Spiritual Science and the Future of Humanity

GA 69e — 7 December 1913, Munich

XIV. Die Geisteswissenschaft und die Geistige Welt Ausblick in die Ziele Unserer Zeit

Sehr verehrte Anwesende, seit einer Reihe von Jahren nehme ich mir die Freiheit, von diesem Ort aus über den Gegenstand der Geisteswissenschaft, wie sie auch in einer Betrachtung des heutigen Abends gemeint sein wird, zu sprechen. Möge es mir gestattet sein, in einer gewissen Art die Grundlagen dieser Geisteswissenschaft, ich möchte sagen, übersichtlich darzustellen, um dann übermorgen in der nächsten Betrachtung über einige spezielle Gegenstände dieser Geisteswissenschaft näher zu sprechen.

Es ist das - und [das wurde] ja auch im Verlaufe der Jahre des Öfteren erwähnt - gerade demjenigen, der auf dem Boden dieser Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, steht, vollauf begreiflich, dass gerade in unserer Zeit von den verschiedensten Seiten her nicht nur die mannigfaltigsten Einwendungen, sondern, man möchte sogar sagen, Feindseligkeiten gegen diese Geisteswissenschaft sich geltend machen. Nicht nur, dass diese Geisteswissenschaft sich hereinstellt in das übrige Geistesleben der Gegenwart wie etwas diesem Geistesleben heute noch Fremdes - das hat sie ja gemein mit allem, was in gewisser Beziehung als eine neue Errungenschaft der menschlichen Geisteskultur sich einverleibt hat -, sondern gerade gegenüber den geistigen Zielen unserer Zeit muss diese Geisteswissenschaft auf der einen Seite wie etwas ganz Unverständliches, Phantastisches, Träumerisches erscheinen, obgleich es auf der anderen Seite etwas darstellt, was aus den tiefsten Sehnsuchten, und man darf sagen, aus den dringendsten Notwendigkeiten gerade des gegenwärtigen Seelenlebens hervorgeht; und damit möchte ich gewissermaßen das Thema des heutigen Abends bestimmt haben.

Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, unterscheidet sich ja von vornherein gerade von dem in einer gewiss fundamentalen Weise, dessen Fortsetzung sie sein will, und es ist nur zu begreiflich, dass sie gerade von dieser Seite her Anfeindungen über Anfeindungen erfährt. Ich meine die naturwissenschaftliche Denkrichtung unserer Zeit, denn im Grunde genommen will Geisteswissenschaft, so, wie sie hier gemeint ist, im wahrsten, echten Sinne eine Fortsetzung sein des naturwissenschaftlichen Denkens für den Geist und seine Geheimnisse, seine Gesetze - eine Fortsetzung der naturwissenschaftlichen Denkweise, wie sie sich seit drei bis vier Jahrhunderten dem Geistesleben des Abendlandes eingeprägt hat.

Dennoch, obgleich gerade durch diese ihre Eigenschaft die Geisteswissenschaft in keinem Punkte genötigt ist, den berechtigten Ansprüchen der Naturwissenschaft entgegenzutreten, dennoch unterscheidet sie sich in einer gewissen Beziehung von dem, was man von Seite der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart heute eigentlich Wissenschaft nennt. Sie ist ebenso Wissenschaft wie die Naturforschung, aber sie muss, weil sie die Gegenstände, Wesenheiten und Vorgänge des Geisteslebens betrachtet, notwendigerweise die naturwissenschaftlichen Methoden in anderer Weise ausbilden, als die auf das Sinnliche und auf den Verstand - der dieses Sinnliche zu seiner Grundlage hat — beschränkte Naturwissenschaft heute tun muss. Und so sei gleich die Aufmerksamkeit gelenkt auf diesen fundamentalen Unterschied des geisteswissenschaftlichen Forschens von dem naturwissenschaftlichen Forschen.

Das, was man heute gewöhnlich Wissenschaft nennt, geht aus von jener Verfassung, von jener Stimmung der menschlichen Seele, die ja im normalen Leben, im alltäglichen menschlichen Leben vorhanden ist. Man spricht von dem, was der Mensch vermöge seiner Seele, vermöge seines Körpers, vermöge seines Verstandes, der auf die Beobachtungen der Sinne und auf das Experiment angewendet wird, was der Mensch vermöge dieses alles kann, wo Grenzen des Erkennens liegen für das, was angedeutet worden ist; kurz, mit vollem Rechte darf man sagen, nimmt diese wissenschaftliche Richtung die menschliche Seele, wie sie ist, lässt sie die Umgebung dieser Seele beobachten und daraus die Gesetze des sinnlich-physischen Daseins gewinnen. Die wichtigste Arbeit also wird für diese Wissenschaft verrichtet in der Forschung stets innerhalb der Tätigkeit des Arbeitens selbst, und was bei dieser Tätigkeit herauskommt, ist Wissenschaft, ist wissenschaftliches Ergebnis.

Anders die Geistesforschung - die Geistesforschung, wie sie hier gemeint ist: Zwar sind es, wie wir gleich sehen werden, dieselben Verrichtungen im Seelenleben, die die Geistesforschung an sich vorzunehmen hat, welche auch beherrschen die äußere Wissenschaft, das äußere wissenschaftliche Erkennen, aber diese Verrichtungen des Geistesforschers sind für ihn Vorbereitungen seines Forschens, sind für ihn dazu da, die Seele erst dazu zu präparieren, damit sie zu dem gelangt, was man nennen kann das Schauen. Es ist natürlich alles geistig gemeint, aber wenn man voraussetzt diese geistige Meinung, dann kann man sagen: Die äußere Wissenschaft setzt die menschliche Seele voraus, und es werden diese Beobachtungen begründet auf die Beobachtung der Sinne, auf das, was der Verstand über die Gesetze des Daseins auszusagen hat.

Geistesforschung verwendet alle menschlichen Seelenkräfte, ob sie nun Verstandes-, Willens- oder Empfindungskräfte sind, dazu, das, was man Sinne nennen könnte - natürlich in übertragener Bedeutung -, was erst zum Anschauen führt, um das vorzubereiten, sodass der Geistesforscher seine Arbeit, seine Betätigung darauf verwenden muss, sich erst vorzubereiten, um dann sozusagen durch sich selbst an sich herankommen zu lassen die Eindrücke der Wahrnehmungen aus der geistigen Welt.

Nun will ich nicht gerade, nicht in dieser Betrachtung, von Abstraktionen, von Begriffen, von Spekulationen, von einer Ideen-Philosophie sprechen, sondern ich möchte direkt in die Tatsachen des Seelenlebens führen, das zur Geistesforschung geeignet ist. Darauf beruht alle Geistesforschung, dass die menschliche Seele das auf sich selber anwenden kann, was heute stets als wissenschaftliches Schlagwort in aller Munde ist, dass die menschliche Seele auf sich anwenden kann, was in dem Wort «Entwicklung» liegt. Davon geht die Geistesforschung aus, dass diese menschliche Seele eine innere Entwicklung durchmachen kann, welche Verwandlung, Umänderung dieser Seelenkräfte hervorruft, sodass diese Seelenkräfte in gewissem Sinne andere werden. Alles also, was Ergebnisse dieser Geistesforschung sind, wird nicht gewonnen dadurch, dass man einfach die Seele in ihren Fähigkeiten hinnimmt, sondern es ergibt sich erst, wenn die Seele durch sorgfältige Vorbereitung sich so umgewandelt hat, dass sie nicht mehr in ihrer unmittelbar geistigen Wahrnehmung die sinnliche Welt um sich herum hat, sondern dass sie eine andere, eine höhere, eine geistige Welt so um sich herum hat, wie sie im gewöhnlichen Leben, das durch die Sinne betrachtet wird, die sinnlich-physische Welt um sich herum hat.

Nun könnte man leicht glauben, dass irgendwelche ganz besonderen Vornahmen nötig sind, um die Seele also umzugestalten. Das ist im Grunde genommen nicht der Fall. Dasjenige, was die Seele vorzunehmen hat, geht aus von Dingen, die eigentlich im alltäglichen Seelenleben immer vorhanden sind, die zu den allernotwendigsten Kräften dieses Seelenlebens gehören, die aber, damit sie für die Geistesforschung geeignet werden, ins Unbegrenzte, kann man sagen, ausgebildet werden müssen.

Ich will jetzt von einer anderen Seite her, als ich das in den verflossenen Jahren öfters getan habe, zeigen, wie die menschliche Seele gleichsam über sich selbst, über ihren alltäglichen Standpunkt hinausgeht, um zu einer Beobachterin der geistigen Welt zu werden. Das, was sie im intimen inneren Leben vorzunehmen hat, hat zu seinen Elementen, zu seinem Ausgangspunkt eben durchaus Kräfte, die im alleralltäglichsten Leben notwendig sind. Die eine dieser Kräfte berührt man, wenn man ein Wort gebraucht, von dem leicht einzusehen ist, dass es sich auf etwas bezieht, das durchaus eine Notwendigkeit des alltäglichen Lebens ist. Es ist das, was wir in diesem alltäglichen Leben die Aufmerksamkeit, das Interesse für die Dinge der Umwelt nennen. Diese Aufmerksamkeit - von anderer Seite her habe ich auch schon in diesen Vorträgen von ihr gesprochen -, sie besteht darin, dass wir irgendeinen Gegenstand der Umwelt ins Auge fassen, dass er durch dieses Ins-Auge-Fassen gewissermaßen haften bleibt in unserem Seelenleben, erinnerungsmäßig weiterlebt.

Wie sehr diese Aufmerksamkeit notwendig ist für das alltägliche Leben, kann eine ganz gewöhnliche Betrachtungsweise ergeben, die den Zusammenhang dieser Aufmerksamkeit mit dem Gedächtnis ins Auge fasst. Gar mancher Mensch wird sich zu beklagen haben darüber, dass sein Gedächtnis entweder schwächer wird oder dass es überhaupt in irgendeiner Weise Fehler aufweist, Mängel aufweist. Wenn man studieren würde — soweit ein solches Studium eben für das gewöhnliche Leben notwendig ist - den Zusammenhang der Aufmerksamkeit mit dem Gedächtnis, so würde man über mancherlei hinwegkommen, was man an sich so oft als Fehler bemerkt.

Ich will von einer sehr trivialen Sache ausgehen. Gar mancher findet des Morgens einen Gegenstand nicht, den er am Abend noch gehabt hat. Er hat ihn mit einem halben Bewusstsein hingelegt, nicht mit Aufmerksamkeit. Einen Manschettenknopf, den wir so hinlegen am Abend, dass wir willkürlich den Gedanken hegen: Du legst jetzt an diesen Ort - vielleicht denken wir noch dazu die Umgebung - in diese Umgebung diesen Knopf hin. Man wird sehen, wenn man am Abend diese Gedanken durch die Seele hat ziehen lassen, dass man am Morgen direkt an den Ort des Knopfes hingeht, und es ergibt sich, dass ein Zusammenhang besteht zwischen unserem Erinnerungsvermögen und dem, was man Aufmerksamkeit nennen kann. Gewissermaßen ist das Gedächtnisproblem ein Aufmerksamkeitsproblem, und wenn wir uns gewöhnen könnten, für Dinge, von denen wir wissen, sie müssen haften bleiben, willkürlich Aufmerksamkeit zu entfalten, würden wir dadurch unendlich vieles beitragen, nicht nur für die Erinnerung der betreffenden Dinge, sondern wir würden es überschauen, dass durch eine öftere Übung solcher Tätigkeit unser Gedächtnis wirklich gestärkt wird, das heißt, dass auch die hinter dem Gedächtnis liegenden Kräfte stark würden. So wahr es ist, dass zu äußerem, gesundem Seelenleben bis zu einem gewissen Grad ein gutes Gedächtnis gehört, so wahr ist es, dass die Beobachtung desjenigen, was man mit Aufmerksamkeit bezeichnet, im alltäglichen Leben sehr notwendig ist.

Aber noch in anderer Weise kann man sich von den Zusammenhängen des menschlichen Seelenlebens und der Aufmerksamkeit überzeugen. Jeder weiß - und insbesondere diejenigen wissen es, die ein wenig mit der Literatur des heutigen Seelenlebens bekannt sind -, wie ein gesundes Seelenleben ein in sich zusammenhängendes Seelenleben sein muss, sodass es, wenn wir zurückschauen bis zu dem Punkte der Kindheit, bis zu dem wir uns gewöhnlich erinnern, die Ereignisse, die an uns herangetreten sind, als die unsrigen erkennen muss. Ungesund wäre es, wenn das Gedächtnis so durchlöchert wäre, dass wir eigene Erlebnisse wie Erlebnisse eines fremden Wesens ansehen, wenn wir es nicht als unsere Erlebnisse erkennen würden. Wie ein anderes Ich treten bei kranken Seelen diese Erlebnisse hervor.

Viel würde getan werden können, wenn man durch die Geisteswissenschaft sich schon so weit geschult hätte, dass man aufmerksam wäre auf dieselben - man kann das erkennen -, dass man aufmerksam wäre auf Seelen, die Anlage zeigen zu einer solchen Durchlöcherung, sagen wir, ihres Ich, ihrer fortlaufenden Erinnerungen, und man würde dann so eingreifen, dass man das Interesse stärkte, systematisch stärkte. Man würde mancherlei Unheil solcher Seelen durch eine gewisse Erziehung schon bannen können, wenn man ins Auge fasste den Zusammenhang des Erinnerungslebens, des Gesamtseelenlebens überhaupt, mit dem, was man Aufmerksamkeit nennt.

Das, was man Aufmerksamkeit nennen könnte, ist zwar nicht die Aufmerksamkeit auf dieses oder jenes, sondern die Tätigkeit der Aufmerksamkeit, die im Seelenleben entfaltete Tätigkeit, während man aufmerksam ist. Dies muss für die Ziele der Geistesforschung ins Unbegrenzte intensiver gestärkt werden, erhöht werden, und das geschieht in dem, was man die Konzentration des menschlichen Denkens, Empfindens, Wollens nennen könnte, überhaupt nennen kann die Konzentration des gesamten Seelenlebens.

Im äußeren, im alltäglichen Leben entwickeln wir Aufmerksamkeit dadurch, dass wir angeregt werden durch die Eindrücke von außen, durch das, was, ich möchte sagen, glänzender, hervorragender auf unsere Seele wirkt als anderes. Das fordert unsere Aufmerksamkeit heraus. Wir kommen sehr selten dazu, diese Aufmerksamkeit durch reine Willkür zu erzeugen; das aber muss die Geistesforschung zur Vorbereitung: die Aufmerksamkeit durch innere Willkür, durch Trainierung der Seele, durch intime Übung - man darf schon sagen - ins Unbegrenzte steigern.

Eine Steigerung der Aufmerksamkeit wird so herbeigeführt: Haben wir gewisse Vorstellungen angeregt, vielleicht gerade Vorstellungen, welche nicht einem äußeren Tatbestand entsprechen, sinnbildliche Vorstellungen, die wir aber genau überschauen können, sodass wir wissen, es spielen nicht übernatürlich bewusste Vorstellungen hinein; dass wir dieselben nehmen, sie ganz willkürlich, ohne dass uns irgendein Vorgang zwingt, in den Mittelpunkt unseres Bewusstseins stellen, und dann ein solches Bewusstseinsleben herbeiführen, wie es sich im normalen menschlichen Dasein nur entwickelt im Schlaf.

Im Schlaf tritt ja das für uns ein, dass alle äußeren Sinne schweigen, dass alle Bewegung aufhört, dass der Mensch in Bezug auf seine Körperlichkeit ruhig daliegt. Auch die Sorgen, die [Affekte] des Lebens schweigen im Schlaf, nur tritt im normalen Leben während des Schlafes Bewusstlosigkeit ein. Ich kann hier wiederum nur das Prinzipielle schildern, nicht alles. Genaueres finden Sie in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft». Aber die Seele kann eben durch ihre Trainierung, durch jahrelange Übungen, eine solche Stimmung in sich erzeugen, dass ihr Inneres willkürlich zum Schweigen bringt alles das in sich, was sonst nur während des Schlafes schweigt. Die Seele ist gewissermaßen in demselben Zustand im Verhältnis zur äußeren Tätigkeit und Wahrnehmung wie im Schlaf, nur dass sie wachend ist und so abgezogen von allem äußeren Leben. Es richtet sich die Seele einzig und allein auf die selbstgewählte Vorstellung in intensivster Aufmerksamkeit ihrer gesamten Tätigkeit. Dadurch wird alles, was die Seele sonst an Kräften aufbringt, um die mannigfaltigen Eindrücke des Tages aufzunehmen und zu verarbeiten, alles, was so die Seele an Kräften aufwendet, wird jetzt dazu gebraucht, um auf dieses eine Vorstellungsziel sich zu drängen. Das Seelenleben konzentriert sich, und erzeugt wird jetzt etwas mit demjenigen, was gar bedeutsame Geister der Menschheitsentwicklung immer als den würdigsten Apparat für alle Welterforschung angesehen haben. Gebraucht wird jetzt, was mit ist Apparat der menschlichen Seele, was man vergleichen kann - doch ich lege auf den Vergleich keinen besonderen Wert - mit etwas wie einer geistigen Chemie.

Um das zu verstehen, wieso der Mensch gleichsam ein Seelenexperiment ausführt - das aber nicht ein innerer Vorstellungsvorgang bloß ist, sondern ein realer Vorgang in der Seele, wodurch in der Wirklichkeit etwas geschieht —, um uns darüber zu verständigen, werde ich den Vergleich gebrauchen, der von der Chemie hergenommen ist. Es wird etwas bewirkt mit der Seele, was genannt werden könnte eine geistige Chemie. Wenn wir Wasser vor uns haben, so ist dieses Wasser notwendigerweise in seinen Bestandteilen äußerlich nicht zu erkennen. Der Chemiker zerlegt dieses Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff. Den Wasserstoff scheidet er ab von dem Wasser. Der Wasserstoff hat ganz andere Eigenschaften als das Wasser, Eigenschaften, die man im Wasser als solchem nicht vermuten kann. Ebenso, wie man den Wasserstoff in seinen Eigenschaften im Wasser vermuten kann, ebenso, wie man im Wasser die Eigenschaften des Wasserstoffs auch nur vermuten kann, ebenso kann man an dem Menschen, der vor uns steht im allgemeinen Leben, die Eigenschaften des wirklich seelisch-geistigen Erlebens auch nur vermuten; denn so, wie der Wasserstoff an das Wasser gebunden ist, so ist das Seelisch-Geistige an das Leiblich-Physische gebunden im alltäglichen Leben. Das, was ich Ihnen charakterisiert habe als eine ins Unbegrenzte gehende Steigerung der Aufmerksamkeit auf eine willkürliche Vorstellung oder Empfindung oder Idee, das konzentriert die Kräfte der Seele, sodass diese Seele sich heraushebt aus dem Physisch-Leiblichen. Nun muss allerdings gesagt werden, dass, wenn die Seele sich also präparieren will, sie dieses in Geduld und Energie tun muss und oft jahrelang braucht - das ist bei Einzelnen verschieden -, dann aber gelangt der, der seine Seele präpariert, wirklich dazu, einen Sinn zu verbinden mit etwas, wovon man ja sagen kann, dass es vielen Menschen der Gegenwart berechtigterweise wie unsinnig erscheinen muss. Es gelangt der Geistesforscher dazu, im unmittelbaren inneren Erleben einen Sinn zu verbinden mit dem Wort: Ich erlebe jetzt, ich fühle jetzt im reinen Geistig-Seelischen und weiß, dass in dem, was ich erlebe und erfühle, nichts mehr lebt, was mit dem Physisch-Sinnlichen zusammenhängt. Der Geistesforscher weiß jetzt, was das für das gewöhnliche Leben unsinnige Wort bedeutet, weil er diese Bedeutung durch unmittelbar reale Kraft erlebt, was es heißt: Ich bin mit meinem Geistig-Seelischen herausgetreten aus meinem physischsinnlichen Leib. So selbstständig und so mit anderen Eigenschaften ausgerüstet ist dann das Geistig-Seelische gegenüber dem Physisch-Leiblichen, wie der Wasserstoff mit anderen Eigenschaften ausgerüstet ist, wenn er aus dem Wasser herausgeholt ist. Es sind nicht äußere Vorgänge, die sich mit irgendeinem Äußeren experimentell vergleichen lassen, sondern ist ein Vorgang, welcher dahin führt, dass das Geistig-Seelische herausgezogen wird. Dann erst erweist es sich in seiner wirklichen Selbstständigkeit, dann zeigt es sich in dem, was es ist in seiner wahren, eigenen Natur und was sich verbindet für das alltägliche Leben mit dem Physisch-Sinnlichen, dessen es sich bedient, um die Wahrnehmungen der äußeren Welt zu machen und die Verrichtungen der äußeren Welt auszuführen.

Das Erste, was der Mensch also gleichsam aus seinem Physisch-Sinnlichen erfahren kann, das ist das Denken, das Vorstellen, und da ich nicht, wie gesagt, in Abstraktionen sprechen will, sondern in konkreten Tatsachen des inneren Erlebens des Geistesforschers, so möchte ich auch nicht scheuen, auf dieses Erlebnis bestimmt hinzudeuten, auch auf die Gefahr hin, die mir ganz begreiflich ist, von manchen Menschen, die glauben, auf dem festen Boden der Wissenschaft zu stehen, nicht ernst genommen zu werden. Wenn der Geistesforscher in jahrelanger entsagungsvoller Arbeit seiner Seele dahin gelangt ist, einen Sinn zu verbinden mit dem Wort: Du erlebst, du erfährst außerhalb deines Leibes, dann erlebte er dieses erst in Bezug auf das Denken, das, wovon man schon im gewöhnlichen Leben ahnen kann, was man durch die Geisteswissenschaft weiß. Dass man sich für das Denken des Gehirnes bedienen muss, das hört auf. Man fühlt, dass man im Vorstellen drinnen webt, und man fühlt sich nicht mit diesem inneren Erlebnisinhalt des Gehirns und Nervensystems, sondern man fühlt - wie gesagt, ich sage das auf die Gefahr hin, von manchem nicht ernst genommen zu werden -, dass man mit dem, was man jetzt erlebt, sich selbst wie einen äußeren Gegenstand, wie ein einen außer seines Selbst befindlichen Leib umkreisendes Inneres fühlt, wenn man dem Selbstständigkeit gegeben hat, und erlebt sich wie seinen eigenen Körper, sein eigenes Gehirn umkreisend, und ein wichtiges Erlebnis tritt dann auf. Man lernt erkennen, wie das gewöhnliche Denken geschieht, denn man muss ja, um im wirklichen Geistesforschen vorwärtszukommen, stufenweise vorwärtsdringen. Zuerst ist es oftmals ein dumpfes Erlebnis. Wenn man aber so weit vorgedrungen ist, dass man einen vollen Sinn mit dem Wort verbinden kann: Du lebst jetzt in einem Denken, das außerhalb deines Gehirnes geschieht, so ist das menschliche Leben ja zwischen Geburt und Tod - so muss man zu einer bestimmten Zeit wiederum zurückkehren.

Man kann die Gedanken, die man außerhalb des Leibes hat, man kann sie, wenn man zurückkehrt, dann nur mit dem Gehirn ausgestalten. Das bewirkt ein ganz anderes Gefühl als das gewöhnliche, denn man nimmt den Vorgang mit wahr, man taucht unter in sein Gehirn. Man beginnt, sein Gehirn als Instrument zu gebrauchen, man weiß, dass man im Gehirn etwas hat, das einem Widerstände entgegenbringt, in das man gewaltsam hineindrängen muss, was man außerhalb erlebt hat. Ein eigenartiges Gefühl ist bei einem Übergang des Vorstellens außerhalb und des Gehirn-Vorstellens, ein Gefühl, das sich nur vergleichen lässt mit einer gewissen Furcht, jetzt wiederum denken zu müssen durch das Instrument des Gehirns, weil man eben dem Leben jetzt außerhalb gegenübersteht. Man hat sich sozusagen zum ersten Mal von außen kennengelernt, hat gelernt, zurückzuschauen auf sein Physisch-Leibliches von außen her, und das Untertauchen, das legt einem die Notwendigkeit auf, die sozusagen schwere Materie, schweren Stoffe, plastisch zu bearbeiten, dass da drinnen sich nun ausdrücken können jene Erlebnisse, die man zuerst außerhalb dieses Gehirns vorgenommen hat.

So kann eintreten gewissermaßen eine Art Emanzipation des Verstandeslebens vom physisch-leiblichen Leben. Wenn diese Emanzipation eintritt, dann hat man um sich herum nicht die physisch-sinnliche Welt. Diese physisch-sinnliche Welt verschwindet in demselben Augenblicke, in dem das Heraustreten aus dem physischen Leib geschieht. Man hat um sich herum eine neue Welt, eine Welt, die man bezeichnen kann als die Welt geistiger Zustände. Jetzt erst kann man durch unmittelbare Anschauung durchschauen, was geistige Zustände sind. Etwas tritt da ein, was ich auch diesmal erwähnen möchte, weil ich immer bei diesen Betrachtungen aus dem Abstrakten ins Konkrete vorschreiten möchte; man stellt sich falsch vor dieses Einleben in die geistige Welt, wenn man es sich nach dem Muster der äußeren Wahrnehmungen vorstellt. Hier steht der Betrachter da und der Gegenstand dort. Bei dem Wahrnehmen dessen, was geistige Zustände sind, was jetzt bei einem Geistesforscher eintritt, wenn er sich vorbereitet hat, da muss man in gewisser Weise mit seinem ganzen Wesen untertauchen in den Gegenstand oder in das Wesen, das man wahrnimmt, und so, wie man, wenn man in der eigenen Seele im alltäglichen Leben etwas erlebt, diese oder jene Stimmung erlebt, diesen oder jenen inneren [Affekt] erlebt, wie man das zum Ausdruck bringt in dem, was man die Entwicklung des Gesichtskreises nennt, so kann man auch nur erleben das, was Geisteszustände sind, wenn man mit dem von dem Leibe befreiten Geist, untertauchend in das, was man wahrnimmt, gleichsam nachahmt, wirklich nachahmt in einem inneren Mienenspiel die Zustände der geistigen Außenwelt.

Es ist also ein inneres Mienenspiel, in das man sich hineinlebt, und man kann nicht sagen, wenn man ganz richtig spricht: Ich habe einen Gegenstand oder ein Wesen der geistigen Welt so wahrgenommen wie ein Wesen der sinnlichen Welt -, sondern nur: Ich habe erlebt an diesem Wesen das, was in mir bewirkt, dass ich mich mit meinem Geistig-Seelischen so und so selber ausdrücke. Ich mache in meinem inneren Ausdruck nach, was Eigentümlichkeit des betreffenden Wesens ist. - Man lernt ein inneres Mienenspiel kennen, in dem Empfangen chiffreartiger Vorstellungen, man wird in gewissem Sinne eins mit dem Wesen der geistigen Welt. Sie aber erfordert den Geist in sich so sensitiv, dass Geist ihre eigenen Zustände ausdrückt, wie man sonst ausdrückt die Zustände der eigenen Seele. Ein Erleben, im Gegensatz zum bloßen Wahrnehmen, ist das Schauen der Geisteswelt, ein Eins-Werden mit deren Zuständen. Dadurch unterscheidet sich eben dieses Sich-Hineinleben in die geistige Welt von dem Erleben der alltäglichen Wirklichkeit, das letztlich etwas Passives ist, woneben man gewissermaßen steht, währenddem das, was sich vom Willen emporführen lässt, in die geistigen Erscheinungen einlebt, durchaus in Tätigkeit, in Aktivität sein muss - dieser inneren Aktivität, welche in sich selber Ausdruck, Formen schafft. Für die Zustände der geistigen Welt muss sich die Seele umgestalten, wenn sie in die geistige Welt eindringen will.

So erlebt man gleichsam die Zustände der geistigen Welt, wie man erlebt Formen in der physisch-sinnlichen Welt. Aber man kann nicht nur die Zustände der geistigen Welt erleben, sondern auch die Vorgänge, die Geschehnisse der geistigen Welt. Das geschieht, indem man noch andere Kräfte des Seelischen emporführt von dem Leiblich-Physischen. Nicht nur die Vorstellungskraft kann emporgeführt werden, sondern auch noch eine andere Kraft. Dann muss aber eine andere alltägliche Tätigkeit der Seele wiederum ins Unbegrenzte gesteigert werden, und das ist das, was man mit einem Wort, das im alltäglichen Leben eine Notwendigkeit darstellt, bezeichnen kann, mit dem Wort «Hingabe». Wenn es einem gelingt, eben bewusst jene Hingabe gleichsam an dem allgemeinen Weltprozess zu entwickeln, die wir sonst nur entwickeln unbewusst im Schlaf, wenn man sozusagen ganz hingegeben ist, ohne selbst etwas zu tun, an das Allgemeingeschehen, wie im Schlaf, wenn man so lernt, hingegeben zu werden völlig bewusst wachend an die geistige Welt, dann gelangt man dazu, noch eine andere Seelentätigkeit unseres Innenlebens gleichsam herauszureißen, herauszuziehen aus dem Physisch-Sinnlichen. Diese Tätigkeit ist die, durch welche wir - so sonderbar das klingt, es ist eben doch so - die Frucht im äußeren Physischen erleben: [das] Sprechen, die Sprachkraft. Diese Sprachkraft, sie wurzelt ja, wie genügend bekannt sein wird, im Tätig-Sein des Gehirns, im Tätig-Sein der Organe, die zuletzt zum Kehlkopf führen und so fort. Diese Sprachkraft, sie spielt noch eine ganz andere Rolle, als man gewöhnlich glaubt. Das meiste menschliche Denken verfließt doch im Grunde genommen in Worten, sodass die Worte gleichsam innerlich ablaufen, sodass für den - und das gibt heute die äußere Wissenschaft zu -, der die Dinge genauer betrachtet, alles auch sprachlose Denken bei den Menschen so abläuft, dass sie in feiner Weise innerlich mitvibrieren. Der Körper ist eigentlich in fortwährender innerer Tätigkeit, wenn er denkt. Diese Tätigkeit sagt sozusagen lautlos das nach, was sonst robuster in den Bewegungen der Sprachorgane und des Nervensystems ausgedrückt wird.

Wenn man nun durch sorgfältige Übungen, gesteigerte Aufmerksamkeit, das heißt durch Konzentration, gesteigerte Hingabe, das heißt Meditation, dazu gelangt, die Tätigkeit, die die Seele aufwenden muss, wenn sie spricht im alltäglichen Leben, wenn man dazu gelangt, diese Tätigkeit aufzuwenden, ohne dass man diese Tätigkeit auslebt im äußeren Sprechen, dann hat man eine zweite Seelenkraft emporgeführt von dem Leiblich-Physischen. Dieses Emporziehen ist schon etwas schwieriger als das andere, aber es kann in [robustem], energischem Üben erlangt werden.

Wenn ich zu Ihnen spreche, so ist ja meine Seele spontan in Tätigkeit, und das, was da in Tätigkeit vollzogen wird, das prägt sich aus im äußeren Wort. Wenn es nun gelingt, zurückzuhalten die Tätigkeit, die sonst im Wort ausklingt, sodass sie ohne Wort und ohne jene Vibration, rein innerlich seelisch, vollzogen wird, wenn also sozusagen das Wort «Stärke» innerlich in der Seele erlebt wird, dann erkräftigt sich, erstarkt sich innerlich das seelische Leben noch weit mehr als bei der bloßen Operation [Separation?] des Gedankens von dem Physisch-Sinnlichen, und man zieht dann, durch eine ähnliche geistige Chemie sozusagen, das Sprachvermögen, die Sprachkraft aus dem physischen Leib heraus, erlebt sie bloß in der Seele. Man weiß wiederum, was es heißt: Du bist in deinem seelisch-geistigen Erleben außerhalb deines physischen Leibes und erlebst jetzt, wo du dich nicht des Kehlkopfes bedienen kannst, um zu sprechen, wo du diese Tätigkeiten außerhalb deines Leibes entfaltest, wie sonst bei dem Sprechen, du erlebst jetzt das Sprachvermögen innerlich. Du erlebst jetzt das innerliche Wort. Rein geistig erlebst du das innerliche Wort.

Sehr verwandt ist dieses Erleben des inneren Wortes mit dem Erleben der Gedächtniskraft. Selbstverständlich aber, wenn ich sage, mit dem Erleben der Gedächtniskraft, so meine ich nicht das, was sich äußert in dem Erinnerungsvermögen, sondern ich meine das, was hinter diesem Erinnerungsvermögen steht, was im Alltäglichen nicht bewusst lebt, was wirkt und halb unbewusst bleibt. Wenn wir einen Gedanken dem Gedächtnis einverleiben, so üben wir eine Seelentätigkeit, und diese ist verwandt mit der Sprachkraft. Das ist also etwas, was wir nennen die unterseelische Erinnerungskraft, ebenso, wie wir sagen können, die unterseelische Sprachkraft, welche wir herausziehen aus dem gewöhnlichen Sprechen und worin wir dann als Geistesforscher leben. Rein geistig-seelisch im Worte, im Erinnerungsvermögen, leben wir, wenn im gewöhnlichen täglichen Leben verwandelt wird die Erinnerung, sodass wir uns an die alltäglichen Erlebnisse eben erinnern, an die mit, wo ja alles Gedächtnis schweigt, wie im Schlaf. Jetzt ist sozusagen übrig das, was sonst verwendet wird auf die Erinnerung. Immer wird im alltäglichen Leben etwas zum Erinnern verwendet, innerliche Kraft wird aufgewendet, um das, was vorgeht, haften zu machen im Seelenleben. Jetzt, wo wir ein Seelenleben herbeigeführt haben, welches die gewöhnliche Erinnerung tilgt, jetzt wird diese Kraft, die sonst zum Erinnern verwendet wird, sie wird verwandt rein geistig-seelisch, sie pulst in dem innerlich rein Geistigen erkennend wörtlich.

Wenn wir also die Sprachkraft emporführen von dem Physisch-Leiblichen, da gelangen wir dazu, nicht nur Zustände zu erleben, sondern wir können untertauchen in die Wesenheiten der geistigen Welt, sodass wir das, was in ihnen geschieht, miterleben. Wir entwickeln jetzt nicht bloß ein Mienenspiel, sondern das, was man nennen könnte eine innere geistige Kraft der Geste, [eine innere Gebärde]. Das muss immer betont werden - das, worauf Aktivität als geistiges Erlebnis beruht. Will man ein Geisteswesen erleben, so muss man in dasselbe untertauchen und seine Vorgänge miterleben, wie wir unsere eigenen inneren Erlebnisse mit Gesten begleiten, das, was in unserer Seele selbst vorgeht, in der Geste zum Ausdruck bringen. Mancher Mensch - zum Beispiel ich selber — verwendet viel zu viel an Gesten, um das, was inneres Seelenleben ist, zum Ausdruck zu bringen. So, wie das Seelenleben sich, ausfließend, abzweigt, so muss es zu innerer Geste des geistig-seelischen Erlebens führen. Dann erlebt man Vorgänge, nicht bloß Zustände; diese erlebt man durch die emporgeführten Gedanken, die Vorgänge durch das emporgeführte Sprachvermögen und Erinnerungsvermögen. Dann erlebt man, wenn man also Zustände der geistigen Welt erlebt, auch die eigenen inneren Zustände, und dieses führt nun schon tief in das Wesen der menschlichen Seele hinein.

Indem der Geistesforscher beginnt, innere Zustände zu erleben, verbindet er mit Folgendem einen sinnvollen Begriff: Er weiß, worauf es beruht, dass die materialistische Anschauung der Gegenwart von einem rein idealistischen Standpunkt aus so schwer zu widerlegen ist - deshalb, weil allerdings das alltägliche Denken ganz richtig, wie die materialistische Vorstellungsweise behauptet, aus dem Nervensystem, aus dem Gehirn hervorspringt. Denn das, was man im gewöhnlichen Bewusstsein an Inhalt hat, als Seelisches erlebt, ist durchaus im Grunde genommen nur ein Bild des Seelischen.

Gerade auf die Auseinandersetzungen in Bezug auf die Bildhaftigkeit einzugehen, ist nicht Zeit genug. Nur andeuten will ich, dass für den Geistesforscher, der es so weit gebracht hat, durchaus klar ist, was das gewöhnliche Empfinden, der Wille und das Vorstellungsleben wollen. So verlaufen sie in Bildern, die hervordringen aus dem Leiblichen. Sie dringen hervor wie die Spiegelbilder unseres eigenen Selbstes, wenn wir vor einen Spiegel treten. Der Leib bildet durchaus das, was man einen Spiegel nennen könnte für das geistig-seelische Erleben. Nur ist das Bild, wie jedes Bild, nicht eigentlich vollständig. Nur dann wäre das Bild vollständig, wenn wir im gewöhnlichen Leben vor einen Spiegel tretend, von uns Kräfte aussenden müssten, um den Spiegel so zu gestalten, dass seine materielle Beschaffenheit so wird, dass er uns die Bilder zurücksendet. Denn das vollbringen wir tatsächlich an unserem Leibe, dass wir diesen Leib mit unserem tieferen Geistig-Seelischen erst in die Fähigkeit versetzen, das uns zurückzuwerfen, was wir unser alltägliches Leben nennen. Wir machen ihn erst zum Spiegel in Wahrheit, muss man sagen, und darauf beruht das Geheimnis des menschlichen Seelenlebens.

Der Geistesforscher wird geführt zu einem geistigseelischen Erleben, das außer und hinter dem Leiblich-Physischen steht, und er schaut es an, wie das eigentlich wahre Geistig-Seelische den Leib erst bearbeitet, sodass dann aus dem Leib heraus die Inhalte des alltäglichen Seelenerlebens dringen. So unmöglich ist es zu denken für den Geistesforscher, der das durchschaut, dass nur wie eine Funktion des Gehirnes das geistig-seelische Erleben ist, so unmöglich, wie der Gedanke wäre, dass aus dem Spiegel aufsteigt als eine Wirklichkeit das Bild, das wir vor uns haben. Mit demselben Rechte könnte man behaupten: Wenn man sich im Spiegel sieht, so kommt aus dem Spiegel heraus das, was hineinschaut -, so, dass aus dem Nervensystem das Geistig-Seelische herauskomme. Das Geistig-Seelische in seiner Wirklichkeit liegt hinter dem Leiblichen, und in Wahrheit ist der Leib zwischen dem wahrhaft Geistig-Seelischen, das sein aktiver Bearbeiter, plastischer Gestalter ist, und dem Alltäglichen, auf die Sinneswelt beschränkten Erleben, das in Wirklichkeit nur in Bildern verläuft. So gelangt man zu dem, was als wahrhaft Geistig-Seelisches hinter dem Leiblichen steht. Wenn man dazu gelangt, dann steht allerdings dieses, was man so als Zustand erlebt, ganz anders da, als was man durch äußere Spekulation als das Geistig-Seelische ansprechen möchte, denn man steht dem unmittelbaren Schauen gegenüber, dem, was das Ich geistig-seelisch in der menschlichen Natur ist. Dann hört die Lehre von den wiederholten Erdenleben auf, eine bloße theoretische Erkenntnis zu sein. Dann beginnt eine Erweiterung, man möchte sagen, des Gedächtnisses, welche sich dann erstrecken kann über die wiederholten Erdenleben. Das vollständige menschliche Erleben wird durchschaut, wie es verläuft nicht bloß zwischen Geburt und Tod, sondern durch viele irdische Leben hindurch und durch die geistigen Erlebnisse hindurch zwischen Tod und Geburt. Das, was man die wiederholten Erdenleben nennen kann, wird ein unmittelbares Erleben. Dadurch, dass man die Erinnerung und Sprachkraft emporgeführt hat, zu einer Erkenntnis- und Erlebenskraft gemacht hat, tauchen aus den Fluten des Geisteslebens auf als Wirklichkeit die vergangenen Erdenleben, und die Gewissheit taucht auf, dass auch das gegenwärtige die Ursache ist für folgende, und dass zwischen Tod und einer neuen Geburt ein viel längeres Leben ist als das Erdenleben.

Durch das Zurückdrängen der gewöhnlichen Erinnerungskraft wird die höhere Erinnerungskraft erweckt. Wenn die Erinnerungskraft, die uns sonst nur zurückblicken lässt bis zur Geburt, wenn diese getilgt wird, dann erwacht sie zu einer erhöhten Kraft, die sich jetzt erstreckt zu einer Erkenntnis wiederholter Erdenleben! Diese Erkenntnis hat nicht nötig, eine moderne Geisteswahrheit aus alten Religionssystemen aufzunehmen. Die Menschen, die nichts wissen von den Methoden der Geistesforschung und die oberflächlich etwas davon aufgenommen haben, dass diese Geisteswissenschaft sprechen muss von wiederholten Erdenleben, können sehr leicht zum Glauben kommen, dass irgendeine alte buddhistische Wahrheit damit aufgewärmt wird. So unzukömmlich ist eine solche Behauptung, wie wenn man behaupten wollte, dass heute nur einer den pythagoreischen Lehrsatz beweisen könnte dadurch, dass er sich in das [Lücke in der Mitschrift].

Geisteswissenschaft hat nichts zu tun mit irgendetwas historisch Überkommenem, sondern lediglich mit dem, was der Geist durch die angegebenen Mittel in sich selber jederzeit erforschen kann. Wie man durch äußeres Experimentieren zu den Ergebnissen der Wissenschaft kommt, so kommt man durch inneres Experimentieren zu den Ergebnissen dieser Geistesforschung. Dass die Ergebnisse dieser Geisteswissenschaft heute träumerisch erscheinen, nun, es kann am wenigsten den wundernehmen, der die Natur dieser Geisteswissenschaft kennt, der weiß, wie sie sich hineinstellen lässt in das Geistesleben der Gegenwart. In diesem Sinn muss immer wieder betont werden: So befremdend, wie die kopernikanische Anschauung gewirkt hat, so paradox mag selbstverständlich für das moderne Gemüt das, was geisteswissenschaftliche Ergebnisse sind, wirken. Aber ebenso, wie die kopernikanische Weltanschauung sich einverleibt hat der modernen Kultur, so wird sich einverleiben das, was diese Geistesforschung zu sagen hat. Gewiss, ebenso, wie man heute dieser Geistesforschung gegenübertritt, ist man entgegengetreten der kopernikanischen Weltanschauung; und würde man dazumal schon in Vorträgen sich vorgenommen haben, so etwas wie die kopernikanische Weltanschauung, die dazumal auch als etwas ganz Phantastisches erscheinen musste, zu vertreten, so würde man vielleicht dazumal einen solchen Vortrag angekündigt haben: die kopernikanische Weltanschauung als Surrogat für das Christentum; namentlich aus dem Grunde, weil man hätte glauben können, dass die kopernikanische Weltanschauung das Christentum gefährde. Man hat sich erst allmählich darauf eingelassen, einzusehen, dass die Sache anders ist, und in unserer Gegenwart kann man schon aus den echten Zielen der Gegenwart tatsächlich andere Erfahrungen machen.

Gegenüber den Erfahrungen, die ich hier zu machen habe, muss es einen in sympathischer Weise berühren, wie man hören konnte, wie ein katholischer Theologe, der ein tief fühlender Philosoph ist, sagte: Gewiss trat einstmals eine vorurteilsvolle Welt so entgegen der kopernikanischen Weltanschauung, wie wenn diese gefährden könne das religiöse Leben; heute - so sage nicht ich, so sagt dieser katholische Theologe -, heute wird der wahre Katholik sogar wissen, dass das, was erforscht wird an Geheimnissen des Daseins, was erkannt wird von der Größe der Welt, niemals beitragen kann zur Befriedigung des religiösen Lebens, sondern allein dazu, die Größe des göttlichen Schöpfers umso mehr zu bewundern, je mehr man seine Taten in der Weltentwicklung kennenlernt. - Auch die Zeit wird kommen, wo man in den wiederholten Erdenleben eine Beförderung des christlichen Standpunktes erkennen wird, wie heute in der kopernikanischen Weltanschauung eine Beförderung der christlichen Anschauung. So habe ich Ihnen gesprochen gewissermaßen von zwei Seelenkräften, die emporgeführt werden können von dem Erleben mit dem physischen Leib.

Es gibt noch eine dritte Seelenkraft, die spontan auf dem Weg zur Geistesforschung hin emporgeführt werden muss, und durch diese dritte Seelenkraft gelangt man jetzt nicht bloß zu den Zuständen und Vorgängen, sondern zu den Wesenheiten der geistigen Welt selber, sodass diese geistige Welt auf einer anderen Stufe etwas wird, wie die Naturwelt ist — nicht etwas, wovon man im Allgemeinen spricht, sondern wie man auch von der Natur nicht im Allgemeinen, sondern von einzelnen Tieren, Pflanzen, Steinen, einzelnen Wolken, Bergen, Flüssen und so weiter spricht.

Wo der Geist nicht als eine Summe von wirklichen geistigen Wesenheiten vor die Augen seelisch tritt, da muss noch etwas anderes allerdings emporgeführt werden von dieser menschlichen Wahrheit, wie sie im Alltag vor uns steht. Wir müssen uns erinnern, wie wir als Menschen in das Leben hereintraten. Dadurch unterscheiden wir uns als Mensch von den anderen sinnlichen Erscheinungen der Erde, dass wir gewissermaßen schon in der ersten Zeit das, was unsere Bestimmung am schönsten charakterisiert, aus uns selbst machen müssen. Wir treten gewissermaßen als Vierfüßer in die Welt, — das Gleichgewicht, aufrecht zu stehen und zu gehen, eignen wir uns erst an. Ich bemerke von vornherein, damit kein Missverständnis entstehen kann, wie an einem andern Ort, dass ich selbstverständlich weiß, dass auch andere Erscheinungen auf zwei Beinen gehen, wie zum Beispiel die Hühner, aber das ist der Unterschied, dass diese von vornherein daraufhin organisiert sind, während der Mensch durch Anwendung einer inneren Kraft überwindet, die Schwere überwindet, eine rein im Materiellen wirkende Kraft. Der Mensch macht sich in den ersten Jahren seines sinnlichen Daseins zu dem aufrechten Wesen, zu dem, von dem ja doch immer tiefer Angelegte gewusst haben, was es heißt, aufrecht zu stehen, das Auge hinausrichten zu vermögen in das All. Dazu aber macht sich der Mensch selber. Eine innerliche Kraft wird aufgewendet, durch die eigentlich der Mensch das wird, wozu er vorbestimmt ist.

Diese Kraft, sie tritt uns überhaupt im Verlauf des Lebens weiter nicht mehr zum Bewusstsein. In einer Zeit, wo unser Bewusstsein noch im Traumhaften ist, erleben wir das, was sozusagen uns die Lage, das Gleichgewicht in der Welt gab, wodurch wir Menschen sind. Aber wir können sie wiederfinden, und der Geistesforscher muss sie wiederfinden, diese Kräfte. Diese Kräfte bleiben in der Seele. Sie werden nur im normalen Leben einzig und allein dazu verwendet, dem Menschen seine aufrechte Lage zu geben, aber dann ruhen sie. Sie werden wiederum heraufgeholt, und diese innere Seelenkraft, emporgeführt, ist etwas, wenn es erlebt wird, das sich zeigt von einem zugleich emporgeführten Willen, durchflossen von jenem Willen, der unser geistig-seelisches Erleben außerhalb des physischen Leibes sich in verschiedene Lagen bringen lässt zu den verschiedenen Wahrheiten des Weltalls. Dadurch erlangt man nun das Folgende: Wie der Mensch sich selber in der physischen Welt zu dem macht, was einzig er ist durch sein aufrechtes Gleichgewicht, wie er sozusagen da sein Ich-Wesen in seiner inneren Tätigkeit und Zubereitungskraft erfasst für die Erde, so erfasst er, wenn er diese innere Tätigkeit, durch die er sich zum Menschen macht, wenn er die Tätigkeit in ihrer Organisation erfasst, so erfasst er die innere Wahrheit anderer Geistwesen, erfasst die innere Wesenheit wirklicher Geister, erlebt mit, wie andere Wesenheiten sich zu ihrer Wesenheit machen, wie er auf Erden durch das Angeführte sich zu einer Wesenheit macht.

Allerdings, alle diese Dinge sind nur zu erlangen durch eine gewisse Resignation, durch eine gewisse innere tragische Stimmung. Vieles ist zu überwinden, und die Überwindungen sind in gewisser Beziehung eine Art Leiden. Aber wenn der Geistesforscher mutig durchgeht durch dieses Erleiden, dann gelangt er dazu, aus diesem Leiden loszulösen die innere Aktivität, die jetzt vermag nicht nur die Lage uns zu bilden, die dem Menschen auf Erden seine wahre äußere Bestimmung gibt, die den Menschen dazu macht, dass er den Blick hinauswenden kann in das All, sondern dazu, unterzutauchen in andere Wesen, deren Bestimmung zu ergreifen, indem er sich in sie einlebt, und das zu erleben, wodurch sie in ihren Welten in anderer Weise das werden, was sie sind, wie der Mensch auf Erden. Jetzt erlebt man nicht nur Zustände und Vorgänge, sondern das innere Leben der Geistwesen selber. Man birgt sich hinein, indem man in innerer Beweglichkeit, in innerer richtiger Kraft eins wird mit diesen Wahrheiten. Jetzt ist es eine gewisse, aber innerlich bewegliche Physiognomie. Wie der Mensch sich seine Gesamt-Physiognomie auf der Erde erwirbt, so taucht er unter in die Physiognomien der anderen Wahrheiten auf dieser dritten Stufe.

So steigt man auf zu geistigem Miterleben der Geistwesen durch inneres Mienenspiel, durch innere Gebärde und Geste, dann durch innere Physiognomie, durch das Kennen der inneren Wesenheit anderer Geistwesen. So wird stufenweise die geistige Welt zu einer wahren Wirklichkeit, und immer zeigt sich, dass dieses Werden der geistigen Welt zu einer wahren Wirklichkeit sich unterscheidet von dem Erleben der äußeren physischen Welt. Diese wird in Passivität erlebt. Eine geistige Welt kann nur erlebt werden in Aktivität, und damit stehen wir an dem Punkt, der uns so recht zeigt, wie diese Geisteswissenschaft sich hereinstellen muss in das geistige Kulturleben der Gegenwart.

Wie gesagt, ich wollte heute aufzeigen, wie der Geistesforscher gelangt zu seinen Erlebnissen. Spezielle Erlebnisse werde ich übermorgen entwickeln. Dasjenige aber kann hervorgehen aus dem heutigen, dass der Geistesforscher appelliert an die Aktivität der Seele, an das, was die Seele nur in un- [Lücke in der Mitschrift] Tätigkeit alles vom Physisch-Leiblichen emporführt, rein geistig-seelische Tätigkeit erleben kann. In dem Untertauchen, das aber rein geistig-seelisch ist, in die anderen Wahrheiten werden die Zustände, Vorgänge und das Wesen dieser Wahrheiten selber erlebt.

Alle diese Dinge sind nicht zu erleben, ohne dass man auf das gesamte Seelische ausdehnt das, was im Grunde genommen sonst nur im Moralischen erlebt wird. Wenn der Mensch im Moralischen innerlich erlebt: Das willst du tun, das ist ein Gutes, so ist ja doch das Erleben der inneren Pflicht, die äußere Tat werden muss, das Erleben gerade des höchsten Moralischen. Dieses Erleben ist ein inneres, ist ein solches, dass der Mensch von sich absehen muss, denn im Grunde genommen kommt alles Unsittliche aus dem Egoismus. Das Sittliche aber kommt von dem Absehen von dem engbegrenzten Ich, das der Mensch in den Vordergrund stellt. Wie der Mensch im Sittlichen wenigstens durch sein Fühlen frei wird von dem, wodurch er sich sonst in das alltägliche Leben hineinstellt, so wird er im Gesamtleben der Seele frei im Erleben der höheren Welten. In gewisser Beziehung ist das sittliche Leben das dunkle Vorbild für das höhere Erkenntnisleben.

Ich wollte nicht durch Worte, sondern durch Schilderung von Seelenvorgängen zeigen, worin Geisteswissenschaft besteht, und wie das Verhältnis des Geisteslebens zur Geistes-Wissenschaft ist. Wenn wir dagegen das Leben der Gegenwart ansehen, so dürfen wir wahrlich sagen: Dieses Erleben ist nicht angelegt auf Tätigkeit des Inneren der Seele. Insbesondere, wenn der Mensch erkennen soll die Welt, dann ist er heute passiv. Man könnte durch geradezu groteske Beispiele erhärten, wie gerne heute der Mensch passiv ist. Es ist sehr erfreulich, dass Sie in so zahlreicher Weise heute, wo nicht [Lücke in der Mitschrift] sind mit Lichtbildern, erschienen sind. Aber Sie werden alle zugeben, dass die Darstellungen, die mit Lichtbildern verknüpft sind, lieber besucht werden als die, bei denen solche Versprechungen nicht gegeben werden. Der Geistesforscher appelliert an das Übersinnliche, Unsichtbare, und wenn er sich auch der Lichtbilder bedienen würde, so nur, um etwas außerordentlich zu versinnlichen. Aber die heutige Menschheit ist bis zu einem hohen Grade angelegt, nicht für den Geist oder etwas Erforschbares gewonnen zu werden dadurch, dass appelliert wird an die Tätigkeit der Seele, sondern an das Anschauen.

Gewiss, auf den geistigen Gebieten, die die bewunderungswürdigsten Errungenschaften hervorgebracht haben, ist dieses Anschauen notwendig; aber der Geist kann nicht in äußerer Anschauung erfasst werden. Was sinnlich ist, ist nicht geistig. Das ist trivial, wird aber nicht eingesehen. Ich erzähle keine Märchen. Es konnte vorkommen, dass ein sonst sehr verdienstvoller Philosoph der Gegenwart neulich einmal eine [monistische] Sache erzählte und dargestellt hat. Er sagte in einer Einleitung, in der er von einer Evolution in der Philosophie schreiben wollte, dass, wenn man Kant und so weiter liest, man sich einliest in Begriffe, aber dem könnte doch abgeholfen werden, man hätte ja heute - und wiederum sei bemerkt, dass nichts gegen die technischen Errungenschaften der Jetztzeit angeführt werden soll, gesagt werden soll, diese technischen Errungenschaften haben ihr Bedeutsames, haben ihr Berechtigtes; aber das ist doch charakteristisch, was da ausgesprochen worden ist — der Philosoph sagt, wenn man sich in Spinozas Ethik einleben will, da ist es schwierig, in die unfassbaren Begriffe sich hineinzuleben. Also nehme man den Film zu Hilfe! Man stelle dar, wie Spinoza spontan dasitzt, wenn ein Gedanke ihm auftaucht, wie die Gedankenausdehnung dann demselben auftaucht. Dann mache man auf der einen Seite die Kraft, welche die Ausdehnung darstellt, dann mache man den übrigen ordentlichen Begriff, wie im Allgemeinen Begriffe gebildet werden.

Der Betreffende hat nichts Geringeres in Aussicht genommen, als die spinozistische Ethik durch den Film darzustellen. So könnte man hoffen, zu sehen, abgeschlossen Spinozas Ethik kinematographisch anzuschauen, oder Kants «Reine Vernunft». Wie gesagt, es soll nichts gegen diese Künste gesagt werden, obwohl es einen eigentümlichen Eindruck macht, wenn der Herausgeber sagt, dass auf diese Weise uraltem metaphysischem Sehnen der Menschenseele Genüge geschafft werden könne durch eine Kunst, die der Oberflächenverstand gewöhnlich nur als etwas Spielerisches ansieht. So könnte durch Anwendung dieser Filmkunst uraltem metaphysischem Sehnen Genüge getan werden.

Ich wollte das anführen, weil es zeigt, wie der Mensch heute das Bedürfnis hat, nicht seine Seele in Tätigkeit überzuführen, nicht zu appellieren an das, was aus aller Passivität heraus in die vollste Aktivität gehen muss, sowie was der Mensch sich heute alles bieten lassen will, das heißt, wie er nicht kühn das Sein in eigener Tätigkeit erreichen will, nicht sich das Sein beweisen will, indem er in eigener Tätigkeit diese Tätigkeit heraufführt zu einem Beweis für das Sein, sondern er will sich das Sein beweisen lassen von außen. Entgegenkommen müssen die Gründe, warum man etwas als seiend annimmt. Das ist für die Denkgewohnheiten der ganzen Philosophie da: immer näher ahnbar aus dem Standpunkt, dass alles Denken, das nicht nachweisen kann, es sei gefußt auf Grundlagen von irgendetwas, wozu man nichts getan hat, dass alles dieses Denken als bloße Phantasie aufgefasst wird.

Nach und nach tendieren die Ziele der Gegenwart dahin, alles Denken für Phantasie zu erklären, das nicht nachweisen kann, dass es herausgesogen ist aus dem stofflichen Dasein, das sich von außen darbietet. Ich habe vor[hin] diesen Grundcharakter in den Zielen der Gegenwart angegeben. Dieser Grundcharakter war notwendig, denn dadurch allein, dass der Mensch Erziehung genossen hat durch die Naturwissenschaften, sind die großen, gewaltigen Erkundungen der Naturwissenschaft gekommen, ist das [gekommen], was kommerziell, technisch den Erdball umgestaltet hat, das auch die Erkenntnis in großartiger Weise gehoben hat. Dazu, dass das so kam, ist notwendig gewesen, dass der Mensch sich passiv der Außenwelt gegenübergestellt hat. Die Kühnheit, die der Mensch entwickeln muss für das innere Erleben, die fließt gewissermaßen heute ein in das äußere Tun.

Es ist im menschlichen Leben einmal ein Gesetz, dass, was auf der einen Seite groß wird, auf der anderen Seite in gewisser Weise verkümmern muss. Die letzten drei bis vier Jahrhunderte haben es dahin gebracht, dass so ungeheuer Kühnes von der Menschheit vorgenommen werden konnte wie die Errungenschaften bis hinauf zur Luftschifffahrt. Dadurch, dass die Kühnheit entwickelt wurde für die äußeren Errungenschaften, dadurch hat sich in der Menschheit ergeben eine Erziehung, die ja innere Kühnheit für eine gewisse Zeit lang gegeben hat, wo notwendig ist, ein Geistiges zu erfassen, das nicht erfasst werden kann, wenn man sich positiv hingibt, sondern nur, wenn man in der Lage ist, sich hinzugeben an dieses Geistige mit seiner Tätigkeit, sodass man auf dem Standpunkt steht: Was du selber in dir erlebst, das ist keine Wirklichkeit. Man kann niemals zu einer wirklichen Erkenntnis des Geistes kommen, denn der Geist lässt uns nur aktiv in seine Sphären hinein.

So ist allerdings spontan das, was die Grundanforderung für das Anerkennen der Geisteswissenschaft ist, den Zielen der Gegenwart wie entgegengesetzt. Allein, auch das stellt sich für den Verlauf des gesamten Werdens heraus, dass, wenn irgendetwas auf das Höchste gespannt ist — wie ein elastischer Körper, wenn er genügend zusammengedrückt ist, seine Gegenkraft geltend macht -, so, wenn irgendetwas getrieben ist bis zu einem gewissen Punkt, so macht sich die entgegengesetzte Kraft, die Reaktion geltend, und der, der unser Zeitalter betrachten kann, der weiß, wie in unserer Zeit bereits durchaus in den Seelen, ohne dass sie es tief selber wissen, jene entgegengesetzte Sehnsucht vorhanden ist - nachdem bis zu einem gewissen hohen Punkte es die Erziehung in der äußeren Naturwissenschaft gebracht hat -, lechzt die Seele, wie gesagt, ohne dass sie es heute oftmals selber weiß, nach einer Erkenntnis desjenigen, was hinter den Sinnen als die eigentliche Grundlage alles menschlichen Lebens vorhanden ist. Den Vergleich darf ich nochmals gebrauchen: Geisteswissenschaft ist heute gegenüber den Zielen unserer Zeit auf demselben Punkte, auf dem Naturwissenschaft war etwa in der Zeit des Giordano Bruno, der erkennend durchbrach das, was man wie eine blaue Himmelskugel, als blaues Gewölbe gedacht hat. Das war das Bedeutsame, dass Bruno sagt: Das, was da oben ist, ist keine wirkliche Grenze, ist nur hervorgerufen durch die Grenze, die sich der Mensch selber setzt. Das, was das Menschlein erkennt, als Grenze setzen muss, das breitet sich da aus. Durchbrochen wurde dazumal die begrenzte Welt, hinauserweitert der Blick in unbegrenzte Fernen des Raumes.

Ein solches Firmament aber - jetzt ein zeitliches Firmament - ist für die bloße Naturwissenschaft da, und wenn sie es geltend macht auf ihrem Standpunkt, ist das berechtigt; nur sollte sie ihre Grenzen anerkennen. Ein solches zeitliches Moment ist das, was sich geltend macht für die äußere Welt in Geburt und Tod. So wahr als das physische Firmament nur durch den Menschen selber in den Raum versetzt ist und das Wissen neu erweitert werden konnte in Bezug auf räumliche Unendlichkeit, so wird Geisteswissenschaft das für den Geist tun, [wie] was dazumal das zeitliche Firmament durchbrochen [hat], das für Geburt und Tod gegeben ist, und hineinschauen lehren in eine zeitliche Unendlichkeit, das heißt in die Ewigkeit, in die Unsterblichkeit der Menschenseele. Die Gegnerschaften [Lücke in der Mitschrift] werden das neu Erweiterte des Geistesblickes heute noch finden müssen.

Aber gerade wenn man so gewissermaßen die Ziele der Gegenwart ins Auge fasst, da sieht man, dass auf der einen Seite dastehen müssen die Menschen, denen es ganz unerhört unsinnig erscheint, dass solche Dinge gesagt werden können, wie sie die Geisteswissenschaft sagt. Auf der anderen Seite aber kann schon wahrgenommen werden, wie in den Seelen immer der Durst entsteht, wirklich die Welt so kennenzulernen, wie die Geisteswissenschaft sie zu erforschen als ihre Aufgabe anerkennt. Vieles, das später klar und deutlich in der Seele hervortritt, ist zuerst als dunkler Drang vorhanden. Sie sieht der Geistesforscher, er weiß, dass die allernächste Zukunft Seelen finden wird, die zur Anerkennung des geistigen Forschens kommen werden auf dem Wege der Geisteswissenschaft.

So spricht oberflächlich alles gegen die Geisteswissenschaft. Wenn man [aber] das, was in den Tiefen der Seele sich geltend macht, ins Auge fasst, dann gibt es eine Gewähr dafür, dass die Geisteswissenschaft sich wirklich die Herzen, die Seelen der Menschen erwerben wird. Man [zieht] heute nur aus dem, wovon man oftmals sagt, dass es aufgebaut ist auf den wahren Zielen der Wissenschaft, man zieht nicht die richtigen Konsequenzen, sonst könnte man zu etwas kommen, was jetzt zu unserer Verständigung gesagt werden soll durch eine Art Metapher.

Nicht will ich mich befassen mit der Bedeutung des großen bedeutenden Wortes, das am Anfang der Bibel steht. Inwiefern es einer Tatsache entspricht im Menschenleben auf Erden, das kann bei einer anderen Gelegenheit auseinandergesetzt werden. Aber mit einem gewaltigen Hinblick auf die Entwicklung des menschlichen Erlebens steht dieses Bibelwort vor uns, dieses Bibelwort, das dem Widersacher der Menschheit sozusagen in den Mund gelegt wird:

Ihr werdet sein wie die Götter und unterscheiden das Gute und das Böse.

Und angedeutet wird damit sowohl für den religiösen Menschen wie auch den wissenschaftlich erkennenden Menschen, wenn die Sache nur in ihren Tiefen betrachtet wird, wie der Mensch in gewisser Beziehung versucht worden ist, über das Maß, das ihm in Urzeiten zuerteilt, hinauszugehen. Auch hier ist schon auseinandergesetzt worden, wie dieses Wort, respektive das, was dahintersteht, zusammenhängt mit der Möglichkeit des Bösen und der Tatsache der menschlichen Freiheit.

So könnte man sagen, dass eine Weltanschauung, die durch die Tradition geheiligt ist, die gewiss die Geisteswissenschaft ebenso anerkennt wie nur irgendjemand, dass eine solche Weltanschauung an den Eingang der menschlichen Entwicklung das Wort setzt von der Versuchung, über den Menschen hinauszuwollen im inneren Erleben. Man kann von jeder Zeit sagen, dass sie eine Übergangszeit ist. Man spricht oft ein triviales Wort damit aus, aber es kommt nur darauf an, auch wenn jede Zeit eine Übergangszeit ist, dass man die Übergangsmomente in der richtigen Weise charakterisiert, und dass der, der versucht, in die Ziele der Zeit einzudringen, sie selbst da erkennt, wo sie den Seelen noch unbewusst bleiben. Wer sie sich aber enthüllen wird, wer so eindringen wird, bemerkt, dass heut in der Tat - wenn jetzt auch nichts Abergläubiges gemeint ist - etwas wie ein böser Geist lauernd an des Menschen Seite steht. Gestatten Sie, dass ich mit einem starken Ausdruck das sage, was ich sagen will. [Lücke in der Mitschrift.]

Es kann der Ausspruch manchem paradox erscheinen; aber es soll mit einem scheinbaren [Paradoxon] das, was ausgesprochen werden soll, möglichst deutlich gesagt werden. Wenn man die Übergangsmomente unserer Zeit in Betracht zieht, da zeigt sich: Vieles, was heute geglaubt wird — da ist wiederum eine Art von Verführer zu bemerken, nicht im abergläubischen Sinne gemeint. Allein, wenn man so etwas ausspricht, mit übersinnlichen Worten, dann muss man an das Wort erinnern:

Den Teufel spürt das Völkchen nie,
Und wenn er sie beim Kragen hätte.

Wiederum ist so etwas wie ein Versucher da, und nur schwer ist [es], über ihn klar zu werden, weil man nicht die Konsequenzen zieht aus dem, was in den Zielen der Welt schlummert. Weil man diese Konsequenz nicht zieht, darum scheint es paradox, wenn [man] Ihnen die Konsequenz zeigt. Wenn es wahr wäre, was mancher materialistisch Gesinnte aus der gegenwärtigen Wissenschaft herauszieht, dann müsste man sagen: Der Mensch wird durch das, was man heute als Entwicklungslehre auffasst, hineingestellt in das bloße Tierreich. Man fühlt sich ja heute nur [nun?] recht gescheit, und man meint, dass man den entl. Absatz [?] für dumm halten kann, wenn man sagen kann: Das, was der Mensch an Moralischem und an Intellekt erlebt, ist nur eine höhere Ausbildung dessen, was in dem Tierreich zum Vorschein kommt, und je mehr man den Menschen angliedern kann an das Tierreich, desto mehr glaubt man heute wissenschaftlich zu sein.

Wenn auch eine Philosophie heute den etwas schwachen Versuch macht, daneben eine Wertlehre aufzubringen, so ist diese selber etwas Unvollkommenes, denn sagen muss man, wenn wirklich die Konsequenz gezogen würde aus dem, was heute als echte wissenschaftliche Vorstellungsart angesehen wird, dann würde sie darin bestehen, dass das Unterscheiden zwischen Gut und Böse hinauskäme auf dasselbe, was wir empfinden gegenüber den Naturgesetzen. Gutes und Böses würde mit naturgesetzlicher Notwendigkeit hervorsprießen aus der Menschenseele. Da man, wenn man sich so, wie man es oft tut, auf den Boden der Wissenschaft stellen will, der eng begrenzten Wissenschaft stellen will, so ist es inkonsequent, wenn man nicht die Folgerung zieht, dass der Mensch eigentlich begriffen werden soll bloß als eine Umwandlung des Tierischen, und dass das Moralische eingereiht werden soll in das, was als Naturgesetze, als naturgesetzliche Notwendigkeit erkannt wird. Dann aber ergibt es, wie es im Naturgesetz gegenüber Gut und Böse nicht zu unterscheiden gibt, dann gibt es keine Unterscheidung von Gut und Böse.

Paradox, wie gesagt, klingt es, aber wahr ist es doch; der Versucher steht wieder da, nur aus Inkonsequenz sieht man ihn nicht, der Versucher, der jetzt das Entgegengesetzte sagt wie jener Versucher, der durch die Bibel an die Spitze gestellt wird. Jetzt spricht er: Ihr werdet sein wie die Tiere und nicht mehr unterscheiden das Gute und das Böse. Mag das heute manchem lächerlich erscheinen; es erscheint nur dem lächerlich, der nicht versteht, die Konsequenzen zu ziehen, die in mancher rein materialistisch gefärbten Anschauung der Gegenwart liegen. So könnte man sagen, spricht heute der Versucher das Entgegengesetzte wie dort. Damals sprach er:

Ihr werdet sein wie die Götter und unterscheiden das Gute und das Böse.

Der Mensch sollte über sich selbst hinausgehoben werden. Dadurch steht er heute da, sprechend: Ihr werdet sein wie die Tiere, ihr werdet auch erkennen als Tiere und nicht mehr unterscheiden das Gute und das Böse. - So, wie jenes ein Versucherwort war, so ist dieses ein Versucherwort, auch wenn es aus Inkonsequenz nicht ausgesprochen wird. Je mehr man erkennen wird - es ruht in den Zielen der Gegenwart — wie die Seele, wenn sie gewahr wird dieses Versucherwortes, dass die Seele dann die Sehnsucht entwickeln wird, den Geist wiederum zu erkennen in seiner unmittelbaren Gestalt, der ihn heraushebt aus dem, was die [Lücke in der Mitschrift].

So mag sie [die Geisteswissenschaft] auf der einen Seite als Träumerin, als etwas Unsinniges empfunden werden. Man kann das begreifen. Aber auf der anderen Seite kann sie auch als gefordert von den in den Seelen ruhenden tiefsten Zielen unserer Zeit angesehen werden. Weil sie so innig verwachsen ist mit allen Zielen der Menschenseele, darum fühlt man, wenn man auf ihrem Boden steht, wie man im Einklang steht mit dem, was Geisteswissenschaft mit Klarheit aussprechen will, im Einklang steht mit den Ahnungen der Geister, die für Geisteswissenschaft immer gewirkt haben. Diese Geister der Vergangenheit, sie haben, weil Geisteswissenschaft etwas ist, was erst unserer Zeit zuerteilt werden soll, haben in klarer Weise [noch] nicht zum Ausdruck zu bringen versucht, was heute Geisteswissenschaft zu sagen hat. Aber wie das, was in einer Zeit geklärt zum Ausdruck kommen kann [Lücke in der Mitschrift], so haben die führenden Geister immer empfunden das, was Geisteswissenschaft ist.

In klarer Weise zum Ausdruck zu bringen hatte ich manches, was heute sozusagen folgen musste aus dem, was man oftmals Wissenschaft nennt, was nur nicht befolgt wird, weil man nicht konsequent genug ist; [das] hat die mit dem Geist und seiner Entwicklung vertraute Seele immer empfunden. Auch wenn Entwicklung voll anerkannt wird, als durchgehenden Pol unserer Leben, so tritt mit der Menschenseele etwas ein in dieses menschliche Erleben, das hinausgeht über alles das, was äußerlich auch als äußerliche Entwicklung betrachtet werden kann, und Geistesforschung zeigt nur, man möchte sagen — wenn ich das gegenüber diesen Dingen ja trocken, pedantisch klingende Wort gebrauchen darf - zeigt nur durch das geistige Experiment, dass wirklich in Loslösung vom Physischen erlebt werden kann das, was wir die unsterbliche, die ewige, die wahrhaft geistige Menschenseele nennen.

So wird hinblicken gerade durch Geisteswissenschaft der Mensch immer auf das, was des Menschen Würde, des Menschen Bestimmung im Erdenleben wirklich ist. Wir fühlen, wenn der Versucher naht, wenn auch noch so im Unterbewussten, wenn auch noch so nicht eingestanden naht, und uns sagen will: Die Entwicklung zeigt den Menschen nur als letztes Glied dieser tierischen Entwicklung - wenn er sagt: Ihr werdet sein wie die Tiere und nicht mehr unterscheiden das Böse von dem Guten -, da wird Geisteswissenschaft sich einig wissen im Guten mit den nach dem Geistigen lichtvoll strebenden Persönlichkeiten aller Zeiten, entgegenhalten jetzt als Wissen diesem Versucher das, was aus tiefen dichterischen Ahnungen heraus zart Schiller gesagt hat, und worin zusammengefasst werden soll, was betrachtet worden ist. Als Schiller gewahr wurde, wie durch Herder, durch Goethe der ähnliche Gedanke auftauchte, der Mensch [sei] an die Spitze der tierischen Organisation gestellt, da war Schiller klar, dass eine solche Lehre nur richtig erfasst werde, wenn zugleich der Geist voll anerkannt wird in seiner selbstständigen, gegenüber dem Physischen unabhängigen Bedeutung. Deshalb sagt Schiller nicht dasjenige, was so viele heute sagen, und was zu seiner letzten Konsequenz doch dem Versucher Sprache gibt, sondern es sagte Schiller dasjenige - und erblickend zugleich der Menschheit wahre Bestimmung -, er sagte gegenüber der Menschwerdung auf Erden das, worin ich hier gestehe [Lücke in der Mitschrift] im Augenblick, da der Mensch ins Dasein tritt:

Jetzt fiel der Tierheit dumpfe Schranke,
und Menschheit tritt auf die entwölkte Stirn,
und der erhab’ne Fremdling, der Gedanke,
sprang aus dem staunenden Gehirn.

German original of Spiritual Science and the Spiritual World Outlook on the Goals of Our Time · ← Previous · Next →