Spiritual Science and the Future of Humanity
GA 69e — 2 January 1913, Cologne
VIII. Wahrheiten der Geistesforschung
Sehr verehrte Anwesende! Nachdem ich in dieser Stadt zu wiederholten Malen sprechen durfte über Gegenstände der Geistesforschung, wird es nicht unangemessen sein, einmal die wichtige Frage zu behandeln, woher die Wahrheiten dieser Geistesforschung stammen und wo Quellen des Irrtums liegen. Dies muss ja als etwas Wichtiges gerade im Hinblick auf die übersinnlichen Forschungen anerkannt werden, da die Orientierung über Wahrheiten und Irrtümer auf jedem Gebiet des menschlichen Lebens von einer nicht zu bestreitenden Wichtigkeit ist, und da, wie leicht einzusehen ist, auf einem Gebiet, durch das man sich so sehr in unsichere und Irrtümer leicht herbeiführende Regionen begibt, diese Orientierung von ganz besonderer Notwendigkeit ist. Geistesforschung führt uns ja in diejenigen Gebiete, aus denen hervorgehen die allerwichtigsten Fragen und Rätsel des Lebens, zunächst weniger diejenigen Fragen und Rätsel des Lebens, welche sich ergeben aus den verschiedenen Gebieten der Wissenschaft - die liegen eigentlich, insofern wir es mit Wissenschaft im gewöhnlichen Sinne des Wortes zu tun haben, viel mehr abseits als die Fragen und Rätsel der Geistesforschung, die uns sozusagen begegnen auf jedem Schritt, den wir im Leben machen können. Gewissermaßen können uns diese Rätsel und Fragen des Lebens beschleichen in jedem Augenblick unseres Daseins. Wenn man Umschau hält über dasjenige, was Geistesforschung, allerdings aus einem weiten Umkreis her, für das Leben geben kann, so schließt sich dies zunächst in zwei wichtigen Lebensfragen zusammen. In der einen Frage, welche sich einschließt in das bedeutungsvolle Wort «Schicksal des Menschen», das andere schließt sich ein in jenes Wort, das so eng zusammenhängt mit allen Sehnsuchten - mit allen Sehnsuchten, mit allen Zweifeln, mit allen Hoffnungen des Menschen: in das Wort «Unsterblichkeit». Nicht, als ob Geistesforschung erschöpft sei mit der Beantwortung der beiden angedeuteten Fragen oder Rätsel, aber das weite Gebiet dieser Forschung interessiert weite Kreise vor allen Dingen darum, weil sich seine Ergebnisse zusammenziehen in eine sachgemäße Beantwortung dieser Fragen.
Menschliches Schicksal! Welche Fragen, welche Rätsel liegen doch in diesen Worten. Da schen wir einen Menschen hereingeboren in das Dasein. Wir können ihm voraussagen aus der wenig sorgenden Umgebung, die er um sich hat, dass Not und Elend sein Dasein begleiten werden. Und wenn wir ihn heranwachsen sehen mit nur geringen geistigen Fähigkeiten und seelischen Eigenschaften, so können wir sagen, dass er vielleicht ein recht wenig nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft werden wird und dass er in vieler Beziehung vielleicht für sich selbst zur Last, seiner Seele zur Qual da sein wird. Auf der anderen Seite sehen wir einen Menschen so hereinkommen in das Leben, dass er von allem Anfang an von sorgenden Händen umgeben ist. Wir sehen vielleicht früh in ihm aufkeimen gewisse ganz besondere Gaben und Fähigkeiten, und wir können voraussagen, dass er sein Leben vielleicht in einem glücklichen Dasein verbringen wird, dass er zum nützlichen Glied der menschlichen Gesellschaft werden kann, dass er sein Leben vielleicht in Begeisterung und innerer Beseligung erleben kann, und das alles legt uns die Frage nach dem Warum nahe, die die äußere Wissenschaft so wenig beantworten kann.
Die andere Frage ist die nach der Unsterblichkeit. Sie tritt uns aus dem Leben heraus allerdings zunächst in einer egoistischen Weise vor die Seele: dass der Mensch begehrt das Fortleben nach diesem Leben aus seinen Hoffnungen, seinen Sehnsuchten, aus einem befriedigten oder unbefriedigten Leben heraus. Häufig wird diese Frage aus egoistischen Wünschen heraus aufgeworfen; das braucht aber nicht so zu sein. Sie kann so objektiv wissenschaftlich an uns herantreten wie irgendeine andere wissenschaftliche Frage. Wir sehen dies insbesondere dann, wenn wir bedenken, wie im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts immer mehr und mehr Menschen brechen mussten mit den alten Traditionen und Überlieferungen, denen nicht nur Zweifel kamen an einem Fortleben des menschlichen Wirkens nach dem Tode, sondern welche sogar glaubten, die Gewissheit zu haben, dass sich mit dem Tode das Bewusstsein über den Menschen für ewig schließt, das Seelenleben sich sozusagen darin aufgibt. Solche Menschen gehörten oftmals zu geistig hochstrebenden Wesen, solche Menschen sagten sich: Ich mache nicht Anspruch auf ein egoistisches Fortleben nach dem Tode; ich kann mich fügen in den Gedanken, dass dasjenige, was ich erarbeitet habe, nach meinem Tode überliefert werde der allgemeinen Menschheit. - Selbstlose Hingabe ihres Erarbeiteten und des erlebten Glückes war ihr Bestreben, wenn sich die Pforte des Todes vor ihnen schloss.
Gerade einer solchen Weltanschauung gegenüber tritt in einer wahrhaft wissenschaftlichen Weise die Frage der Unsterblichkeit an uns heran, denn wir können ja so sagen: Verträgt es sich mit alldem, was wir sonst als Gesetzmäßigkeit des Daseins kennen, dass sich also wirklich die menschliche Wesenheit einem Abschluss nähert im Arbeiten und Streben, wenn sich die Pforte des Todes schließt? Aus ethischen Gründen vielleicht könnte man sich einverstanden erklären mit solcher Hingabe, aber aus den gesetzmäßigen Betrachtungen der Weltökonomie ist es anders. Wir brauchen nur ein wenig Empfindung zu haben für das, was in der Welt durch Menschenseelen erarbeitet wird, und wir werden uns sagen: Im Laufe des Menschenlebens werden gerade durch die Kräfte der Seelen selbst wesenhaft substanzielle Tatsachen geschaffen, Tatsachen, die, da die Seelen individuell sind, einen individuellen Charakter annehmen. Solche individuellen Schöpfungen, wie sie aus der menschlichen Seele hervorgehen, die können wir nicht, ohne zugeben zu müssen, dass die Weltökonomie einen Bruch hat, ohne Weiteres aufgehen sehen in den allgemeinen Strom der Menschheitsentwicklung, denn das müssen wir fühlen: Das Beste, das Edelste, das Wichtigste, was sich unsere Seele erarbeiten kann, ist individuell, ist so, dass es nur die eine Seele in sich erarbeiten kann. Vieles mögen wir hingeben an die Allgemeinheit - unser Bestes aber würde ganz verschwinden aus der Welt, wenn die menschliche Wesenheit aufhören würde, wenn sich die Pforte des Todes schließt. Ohne Berücksichtigung unserer Wünsche, unserer Hoffnungen und Sehnsuchten stellt sich da vor uns hin die Notwendigkeit einer Betrachtung über das Unvergängliche in der Menschennatur gegenüber allem Vergänglichen.
So stellt sich vor unsere Seele die Frage, aber wenn diese Frage beantwortet werden soll, so bedarf es einer Wissenschaft, die hinausgeht über das Sinnliche, über die äußere, physische Natur. Denn nichts kann uns Antwort geben, warum diese oder jene Tatsachen an uns herantreten, wenn wir ins Leben treten. Die Frage nach dem Schicksal beantwortet uns keine Physik und Naturwissenschaft. Diesen muss es gleichgültig bleiben, wenn sie ihre Tatsachen betrachten, wie diese Tatsachen an Menschenherzen, Menschenseelen herantreten. Das Warum kann nicht in den Bereich der äußeren Wissenschaft fallen, noch weniger kann die Frage nach der Unsterblichkeit hereinfallen, da die Wissenschaft von Verstandesbegriffen, die an das Instrument des Gehirns gebunden sind, abhängt. Was sie beobachten kann, geht mit dem Tode auf, entschwindet mit dem Tode; wenn sie nicht hereindringen kann in das [Lücke in der Mitschrift], so haben wir keine Hoffnung, die Frage nach der Unsterblichkeit von ihr beantwortet zu sehen.
Die Art und Weise nun aber, wie in der Gegenwart [durch die Geisteswissenschaft] versucht wird, für solche Fragen die Beantwortung zu finden, erfreut sich allerdings eben in dieser Gegenwart keineswegs einer allgemeinen Beliebtheit. Vorurteil über Vorurteil kommt einer geistesforscherischen Betätigung entgegen; und vielleicht werden sich aus den Vorträgen selbst die Gründe ergeben, warum in den weiteren Kreisen der Gegenwart so viel Widerstand, man darf sagen, nicht nur theoretischer Widerstand, sondern sogar Gehässigkeit aufgebracht wird gegen das, was sich hereinstellt in wissenschaftlicher Weise als Geistesforschung, um die charakterisierten Lebensrätsel zur Lösung zu bringen, und manches andere zu finden, was damit zusammenhängt.
Heute soll davon gesprochen werden, wie der Mensch in die Lage kommt, wirklich hereinzuschauen in die Welten, aus denen sich die Antwort auf solche Fragen ergibt. Mit den gewöhnlichen Kräften, mit denen wir die äußere Welt erkennen, ist in dieser Welt nicht durchzukommen; und würde der Mensch nicht fähig sein, andere Kräfte als die gewöhnlichen Erkenntniskräfte zu entwickeln, so gäbe es für ihn keine Möglichkeit, in solche Welten einzudringen. Alle Fragen drängen sich in der einen zusammen: Gibt es für den Menschen eine Möglichkeit, andere Erkenntniskräfte zu entwickeln, als die sind, deren sich die [äußere] Wissenschaft bedient, die also erschöpft sind in der Beobachtung der Sinne und des an das Gehirn gebundenen Verstandes? Wenn der Mensch nur ein Sinneswesen wäre, unmöglich könnte es solche Kräfte geben. Nur derjenige kann zur Annahme von solchen Kräften kommen, der da zugibt, dass dem Sinnesleib des Menschen, dem, was man mit Augen sehen, mit Händen greifen kann, eine andere Wesenheit, eine übersinnliche Wesenheit beigeordnet, durchsetzt ist, der da zugibt, dass durchdrungen ist die sinnliche Wesenheit des Menschen von einer übersinnlichen. Und im Grunde genommen gibt eine logische Gewissheit, dass es so ist, schon eine sehr alltägliche Betrachtung, jene Betrachtung, die nur so selten angestellt wird, weil der Mensch das, was er immer erlebt, nicht für wert hält, einer besonderen Beobachtung unterzogen zu werden.
Das Rätsel des Todes bleibt allerdings für den Menschen interessant, weil er unerwartet, plötzlich, erschreckend vor ihn tritt; das aber, was täglich in derselben Weise auftritt, der Wechselzustand zwischen Wachen und Schlafen, das wird weniger beachtet; da tritt nichts an den Menschen heran, was die Ungewissheit in ihm erweckt, weil ja in diesem Wechselzustand für ihn immer wieder dasselbe auftritt. Für den aber, der einer tieferen Lebensbeobachtung sich unterziehen will, für den wird gerade der Wechselzustand [zwischen Wachen und Schlafen] von besonderer Bedeutung. Da können wir sagen: Wäre es nicht schon logisch absurd, zu denken, dass das, was sich in-der Seele abspielt an Leidenschaften, Trieben und Begierden, an Sehnsuchten und Hoffnungen, an Vorstellungen und Ideen vom Morgen bis zum Abend, dass dies alles mit dem Einschlafen ins Nichts hinuntersinkt und mit dem Aufwachen aus dem Nichts sich wiederum erschafft? Das wäre absurd; dennoch wird keine äußere Sinnesbeobachtung, kein Verstand, der an das Gehirn gebunden ist, in dem schlafenden Menschenleibe jemals dasjenige finden, was in der Seele während des Wachzustandes auf- und abwogt.
So kann wenigstens zunächst die Hypothese hingestellt werden, dass ein Geistiges in der Menschennatur ist, das im Schlafe dieselbe verlässt und beim Aufwachen wieder hineinzieht, wenn dann die menschliche Leiblichkeit von dem Seelischen verlassen wird, diese innere Wahrheit hineinzieht in geistige Welten während des Schlafes. Wenn der Schlaf vorbei ist, kommt das Geistige wieder aus der geistigen Welt in die Leiblichkeit. Das kann nicht mit dem Verstand beobachtet werden, doch wird sich dies ergeben, wenn man nur logisch denkt. Nun kann natürlich eine solche Annahme nur dann gelten, nur dann überzeugen, wenn man jenem Unsichtbaren, was beim Schlaf aus dem Menschenleibe heraustritt, beikommen kann, wenn man seine reale Wirklichkeit nachweisen kann. Wie das geschieht, das soll uns nun beschäftigen.
Beobachten wir einmal den Menschen, wie er sich der Betrachtung darbietet, wenn er schläft. Wir werden unfähig, unsere äußeren Glieder zu bewegen. Alle Sinne ersterben, die Leiblichkeit wird von einer Schwere befallen, die Kräfte werden ihr entzogen, die sie im Wachzustande hat. Wir sehen beim Einschlafen sozusagen unseren Körper uns entfallen. Aber wir nehmen auch wahr, wie mit diesem Entfallen der Leiblichkeit das Bewusstsein erstirbt, wie es langsam herabdämmert und nachher von vollständiger Finsternis und Dunkelheit umgeben ist. Wenn es aber doch vorhanden ist, das Geistig-Seelische, das während des Tages das Leibliche durchzieht, dann müssen wir sagen, dieses Geistig-Seelische ist nicht befähigt, während des Schlafes innerliche Kräfte zu entwickeln, nicht einmal solche Kräfte, dass es ein inneres Wissen von sich selbst haben kann. Es ist so schwach im normalen Menschenleben, dass es sein Selbst nicht gewahr werden kann, wenn es nicht das Instrument der Leiblichkeit haben kann. Ist ein solches Geistig-Seelisches vorhanden, für das Reale vorhanden, dass es fühlt, dass ihm der Leib abhandenkommt, dann müssen wir sagen: Dieses ist von einer solchen Beschaffenheit, dass es das Werkzeug des [Leibes] braucht, um Bewusstes zu entwickeln, um Kräfte hervorzurufen. Und wenn es sich selbst überlassen ist, ist es nicht stark genug, ein inneres Leben zu entwickeln; es kann dies nur, wenn es dem Widerstand der Leiblichkeit sich entgegenstellt.
Damit ist aber nicht gesagt, dass ein Beweis erbracht sei für sein Dasein. Dieser Beweis wird erst erbracht, wenn der Mensch dazu gelangen könnte, dieses Innerliche, das sich sonst der Leiblichkeit bedient, dieses Innerliche so kräftig zu machen, dass es auch ohne das Leibliche inneres Leben, Bewusstes entwickeln kann. Sogar für den Beweis des Geistig-Seelischen hängt alles davon ab, dass der Mensch in die Lage kommen kann, ohne Zuhilfenahme dieser äußeren Leiblichkeit, der sinnlichen Wahrnehmungen ein Geistesleben zu entwickeln. Was wäre mit einem solchen Geistesleben gegeben? Es wäre damit etwas gegeben, was dem Schlaf ähnlich und doch wieder davon verschieden ist. Wenn wir einschlafen, dann fühlen wir, wie das innere Leben aufhört, wie das Bewusstsein hinschwindet. Es schwindet hin, weil die äußeren Sinneseindrücke schweigen. Wir müssten diesen Moment künstlich durch Willkür herbeirufen können, das heißt die äußeren Sinneseindrücke zum Schweigen bringen können und dennoch einen Zustand herbeirufen, der nicht Bewusstlosigkeit ist, sondern der Bewusstsein ist. So ist oder würde sein dieser Zustand ähnlich dem Schlaf dadurch, dass wir allen äußeren Sinnen und dem Gehirn Stillstand gebieten und dadurch doch nicht Bewusstlosigkeit eintritt. Diesen Zustand muss der Geistesforscher bei sich herbeiführen.
Wir werden das am besten begreifen, wenn wir ihn vergleichen mit einem anderen Zustand, der ähnlich und doch wieder ganz verschieden ist. Wenn der Mensch fähig ist, außer seinem Leibe geistig-seelische Kräfte zu entwickeln, wahrzunehmen in einer geistigen Welt, dann dringt er ja in eine Welt hinein, die jenseits des an das Gehirn gebundenen Verstandes, jenseits der Sinne liegt; dann spricht zu ihm hinein in seine Wesenheit eine übersinnliche Welt, wie die Sinne in seine Wesenheit hineinsprechen, wenn er sich der Sinne bedient. Dadurch würde der Mensch ein Geistesforscher; und könnte eine solche Welt so erfahren werden, dann wäre das ein Eindringen des Menschen in die geistige Welt, dann wäre ein Beweis geliefert, dass allem äußerlich Sichtbaren ein Geistiges zugrunde liegt. Wenn dies aber der Fall ist, so muss dieses Geistige immer da sein, dann muss der sichtbaren Welt, die uns umgibt, ein Geistiges zugrunde liegen. Die Sache liegt nur daran, dass es sich nicht zeigt, weil wir es nicht wahrnehmen können. Es geht uns mit der unsichtbaren geistigen Welt wie dem Blinden mit den Farben.
Nun gibt es einen Zustand, der für die Geisteswissenschaft nicht in Betracht kommt, der nicht angewendet wird von ihr, der aber in der Gegenwart uns zum Verständnis dienen kann des eigentlich geisteswissenschaftlichen Zustandes, das ist der Zustand, den man gewöhnlich bezeichnet mit dem Ausdruck «Mediumismus». Ich bitte, mich nicht misszuverstehen; der Mensch als Medium ist nicht etwa [das], wie der Geistesforscher wünscht, zu einem Ergebnis zu kommen. Wodurch wird die menschliche Natur zum Medium? Das mediale Erleben wird ja dadurch herbeigeführt, dass die gewöhnlichen Äußerungen der Seele, das Willensleben, das Empfindungsleben, durch irgendwelche Vorgänge zurückgedrängt werden, sodass der Mensch wie in eine Art Schlafzustand versetzt ist. Unter gewissen Verhältnissen kann aber dann doch die menschliche Natur veranlasst werden, ohne dass sie davon etwas weiß, ohne dass sie die Vorgänge mit Bewusstsein verfolgt, Äußerungen zu tun, sogar zu sprechen und zu schreiben. Es können also geistige Äußerungen erfolgen, die nur einer Wesenheit zuzuschreiben sind, deren Intelligenz herabgestiegen ist. Auch nicht anempfohlen soll werden, was man die Heranbildung mediumistischer Eigenschaften nennt. Sie sind ja bei manchen Persönlichkeiten auch ohne besondere Ausbildung vorhanden.
Betrachten wir noch einmal: Was geschieht also mit einem Menschen, der auf diese Weise als Medium zu geistigen Äußerungen kommt? Da wird sein eigenes Seelenleben herabgestimmt, ganz ausgelöscht, das heißt [sein] bewusstes Seelenleben; er weiß nichts von seinen Offenbarungen. Wir finden da etwas, das sonst nur aus der bewussten Seele kommen kann. Da können wir sagen, wir sehen es da, wie das, was die alltägliche Äußerung ist, wie das sozusagen sich wie ein Schleier breitet über die unterbewusste Seelentätigkeit, die ihrerseits verknüpft ist mit der Leiblichkeit und sich dann äußert, wenn die bewusste Seelentätigkeit unterdrückt wird. So ruht in der Tiefe der menschlichen Natur Seelentätigkeit; wir können sie herausholen, wenn wir die bewusste Seelentätigkeit ganz passiv machen.
Das ist nicht der Weg der Geisteswissenschaft; er zeigt uns aber, wie nicht allein da, wo Bewusstsein ist, Seelentätigkeit ist, sondern wie Geistig-Seelisches in der Menschennatur ist und sich zeigt, wenn wir das Bewusstsein herabdrücken. Dieser Vorgang, der das Medium hervorbringt, ist genau entgegengesetzt dem, was für den Geistesforscher eintreten muss. Während für das Medium herabgedämmt wird die Seelentätigkeit, die Bewusstheit, muss für den Geistesforscher gerade die Bewusstheit, die die innerlich regsame Tätigkeit erhöht, erkräftigt werden, und das geschieht dadurch, dass der Mensch intensive Seelenvorgänge hervorruft, Seelenvorgänge, welche man gewöhnlich bezeichnet mit dem Wort «Konzentration des Denkens», «Meditation» oder auch «Kontemplation». Diese Vorgänge, die wir näher erklären wollen, sie verlaufen in einem innerlich regen Geistesleben, und sie führen endlich gewisse Zustände in der Seele herbei, die drei Stufen darstellen, drei Stufen, über die man hinaufsteigt zum vollen Eintreten in die geistigen Welten.
Ich bitte, sich nicht an Worten zu stoßen. Die Worte, die hier gebraucht werden, werden nicht in dem Sinne gebraucht wie im gewöhnlichen Leben, wo sie nicht gern gehört werden. Man darf also nichts anderes darunter verstehen als was ich nachher erklären werde.
Wir können die drei Stufen bezeichnen mit Imagination, Inspiration und Intuition. Alle drei Stufen werden erreicht durch eine Erhöhung des seelischen Lebens, durch eine innerliche Erstarkung. Wenn der Mensch im gewöhnlichen, alltäglichen Leben mit der Natur und anderen Menschen zusammenlebt, dann bekommt er seine Eindrücke durch die Sinne und verarbeitet sie dann mit dem Verstand. Dann ist der Mensch vor allen Dingen darauf bedacht, dass das, was er sich vorstellt, empfindet, fühlt, den äußeren Dingen entspricht; er bildet sich solche Vorstellungen, denen er beilegen kann das Kennzeichen der Wahrheit durch Übereinstimmung mit der Außenwelt. Solange er in diesem Zustand bleibt, kann sich ein innerliches, seelisches Leben allerdings nicht herausbilden. Es muss eine gewisse Konzentration, Meditation, das heißt Versenkung, Vertiefung eintreten.
Damit wir nicht im Abstrakten herumreden, soll möglichst bestimmt kurz charakterisiert werden, wie ein solches innerliches Erregen höherer Geisteskräfte erzielt wird. [Es sei] verwiesen auf [meine Schrift] «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Das, was in diesem Buch geschildert ist, soll hier angedeutet werden. Das konzentrierte Denken verläuft so, dass man zunächst versucht, frei zu werden von allen äußeren Sinneseindrücken, dass man starke Kräfte entwickelt, die Augen zu bewahren von Farben und Licht. Alle Sinneseindrücke müssen unterdrückt werden, sodass man ganz unaufmerksam und interesselos wird für die Außenwelt. Dann bringt man durch besondere Schulung des Willens alles das zum Schweigen, was sich im Laufe des Lebens an Erinnerungsvorstellungen aufgespeichert hat. Man versucht, frei zu werden von allen Sorgen und Leid, man versucht, mit einem Wort, in sich zu sein. Welche Übung des Willens dazu gehört, einen solchen Zustand zu finden, ersehen Sie ebenfalls aus meinem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten ?».
Es ist möglich, den Willen so stark zu machen, dass die äußere Sinnestätigkeit und auch der Verstand schweigen. Ebenso, wie man im gewöhnlichen Leben lernen kann, die Aufmerksamkeit abzuwenden von Gegenständen, so kann man durch Erstarkung der Willenskräfte willkürlich alle Eindrücke von außen unterdrücken. Dann hat man auf der einen Seite einen Moment herbeigeführt, der ähnlich ist dem Einschlafen; es darf aber nicht zur Bewusstlosigkeit kommen. Das wird dadurch erreicht, dass man durch die Kraft der Seele in die eigene [Seele] hineinnimmt Vorstellungen, die man sich selbst zubereitet hat. Am besten sind solche Vorstellungen, die keinen äußeren Vorgängen, keinen äußeren Dingen entsprechen.
Wir werden gleich eine solche besondere Vorstellung vor unsere Seelen hinstellen, eine Vorstellung, die eine von vielen Tausenden ist, die der Geistesforscher bei sich anwendet, die aber das Prinzipielle zeigen kann: dass der Mensch sich denke, er habe zwei Gläser vor sich, das eine gefüllt mit Wasser, das andere leer. Er gießt, so wollen wir uns vorstellen, aus dem gefüllten Glase in das leere etwas Wasser, aber dadurch würde das gefüllte Glas nicht immer leerer und leerer, sondern immer voller und voller, und je mehr wir ausgießen, desto voller wird es. Es ist eine absurde Vorstellung, aber es kann eine sinnbildliche Vorstellung sein für etwas, was uns rätselhaft im Leben entgegentritt. Das, was hier gemeint ist, ist, was wir die Liebe nennen. Die liebende Seele, die liebevoll hingibt dem Bedürftigen, die sozusagen aus sich selbst gibt, was in ihr enthalten ist, wird sie deshalb leerer? Nein, das, was aus Liebe gegeben ist, macht uns immer voller und reicher. Das ist die Eigenschaft der Liebe, dass wir unser eigenes Wesen hingeben und doch immer reicher und reicher werden.
Wenn wir uns diese Eigenschaft der Liebe vorstellen durch das eben charakterisierte Symbol der Wassergläser, dann haben wir etwas Ähnliches getan wie in der Geometrie. Betrachten wir eine kreisförmige Medaille; wir können sie aus der Hand legen und uns dann doch danach eine Kreisform vorstellen. Man kann also mit dem substanziellen Inhalt eines Dinges ganz unbekannt sein, aber man kann die Kreisnatur ins Auge fassen und aufzeichnen und ganz davon absehen, was man vor sich hat. In dem Kreis wird einem alles klar, was sich auf die Kreisnatur bezieht. Sinnbildlich hat man etwas, was an diesem Ding ist, herausgeholt. Man stellt sich so in der Geometrie Dinge vor, und dies macht man auch in der Geistesforschung in einem höheren Sinn.
Man holt heraus aus einem Vorgang, wie die Liebe [einer] ist, die so Geheimnisvolles und Unergründliches in sich schließt, dass kein menschliches Wesen es ausschöpfen kann, man nimmt heraus die Eigenschaft des Immer-reicher-Werdens und man richtet die Seele auf das Sinnbild. Man kann auch andere Sinnbilder sich bilden. Solche Sinnbilder sind besser für das meditative Leben als Vorstellungen, die aus der äußeren Welt genommen sind; in ihnen hängt die Seele noch immer an der äußeren Welt: Wenn wir uns aber solche Sinnbilder wählen, die mit der äußeren Welt nichts zu tun haben, dann können wir mit Ablenkung von allem Äußeren in unserm Innern leben. Wir leben dort, wenn wir alle unsere Seelenkräfte eine Weile auf das eine Sinnbild hinlenken. Wir können zu einer solchen inneren Arbeit auch andere Sinnbilder verwenden, und der Geistesforscher hat eine solche Übung tausend Mal zu machen. Weisheit als solche ist nicht leuchtend, aber vorstellen können wir sie uns unter dem Bild einer leuchtenden Sonne und uns dem Sinnbild hingeben, das ausdrückt die Idee der innerlichen Wärme. Wir können dabei etwas erleben, was wir auch bei der innerlichen Vorstellung der Weisheit empfinden. Wir können uns für die in der Welt sich ausbreitende Wärme auch die Liebe vorstellen.
Viele, viele Beispiele solcher Sinnbilder könnten genannt werden. Da könnte nun leicht jemand kommen und könnte sagen: Da will also der Geistesforscher sich hingeben Vorstellungen, die nicht wahr sind! - Sie sind aber auch nicht da, um etwas Äußerliches abzubilden; sie wollen das nicht, sondern sie wollen das Seelenleben in sich zur Regsamkeit bringen. Während wir sonst im Alltagsleben, oder beschäftigt mit wissenschaftlichen Dingen, in unserer Seele vielleicht Inhalt haben, den wir nicht überschauen können, während da unser Seelenleben verteilt ist über vieles, ziehen wir all unsere Kräfte unserer Seele in der Meditation zusammen, heften sie auf diese eine Vorstellung; dadurch wird sie besonders stark, wenn wir uns bemühen, an dieser Vorstellung haften zu bleiben, längere Zeit nichts anderes in die Seele einzulassen.
Zur wirklichen Ausführung der Sache sind umfassende innere Maßnahmen nötig, die Sie auch in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» finden. Besonders wirksam sind moralische Empfindungen, Willensimpulse, welche die Seele sich sinnbildlich vergegenwärtigt und denen sie sich hingibt mit derselben Liebe, demselben Enthusiasmus, die sonst durch Dinge erweckt werden, die von außen uns anregen und Eindruck auf uns machen. Alle Schulung zur wahren Geistesforschung beruht auf diese Art in einer Erstarkung des inneren Lebens, [in einer] Zusammensammlung alles Seelischen in eine einzige Vorstellung; zeitweise schafft man an dieser Vorstellung. Das ist Meditation. Und diese Meditation erhebt sich zur Kontemplation, wenn wir in die Lage kommen, längere Zeit lebensvoll in einem solchen inneren Seeleninhalt sozusagen uns aufzuhalten, wie wir sonst in einem behaglichen Raum mit der Leiblichkeit sind. Wenn wir dazu kommen, ebenso bewusst uns in einen solchen willkürlich herbeigeführten Seelenzustand zu bringen, dann leben wir in innerlicher Kontemplation. Dadurch wird dasjenige, was in der menschlichen Natur nicht angewiesen ist auf das Werkzeug der Leiblichkeit, innerlich regsam gemacht.
Damit ist der reale Beweis geliefert, dass es ein solches innerlich Geistiges gibt, und damit nähert man sich dem Beweis, dass es etwas Reales ist, was sich im Schlaf zurückzieht, dass es nur im gewöhnlichen Leben zu schwach ist, sich aber innerlich belebt zeigt, wenn wir es durch solche Übungen wie die geschilderten zu innerer Regsamkeit bringen.
Wenn dies der Mensch eine Weile geübt hat, dann kommt es so weit, dass er auch dann, wenn er nicht künstlich solche Bilder hervorruft, nicht künstlich sich hinzaubert die Sinnbilder, sein inneres Leben so zubereitet findet, dass es sozusagen aus dem Untergrund heraus solche Bilder erzeugt. Das ist der wichtige Moment, das ist wie eine Wiedergeburt des Seelenlebens, wenn wir, ohne dass wir es künstlich herbeiführen, aus dem Untergrund unserer Seele heraufsteigen sehen Bilder über Bilder, die wie eine zweite Welt, eine Welt außerhalb der Welt, vor uns erstehen.
Jetzt aber beginnt das, was wichtig ist, damit der Mensch zu Wahrheiten und nicht zu Irrtümern der Geistesforschung geführt werde. Es steigt eine Welt von Bildern auf aus dem Untergrund der Seele, eine Welt von Bildern, die derjenige, der nicht bekannt ist mit diesen Dingen, wohl aber mit der heutigen Anschauung solcher Verhältnisse, als Visionen, Halluzinationen, als Wahnvorstellungen nehmen wird. Die heutige Weltanschauung glaubt in solchen Dingen, die über das gewöhnliche Leben hinausgehen, eben nur Pathologisches wahrnehmen zu können. Darin besteht aber der Weg zur Wahrheit der Geistesforschung, dass diese nur hervorgehen kann aus einem geübten Seelenleben, das zu unterscheiden weiß zwischen Wahnvorstellungen und Wirklichkeiten auch auf seelischem Gebiet. Daher muss eine jede wirkliche Schulung zur Geistesforschung dahin führen, dass in dem Moment, wo das Geschilderte eintritt, ein kräftiger innerer Willensentschluss in dem Menschen gefasst werden kann, der ein Geistesforscher werden will, ein Entschluss, der gerade dann nicht vorhanden sein wird, wenn der Zustand krankhaft auftritt.
Das kann man schon bei Beobachtung des gewöhnlichen Lebens sehen. Viele von Ihnen werden es schon bemerkt haben, wie Menschen von krankhaftem Seelenleben, wenn sie Wahnvorstellungen haben, gerade von der Wahrheit, von der Wirklichkeit ihrer eigenen Vorstellungen weit mehr überzeugt sind als von der Wirklichkeit der Außenwelt. Es ist oftmals leicht, Menschen abzubringen von einer Überzeugung; bei jemandem aber, dessen Seelenleben ein krankhaftes ist, wäre das eine vergebliche Mühe. Was tritt da ein? Da tritt etwas ein: Was der Mensch durch die Kraft seines eigenen Seelenlebens vor sich hingestellt hat, das liebt er aus einem energischen Gefühl heraus; er bringt in seiner Vorstellung auch die Sehnsucht mit, dass das Realität sei, und so baut sich vor ihm eine Welt auf, die er aber nur selbst aufgestellt hat. Sobald der Mensch eine solche Welt als Wahrheit nimmt, kann er nicht Geistesforscher sein. Ein solch starker Willensentschluss ist notwendig, wenn durch Meditationsschulung die Bilder auftauchen, die wir Imaginationen nennen; ein starker Entschluss ist nötig, der gerade kranken Vorstellungen entgegengesetzt ist, der nun sich sagt: Alles das, was du als eine Welt von Bildern auch ohne dein Zutun da in dir aufsteigen fühlst, ist nichts anderes als ein Spiegelbild deines eigenen Seelenlebens. Was du in dir hast, hast du durch deine Anstrengung hervorgeholt, das stellt sich vor dich hin. Es sind nichts als Schattenbilder deiner eigenen Wesenheit. - Und nicht nur die Fähigkeit gehört zum Geistesforscher, dass man es bis dahin zu bringen vermag, dass Imagination auftritt, wichtiger ist die starke Willensschulung gegenüber dieser Welt, auch den Bildern von berückender Schönheit gegenüber immer festzuhalten, dass sie nur Schattenbilder unseres eigenen Selbst sind.
Dieser Fehler wird von denjenigen, die nicht durch eine richtige Schulung gegangen sind und durch irgendwelche Veranlassung zu einem gewissen innerlichen Schauen von Bildern kommen, immer wieder gemacht: Sie halten diese Welt für eine reale Welt, weil sie eine schöne sein kann, weil der Mensch sich in ihr beglückt fühlt. Auf eine solche Vorstellungsart muss der Geistesforscher verzichten können. Das, was sich heranbilden muss im Verlauf der Schulung, ist der starke Entschluss, und wenn dann dieser Entschluss selbst zu einer Art Meditation gemacht wird, wenn man immer wieder in diesen Entschluss sich versenkt, und alle Seelenkräfte darauf verwendet, dies alles als Schattenbilder anzusehen, dann verstärkt sich dieser Entschluss, und man bekommt die Fähigkeit, die imaginative Welt wieder auszutilgen, man kann sie wieder auslöschen durch eine innere Kraft; dann hat man eine wichtige Stufe des Geistesforschers erreicht.
Das, was man da erreichen kann, ist Folgendes: Man kann sagen, es lässt sich vergleichen mit dem, was man im gewöhnlichen Leben das Vergessen unserer Gedanken nennt. Sie wissen, dass alles, was Sie erfahren haben, in Ihrem Bewusstsein ruht. Wie könnte der Mensch auch leben, wenn alle seine Erfahrungen, Schmerz und Freude, dem Gedächtnis immer gegenwärtig wären? Aber Sie wissen, dass längst Vergessenes von Zeit zu Zeit wieder heraufgerufen werden kann in die Seele. Wie eine Vorstellung des gewöhnlichen Lebens, die ins Vergessen hinuntertaucht, so muss durch den besprochenen starken Willensentschluss die ganze Imagination ins Vergessen, ins Unbewusste gedrängt werden. Dies bedarf einer starken Herrschaft des Menschen über sich selbst, denn der Mensch ist innig verwachsen mit dem, was er durch seine Kraft hervorgebracht hat. Er hat einen starken Sieg über sich vermocht, wenn er alles das, was er auf der ersten Stufe der geistigen Erkenntnisse hervorgebracht hat, wieder auszulöschen vermag.
Dann erst leben wir in unserem wahren Selbst, dann haben wir stärkere Kräfte als vorher in uns entwickelt. Wenn wir das nicht können, wissen wir, dass wir noch zu schwach sind, um wirklich in geistige Welten einzudringen. Wahrheiten in der geistigen Welt zu erleben ist nur möglich, wenn die Erlebnisse anhand einer geisteswissenschaftlichen Schulung herbeigeführt werden. Wenn uns dies gelungen ist, dann kommen in einer ganz anderen Weise diejenigen Bilder wieder herauf - wie vergessene Vorstellungen wieder heraufkommen, aber in gleicher Art, wie sie waren -, so kommen verändert die Imaginationen wieder herauf. Vorher waren sie Bilder, wie visionäre oder phantastische Bilder, nachher kommen sie herauf so, dass wir wissen, wir haben es jetzt mit einer realen Welt zu tun, mit einer übersinnlichen Welt. Vorher waren es Bilder, jetzt sind es Vorgänge, die real sind, wie die Vorgänge der Sinneswelt.
Nun könnte jemand sagen, man könne sich ja jetzt erst recht einer Selbstsuggestion hingeben. Was gibt uns Gewähr, dass die Dinge real sind, wenn wir so Herr über uns geworden sind? - Ja, die Art, wie wir die Dinge erleben - nichts anderes kann uns Gewähr geben, aber es ist dies die gleiche Art, die uns Beweis gibt für die Wirklichkeiten des äußeren, sinnlichen Lebens. Es gibt keine anderen Beweise! Man kann dies am besten ermessen, wenn man auf den Hauptfehler bei Schopenhauer aufmerksam macht. - Man kann einen Geist wie Schopenhauer voll anerkennen, auch wenn man auf seinen Hauptfehler aufmerksam macht. - Wenn er davon spricht, dass die Welt um uns nur in unserer Vorstellung sei, dann macht er diesen Fehler, denn man kann wohl unterscheiden in der Welt - aber nur, wer das Leben unterscheidet -, ob irgendetwas Vorstellung oder Wirklichkeit sei. Man stelle sich einmal glühendes Eisen vor. Man wird sich daran nicht verbrennen. Aber wenn man das wirkliche glühende Eisen in der Wahrnehmung hat und berührt, so verbrennt man sich daran. Beweisen kann uns nichts die Wirklichkeit als das Erleben. Volles Erleben, dies allein gibt den Beweis der Wirklichkeit. Es ist einmal gesagt worden: Warum soll das, was einem vor die Seele tritt, nicht Suggestion sein, da der Mensch sich doch so leicht Suggestionen hingibt? Man kann sich denken, Limonade zu trinken, da liegt keine Wirklichkeit vor, aber der Mensch genießt den Geschmack der Limonade wie Wirklichkeit. - Man kann das zugeben, aber es handelt sich ja nicht um ein teilweises Erleben, sondern um ein volles Erleben. Den Geschmack kann man in seiner Vorstellung erleben, aber der Durst wird davon nicht gelöscht! Das volle Erleben, das Durstlöschen setzt die Wirklichkeit voraus, nicht die Vorstellung.
Wie der Mensch in der äußeren Sinneswelt nur durch das Erleben die Beweise der Wirklichkeit erhalten kann, so erhält er nur durch strenge geisteswissenschaftliche Schulung die Fähigkeit, zu unterscheiden zwischen Wirklichkeit und Täuschung in der geistigen Welt. Auf die geschilderte Art und Weise kommt der Geistesforscher auf eine Stufe, wo er gegenübersteht einer neuen Art von Wesenheit, von Tatsachen, die hinter der Sinneswelt stehen. Durch eine Kräftigung des Seelenlebens werden in dem eigenen Seelenleben ihm wirklich geistige Augen geschaffen, damit der Mensch eine neue Welt finde.
Auch in Bezug auf sein eigenes Leben kann der Mensch nur auf solche Art von Imagination zur Wirklichkeit kommen. Wenn der Mensch zunächst solche Imaginationen, wie sie geschildert worden sind, sich bildet mit Bezug auf sein eigenes Leben, wenn er sich sinnbildlich vorstellt dieses oder jenes, was er erlebt hat, wenn er sich meditativ vertieft in sein eigenes bisheriges Leben, so kann dieses Leben in einer Art von Bildern vor seine Seele treten. Wenn er dann in der Lage ist, über diese Bilder Herr zu werden, wenn er gerade dadurch, dass er sein Leben vor die Seele zaubert, dieses Leben auslöschen kann, hat er den Sieg über sich selbst gewonnen. Geradeso, wie er [nun] äußerlich etwas auftreten sieht, was real ist, aber er alles ausgelöscht hat, was mit seinem jetzigen Leben zusammenhängt - wenn er diesen Vorgang verfolgt, kommt er zu etwas, was zu ihm gehört, aber nicht zu seinem gegenwärtigen Leben. Da steigt er tatsächlich zu dem empor, was wir sein früheres Erdenleben nennen, und er gelangt zu der Erkenntnis seiner früheren Erdenleben. Denn dazu führt uns Geisteswissenschaft, dass sie uns führt zu unseren früheren Erdenleben und dadurch uns den Beweis liefert, dass unser gesamtes Leben in wiederholten Erdenleben und in den Zwischenzeiten im rein Geistigen verläuft. Diese Idee mag dem Geistesbewusstsein unsympathisch sein, sie ist aber etwas, was [in der Zukunft] eindringen wird in unsere Kultur.
Dann aber löst sich die Frage nach dem Schicksal in einer schr merkwürdigen Weise auf, dadurch, dass wir ja wissen: Wir leben nicht zum ersten Mal mit diesem Leben und wir haben noch viele Erdenleben vor uns. Damals, [in früheren Erdenleben], haben wir uns selbst zubereitet, was jetzt unser Schicksal bestimmt. Und es gewinnt die Frage nach der Unsterblichkeit ihre richtige Beleuchtung, wenn wir hinschauen auf die Pforte des Todes so, dass wir sie durchschreiten, dann in einer rein geistigen Welt leben, um mit alledem, was wir uns angeeignet haben, wieder in ein neues Erdenleben einzutreten, das uns die Früchte der früheren Leben zeitigt. Dann reden wir nicht im Allgemeinen von Unsterblichkeit, die sich Glied für Glied zusammensetzt. Wir gewinnen aus der Sicherheit, dass wir das eigene Leben sehen, gewisse Fähigkeiten, die einsehen lehren, dass sich ein anderes und wieder ein anderes Leben anschließen müssen. So führt uns die echte geisteswissenschaftliche Geistesforschung zur Wahrheit, aber es muss der rechte Weg im angedeuteten Sinne eingeschlagen werden.
Alle solche Erkenntnis führt dann weiter zu jener Stufe, wo wir nicht bloß das, was in Bildern aufstieg, schauen, sondern uns auch die Fähigkeit erwirken, sozusagen unbildlich zu erleben: Inspiration. Durch sie dringen wir in den Sinn der Dinge und Wesenheiten ein, und durch die Intuition, die nächsthöhere Stufe des inneren Lebens, werden wir eins mit den Dingen, erleben wir das, was als geistig Unsichtbares in den Dingen selbst liegt.
Man kann einer solchen Auseinandersetzung gegenüber sagen: Ja, wenn nun der Geistesforscher hineingelangt in eine geistige Welt, sich sagen kann aus dieser geistigen Welt heraus, wie das Schicksalsrätsel zu lösen ist, sich sagen kann: Ja, in dir lebt ein Unvergängliches -, so gilt das nur für den Geistesforscher. - Das ist nicht so. Auch die Wahrheit über diese Natur der Geistesforschung muss klar werden, wenn sie ein Faktor in unserer Kultur werden soll.
Was gewinnt der Geistesforscher, wenn er in höhere Welten kommt? Er kommt dazu, dass er seinen seelischen Wesenskern erkennt, dass er sich sagen kann: Wenn das Haar erbleicht, wenn der Körper nach und nach verwelkt, dann webt in meinem Innern ein seelischer Kern, den ich immer stärker und stärker werden fühle, der sich im Leben die Kräfte erwirbt, dann in einem Zwischenleben lebt [zwischen Tod und neuer Geburt], um dann wieder aufzuleben in einem neuen Erdenleben. Man kann sagen: Diese Sicherheit kann nur der Geistesforscher erleben, was haben dann die andern Menschen davon, die nur ihren Verstand gebrauchen können? - Wenn wir dies erkennen wollen, so müssen wir uns klarmachen, dass alles, was der Geistesforscher bringt, nichts anderes ist als das Erleben der geistigen Welt. Aber es macht sich in ihm sofort ein Drang und Trieb geltend; es ist der, alles das, was man erlebt in der geistigen Welt, herunterzuholen in die Vorstellungen der wirklichen Welt. Der wahre Geistesforscher ist von seinem Gang in die geistigen Welten nicht früher befriedigt, bis er in logische Formen kleiden kann das, was er aus den geistigen Welten weiß — so kleiden kann, dass sein Erleben verständlich ist allen Menschen. Und Sicherheit über die Unsterblichkeit, Sicherheit über das Schicksal hat der Geistesforscher nicht eher, bis er sein Erleben in allgemeine Vorstellungen und Begriffe bringen kann.
Wie verhält er sich dann zu seinen Ideen? Er verhält sich so, wie ein Maler, der malen lernt, der die Farben behandeln lernt, der alles lernt, was zur Kunst des Malens gehört, sich verhält zu dem Bild, das er auf die Leinwand bringt. Was der Maler lernt, ist alles zunächst seine Sache. Dann aber ist das Bild vor uns. Es können zwei Menschen vor diesem Bild stehen. Der eine kann veranlagt sein, alles zu vergeistigen, dann wird er die Geheimnisse, die der Mensch in das Bild gelegt hat, verstehen. Der andere würde in dem Bild nur die Farbenzusammenstellungen betrachten. So, wie sich der Maler zu dem Bilde verhält und nicht eher zufrieden ist, bis sein Können im Bilde liegt, so verhält sich der Geistesforscher seinem Erleben gegenüber, wenn er es in verständlicher Weise anderen Menschen übermittelt hat. Dieses Bild, wenn es vom wahren Geistesforscher gemalt ist, ist so, dass jeder verständnisvolle Beschauer, der davorsteht, es verstehen kann - Erklärungen würden nur stören, denn das Bild muss innerlich ergriffen werden. Wenn der Mensch nur Unbefangenheit und freie Urteilskraft genug hat - er kann es hinnehmen als Gedankenbild, was er aufnimmt und in das er sich versenken kann; er hat dann alles, was der Geistesforscher ergründen konnte in der geistigen Welt. Darüber muss man sich klar sein, dass darin, [in dem], was der Geistesforscher in sein Bild legt, nichts ist, was nicht mit dem Verstand begriffen, mit den Mitteln gesunden Denkens begriffen werden kann.
Alles, was wir für das Kraftvolle des Lebens brauchen, alles, was wir überhaupt brauchen, kann uns nicht kommen durch die Forschungen der Wissenschaft, sondern durch die Geisteswissenschaft - durch das, was wir aufnehmen, wenn der Geistesforscher seine Wahrnehmungen in Ideen darstellt. Das ist das Eigentümliche, dass der Geistesforscher das, was er für sein Leben braucht, nicht [erhält durch seine Forschung], sondern [durch das], was er mit dem einfachen Menschen gemeinsam haben kann: Erst wenn der Geistesforscher verständlich gemacht hat anderen Menschen das Erschaute, gewinnt er Sicherheit des Lebens, Orientierung in Bezug auf das Schicksal und Zufriedenheit. Durch die Geistesforschung gewinnt man Anschauungen über die gesamten Welten; das aber, was die Forschungen sein können, dem Geistesforscher können sie auch nichts sein, wenn er sie nicht in verständlichen Formen darstellen kann. Und dem Geistesforscher kann mit nichts gedient sein als mit dem, was er dienstbar machen kann dem Nicht-Geistesforscher. Es muss Geistesforscher geben; und Sie werden aus meinem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» ersehen, dass jeder Mensch bis zu einer gewissen Stufe dieser Erkenntnisse kommen kann. Um das sich anzueignen, was die Seele braucht zur Sicherheit des Lebens, zur Arbeitsfreudigkeit des Lebens, zur Sicherheit ihres Wurzelns im Unvergänglichen, was die Seele braucht, damit der Mensch dem Alter ruhig entgegensehen kann, das alles kann durch die Ergebnisse der Geistesforschung erkannt werden, und darin erlangt der Geistesforscher nichts mehr als der andere; und erst dann hat der Geistesforscher etwas von seinen Ideen, wenn er sie in den Formen des gesunden Menschenverstandes dargestellt hat.
Das ist die Wahrheit über die Geistesforschung; das ist die Wahrheit über das Verhältnis der Geistesforschung zum Leben, und das muss festgehalten werden, dass aus dieser Geistesforschung heraus selbst nur das Wert hat, was sich so hineinstellen kann in das Leben. Der Geistesforscher, der in der geistigen Welt leben kann, der mag vieles sehen — das, was er da schaut, hat aber nur einen Wert, wenn er es auch beurteilen kann. Es können wohl manche Menschen durch Übungen zu Visionen kommen, wenn sie nicht alles das durchmachen, was heute als der wahre Weg gekennzeichnet wurde; sie können dazu kommen, vieles zu schauen — was für einen Wert, was für eine Bedeutung das Geschaute hat; ob es einen Wahrheitswert hat, kann ihnen persönlich ganz unbekannt sein. Das, was man schaut, muss man erst beurteilen können, man muss es erst in seiner Bedeutung für das Leben schätzen können. Woher aber gewinnt man diese Möglichkeit? Durch nichts anderes als das, was man an Urteilskraft und an Moralität schon im gewöhnlichen Leben, bevor man die geistige Welt betritt, gewonnen hat. Der, welcher einen moralischen Sinn hat, wird mit ihm in die geistige Welt eintreten und die Dinge recht beurteilen können. Derjenige, der ein Tor ist, oder unmoralisch, der wird über das, was er schaut, nur verkehrt urteilen können. Daher wird der Wert eines Menschen noch nicht erhöht, wenn er durch allerlei Mittel in die Lage kommt, Übersinnliches zu schauen. Auch der Geistesforscher hat nur einen Wert durch das, wodurch der Mensch einen Wert hat, durch gesundes Urteil und durch moralische Kraft. Was aber ungesundes Urteil und Unmoralität anrichten, wenn der Geistesforscher mit ihnen in die geistigen Welten eintritt, das wird sich uns morgen zeigen, wenn wir von den Irrtümern der Geisteswissenschaft sprechen.
Es könnte die Frage aufgeworfen werden: Ja, was sind dann Wahrheiten der Geistesforschung? - So wenig man in einer Stunde aufzählen kann Wahrheiten einer anderen Wissenschaft, so wenig kann man in einer Stunde aufzählen Wahrheiten der Geisteswissenschaft. Es sollte gezeigt werden, wie der Mensch zur Wahrheit kommt in der Geistesforschung und nicht zum Irrtum, wie der Mensch durch Entwicklung der in ihm schlummernden Kräfte Geistesaugen und Geistesohren, um mit Worten Goethes zu reden, sich schafft, um in eine geistige Welt zu schauen. Nun kann man nicht sagen, das ist Regel als Wahrheit, das ist Regel als Irrtum -, man kann nur sagen, die Seele des Menschen wird auf diesem Weg reifen, Wahrheiten und nicht Irrtum zu sehen. Von diesem Weg sollte heute gesprochen werden. Morgen sollen die Quellen des Irrtums klargelegt werden. Zusammen gehören der heutige und morgige Vortrag. Der heutige Vortrag sollte zeigen, wie die menschliche Seele sich geistig erkräftigen kann, um die geistige Welt wahrzunehmen, wie sein Auge und Verstand die sinnliche Welt wahrnehmen kann. Dadurch nimmt er alles wahr. Dass er herausgeboren ist aus der äußeren Sinneswelt und zugleich im geistigen Sein [ist], sagt uns ein Goethe’scher Spruch:
Wär’ nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnten wir das Licht erblicken?
Lebt’ nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt’ uns Göttliches entzücken?
Wahr ist es, in uns selbst muss das Auge sein, mit all seiner Kraft, dass wir das Licht erblicken; sonnenhaft muss das Auge sein. Und dem Menschen muss Leben innerliche Regsamkeit Gottes sein, damit er Gott wahrnehmen kann.
Aber ein solcher Ausspruch im Goethe’schen Sinne, er ist nicht so gemeint, wie ihn etwa [Schopenhauer] sagen würde: Welt ist Vorstellung. - Wir würden weit weg sein von dem Sinn des Goethe’schen Ausspruches, wenn wir glauben würden, dass wir uns nur wie einen Abklatsch der inneren Welt die ganze Außenwelt erschaffen sollen, wie manche Philosophen behaupten. Dies muss gesagt werden, wie Goethe sagt: Der Mensch hätte keine Augen, wenn nicht das Sonnenlicht den Raum durchdränge. Und so wahr es ist, dass wir das Licht nur durch das Auge erkennen, so wahr haben wir ein Auge nur, weil das Licht den Raum durchflutet, denn das Licht hat erst das Auge herausgeholt. Wesen, die Augen hatten, aber durch viele Generationen in Höhlen wohnen, verlieren das Organ des Auges, die Augen verkümmern. Das Auge ist ein Geschöpf des Lichtes. So ist die Tatsache, dass wir Organe haben für das Licht, durch die wir es haben können, zugleich ein Beweis für das Licht. Die Tatsache, dass der Mensch Geistiges in sich erleben kann, dass er in sich regsam machen kann ein Übersinnliches, das ist ein Beweis dafür, dass das Übersinnliche nicht nur in ihm ist und dass er es nicht erträumt, sondern dass das allen Raum und Zeit durchwebende Geistige in uns das Geistige erst hervorgebracht hat, wie das Licht das Auge.
So können wir den schönen Ausspruch Goethes, der uns auf unser inneres Licht- und Sonnenhaftes, auf unser inneres Göttliches hinweist, wir diesen schönen Ausspruch ergänzen durch einen solchen, der aus der inneren Geistigkeit des Menschen [Lücke in der Mitschrift] ist für die äußere Realität des Geistigen. Zusammenfassen können wir das Ergebnis unserer Betrachtung für eine Überzeugung von der Wirklichkeit jenes Geistigen, in dem wir ruhen, wie wir als Sinneswesen ruhen in der Stoffeswelt; wir können es zusammenfassen, indem wir Goethes Ausspruch an die Seite stellen den anderen Spruch:
Wäre die Welt nicht [sonnenbegabt],
Wie könnten Augen dem Wesen erblühen?
Wäre das Dasein nicht Gottes Enthüllung,
Wie kämen Menschen zur Geisteserfüllung?