Spiritual Science and the Future of Humanity
GA 69e — 18 February 1913, Stuttgart
XXIV. Wahrheiten Der Geisteswissenschaft — Einiges Über «Rechnende Pferde»
Fragenbeantwortung
Es ist die Frage gestellt worden, was hinter den ja jetzt so berühmt gewordenen rechnenden Pferden und den mit sonstigen Weisheiten auftretenden Pferden von Elberfeld steckt. Ich bemerke von vorneherein: Die Geschehnisse der rechnenden und Sonstiges ausführenden Pferde von Elberfeld sind mir nicht bekannt, da ich nicht dort war, wohl aber habe ich das ganz ähnliche Pferd des Herrn von Osten kennengelernt, den «klugen Hans», der ja lange Zeit in Berlin so großes Aufsehen gemacht hat. Man könnte sich eigentlich ein wenig verwundern darüber, dass, während dazumal wirklich ganz Berlin interessiert war an diesem «klugen Hans», dieses Interesse so bald hat ersterben können, im Grunde genommen. Die heutige Kurzlebigkeit des Interesses tritt da ganz besonders hervor. Man konnte da auch sonst allerlei Interessantes erleben. Zunächst stand jeder Mensch, der zum ersten Male davon hörte, solchen Dingen ganz ablehnend gegenüber; bis man sich entschlossen hat, den Tatsachen näher zu treten, weil tatsächlich recht glaubhafte Nachrichten vorlagen, dass der «kluge Hans» gute Sachen leistet, die nur dem Grade nach überholt sind. Er hat auch schon gute Rechnungen ausgeführt, Wurzeln ausgezogen und so weiter; er fand auch in einem Kartenspiel die richtige Karte und so weiter. Man kann sagen, dass es nach und nach doch unmöglich wurde zu leugnen, dass da etwas Besonderes vorlag. Der Besitzer hat sich an fremde Leute gewandt, hat Sachverständige aufgerufen, Tierbändiger, und so weiter. Eine Kommission von philosophischen Gelehrten war geladen.
Und da ist zuletzt eine Schrift hervorgegangen, die ein gewisser Dr. [Pfungst] geschrieben hat. Es ist das ein recht interessantes Stück. Nachdem er alles abgelehnt hat, was die anwesenden Leute gesagt haben, ist der Philologe auf Folgendes verfallen: Selbstverständlich, wirklich rechnen kann der «kluge Hans» nicht, aber er bekommt Einflüsse von Herrn von Osten oder andern, die ihm die Aufgabe vorlegen. Und diese Einflüsse mussten jetzt in möglichst materialistischer Weise erklärt sein.
Dass wirklich etwas von Seele zu Seele hätte wirken können, das war für die Professoren der heutigen Zeit nicht mehr annehmbar; denn die Seele haben die Philologen von heute schon ganz vergessen. Nun, Einflüsse nahmen die Herren Philologen doch an, und zwar möglichst materialistisch geartete Einflüsse. Sie nahmen an, dass die Menschen ganz feine Gebärden machen, und dass diese dann übergehen auf das Tier. Zum Beispiel man gibt dem Tier auf, die Wurzel von 16 zu finden. Man macht feine Gebärden, die drücken aus, was man im Sinn hat, drücken aus, was die Wurzel von 16 ist; diese Gebärden nimmt das Pferd wahr und gibt durch Klopfen mit dem Fuß die Wurzel von 16 an. Das ist ganz realistisch angegeben worden.
Nun nahm man wirkliche Tierkenner zu Hilfe. Da konnten dann Tierkenner, die sich sehr gut verstanden auf die Feinheiten der Gebärden, nichts herausbringen von den Feinheiten, die auf das Tier Einfluss gewinnen könnten. Die Leute, die wirklich verstanden, wie das Tier auf den Blick folgt, die konnten nichts finden von solchen Gebärden. Sodass man sagen muss: Nur dann kann ein Mensch die Gebärden wahrnehmen, wenn er jahrelang gearbeitet hat in einem physiologischen oder philologischen Laboratorium. Man hatte die geistvolle Erklärung, dass nur ein Privatdozent, der jahrelang im Laboratorium gearbeitet hat, dasjenige wahrnehmen kann, was die Rosse wahrnehmen. Aber der Materialismus war gerettet. Es ist wirklich ein Kabinettstück, dass man in Abrede stellt jeden psychischen Einfluss, aber dass jetzt schon das Ross dasjenige wissen kann, wozu man nur durch jahrelanges Arbeiten im physiologischen Laboratorium kommen kann.
Man muss die Sache ernster nehmen. Dasjenige, was sich mir ergeben hat, möchte ich versuchen Ihnen vorzutragen; aber ich muss durchaus darauf hinweisen, dass das, was ich jetzt zu sagen habe, weil es eben so außerordentlich kompliziert ist, durchaus nicht anders zu bezeichnen ist denn als Hypothese; als eine Hypothese allerdings, von der ich glaube, dass die weiteren okkulten Forschungen sie bewahrheiten werden. Wenn man die Sache so betrachtet, zeigt es sich, dass sie wirklich außerordentlich kompliziert ist, dass man es da wirklich zu tun hat mit Erscheinungen höchst merkwürdiger Art, und dass ich eigentlich mir nur getraue, eine Art Hypothese, okkulter Hypothese über die Sache aufzustellen, die ich mir bilden kann aus den Apergus, die ich machen konnte, als ich sah, wie Herr von Osten mit dem Pferde zusammen wirkte. Ich glaube sicher, sie wird später bestätigt werden durch die okkulte Forschung.
Da zeigte sich mir nämlich, dass das mathematische Denken, das ganze mathematische Vorstellen etwas viel Objektiveres ist, als man eigentlich gewöhnlich denkt; dass das ganze mathematische Vorstellen eigentlich etwas ist, was wie eine Art Automat wirkt, und zwar so: Die Gründe für dieses mathematische Vorstellen sind, dass das gesamte mathematische Vorstellen in der Konstitution der ganzen Erde liegt. Die Erde ist nämlich nicht jenes undifferenzierte Wesen, als welches die Menschen theoretisch sich die Erde vorstellen. Sie ist außerordentlich feingegliedert und wirkt von innen heraus auf die Wesen, die sie bewohnen.
Nun hängt beim Menschen die mathematische Begabung vorzugsweise ab von den drei Kanälen im Mittelohr, die mit dem Gleichgewicht etwas zu tun haben, und es besteht für den Menschen eine Art von Verbindung zwischen diesem Organ im Ohr und zwischen dem gesamten das Rückenmark konstituierenden Nervensystem. Wenn der Mensch nämlich mathematische Urteile fällt, so können wir sehen, dass er viel mehr, als man gewöhnlich glaubt, Zuschauer ist. Die mathematischen Urteile machen sich vielmehr selber, und der Mensch ist gerade auf dem Gebiete der Mathematik mehr eine Art Automat.
Daher gehört es auch zu den Eigentümlichkeiten der Mathematik, dass man wirklich den Drang hat, die ganze Mathematik zu einer Art Automat zu gestalten. Man zählt nur bis zehn in unserem Zahlensystem, dann zählt man die Zehner und so weiter. Dadurch wird das ganze Rechnen innerlich automatisiert. Es besteht wirklich eine innere Gesetzmäßigkeit in den Zahlen, die in einer Art mathematischem Automatismus an die Erde gebunden ist. Beim Menschen wirkt dieser Automatismus nicht so stark, weil der Mensch herausgehoben ist aus diesem Automatismus und die Urteilskraft doch eintritt und niederhält den ganzen mathematischen Automatismus.
Nun ist es merkwürdig, wie da die ganze geistige Atmosphäre des Pferdes bei dem «klugen Hans» so wirkt, dass dadurch, dass nur irgendetwas angetippt wird bei diesem Pferd, gleichsam die ganze Erden-Sphäre angeschlagen wird ... und durch die andere Lage seines Rückenmarkes im Vergleich zur Rückenmarkslage beim Menschen, lebt dieses Pferd das Leben der Erde mit. Und was eigentlich nun denkt, das ist im Grunde genommen die Erde; die denkt durch den ganzen Apparat des Pferdes. Sodass man wirklich den Eindruck hat: Man hat es zu tun auf der einen Seite mit dem Herrn von Osten, der nicht braucht die einzelnen Rechen-Exempel durchzurechnen, sondern der nur überhaupt etwas Mathematisches antippt; dadurch gliedert er sich in den mathematischen Automaten der Erde ein; der überträgt sich auf das Rückenmark des Pferdes, und das kann ihn jetzt ganz selbstständig zum Ausdruck bringen, ganz durch sein Seelisches, aber die Erde ist die Vermittlerin des Seelischen. Niemals ist mir die Vermittlung des mathematischen Automaten so stark zum Bewusstsein gekommen wie in diesem Falle vom «klugen Hans».
So zeigt sich dieses Zusammenwirken des Seelischen des Herrn von Osten mit dem Seelischen der ganzen Erde. Ich musste unwillkürlich daran denken: Wenn man bei einem telegraphischen Apparat die Leitung bis hin zur Erde macht, dann braucht man nur eine Leitung zum andern Apparat. Die Erde wirkt als Ganzes mit. Man hat nur nötig, den verbindenden Draht zu ziehen: Dann ist da die Erde der mittuende Apparat. Auf mechanischem Gebiet wirkt es so, dass, wenn man in den Tasten des einen Apparates das betreffende Zeichen angibt, dann kommt das Zeichen am andern Apparat wieder. Aber wenn man es zu tun hat mit dem, wovon die Erde erfüllt ist, mit dem mathematischen Automat, dann bildet sich eine Verbindung, die man wirklich unterirdisch nennen kann, eine Art von Leitung zwischen der Erde und dem, der Kontakt hat mit dem Pferde. Das Tier muss sich einschalten lassen in den ganzen Apparat der Erde.
Zum Vergleich sei noch herangezogen, was ich vor vielen Jahren hierüber habe beobachten können. Ich lernte mehrere kleine Buben kennen; nacheinander, nicht auf einmal. Einer von ihnen war auf allen Gebieten ein recht dummer Kerl. Aber er konnte, wenn man ihm eine Aufgabe, ein Rechen-Exempel gab, zum Beispiel eine Wurzel aus einer sechs-, siebenstelligen Zahl, diese Aufgabe lösen. Er konnte große Zahlenreihen miteinander multiplizieren. Ein bedeutender Mathematik-Professor hat ihm eine Aufgabe gegeben: eine vierstellige Zahl zum Quadrat zu erheben. Der Professor hatte die Aufgabe vorbereitet. Der Bube hat rasch geantwortet, hat aus zehn- bis zwölfstelligen Zahlen Wurzeln ausgezogen. Auf einmal wurde er unruhig; es ging nicht, er wurde wild; er fühlte sich in diesen mathematischen Automat so merkwürdig hineingestellt: Der Professor hatte eine falsche Zahl zum Quadrat erhoben.
Es ist tatsächlich zu berücksichtigen, dass für diese geistige Tätigkeit die Erde maßgebend ist. Und wenn es uns gelingt, durch besondere psychische Zusammenhänge, die bestehen zwischen dem Dresseur des Pferdes, das mit einer gewissen Liebe an dem Menschen hängt, den Kontakt herbeizuführen, dann ist nicht etwa ein Nachdenken nötig, um die gestellte Aufgabe zu lösen. Dann kann ein Rechen-Exempel aufgegeben werden, welches das Pferd nicht im Kopf hat. Wenn man dem Pferd nur das Programm beigebracht hat: Das genügt, weil die ganze Mathematik ein Ganzes ist, weil daher auch alle Wurzeln im Zusammenhange stehen. Weil alles Mathematische zusammenhängt, so braucht man, wenn man das Tier dahingebracht hat, irgendetwas zum Ausdruck zu bringen, nur anzuschlagen, und es kommt das heraus, was man anschlägt. Das beruht auf dem Zusammenhang zwischen der Menschen- und der Tierseele; die Erde hat die Vermittlung. Im Bewussten beschäftigt sich das Tier mit den Bonbons, die man ihm reicht; während es im bewussten Leben nur dem Zuckerl lebt, bringt es im Unterbewussten die kuriosesten Sachen hervor. Die ganzen Vorgänge vollziehen sich durchaus in den unterbewussten Regionen. Das Pferd in seinem Bewusstsein weiß von dem allem nichts. Es hat auch nicht Zeit, vor dem Entzücken, das es ihm macht, fortwährend am Zuckerl zu knappern, noch etwas außerdem zu beobachten.