Spiritual Science and the Future of Humanity

GA 69e — 3 January 1913, Cologne

IX. Irrtümer der Geistesforschung

Sehr verehrte Anwesende! Auf dem Gebiet der Geistesforschung, von dem gestern hier gesprochen worden ist, da ist mehr noch als auf irgendeinem anderen Gebiet der Erkenntnis des Lebens notwendig, nach den Quellen der Irrtümer zu forschen. Es ist aus dem Grunde ganz besonders notwendig, weil auf den Wahrheitswegen, von denen wir gestern gesprochen haben, auf Schritt und Tritt sozusagen der Irrtum lauert, und weil die Natur des Irrtums in Bezug auf die Erforschung der geistigen Welten eine ganz andere eigentlich ist als bei der Erforschung der sinnlichen Welt, in der der Mensch zunächst lebt. Man darf sagen, dass gewissermaßen ein altes Wort des großen Philosophen Aristoteles sein kann wie ein Leitspruch auf dem Weg des Wahrheitssuchers in die geistigen Welten hinein. Dieses Wort klingt zunächst einfach, seine Befolgung ist jedoch recht schwierig. Es heißt:

Nur derjenige kann die Wahrheit erkennen, der da aufgehört hat, die eigene Meinung zu lieben.

Bei allem, was Lebenserfahrung, was Lebensweisheit ist, gilt schon dieser Spruch; in ganz besonderem Maße gilt er aber auf dem Gebiet, mit dem wir es hier zu tun haben. Im äußeren Leben wird ja dasjenige, was in diesem Spruch liegt, sozusagen überall außer Acht gelassen. Was hören wir öfter bei den Menschen betonen als: Dies ist mein Standpunkt über irgendeine Sache, dies ist meine Meinung. Und gerade in unserer Zeit wird immer wieder und wieder hervorgehoben, dass es doch berechtigt sei, und einzig berechtigt sei, wenn ein jeder Mensch sozusagen seinen Standpunkt, seine Meinung über irgendeine Sache zur Geltung bringe. Man kann selbstverständlich durchaus bis zu einer gewissen Grenze eine solche Forderung des Lebens zugeben, aber zur wirklichen Wahrheit, namentlich zur Wahrheit auf geistigem Gebiet, kann ein solcher Gesichtspunkt nicht führen. Denn die eigene Meinung — man hat sie sich gebildet im Leben ganz nach der persönlichen Erziehung, den persönlichen Verhältnissen, in denen man gelebt hat, nach dem Teil der Welt, der einem gerade entgegengetreten ist; und es gehört eigentlich nicht viel dazu, einzusehen, dass diese Meinung, welche eine einzelne Persönlichkeit sich gebildet hat, unter allen Umständen zum Mindesten eine eng beschränkte Geltung nur haben kann.

Nun liegt aber auf dem Gebiet des geistigen Lebens die Sache so, dass in ganz anderer Weise als in irgendwelchen sinnlichen Gebieten dasjenige sich hineinschiebt, wenn wir Forschungen anstellen, was wir als unsere Meinungen, unsere Lebensauffassung, unseren Standpunkt mitbringen. Im gewöhnlichen Leben, wo wir es zu tun haben mit den Außendingen, da können wir sagen, dass der Irrtum sich auf Schritt und Tritt selbst korrigiert. Wenn wir uns eine falsche Meinung bilden über diese oder jene Wesenheit oder diesen oder jenen Vorgang der sinnlichen Welt, so brauchen wir ja nur den Augenschein dieses Wesens, diese Tatsache selbst auf uns wirken zu lassen, und das unrichtige Urteil wird sozusagen beseitigt. Wir können nicht mit einem unrichtigen Urteil über eine Sache an diese Sache selbst herantreten, ohne dass uns die Sache Lügen straft. Auf geistigem Gebiet ist das ganz anders. Dort handelt es sich ja darum, dass alle Wesen, alle Tatsachen ihre ganz besondere Färbung erhalten durch dasjenige, was wir als die eigene Seelenkonstitution, als das, was in unserer Seele lebt, entgegenbringen, und eine falsche Meinung tragen wir mit in die geistige Welt hinein; es legt sich wie ein Schleier über die entsprechende Beobachtung. Und wenn wir an dieser falschen Meinung festhalten wollen, dann kann uns die geistige Tatsache, die eben verschleiert ist durch unsere Meinung, sie kann uns nicht Lügen strafen. Sie hüllt sich in das Kleid unserer falschen Meinung und erscheint uns in einer ganz falschen Gestalt.

Wenn wir wiederum - ohne ihn als berechtigt für die Geistesforschung anzuerkennen und ohne dass dadurch etwas gewonnen werden soll - auf den Mediumismus hinweisen wollen als auf das Gegenbild der wahren Geistesforschung, so geschieht dies nur zur Erklärung. Diejenigen Menschen, welche in der gestern schon besprochenen Art durch Medien oder Somnambule irgendwelche Kundgebungen haben wollen aus den geistigen Welten, die sind gewöhnlich auf eines ganz stark bedacht, und zwar darauf, dass ihr Medium nicht etwas aufnimmt, sagen wir, geisteswissenschaftliche Wahrheiten oder irgendwelche Überzeugungen von bestimmten Gesichtspunkten aus, über die geistige Welt. Denn die Menschen, die sich der Medien bedienen, haben mit Recht Furcht davor, dass in dem Fall, dass das Medium gewisse Gedanken aufgenommen hat über die geistige Welt in das gewöhnliche Bewusstsein und Seelenleben hinein, sich die Tatsache einstelle, dass, wenn das Medium in seinen schlafartigen Zustand versetzt ist, das, was es aufgenommen hat, wiederum herauskommt in seinen Offenbarungen, dass sich sozusagen einmischt das Persönliche in dasjenige, was das Medium offenbaren soll. Und es glauben solche Menschen, dass sie nur dadurch zu wirklichen, sachlichen Offenbarungen der geistigen Welt, die hinter der physischen Welt steht, kommen können, wenn sie alles Persönliche aus dem Medium ausgeschaltet haben, wenn es sozusagen gar nicht veranlagt ist, etwas Persönliches in seine Offenbarungen zu legen.

Wonach streben solche Menschen? [Sie streben danach], auszuschalten das Persönliche, alles, was von anderswo hereinkommt als aus den unterbewussten Untergründen des Mediums. Daher geben die Menschen auch das meiste auf solche Offenbarungen der Medien, von denen man bestimmt wissen kann, dass die Medien nicht irgendwie mit der betreffenden Sache in Verbindung gestanden haben. Wenn das Medium in einer Sprache spricht, von der man weiß, dass sie ihm unbekannt ist, dann wird am meisten gegeben auf solche Offenbarungen, und mit Recht. Zur Erläuterung kann dienen dasjenige, was solche Personen anstreben, die sich der Medien bedienen. Denn wenn auch Geistesforschung nichts von dem verwendet, was von dieser Seite kommt, so gilt doch auch für den wahren Geistesforscher, der sich selbst zu einem Instrument macht, um in die geistigen Welten einzudringen, dass er abstreifen muss das Persönliche, also dasjenige, was nur am eigenen Seelenleben haftet und seinem eigenen Seelenleben eigen ist.

Dies ist eine schwierigere Aufgabe, als man gewöhnlich glaubt, denn dazu ist notwendig etwas, was sozusagen für das gewöhnliche Bewusstsein außerordentlich schwer verständlich ist. Es ist notwendig [das, was] man in der Geistesforschung nennt «die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle». Als Schwelle ist da gemeint die, welche abgrenzt das Gebiet der Sinneswelt von der geistigen Welt. Was ist dieser «Hüter der Schwelle», wenn wir ausgehen von dem gewöhnlichen Leben und seinem Verhalten zur Wahrheit? Denn jener Hüter der Schwelle ist im Grunde genommen die Summe derjenigen Kräfte und Mächte, welche den Menschen im gewöhnlichen Leben von wahrer Selbsterkenntnis abhalten und welche ihn, wenn er ein Geistesforscher werden will, zu dieser Selbsterkenntnis führen. Aber im gewöhnlichen Leben ist Selbsterkenntnis eben keine leichte Sache, und [das] gerade deshalb, weil die menschliche Seele eben haftet an dem, was sie sich aus ihren Erlebnissen, aus allem, was ihr entgegentritt, gebildet hat. Und dadurch entstehen eben die verschiedenen Gesichtspunkte, die Kämpfe der Meinungen, wo einander entgegentreten Materialismus und Spiritualismus, Realismus und Idealismus und viele andere Standpunkte, die die Menschen mit Hingebung vertreten, die es aber unmöglich machen, dass die Menschen einander verstehen, gerade in Bezug auf die wichtigsten Dinge.

Wie verhält es sich denn eigentlich mit diesen Standpunkten? Derjenige, der das menschliche Seelenleben im Verhältnis zu dem übrigen Dasein ins Auge fasst, der wird bei der entsprechenden Vertiefung bemerken können, dass Idealismus, Materialismus, Realismus und so weiter als menschliche Meinungen deshalb entstehen, weil der Mensch immer nur ein beschränktes Gesichtsfeld hat und sich aus diesem dann seine Meinung bildet; und diese seine Meinung liebt er, und die Liebe ist es eigentlich, die ihn für diese Meinung begeistert und die es macht, dass er diese Meinung für das einzig Mögliche hält und andere Standpunkte bekämpft. Diese Liebe ist im Grunde genommen Selbstliebe. Das, was wir uns errungen haben, was mit uns so zusammenhängt, dass wir eigentlich die Sache selbst werden - es ist begreiflich, dass wir es lieben. Geben wir es auf, so geben wir uns selbst auf. Das ist ja das Bedeutungsvolle des Hängens an gewissen Lebensstandpunkten, dass jeder fühlt: Wenn er sie aufgibt, gibt er sich selbst auf, denn sein ganzes Ich hat die Färbung des Standpunktes angenommen. Der Mensch kann nicht anders als diesen Standpunkt bejahen.

Da gibt es Menschen, die durch ihr Leben oder die Richtung ihrer Wissenschaft, durch ihre Beschäftigung mit rein äußerlichen Dingen, welche in ihren Vorstellungen leben, Menschen, die gewohnt sind, ihre Augen nur zu heften auf dasjenige, was Material ist an den Dingen, Materialisten werden; ihre Aufmerksamkeit wird abgelenkt von allem, was nicht materiell ist, und sie sind Materialisten, nicht, weil der Idealismus falsch ist. Denn derjenige, welcher wirklich etwas versteht von den Meinungskämpfen, der wird bald einschen, dass die Materialisten für ihre Behauptungen manche guten Gründe vorzubringen haben. Aber auch die Idealisten haben diese, und schlechte Gründe für den Idealismus sieht eigentlich nur derjenige, welcher befangen ist in seiner materialistischen Richtung. Der Mensch stellt sich lediglich dem Idealismus entgegen, pocht auf den Materialismus, wenn er die Denkgewohnheiten annimmt, dadurch, dass er nur mit materiellen Dingen zu tun hat. Andere Menschen werden sozusagen von der Härte und Dichtigkeit der Materie weniger berührt. Sie werden mehr hingewiesen durch ihre Anlagen und Verhältnisse auf die Kämpfe und Siege des menschlichen Lebens. Solche Menschen werden Idealisten. Sie sehen die Gründe ein, die für den Idealismus sprechen, und da sie nie gelernt haben, zu beachten die Gründe, die für den Materialismus sprechen, so betrachten sie den Materialismus als den großen Irrtum, der bekämpft werden muss.

Und so könnte man alle geistigen Richtungen charakterisieren; man würde sie immer wieder zurückführen müssen darauf, was die Menschen für Anlagen und Verhältnisse haben. Solche aber, die zu einem umfassenderen Horizont gekommen sind, wie Goethe, die wussten, - und das weiß jeder, der unbefangen die verschiedenen Weltanschauungen betrachten kann — Goethe wusste, dass alle Standpunkte eine gewisse Einseitigkeit haben und dass man im Grunde genommen für und gegen jeden Standpunkt vieles vorbringen kann. Das sehen allerdings auch manche andere Menschen ein, dann kommen sie leicht zu der Meinung, dass zwischen den verschiedenen Standpunkten die Wahrheiten der Mitte liegen, wodurch sozusagen ein Ausgleich gefunden werden kann. Derjenige aber, der auf diesem Gebiet die Wahrheit kennenlernen will, ist zu vergleichen mit einem Menschen, der sich zwischen zwei Stühle setzt. Das Richtige aber würde es sein, je nachdem die Verhältnisse es ergeben, eben beide Stühle zu benützen. Dazu wird derjenige kommen, welcher menschliche Meinungen in ihr Verhältnis zu bringen versteht zu dem umfassenden Weltganzen.

[Goethe sagt]: Nicht zwischen den verschiedenen Standpunkten liegt die Wahrheit, sondern zwischen diesen liegt erst die Aufgabe, der Weg zur Wahrheit. Was heißt das? Das heißt: Wenn man die einzelnen Weltanschauungen betrachtet, muss man sagen: Der Materialismus ist voll berechtigt auf materiellem Gebiet, und derjenige, der mit Spiritualismus die materielle Welt erklären will, wird nichts zutage bringen. [In] die Welt des Materialismus gehören Begriffe des Materialismus, und der Fehler des Materialismus ist nicht der, dass Materielles mit Materialismus erklärt wird, sondern, dass man auch das geistige Gebiet mit Materialismus erklären will. Umgekehrt ist es für den Spiritualismus. Der schwärmerische Idealist wird überall vom Geistigen und geistigen Kräften reden; er ist wie einer, der eine Uhr betrachtet und das Werk der Uhr nicht auf mechanischem Wege erklären will, sondern einen Dämon darinnen sucht, der die Zeiger vorwärts rückt. Das ist das, worauf man kommt und kommen muss, wenn man über die verschiedenen Weltanschauungen, die doch nur Meinungen sind, zur Wahrheit kommen will: dass man das Berechtigte und Begrenzte der verschiedenen Anschauungen ins Auge zu fassen vermag.

Was hindert den Menschen, das zu tun? Je nach dem Gebiet der Welt und des Lebens liebt der Mensch seinen Standpunkt mit wahrer Eigenliebe; er kann nicht aus sich heraus, kann sich nicht versetzen in einen anderen Standpunkt. Deshalb wird es einem ja auch so übel genommen, wenn man Haeckel betrachtet und sich in dessen Geist versetzt und nicht überall die Tendenz hat, von einem spirituellen oder ideellen Standpunkt aus Haeckel zu bekämpfen, und wenn man sich anderen Geistern zuwendet und sie ebenso objektiv betrachtet. Der wahre Geistesforscher muss sich hineinversetzen können in das Positive und das Negative der verschiedenen Standpunkte. Denn es ist eine Eigentümlichkeit der menschlichen Natur, dass, wenn der Mensch eine solche Methode, wie sie gestern auseinandergesetzt wurde, auf seine Seele anwendet, [dass] dann mit ihm gehen seine Meinungen, seine Standpunkte. Das können wir besonders bei den entgegengesetzten Standpunkten - Idealismus und Materialismus - sehr wohl beobachten.

Derjenige, der so im Leben steht, dass er alles Geistige ablehnt, der im strengsten Sinn Materialist ist, wird nun allerdings gar keine Methode, wie gestern geschildert, auf seine Seele anwenden; alles das gilt ihm als Unsinn und Torheit. Er hat von seinem materialistischen Standpunkt [aus] recht. Derjenige aber, der als Geistesforscher nicht nur die materielle Wirkung im Leben sieht, sondern hineinschauen kann in das Gesamtgetriebe des Lebens, in die geistigen Kräfte, die hinter dem Sinnlichen stehen, der weiß, dass es nicht die materielle Meinung ist, die diesen Menschen, der ablehnt alle Methoden der Geistesforschung, nicht zu diesen kommen lässt. Leugnen kann der Mensch, wenn er will, die geistige Welt. Aber diese geistige Welt ist nicht nur in einem abgetrennten Geisterreiche vorhanden, sondern diese geistige Welt ist überall in der sinnlichen, in der materiellen Welt auch vorhanden. Auch in der Materie, die allein der Materialist betrachtet, ist überall Geist vorhanden. Aber dieser Geist, der nur im Materiellen sich auslebt, das ist der Geist, die Kraft, die vor allen Dingen, wenn sie durch den Menschen wirkt - und sie tut das, wenn er die Denkgewohnheiten hat, nur im Materiellen sich zu bewegen -, bewirkt, dass er unfähig wird, überhaupt die Seelenbesinnung, die Seelenrichtung auf den Geist zu lenken. Es steckt in allem materiellen Dasein etwas, was auf uns so wirkt, dass es uns vom Geist abzieht, ablenkt. Da sehen wir, wie der Irrtum wirkt.

In unseren Ideen der Geistesforschung, wie sie jetzt versuchen, sich hineinzustellen in das geistige Kulturleben der Gegenwart, nennen wir diesen Geist, der in der Materie lebt und dort als eine Kraft wirkt, die den Menschen verfinstert gegenüber der geistigen Welt, den ahrimanischen Geist. Es ist dieser Geist derselbe, den Goethe darstellt im Faust als Mephisto, der den Faust begleitet, der jeden Menschen begleitet, weil jeder Mensch sich mit der materiellen Welt befassen muss. Das also ist die Kraft, die uns verfinstert gegenüber der geistigen Welt. Die Materialisten können wohl den Geist ableugnen mit ihren Begriffen, aber es wäre ein schwerer Irrtum, zu glauben, dass sie der Realität des Geistes etwas anhaben können. Er rächt sich an ihnen und verdunkelt ihre Anschauungen. Das ist die eigentümliche Wirkung in der Seele des Materialisten, dass dieser Geist einen Wall aufrichtet, dass der Mensch die geistige Welt nicht schauen kann; so leugnet der Materialist die geistige Welt, weil der Geist der Materie ihm dieses Leugnen eingibt. Leugnen kann man ihn, aber sich ihm nicht entziehen, und das, was als Materialismus herumschwirrt in der Welt, ist tatsächlich die Eingebung des [ahrimanischen] Geistes. Recht hatte Goethe, indem er seinen Faust so den Müttern entgegentreten lässt, dass Mephisto das geistige Reich als ein Nichts vorführt. Faust aber sagt: «In deinem Nichts hoff’ ich das All zu finden.» - Der Materialist sollte sich gestehen, dass er zu einem gewissen Völkchen gehört, von dem Mephisto sagt:

Den Teufel spürt das Völkchen nie,

Und wenn er sie beim Kragen hätte.

Es ist eben der materielle Geist, den das Völkchen nicht spürt und der ihm den Materialismus eingibt. In solcher Weise zeigt sich uns, wenn man nur tief genug geht, wie der Materialismus sich aufhebt, indem er selbst ein Erzeugnis des Geistes ist.

Nehmen wir nun den Standpunkt des Idealisten. Er will nichts wissen vom Materialismus, er hat sich Vorstellungen und Empfindungen gebildet, die ihn nur in geistige Sphären führen. Einem solchen wird es gewiss nicht einfallen, das Gesagte auf sich anzuwenden, aber die Einseitigkeit des idealistischen Standpunktes zeigt sich gerade in diesen Punkten. Wenn der die Materie ablehnende Idealist die gestern angeführte Methode auf sich anwendet und Einlass gewinnt in die geistige Welt, tritt ihm dort seine Art des Vorstellens und Empfindens, seine ganze Gesinnung entgegen; er trägt sie in diese Welt hinein, und die Folge davon ist, dass dieser Mensch zwar eintreten kann in die geistige Welt, aber er sieht alles durch die Brille seiner Meinung, seiner Vorstellungen, und [er sieht], dass es in der geistigen Welt eine große Summe von solchen Wesenheiten gibt, die man dämonische Naturen nennt, die nicht in der äußeren Welt auftreten, sondern in der geistigen Welt leben - es sind Wesen mit einem zu geringen Gewicht für unsere Welt - und die den Menschen von der Welt ablenken, zu der er doch gehört, da er als Mensch in einem physischen Leibe geboren ist; so wird der Idealist, wenn er engherzig ist, sehr leicht hineingetrieben werden in gewisse Methoden in der Welt, die wir die dämonische[n] nennen. Er steht dort so fest, dass er, wenn er früher von der Materie sozusagen nichts verstand, sie jetzt flieht. Die Menschen kommen dann in alle möglichen falschen asketischen Richtungen hinein. Er will mit der Materie gar nichts mehr tun haben, und sein Irrtum führt ihn zu einer Entfremdung mit der Welt, zu der er doch gehört. Er verfällt in Einsamkeit.

Gerade an diesem Beispiel sehen wir, dass die Irrtümer auf geistigem Gebiet verhängnisvoller sind als auf sinnlichem Gebiet. In der sinnlichen Welt werden die Irrtümer korrigiert; auf geistigem Gebiet sind die Irrtümer so wie Wirklichkeiten, die uns entgegentreten, obwohl diese Wirklichkeiten selbst von uns hereingetragen werden. Wir können nicht hindurch. Alle Irrtümer [auf geistigem Gebiet] wirken auf unsere Persönlichkeit wie Wirklichkeiten. Auf sinnlichem Gebiet kann man von Irrtümern frei werden durch die Widerlegung; auf geistigen Gebieten gibt es keinen Weg als den Kampf, denn man muss das, was einem wie wirklich entgegentritt, bekämpfen. Auf dem Gebiet der Geistesforschung wird daher der Kampf nicht ein bloß logischer sein, sondern eine fortwährende geistige Arbeit, ein Ankämpfen gegen die Mächte des Irrtums, denn dort sind die Irrtumsmächte.

Die Frage entsteht nun: Wie können wir den Weg finden, um in entsprechender Weise tüchtige Kämpfer gegen den Irrtum auf geistigem Gebiet zu werden? Wir können dies durch wahre Selbsterkenntnis! Wie kommen wir schon im [gewöhnlichen] Leben über die Einseitigkeiten des Materialismus, Spiritualismus, des Idealismus und Realismus hinaus? Dadurch, dass wir einmal im Leben den Entschluss fassen, nachzusehen, wie wir eigentlich zu unserer Meinung gekommen sind. Das ist ein schwerwiegender Entschluss - weniger schwer zu fassen als durchzuführen. Wenn wir in strenger Selbstschau unser Leben zurückverfolgen und uns fragen, wie wir zu der oder jener Denkungsrichtung gekommen, wenn wir prüfen, wodurch sich die Gesinnungen und Meinungen ergeben haben, dann setzen wir uns sozusagen selbst zusammen, dann kommt ein Zeitpunkt, wo es uns schwer werden kann, wo unser Gemüt großen Widerständen sich entgegengesetzt fühlt. Ob man nun Materialist oder Idealist gewesen [ist] oder auf einer anderen Meinung beharrte, die man für die einzig richtige hielt - dann fühlt man: Man hat diese Meinung nur erhalten durch sein eigenes Erleben. Dann kommt der Zeitpunkt, wo man erst fühlt, was Meinung, was Weltanschauungen eigentlich sind.

Solange man unbefangen mit der Welt verkehrt und seine Anschauungen mit sich führt, wird man gar nicht darauf aufmerksam, wie schr man seine Meinung liebt; wenn man sich aber einmal zurückzieht von der Welt und einsieht, wie man Materialist, wie man Spiritualist geworden ist, dann kommt man darauf, sich zu sagen: Ja, im Grunde genommen, wenn du diese oder jene Gedanken nicht mehr hast, was bleibt von dir noch? Dann wirst du ja ganz leer? - Man fühlt, wie man Stück für Stück aus sich herausschneidet. Was dann kommt, ist jener furchtbare Moment des Lebens, wo man sich selbst so sich entschwinden sieht, wo man auf die Entstehung seiner Meinung den Blick lenkt. Niemand aber kann zu einer Weltanschauung kommen, der nicht Selbsterkenntnis übt. Dann hört man auf, auf seine Meinung zu pochen, dann versteht man erst den Spruch des alten Weisen Aristoteles:

Nur derjenige kann die Wahrheit erkennen, der da aufgehört hat, die eigene Meinung zu lieben.

Dann fängt man erst recht an, seine Meinung zu lieben, wenn man sie verlassen muss, wie man auch bei einem Wesen die Liebe dann erst recht fühlt, wenn man es verliert. In dem Augenblick, wo man den Ursprung seiner Meinung erkennt und lernt, sie aufzugeben, dann liebt man sie erst. Das ist das, was unser Gemüt erlebt.

Wenn man nun dazu kommt, sich erst zu sagen, die vielen Standpunkte sind berechtigt, dann fühlt man eine Weile, wie wenn man zwischen den verschiedenen Standpunkten in der Luft schwebe und ohne Boden dastünde mit seinem Seelendasein in der Welt. Das übt Selbsterkenntnis aus, wenn man sie als Lebensweisheit betrachtet, ohne die Schwelle zu übertreten. Aber es führt ein gerader Weg von dieser Selbsterkenntnis, wenn sie energisch durchgeführt wird, wirklich in die Welt hinein, auf die gestern aufmerksam gemacht wurde. Denn derjenige, dem nicht ein Spiel mit Begriffen bleibt, was beschrieben worden ist, der es innerlich erlebt, mit innerlichem Schmerz, derjenige, der das mit aller Energie erlebt, der Wärme hat für das, was in der Welt geschieht, wer nicht kalt der Welt gegenüberstehen kann, ein solcher Mensch, der wird gerade in dieser Selbstschau eine von den Meditationen erleben, auf die gestern hingewiesen worden ist. Denn solch eine Selbstschau ist eine wichtige Art von Meditation. Wenn sie oft angestellt wird, dann tritt vor uns etwas auf, das so geartet ist wie die Imagination, die gestern gezeigt wurde, aber [eine] solche Imagination, die sich auf uns selbst bezieht. Und was dann auftritt als eine Folge der Selbstschau des gewöhnlichen Lebens, wenn man die Selbstschau so weit bringt —, was dann da auftritt, ist: Man sieht, wie man ist im eigenen Wesen. Vorher hat man nur seine Meinung gekannt, jetzt sieht man, wie weit man jeden Teil der Seele, der unter dem bewussten Leben liegt, der von Leben zu Leben geht - wie weit man ihn im jetzigen Leben gebracht hat.

Das ergibt sich dann aus der geistigen Welt selbst heraus. Da kommt man darauf, was man als Mensch eigentlich ist; darauf ist man im gewöhnlichen Leben nie gekommen. Wir beschäftigen uns nur schr selten mit uns selbst, wenn wir aber in uns hinuntersteigen, dann treten wir geistig vor uns selbst hin. Diese Selbsterkenntnis ist das, was wir genannt haben «die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle». Denn das, was in dem Teil der Seele ruht, der von Leben zu Leben geht, das zeigt sich nicht im gewöhnlichen Leben, und solange es sich nicht zeigt, können wir nicht in die geistige Welt hinein. Im gewöhnlichen Leben verhüllt uns unsere eigene Natur die geistige Welt; im Augenblick, wo wir in die geistige Welt eintreten wollen, müssen wir die genannte Begegnung mit dem Hüter der Schwelle haben, müssen unserer eigenen Wesenheit objektiv entgegentreten, der wir nun in einem wiedergeborenen Sein gegenüberstehen.

Da kommen wir dazu, die Tiefe unseres eigenen Wesens, die uns im Leben erspart blieb, zu schauen, und man darf sagen: Wohltätig ist diese Welteinrichtung, dass dieser Hüter der Schwelle sich verbirgt für das gewöhnliche Leben, denn Sie können sich leicht denken, dass der Mensch nicht immer stark genug ist, dasjenige, was er am meisten lieben muss, aufzugeben; Furcht und Schrecken vor sich selbst sozusagen würde den Menschen, der nicht vorbereitet und reif ist für die wahre Selbstschau, befallen in einem Maße, die sein inneres Seelenleben in Ungleichmäßigkeit bringen müsste. Daher verläuft alle wirkliche Schulung zu dem Weg in die geistige Welt hinein so, dass der Schüler vor der Begegnung mit dem «Hüter der Schwelle» reif gemacht wird dazu. Dass man das ausspricht, was soeben ausgesprochen wurde, kann niemals in Furcht versetzen. Erst wenn man die eigene Wesenheit vor sich hat, fühlt man, dass sie dasjenige ist, was einen hindern würde, wenn man sie nicht neben sich hätte und anschauen würde, jemals in die geistige Welt in Wahrheit einzutreten. Wahr sehen wir die geistige Welt erst dann, wenn wir diesen Hüter der Schwelle aus uns gestellt haben, wenn wir ihn betrachten als eine andere Wesenheit, das heißt wiedergeboren sind; dann können wir erst beurteilen, wie das, was wir bisher waren, die Quelle aller Irrtümer ist.

Dann tritt die große, gewaltige Tatsache vor uns auf, die sich in die Frage formulieren lässt: Woher stammen die Irrtümer der Geistesforschung? Sie stammen von dem, was wir persönlich sind; das ist vermischt mit Wahrheit und Irrtum. Wir können diese erst sondern, wenn wir uns objektiv betrachten können. Erst wenn wir in der Welt, in die wir hineinschauen, uns selbst drinnen haben, dann finden wir den Weg, um die Irrtumsmächte zu bekämpfen. Da liegt aber noch eine Schwierigkeit vor, denn das Gefühl, dem Nichts gegenüberzustehen, erhöht sich dann noch, wenn man in die geistige Welt hineintritt. Solange man in irgendeiner Weise mit der äußeren Welt zusammenhängt, so lange ist immer wieder diese äußere Welt die Ursache, dass man noch zu stark seine Eigenheit liebt. Dann aber, wenn man vor sich sieht, wenn diese Eigenheit etwas wie ein Ding der Außenwelt geworden, dann tritt die arge Versuchung an uns heran, dass wir von einer unendlichen Liebe ergriffen werden zu unserem Selbst - und nie ist der Geistesforscher mehr in Gefahr, in Irrtum zu fallen, als jetzt. Daher gehört aller Mut dazu, von diesem Augenblick an alle Selbstliebe aus dem Herzen zu reißen; man muss sie aus dem Herzen reißen, wenn man Irrtümer bekämpfen will.

So können wir sagen, dass im Grunde genommen der moralische Mut das Ausschlaggebende ist auf einer gewissen Stufe der geistigen Erkenntnis, wenn es über die Irrtümer herausgeht, und dann sehen wir es, wie es möglich wird, die Irrtümer zu bekämpfen, wenn wir die Quelle der Irrtümer, unser persönliches Selbst, vor uns hinstellen fühlen. Wenn wir dies können, dann werden wir auch einen gesunden Blick wiederum zurückwenden können in das gewöhnliche Leben; dann werden wir finden, dass sowohl jene dämonischen Mächte wie jene ahrimanischen Mächte, welche den Materialismus inspirieren, und auch die schwärmerischen Mächte, dass alle diese geistigen Mächte und geistigen Wesenheiten die Offenbarungen der geistigen Welt sind. Wir stehen dann erst der vollen Wirklichkeit gegenüber. Dann erst gewinnen wir ein gesundes Urteil über diejenigen, welche in Irrtümer der Geisteswissenschaft verfallen, dass sie im geschichtlichen Verlauf der menschlichen Entwicklung nicht an wirklich geistige Mächte - Kräfte - glauben wollen, sondern reden von Ideen, welche den Lauf der Geschichte lenken.

Im neunzehnten Jahrhundert sind Geschichtsforscher aufgetreten, die von Ideen in der Geschichte reden. Derjenige, der den Sachverhalt auf diesem Gebiete durchschaut, weiß, dass Ideen zwar im Menschen leben, zum Begreifen, dass sie aber nicht wirken können. Diese Ideen können in der Geschichte ebenso wenig wirken, als ein gemalter Maler ein Bild malen kann. Und wenn in unserem Zeitalter eine Anschauung auftritt, die verflüchtigen will eine solche Macht wie das Christuswesen, die da sagt, es könne abgesehen werden von einem historischen, einem persönlichen Christus, man könne glauben, dass einmal die Idee des Christus aufgetreten sei, so steht ebendiese Anschauung auf dem Standpunkt, dass Ideen wirken können, dass Ideen nicht bloß der Ausdruck sind für reale Wesenheiten. Dann aber erst wird einem das wirkliche Leben verständlich, wenn man wieder dahinterstehende geistige Mächte anerkennt.

Wenn man sich auf eine solche Weltanschauung einlässt, braucht man nicht selbst Geistesforscher zu sein, um zu sehen, ob seine Lehren Wahrheit sind. Der Mensch muss die Selbsterkenntnis durchmachen, zur Sicherung, zur Erhöhung seines Lebens. Das gilt durchaus, dass, wenn der Geistesforscher das, was er erforscht hat, in menschliche Ideen formt und bildet, dass dann jeder, der nur unbefangen genug ist, diese Bilder verstehen kann. Und deshalb muss durchaus betont werden, dass der richtige Weg des Zuhörers zum Geistesforscher nicht der ist, sich gläubig der Autorität des Geistesforschers hinzugeben, sondern das richtige Verhältnis des Zuhörers zum Bekenner ist das, welches hervorgeht aus der freien Beurteilung des Zuhörers. Der Geistesforscher kann selbst nur zu einem richtigen Urteil über das, was er schaut, kommen, wenn er seinen gesunden Menschenverstand, sein gesundes Denken, anwendet und wenn dieses Denken moralisch und intellektuell gesund ist. Damit stehen wir aber auf dem Punkt, wo wir nicht nur von den Irrtümern selbst sprechen können, sondern auch von den Irrtümern, die sich bei der Verbreitung der Geistesforschungen ergeben, und die sind sehr wichtig. Nicht einzelne Irrtümer können angegeben werden und ihre Vermeidung, sondern es kann nur gesagt werden, dass, wer immer gewissenhafter und gewissenhafter zur wahren Geistesforschung vordringt, der die Irrtümer vermeidet, die überall lauern. Wir werden den Irrtum bekämpfen, wenn wir uns selbst erkennen. Irrtümer ergeben sich auch, wenn nicht das richtige Verhältnis besteht zwischen denen, die Bekenner sind, und dem Geistesforscher selbst. Da haben wir ja auch heute alle möglichen Standpunkte. Eine große Zahl unserer Zeitgenossen lehnt alles ab, was von der Geistesforschung kommt. Der Geistesforscher kann solche Standpunkte verstehen. Deshalb findet er so viel Gegnerschaft, weil Geistesforschung etwas ist, was sich neu hineinstellt in unsere Kultur und worauf das Denken noch nicht eingestellt ist. Das ist die eine Art, wie heute der Geistesforschung begegnet wird. Eine Anzahl von diesen Menschen kommen allerdings, wenn sie einsehen die Irrtümer des Materialismus und nähern sich allmählich den Ergebnissen der Geistesforschung. Anders ist es bei den Bekennern. Ebenso viel wie Kritik [Lücke in der Mitschrift] der Geistesforscher erlebt sie auf der anderen Seite an falscher Bekennerschaft, die Autorität anerkennt und nicht sieht, dass alles geprüft werden kann. Vor einer genauen Prüfung schreckt der Geistesforscher nicht zurück, nur vor derjenigen Prüfung, die hervorgeht aus halber Wissenschaftlichkeit, aber nicht Genauigkeit. Es ist der richtige Standpunkt, das zu nehmen, was der Geistesforscher bietet, sich anregen zu lassen und dann durch den Verstand zu prüfen, durch den es prüfbar ist. - Aber neben den ablehnenden Menschen gibt es viele, die es bequemer finden, statt zu prüfen einfach zu glauben. Und von diesen Menschen geht ja die Art von Bekennerschaft aus, die vor allen Dingen zu Irrtum über Irrtum bei der Verbreitung der Geistesforschung führt. Weil man nicht prüft, sondern hinnimmt das, was der Geistesforscher gibt, so gilt der Geistesforscher einem solchen gläubigen Bekenner als so etwas wie ein höheres Tier. Weil er hineinschaut in die geistige Welt, gilt er als ein höheres Wesen.

Richtig denkt man, wenn man [einen] solchen Geistesforscher nicht als ein besonderes Wesen ansieht. Der Wert eines Geistesforschers hängt nicht davon ab, dass er in eine geistige Welt hineinschauen kann, sondern von seiner moralischen und intellektuellen Qualität. Das ist sozusagen ein Gebiet rein menschlichen Forschens, weil seine Ergebnisse zusammenhängen mit allen Hoffnungen und Sehnsuchten des Menschen, und wie man nicht höher gilt, weil man mathematische oder geometrische Wissenschaft betreibt, so sollte man nicht höher gelten, weil man Geistesforscher ist. Wenn man hineinschaut in die geistige Welt, braucht man noch kein Urteil zu haben über das Geschaute, man kann hineinschauen und vieles sehen und den größten Unsinn und die größten Irrtümer aus dieser Welt heraus erzählen. Erst dann, wenn man sozusagen den Geistesforscher als nichts anderes betrachtet als ein Instrument, durch das die geistigen Wahrheiten hereinströmen in die Welt, und dann selbst prüft, erst dann hat man das richtige Bekenner-Verhältnis zu der geistigen Welt. Wie könnten sich sonst so leicht Scharlatane neben die wirklichen Geistesforscher hinstellen? Aber wer nicht prüfen will, kann auch nicht unterscheiden zwischen dem, was auf gewissenhafte Weise gewonnen worden ist, und dem, was auf falschem Wege, ja schwindelhaftem Wege gewonnen worden ist.

Der Geistesforscher kann sich vor seinem Bekenner nur dadurch retten, dass er nicht verführt wird, zu sicher zu werden durch den Glauben, den man ihm entgegenbringt. Es gibt Naturen, die, wenn sie sehen, dass sie als etwas Besonderes angesehen werden, alles Mögliche mitteilen, was nur auf falschem Wege gewonnen worden ist. Deshalb machen sich Scharlatanerie und Humbug oft [nicht] unterscheidbar. Und viel weniger schädlich in Bezug auf die Verbreitung der Geistesforschung sind die kritischen Gegner, solange sie nicht von ihrer Sehnsucht getrieben sind, als die blind gläubigen Anhänger. Auf keinem Gebiet ist Autoritätsglaube schlimmer und schädlicher als auf dem Gebiet der Geistesforschung, und auf keinem Gebiet ist dieser Glaube so zu Hause. Eine gesunde Verbreitung von Geistesforschung und Geisteswissenschaft in unserer Zeit, die innerhalb dessen, was sie verbreitet, Irrtümer vermeiden will, muss vor allen Dingen darauf bedacht sein, Autoritätsglaube auszuschalten von aller Verbreitung der Geisteswissenschaft.

Von diesem Ideal sind wir allerdings in vieler Beziehung noch weit entfernt durch die Bequemlichkeit der Vielen, weil sie nicht mehr prüfen, ob das auch berechtigt ist, was der Geistesforscher sagt. Wenn ihnen das Gebotene gefällt, so nehmen sie es auf blinden Autoritätsglauben hin an. Immer ist es möglich, anzuwenden den gesunden Verstand auf das, das dargestellt wird in der Geisteswissenschaft, und wenn man sieht, dass der Geistesforscher bemüht ist, die Resultate seiner Forschungen in so streng von [Lücke in der Mitschrift] Bilder zu legen, wenn er nicht auf der einen Seite zur Schwärmerei, auf der anderen Seite zur Leichtfertigkeit hinneigt, sondern wenn man sieht, wie er alle Dinge der Geistesforschung in derselben logischen Weise behandelt wie die äußeren Dinge, erst dann ist er ein wahrer Geistesforscher. Dann, wenn er auf solchem Wege immer mehr und mehr Seelen der Gegenwart und der Zukunft der Geistesforschung sich zuneigen [sicht], dann kann der Einwand nicht erhoben werden, dass etwa [jelder gleich ein Geistesforscher sein müsste. Wie nicht jeder ein Botaniker zu werden braucht, um die botanischen Forschungen zu verstehen, so braucht auch nicht jeder Geistesforscher zu werden — obgleich es jeder Mensch werden kann.

Immer mehr und mehr aber müssen sich die Ideen der Geistesforschung verbreiten, weil wir in einer Zeit leben, in der die Seelen sich sehnen nach dem, was nur die Geisteswissenschaft geben kann. Ihre Tatsachen sind das, wonach die Seelen schon heute Verlangen tragen und immer mehr Verlangen tragen werden. Der, der den Geist der Zeit begreifen kann, der weiß, dass überall gewisse Bedürfnisse der Seele nur befriedigt werden können, wenn Geisteswissenschaft den Weg findet zu den Herzen und zu den Seelen. Da die Zeit aber schon selbst dafür sorgen wird, dass genügend Geistesforscher da sein werden, und da man nur logischen Verstand und Wahrheitsgefühl braucht, [um die Ergebnisse der Geistesforschung einzusehen], so wird man durch diese Geistesforscher den Weg finden, der einem die Perspektive eröffnet - jedem Menschen - in die geistigen Welten hinein, jene geistige Welt, aus der dem Menschen kommen kann Sicherheit, Freudigkeit, Hoffnung für das Leben, in dem er ist, und das, das sich eröffnet, wenn die Pforte des Todes sich schließt. Jene Sicherheit, die gerade mit dem Heranentwickeln der Weisheit sich gegen das Alter zu entwickeln kann, wenn unser Leib abwelkt, um sich vorzubereiten, durch ein geistiges Dasein zu gehen, um wiederzukommen auf diese Erde, um seine Arbeit fortzusetzen — das Sichere, das Gewisse werden diese Seelen, diese Persönlichkeiten finden in der geistigen Welt.

Es wird sich diese Perspektive für immer mehr und mehr Seelen der Gegenwart und Zukunft ergeben: die Möglichkeit, hineinzuschauen in diese geistige Welt. Und eine Zeit wird kommen, wo wahrhaftig jeder einzelne Mensch, nicht nur der Geistesforscher, so dastehen wird, dass [er] gegenüber allem Leugnen der geistigen Welt einen sehr einfachen Standpunkt einnehmen wird. So groß werden diese Menschen werden, wenn die Wucht der Gründe der Geistesforschung [für dieselbe immer größer werden wird]. Da werden solche sicher gewordene Seelen sich etwa verhalten gegenüber den Leugnern der geistigen Welt, wie sich Goethe einmal verhalten hat, als vor seine Seele trat jene Philosophie, die aus dem Griechentum heraus kam, die nicht mit den Gesetzen der Bewegung zurechtkommen konnte. Man sagte, es gebe keine Bewegung, die sei nur scheinbar, wenn ein Körper sich bewege, so ruhe doch eigentlich in jedem Augenblick der Körper; Bewegung sei aber doch nicht aus Ruhen zusammengesetzt, folglich gäbe es keine Bewegung. Es gab eine solche philosophische Schule! Goethe, als er von dieser Philosophie hörte, sagte da zumal:

Es mag sich Feindliches eräugnen,

Du bleibe ruhig, bleibe stumm;

Und wenn sie dir die Bewegung leugnen,

Geh ihnen vor der Nas’ herum.

Da beweist sich die Bewegung durch den Augenschein, wenn man ihnen vor der Nase herumgeht.

Wenn man sich ein wenig vertiefen könnte, in die Sicherheit der Seelen, die da kommen müssen, welche die Wucht der geisteswissenschaftlichen Beweise allmählich empfinden werden, solche Seelen werden dann den Leugnern des Geistes ebenso sicher entgegentreten wie Goethe den Leugnern der Bewegung - solche Seelen werden dann vielleicht sagen gegenüber denen, die verachten, als Torheit betrachten die Wissenschaft vom Geiste, diese sicheren Seelen werden dann vielleicht sagen:

Es mag sich Feindliches ereignen,
Du aber bleibe ruhig, bleibe heiter,
Und wenn sie dir den Geist verleugnen,
o grüble du nicht weiter.
Ja, gib ihnen am Ende gar noch recht,
s steht mit ihrem Geiste eben schlecht.

Fragenbeantwortung

Frage: Ist sich die Seele des Verstorbenen des eben beschlossenen Lebens bewusst?

Rudolf Steiner: In der «Geheimwissenschaft» ist die Art des Bewusstseins zu charakterisieren versucht worden. Wer sich informieren will, muss die dort gegebene Darstellung auf sich wirken lassen. [Man kann die Frage] mit [einem] absoluten «Ja» beantworten, aber dieses «Ja» [ist] erst [zu] erklären, und das [ist] nur durch ausführliche Darstellung [möglich].

Frage: Warum sind immer neue Verkörperungen nötig, also warum gibt es nie eine Ruhe?

Rudolf Steiner: Der Frage liegt zugrunde, dass der Fragesteller eine Ruhe, wie sie hier gemeint wird, vielleicht als etwas Wünschenswertes ansieht. Was kann mit dem Begriff der Ruhe hier gemeint sein? Ruhe, die die Ruhe des Todes ist oder irgendeine andere Art des Verhaltens? Es ist nicht herauszubekommen, was hier mit der Ruhe gemeint ist. Bei einem Vortrag können natürlich nicht alle Weltenrätsel gelöst werden, und viele Dinge müssen unbesprochen bleiben. Die Verkörperungen gehen natürlich nicht ununterbrochen fort von Ewigkeit zu Ewigkeit; sie haben einmal einen Anfang genommen, aus rein geistigem Dasein, und am Ende der Erde werden wir in einem anderen geistigen Zustand sein, nicht mehr zum Erdendasein zurückkehren. Aber in der Zwischenzeit müssen wir Verkörperungen durchmachen. Die wiederholten Erdenleben sind schon notwendig, weil der Mensch nur dadurch dem allseitigen Ausbilden und der Entwicklung des in ihm Liegenden sich nähern kann [und] sich seinem Ziel in auf- und absteigender Wellenlinie nähert. Das ist eben der Lauf der Erdenentwicklung; die Erde bleibt sich niemals gleich nach einer gewissen Anzahl von Jahrhunderten; man bedenke, was sich alles geändert hat, nicht nur in der Kultur, seit der Begründung des Christentums! Man erlebt ja große Zwischenräume, nicht kurze, zwischen zwei aufeinanderfolgenden Erdenleben. Die Seele ist deshalb in der Lage, immer Neues zu erfahren.

Frage: In welcher Inkarnation werden wir am Jüngsten Tag auferstehen, in der ersten oder in der letzten?

Rudolf Steiner: Die Inkarnation ist nichts Festes, man muss sich klar werden, wie hier das Wort «Inkarnation» gemeint ist: wie «Auferstehung» gemeint ist. Man muss erst die Paulinische Lehre vom geistigen Leib verstehen. Das hat alles überhaupt nichts zu tun mit dem physischen Leib. Dann erst kann eine Antwort auf diese Frage gegeben werden.

Frage: Was träumt nachts, die Seele oder das Gehirn?

Rudolf Steiner: Das ist leicht zu beantworten durch das, was gestern gesagt wurde. Die Seele ist im Schlafe in der Astralwelt, und der Mensch erlebt seine Träume innerlich; selbstverständlich [träumt] nicht das Gehirn, sondern die Seele.

Frage: Welchen Trost kann der Mensch in der Wiederverkörperungslehre finden, der nicht selbst hellseherisch ist, da nur der Geistesforscher seine früheren Inkarnationen schauen kann, und der andere verzweifeln müsste, weil er sich nicht selbst überzeugen kann?

Rudolf Steiner: Im Vortrag wurde gesagt: Es kommt nicht darauf an, selber in den geistigen Welten zu forschen, sondern wenn diese Dinge in Begriffe geprägt sind, kann sie jeder verstehen und der Geistesforscher hat selber davon nicht mehr, als was er durch Prägen in Begriffe aus seinem Hellsehen gewinnt. Die Wiederverkörperungslehre ist etwas, was dem Leben Sicherheit und Inhalt gibt. Also ist diese Frage im Vortrage bereits beantwortet. Man lese auch das Schriftchen «Reinkarnation und Karma». Dann wird man finden, was der Seele Sicherheit und Trost geben kann, und dass dafür gesorgt worden ist, dass der Nicht-Geistesforscher durchaus die Möglichkeit hat, das zu verstehen. Frage: Ich habe schon zwei Einführungskurse mitgemacht, aber noch nicht verstanden, wie es möglich ist, dass es den einen Menschen schlecht geht, manchen gut; oft höher entwickelten Menschen schlecht, während der reiche Wüstling keine Strafe findet, sondern noch freudenreiches Leben.

Rudolf Steiner: Das Letztere folgt nicht aus der Reinkarnationslehre, denn es ist nicht so, dass das Leben immer aufrückt, sondern [so], dass es auf- und absteigt, wie [es] eben die Ursachen [er]geben. Dass ein reicher Wüstling ein noch freudenvolleres Leben finden würde, eine solche Frage geht aus einem vollständigen Verkennen des Gesamtverlaufs des menschlichen Lebens hervor. Wenn jemand einen anderen Menschen oder sich selber beobachtet und einen anderen Menschen edel findet oder sich selber recht edel findet, oder von Leiden und Schicksalsschlägen heimgesucht, so ist das Urteil, das man im gegebenen Augenblick fällt, durchaus nicht immer maßgebend.

Ich will einen Vergleich anführen: Denken wir uns einen jungen Menschen, der bis zum achtzehnten Jahre von der Tasche seines Vaters gelebt hat, es sei angenommen, dass es nicht ein schlechtes Leben war. [Als] er 18 Jahre [alt] ist, verliert der Vater sein Vermögen. Er war vorher gerade nicht schlecht [gestellt], er kommt aber in diese üble Lage; jetzt muss er erst etwas Ordentliches lernen, während er früher nichts Ordentliches gelernt hat. Nun wird er in dieser Zeit seines Lebens diesen Schicksalsschlag als etwas recht Schweres, durchaus als unverdient betrachten. Wenn er 50 Jahre alt ist, wird er vielleicht zurückblicken und sich sagen: Wäre das dazumal nicht geschehen, dann wäre ich jetzt ein Taugenichts und wüsste gar nichts von der Welt. Mit 50 Jahren wird er [es] ganz anders beurteilen als mit 18 Jahren.

Wir sind zumeist selber nicht die richtigen Beurteiler unseres Ungeschicks. Später aber werden wir objektiver urteilen, besonders von der geistigen Welt aus im Leben zwischen Tod und Geburt, oder in folgenden Erdenleben, wenn man schon zurückschauen kann; denn das wird dann jeder erreichen; die Menschheit entwickelt sich; jeder wird zurückschauen können, was jetzt nur der Geistesforscher kann. Dann wird man sagen: Das, was erst unerklärlich schien, das machte gerade, dass ich mich stark entgegenstellen musste, dass ich Kräfte auslöste, die das Wichtigste wurden zur Fortentwicklung, zum Aufstieg. Im gewöhnlichen Leben wird man das schon sehen; man erlebt so manches. Mancher, der als angehender Geistesforscher das Leben intimer und eingehender betrachtet, wird davon zu erzählen wissen. Dann wird man zurückschauen auf das, was Freude, Lust und manches andere gebracht hat, auf Kampf, Übel, Schmerz, die er, [der Mensch], durchgemacht hat. Er blickt darauf zurück, auf alles Mögliche. Er wird sich sagen: Dafür, dass ich oft Freudiges erlebte, bin ich dem Schicksal dankbar. Aber willst du lieber deine Freuden hingeben oder deine Leiden? Dann ist man vielleicht zur Erkenntnis gekommen: Meine Freude und Beseligung will ich lieber hingeben; denn meinem Schmerz und Leid verdanke ich meine Erkenntnis. Man muss erst wissen, was aus den Ursachen wird.

Kurz, die Beurteilung einer solchen Frage soll man sich nicht so leicht machen. Geisteswissenschaft hat auf alle solchen Fragen eine im Tieferen befriedigende Antwort.

Frage: Würde dasselbe herauskommen, wenn zum Beispiel der Astralleib von mehreren Geistesforschern auf gleiche Weise wahrgenommen würde?

Rudolf Steiner: Diese Frage ist mit einfachem «Ja» nicht sinnvoll zu beantworten, weil das, was der Geistesforscher gewissermaßen imaginär als Vision wahrnimmt, sich nur dem Grade nach der völligen Objektivität anlehnt, und in höheren Welten in höherem Grade gilt, was auch in der sinnlichen Welt [gilt], dass man die Dinge von einem verschiedenen Standpunkte aus betrachten kann. Wenn eine Reisebeschreibung von derselben Gegend von zwei Menschen gemacht wird, wird trotzdem ein großer Unterschied da sein. Aber man braucht deshalb nicht überhaupt zu zweifeln, dass es diese Gegenden gibt. Und wenn wir in den immerfort flüssigen, flüchtigen Astralleib hineinschauen, dann ist es begreiflich, dass das äußere Bild verschieden sich darstellt, trotzdem die Realität ganz dasselbe ist. Deshalb kann man diese Frage wohl bejahen, wenn auch die äußeren Bilder verschieden sind, aber nicht mehr verschieden sind, als wenn zwei Menschen ein Bild von einem physisch-sinnlichen Gegenstand entwerfen; das Sehen und die Darstellung sind in einer gewissen Weise verschieden. Alles kommt an auf die Objektivität des Beobachters; es wird immer vorausgesetzt, dass wirkliche Geistesforscher die Dinge beschreiben.

Frage: Muss nicht das Abstreifen des Standpunktes so weit geführt werden, dass auch das, was der Gattung Mensch eigen ist, ausgeschaltet wird? [...]

Rudolf Steiner: Die erste Frage betrifft das Gattungsmäßige. Dieses Gattungsmäßige, was ist das eigentlich? Unter Gattung stellt sich der Mensch oft nur etwas ganz Abstraktes vor. Aber der Begriff «Gattung» kann im richtigen Sinn nur in den Reichen der Natur angewendet werden, die unter den Menschen stehen. Innerhalb des Tierreiches ist der Begriff der Gattung voll berechtigt, weil es für eine einseitige Betrachtung kein bloßer Begriff sein kann. Denn wenn Menschen, die viel ausspintisieren, finden, dass es nur einzelne Hunde gibt, also nicht den Begriff «die Hunde-Natur» oder «Wolfsnatur», ... so ist zu erwidern, dass, wenn man nur das sinnliche, einzelne Wesen, zum Beispiel das sinnliche Einzel-Wesen «Wolf», gelten lässt, und nicht das, was übersinnlich darin waltet, also nur das Materielle anerkennt, dann ist die Widerlegung leicht gegeben. Wenn das Materielle bei einem Wolf keine andere Nahrung zu sich nimmt als Lämmer, so zeigt es sich, dass der Wolf dadurch kein Lamm wird, wenn er auch nur Lämmermaterie frisst. Aber beim Tierreich interessiert uns das, was in der Gattung lebt, so, wie beim Menschen uns das Einzelne, das Ideelle interessiert. Daher hat auch nur der Mensch eine Biografie.

Manche werden das sonderbar finden, weil man auch eine Biografie von Tieren haben kann. Das soll auch nicht geleugnet werden, dass eine Hundemutter eine Biografie ihrer Hunde, eine Katzenmutter eine Biografie ihrer Katzen geben kann. Aber darauf kommt es nicht an. Ein Lehrer kann den Kindern auch aufgeben, die Biografie ihrer Schreibfedern darzustellen. Aber das, was beim Individuum das Biografische ist, das findet sich doch nur beim Menschen. Der Begriff der Gattung hat daher nur, wenn man in einer abstrakten Philosophie lebt, beim Menschen einen Sinn. Dagegen erschöpft sich wirklich beim Menschen das Ideelle nicht in der Gattung. Was durch Volk, Stammeseigenschaften dem Menschen anhaftet, das gehört bei ihm doch in eine andere Richtung als beim Tier. Dieses Gattungsmäßige, das wird vor dem Ideellen sogar abgestreift; im wahren Sinne des Wortes kann man gar nicht davon reden. Im Beginne der Erdenentwicklung war der Mensch durchaus ein Gattungswesen, aber darin lag schon die Idee, die Individuen, die alle ideell werden, sodass das Gattungsmäßige beim Menschen eine sekundäre Rolle spielt.

Frage: Ohne Zweifel hat derjenige, der dem Hüter der Schwelle gegenübertreten soll, große Gefahren zu bestehen, die er vorher nicht kennt; wie kann er sich schützen, oder gibt es keinen Schutz?

Rudolf Steiner: Der Weg wird in konkreter Weise beschritten, wenn man dasjenige befolgt, was in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gegeben ist. Dadurch werden einem auch die Eigenschaften in die Seele eingefügt, die Begegnung in rechter Weise zu bestehen. Es gibt dann zwar immer noch große Schwierigkeit, aber man hat vorher auch stärkere Kräfte erlangt.

Frage: Was ist zu sagen über Mohammed und seine Mission; warum musste er 600 Jahre nach Christus kommen?

Rudolf Steiner: Eine kurze Beantwortung dieser Frage ist nicht möglich, es würde zu allerhöchsten Missverständnissen führen. Die Antwort müsste aus den Fundamenten heraus gegeben werden. Mohammed gab 600 Jahre nach dem Christus-Impuls Inhalt einer solchen Menschengemeinschaft, die vorzugsweise veranlagt war auf der einen Seite nach dem manchmal ins Phantastische sich erhebenden Gemüt, auf der anderen Seite in der feinen Ausarbeitung des Intellekts. Er war gegenüber dem Christusimpuls etwas wie ein Rückschlag, Atavismus. Es zeigt [dies], wie die Entwicklung überhaupt geschieht: In Vorstößen und Rückschlägen; die Natur dieses Mohammedanismus muss man aus der ganzen Natur der Entwicklung heraus verstehen: der Christus-Impuls, der größte religiöse Impuls, der aber sich nach und nach einleben muss in die Erdenentwicklung, während der Mohammed-Impuls vorher sich ihm entgegenstellen musste.

Frage: Sind die Theosophen für die Leichenverbrennung? Rudolf Steiner: Theosophen agiltileren nicht für diese

oder jene Partei, sondern diese Dinge sind Erkenntnissache. Man sagt das, was wahr und richtig ist, und da kann dann ein jeder seine Anschauung zimmern, was er als Willensimpulse ins Leben aufnehmen will.

Solche Fragen können nicht in absolutem Sinne beantwortet werden. Die verschiedenen Menschheitsstufen sind verschieden, und für alle Zeiten ist nicht das Gleiche das Beste, sondern es ändern sich die Menschen, und dadurch das Hervortreten oder Minderhervortreten der menschlichen Einrichtungen. Im Ganzen war für die Zeit, die abgelaufen ist, auch für eine große Anzahl der Menschen in die Zukunft hinein noch ist die Leichenverbrennung nicht eine wichtige [richtige?] Sache, obwohl die Propagandisten der Leichenverbrennung gewissermaßen Pioniere der Zukunft sind. Aber die Menschen müssen heranreifen, alles hat nur relative Gültigkeit, so auch die Frage: begraben oder verbrennen für das eine oder andere Zeitalter. Für die geistige Betrachtung nimmt sich manches anders aus als für die äußere Auffassung.

Frage: Wie vereinbaren Sie die Anschauung, dass alle Menschen schon Erdenleben erlebt haben, mit der Tatsache, dass die Erde früher weniger und weniger bevölkert war?

Rudolf Steiner: Das ist ein bloßes Rechenexempel, und man wird sehen, dass das Besagte einfach eine gewagte Behauptung ist. Die Frage taucht fast nach jedem Vortrag auf. Die Zwischenräume zwischen zwei Leben sind nicht für alle Menschen die gleichen. Zuweilen sind viel mehr Menschen in einem Zeitalter verkörpert als in einem anderen kurz vorher. Nehmen wir an, im siebzehnten Jahrhundert seien 100 Seelen inkarniert gewesen und im sechzehnten Jahrhundert auch 100, und die Zwischenräume ihrer Verkörperungen seien verschieden, dann können im neunzehnten Jahrhundert die 100 von beiden Gruppen wieder inkarniert sein, also gibt es dann 200. Dadurch, dass die Zwischenräume verschieden sind durch das ganze Karma der Seelen, dadurch tritt eine Zunahme in gewissen Zeiträumen ein. Von etwas anderem kann der Gewissenhafte nicht reden. Die Zwischenzeit seit der letzten Verkörperung ist im Durchschnitt größer als die Zeit, die uns zum Beispiel trennt von der Entdeckung Amerikas. Wenn aber behauptet wird, dass die Zahl der Menschen zunimmt, dann muss man erst fragen: Wie kann das durch äußere Dinge bewiesen werden? Zum Beispiel: Wer hat die Zunahme für China studiert; wie ist also erst recht die Bevölkerung der ganzen Erde; oder was für Welten sind untergegangen; oder was war vor der Entdeckung Amerikas, und lange Zeit bevor Amerika entdeckt wurde? Also bei gewissenhaftem Forschen kann schon in der physischen Welt diese Behauptung nicht gemacht werden.

Frage: Was sagt der Redner zum Adventismus; wo aus Daniel und Offenbarung Johannis die Weltgeschichte erklärt wird, und jetzt die Zeit kommt, wo Christus sein Wiederkommen zugesagt und die Welt sozial und politisch geändert wird?

Rudolf Steiner: Es ist eine bekannte Erscheinung, dass die Sekten den heute charakterisierten «Standpunkt der Standpunkte» einnehmen und ganz und gar verliebt sind in ihren Standpunkt, in viel höherem Maße, als das bei anderen Menschen der Fall ist. Und jemandem, der einer Sekte angehört, eine Erklärung für dieses oder jenes Symbol zu geben, oder abzubringen, oder etwas begreiflich zu machen, ist gewöhnlich für diese Inkarnation eine reine Unmöglichkeit. Aber wer ganz begreift den aristotelischen Satz: Der kann allein zur Wahrheit kommen, der der eigenen Meinung nicht mehr achtet -, der hat den richtigen Standpunkt. Wer Geisteswissenschaft kennt, der weiß, dass die Dinge, wenn man tiefer [auf sie] eingeht, eben durchaus nicht so wörtlich und in solcher Art genommen werden dürfen, wie oft von einem solchen Standpunkt. Trotzdem nichts gegen die Frömmigkeit und das Gemütlich-Innige der Seelen, die in einem solchen Standpunkt befangen sind, gesagt werden soll und man die höchste Achtung davor haben kann. Aber dabei kommt man in solchen Sekten über die Standpunkte nicht hinaus, die die Wahrheit einengen. Wer zurücksieht in der Menschheitsentwicklung, der wird finden, dass es immer Sekten gegeben hat, die dasselbe gesagt haben. Sie haben gesagt: In 50 Jahren ist das Wiederkommen des Christus da. Er ist nicht gekommen, aber das hat die Lehren nicht widerlegt; und sooft auch durch die Tatsachen die Widerlegung eingetreten ist, das hat dem Standpunkt aber nicht geschadet. So wenig war das ein Mittel, einen solchen «Standpunkt der Standpunkte» irgendwie zu widerlegen.

Frage: Steht die Geisteswissenschaft in irgendeinem Widerspruch mit dem positiven Christentum?

Rudolf Steiner: Der Frager versteht meist unter positivem Christentum das, was just er unter Christentum versteht. Ich [kann] darauf nicht weiter eingehen, [ich] müsste viel über den Christus-Impuls, [die] Christuswesenheit sprechen.

Frage: Wie ist die Lehre von der Wiedergeburt empirisch oder philosophisch zu begreifen?

Rudolf Steiner: Da muss ich auf die Literatur verweisen, «Geheimwissenschaft» und so weiter; denn nicht ein Vortrag würde genügen, diese Frage zu beantworten; denn wenn auch ich in der Lage sein würde, noch in dieser Nacht einige Vorträge zu halten, so doch vielleicht manche Zuhörer nicht; ich will mich nicht rühmen!

Frage: Gibt es noch eine dritte Erkenntnisfähigkeit?

Rudolf Steiner: Die [drei sind] Imagination, Inspiration, Intuition; ich wundere mich ein wenig, dass Fragen gestellt werden, die gestellt werden so, als wenn die Tatsache vorliegen würde, dass man den Vortrag gar nicht angehört hätte; der ist ja eine ausführliche Antwort gerade auf diese Frage.

Frage: Ist zwischen Seele und Geist ein realer und praktischer Unterschied?

Rudolf Steiner: Nun, das geht aus der Theosophie hervor, dass man sie nicht zusammenwerfen soll. Dieses Zusammenwerfen ist historisch erst spät geschehen; ein Konzilium hat dekretiert, dass Seele und Geist [nicht] zweierlei sind, hat sie zusammengeworfen; seitdem werden sie nicht mehr unterschieden, auch nicht in der Wissenschaft; wenn die Wissenschaft auch nicht sich bewusst ist, dass sie dabei einem kirchlichen Dogma folgt. Es ist ein realer Unterschied in dem Verhalten zum Leibe. Anders verhält sich der Geist zum Leib als die Seele zum Leib und umgekehrt.

Frage: Muss nicht jemand, der in der theosophischen Anschauung groß wird, der der Anschauung dieser Anschauung erst auf den Grund geht, von ihr frei werden?

Rudolf Steiner: Das ist so, als ob jemand, der eben gegessen hat, gleich wieder essen müsste, weil sich ja doch äußerlich nicht etwas geändert hat an diesem Menschen, wenigstens nicht in vielen Fällen, weil er ja doch eben gegessen hat. Man erlangt Selbsterkenntnis, wenn man außer seinem persönlichen Selbst steht; das heißt, man erlangt durch Selbsterkenntnis Freiwerden. Wenn man nun weiter frei werden will, wo man doch schon frei geworden ist, so ist das noch weniger berechtigt wie bei der Mahlzeit. Dann hat man aber doch schon das Freiwerden vollzogen; dann ist keine Notwendigkeit, ein zweites Mal frei zu werden, von dem [nachdem?] man doch eben frei geworden ist. Der Standpunkt lässt sich dabei nicht vergleichen mit dem bloßen Materialismus oder Individualismus, denn die Geistesforschung gebraucht alle verschiedenen Standpunkte, aber nicht, um sich auf sie zu stellen, sondern um sie zu charakterisieren. Und die Wahrheit liegt nicht in der Mitte, sondern durch die Gründe, die dafür angeführt werden können, dadurch [erscheinen] diese Standpunkte so, dass sie einem das wirkliche Wahre von verschiedenen Seiten her beleuchten. Nur wer in Abstraktionen stecken bleibt, kann, was auf das eine anwendbar ist, auch auf das andere anwenden. Aber wie man im wirklichen Leben nicht bloß die allgemein menschlichen Eigenschaften an sich hat, sondern einmal Kind ist, dann Mann, dann Greis ist, und nicht fragen kann, ob man die Kindheitsstufe noch einmal abstreifen muss, so ist die Frage der Selbsterkenntnis einmal da, nicht dann noch einmal. Erkenntnis ist dann in der Welt darinnen, und von da ab beginnt für den Menschen dann die Selbsterkenntnis; das ist der Schluss der Selbsterkenntnis, die Selbsterkenntnis, die selbstlos vom Individuum erworben wird und dadurch einen selbstlosen Charakter hat.

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