man ungenau, mit einem Einschluss im Auge oder in der Dämmerung. So sah einer falsch, sah, was im eignen Auge war, in dem er einen Einschluss hatte, und schoss darauf mit dem Revolver. Das frei gewordene Denken, Fühlen und Wollen muss gesund sein. Das geschieht dadurch, dass der Ausgangspunkt gesund ist, nämlich, dass man eine gesunde Urteilskraft anwendet, ohne Schwärmerei und Träumerei oder Phantasterei. Sonst wird mit der frei gewordenen Denkkraft, Sprachkraft Gespenstisches gesehen, was zu unserer eignen Seele gehört wie der Einschluss im Auge. Ein Freidenker-Kalender hat gesagt, man dürfe Kindern keine Religion beibringen, weil sie aus sich selber nicht auf Religiöses kommen. Aber das ist nicht logisch, denn der Mensch lernt auch nicht sprechen aus sich selber, wenn man ihn auf eine unbewohnte Insel versetzt. Von einem absolut gesunden Menschenverstande hängt es ab. Sonst fällt man in Ohnmacht, oder es ist wie bei der Narkose, wenn das Bewusstsein nicht recht wirkt. Es kommt an auf eine gesunde moralische Verfassung der Seele, auf moralische Kraft des Lebens. Sonst liebt der Mensch nicht, was im Geistesleben sich ergibt, sondern Geistes-Ohnmacht. Sonst wollen wir auf geistigem Gebiete alles haben [wie] im physischen Leben. Dann nimmt man Gespenster wahr, wie Spiritisten oder ähnliche Leute.

Die Seele bringt sich die Seelenkräfte mit aus früheren Erdenleben, nicht von einem Vorgeschlecht. Das jetzige Erdenleben kommt von früheren Erdenleben. Wir lernen dann unser Schicksal verstehen, [wenn] wir unser früheres Leben verstehen: Das Unglück hat mich gemacht zu dem Menschen, der ich jetzt bin. - Die Alpenpflanze gedeiht nur da, wo sie ihrer Umgebung entspricht. So lösen sich die Schicksalsfrage und die Unsterblichkeitsfrage. Wir ergreifen die Unsterblichkeit in der Entwicklung; wir erleben die Entwicklung. Gesunder Verstand, gesunde Moral führen zum Geistesforscher. Giordano Bruno erweiterte das blaue Himmelsgewölbe; so erweitert die Geistesforschung die Grenzen des Menschenlebens durch Geburt und Tod. Weg mit dem Firmamente, das durch Geburt und Tod begrenzt ist. Von Verwandlung zu Verwandlung geht es. Wenn die Geisteswissenschaft einmal in die Erziehung eingreift, so wird der Mensch fühlen, wenn er alt wird, dass in ihm lebt das, was das nächste Leben zimmert; er wird erleben die Unsterblichkeit, den Keim und Kern des folgenden Daseins.

Zum Schluss will ich aussprechen ein Gefühl, angelehnt an einen Goethe’schen Ausspruch über Bewegung. Schon in Griechenland trat es auf und ist neuerdings wieder aufgetreten. Man sagte: Die Bewegung besteht nicht, der Pfeil ist immer an einem Ort, dann wieder an einem Orte, immer wieder, aber immer in Ruhe. Goethe widerlegte diese Theorie als nicht logisch, wie auch die Quadratur des Zirkels nicht mathematisch zu beweisen ist. Zu beweisen ist sie doch, aber anders. Goethe sagt:

Es mag sich Feindliches eräugnen,
Du bleibe ruhig, bleibe stumm;
Und wenn sie dir die Bewegung leugnen
Geh ihnen vor der Nas’ herum.

Oder man kann auch sagen:

Es mag sich Feindliches ereignen,
Du aber bleibe ruhig, bleibe heiter,
Und wenn sie gar den Geist verleugnen
So grüble du nicht weiter.
Gib ihnen am Ende darin gar noch recht,
’s steht mit ihrem Geiste vielleicht recht schlecht.

German original of Truths and Fallacies of Spiritual Research · ← Previous · Next →