Spiritual Science and the Future of Humanity

GA 69e — 11 January 1913, Leipzig

X. Wahrheiten und Irrtümer der Geistesforschung

Wenn auf jeglichem Gebiete des menschlichen Lebens die Frage nach Wahrheit und Irrtum eine tief bedeutsame ist, so darf gesagt werden, dass auf dem Gebiete der Geistesforschung dieser Frage noch eine ganz besondere Bedeutung zukommt; dies wohl aus dem Grunde, weil dasjenige, was Geistesforschung den Menschen geben und sein will, zusammenhängt mit jenen Lebensfragen, die an die Seele nicht nur so herandringen wie die Fragen der einen oder anderen Wissenschaft, sondern die an die Seele herandringen, man möchte sagen, täglich und schließlich ausmachen das Interesse dieser menschlichen Seele, ausmachen alles dasjenige, was der Seele geben kann auf der einen Seite Trost und Hoffnung, [auf der anderen Seite] Sicherheit und Kraft im Leben.

Weit ist das Gebiet der Geistesforschung. Es erstreckt sich ja sozusagen auf das ganze Gebiet der Entwicklung einer jeden Wesenheit, mit der der Mensch in irgendeinem Zusammenhang gedacht werden kann, denn alles dasjenige, was in diesen Gebieten der Geistesforschung an den Menschen herankommt, man möchte sagen, drängt sich zusammen in bedeutsame Lebensrätsel und Lebensfragen. Eine Frage, die wirklich stündlich an uns herantritt, finden wir eingeschlossen in die bedeutungsschweren Worte der menschlichen Schicksale. Wenn wir auf der einen Seite das menschliche Wesen hereintreten sehen in das Dasein, sodass es umgeben ist schon von der Wiege an mit Not und Elend, und wir voraussagen können, dass Not und Elend vielleicht ihn (den Menschen) begleiten werden sein ganzes Leben lang, wenn wir ihn mit geringen Fähigkeiten ausgestattet finden in der Kindheit, sodass wir in einer gewissen Weise wissen können, dass er zunächst nur ein wenig nützliches Glied der menschlichen Gemeinschaft sein wird, so ist das vielleicht auf der einen Seite rätselvoll; auf der anderen Seite brauchen wir nur zu vergleichen, wie mancher andere eintritt in das Leben, gesegnet mit Glücksgütern oder ausgestattet mit bedeutsamen Fähigkeiten, sodass man wissen kann, er wird ein nützliches Glied der Menschheit werden. Äußere Wissenschaft ist gar nicht in der Lage, aufzuwerfen solche Fragen, denn diese äußere Wissenschaft erweist sich ja mit ihren Voraussetzungen von vornherein als unfähig zur Beantwortung solcher Fragen. Endlich tritt heran an den Menschen das andere, in das sich sozusagen zusammenschließt Geistesforschung: die Frage [der Unsterblichkeit], die herantritt schließlich an die Unverständlichkeiten des menschlichen Wesens.

Es darf vielleicht gerade in unserer Zeit gesagt werden, dass diese Frage an den Menschen durchaus nicht herantritt in der Art der wissenschaftlichen Fragen. Wie viele Wünsche, Hoffnungen und Empfindungen, die sich in eine wissenschaftliche Frage überhaupt nicht hereindrängen dürfen, vermengen sich in dieser Frage. Es hat in unserer Zeit genugsam Menschen gegeben und gibt deren noch, die an ein Fortleben der menschlichen Seele, wenn sich das Tor des Lebens geschlossen hat, nicht glauben und gerade ein solches Fortleben der menschlichen Seele nach dem Tode leugnen, und man darf sagen, dass materialistische Denkweise zu dieser Anschauung kommen muss. Gerade edle Naturen können sagen, es sei egoistisch, nur leben zu wollen unter der Voraussetzung, dass diese Wesenheit durchschreitet die Pforte des Todes und dann eine andere Daseinsform hat, während es selbstlos sei, hinzugeben das, was man sich errungen hat, an die Allgemeinheit. Viele wahrhaft edle Naturen haben gerade von diesem Gesichtspunkte aus die Notwendigkeit, die der Materialismus uns hier gibt, selbstloser gefunden als ein egoistisches Bedürfnis nach einem Fortleben nach dem Tode.

Wären wirklich nur menschliche Wünsche und Begierden, die Furcht und die Angst vor einem Fortleben nach dem 'Tode maßgebend, so könnte man leicht annehmen, gerade aus edlen Empfindungen heraus zu mehr materialistischen Anschauungen kommen zu müssen. Wenn man die Frage aber tiefer anfasst, entwickelt sie sich als eine eminent wissenschaftliche Frage, wenn auch Wissenschaft nicht die Mittel hat, Antwort zu geben. Man braucht nur Kenner der menschlichen Seele zu sein und man darf sagen, dass das Bedeutsamste, was der Mensch erringen kann für seine Seele, ganz individuelles Leben ist. Die Feinheit, die Eigenartigkeit, der unsere Kräfte am meisten dienen, die am meisten fördern, was wir uns erringen können, die können nicht an irgendetwas abgegeben werden; und müsste die Seele sie abgeben mit dem Tode, sie müssten verloren gehen. Daraus würde jenes bedeutsame Rätsel folgern: es verstoße solches Verlorengehen gegen die Weltordnung, dass das Beste, was sich die Seele erringen kann, verschwinden soll wie [ins] nichts. Nicht, als ob das eine Antwort wäre auf die Frage, die aufgeworfen ist. Es ergibt sich aber die Notwendigkeit, diese Frage aufzuwerfen. Fragen sind dies, welche wohl nicht in dem gewöhnlichen Sinne wissenschaftlich genannt werden können, Fragen, die vielleicht auch mancher Seele, die dahinlebt in den Tag hinein, gleichgültig sind.

Doch abgesehen davon, ob wir uns diese Fragen beantworten können oder nicht, hängt doch die Frage, wo die Quellen von Wahrheit und Irrtum zu finden sind auf diesem Gebiete, aufs engste zusammen mit unserem inneren Seelenleben und Schicksal. Ich durfte auch hier schon öfters über das Thema sprechen, was Geistesforschung zu bieten hat. Es ist natürlich nicht möglich, von Einzelnem auch nur einleitungsweise zu sprechen, und es ist auch hier nicht meine Aufgabe, über dasjenige zu sprechen, was in anderen Vorträgen gehört werden kann oder in der Literatur zu haben ist. Ich will sprechen darüber, wie der Mensch zu solchen Fragen kommt, welches die Erkenntnisse sind, sodann, wie die Quellen sind und wie der Mensch zu Irrtümern kommen kann.

Weil eine gewisse Notwendigkeit vorliegt, die Erkenntnisse der Geisteswissenschaft zu verbreiten, so soll nicht bloß gesprochen werden von Wahrheit und Irrtum auf geisteswissenschaftlichem Gebiet, insofern diese liegen auf dem Wege des Geistesforschers selbst, sondern auch in Bezug auf die Verbreitung der Erkenntnisse der Geisteswissenschaft. Das Schicksal des menschlichen Wesens, es kann ja nicht erkannt werden, wenn man bloß bei dem stehen bleibt, was die Sinnenwelt gibt, und derjenige, der sich wenig auf unsere Wissenschaft einlässt, weiß auch, dass der Verstand nichts auszumachen hat über die Gründe, warum eine Seele zu diesem oder jenem Schicksal bestimmt ist. Er weiß auch, dass der Verstand nichts auszumachen hat über das Schicksal der Seele nach dem Tode, weil ja dann die Seele in dem übersinnlichen, unsichtbaren Reiche wohnt, wenn sie als solche überhaupt noch vorhanden ist. Die gewöhnlichen Kräfte also, welche der Mensch zur Verfügung hat, um die Welt zu erkennen, diese Kräfte reichen nicht aus, um diese tiefsten Fragen zu beantworten.

Da entsteht dann die Frage: Gibt es denn Kräfte in der menschlichen Seele, welche über die gewöhnlichen Sinne hinausdringen, welche nicht angewiesen sind auf den Verstand bloß, welcher an das menschliche Gehirn gebunden ist? Wenn wir zu dem Resultat kommen, dass die Seele nicht nur ein Erdenleben durchläuft, sondern dass sich dieses Leben zwischen Geburt und Tod wiederholt, und dass dasjenige, was die Seele als Schicksal trifft, sie sich errungen hat im vergangenen Leben, dasjenige, was wir jetzt tun, Ursachen bildet für ein kommendes Leben, so muss man sagen: Ganz gewiss trägt dasjenige, was durch die Geburt hereintritt ins physische Dasein, die Kräfte, die es hereinträgt, durch die Geburt herein in die äußeren Welten, und die Erkenntnis dieser übersinnlichen Welten kann Fragen beantworten, warum eine Seele in ganz bestimmte Lebenslagen kommt. Überall werden wir hingewiesen auf die Notwendigkeit solcher Fragen, auf die Notwendigkeit, zu erforschen alles das mit den Seelenkräften, was unsere Wissenschaft nicht erforschen kann.

Gibt es aber solche Kräfte in der menschlichen Seele? Es wird am leichtesten sein, uns zu verständigen darüber, wie solche Kräfte in der Seele walten können, wenn wir von den alltäglichen Erscheinungen ausgehen, die allerdings nicht so an den Menschen herantreten wie etwa das bestürzende, überraschende Ereignis des Todes, sondern welche herantreten, ohne dass der Mensch viel nachdenkt. Bekanntlich denkt der Mensch nur nach über das, was ihn überrascht; was in seine täglichen Gewohnheiten fällt, darüber denkt er weniger nach, und gerade das kann in die tiefsten Tiefen menschlichen Lebens hineindeuten. Eine solche Erscheinung, die täglich sich abspielt, ist der Zustand des Wachens und Schlafens. Rätselvoll ist der Zustand des Schlafes. Wir sind an jedem Tage gezwungen, in Bewusstlosigkeit überzugehen, in einen solchen Zustand, der Finsternis um uns verbreitet. Das ist ein bedeutsames Rätsel.

Betrachten wir diesen Zustand zunächst rein äußerlich. Wir sehen, wenn wir einschlafen, wie unser physischer Leib uns sozusagen entfällt, wie wir allmählich unfähig werden, die Glieder zu dirigieren wie am Tage. Endlich sehen wir, wie unsere Sinne aufhören, wach zu sein für uns, wie unser Verstand gleichsam lahm wird, dann gehen wir über in einen bewusstlosen Zustand. Nun wäre es schon eine Unmöglichkeit, dass alles, was im Wachzustande vom Morgen bis zum Abend sich abspielt in der Seele an Affekten, Leid, Trieben und Begierden, dass das mit dem Einschlafen verschwindet und am Morgen jedes Mal neu entsteht. Es muss da sein, auch wenn der Mensch sich dessen nicht bewusst ist.

Nehmen wir zunächst hypothetisch an, was Geistesforschung zeigt. Es kann jetzt nur darauf hingewiesen werden; es kann nicht ausführlich gezeigt werden. Nehmen wir also hypothetisch an, in dem, was wir mit physischen Augen schen, in dem, was wir mit Händen greifen können, ist ein übersinnliches Geistiges enthalten, ein geistig-seclisches Übersinnliches. Dieses sei der Träger von Schwierigkeiten, von beginnender Leidenschaft und so weiter, und dieses geistige Übersinnliche begebe sich aus dem schlafenden Zustande heraus in eine geistige Welt, sei also vorhanden. Dass dies zunächst eine Hypothese ist, sei ausdrücklich gesagt. Wir werden durch unsere Betrachtungen sehen, dass es in gewisser Weise seine Berechtigung hat. Wenn dies so ist, dann müssen wir sagen, dass dieses Geistig-Seelische auch im Schlaf vorhanden ist, aber nichts von sich weiß, wenn es in jene Welt untertaucht; es bedient sich ja des Gehirns, um die äußere Welt wahrzunehmen und sich anzueignen.

Wir können also voraussetzen, dieses Geistig-Seelische sei nicht stark genug, wenn es abgesondert ist vom physischen Leibe, um ein bewusstes Leben zu führen, es sei für dieses Leben zu schwach. Ist dem so, dann müsste allerdings die Möglichkeit vorhanden sein, diese Kräfte stark zu machen. Es müsste der Mensch also künstlich eine Art von Schlaf eintreten lassen können, so, dass doch eintreten würde die Herbeiführung eines Seelenzustandes, einerseits dem gewöhnlichen Schlaf ähnlich, auf der anderen Seite wesentlich verschieden. Die Herbeiführung eines solchen Zustandes ist in der Tat notwendig, und nur in einem solchen Zustande kann wirkliche Geistesforschung stattfinden. Es handelt sich also darum, ob das Geistig-Seelische im Menschen so stark gemacht werden kann, dass der Mensch gleichsam in eine Art künstlichen Schlafes, der kein Schlaf ist, sich versetzen kann. Dann müsste der Mensch in der Lage sein, das herbeizuführen, was im Schlaf herbeigeführt wird, dass sein Geistig-Seelisches mit dem Leib nichts zu tun hat, dass der Verstand schweigt, dass der Mensch auch äußerlich physisch ist wie im Schlafe. Im Schlaf ist der Mensch so, dass sein Inneres schweigt, abgedämpft ist, ganz in Finsternis gehüllt ist. Wenn nun der Mensch willkürlich aus seinen eigenen Seelenkräften heraus sich frei machen kann, dass er leibfrei, gleichsam entkörpert, Erlebnisse haben kann, dann erlebt er im Geiste, dann kann er durch innere Erfahrungen zunächst allerdings sich seiner selbst als geistiger Wesenheit erinnern.

Das müsste ausführbar sein, was heute den breitesten Schichten der Menschheit als Narrheit erscheint. Einen Beweis gegen die Ausführbarkeit kann es ja doch nicht geben. Es glauben die Menschen, Beweise dagegen zu haben, allein solche Menschen können sich höchstens darauf berufen, dass sie mit ihren jetzigen Kräften nichts wissen können von derartigen Dingen. Man kann aber nur von einer Sache behaupten, von der man weiß, aber nicht von einer Sache, von der man nichts weiß. Sonst macht eine solche Weltanschauung einen logischen Fehler. Es muss aber zunächst die starke Willensentwicklung gelernt werden, künstlich sich zu befreien von allen Sinneseindrücken, Schweigen zu erwirken, alle Farben- und Lichteindrücke abzudämpfen, nichts von allem wissen zu wollen, ebenso nichts von Gehöreindrücken und allen anderen Eindrücken; zum Stillstand also zu bringen das gewöhnliche Denken und so weiter. Das alles muss durch Willensübung ebenso zum Stillstand gebracht werden können wie im Schlaf. Der Mensch muss nun das, was sonst so schwach ist im Schlafe, stark machen. Das geschieht durch Meditationen und dergleichen.

Was sind das für rein geistige Verrichtungen? Denn rein geistige Verrichtungen sind es. Eine Meditation ist eine Art seelisch-geistigen Erlebens; aber es unterscheidet sich von allem anderen, an das der Mensch sonst gewöhnt ist. Wollen wir einmal ins Auge fassen, wie diese Verrichtung des Geistes aufgefasst wird. Sie unterscheidet sich auch schon dadurch von allen anderen menschlichen Verrichtungen, dass diese dazu da sind, sich Begriffe, Vorstellungen, Gefühle zu machen, um innerlich etwas Äußerliches zu empfinden, etwas Äußerliches abzubilden. Der Mensch sucht Bilder und Ausdrücke im gewöhnlichen Leben. Dadurch nur kann das gewöhnliche Leben unterhalten werden. Doch kann der ganze Sinn solcher Einrichtungen, die so für das gewöhnliche Leben bestehen, nicht maßgebend sein für die Seelenentwicklung, die geistig gefordert worden ist. Für diese Seelenentwicklung ist alles, was geistig gedacht, vorgestellt, empfunden und gefühlt, gewünscht werden kann, nur da zur inneren Selbsterziehung, um die Seele weiterzubringen, um die Seele gleichsam innerlich mit Kräften auszustatten, also nicht, was man fühlt, was man als äußere Wahrheit anerkannt durch sein Denken und Empfinden, darauf kommt es an, sondern darauf, was dieses Denken, Fühlen und Empfinden in der Seele hervorbringt, was es aus der Seele macht.

Damit stehen wir schon auf einem ganz anderen Boden, als es der Boden des gewöhnlichen Lebens, der Wissenschaft ist. In einer gewissen Weise muss der Mensch frei werden von dem, was seine Begriffe bedeuten, von dem, woran seine Empfindungen sich schließen, und muss ganz mit seiner Seele hingegeben sein irgendeiner Übung. Es ist am besten, wenn der Mensch nicht solche Vorstellungen für die Meditation nimmt, die etwas Äußerliches darstellen, denn dabei fühlt man die Abhängigkeit von der äußerlichen Welt. Am besten sind für die Meditation Vorstellungen, welche ganz allein in der Seele leben können.

Eine Vorstellung, die dem äußerlich materiell Denkenden töricht sein wird: Man stelle sich vor, jemand habe zwei Gläser vor sich, das eine mit Wasser, das andere leer. Jetzt stelle man sich vor, er gieße aus dem einen Glas Wasser in das andere hinein und das teilweise gefüllte würde nicht leerer, sondern immer voller, und je mehr er abschüttet, desto voller wird das Glas.

Es ist das kein äußerlicher wirklicher Vorgang. Darauf kommt es auch nicht an, sondern darauf, was dieser in der Seele hervorrufen kann. Es kann ein Symbolum sein für Folgendes: Es weist uns hinein in ein Gebiet des Lebens, das uns [auf der einen Seite] immer und immer wieder in dessen Tiefen hineinführt, auf der anderen Seite uns immer wieder Lebensrätsel aufgibt, dasjenige, was wir mit «Liebe» zusammenfassen, von der leidenschaftlichen Liebe angefangen bis hinauf zur seelischen Form der Liebe. Unsummen von Menschenleid können zusammengefasst werden in dieser Vorstellung, und eine Eigenschaft hat die Liebe: die Eigenschaft, dass der liebende Mensch, wenn er aus der Liebe heraus etwas für den anderen tut, hingibt sein geistiges Gut, dass er nicht ärmer und leerer wird, sondern voller und voller.

Es ist doch nicht so ganz töricht, sich solche Bilder und Sinnbilder zu bilden. Auf anderem Gebiet ist der Mensch gewöhnt, sich solche Sinnbilder zu bilden [wie eine] Medaille. Die Medaille ist kreisrund. Wir brauchen uns gar nicht weiter zu kümmern, sondern zeichnen einen Kreis auf. Alle Eigenschaften des Kreises gelten für die Medaille.

Es kommt nicht darauf an, ein Objekt zu erkennen, um vielleicht die Liebe in ihrem Wesen ergründen zu können, sondern dass man eine Vorstellung hat, die emanzipiert ist von der äußeren Wirklichkeit. Bedenken wir, was dadurch geschieht, wenn man es zuwege bringt, die Seele leer zu machen von allen Verstandesurteilen, von allen äußeren Eindrücken, und dass man den ganzen Umfang der Seelenkraft nur konzentriert auf eine solche Vorstellung, die man sich zurechtgerückt hat. Sonst im Leben verteilen wir die mannigfaltigsten Seelenkräfte, die wir in uns haben, auf die mannigfaltigsten Vorstellungen aus dem Verhalten des Menschen. Wir haben oft die Seele zugleich mit vielem beschäftigt. Wir entleeren die Seele nun vollständig davon und konzentrieren uns vollständig auf eine solche Vorstellung, zum Beispiel des Wohlwollens, der Güte. Wir müssen uns ausschließlich darauf konzentrieren, darin leben, und wenn wir Geduld und Ausdauer genug haben, solche Übungen immer und immer wieder zu machen, dann werden wir es tatsächlich dahin bringen, dass schlafende Kräfte in unserer Seele wachgerufen werden. Wir lernen, uns, während wir sonst ein mehr leidendes, passives Wesen sind, in ein tätiges Wesen zu verwandeln, und erfassen uns so zunächst an uns selber. Nur genügt es nicht, nur ein paar solcher Seelenübungen zu machen, sondern es hängt alles davon ab, Geduld zu haben, die Seele so zuzubereiten, dass sie immer Regsamkeit fühlt.

Dann kommt ein Zeitpunkt, an dem die Seele sich wie neugeboren fühlt, dadurch, dass sie nicht mehr nötig hat, sich solche Bilder zu bilden, solche Vorstellungen vor sich hinzustellen, sondern diese treten dann wie aus den Tiefen der Seele selber auf, und der Mensch lebt dann in der Tat wie in einer neuen Welt, die aus den verborgenen Untergründen auftaucht. Wenn der Mensch so weit ist, dann beginnt eigentlich erst die eigentliche Geistesschulung, denn dann tritt vor ihm eine neue Welt auf. Aber was ist diese Welt? Um uns zu verständigen, was diese Welt ist, wollen wir hinweisen darauf, dass der heutige materialistische Mensch, wenn es sich um die imaginative Welt handelt, glaubt: Das sind Einbildungen, Phantasien, das ist gleich zu achten dem, was in der kranken, pathologischen Seele auftaucht.

Wenn wir erkennen, dass man mit dieser imaginativen Welt erst am Anfang ist zur Geistesforschung, dann vergleichen wir, was der Geistesforscher durch Meditation erlangt hat, mit dem, was man in einer ungesunden Seele erleben kann. Eine Eigenschaft, die Ihnen wohl bekannt sein wird, die treffen wir bei kranken Menschen an, die Eigenschaft, dass solche Menschen den unerschütterlichen Glauben haben, dass sie einer objektiven Welt gegenübertreten, und es ist vergeblich, ihnen das ausreden zu wollen. Sie bringen mit größtem Scharfsinn alles vor, woran man gar nicht gedacht hat, womit sie den denkenden Verstand bemeistern. Würde der Geistesforscher niemals in der Lage sein, hier Wahrheit und Irrtum zu unterscheiden, so würde er sich eben nicht von einer solchen kranken Seele unterscheiden. Es handelt sich darum, wie man sich dazu verhält.

Schon daraus können Sie ersehen, dass es zunächst sich um nichts anderes handelt als um Gebilde, die aus dem eigenen Inneren auftreten, die also nichts anderes zu sein brauchen als Widerspiegelungen desjenigen, was der Mensch im eigenen Innern hat. Der Mensch hat Kräfte rege gemacht, inneres Leben geweckt, das vorher nicht da war, er hat aber doch in nichts anderem gelebt als in sich selber. Was vor ihm steht, ist zunächst nichts anderes als die Widerspiegelung seines eigenen Inneren. Weil diese Widerspiegelung von dem Menschen so erlebt wird, so ist es außerordentlich schwer, nun den Entschluss zu fassen, der von dem wirklichen Geistesforscher nun gefasst werden muss. Es ist durchzubringen die Erkenntnis, dass man es mit nichts zu tun hat als mit den Widerspiegelungen des eigenen Innern, dessen, was man in der eigenen Seele trägt. Aber es genügt nicht allein, dass der Geistesforscher weiß, dass alles nur Widerspiegelung des eigenen Innern ist, sondern [dass er] tatsächlich auch die Stärke hat, die ganze imaginative Welt zu unterdrücken, sodass sie nicht mehr da ist.

Es gibt auch die Möglichkeit, dass Menschen zu derartigem Erleben kommen ohne Schulung. Solche Menschen sind dann gewöhnlich verliebt in derartige Erlebnisse. Der Mensch ist gewöhnlich ungeheuer froh, wenn eine solche Welt in ihm auftritt. Es ist deshalb nur durch starke Willenstrainierung zu erreichen, dass der Mensch, wenn er zum Geistesforscher werden will, die ganze imaginative Welt unterdrückt, sodass sie nicht mehr da ist. Er unterdrückt damit eigentlich seine eigene Wesenheit, wofür er sich trainiert hat. Man bemerkt dann erst, wie sehr man in sich selbst verliebt ist.

Es gehört zu den stärksten Willensanstrengungen, diese Widerspiegelungen zu unterdrücken. Der Mensch lebt schon im äußeren Leben in Selbstliebe, und dies verstärkt sich, wenn dies innere Leben beginnt. Jetzt soll man unterdrücken, wofür man sich angestrengt hat. Es muss aber geschehen. Dann aber, wenn man dies ganz unterdrückt hat, den starken Willensentschluss entwickelt hat, auszulöschen diese Widerspiegelungen, so hat man die Imaginationen abgelöst und muss warten, bis sie wiederkommen. Dann kommen sie in einer neuen Gestalt wieder, sodass es dann unmöglich ist, zu verkennen, man habe es jetzt mit einer objektiven Welt zu tun. Wer mit solchen Dingen bekannt ist, der findet es begreiflich, dass zahlreiche Menschen diesen Vorgang einfach ableugnen, aus dem Grunde, weil alles dasjenige in der Ausführung nicht leicht ist. Dann aber, wenn eine neue Welt heraufgekommen ist, nachdem der Mensch die erste imaginative Welt unterdrückt hat, dann weiß man in dieser neuen Welt ebenso zu unterscheiden zwischen Phantasterei und Wirklichkeit. Es gilt für viele, die Welt sei unsere Vorstellung. Und wenn schon eine solche Philosophie behauptet, man könne über die Vorstellung nicht hinauskommen, dann würde es umso leichter sein, zu sagen: Wie soll man dann noch unterscheiden zwischen Vorstellung und Wirklichkeit? Dieser Satz ist leicht widerlegbar. Es ist eine Banalität, die ich sagen werde, das macht aber nichts. Der Limonadengeschmack auf der Zunge bei bloßer Vorstellung - damit lässt sich aber kein Durst löschen.

Es gibt keinen logischen Beweis dafür, ob eine Sache wirklich ist oder nur eine Vorstellung ist. Der Beweis kann nur durch das Leben geliefert werden. Aber durch die Erfahrung wird auch genau unterschieden zwischen Vorstellung, bloßer Phantasievorstellung und dem, was real ist; oder sollte der Mensch nicht unterscheiden können zwischen vorgestelltem heißen Eisen und wirklichem heißen Eisen? Dasselbe gilt auch für den Kant’schen Satz, dass drei wirkliche Taler nicht mehr oder weniger enthalten als drei mögliche Taler. Mit wirklichen Talern kann man eine Schuld bezahlen, mit möglichen nicht.

Man mag sagen, bei Geistigem sei das doch anders, da könne das, was man erschaut, doch wirklich eine Selbstsuggestion sein. Das wirkliche Leben gibt den Unterschied. Man muss aber erst drinstehen im wirklichen Leben. Das Leben allein entscheidet über die Realität, und so [ist es] auch auf geistigem Gebiete. Es bringt uns das Üben der Seele, das Hervorrufen von Erkenntniskraft in der Seele dazu, den Unterschied zu machen zwischen Vorstellung und Wirklichkeit. So bringt es der Mensch dahin, den Zustand hervorzurufen, der allerdings dem Schlafzustand ähnlich ist dadurch, dass der Mensch sich nicht seines Leibes bedient. Dann, wenn der Mensch zu dieser imaginativen Erkenntnis gelangt ist, geht es hinauf zu höheren Stufen, wo der Mensch tatsächlich anfängt, das um sich zu haben, was man eine geistige Welt nennt, und nicht nur in der Weise, wie zwischen Tod und einer neuen Geburt, sondern so, dass sie hereintritt in seine gedachten Vorstellungen, an die man sich erinnert. Der Mensch gelangt zur Erkenntnis von Wahrheiten über die jenseitige Welt. Wie die charakterisierten Fragen durch Meditationen zu lösen sind, muss in der Literatur nachgelesen werden. Es handelt sich darum, dass, wenn der Mensch auf diese Weise versucht, Erkenntnisse zu erlangen, der Irrtum wirklich nicht so auftritt, wie er dem äußeren Wissen gegenüber auftritt, sondern dass der Irrtum dann überall hervorspringt. In der äußeren Welt werden wir korrigiert durch mancherlei, woran wir gewöhnt sind. Auf diesem Gebiete gibt es nicht so leicht eine Korrektur. Der Mensch ist auf sich selbst angewiesen.

Es gibt zunächst zwei Dinge, die berücksichtigt werden müssen. Sie können heute nur angeführt werden als Erfahrungssatz. Es sind dies zwei Dinge, die der Mensch in die Geisteswelt hineinträgt, weil er ja seine ganze Seelenverfassung hineinträgt, die Art seiner Urteilskraft, seine moralische Verfassung. Was trägt der Mensch hinein in diese geistigen Welten? Was der Mensch als gute oder schlechte Urteilskraft entwickelt, trägt dazu bei, ob der Mensch in der richtigen Weise Anregung erhalten wird. Gesunde Urteilskraft wird seine Seele in der richtigen Weise rege machen. Was in seiner Seele leben muss, wird dadurch regelmäßig entwickelt, wie unsere normalen Augen und Ohren. Wie also schlecht beschaffene Sinne sich zur Welt verhalten, so verhält sich in der Seele das, was herangebildet wird, wenn der Mensch sich nicht bemüht, gesunde Urteilskraft zu erhalten. Wer in die geistige Welt hineingehen will, muss von gesundem Menschenverstand ausgehen.

Das Zweite, was wir hineintragen müssen, ist eine gesunde moralische Seelenverfassung und Seelenstimmung, eine solche Seelenstimmung und Seelenverfassung, welche in gewisser Weise es dahin gebracht hat, frei zu sein von Seelenstimmungen. Wenn ein Mensch unmoralische Seelenstimmungen hineinträgt, so wirkt das nicht wie ungesunde Urteilskraft, sondern es wirkt unmoralische Seelenstimmung wie betäubend, nur nicht auslöschend, sondern schlechte Bilder hervorrufend, unwahre Bilder. Bloße Täuschung der Seelenwelt gegenüber wäre bloß zurechtzurücken durch die Urteilskraft; was hervorgerufen wird als Blendwerk durch unmoralische Seelenstimmung, das ist da und an das glaubt man, wenn nicht zugleich mit der geistigen Schulung auch die moralische Tatkraft einsetzt.

Denn es ist in der Geistesschulung zu berücksichtigen, dass der Mensch von manchem frei werden muss, wovon er nur schwer frei wird, wenn er objektiv forschen will. Wir wollen vom gewöhnlichen Leben ausgehen. Da finden wir eine Erscheinung, welche eigentlich überall studiert werden kann. Wir finden Menschen, die sind Materialisten und glauben nur an Natur und Gesetz. Solche Menschen meinen, dass derjenige, der nicht nur an Natur glaubt, eben ein Tor sei, und dass alles Unsinn ist, was nicht auf materialistischem Gebiete erklärbar ist. Dagegen gibt es Idealisten, welche wenig gewöhnt sind, mit Materie umzugehen. Sie sind mehr gewöhnt und achten mehr Menschen mit einem ausgesprochenen Seelenleben. Sie sind daher besser geeignet, die Welt und ihre immateriellen Verhältnisse zu erkennen. Es gibt Realismus und Spiritualismus, und der größte Fehler ist im gewöhnlichen Leben, dass jeder schwört auf seinen «Ismus». Was ist dieser «Ismus» anderes, als was sie sich eingebildet haben: der Ausdruck ihres eigenen Selbst. Sie lieben es daher. Der Idealist liebt seine Ideen und so weiter. Weiter blickende Geister wie Goethe sind in der Tat nicht so gestimmt, dass sie sagen: Ich bin ein Idealist, von meinem Standpunkt ist die Sache so -, sondern gerade bei Goethe können wir sehen, wie er überzeugt ist von dem, was dem eigentlichen Materialisten eigentlich als Torheit gilt.

Vor uns lebt sich die Welt der materialistischen Erscheinungen aus, und man muss die Materie und das Gesetz studieren - und man wird einsehen, dass das, was Materie gewährt, seine Berechtigung hat. So hat man auch dasjenige, was der Welt und ihren materiellen Erscheinungen angehört, auch durch diese materiellen Erscheinungen zu erklären. Man kann sich sehr wohl einlassen auf die Erklärungen, welche der Materialist gibt für die Materie. Goethe sagt: Zwischen den verschiedenen einseitigen Richtungen eröffnet sich der Weg in die Wahrheit hinein. - Man muss erkennen, dass die Welt eine äußerst mannigfaltige ist und dass man die verschiedenen Gebiete durch die verschiedensten Denkformen und Vorstellungsarten ergreifen muss. So wird man es eben immer wieder treffen, dass man die Materie auf materialistische Weise erklären muss. Will man Geistesforscher werden, so ist es notwendig, dass man schon im gewöhnlichen Leben sich zurechtfindet. Man kommt darüber hinaus, wenn man Selbsterkenntnis übt, die oft recht schwer ist. Wenn man Selbsterkenntnis objektiv zu üben versucht, merkt man bald, welchen Standpunkt man einnimmt. Es hat dies weiter keine Bedeutung außer in unserem Seelenleben. Man ist dann eher geneigt, auch anderen einen solchen Standpunkt zuzugestehen. Solche Vorstellungen sind notwendig.

Der Geistesforscher muss erkennen, dass Standpunkte für Weltgebiete da sind, und dass man gleichsam die Möglichkeit haben muss, die Welt im Ganzen zu ergreifen, dass man ihr von den verschiedenen Seiten mit den verschiedenen Standpunkten beikommt, wie man erkennt die Form eines Baumes dadurch, dass man ihn von verschiedenen Seiten fotografiert. Ein materialistisches und ein idealistisches Weltbild kann beides richtig sein. Diese Erkenntnis muss man gewinnen durch Selbsterkenntnis. Durch Selbsterkenntnis sucht man die Einseitigkeit zu überwinden.

Es nimmt sich vieles in der Praxis anders aus als in der Theorie, wenn man sich die Mühe nimmt, es ernstlich auszuführen. Einen Standpunkt hat man erobert, und wenn man die Eingeschränktheit desselben einsieht, fühlt man den Boden unter sich wanken. Der Standpunkt, den wir uns errungen, ist unser eigenes Selbst. Und darum muss man solche Gefühle eben durchmachen, sonst kommt man vom eigenen Selbst nicht los, sonst bleibt alles subjektiv geformt. Dieses «Von-sich-Loskommen» ist es, worauf es ankommt. Wenn hier von Irrtümern die Rede ist, kann man nicht sagen: Das sind Wahrheiten und das sind Irrtümer. Man wird von den Irrtümern frei durch Selbsterziehung, wenn man von sich loskommt, wenn man die Standpunktgeschichte aufzugeben vermag. In nichts ist der Mensch so vernarrt als in seinen Standpunkt.

Er muss aber noch weiter gehen. Er muss nicht nur von dem, was wir Standpunkt nennen, loskommen, sondern loskommen von dem Subjektiven seines Denkens und Fühlens. Man muss Selbsterkenntnis üben, doch das dringt ein wie von selbst, wenn die Geistesschulung in der richtigen Weise vorgenommen wird.

Wenn wir der geistigen Welt gegenüberstehen, sind wir außerhalb des gewöhnlichen Lebens, in dem wir sonst stehen. Wir stehen uns gegenüber, sind selbst eine Sache geworden. Sonst leben wir uns, jetzt stehen wir uns selbst gegenüber wie einem äußerlichen Dinge. Der Geistesforscher reiht sich ein in die geistigen Dinge, wenn er in die geistige Welt aufstrebt. Wir vergleichen uns mit der geistigen Welt. Dieser Vergleich fällt gewöhnlich nicht günstig aus. Das ist leicht begreiflich, denn wenn der Mensch beginnt, sich selbst zu erkennen, so weiß er dann alles, was ihm fehlt. Der Mensch schrickt zurück vor der Selbsterkenntnis. Es ist in der Tat wahr: Selbsterkenntnis ist dasjenige, dass wir uns entreißen dasjenige, was wir geliebt haben. Wir schweben in der Luft. Wir haben bisher in einer gewissen Weise empfunden; wir müssen das als eng begrenzte Persönlichkeit ansehen. Wir haben in einer gewissen Weise gedacht - eng begrenzte Persönlichkeit. Jetzt erst merkt der Mensch, wie er in sich selbst verliebt ist. Selbsterkenntnis ist nicht nur deshalb, weil so schwer zu erreichen, schwierig, sondern auch deshalb, weil sie moralischen Mut erfordert, weil man sich aus sich heraussetzt, dasjenige, was man war, neben sich setzt; weil man in eine neue Seelenverfassung kommt, die man ganz ungewöhnt ist.

Diese Stimmung erlebt zu haben, das ist es, was notwendig ist, um Irrtümer zu vermeiden auf dem Gebiete der Geistesforschung. Die Irrtümer kommen aus uns. Immer müssen wir diesen Eindruck erneuern können, uns selbst neben uns hinstellen, dann wissen wir, was auszuschalten ist; dann wissen wir die Irrtümer auszuschalten. Auf dem Gebiete der Geistesforschung ist es nicht wie in der gewöhnlichen Welt, wenn man den Irrtum wiederholt. Wir müssen Irrtümer bekämpfen auf Schritt und Tritt, sie sind Realitäten. Wahrheiten müssen auf geistigem Gebiete auf Schritt und Tritt geschöpft werden, denn wenn wir alles dies einsehen, dann erst können wir uns verständigen darüber, welchen Wert Erkenntnisse der geistigen Welt haben, denn es kann ja der Einwand gemacht werden: Dann hat die geistige Welt nur Bedeutung für diejenigen, die hineinschauen können. So ist es nicht: Nur derjenige, der die geistige Welt erforschen will, muss hineinschauen können. Einsehen kann sie jeder unbefangene Mensch.

Wie verhält sich der Geistesforscher zu der gewöhnlichen Seelenverfassung? Ein Maler muss viel lernen, ehe er ein Bild vor sich hinstellen kann. Beim Betrachten des Bildes sieht dann der eine nur die Farbenzusammenstellungen, der andere sieht nach demjenigen, was durch den Maler hineingelegt worden ist, und gerade denjenigen, der am tiefsten erlebt, den würde stören, wenn ein Theoretiker kommt und ihm erklärte, wie Farben gemischt werden, oder wenn jemand Auseinandersetzungen machen würde über Kunstgeschichte und so weiter. Man steht vor dem Bilde: Kann man erfassen, was hineingelegt worden ist, so erfasst man es, und man braucht kein Maler zu sein. So ist es auch mit dem, was der Geistesforscher zutage fördert.

Dann muss der Geistesforscher das, was er erforscht, in Begriffe bringen, die den Menschen seiner Zeit geläufig sind, die für den gesunden Sinn durchdringbar sind; und dann empfängt es der andere als Zuhörer oder Leser, nur darf der Mensch nicht mit Vorurteilen an das herantreten, was der Geistesforscher zu sagen hat. Dann sieht er durch gesunden Sinn dasjenige ein, was der Geistesforscher heruntergebracht hat. Nicht ist es etwa so, dass nur dasjenige eingesehen werden könnte, was der Geistesforscher bringt, wenn man diese Urteilskraft anwendet; das, was die Seele bewegt, wird in hinreichender Weise gegeben, auch wenn sie nicht selbst Geistesforscher ist.

Der Geistesforscher selbst hat nichts von seinem Forschen, wenn er nur dort bleibt und die Dinge anschaut, wenn er, was er sieht, nicht herunterbringt, [so] dass er es anderen Menschen mitteilen kann. In dem, was durch Geistesforschung gegeben werden kann, sind der Geistesforscher und derjenige ganz gleich, der nur durch gesundes Wahrheitsgefühl die Dinge aufnimmt. Weil dies so ist, so kann auch nur mit Berücksichtigung dieser Eigentümlichkeit von Wahrheit und Irrtum ein gedeihliches Verbreiten der Erkenntnis der Geistesforschung geschehen, und hier muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass also die Wahrheit dessen, was Geistesforschung zu sagen hat, verkündet werden kann von dem Geistesforscher, und dass alles eingesehen werden kann von dem gewöhnlichen Verstand, wenn man unbefangen genug ist. Mit dem ganzen Umfang der Wissenschaft kann nachgeprüft werden, was durch Geistesforschung gesagt wird, mit einer halben Wissenschaft nicht. Wenn es auf der einen Seite richtig ist, dass das natürliche Wahrheitsgefühl sich jederzeit überzeugen kann von dem, was der Geistesforscher hervorbringt, so muss auch gesagt werden, dass dieses Wahrheitsgefühl auch angewendet werden muss gegenüber dem Geistesforscher, und hier stehen wir vor dem Irrtum in der Verbreitung.

Man kann diejenigen, welche die Geistesforschung ablehnen, verstehen. Es sind dies noch nicht einmal diejenigen, welche dem Geistesforscher Sorge machen. Solche fühlen doch manchmal die Verpflichtung, zu prüfen, und es wird für sie schon einmal die Zeit kommen, wo sie aus ihrem Gefühl, prüfen zu müssen, das sehen, was viele schon gesehen haben. Nicht um seine Gegner aus solcher Art ist der Geistesforscher besorgt. Viel mehr Sorge machen ihm manche seiner Bekenner.

So wahr es ist, dass manche Menschen ohne Grund ablehnen, so wahr ist es auch, dass viele Menschen sich ohne Grund zu Bekennern machen, einfach auf das hin, was man Autoritätsglauben nennt. Daher kommt es, dass viele gar nicht den gesunden Menschenverstand anwenden. Für solche Menschen gibt es gar keine Möglichkeit, zu unterscheiden zwischen dem Scharlatan, der alles Mögliche redet, wovon er nicht viel weiß, und demjenigen, der mit Gewissenhaftigkeit zu forschen versteht. Für den gesunden Verstand kennt man immer diese zwei Erscheinungen. Man weiß, dass beides immer nebeneinander gegangen ist und die Menschen wenig geneigt waren, zu unterscheiden. Moralisch nicht feststehende Menschen sind deshalb einer gewissen Gefahr ausgesetzt, denn sie unterliegen der Versuchung. Seinen Grund hat dies darin, dass der Geistesforscher und jeder, der in die Geisteswelt hineinschauen kann, als etwas ganz Besonderes angesehen wird. Das ist [ein] ungesundes Urteil in der Verbreitung der Geistesforschung, denn dadurch, dass jemand hineinsieht, ist er nichts weiter als ein Forscher auf diesem Gebiet, nur ist das, was hier zu erfahren ist, viel wichtiger, als was auf anderen Gebieten erforscht werden kann. Aber der Mensch ist kein anderer oder höherer oder besserer Mensch dadurch, und wenn man berücksichtigt, dass der Tor seine Torheiten und der Gescheite seine Gescheitheit hineinträgt, so wird man jemanden, der aus der Geistesforschung etwas mitzuteilen weiß, nicht für ein höheres Wesen halten. Man kann ihn danach beurteilen, was er mit anderen gemeinsam hat. Der Wert des Menschen liegt in seiner moralischen Seelenverfassung.

Wer das Leben der Seele im geistigen Sinne erkennt, der wird wissen, wie die Sehnsucht der menschlichen Seele, der Trieb der menschlichen Natur gerade nach den Lösungen hin geht, die eigentlich nur aus der Geisteswissenschaft heraus gegeben werden können. Umso mehr ist es notwendig, dass diese in gesunder Weise sich verbreite, denn sie soll dem Menschen die Möglichkeit geben, sein Schicksal zu verstehen, damit aber auch die Möglichkeit, sein Schicksal in entsprechender Art zu erleben, damit er nicht haltlos im Leben steht.

Das, was uns Geistesforschung zu geben vermag, ist Lebensweisheit, die uns zum Dasein stärkt und kräftigt. Derjenige, dem die Stärkungen und Kräftigungen der Geisteswissenschaft fehlen, der wird sehen, dass ihm auch nach und nach Stärke und Kraft zum Leben überhaupt fehlen. Geistesforschung wird immer mehr und mehr werden eine Notwendigkeit der Zeit. Umso mehr liegt die Notwendigkeit vor, ihre Quellen, Wahrheiten und Irrtümer zu erkennen. Wenn der Mensch sich einlässt auf solche Richtungen und Gedanken, wie sie heute nur skizziert werden konnten, dann gelangt er zu dem, was der Geisteskultur immer mehr und mehr diese Geistesforschung wird sein können, und das wird ihn innerlich stärken in der Anerkennung dieser Forschung, in dem Durchdrungensein von der Wahrheit dieser Forschung, und er wird ruhig gegenüber denjenigen, die auf diese Forschung nicht eingehen wollen. Er bleibt ruhig, sodass uns diese seine Ruhe erscheint als das Zeichen der gleichmäßig erlangten Überzeugung durch die Geisteswissenschaft. Dann versteht er, wenn er in die Dinge selbst hineingeschaut und hineingedacht hat, die Worte, mit denen wir abschließen wollen die heutige Betrachtung als mit einem empfindungsgemäßen Abschließen, denn das Beste, womit Geisteswissenschaft abschließen kann, ist das, was sich zusammenschließen lässt in eine Empfindung; Wahrheit und Irrtum wird selten so beschaut als gegenüber allem, was Geisteswissenschaft und ihre Kraft erschüttern kann. Wir müssen demgegenüber so dastehen, wie etwa Goethe gegenübergestanden hat einer Sache, die sich vergleichen lässt mit der Art, wie der Geistesforscher sich zur Geistesforschung verhält. Er hat sich einmal auseinandersetzen müssen mit einer großen philosophischen Schule, welche die Bewegung leugnet, sodass die Menschen sagten, es gebe eigentlich keine Bewegung.

Goethe, der durchdrungen war von der Wesenlosigkeit solcher Anschauungen, der fand Worte, die treffend aus einem gesunden Wahrheitssinn die Widerlegung sagten. Er sagte:

Es mag sich Feindliches eräugnen,
Du bleibe ruhig, bleibe stumm;
Und wenn sie Dir die Bewegung leugnen,
Geh ihnen vor der Nas’ herum.

Wer Geistesforschung in richtiger Weise versteht, kann sich in ähnlicher Weise verhalten gegenüber den Widerlegungen der Geistesforschung wie Goethe hier.

German original of Truths and Fallacies of Spiritual Research · ← Previous · Next →