Freedom, Immortality and Social Life

GA 72 — 18 October 1917, Basel

Die Menschenseele im Reiche des Übersinnlichen und Ihr Verhältnis zum Leib

Sie werden immer wieder und wieder hören, wenn von Anthroposophie die Rede ist - in dem Sinne, wie sie hier auch wiederum in diesem Vortrag als Erkenntnis des geistigen Lebens des Menschen gemeint ist -, daß sie entspringe aus den träumerischen, den phantastischen Einfällen einzelner Persönlichkeiten. So wenigstens urteilen viele Menschen, welche sich für kompetent zu einem solchen Urteile halten. Nun muß man aber allerdings von vornherein sagen, daß sich diese anthroposophische Geisteserkenntnis erstrecken will über ein Forschungsfeld, das die tiefsten, die bedeutungsvollsten Interessen des menschlichen inneren Lebens überhaupt enthält. Daher sind allerdings auch zu allen Zeiten, auch in der neueren Zeit, in der solche Bestrebungen von den glänzenden Fortschritten der Naturwissenschaft verdunkelt worden sind, immer wieder und wiederum Versuche gemacht worden, vereinzelte - können wir fast sagen — Versuche gemacht worden, dieses Feld zu bebauen. Aber gesagt werden muß, daß es zumeist gerade in der neueren Zeit nur Lichtblitze waren, welche auf dieses Feld geworfen worden sind bei dieser oder jener hervorragenden Persönlichkeit, die sich mit Nachdenken über das menschliche Geistesleben befaßte, Lichtblitze, von denen man immer die Empfindung hat, sie kommen aus ganz anderen Quellen des menschlichen Wesens heraus als die Erkenntnisse, die sich auf die äußere Natur, auf das Feld der äußeren sinnlichen Wahrnehmung beziehen.

Zu verwundern ist es nicht, daß etwas wie ein unbewußter Erkenntnisinstinkt die Menschen immer wieder und wiederum dazu zwingt, dieses Feld durch solche Lichtblitze zu erhellen, denn auf diesem Felde liegen die bedeutungsvollsten Seelenfragen, Seelenrätsel, jene Seelenrätsel, denen sich der Mensch immer wieder und wiederum gegenübergestellt sehen muß mit seinem ganzen Empfindungs-, mit seinem ganzen Gefühls-, auch Vorstellungs- und Willensleben. Und fühlen muß der Mensch: Wenn er keine Stellung zu diesen Fragen gewinnt, dann hat das eine Wirkung auf seine Seele, die man vergleichen kann auf dem leiblichen Gebiete mit einer Art Erkrankung. Das Seelenleben verödet; es fühlt sich von allerlei - man möchte das alte gute Wort «Sucht» gebrauchen -, von allerlei Suchten durchweht, wenn die Zweifel, die Ungewißheiten auftauchen, die auftauchen können gegenüber diesen Fragen.

In der neueren Zeit allerdings — man hat es ja gesehen durch viele Jahre hindurch — haben die Menschen wenig Stillung des Erkenntnishungers, der aus solchen Impulsen hervorgeht, gesucht durch das, was man geistige Nahrung nennen könnte. Wer kennt ihn nicht, jenen Zug derjenigen, die Geld genug dazu hatten, nach den verschiedensten Sanatorien der Welt - die traurige Zeit der Gegenwart hat vielen die Gelegenheit dazu allerdings genommen-, jenen Zug nach den Sanatorien, wo eigentlich doch für viele, viele, allzu viele, nichts anderes gelöscht werden sollte als jene Erkenntnissehnsucht, über die man sich eigentlich im gewöhnlichen Leben der Gegenwart so gerne hinwegbetäuben möchte, die man gar so gerne durch etwas ganz anderes als geistige Mittel befriedigen möchte. Was die Menschen in Sanatorien und ähnlichen Anstalten gesucht haben, waren ja doch im Grunde genommen nur Anregungen, bei denen sie sozusagen mit ihrer Seele nicht dabeizusein brauchten und die entgegenkommen sollten jenen geheimnisvollen Sehnsuchten, von denen ich eben gesprochen habe und die man nicht geneigt ist, auf geistige Weise zu befriedigen.

Immer wieder und wiederum taucht, wenn ich über solche Fragen nachdenken muß, jenes Bild vor meiner Seele auf, das sich einmal vor mich hinstellte vor Jahren, als ich - wirklich nicht zur Erholung oder Gesundung, sondern um jemanden zu besuchen - in einem Sanatorium war gerade zu einer Zeit, wo man sozusagen Revue passieren lassen konnte die verschiedenen Insassen und wo ich nachher durch das Gespräch mit einzelnen, das Ansehen einzelner darauf kam, daß derjenige, der am meisten Auffrischung und Gesundung seines Nervensystems gebraucht hätte, eigentlich der dirigierende Arzt war. Die anderen alle hätten viel weniger Auffrischung ihres Nervensystems gebraucht als der dirigierende Arzt.

Auf dieses Feld nun, auf das hiermit gedeutet wird, haben einzelne Menschen, die sich intensiver befaßten mit Fragen des geistigen Lebens, wie ich sagte, einzelne Lichtblitze fallen lassen, die ihnen aufgegangen sind aus den Tiefen ihrer Seelen. Dabei hat sich immer eines herausgestellt, das, ich möchte sagen, wie ein roter Faden sich auch heute durch die Betrachtungen dieses Abends ziehen wird; es hat sich herausgestellt, daß in dem Menschen, wie er so mit seinem gewöhnlichen Leben heute durch die Welt geht, eigentlich ein anderer Mensch schläft, in Wirklichkeit schläft und ruht, ein Mensch, der durch die Verhältnisse des gewöhnlichen Lebens eigentlich nicht wahrgenommen wird, weil er leiser in dem gewöhnlichen Menschen schläft, als Traumesvorstellungen in ihm vorhanden sind, die auch kommen und verschwinden.

Aber eines ist gerade geistvollen Menschen immer aufgefallen, wenn sie darauf gekommen sind, wie ein solcher, im Grunde schlafender zweiter Mensch im gewöhnlichen Menschen ruht: Sie konnten den Gedanken dieses schlafenden Menschen, dieses unbemerkten zweiten Menschen, nicht fassen, ohne ihn in irgendeiner Weise zusammenzubringen mit dem, was wir innerhalb der Verhältnisse unseres Lebens den Tod nennen müssen. Und wirklich mehr oder weniger instinktiv ging es der einen oder anderen Persönlichkeit auf, daß ebenso, wie die Erscheinungen des äußeren sinnenfälligen Naturlebens zusammenhängen mit den Gesetzen des Daseins, die man finden kann durch die Beobachtung des Wachstums, der Geburt, des Hervorgehens von Wesen aus anderen und so weiter, daß ebenso dieser zweite, im ersten schlafende Mensch innig zusammenhängt mit dem, was man den Tod nennen muß im Verhältnisse unseres Lebens, mit dem Vergehen. Und man merkt, daß es für Erkenntnismenschen ein großer, bedeutungsvoller Augenblick ist, wenn sie gewissermaßen den höheren Menschen im Menschen nicht mit dem Wachsenden, Gedeihenden in Zusammenhang denken müssen, sondern gerade mit den Kräften, die sich nach dem Tode zu bewegen.

Eine derjenigen Persönlichkeiten, denen dieser Zusammenhang, ich möchte sagen, in besonders erhellendem Licht vor die Seele getreten ist, ist der Philosoph und Psychologe Fortlage. Ich will ausgehen von einer bedeutungsvollen Äußerung, die er 1869 getan hat im Verlaufe von acht psychologischen Vorträgen, Vorträgen über Seelenkunde, die er gehalten hat. In diesen Vorträgen findet sich die folgende, ganz bedeutungsvolle Stelle:

«Wenn wir uns lebendige Wesen nennen und so uns eine Eigenschaft beilegen, die wir mit Tieren und Pflanzen teilen, so verstehen wir unter dem lebendigen Zustand notwendig etwas, das uns nie verläßt und sowohl im Schlaf als im Wachen stets in uns fortdauert. Dies ist das vegetative Leben der Ernährung unseres Organismus, ein unbewußtes Leben, ein Leben des Schlafs. Das Gehirn macht hier dadurch eine Ausnahme, daß dieses Leben der Ernährung, dieses Schlafleben, bei ihm in den Pausen des Wachens überwogen wird von dem Leben der Verzehrung. In diesen Pausen steht das Gehirn einer überwiegenden Verzehrung preisgegeben und gerät folglich in einen Zustand, welcher, wenn er sich auf die übrigen Organe mit erstreckte, die absolute Entkräftung des Leibes oder den Tod zuwege bringen würde.»

Und dann, nachdem Fortlage zu dieser merkwürdigen Äußerung gekommen ist, setzt er diese Betrachtung fort in den folgenden, ich möchte sagen, tiefgründigen Worten:

«Das Bewußtsein ist ein kleiner und partieller Tod, der Tod ist ein großes und totales Bewußtsein, ein Erwachen des ganzen Wesens in seinen innersten Tiefen.»

Man sieht, durch einen solchen Lichtblitz, aus den Tiefen der menschlichen Seele kommend, erhellt sich für Fortlage der Zusammenhang zwischen dem, was man Tod nennen kann, und dem, was unser Bewußtsein ist, was uns während unseres wachen Lebens immer begleitet und im Grunde genommen eigentlich zum Menschen macht. Fortlage kommt zu einer Idee von der Verwandtschaft des Todes und des Bewußtseins, indem er sich klarmacht, daß das, was auf einmal im Augenblicke des Todes den Menschen ergreift, das, was auf einmal im Tode verzehrend für die menschliche Leiblichkeit wirkt, im Kleinen, in fortwährenden kleinen Mengen, könnte man sagen, dann wirkt, wenn wir diese Blüte unseres seelischen Daseins, das Bewußtsein während unseres wachen Lebens, entfalten. Jeder bewußte Akt ist im Kleinen dasselbe, was wie eine große Summe der Tod ist. So daß für Fortlage der wirkliche Tod, wenn er eintritt, das Auftauchen eines umfassenden Bewußtseins ist, das den Menschen hineinversetzt in eine übersinnliche Welt, während er, wenn er als Seele zwischen Geburt und Tod den physischen Leib zu seinem Leben braucht, in die sinnliche Welt hineinversetzt ist.

Fortlage hat viel über Seelenkunde geschrieben, viele Bände; solche Lichtblitze, sie tauchen nur ab und zu in seinen Schriften auf. Der übrige Inhalt seiner Schriften beschäftigt sich auch nur mit dem, was man so gewöhnlich heute in den Seelenkunden der Psychologie findet: mit der Vergesellschaftung der Vorstellungen, dem Ablauf der Vorstellungen, dem Auftauchen von Trieben und so weiter, kurz, mit all denjenigen Fragen, an die man sich heute einzig und allein in der Seelenkunde heranwagt und die weit abstehen von dem, was eigentlich den Menschen, den vollen, ganzen Menschen interessiert an der Seelenkunde, weit abliegen von den zwei Hauptfragen: von der Frage nach der menschlichen Freiheit und der Frage nach der menschlichen Unsterblichkeit.

Mit der letzteren Frage werden es hauptsächlich die Betrachtungen des heutigen Abends zu tun haben, während in einigen Wochen hier von mir ein Vortrag gehalten werden soll, der dann auf die Frage der Freiheit von demselben Gesichtspunkte aus eingehen wird.

Wenn nun auch Fortlage in dem breiten Umfang seiner psychologischen Forschung, seiner Seelenkunde, sich nur mit den untergeordneten Fragen befaßt, und so, daß ihn diese Art der Betätigung nicht zu den höchsten Fragen führen kann, immerhin finden sich bei ihm solche Lichtblitze. Aber auch dafür wurde er getadelt. Eduard von Hartmann — diejenigen verehrten Zuhörer, die frühere Vorträge von mir gehört haben, wissen, daß ich diesen Philosophen durchaus nicht unterschätze —, Eduard von Hartmann hat Fortlage scharf getadelt, daß er die Bahn der Wissenschaft verlassen habe in einem Moment, wo er einen solchen Zusammenhang in die strenge Wissenschaft hineinbringt, wie der ist zwischen dem menschlichen Bewußtsein und dem Tode.

Nun kann man sagen: Nicht allein Fortlage — derjenige weiß es, der sich in einem größeren Umfange mit der geisteswissenschaftlichen Literatur bekanntgemacht hat -, nicht allein Fortlage, viele Persönlichkeiten haben in einzelnen solchen Lichtblitzen etwas von Erkenntnis herausgebracht aus ihrer Seele, das sich bezieht auf diesen charakterisierten zweiten, im sinnlichen Menschen schlafenden Menschen. Aber es sind - gerade in der neueren Zeit - vereinzelte Lichtblitze geblieben.

Anthroposophie hat nun keine andere Aufgabe, als dasjenige, was sonst wie instinktiv in einzelnen Lichtblitzen wie eine Offenbarung höherer Erkenntnis aus den Tiefen der menschlichen Seele heraufgeklungen ist, ich möchte sagen, zu systematisieren, zu regeln, methodisch zu machen, so daß dasjenige, was dadurch entsteht, sich als eine vollgültige Wissenschaft neben die so herrliche Naturwissenschaft der neueren Zeit hinstellen kann. Dazu ist allerdings notwendig, daß derjenige, welcher sich ein Urteil bilden will über diese Anthroposophie oder Geisteswissenschaft, mancherlei Vorurteile abstreift, Vorurteile, von denen man nicht einmal sagen kann, daß viele Menschen, die sie haben, deshalb zu tadeln sind, Vorurteile, die aus gewissen Vorzügen der Wissenschaft der Gegenwart heraus gerade leicht erklärlich sind.

Ich mußte ja sagen: Der Mensch, um den es sich eigentlich handelt, wenn Betrachtungen der Geisteswissenschaft in Betracht kommen, ist etwas wie Schlafendes in dem gewöhnlich wachenden Menschen. Daraus aber ist erklärlich, daß alles, was sich auf diesen zweiten, den im wachenden Menschen schlafenden Menschen bezieht, zunächst überhaupt so verläuft, daß man es nicht merkt, verläuft wie ein unter den Strömen des gewöhnlichen Bewußtseins verlaufender anderer Strom, der aber übertönt, überleuchtet wird von dem, womit man das Bewußtsein ausfüllt nach der Sinneserfahrung, nach den Bedürfnissen des persönlichen Lebens. Und wenn in diesem gewöhnlichen Leben ab und zu solche Lichtblitze herauftauchen, dann verschwinden sie schneller als ein Traum. Kein Wunder daher, daß die meisten Menschen schon einmal nach dem durchaus berechtigten Urteil der heutigen Zeit sich sagen: Ja, was da heraufkommt aus der Seele und Aufschluß geben will, eine Offenbarung bilden will über diesen leise klingenden, leise leuchtenden schlafenden Menschen, das macht, wenn es auftritt bei denen, die sich Geistesforscher nennen, den Eindruck des Traumhaften, des Phantastischen, es macht den Eindruck von Phantasiegebilden, was an Vorstellungen über diesen Menschen vorgebracht wird. Und auf solche Phantasiegebilde will sich ja die Gegenwart nicht einlassen. Da ist sie gleich fertig mit dem Urteil: Ach was, das ist etwas, was aus der Phantasie des einzelnen entsprungen ist, was ein Träumer geprägt hat!

Ja, etwas anderes könnte aber richtig sein. Wie wäre es, wenn es richtig wäre, daß man über das, was im Menschenwesen über Geburt und Tod hinaus lebt, was gegenüber dem Vergänglichen das Ewige der Menschennatur ist, wenn man über dieses zunächst nur so schwache Vorstellungen, so, ich möchte sagen, abgetönte Vorstellungen bekommen könnte, wie sie im 'Iraum vorhanden sind? Wenn das so wäre, dann müßte man entweder auf jede Erkenntnis des Ewigen im Menschen verzichten, wenn man nicht zu Vorstellungen seine Zuflucht nehmen wollte, die mit dem Charakter auftreten, mit dem sonst die Phantasie oder der Traum auftreten, oder man muß schon einmal das, was man gewöhnt ist, an logischer Disziplin, an methodischem Forschungssinn in den Vorstellungen zu haben, die auf die Sinneswelt gehen, hineintragen in diese Welt, die einem sonst traumhaft vorkommt. Und man muß durch gewisse Mittel, innere Seelenmittel, durch Erregung gewisser innerer Seelenkräfte die Vorstellungen heraufheben, damit sie nicht bloß traumhaft vorbeihuschen, sondern die Deutlichkeit, die Eindrucksfähigkeit erhalten, welche die Vorstellungen des gewöhnlichen Lebens, des gewöhnlichen Wachlebens, des gewöhnlichen Bewußtseins haben.

Kann man dieses? Es ist heute schwer, einem Menschen klarzumachen, daß man es sogar in echt wissenschaftlichem Sinne kann, weil heute Naturwissenschaft als die einzige Wissenschaft gilt, die eine streng begründete Methodik hat. Und wenn man andere Wissenschaften unterscheidet, so läßt man sie eigentlich nur insoferne gelten, als sie nach dem Muster der Naturwissenschaft methodisch begründet sind. Man hat für gewisse Gebiete durchaus Recht, und man muß sogar noch mehr sagen. Man muß sagen: Was die Naturwissenschaft in der neueren Zeit heraufgebracht hat an Vorstellungen, zeigte, daß sie so sein müssen, wenn sie das Gebiet beherrschen wollen, das ihnen zugewiesen ist. Man muß aber auch sagen, daß man mit ihnen sich dem ewigen Leben des Menschen nicht nähern kann. Diese Vorstellungen können gar nicht gleich geeignet sein, die Rätsel der Natur zu lösen und die Rätsel der menschlichen Seele zu lösen. Zu dem letzteren muß etwas ganz anderes eintreten. Wie vielerlei Wege, wie vielerlei Mittel angewendet werden müssen, um die Seele so stark zu machen, so innerlich zu erkraften, daß sie Vorstellungen, die sonst wie schlafend unten im Bewußtsein ruhen, heraufholen kann und auf sie die strenge Disziplin und Methodik des Denkens anwenden kann, ich habe darüber in den verschiedenen Schriften, namentlich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gesprochen. Heute will ich wiederum, wie ich es in früheren Vorträgen hier getan habe, einige Gesichtspunkte aus diesen Schriften herausheben. Den ausführlichen Weg, den die Menschenseele einzuschlagen hat, um durch innerliche Erkraftung wirklich dahin zu kommen, hineinzusehen in die geistige Welt, wie man mit sinnlichen Augen hineinsieht in die physische Welt, diesen ausführlichen Weg muß man in den genannten Schriften suchen; allein ich will heute einige Gesichtspunkte besonders hervorheben.

Man bekommt keine Vorstellung von dem, wie eigentlich der Geistesforscher vorgehen muß, was er eigentlich tun muß, um mit seiner Seele hineinzuschauen in die geistige Welt, wenn man sich nicht klarmacht, was man erleben kann als voller, ganzer Mensch, mit den entsprechenden Erkenntnissehnsuchten und Erkenntnisbedürfnissen ausgestattet, an gewissen Grenzorten des Erkennens, zu denen einen gerade die moderne Naturwissenschaft führt.

Diese moderne Naturwissenschaft gibt dem, der sich ihr widmet, nicht nur Aufschlüsse, die niemand mehr bewundern kann als der Geistesforscher selbst, über den äußeren Naturverlauf, über mancherlei, was auch einzuschlagen hat in das praktische Leben, sondern diese Naturwissenschaft gibt dem, der sich ihr von gewissen Gesichtspunkten aus hingebungsvoll widmet, eine innere Erziehung des menschlichen Seelenlebens. Und mehr als man dazu in früheren Stadien naturwissenschaftlichen Erkennens in der Lage war, ist man heute erkenntnismäßig eigentlich gerade durch die Naturwissenschaft zur Geistesforschung vorbereitet. Man soll sich nur nicht einengen lassen durch das, was die Naturwissenschaft auf ihrem eigenen Gebiete über die Außenwelt zu sagen hat. Man soll sich vielmehr aufschwingen können zu einer inneren Disziplinierung, zu einer inneren Zucht des seelischen Lebens durch die Art und Weise, wie man an der Natur forscht. Die Vorstellungen, die die Naturwissenschaft selbst liefert, können nur Aufschluß geben über die äußere Natur; ihrem Inhalte nach werden sie nichts sagen über das geistige Leben. Aber indem man sie gebraucht, indem man sie gerade hingebungsvoll gebraucht bei der Naturforschung, bei der Naturerkenntnis, erziehen sie, ich möchte sagen, nebenbei in demjenigen Menschen, der in der Lage ist achtzugeben auf das, was in ihm da vorgeht, gewisse innere Lebensverhältnisse, die ihn dahin bringen, einen Begriff, ein inneres Erlebnis zu erhalten von dem, was es heißt: mit seiner Seele außerhalb des Leibes leben.

Ich weiß sehr wohl, daß dieser Begriff - mit seiner Seele außerhalb des Leibes leben - heute für viele der Gipfel des Unsinns ist. Doch das macht nichts. Jeder kann sich überzeugen, daß die innere Erfahrung ihm die gewisse Einsicht in das Leben außerhalb des Leibes gibt, wenn er solche Übungen des Seelenlebens durchmacht, wie sie in meinen Schriften angedeutet sind oder wie ich sie im Prinzip hier aussprechen will.

Besonders Bedeutungsvolles kann man durchmachen, wenn man eben an jenen Grenzort des Erkenntnislebens kommt, an den einen die Naturwissenschaft so vielfach führt. Grenzort! Sehen Sie, von den großen Grenzfragen des Erkennens sprechen ja viele Leute. Man spricht davon, daß die menschliche Seele an eine Grenze kommt, wenn sie darüber forschen will, ob die Welt, räumlich oder zeitlich, unendlich oder endlich ist, wenn die Seele forschen will, ob sie einem unwiderstehlichen Zwang in allen ihren Handlungen unterliegt oder ob sie frei ist. Gewiß, das sind höchste Grenzfragen. Du Bois-Reymond hat in seiner berühmten Rede über die Grenzen des Naturerkennens, über die sieben Welträtsel, andere solche Grenzfragen hingestellt. Tiefsten Eindruck kann auf einen machen, wenn man so recht, ich möchte sagen, aus dem Erkenntnisschmerze eines Erkenntnismenschen heraus fühlt, wie ein solcher Mensch an einem solchen Grenzorte steht.

Ich könnte viele Beispiele anführen für die Tatsache, daß wahre Erkenntnismenschen an solche Grenzorte gestellt werden. Ein solches Beispiel ist das, welches uns vorliegt in den Schriften des berühmten Ästhetikers und Philosophen Friedrich Theodor Vischer, des sogenannten V-Vischer, weil er sich mit V schreibt. Wenn man seine Schriften durchliest: man muß oftmals haltmachen an dem, was seine Seele an solchen Grenzorten des Erkennens erlebt. Er hat eine schöne Abhandlung geschrieben über ein Buch, das der ja auch einmal in Basel hier wirkende Philosoph Volkelt geschrieben hat über die Traum-Phantasie. In dieser Abhandlung, die allerdings V-Vischer den Vorwurf zugezogen hat — man sollte es nicht glauben, denn V-Vischer war von dem, was diesen Vorwurf betrifft, so weit als möglich entfernt; aber selbst dieses war möglich —, er sei unter die Spiritisten gegangen, da führt V-Vischer eine solche Stelle an, wo er zeigt, was er an den Grenzorten des Erkennens erlebte. Er sagte: Daß die menschliche Seele nicht im Leibe sein kann, das ist ganz gewiß, daß sie aber auch nicht außer dem Leibe sein kann, das ist ebenso gewiß. Hier haben wir eine solche Grenzfrage, eine solche Grenzfrage, die deshalb paradox ist, weil sie einen vollständigen Widerspruch in sich schließt, einen Widerspruch, wie diejenigen sind, auf die man eben immer gerade dann kommt, wenn man sich hingebungsvoll in strenge Naturwissenschaft vertieft, in das Leben überhaupt vertieft. Es ist ein Widerspruch, auf den man geführt wird: Die Seele kann nicht im Leibe sein, sie kann aber auch nicht außerhalb des Leibes sein! - Warum wird man zu solchem Widerspruch geführt?

An solchen Grenzorten, an denen solche Widersprüche auftreten, da hilft einem das naturwissenschaftliche Erkennen nichts, und am meisten störend ist es, wenn man den Glauben haben kann, daß einem dasselbe etwas hilft. Die meisten Menschen sind allerdings dann in der heutigen Zeit bald fertig mit ihrem Urteil. Sie sagen in einem solchen Falle einfach: Nun ja, bis hierher führt eben die menschliche Erkenntnis, weiter können wir nicht. — So ist es aber nicht. Weil Vischer in dem Vorurteile der neueren Zeit steckte, hat er gewissermaßen nur den Widerspruch erlebt. Aber er hat nicht erlebt, was man tun kann, um mit seiner Seele weiterzukommen an solchen Grenzorten. Hier muß das gewöhnliche Erkennen aufhören und ein ganz besonderes Erleben der Seele beginnen. Hier muß man gewissermaßen vergessen können, was einem die Vorstellungen aus dem gewöhnlichen Leben sind, weil sie einen eben nur bis zu diesem Grenzorte tragen. Das muß man hier erleben können. Hier muß man ringen können als Seele mit dem, was einem entgegentritt, wenn man sich einläßt in das, was da, ich möchte sagen, wirbelt in einem solchen Widerspruche, wie die Luft wirbelt, in die wir uns mit unserer Lunge hineinbegeben müssen. Solche Widersprüche wollen erlebt sein, wollen erlebt sein mit der ganzen Seele. Dann tritt dieser ganzen Seele wie aus grauer Geistestiefe etwas Neues entgegen, was sie ohne dieses Erleben mit solchen Widersprüchen eben nicht erfahren kann.

Man hat sich Vorstellungen gebildet über die Art und Weise, wie etwa niedere Tiere, niedere Organismen, die noch keine Sinne haben, die Sinne im Verkehre mit der Außenwelt entwickeln. Ein inneres Leben bestand; dieses innere Leben stößt an die äußere Welt, paßt sich der äußeren Welt an, erfährt die Impulse der äußeren Welt. Und während vorher das Leben gewissermaßen in dem Organismus pulsiert und dann überall anstößt an das äußerlich Sinnliche, an das Räumliche, bildet sich aus diesem Anstoßen, aus diesem Verkehr mit der Außenwelt, sagen wir, ein Tastsinn heraus. Erst ist es ein inneres Wühlen, dann ein Stoßen an die Grenzen des äußerlich Räumlichen. Aber das Wesen lernt im Verkehr mit der Außenwelt, sich anzupassen; aus den Rückwirkungen gegen die Stöße nach außen, die Drücke, bildet sich, was eine Art Abbildung der Außenwelt durch den Tastsinn ergibt; durch das Anprallen an die Grenze entwickelt sich dieser Tastsinn. Mit dieser Vorstellung — wir wollen jetzt nicht untersuchen, inwieweit sie gilt - von dem, was da in den niederen Organismen zur Bildung äußerer Sinne wirkt, kann man vergleichen, was die Seele erlebt, wenn sie an solche Grenzorte des Erkennens wie die bezeichneten kommt. Da ist es im Seelenleben wirklich so, wie wenn man zuerst im dunkeln Inneren an irgend etwas stoßen würde, was man zunächst äußerlich hat. Dann spezifiziert sich, differenziert sich, was man da in solchen widerspruchsvollen Vorstellungen erlebt, die man sich an Erkenntnis-Grenzorten bildet. Und so, wie sich aus dem Undifferenzierten heraus das Tastorgan als physischer Sinn ergibt, so ergibt sich aus dem Seelischen heraus, indem die Seele anschlägt an die Grenze der geistigen Welt, ein geistiges Dasein. Man stößt wirklich an die geistige Welt an. Aber man paßt sich ihr auch an. Und man erlebt das Bedeutsame, daß man gewissermaßen zuerst die Seele wie einen unentwickelten Seelenorganismus hat, dem die Geistwelt draußen, das Übersinnliche, gegenübersteht, dann aber, daß diese Seele gewissermaßen geistige Tastorgane und im weiteren, tieferen Prozeß auch Geistesaugen, Geistesohren, um diese Goetheschen Ausdrücke zu gebrauchen, entwickelt, um das, an das sie erst nur stößt, wirklich wahrzunehmen.

Ich glaube gern, daß heute die Menschen, die schon einmal vielleicht aus irgendwelchen unbestimmten inneren Instinkten heraus den Drang haben, etwas von der geistigen Welt zu erfahren, es mehr lieben würden, wenn man ihnen die Fähigkeit, die geistige Welt wahrzunehmen, dadurch beibringen könnte, daß man ihnen mystisch die Hände auflegt oder dergleichen. Das glauben ja manche Menschen. Aber so ist es nicht. Was uns die geistige Welt erschließt, ist innere, seelische Arbeit. Diese innere, seelische Arbeit führt wirklich zu dem, was ich angedeutet habe. Der Mensch, der seine Seele zu einer organisierten Seele umwandelt, der darauf kommt, daß er eine solche organisierte Seele in sich haben kann, der weiß, daß er in dem Moment, wo das Anstoßen an das Geistige zum Wahrnehmen des Geistes wird, mit seinem Seelischen frei vom Leiblichen lebt.

Dieses Frei-vom-Leiblichen-Leben ist durchaus ein Ergebnis innerer Wahrnehmung. Denn auch das, was ich eben jetzt auseinandergesetzt habe, tritt bei wirklichen Erkenntnismenschen immer wieder und wiederum auf. Es ist merkwürdig, wie genau der Gang, den ich Ihnen aus dem geistigen Forschungsweg heraus geschildert habe, sich bei denjenigen ausbildet, die die Schmerzen, die Sehnsuchten der Erkenntnis durchgemacht haben. Lassen Sie mich Ihnen noch einmal ein Beispiel gerade von diesem V-Vischer anführen, das Beispiel eines Ausspruches von ihm, durch den er zeigt, wie er sich immer wieder und wiederum an jene Grenzorte des Erkennens hingestellt fühlte, wo man nicht anders kann als voller, ganzer Mensch, denn Widersprüche wahrzunehmen, Widersprüche zu empfinden, aber Widersprüche, die sich nicht dadurch lösen, daß man sie logisch löst, sondern Widersprüche, die sich dadurch lösen, daß man sich in sie einlebt und seine Geistorgane entwickelt.

Insbesondere trat für V-Vischer immer wieder und wieder der Widerspruch auf: Das Gehirn soll das Organ der Seele sein, soll gewissermaßen Vorstellungen hervorbringen; aber vertieft man sich in das Wesen der Vorstellungen, so kann man sie nicht als Gehirnprodukte ansehen. Das ist solch ein Grenzort des Erkennens; V-Vischer sagt mit Bezug darauf:

«Kein Geist, wo kein Nervenzentrum, wo kein Gehirn, sagen die Gegner.» Vischer sagt es ja selbst nicht! «Kein Nervenzentrum, kein Gehirn, sagen wir, wenn es nicht von unten auf unzähligen Stufen vorbereitet wäre; es ist leicht, spöttlich von einem Umrumoren des Geistes in Granit und Kalk zu reden - nicht schwerer, als es uns wäre, spottweise zu fragen, wie sich das Eiweiß im Gehirn zu Ideen aufschwinge. Der menschlichen Erkenntnis schwindet die Messung der Stufenunterschiede. Es wird Geheimnis bleiben, wie es kommt und zugeht, daß die Natur, unter welcher doch der Geist schlummern muß, als so vollkommener Gegenschlag des Geistes dasteht, daß wir uns Beulen daran stoßen; es ist eine Diremtion von solchem Scheine der Absolutheit, daß mit Hegels Anderssein und Außersichsein, so geistreich die Formel, doch so gut wie nichts gesagt, die Schroffheit der scheinbaren Scheidewand einfach verdeckt ist. Die richtige Anerkennung der Schneide und des Stoßes in diesem Gegenschlag findet man bei Fichte, aber keine Erklärung dafür.»

Sehr merkwürdig, diese Schilderung! Friedrich Theodor Vischer sieht sich an eine solche Erkenntnisgrenze gestellt; er schildert sein Erlebnis. Wie muß er es schildern? Er kommt zu dem Ausdruck: «Wir stoßen uns Beulen daran.» Er kommt zu dem Ausdruck: «Schneide und Stoß im Gegenschlag.» — Man sieht die Seele, die sich differenzieren will, um innere Geistorgane zu entwickeln, durch die sie die übersinnliche Außenwelt erleben kann, in der sie drinnensteht.

Eine lange Zeit in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit war ein Hindernis, in der richtigen Art und Weise sich aufzuschwingen zu dem, was ich hier Geistorgane nenne, durch die man eine geistige Welt wahrnimmt, genau so, wie man durch die sinnlichen Organe eine sinnliche Welt wahrnimmt - eine lange Zeit war ein Hindernis, daß man glaubte, gewisse Fragen, gerade die Fragen über Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, könnten nur gelöst werden durch das menschliche Denken, durch das Denken, das von den sinnenfälligen Eindrücken ausgeht. Nun ist das Denken wichtig, denn im Grunde genommen besteht ein großer Teil jener Übungen, die man machen muß, um zu Geistorganen zu kommen, in einer Entwikkelung des Denkens, in einer höheren Entwickelung des Denkens, als das Denken ist, das man zur gewöhnlichen Naturwissenschaft braucht. Aber wenn man sich dem Denken nur überläßt, das man im gewöhnlichen Leben braucht, so ist es ein Denken, das aus dem gewöhnlichen Menschen kommt, nicht aus jenem zweiten, in ihm schlafenden Menschen. Dieses Denken führt nicht in die geistige Welt hinein; dieses Denken kann sich nur von sich klarmachen, daß es in der geistigen Welt steht. Das wird allerdings kein vorurteilsloser Mensch zugeben, daß Gedanken etwas sind, was in der sinnlichen Welt lebt; aber enthalten können diese Gedanken nichts anderes als Eindrücke der sinnlichen Welt, wenn sie aus der gewöhnlichen Menschennatur heraus genommen sind. Tiefere — ich möchte sagen, wenn der Ausdruck erlaubt ist — Erleber des menschlichen Innenlebens haben es auch wiederum wie in Geistesblitzen immer gefühlt, wohin das menschliche Denken führt, wenn es sich, emanzipiert von der äußeren sinnlichen Wahrnehmung, sich selbst überläßt.

Man kann wiederum, wenn man Erfahrung hat in der geisteswissenschaftlichen Literatur, bei zahlreichen, in ihrer Forschung über den Geist tiefgehenden Persönlichkeiten solche Lichtblitze, die manchmal allerdings Finsternisblitze sind, finden. Bei ihnen muß man wiederum stillstehen und beobachten, zu welchen Klippen das menschliche Erkenntnisleben führt, wenn dieses Leben aufrichtig und wahr und ehrlich mit sich selber ist und sich nicht allerlei Vorurteile vormacht, allerlei von anderen, sichergestellten Gebieten hergenommene Methoden auch auf das Seelenleben selber anwenden will. Wiederum ein Beispiel für viele:

Ein Mann, der wirklich mit Erkenntnisproblemen und Erkenntnisrätseln gerungen hat, ist Gideon Spicker, der bis vor wenigen Jahren an der Universität in Münster Philosophie vorgetragen hat. Gideon Spicker ist ausgegangen von der Erziehung zum Geistigen. Aus der Theologie heraus haben sich die tiefsten Erkenntnisfragen in seiner Seele festgelegt. Vor einigen Jahren hat er ein schönes Büchelchen geschrieben: «Philosophisches Bekenntnis eines ehemaligen Kapuziners», zwei Bändchen; das eine gibt sein Leben, das andere gibt seine Erkenntnissehnsucht. An einer Stelle muß man besonders haltmachen, wo dieser ehemalige Kapuziner, der dann Philosophie-Professor geworden ist, sich über das Erlebnis ausspricht, das er mit dem Denken hatte, das er zwar losgebracht hat von der sinnlichen Erfahrung, das er aber, weil er in die Geisteswissenschaft hineinzugehen doch nicht den Mut hatte, nicht bis dahin ausbildete, wo die Kraft der Gedanken selber Geistorgane erweckt, so daß man einer geistigen Welt gegenübersteht, mit seiner Seele sich im Bereich des Übersinnlichen fühlt. Weil er an einem solchen Grenzorte war, an dem er mit dem Denken etwas erlebte, sprach er sich also aus:

«Zu welcher Philosophie man sich bekenne: ob zur dogmatischen oder skeptischen, empirischen oder transzendentalen, kritischen oder eklektischen: alle ohne Ausnahme gehen von einem unbewiesenen und unbeweisbaren Satz aus, nämlich von der Notwendigkeit des Denkens. Hinter diese Notwendigkeit kommt keine Untersuchung, so tief sie auch schürfen mag, jemals zurück. Sie muß unbedingt angenommen werden und läßt sich durch nichts begründen» — er meint die Notwendigkeit des Denkens -, «jeder Versuch, ihre Richtigkeit beweisen zu wollen, setzt sie immer schon voraus. Unter ihr gähnt ein bodenloser Abgrund, eine schauerliche, von keinem Lichtstrahl erhellte Finsternis. Wir wissen also nicht, woher sie kommt, noch wohin sie führt. Ob ein gnädiger Gott oder ein böser Dämon sie in die Vernunft gelegt, beides ist ungewiß.»

So spricht allerdings kein Mensch, der nur ein bißchen etwas gelernt hat, vielleicht auch recht viel gelernt hat und dann aus den gelernten Begriffen heraus allerlei Philosophien aufstellt, allerlei monistische oder dualistische Weltanschauungen zusammenzimmert; so spricht ein Mensch, der durchgemacht hat, was der Erkenntnisringer und Erkenntnisforscher durchmachen kann, wenn er mit den Kräften seiner Seele nur tief genug in jene Untergründe des inneren Erlebens eintaucht, in die man eintauchen kann, in jene Untergründe, wo man an die Klippen, an die Scheidewände stößt, die man nur durchdringt, wenn die geistigen Organe wirklich erwachen, wenn sie Bewußtsein werden.

Ich habe eine Reihe solcher Menschen, die, wie Gideon Spicker, nach Erkenntnis ringen, kennengelernt im Leben, und ich habe versucht, solche Erkenntnis-Charaktere wiederzugeben in dem Bilde einer Persönlichkeit in meinen Mysterien-Dramen, in dem Bilde des Strader. Ich habe allerdings dabei erleben müssen, daß ich gerade von denen, die sich oftmals Anhänger der Geistesrichtung, die ich vertrete, nennen, am allertiefsten mißverstanden worden bin. Während die Persönlichkeiten, die in diesen Dramen, in diesen, ich möchte sagen, Erkenntnisdramen dargestellt sind, aus dem wirklichen, weit umfassenden Leben herausgenommen sind, aus jenem Leben, das gerade die Notwendigkeit und die Begründetheit der Geisteswissenschaft aus den anderen Gebieten des heutigen Daseins heraus zeigen soll, haben sich sonderbare Menschen gefunden, die geglaubt haben, ich wolle solche Rollen denen, die sie darstellen sollten, auf den Leib schreiben, während ich selbstverständlich von nichts weiter entfernt war als gerade von diesem.

Man könnte durch einen Vergleich darstellen, was ein solcher Mensch erlebt, der nicht bis zur Geisterkenntnis, wohl aber bis zur Einsicht in die Notwendigkeit des Denkens kommt. Wer bis zur Geisterkenntnis kommt, der weiß, daß, wenn man das Denken nicht bloß bedenken will, sondern erlebt - so wie der niedere Organismus es erlebt, wenn sich aus einer unbestimmten Lebenssubstanz die Organe herausbilden -, der erlebt allerdings jenseits des Denkens nicht, was Gideon Spicker schildert, den bodenlosen Abgrund, die schauerliche, von keinem Lichtstrahl erhellte Finsternis, sondern er erlebt jenseits dieses Denkens die geistige Welt, welche die sinnliche Wirklichkeit trägt. Er erlebt sich mit seiner Seele in diesem übersinnlichen Bereich. Er erlebt es auch, daß es keine Ungewißheit bleibt, ob ein gnädiger Gott oder ein böser Dämon in die Vernunft gelegt ist, sondern er erlebt das Geistige, das in die Vernunft hereinstrahlt, dann durch geistige Erfahrung, geistige Beobachtung, wie die sinnliche Welt in die sinnliche Beobachtung hereinstrahlt.

Aber man muß allerdings sagen, daß das Denken, wenn es nur sich selbst überlassen ist, wenn es bloß gedacht, nicht erlebt wird, daß dann eine solche Entwickelung des Seelenlebens sich vergleichen läßt — verzeihen Sie den etwas sonderbaren Vergleich, aber ich muß ihn machen, weil er eigentlich aus der Natur der Sache selbst folgt mit einem hungrigen Organismus. Und wenn man glaubt, durch bloßes Denken über die höchsten Fragen — Gott, Freiheit, Unsterblichkeit - etwas ausmachen zu können, dann gleicht man einem Menschen, der dem Hunger nicht dadurch abhelfen will, daß von außen Nahrung zugeführt wird, sondern daß der Hunger sich selber entwickelt, auf sich selbst gebaut entwickelt. So wenig man nämlich einen hungrigen Organismus zur Entwickelung bringen kann, so daß er in sich selbst wiederum seine Bedürfnisse ausgleicht, ebensowenig kann man, wenn man sich bloß dem Denken überläßt, es zu irgendeiner Erfüllung der Seele mit einem geistigen Gehalt bringen, zu irgendeiner Lösung der Fragen über Gott, Freiheit, Unsterblichkeit. Wie man, wenn man nicht ißt, nur immer weiter hungern kann, der Hunger niemals sich durch sich selbst stillt, so kann man zur geistigen Entwickelung nicht gelangen, wenn man nur immer weiter denkt.

Das hat vielfach die ältere philosophische Metaphysik gewollt. Und so hart es ist, wahr ist es doch: Diese veraltete Metaphysik, die allerdings für manche Menschen der Gegenwart etwas Neues ist - man will sie sogar ab und zu wiederum auffrischen und betrachtet es als eine große Errungenschaft, wiederum diese Fragen der Metaphysik aufzufrischen —, sie ist nichts anderes als eine Wissenschaft, welche an Unterernährung, an seelischer Unterernährung, leidet. Philosophische Metaphysik ist verhungerte Wissenschaft, seelisch.

Aber es genügt nicht, wenn man nur diese Erkenntnis erringt, um das innere Erleben wirklich richtig zu verstehen. Wie man verstehen muß, daß bloßes Denken zur Verhungerungsmetaphysik führt, wenn dieses Denken sich nicht aufkraftet zu innerlichem Erleben, so muß man auch verstehen, daß noch so viele Erkenntnisse der äußeren sinnenfälligen Wirklichkeit, die sich auf den Menschen beziehen, noch so viele Ergebnisse der Sinnesbeobachtung und der Verarbeitung dieser Sinnesbeobachtung durch den Verstand der Menschen, durch methodische Forschung, zu keiner Seelenerkenntnis führen können. Sie werden sich ja überzeugen können, wenn Sie heute gebräuchliche Lehrbücher oder sonstige Bücher über Seelenwissenschaft in die Hand nehmen; begonnen wird gewöhnlich damit, daß über das Nervensystem gesprochen wird. Was sonst über den menschlichen Organismus gesprochen wird, was dann aufgebaut wird, das ist oftmals sogar nur erflossen aus dem, was über den menschlichen Organismus aus der Physiologie, aus der Naturwissenschaft entlehnt ist.

Nun muß man immer wieder und wieder betonen, um nicht mißverstanden zu werden, daß es der Geisteswissenschaft so fern als möglich liegt, die Naturwissenschaft zu verkennen; dem, was die Naturwissenschaft auch in der neueren Zeit über die Geheimnisse des Nervenlebens, über die Geheimnisse des menschlichen Organismus überhaupt gebracht hat, dem soll sein Wert nicht genommen werden. Aber der Wert liegt auf einem anderen Gebiete als auf dem der Seelenerkenntnis. Man kann das bloße Denken sich überlassen, dann verhungert man, ist einem Verhungernden ähnlich; aber zur Erkenntnis des Seelenlebens sich bloß der äußeren Beobachtung zu überlassen, welche die Naturwissenschaft, die Anatomie, die Physiologie, die Biologie gibt, das gleicht von der anderen Seite dem Hineinführen in den menschlichen Organismus nicht von brauchbaren Nahrungsmitteln, sondern von allerlei Zeug, das unverdaulich ist. Wenn man sich den Magen anfüllt mit unverdaulichen Steinen oder mit dergleichen, so ist eben der menschliche Organismus nicht imstande, aus diesem unverdaulichen Zeug etwas zu machen. So kann man, wenn man die naturwissenschaftlichen Ergebnisse einfach so nimmt, wie sie sind, sie seelisch nicht verarbeitet, auch nicht annehmen, daß daraus irgendeine Aufklärung über die geistige Welt, über das Leben der Seele im Bereich des Übersinnlichen entsteht. Man hat sich in der neueren Zeit den verschiedensten Vorstellungen überlassen, die erklären sollen, wie eigentlich die Seele zum Leibe steht. Nicht nur, daß da die sonderbarsten Märchen herumschwirren in dem, was man oftmals Wissenschaft nennt. Märchen, Aberglaube, man will ihn ja aus dem äußeren Leben ausmerzen, in der Wissenschaft floriert er oftmals so stark, wie er nur jemals im Leben floriert hat, nur bemerkt man ihn in der Wissenschaft ebensowenig, wie man ihn damals im äußeren Leben bemerkte. So das Märchen von den Telegraphendrähten: daß die Nerven selber Telegraphendrähte wären nach der Seele hin, welche die äußeren Sinneseindrücke weiterleiten, dann wiederum andere Nerven, welche die Willensimpulse nach der Peripherie des Leibes lenken. Von diesem Märchen, von diesem immer wieder und wiederkehrenden Vergleiche möchte man schon gar nicht reden, denn was mit diesem Vergleich gemeint wird, ist ganz fern von dem wirklichen Tatbestand und entspringt nur einem eben nicht bemerkten wissenschaftlichen Aberglauben.

Aber zwei Vorstellungen möchte man doch hervorheben, welche auch heute sehr verbreitet sind bei denjenigen, die über das Verhältnis des Leibes zur Seele nachdachten. Die einen glauben, sie müssen den Leib - vorzugsweise reden sie ja dann von dem Nervensystem — wie eine Art Werkzeug der Seele behandeln, wie wenn also die Seele so eine Art Akteur wäre, ein Wesen, welches sich des Leibes wie eines Werkzeuges bedient. Die anderen, die nicht einsehen können, wie ein seelisch-geistiges Wesen - als was ihnen ja die Seele gilt - einen Angriffspunkt finden soll, um auf etwas Materielles wie den Leib zu wirken, die sind gar darauf gekommen - sehr viele heutige Seelenforscher sind darauf gekommen -, die sonderbare Vorstellung auszubilden, die man nennt den seelisch-leiblichen Parallelismus. Da sollen die Vorgänge des Leibes für sich ablaufen, alle möglichen leiblichen Vorgänge. Ohne daß die Seele auf den Leib wirkt wie eine Ursache oder der Leib zurück auf die Seele wirkt, soll das Seelenleben parallel mit den leiblichen Vorgängen ablaufen, so nebeneinander zwei Parallelströmungen. Eins begleitet immer das andere, nur wirkt das eine nicht auf das andere. Wundt, Ebbinghaus, eine ganze Anzahl von Psychologen, Paulsen - ich müßte viele anführen - geben sich dieser sonderbaren Parallelismustheorie hin.

Alle diese Theorien leiden daran, daß sie eben durchaus nicht darauf kommen, worinnen der Zusammenhang der Seele mit dem Leib eigentlich beruht. Dieser Zusammenhang läßt sich nämlich weder dadurch ausdrücken, daß man sagt: Der Leib ist das Werkzeug der Seele -, noch läßt er sich dadurch ausdrücken, daß man sagt: Die Seelenerscheinungen, die Seelenvorgänge laufen parallel mit den Leibeserscheinungen ab.

Ich kann allerdings dasjenige, was auf diesem Gebiete zu sagen ist, was ein weites Feld umspannt, nur vorbringen — wie ich ja auch angekündigt habe - als Ergebnis und Beobachtung der Anthroposophie; die weiteren Begründungen kann jeder in den verschiedenen Schriften von mir finden. Aber ich möchte das Wesentliche, wozu gerade die angeregten Fragen die anthroposophische Forschung führen, denn doch heute hier in Kürze entwickeln.

Will man das Verhältnis der Seele zum Leib in der richtigen Art ausdrücken, so muß man sagen: Insofern der Mensch in Betracht kommt, erweist sich für eine wirkliche Beobachtung - für eine solche Beobachtung, die dazu vordringt, Geistiges zu schauen auf dem Wege, den ich angedeutet habe - alles Leibliche, was am Menschen ist, weder als Werkzeug noch als nebenherlaufender Vorgang, sondern als Schöpfung des Seelischen, im Kleinen und im Großen als Schöpfung des Seelischen. Und es ist nichts Leibliches am Menschen, das nicht eine Schöpfung des Seelischen wäre. Man muß allerdings manches Vorurteil abstreifen, man muß manche neuen Begriffe aufnehmen aus der Geisteswissenschaft, wenn man diese weittragende Idee, daß alles Leibliche eine Schöpfung des Seelischen ist, ins Auge fassen will.

Schon im Kleinen ist das so, wenn wir irgendeine Vorstellung uns bilden, wenn ein Gefühl auftritt in uns. Ja, nur weil man nicht gelernt hat, wirklich geist-leiblich zu beobachten, glaubt man, da wirke etwas Äußerliches auf einen fertigen Leib; die äußerliche Wirkung übertrage sich durch das Auge oder Ohr auf den fertigen Leib, dann gehe die Wirkung im Innern weiter. Sehen Sie sich einmal wirklich vorurteilslos die entsprechenden Theorien, die so sprechen, an; Sie werden überall finden: Auf wirkliche Beobachtung sind sie gar nicht gebaut, sondern sie sind eigentlich alle auf Vorurteile gebaut. Denn was wirklich vorgeht, wenn wir eine Wahrnehmung machen, wenn wir etwas hören, das ist in dem Moment eigentlich in seinem wesentlichsten Teile schon vollzogen, wenn uns die Sache zum Bewußtsein kommt, und ist immer im Grunde genommen ein Bildungsvorgang im Leibe. Ein Lichtstrahl trifft uns; der Lichtstrahl bewirkt etwas. Er ist in derselben Welt, in der auch unser Leib eingeschaltet ist. In unserem Leib geht etwas vor. Was darinnen vorgeht, das ist von ganz derselben Art, nur im Kleinen, ich möchte sagen im Atomistischen, wie das ist, wenn aus Kräften im Großen unser Gesamtorganismus gebildet wird. Wie unser Gesamtorganismus gebildet wird aus den Kräften des Wachstums und aus anderen Kräften heraus, so wird etwas gebildet in uns, wenn ein Lichtstrahl uns trifft, wenn ein Tonstrahl uns trifft und so weiter. Was da gebildet wird, was Neubildung ist in uns, was entstanden ist in uns, was geradeso als etwas Feines, Atomistisches in uns ist, wie wenn uns ein neuer Finger gewachsen wäre — das wäre nur deutlicher —, das spiegelt sich dann zurück in die Seele, die nicht im Leibe ist, sondern immer im Bereich des Übersinnlichen. Und das Spiegelbild, das kommt uns zum Bewußtsein. Der Vorgang aber, der sich da vollziehen muß für das wache Bewußtsein, muß ein Verzehrungsvorgang, ein Abbauvorgang, wirklich ein kleiner Tod sein.

Wir können an den gewöhnlichen Bewußtseinsvorgängen, an dem, was wir als Vorstellung, Fühlen und Wollen im gewöhnlichen Leben haben, im Grunde genommen uns nicht völlig überzeugen durch leiblich-geistige Beobachtung, wie es sich eigentlich mit dem Bewußtsein und mit dem Seelenwesen verhält. Aber wenn wir auf etwas anderes eingehen, wenn wir eingehen auf das, was auch unser gewöhnliches Wachleben begleitet, auf die Bildung der Erinnerungsvorstellungen, auf das Gedächtnis, da kommen wir dem schon näher, was eben gesagt worden ist. Wer zu beobachten versteht, was im Menschen vorgeht, der weiß: Was eigentlich eine Vorstellung uns bewußt macht, was macht, daß ich einen Gegenstand sehe, höre, fühle, das führt nicht sogleich zu Erinnerungen. Nein, sondern es muß immer etwas nebenherlaufen, ein anderer Vorgang nebenherlaufen. Haben Sie Sinn für Beobachtung, so sehen Sie sich an einen Schüler, der so recht ochst; was er alles für Nebenübungen machen muß, damit das, was er aufnimmt, auch gedächtnismäßig wird, damit es in die Erinnerung übergeht. Es muß nämlich immer ein unterbewußter Vorgang, ein unbewußter Begleitvorgang vor sich gehen. Das, was wir wissen, das bleibt uns nicht, sondern was neben dem Bewußtsein im Unterbewußtsein hergeht. Das aber, was da geschieht in unserem Organismus durch diese Nebenströmung des Bewußtseins, das ist noch sehr ähnlich den Vorgängen, die vor sich gehen, wenn wir wachsen, wenn wir von klein auf wachsen, wenn wir uns bilden. Das Entstehen von Bewußtseinsvorstellungen ist wirklich ein atomistischer Wachstumsvorgang im Kleinen. Es wächst etwas in uns, wenn es auch nur etwas Minuziöses ist. Sonst wachsen wir wie mit Riesenkräften im Verhältnis zu dem kleinen Wachstumsvorgang, der sich in uns vollzieht, unbemerkt für das gewöhnliche Leben, wenn Erinnerung sich bildet. Unter der Oberfläche des Stromes der bewußten Vorstellungen fließt, während wir vorstellend erleben, ein Geschehen, das die Erinnerungen trägt; und das ist sehr ähnlich den Wachstumsvorgängen. Fragen Sie, warum man gerade in der Jugend das Gedächtnis gut ausbilden kann? Weil man da noch eben jene Kräfte, die Wachstumskräfte sind, frisch in sich hat, weil sie noch nicht abgestorben, abgewelkt sind. Aber ich kann immer nur solche einzelnen Belege geben; man kann, was ich gesagt habe, durch Hunderte und Hunderte von einzelnen Beobachtungen belegen.

Dasjenige aber, was unser gewöhnliches Vorstellen ist, das auch, was unser Fühlen, was unser Wollen ist, was überhaupt der Verlauf unseres Seelenlebens ist, das greift nun schon so ein, daß es nicht nur sich spiegelt und dadurch das, was eigentlich geschieht, zum Bewußtsein bringt; sondern so, wie behufs der Erinnerung eine Unterströmung da ist zu unserem bewußten Leben, so gibt es auch eine Oberströmung. Und wie man die Unterströmung nicht bemerkt - man bemerkt sie höchstens, wenn der Schüler ochst und Bewegungen macht und sein Gehirn anstößt, um irgend etwas zu tun, diese Unterströmung zu fördern —, die Oberströmung bemerkt man erst recht nicht. Diese Oberströmung gehört aber vor allen Dingen dem an, was ich vorhin den zweiten Menschen genannt habe, der da schläft in dem gewöhnlichen Menschen, während wir denken, fühlen, wollen und auf diese Weise die Blüten unseres gewöhnlichen Lebens zustande bringen, das zwischen Geburt und Tod, oder sagen wir zwischen Empfängnis und Tod verläuft.

Ebenso wie die Erinnerungsströmung unter dem Bewußtsein, so verläuft über dem Bewußtsein etwas rein Seelisches, etwas, was nun gar nicht irgendwie im gewöhnlichen Erleben in den Leib eingreift. Und weil dieses bewußte Seelenleben ein solches, ich möchte sagen, Übererleben hat, deshalb reichen für dieses bewußte Seelenleben, ja für das vollständige Seelenleben die Kräfte gar nicht aus, die der Mensch als Wachstumskräfte hat. Die Kräfte, die den Menschen zur Geburt führen, reichen nicht aus. Diese Kräfte könnten am Menschen nur hervorrufen, was wir am schlafenden Organismus wahrnehmen. In dem Augenblicke, wo in den Organismus das Bewußtsein mit seinen bezeichneten Überströmungen eingreift, müssen in den Organismus diejenigen Kräfte eingreifen, die dann in ihrer Gesamtsumme als Tod diesen Organismus auch zerstören. Diese Kräfte sind Abbaukräfte, sind solche Kräfte, die immer mehr und mehr abbauend eingreifen, so daß die Kräfte des Wachstums ausgleichend im Schlafe wirken müssen. Erst dann versteht man das übersinnliche Leben der Seele, wenn man weiß, wie weit untersinnlich das rein Organische reicht.

Ich spreche nicht gern — die verehrten Zuhörer, die öfter mich hier gehört haben, wissen das - von rein persönlichen Erlebnissen; allein, was ich jetzt von rein persönlichen Erlebnissen sagen will, hängt ja wesentlich mit dem zusammen, was ich überhaupt vorzubringen habe.

Ich darf wohl gestehen, daß ich durch innere Arbeit die Probleme, von denen ich auch heute spreche, von denen ich in meinen Schriften spreche, seit weit mehr als dreißig Jahren intensiv verfolge, verfolge auf allen Wegen, die sich ergeben können. Diese Wege sollen die Seele hineinführen in das Gebiet des geistigen Lebens und in den Zusammenhang dieses geistig-seelischen Lebens mit dem leiblichen Leben. Ich habe gefunden, daß man, wenn man heute in Gemäßheit der wissenschaftlichen Errungenschaften unserer Zeit ehrlich und aufrichtig zu Werke geht, wirklich unendlich vieles und Fruchtbares gerade gewinnen kann, indem man sich naturwissenschaftlich diszipliniert, indem man sich naturwissenschaftlich schult. Man findet auf diesem Wege dann auch - gerade wenn man durch die Naturwissenschaft geht — genau diejenigen Fragen, diejenigen Probleme, zu deren Lösung die gewöhnliche Naturwissenschaft nicht ausreicht. Ja, gerade aus naturwissenschaftlichem Denken heraus bekommt man andere Ergebnisse, andere Beobachtungsresultate über das, was in der Naturwissenschaft eigentlich vorliegt.

Ich muß sagen: Zu den größten Rätseln auf naturwissenschaftlich-geisteswissenschaftlichem Gebiete gehörte für mich durch Jahrzehnte die Frage nach dem Wesen des Nervensystems, dieses Nervensystems, das naturwissenschaftliche Psychologen, psychologische Naturwissenschafter der Gegenwart eben für das Organ der Seele halten, von dem sie sich vorstellen, daß in den Nerven eine innere Tätigkeit vor sich geht, die so ähnlich ist wie andere Organtätigkeiten. Nun ja, es gehen auch solche Tätigkeiten in den Nerven vor sich, aber sie dienen eben nicht der Bildung von Vorstellungen, von Gefühlen und vom Willen. Die Vorgänge, die im Nervensystem vor sich gehen, dienen der Ernährung der Nerven, dienen der Herstellung der Nervensubstanz, wenn sie verbraucht ist. Sie dienen eben durchaus nicht dem seelischen Leben; sie müssen aber da sein, damit das seelische Leben stattfinden kann. Ich darf einen Vergleich gebrauchen, den ich hier schon einmal gebraucht habe.

Wenn man das Nervensystem ansieht und es betrachtet als etwas, was da sein muß zum Seelenleben, so hat man eben so etwas, wie wenn man sagt: Der Boden muß da sein, damit ich nicht in die Tiefe falle, wenn ich gehen will. Aber wenn ich gehe, der Boden ist weich, und ich lasse Spuren zurück, dann wird derjenige ganz fehlgehen, der nun den Boden untersucht und die Kräfte darinnen sucht, in dem Boden, die da meine Fußspuren gemacht haben, von innen heraus. So wenig wie diese Kräfte von innen heraus, ebensowenig machen irgendwelche inneren Kräfte des Gehirns und Nervensystems die Spuren, die durch Vorstellen, Wollen und Fühlen entstehen. Da wirkt das Seelische, das im übersinnlichen Gebiet waltet. Sowenig ich, wenn ich gehe, etwas zu tun habe mit dem Fußboden - trotzdem er mir notwendig ist —, sowenig hat die Seele etwas zu tun mit den Nerven, trotzdem gewiß dieses Nervensystem so notwendig ist wie mir der Fußboden.

Ehe man das nicht einsieht, ehe man das nicht als wirkliche Beobachtung erlebt, eher kann man überhaupt zu keinem Verständnis des wahren Wesens der Seele kommen. Was dem seelischen Leben wirklich zugrunde liegt im Nervenleben, sind nicht die Ernährungsvorgänge, sind nicht organische Vorgänge des Nervensystems — die führen, wie gesagt, zu einer anderen Richtung hin -, das ist dasjenige, was ich nun näher bezeichnen möchte. Ich habe das vorhergehende Persönliche angeführt, damit Sie sehen, daß ich nicht leichtsinnig ein so Gewichtiges ausspreche, was ich jetzt aussprechen will, daß es schwer errungen ist, was ich über das Nervenleben sage: Indem der Mensch in seine Nervenverästelungen sich hineinlebt, indem organische Kräfte in die Nervenverästelungen hineingehen, geht er über aus dem Leben in den Tod. In die Nervenverästelungen hinein stirbt der Mensch fortwährend, wenn er diese Nervenverästelungen zum Denken, Fühlen oder Wollen gebraucht. Das organische Leben geht nicht etwa wie die Wachstumsverhältnisse fort, sondern es erstirbt, indem es sich in die Nerven hinein verästelt. Und indem es erstirbt, indem es Leichnam wird, abhungert, sich ablähmt, bereitet es die Möglichkeit eines Bodens für die geistige Entwickelung, für das rein übersinnliche Seelische. Genau ebenso, wie wenn ich unter dem Rezipienten einer Luftpumpe die Luft wegschaffe, die darinnen ist, luftleeren Raum schaffe, dann die Luft ganz von selber einströmt und sich drinnen geltend macht, so strömt, wenn der Organismus in das Nervensystem hinein fortwährend den partiellen Tod sendet, fortwährend sich abgestorben macht, in den abgestorbenen Teil seelisches Leben ein.

Daher ist der Tod, der partielle Tod die Grundlage des Bewußtseins. Lernt man erkennen, daß der Mensch nicht ein Hineinergießen seiner organischen Kräfte in seinen Leib braucht, um diesen Leib zum Sitz der Seele zu machen, sondern daß der Mensch in die Notwendigkeit versetzt ist, seinem organischen Erleben gerade Grenzen zu setzen, seinem organischen Weben der Kräfte immerfort den Tod zu schaffen, immerfort zurückzuziehen dieses organische Leben aus den Stellen, zu denen die Nerven Gelegenheit geben, dann merkt man, wie das übersinnliche Seelenleben in dem sinnlichen Leib darinnen sich entfalten kann, nachdem es sich allerdings diesen sinnlichen Leib zuerst aufgebaut hat. Denn dieselbe Seele ist es, die in der Zeit von der Geburt, oder sagen wir der Empfängnis bis zum Tode denkt, fühlt und will, dieselbe Seele ist es, die auch vorher da ist. Die geistige Welt - ich habe es hier auch schon öfter ausgesprochen - ist nicht irgendwie in einem Wolkenkuckucksheim, sie ist überall da, wo die sinnliche auch ist; sie durchdringt, durchsetzt sie; und überall, wo sinnliche Wirkungen sind, gehen sie heraus aus übersinnlichen, aus geistigen Wirkungen. Diese Seele, die während des Lebens, weil sie sich den Leib fertig gebildet hat, weil sie sich ihn umgebildet hat zum Spiegelungsapparat, der ihr zurückstrahlt die Vorgänge, die ihr zum Bewußtsein kommen können, dieselbe Seele, die also sich bewußt gestaltet, weil sie gewissermaßen den Leib verfestigt hat, dieselbe Seele lebt in der übersinnlichen Welt, bevor sie zur Geburt, oder sagen wir Empfängnis kam, sie lebt in der übersinnlichen Welt, und in diesem Leben hängt sie mit der übersinnlichen Welt zusammen. Diese Seele ist vorhanden, nicht Jahrzehnte, sondern Jahrhunderte, bevor sie durch die Empfängnis zum sinnlichen Dasein schreitet.

Und so, wie während des Lebens zwischen Geburt und Tod diese Seele im Leibe sich ihr Abbild geschaffen hat und durch dieses Abbild des Leibes ihr Leben entfaltet, so entfaltet das Leben der Seele von der anderen Seite, von der übersinnlichen Welt her, durch ihr Strahlen und Strömen die Kräfte, welche durch Generationen Eltern, Vater und Mutter, wiederum Vater und Mutter eine weitere Generation hinauf und so weiter, zusammenführen, so führen sie die Menschen zusammen, daß sich durch die Generationen hindurch jene Kräfte ausbilden, die dann als Vererbungskräfte auftreten.

Es ist richtig — und keineswegs soll die naturwissenschaftliche Lehre von der Vererbung etwa angefochten werden von der Geisteswissenschaft —, daß, was wir vererben, in der sinnlichen Generationenreihe entsteht. Aber in diese sinnliche Generationenreihe wirkt schon unsere Seele hinein. Wir legen in unsere Vorfahren durch die Wirkungen unserer Seele die Kräfte, die wir dann vererbt erhalten. So bilden wir, wie wir in der Erinnerung im kleinen Wachstum etwas bilden, unseren Gesamtorganismus aus der geistigen Welt heraus; und nur die Unterlage, die Gelegenheit dazu wird gegeben durch das, was in der sinnlichen Vererbungsströmung, in der Generationenfolge ist. Der Leib ist durchaus Geschöpf des Seelisch-Geistigen. So wie das einzelne Erlebnis zwischen Geburt und Tod auf einer Schöpfung des geistigen Wirkens beruht, so beruht auch das Gesamtleibliche des Menschen auf der Schöpfung dieses Leiblichen aus dem Geistig-Seelischen heraus. Aber aufgenommen wird in diese ganze Entwickelungsströmung nicht nur, was Wachstumskräfte sind, nicht nur, was vorwärtsschreitende Kräfte sind, sondern auch was die Kräfte sind, die sich dann in der Gesamtsumme als Tod zeigen, der nur die Außenseite für die Unsterblichkeit ist.

Denn indem das Seelisch-Geistige gewissermaßen den Leib in die Welt hineinstellt, an ihm sich spiegelt, erlebt es sein eigenes Leben im Bereich des Übersinnlichen. Dadurch aber, daß die Ihnen vorhin geschilderte Oberströmung sich entwickelt, dadurch zerstört es zugleich den Leib, dadurch trägt es den Tod hinein. Und so, wie jedes Bewußtsein auf einem partiellen Tod beruht, so ist der gesamte Tod nichts anderes als das Zurücknehmen des Seelischen vom Leiblichen, das der Beginn eines andersartigen Erlebens des Seelischen ist. Wir wissen: So, wie wir für die Zeit zwischen Geburt und Tod die Erinnerungsvorstellungen ausbilden, so bilden wir in der angedeuteten übersinnlichen Strömung, in der überbewußten Strömung, den inneren Menschen aus, der durch Geburten und Tode geht, der ewig ist.

Was ich angedeutet habe als das Erleben der Seele, das Sich-selbst-Erleben der Seele im Übersinnlichen, das ist nun nicht etwa etwas, was der Geistesforscher erzeugt, das ist etwas, was als der charakterisierte zweite Mensch, der sonst aber nur verschlafen wird, immer in dem Menschen ist. Geistesforschung ist nichts anderes als das Zum-Bewußtsein-Bringen desjenigen, was im Menschen fortwährend ist, was auch ewig ist im Menschen, so daß es durch den Tod hindurchgehen kann. Dann, wenn man auf die angedeutete Weise in die Lage kommt, sich mit seinem Seelischen im Geistigen zu bewegen, geradeso, wie man sich mit seinen Sinnen im Physisch-Sinnlichen bewegt, dann weiß man, daß man als Mensch, als geistig-seelischer Mensch, ebenso in einer Geisteswelt lebt, wie man durch die Sinne in einer physischen Welt lebt. Und wie man, hinschauend auf die physische Welt, Reiche unterscheidet — das Mineralreich, das Pflanzenreich, das Tierreich -, so unterscheidet man in der geistigen Welt Reiche voller Wesen, die, hinaufgehend, immer geistiger und geistiger werden, denen der Mensch durch seine Seele ebenso angehört, wie er durch seinen Leib dem mineralischen, dem pflanzlichen, dem tierischen Reich angehört. Kurz, die Seele tritt bewußt ein in das Gebiet des Geistigen.

Ich möchte diese Weltanschauung, welche auf die Art wissenschaftlich entsteht, wie ich es angedeutet habe, am liebsten nennen nach den Quellen - wenn man nicht mißverstanden werden würde, würde ich es auch immer so nennen -, nach den Quellen, aus denen sie für mich selber stammt; ich würde diese Weltanschauung am liebsten Goetheanismus nennen, so wie ich, wenn dadurch nicht Mißverständnisse über Mißverständnisse sich ergeben würden, den Bau in Dornach draußen, der dieser Weltanschauung gewidmet ist, am liebsten Goetheanum nennen würde. Denn nicht auf irgendwelchen Träumereien, nicht auf irgendwelchen willkürlichen Einfällen, sondern auf der gesunden Voraussetzung, auf welcher die Goethesche Weltanschauung beruht, beruht auch dasjenige, was von mir als Anthroposophie gemeint ist. Goethe unterschied sich in seiner Auffassung der Naturdinge gerade durch solche Voraussetzungen von demjenigen, was nachher als Naturwissenschaft - zwar mit einem gewissen Recht, denn man kommt mit Begriffen nur dann vorwärts, wenn man sie reinlich gebraucht - entstanden ist. Goethe aber bildete solche naturwissenschaftliche Begriffe aus, daß diese Begriffe wirklich nicht der Seele wie Steine im Magen liegen, sondern umgebildet werden können, so daß man heraufkommt mit diesen naturwissenschaftlichen Begriffen in das Gebiet des Seelischen. Goethe selbst hat noch nicht Geisteswissenschaft begründet; er ist nicht dazu gekommen. Aber er hat seine Metamorphosenlehre so ausgebildet, daß man nur konsequent das innere Erleben aus den Prinzipien heraus weiter auszugestalten braucht, aus denen die Goethesche Metamorphosenlehre geflossen ist, dann kommt man auch zu einer Erfassung des seelisch-geistigen Erlebens.

Wozu kommt denn eigentlich die landläufige Psychologie? Ein sehr, sehr bedeutender, wie ich glaube, der bedeutendste Philosoph der Gegenwart, der in diesem Frühling in Zürich verstorbene Franz Brentano, er hat ein reiches Erkenntnisleben hinter sich, er war ein Kämpfer auf diesem Gebiet; zuletzt hat er ein Asyl gefunden, während der Zeit dieses Krieges, in Zürich; im Frühling dieses Jahres starb er. Er hat sein ganzes Leben hindurch, neben seinen anderen tiefgründigen Forschungen auf dem Gebiet des Seelenlebens, versucht, zurechtzukommen mit dem, was man nennt: Denken oder Vorstellen, Fühlen und Wollen. Es spielen ja diese drei Begriffe in der Seelenwissenschaft eine ganz besondere Rolle. Nun, auch Franz Brentano ist nicht weitergekommen als eigentlich nur zu einer Einteilung, ist nicht bis dahin gekommen, wo im Grunde genommen gerade im Seelischen erst gesehen werden kann, was da lebt als Seelisches, wo das Seelische selbst erst als ein Lebendiges erfaßt werden kann. Wenn man so einfach mechanisch gruppiert: Vorstellen, Fühlen, Wollen - hat man drei Klassen. Um das Seelische, in dem ja Denken, Fühlen und Wollen leben, als Lebendiges zu erfassen, muß man das Seelische, jetzt allerdings Geistig-Seelische, in dem Sinne erfassen, wie Goethe die äußeren Naturdinge zu erfassen suchte in seiner Metamorphosenlehre, wie Goethe versuchte - man mag ihm darinnen nun mehr oder weniger Recht geben, darauf kommt es jetzt nicht an; im einzelnen mag er gefehlt haben, auf das Prinzipielle, auf das Methodische kommt es an-, wie Goethe versucht hat, in dem Blütenblatt, ja noch in den Fruchtorganen umgewandelte grüne Stengelblätter zu sehen. Wie er alle Organe durch eine metamorphosische Umwandlung ineinander sich zu erklären versuchte, so muß man nicht bloß stehenlassen nebeneinander Denken, Fühlen und Wollen, sondern den lebendigen Übergang von ihnen gewinnen.

Da kann ich wiederum nur durch Jahrzehnte gereifte Forschungsergebnisse der Anthroposophie anführen: Was wir im gewöhnlichen Leben Wollen, was wir unseren Willen nennen, ist nicht bloß so äußerlich neben das Fühlen und neben das Vorstellen hingestellt, sondern das Fühlen ist einfach durch eine Metamorphose aus dem Wollen entstanden, bildet sich aus dem Wollen heraus, so, wie sich das Blütenblatt aus dem Stengelblatt bildet; und das Vorstellen bildet sich wiederum aus dem Fühlen heraus. Der Anthroposoph kommt am Schluß zu dem Ergebnis: Was wir als ein Wollen erkennen, ist im Grunde ein junges, ein noch kindliches Wesen, das, wenn es alt wird, älter wird, zum Fühlen sich verwandelt, metamorphosiert, und wenn es noch älter wird, zum Gedanken, zur Vorstellung sich hinmetamorphosiert.

In dem, was wir als Vorstellen erleben, ist immer in geheimnisvoller Weise dasselbe wesenhaft drinnen, das auch im Fühlen und Wollen drinnen ist. Nur erleben wir nicht — weil wir im gewöhnlichen Leben das erleben, was die Seele mit Hilfe des Leibes, mit Hilfe des Abbildes, des Geschöpfes, das sie sich selbst gemacht hat, erlebt -, wir erleben nicht, wie alles Vorstellen aus dem Fühlen hervorgeht. Wenn aber die Seele sich ihre Geistorgane ausgebildet hat, dann erlebt sie in allen Vorstellungen ein geheimnisvolles Fühlen, nur nicht ein Fühlen, das an unseren Leib gebunden ist, sondern ein Fühlen, das uns auf dem Umwege durch die Vorstellung hinausführt in die Weiten der geistigen Welt. Man erlebt dann, wenn man durch das Fühlen nicht hineingeführt wird in sein Leibliches, sondern umgekehrt, hinausgeführt wird in die Weiten der geistigen Welt, dasjenige Übersinnliche, in dem wir sind zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, in dem die Seele lebt, bevor sie zur Geburt schreitet und nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen ist. Und man erlebt dann in höherem Wissen, als die gewöhnlichen Vorstellungen sind, in geistig-seelischem Wissen, die übersinnliche Welt.

Die meisten Menschen möchten allerdings diese übersinnliche Welt so nach den Methoden, nach dem Vorbilde der sinnlichen erleben. Sie sind nicht zufrieden damit, sie bloß im Bilde — wie ich in meinen Schriften angedeutet habe -, in Imaginationen zu erleben. Sie möchten sie so derb erleben wie die Sinnlichkeit. Allein, wie der Leib erst sterben muß, um reiner Geist zu werden, so muß das, was sinnliche Erkenntnis ist, erst aus sich abstreifen, was sich mit dem Materiellen, mit dem Stofflichen verbindet, und es muß die Erkenntnis Imagination, imaginativ werden, damit im imaginativen Erleben, das so fein ist wie das Phantasieleben, aber nicht so willkürlich, sondern innerlich methodisch geregelt, damit in diesem übersinnlichen Erleben, das jetzt kein Traum ist, abgestreift wird das Sinnlich-Stoffliche, das der sinnlichen Wahrnehmung angehört, und ein Bild schon zwischen Geburt und Tod gewonnen wird von dem, was Wirklichkeit ist, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes in die übersinnliche Welt eintritt. Alles, was vom Leib kommt, ist stofflich in der Erkenntnis; das muß abgestreift werden von der Erkenntnis, wenn man diese Erkenntnis zum Übersinnlichen führen will.

Daher kann niemand hoffen, das Übersinnliche wirklich zu erkennen, der es so derb in die Sinneswelt hereinstellen will wie die Spiritisten, die Stimmen oder sonstige materielle Wirkungen haben möchten, während sie eigentlich, in einer sonderbaren Selbsttäuschung befangen, im Grunde auf das Übersinnliche losgehen wollen und sich ein Sinnliches hingestellt haben. Jenes feingeistige Erleben, jenes wirklich auch der stofflichen Erkenntnis entkleidete Erleben, das eintreten muß, wenn man den ewigen, den unvergänglichen Menschen erleben will, mit dem begnügen sich eben viele Leute in unseren Tagen nicht. Aber dieses übersinnliche Erleben ist es allein, was uns zu einer wirklichen Erkenntnis des Seelenwesens im Bereich des Übersinnlichen führen kann, wie ich gezeigt habe - ich konnte es nur skizzenhaft zeigen —, welches uns zu einer wahren Anschauung über das Verhältnis des Leibes zur Seele und der Seele zum Leibe führt.

Wie das Fühlen sich umwandelt zu dem Vorstellen, so auch das Wollen. Und wie man geheimnisvoll in jeder Vorstellung ein Gefühl finden kann, so entdeckt man auch ein Wollen, aber ein Wollen, das einen nicht hineinführt in die menschlichen Gliederbewegungen, in das menschliche sinnliche Handeln, sondern das einen hinausführt aus dem Vorstellungsleben in den Bereich der übersinnlichen Welt. Entdeckt man in dem altgewordenen Seelenwesen des Vorstellens das junge Seelenwesen des Wollens, dann entdeckt man in diesem Wollen, das rein geistig erlebt wird, diejenigen Kräfte, die herüberspielen in dieses Erdenleben aus vorhergehenden Erdenleben, die der Mensch durchlebt hat. Und dann werden die wiederholten Erdenleben, dann wird der Durchgang der Seele als übersinnliches Wesen durch wiederholte Erdenleben, mit dazwischenliegenden Leben in der rein übersinnlichen Welt, ein wirkliches Beobachtungsobjekt; dann tritt der Mensch ein in die wirkliche übersinnliche Erkenntnis.

Diese wirkliche übersinnliche Erkenntnis -— man könnte meinen, sie sei nur zur Befriedigung des menschlichen Erkenntnisbedürfnisses da. Lassen Sie mich ganz kurz, zum Schlusse, nur mit wenigen Worten noch andeuten, daß dies nicht der Fall ist.

Wovon man glauben könnte, daß nur der menschliche Erkenntnishunger, das Wissensbedürfnis befriedigt werden könnte, das hat seine tiefe praktische Bedeutung. Gewiß, man hat es ja in der Entwickelung der Menschheit mit einem Fortschritt zu tun. Die kopernikanische Weltanschauung, die moderne Naturwissenschaft sind erst gekommen, nachdem die Menschheit andere Stufen voraus durchgemacht hatte. So wird anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, erst entstehen, wenn, so wie dazumal am Ende des Mittelalters der Drang entstanden ist, in anderer Weise als im Mittelalter das Weltengebäude anzuschauen, wenn der Drang, das Übersinnliche zu erkennen, in den Menschen stark genug sein wird. Viele Menschen, die wissen, daß es eine übersinnliche Welt gibt, glauben noch, die Menschen seien heute nicht reif, jene freien Erkenntniskräfte zu entwickeln, den schlafenden Menschen zu entfalten. Das Gegenteil ist der Fall! Der Mensch dürstet heute in seinen Seelentiefen nach einem Wissen des Übersinnlichen. Er betäubt sich nur, wie ich es ja in dem Eingang des Vortrages gesagt habe.

Aber auch aus anderen Gründen wird seine Betäubung nicht mehr lange standhalten können. Man kann die Natur erkennen, ohne daß man zu Gesetzen aufsteigt, die das Seelenleben erklärlich machen, ja man kann sogar sagen: Man wird die Natur um so reiner erkennen, je mehr man sich bei der Ausbildung der Naturgesetze fernhält von allem Einmischen eines Seelisch-Geistigen. Die Naturgesetze werden um so geeigneter sein für ihr Feld, je weniger sie beirrt werden von Gesetzen, die sich nur auf das Seelisch-Geistige beziehen. Das muß man schon sagen. Aber sobald es sich darum handelt, das Menschenleben in seiner Gänze zu verstehen, so zu verstehen, daß unser Verständnis eingreifen kann in die Entwickelung dieses Menschenlebens, sobald es sich darum handelt, das soziale, das politische, das gesellschaftliche Zusammenleben zu verstehen, sobald es sich nur darum handelt, überhaupt ein richtiges Verhältnis von Mensch zu Mensch zu finden, dann ist ein anderes notwendig, dann reichen die Denkformen nicht aus, die nur an dem Muster der Naturwissenschaft gebildet sind.

O, die Menschheit hat sich nur zu sehr gewöhnt, alles Leben nach solchen Denkformen zu denken, nach denen natürliche Vorgänge, naturgemäße Vorgänge, gedacht werden. Und so hat man sich auch, ich möchte sagen, instinktiv hineingefunden, das soziale Leben, das politische Zusammenleben der Menschen so zu denken und auch so zu gestalten, wie der Geist gestaltet, der sich eben nur gewöhnt, Naturgesetze zu denken. Immer mehr und mehr hat sich das durch die letzten vier Jahrhunderte bis in unsere Zeit herein ausgebildet. Wie es für die Naturwissenschaft gerade recht ist, den Geist auszuschließen, um ihr Feld rein zu bekommen, so ist es völlig ungenügend für das menschliche Zusammenleben, für alles das, was mit Gesellschaft, mit sozialer Wissenschaft zusammenhängt, Denkformen auszubilden, die nur aus der Naturwissenschaft herausgezogen sind. Man wird nicht fertig mit der Art und Weise, wie die Menschen über die Erde hin zusammenleben müssen, wenn man dieses Zusammenleben nach politischen, nach sozialen, nach gesellschaftlichen Idealen gestalten will, die nach dem Muster naturwissenschaftlicher Gesetze gemacht sind.

Ein Beispiel für viele: Als dieser tragische Krieg entstanden ist, da konnte man von vielen Seiten her hören, gerade von Leuten, die sich zugute taten, Erfahrungen zu haben in bezug auf die Gesetze des menschlichen Zusammenlebens — nun ja, man hat es vielfach gehört -: Dieser Krieg kann nicht länger als höchstens vier bis fünf Monate dauern. - Ganz im Ernste, in vollem Ernste haben das die Menschen gesagt aus ihrem Denken, das sie sich herausgebildet haben aus der Zucht naturwissenschaftlicher Schulung, die auch bei demjenigen, der nicht Naturwissenschafter ist, vorhanden ist. Gerade die «Kundigsten» waren es, die so gesprochen haben. Wie hat in trauriger Weise die Wirklichkeit diese Vorstellungen widerlegt! Niemand, der geisteswissenschaftlich die Welt durchschaut, kann sich solchen Irrtümern hingeben, aus dem einfachen Grunde nicht, weil er weiß, was für ein Unterschied besteht zwischen wirklichkeitsfernen Vorstellungen und wirklichkeitsnahen, die Wirklichkeit durchdringenden Vorstellungen.

Was als Geisteswissenschaft, als Anthroposophie unsere Seelen erfüllt, das bringt uns zusammen mit der Wirklichkeit, das stellt uns in die ganze, volle Wirklichkeit hinein. Eine Sozialwissenschaft, eine Wissenschaft über das menschliche Zusammenleben, die wirklich gewachsen ist diesem Zusammenleben der Menschen über die ganze Erde hin, die nicht Instinkte, Impulse in die Menschen hineinbringen soll, die sich so entladen, wie sich die heutigen furchtbaren, katastrophalen Ereignisse entladen - eine solche Sozialwissenschaft, eine solche Gesellschaftswissenschaft kann nur erwachsen aus den Voraussetzungen heraus, die die Geisteswissenschaft, die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, gibt. Denn die allein hat es nicht mit einem Lebensteil, sondern mit dem ganzen vollen Leben zu tun; die allein kann daher der Wirklichkeit gewachsene Vorstellungen und Begriffe erzeugen.

Und wenn sich die Menschen nicht bequemen werden, ihr soziales Denken auf dem Boden anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft aufzubauen — das ist meine innigste Überzeugung -, so wird die Menschheit aus den Kalamitäten, die sich heute so furchtbar entladen, nicht herauskommen. Ich weiß zu würdigen, was ausgeht von den Leuten, die sich heute pazifistisch oder ähnlich nennen, die für allerlei Friedensbewegungen enthusiasmiert sind. Allein, solche Dinge lassen sich nicht durch bloße Gebote entscheiden, lassen sich nicht dadurch entscheiden, daß man dekretiert: das oder jenes müsse sein. Man kann durchaus einverstanden sein mit dem, was sein muß. Wenn man aber nur die Gebote, nur die Gesetze bringt aus dem gewöhnlichen Denken heraus, so ist das so, als wenn man zu dem Ofen, der da steht, sagen würde: Lieber Ofen, es ist deine Ofenpflicht, das Zimmer zu heizen; also heize das Zimmer hübsch. — Er wird das Zimmer nicht heizen, ohne daß man Holz hineintut und Feuer anmacht, obwohl es heutzutage ganz angenehm wäre. Aber es kann eben nicht sein, sondern man muß den Ofen mit Holz beladen und Feuer anmachen. Ebensowenig reichen alle gewöhnlichen regulären Vorstellungen über Friedenserhaltung und so weiter aus. Um was es sich handelt, das ist, daß man nicht bloß spricht: Menschen, liebet einander -, sondern daß man, vergleichsweise gesprochen, in die Menschenseelen Heizmaterial hereinbringt. Dieses aber sind Begriffe, die aus dem lebendigen Erfassen des Geisteslebens hervorgehen. Denn die menschliche Seele gehört nicht allein dem materiellen, sie gehört dem geistigen Leben an. Und vielfach versteht man heute noch gar nicht, was es heißt, daß diese menschliche Seele dem Bereich des Übersinnlichen angehört. Man glaubt eben gewöhnlich, daß man mit den Gesetzen, die man heute entwickelt, schon im Bereich des Übersinnlichen stehe. Das tut man nicht.

Gerade auf den Gebieten der ernsten Wissenschaft fängt man vielfach an, heute schon einzusehen, daß es auch eine Bedeutung hat, nicht bloß dasjenige, was naturwissenschaftliches Vorurteil in den letzten Jahrzehnten vorgezeichnet hat, auf das menschliche Erleben hin zu prüfen, sondern daß da andere Begriffe, andere Vorstellungen nötig sind.

Haben wir doch das merkwürdige Schauspiel erlebt in der letzten Zeit, daß einer der treuesten Schüler Haeckels, Oscar Hertwig, der berühmte Physiologe, Biologe, ein Buch geschrieben hat, in dem er, trotzdem er einer der treuesten Schüler Haeckels war, Abschied nimmt von der ganzen Äußerlichkeit der darwinschen Theorie, von jener Theorie, die nur durch eine Summe von Zufälligkeiten, von Zufällen das Werden erklären will, die nicht will, daß Kräfte eingreifen in dieses Werden, die nicht durch bloße äußere Beobachtung erkannt werden können. So hat man das Merkwürdige erlebt, daß Oscar Hertwig in der letzten Zeit ein bedeutsames Buch geschrieben hat: «Das Werden der Organismen. Eine Widerlegung von Darwins Zufallstheorie». Und in diesem Buche, in dem die ernste Wissenschaft selber herauszukommen sucht aus dem Hängen an dem bloß Materiellen, aufzusteigen sucht in das Geistige, schließt Oscar Hertwig aus diesen Erwägungen heraus — und das ist das Bezeichnende, das Sie mir gestatten, zum Schlusse anzuführen - seine Ausführungen in der folgenden Weise:

«Die Auslegung der Lehre Darwins, die mit ihren Unbestimmtheiten so vieldeutig ist, gestattete auch eine sehr vielseitige Verwendung auf anderen Gebieten des wirtschaftlichen, des sozialen und des politischen Lebens. Aus ihr konnte jeder, wie aus einem delphischen Orakelspruch, je nachdem es ihm erwünscht war, seine Nutzanwendungen auf soziale, politische, hygienische, medizinische und andere Fragen ziehen und sich zur Bekräftigung seiner Behauptungen auf die Wissenschaft der darwinistisch umgeprägten Biologie mit ihren unabänderlichen Naturgesetzen berufen. Wenn nun aber diese vermeintlichen Gesetze keine solchen sind» — was Oscar Hertwig glaubt bewiesen zu haben -, «sollten da bei ihrer vielseitigen Nutzanwendung auf andere Gebiete nicht auch soziale Gefahren bestehen können? Man glaube doch nicht, daß die menschliche Gesellschaft ein halbes Jahrhundert lang Redewendungen wie unerbittlicher Kampf ums Dasein, Auslese des Passenden, des Nützlichen, des Zweckmäßigen, Vervollkommnung durch Zuchtwahl etc. in ihrer Übertragung auf die verschiedensten Gebiete, wie tägliches Brot, gebrauchen kann, ohne in der ganzen Richtung ihrer Ideenbildung tiefer und nachhaltiger beeinflußt zu werden! Der Nachweis für die Behauptung würde sich nicht schwer aus vielen Erscheinungen der Neuzeit gewinnen lassen. Eben darum greift die Entscheidung über Wahrheit und Irrtum des Darwinismus auch weit über den Rahmen der biologischen Wissenschaft hinaus.»

Da sieht man, wie ein Naturforscher einsieht: Was die Menschen denken und was von ihren Gedanken in ihre Impulse übergeht, das bereitet vor und gestaltet aus, was dann in der äußeren Wirklichkeit sich entladet; auch auf sozialem Gebiete ist Geistiges der Schöpfer des Materiellen. Und wenn das Materielle in solcher Gestalt auftritt wie gegenwärtig, dann, dann muß nach anderen Gründen im Geistigen gesucht werden, als sie von dem gesucht werden, der mit seinen Begriffen über das Soziale sich nur nach dem Muster der Naturwissenschaft erzieht. Eine Geisteswissenschaft, die auf Okkultismus gegründet ist, wird anders auf das soziale Leben wirken können; sie wird nicht bloß sprechen von einem unerbittlichen «Kampf ums Dasein», sondern sie wird durchschauen, was sich hineinstellt als Geistiges in das, was im Natürlichen nur als Kampf ums Dasein auftritt; sie wird nicht bloß das Dasein nach dem Äußeren anschauen, sondern nach dem, was der Geist hineingegossen hat, wird nicht bloß nach dem Zweckmäßigen den Verlauf der Entwickelung beurteilen, sondern auch nach dem, was als ethisch Wertvolles in den Verlauf der Zweckmäßigkeit hineingestellt wird; sie wird nicht bloß von Vervollkommnung durch Zuchtwahl sprechen, sondern von dem schöpferischen Geist, der in die Entwickelungsströmung einströmt und sich die Zuchtwahl nur schafft, so wie die Seele sich ihren Leib schafft. Sie wird im Übersinnlichen vor allem die Grundlagen für die sozialen Gesetze suchen.

Da können wir schon sehen, daß Geisteswissenschaft, anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, nicht etwas zur bloßen Erkenntnisbefriedigung ist, sondern etwas ist, was mit dem praktischen Bedürfnis, mit dem ganzen Verlauf des Lebens innig zusammenhängt. Und die Zukunft wird jene Grundlagen des Denkens gerade für das praktische Leben fordern, die nur aus Geisteswissenschaft fließen können.

Warum sträuben sich die Menschen heute noch so vielfach dagegen, Geisteswissenschaft in ihre Seelen aufzunehmen? Gerade aus dem heute abend Gesagten kann man sich eine Antwort bilden in bezug auf diese Frage. Es hat uns heute abend vorzugsweise beschäftigt, wie Geisteswissenschaft dem Rätsel der Unsterblichkeit nachgeht. Allein es trennt uns von dieser Unsterblichkeit der Tod. Und wir haben ja gesehen: Gerade im Verlaufe des Lebens müssen wir das fortwährende Hereingreifen des Todes anerkennen. In alten Zeiten, in denen man in anderer Art, aber doch gesprochen hat von der Erkenntnis der geistigen Welt, hat man immer gesagt: Derjenige, der eintritt in die geistige Welt, muß symbolisch den Tod erleben. — Nun ist das vielleicht eine radikale Ausdrucksweise, aber wahr ist es. Zwischen unserer Welt der Sinne und des Verstandes, der die Sinnesbeobachtungen zergliedert, und der Welt, in der Unsterblichkeit west, liegt nicht eine Welt des Wachsens, nicht eine Welt des Blühens, nicht eine Welt des Gedeihens, sondern dazwischen liegt der Tod. Und man muß dem "Tod, man muß den Abbaukräften, man muß den Kräften ins Auge schauen, die den Kräften, die gerade die Naturwissenschaft betrachtet, den Kräften der Geburt, des Wachstums, entgegenwirken. Das bringt auf dem Gebiete der Erkenntnis etwas Ähnliches hervor, wie es auf dem Gebiet des äußeren Lebens die Todesfurcht ist. Man kann schon sprechen von einer Erkenntnis-Todesfurcht, davon, daß die Menschen nicht den Mut haben, durch dasjenige Gebiet durchzudringen, durch das durchgegangen werden muß, wenn man ins Übersinnliche eintreten will. Die Menschen schrecken zurück. Sie wissen es nicht. Sie machen sich allerlei vor an Theorien und Vorurteilen über «Erkenntnisgrenzen», über irgendeine nur materielle Bedeutung des Lebens. Lieber machen sie sich das vor, als daß sie kühn hineintreten durch jenes Tor, durch das man allein aus der sinnlichen in die übersinnliche Welt kommen kann. Das Tor ist aber dasjenige, durch das man das Wesen des Todes und alles dessen, was todverwandt ist, erkennen muß. Denn es ist wahr: Befriedigende innere Seelenharmonie, der Mensch wird sie nur finden, wenn er aufnehmen kann in sein Seeleninneres die Geheimnisse der Unsterblichkeit.

Aber zu der Erkenntnisfrucht, die sich als Unsterblichkeit genießen läßt, zu der dringt man nur, indem man umackert den Boden des Todes und des Tod-Verwandten. Davor aber darf man sich nicht fürchten. In dem Maße, als die Menschen auf dem Gebiete des Erkennens diese Erkenntnis-Todesfurcht überwinden, wird eine Wissenschaft des Unsterblichen, eine Wissenschaft des Übersinnlichen, entstehen.

Morgen werde ich darüber sprechen, wie diese Wissenschaft des Übersinnlichen, diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, niemanden in seinem religiösen Bekenntnisse stört.

Ich hoffe, daß ich Sie morgen nicht so lange aufhalte; aber der heutige grundlegende Vortrag ließ sich nicht kürzer machen.

German original of The Human Soul in the Realm of the Supernatural and Its Relationship to the Body · Next →