Spiritual Science and the Future of Humanity

GA 69e — 9 December 1913, Munich

XV. Theosophie Und Antisophie

Selbstverständliche Gegnerschaft [wider die Geisteswissenschaft oder Theosophie ist verbreitet], daher [wurde für den heutigen Vortrag dieses] Thema [gewählt]. Geisteswissenschaft [wird sie genannt] in Bezug auf die Verfassung, welche die menschliche Seele haben muss, um theosophisch gestimmt zu sein. Theosophisch wird diese Stimmung in demselben Sinne wie seit Jahrhunderten genannt. [Es ist] jene Stimmung der menschlichen Seele, durch welche sie die Überzeugung in sich erlebt, dass es einen für den Menschen in seinem Innern erreichbaren Wesenskern gibt, der an das Göttlich-Geistige anknüpft, das die Welt durchwogt und durchwallt. Sich-eins-Wissen mit dem Kosmos, das gibt die theosophische Stimmung in der Weise einer ganz allgemeinen Charakteristik.

[Lücke in der Mitschrift. Was ist geisteswissenschaftliche Forschung?] Es gibt gewisse Verrichtungen der Seele, durch welche die Seele selbst dasjenige Experiment vornimmt, wodurch etwas wie eine geistige Chemie bewirkt wird. Dadurch wird man seelisch-geistig so losgelöst vom Physisch-Leiblichen, dass man einen Sinn verbindet mit den Worten: Ich lebe, ich fühle mich geistig selbstständig gegenüber meinem Leibe, sodass ich diesen Leib von außen betrachte. Wie die anorganische Chemie den Wasserstoff trennt, löst vom Wasser, so die geistige Chemie das Seelisch-Geistige vom Physisch-Leiblichen. Der Mensch erlebt sich auf diese Weise im Geistig-Seelischen dreifach emanzipiert. Was sonst im Schlafe, unbewusst, erlebt wird — der Geistesforscher erlebt es bewusst; arbeitet er doch bewusst, von außerhalb, an dem Physisch-Leiblichen.

Wir können dieses ein bewusstes Schlaferlebnis nennen. Das Physisch-Leibliche ist wie ein Spiegel. Verbrauchte Kräfte des Physisch-Leiblichen befinden sich während des Wachzustandes in fortwährender Zersetzung. Die Wachstumskräfte erschöpfen sich, daher [kommt der] Schlaf. Das, was dann beim Wiederersetzen eintritt, lernt der Forscher bewusst kennen. Eine Art Reproduktion, ein Wiedererwachen reiner Wachstumskräfte tritt auf.

Das Zweite ist das wunderbare Mysterium des Eintritts ins physische Leben. Die ersten Zeiten der Kindheit erscheinen uns wie ein Traum. Unsere Bewusstseinskräfte sind noch wie im Traumleben. Wir erinnern uns nur bis an einen bestimmten Punkt der Kindheit zurück, [da], wo das vollentwickelte Selbstbewusstsein eintritt. Wir können dann «Ich» sagen. In diesen ersten Zeiten sind dieselben Kräfte und Fähigkeiten schon vorhanden, die später hervorbrechen. Wie sind diese Kräfte im Kinde vorhanden? So, dass sie gebraucht werden zur plastischen Ausgestaltung des physischen Körpers. Nur das Formale, Formhafte hat der Mensch ererbt. Er gestaltet diese plastischen Kräfte selbst feiner aus zu individuellen Talenten. Man sieht dies wie ein plastisch arbeitendes Wesen an der physischen Organisation. Man beobachtet, wie dieser geistige Kern von oben herabkommt und in das von Vater und Mutter Ererbte hineinarbeitet. Ich habe früher bereits gesagt, dass dieser Kern die Frucht früherer Erdenerlebnisse ist. Ein Moment tritt ein, wo die physische Organisation gleichsam - um einen groben Ausdruck zu gebrauchen - verhärtet ist, sodass das Geistig-Seelische nicht mehr plastisch daran arbeiten kann. Dadurch entsteht das, was verglichen werden kann mit einem Vor-dem-Spiegel-Stehen. Wenn wir schon davor, vor dem Spiegel stehen können, hindurch können wir nicht, aber das Spiegelbild, das vor uns entsteht, wird zurückgeworfen. Damit lässt sich der eben dargelegte Vorgang vergleichen. Was früher hineingeflossen ist, wird nun in sich selber gespiegelt. Das ist die Entstehung des Selbstbewusstseins.

Diese Kräfte sind dieselben, die an unserem Leibe arbeiten. Der Geistesforscher ist in der geistigen Welt, weiß sich innerhalb des Göttlich-Geistigen, das die Welt durchwebt. Dieses geistig-seelische Erlebnis ist die Frucht eines entsagungsvollen Seelenübens, das Jahre und Jahre dauert. So ist der Geisteswissenschaftler in dem, was sich an dem verhärteten Organismus spiegelt, durchaus auf dem Boden einer theosophischen Anschauung. Wir könnten dieses Leben nicht vollziehen, ohne dass aus seelischem Untergrunde das Geistig-Seelische hervortaucht in seiner Spiegelung. In dem Augenblick aber ist es ja nur der Teil, der nicht eindringen darf in das Wirken und Schaffen. Der nicht-schöpferische Teil ist es. Das bleibt uns für unser alltägliches Leben. Damit müssen wir unsere Aufmerksamkeit dem allein zuwenden, was [Lücke in der Mitschrift]. So stellt es sich vor den Geistesforscher mit dem Momente unseres Lebens, wo wir uns an ein späteres Erdendasein erinnern; unser geistig-seelischer Kern ist da, aber wie überdeckt von dem, was sich nur in seiner Selbstspiegelung erleben kann. Wir sehen nicht, was als geistig-seelischer Kern hinter der spiegelnden Fläche liegt.

Dann zeigt sich, dass sich innerhalb des physischen Organismus, der wie ein alles verdeckender Spiegel wirkt, unser geistig-seelischer Kern verbirgt. Darauf beruht alle Tüchtigkeit, dass wir dieses Selbstbewusstsein entwickeln. Unser Organismus muss etwas schaffen, was den geistig-seelischen Kern zudeckt, um tüchtig in der Welt zu sein. Das ist die antisophische Stimmung. Man braucht sich nicht zu wundern, dass das so ist. Auch der Geistesforscher muss sorgen, dass das bei ihm intakt ist. Er muss seine theosophische Stimmung vergessen und sich geradeso benehmen, als ob er Antisoph wäre.

Nun ist es immer so, dass man die Fähigkeiten in einseitiger Weise entwickelt. Es ist für die meisten Menschen natürlich, dass sie das Pendel des Seelenlebens nach der antisophischen Stimmung ausschlagen lassen. Es ist dies im tiefsten Sinne in der menschlichen Natur begründet. Das Leben erzeugt dies selber; man braucht sich gar nicht zu verwundern. Wir löschen zwar für äußere Verrichtungen das Bewusstsein des Geistigen aus. Aber für jeden Menschen gibt es Augenblicke, in denen sein wahres Heimatsgefühl erwacht, etwas wie Sehnsucht, sich seines geistigen Kerns bewusst zu werden. Dann kommt der Mensch dazu, in die antisophische Stimmung die theosophische Stimmung hineinzugießen. An sich ist es ja so begreiflich, dass diese theosophische Stimmung von der Alltagsstimmung überwuchert werden kann. Wir sehen daher die zwei Strömungen: früher die naturwissenschaftliche, antisophische, jetzt die theosophische Sehnsucht der Seele in unserer Zeit. Folge davon ist, dass die antisophische Stimmung in anderer Strömung um sich gegriffen hat. Sie kennen wohl die schöne Geschichte von Pythagoras, der - von Kleon gefragt, warum er Philosoph sei -— antwortete: Das menschliche Leben kommt mir wie ein Jahrmarkt vor, voll Menschen, die kaufen und verkaufen sollen oder an Spielen sich ergötzen. Ich aber bin wie einer, der alles anschauen will. - In unserer Zeit ist dieser Ausspruch in dieser Weise nicht mehr verwendbar. Was aber ist der Sinn der Worte? Was wollte Pythagoras mit ihnen sagen? Es liegt seinem Ausspruch die Empfindung zugrunde, dass man mit dem, was der Mensch mit Erkenntnissen erringt, die nicht ohne Weiteres im äußeren Leben anwendbar sind, besonders Wertvolles erreicht. Die Seele frei walten lassen, das ist eine Art theosophischer Stimmung. In unserer aus der theosophischen Stimmung geborenen Hinneigung zu dem, was den Menschen vom Physischen hinwegführt, überschreiten wir jetzt Jahrhunderte.

Nun aber kommt von Amerika der Gegensatz zum Obigen, es kommt der Pragmatismus in Gestalt von vielen glänzenden Aphorismen. Diese Einstellung sagt: Ob Wahrheit in einer Wahrnehmung ist, darauf kommt es nicht an, sondern ob das Wahrgenommene sich als brauchbar erweist. Zum Beispiel Unsterblichkeit: Gründe objektiver Art, sie zu beweisen, sind durchaus nicht notwendig. Aber sie macht das Leben sicherer, und der Mensch wird brauchbar, wenn er sie für wahr nimmt. Also stellen wir uns so ein, als ob ein Gott et cetera da wäre. Diese Gesinnung hat eine Art Genossen in der «Philosophie des Als Ob» gefunden. Das Buch liegt schon in der zweiten Auflage vor. Während der Verfasser die Vorrede schon als junger Mann geschrieben hat, hat er das Werk selbst erst nach seiner Pensionierung geschaffen. Dieser Philosoph behauptet, was man über die übersinnlichen Dinge aussagen könne, betrachte man so, als ob es da wäre. Es handelt sich also um den geraden Gegensatz zu der theosophischen Stimmung des Pythagoras und Sokrates, denn jene Philosophie des «Als Ob» kennt keine objektiven Wahrheiten im Übersinnlichen. Die antisophische Stimmung ist heute bei einzelnen tonangebenden Geistern herrschend, und sie ist im breitesten Umfange des menschlichen Seelenlebens zu finden. Auch auf einige andere bedeutende Geister möchte ich hinweisen, möchte aber nicht, dass dieser Hinweis so aufgefasst wird, als sollten geistige Kapazitäten herabgezogen werden. Den Gegner nenne ich nur, weil in der Erwähnung eine gewisse Anerkennung liegen kann. Ich möchte Sie erinnern an die berühmte Rede des großen Physiologen Du Bois-Reymond über die Grenzen der Naturerkenntnis. Zufolge dieser Einstellung ist die Welt nur als eine ungeheure Masse gegeneinander wirkender Atome zu betrachten.

Wohin kommt eine derartig argumentierende Wissenschaft? Sie sagt: Begreifen kann man, welche mathematischen Vorgänge der sichtbaren Welt zugrunde liegen, aber nicht, was Materie, nicht, was Bewusstsein ist. Was hinter dem Sinnlich-Wahrnehmbaren liegt, dafür gilt nicht nur «ignoramus», sondern «ignorabimus» — wir werden es niemals wissen. Charakteristisch ist, dass Du Bois-Reymond der Wissenschaft ein streng definiertes Gebiet zuweist. Aber darüber hinaus soll es nichts mehr zu erkennen geben. Dann, am Schluss der Rede, findet man folgendes Frappierende: Sie hat Grenzen, die Naturerkenntnis. Auf das, was im Raume als Materie herumspukt, müsste man den Supranaturalismus anwenden. Hierüber aber äußert sich Du Bois-Reymond wie folgt: Wo Supranaturalismus anfängt, hört Wissenschaft auf. — Dieser Ausspruch ist eminent antisophisch. Er verbietet geradezu dem Menschen, in den geistigen Kern seines Wesens einzudringen.

Wie man heute im weitesten Umkreise sucht, so begegnet man in der führenden Wissenschaft überall dieser antisophischen Stimmung. Sie ist charakteristisch für unsere Zeit. Aber das Merkwürdige tritt ein: Bei aller großartigen Logik in Bezug auf die äußere Naturwissenschaft, bei aller Erziehung des menschlichen Denkens sowie es sich um die theosophische Stimmung handelt, tritt wie aus der Pistole geschossen eine Behauptung auf, eine Gegenbehauptung, deren Begründung nicht einmal versucht wird. Bleibt diese Begründung aus Affekt oder aus Antipathie gegen die geistige Welt aus? Woher stammt diese Antipathie? Wo sie beginnt, dringt sie aus seelischen Tiefen als Impuls mit gewisser Leidenschaftlichkeit.

Ich muss hierbei erwähnen, dass es unterbewusste Tiefen des Seelenlebens gibt, die viel größer sind, als wir ahnen. Es taucht aus dem Unterbewussten Vieles herauf, was Impulse gibt. Unsere ganze so rätselhafte Seelenverfassung hängt größtenteils ab von der unterbewussten Seelentätigkeit. Vermag nun der Geistesforscher dieses zu erforschen? Er kann es erforschen und belegen mit Ausdrücken des bewussten Seelenlebens. Unterbewusste Triebe haben wir vieler Art. Deutlich kann man fühlen, dass ein solcher Satz wie der eben angeführte des Du Bois-Reymond über den Supranaturalismus aus den unterbewussten Seelengebieten auftaucht. [Lücke in der Mitschrift]

Betrachten wir einen Menschen, der in Furcht versetzt ist. Dann ist die Spannung im Seelenleben eine große; dann sind gewisse unterbewusste Seelenkräfte plastisch wirksam. Ich möchte da auf die ausgezeichneten Untersuchungen des dänischen Physiologen Lange hinweisen. Diese Erscheinungen können also schon wissenschaftlich belegt werden. Furcht wirkt bis in die Gefäße des Organischen hinein, sodass gewisse Unregelmäßigkeiten im Organismus auftreten. Wenn jemand in Furcht ist, so kann er sehr leicht in die Stimmung kommen, die sich mit den Worten bezeichnen lässt: Vor allen Dingen gebt mir etwas, woran ich mich halten kann, sonst falle ich um.

Beobachten wir einen Gelehrten, der sich nur mit Wissenschaft beschäftigt. Sein Organismus entwickelt sich so, dass in ihm durch das stubenhockende Denken eine Stimmung erweckt wird, die sich äußern kann wie ein plötzlicher Schock, wie Furcht in erhöhtem Maße. Diese Furchtstimmung sitzt tief unten in organischen Verrichtungen. Was da vorgeht, das sind triebartige, unterbewusste Kräfte.

Der Geistesforscher nun muss gerade aus dem Passiven ins Aktive übergehen. Wenn man sich vorzugsweise mit der sinnlichen Wahrnehmung befasst, dann gerade kann man aus unterbewusster Furchtstimmung heraus zu solch einem Anspruch [Ausspruch?] kommen: Gebt mir etwas, was im äußeren Materiellen ist, woran ich mich halten kann, sonst falle ich um. - Der Materialismus erzeugt Furcht. Er erzeugt den Glauben, dass man nur dann vor einer Wirklichkeit steht, wenn man vor etwas steht, woran man sich im Raume halten kann. So ist die antisophische Stimmung als ein bloßer Glaube an sinnliche Qualität im Grunde weiter nichts als Furchtstimmung. Man wird sich schon daran gewöhnen müssen, dass dies stimmt, so paradox es auch klingen mag. Das «Ignorabimus» hat denselben Grund: Furcht. Der Antisoph fällt um, wenn er nichts hat, woran er sich als Realität halten kann. Dies zeigt uns, woran wir uns zu halten haben, wenn wir die Gründe für die antisophische Stimmung erforschen wollen.

Nimmer kann es fehlen [?], dass diese meine Seele wie ein zusammengedrückter Ball aufschnellt und empfindet die Sehnsucht nach der Heimat, aus der sie stammt.

Diese Darlegungen sollen uns dazu führen, dass wir Antisophie nicht verachten, wohl aber verstehen lernen. Die Errungenschaften unserer Zeit, die großen technischen zumal, all das, was in gewissem Sinne die Größe unserer Zeit bedeutet, braucht antisophische Stimmung als ihr Korrelat. Aber Antisophie wird die theosophische Stimmung zeitigen als naturgemäße Reaktion. [Lücke in der Mitschrift]

Alle diejenigen, welche tiefer mit allem ihrem Seelensein in die Erkenntnis der Welt eingedrungen sind, haben die theosophische Stimmung gehabt. Die menschliche Seele kann ohne sie nicht auskommen. Erkennen muss man, dass Antisophie wohl Tüchtigkeit erzeugt im äußeren Leben, dass aber der Mensch auf die Dauer nicht damit zufrieden sein kann. Als Realität des menschlichen Lebens erweist sich der seelische Kern und macht sich geltend aus den tiefen Quellen des Seelenlebens. Immer wird es Feieraugenblicke im Leben geben, in denen die theosophische Stimmung heraufklingt, heraufsteigt. Dann ist der Mensch einig mit allem Großen und Erhabenen aller Zeiten. Ein solcher Geist zum Beispiel war Goethe. Gerade er hat an vielen Stellen zum Ausdruck gebracht die theosophische Stimmung.

Kein Kleiner neben Goethe, sondern ein Großer, der höchste Achtung verdient, der Naturforscher Albrecht von Haller, hat aus antisophischer Stimmung heraus den Ausspruch getan:

Ins Innre der Natur
Dringt kein erschaffner Geist.
Glückselig, wem sie nur
Die äußre Schale weist.

Das ist Antisophie. Nur die Schale, nicht das eigentliche Innere, das mit dem Kosmisch-Seelischen zusammenhängt! Goethe empfand dies als antisophische Stimmung und sagte dazu aus seiner theosophischen Stimmung heraus:

«Ins Innre der Natur»
O du Philister! —
«Dringt kein erschaffner Geist»,
Mich und Geschwister
Mögt ihr an solches Wort
Nur nicht erinnern.
Wir denken: Ort für Ort
Sind wir im Innern.
«Glückselig, wem sie nur
Die äußre Schale weist!»
Das hör ich sechzig Jahre wiederholen,
Ich fluche drauf, aber verstohlen;
Sage mir tausend, tausend Male:
Alles gibt sie reichlich und gern,
Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Alles ist sie mit einem Male;
Dich prüfe du nur allermeist,
Ob du Kern oder Schale seist.

German original of Theosophy and Anti-theosophy · ← Previous · Next →