Freedom, Immortality and Social Life

GA 72 — 19 October 1917, Basel

Anthroposophie Stört Niemandes Religiöses Bekenntnis

Wenn religiöses Empfinden und Erleben seine Aufgabe gegenüber den Anforderungen der heutigen Zeit recht verstehen will und dann von einem so gewonnenen Gesichtspunkte aus mit vollem Verständnisse dem entgegentreten würde, was die hier gemeinte Anthroposophie anstrebt, so würde das religiöse Empfinden und Bekennen in Anthroposophie gerade heute einen sehr willkommenen Bundesgenossen sehen können. Allein man macht es sich ja in der Gegenwart nicht immer zur Aufgabe, die Dinge, über die man glaubt, ein geeignetes, ein kompetentes Urteil abzugeben, auch wirklich in ihrer Eigenart kennenzulernen. Dies trifft insbesondere nun gegenüber dem, was hier als Anthroposophie gemeint ist, man kann schon sagen, in ausreichendstem Maße zu. Man beurteilt, was einem da entgegentritt, indem man es mit irgendeiner von außen her genommenen Etikette versieht, oftmals eine wahre Karikatur dessen entwirft, um was es sich in Wirklichkeit handelt; und dann beurteilt man nicht diese Wirklichkeit, sondern das selbstgemachte Bild, oftmals die selbstgemachte Karikatur.

Würde man auf Anthroposophie eingehen, würde man ihre Aufgabe gegenüber den Zeiträtseln und Zeitproblemen wirklich ins Auge fassen, so würde man vor allen Dingen auf eines hingelenkt werden, das aus dem ganzen Geiste, aus dem ganzen Sinn anthroposophischer Forschung herausleuchtet. Das ist: Anthroposophie unterscheidet sich, man kann sagen, von allen übrigen Meinungen und Anschauungen, die sich über Welt und Mensch und so weiter ergeben, dadurch, daß diese Anthroposophie lebendig durchdrungen ist — wie aus ihren Erkenntnissen heraus es so sein muß — von dem, was im umfassendsten Sinne im Entwickelungsgedanken liegt.

Menschliche Meinungen, namentlich dann, wenn sie Weltanschauungsmeinungen sein wollen, fühlen sich nur dann befriedigt, wenn sie, in gewissem Sinne und in gewissen Grenzen wenigstens, sich sagen können: Ich habe Gedanken, die gelten; die sind in sich absolut gültig; die habe ich gefunden oder die hat die Wissenschaft oder die Religion oder irgend etwas anderes gefunden; aber sie gelten, sie gelten absolut in sich. - So steht es um Anthroposophie nun nicht. Anthroposophie weiß, daß die Gedanken herausgeboren sein müssen in jeder Zeit aus dem, was man in einem tieferen Sinne den Geist der Zeit nennen kann. Und der Geist der Menschheit ist in fortdauernder Entwickelung. So daß dasjenige, was als Meinung über die Welt in einem Zeitalter auftritt, eine andere Form haben muß als dasjenige, was in solcher Art in einem anderen Zeitalter auftritt. Indem Anthroposophie heute vor die Welt hintritt, weiß sie, daß nach Jahrhunderten dasjenige, was sie heute sagt, in ganz anderer Form für ganz andere Menschheitsbedürfnisse und ganz andere Menschheitsinteressen wird gesagt werden müssen, daß sie nicht «absolute Wahrheiten» anstreben kann, sondern daß sie in lebendiger Entwickelung ist.

Aus solchen Voraussetzungen heraus folgt eine gewisse Gesinnung. Und von dieser Gesinnung hängt wiederum die Beurteilung ab, die Anthroposophie haben muß von anderen geistigen Bestrebungen und geistigen Strömungen, hängt das Verhältnis ab, in das sie sich zu setzen hat zu anderen geistigen Strömungen, anderen Meinungen, anderen Anschauungen. Für unsere Zeit sollte vor allen Dingen ins Auge gefaßt werden, daß diese Anthroposophie durchaus nicht so entstanden ist, wie viele Menschen meinen, und daß sie sich durchaus nicht so in das Gewebe zeitgenössischer Meinungen und Anschauungen hineinstellen kann, wie ein heute noch sehr häufig herrschender Glaube ist. Man denkt nämlich, indem man so äußerlich, oberflächlich von Anthroposophie Kunde erhält, indem man einmal einen Vortrag gehört hat über sie oder ein paar Seiten irgendeines Buches gelesen hat über sie, eine Broschüre oder auch vielleicht noch nicht einmal dieses, sondern sich von irgend jemandem hat sagen lassen, was Anthroposophie will, der es nur in sehr zweifelhafter Art weiß; man denkt, Anthroposophie stelle sich als eine Glaubensanschauung, als eine Art neuer religiöser Anschauung anderen religiösen Bekenntnissen gegenüber. Man hat eben im Laufe der Zeit die Empfindung aufgenommen: Was sich an Gedanken, an Ideen über die Welt geltend macht, das ist eine Glaubensanschauung neben anderen. - Und so meint man: Diese Anthroposophie ist halt auch so eine Sekte, wie in der Welt viele Sekten auftauchen, stellt sich als eine solche Sekte neben andere hin.

Nun muß demgegenüber betont werden: Erstens ist gerade das charakteristisch an der hier gemeinten Anthroposophie, daß sie nicht irgendwie neben oder im Gegensatz zu irgendeinem Glaubensbekenntnisse in die Welt getreten ist. Warum sie in die Welt getreten ist, davon liegen die Gründe nicht in diesem oder jenem Glaubensbekenntnisse, zu dem sie Stellung zu nehmen hat, sondern warum sie gerade in der Gegenwart in die Welt getreten ist, davon liegen die Gründe in der naturwissenschaftlichen Entwickelung der letzten Jahrhunderte und der neueren Zeit, in jener naturwissenschaftlichen Entwickelung, die den Meinungen, den Anschauungen der Menschen der Gegenwart ihr Gepräge gegeben hat. Eine Ergänzung, eine Erweiterung, eine Vervollkommnung dessen will Anthroposophie sein, was durch die Naturwissenschaft in die Welt hineingekommen ist. Dieser Ausgangspunkt muß durchaus berücksichtigt werden. Lernt man nämlich die naturwissenschaftlichen Errungenschaften kennen — und ich will hier vorzugsweise ins Auge fassen jetzt nicht die Errungenschaften der Fachgelehrsamkeit, sondern dasjenige, was von der Naturwissenschaft in das öffentliche Bewußtsein übergeht, was von der Naturwissenschaft selbst Meinung über die Weltanschauung wird, was Empfindung über die Weltanschauung wird -, sieht man sich dies alles an, was Naturwissenschaft den Menschen zu geben hat, so muß man sagen: Diese Naturwissenschaft hat sich herausgearbeitet, und sie wird sich noch mehr im Laufe der Zeit herausarbeiten in glänzender Weise zu einer Interpretin desjenigen, was eben äußerlich sinnenfälliges Dasein ist, und was mit dem Verstande begriffen werden kann von diesem sinnenfälligen Dasein. Gerade - ich habe es schon gestern erwähnt - wenn man sich einlassen kann, tief einlassen kann auf das, was die moderne Naturwissenschaft geleistet hat, dann bekommt man nicht nur die höchste Achtung vor ihr, hegt nicht nur die allergrößten Erwartungen noch für die Zukunft, sondern man weiß auch, daß diese Naturwissenschaft gerade dadurch ihre Vollkommenheit erreicht, daß sie Gesetze ausbildet, Methoden ausbildet, welche im eminentesten Sinne geeignet sind, das äußerlich natürliche, sinnenfällige Dasein zu begreifen, welche aber ungeeignet sind, wenn sie so gelassen werden, wie sie eben in der Naturwissenschaft selbst herrschend sind, das Geistige zu erfassen. Will man gerade mit derselben Strenge, mit derselben naturwissenschaftlichen Gültigkeit das Geistige erfassen wie das Natürliche im Sinne der neueren Naturwissenschaft, dann muß man aus der Naturwissenschaft heraus, aus der Denkweise und Gesinnung der Naturwissenschaft heraus sich in die geistige Welt in der gestern geschilderten Weise hineinarbeiten.

Da allerdings türmen sich ja für manche Menschen der Gegenwart große Schwierigkeiten auf. Man kann sagen: Gerade durch die glänzendsten Fortschritte der Naturwissenschaft, durch die man hineingesehen hat auch in die geistigen Grenzgebiete, ist es gekommen, daß man ein natürliches Weltbild ausgebildet hat, in dem eigentlich der Geist keinen Platz hat. Das muß so sein. Eben gerade damit die naturwissenschaftlichen Methoden für das natürliche Dasein passend sind, müssen sie so sein, daß sie in einer gewissen Weise den Geist von ihrem eigenen Forschungsfeld ausschließen. Wenn man auf den Menschen selbst Rücksicht nimmt, so muß man sagen: Anatomie, Physiologie, Biologie, wie sie den Menschen betrachten in bezug auf sein leiblich-körperhaftes Dasein, können das nur studieren, nach allen Seiten durchdringen, wenn sie zeigen, daß mit ihrer eigenen Methode, mit ihrer eigenen Forschungsweise der Geist gewissermaßen ausgeschlossen wird.

Läßt man sich nun aber auf die Art und Weise ein, wie die Naturwissenschaft vorgeht, lebt man sich ein in diese Art und Weise, dann kann man die Naturwissenschaft so fortsetzen, wie ich das gestern charakterisiert habe. Und man gelangt durch gewisse Methoden, die die menschliche Seele auf sich selber anwendet, gerade vom natürlichen Dasein heraus in das Gebiet der geistigen Welt hinein. Die geistige Welt wird eine solche Wirklichkeit vor dem geistigen Auge, vor dem geistigen Ohr — um diese Goetheschen Ausdrücke in veränderter Weise zu gebrauchen -, wie die sinnliche Wirklichkeit der mineralischen, pflanzlichen, der Luft- und Sternenwelt eine Wirklichkeit ist eben für die äußeren Sinne. Man arbeitet sich in das Geistige hinein.

Eine Schwierigkeit ergibt sich da für sehr viele Menschen. Sie werden es hören, wenn man so spricht von dem Verhältnis der Naturwissenschaft zur anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, daß die Menschen sagen: Ja, darinnen hat er ja vielleicht ganz recht, was er über die Naturwissenschaft sagt; man kann mit den naturwissenschaftlichen Methoden den Geist nicht einfangen, man kann über den Geist nichts ausmachen; da sind eben Grenzen, da liegen eben jenseits der Naturwissenschaft Gebiete, über die wir nichts wissen können. — Aber gerade aus dem gestrigen Vortrage, aus seinem ganzen Sinn und Geist wird hervorgegangen sein, daß dies die Meinung von Anthroposophie nicht ist. Das Gegenteil ist Erfahrung der Anthroposophie: Daß man wirklich hineindringen kann in den Geist, daß es nicht sich bloß darum handelt, zu sagen, es gebe unbekannte Gebiete, auf die man verweisen müsse, sondern daß man in diese unbekannten Gebiete durch gewisse Geist-Methoden wirklich eindringen kann.

Es ist ja für manche Menschen schwierig, sich zu sagen: Es gibt noch ein Gebiet, über das man vielleicht etwas erfahren kann, wenn man sich auf gewisse Ideen und Forschungen einläßt. — Es ist viel bequemer für diese Menschen, sich zu sagen: Das ist ein Gebiet, von dem alle Menschen nichts wissen — weil sie selbst noch nichts davon wissen. Allein, daß man von irgend etwas selbst nichts weiß, das ist ja kein Beweis, daß man davon nichts wissen kann, obwohl diese Schlußfolgerung merkwürdig oft gezogen wird. Darum also handelt es sich gerade, wenn Anthroposophie geltend gemacht wird, daß man eintreten kann als Mensch durch die Anwendung derjenigen Methoden, auf die gestern hingedeutet worden ist und die Sie in meinen Schriften, namentlich in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft», finden können, daß man eintreten kann in eine geistige Welt, in der in Wahrheit der Mensch mit seiner Seele drinnen ist, in der in Wahrheit der Mensch das erlebt, was man Unsterblichkeit und Freiheit nennen kann, die eigentlichen Impulse seines übersinnlichen Daseins.

Und weil in den letzten Jahrhunderten und bis in unsere Zeit herein die Naturwissenschaft gerade so geartet sein mußte, daß sie sich richtet auf das Vergängliche, auf das, was durch den Tod abgeschlossen wird, gerade deshalb mußte ihr gegenübertreten etwas, was ebenso wie sie auf Wissenschaftlichkeit Anspruch machen kann und was in das Geistgebiet hineingeht.

In älteren Zeiten, in denen den religiösen Strömungen, den religiösen Bekenntnissen, welche den Menschen auf die geistige Welt verwiesen, noch nicht gegenüberstand eine Naturwissenschaft, welche gerade durch ihre Methoden eine gewisse Hinneigung für die sinnliche Welt einzig und allein ausbildet, war es nicht notwendig, daß eine besondere Geistwissenschaft hervortrat; denn es war auch nicht eine besondere Naturwissenschaft da, welche den Glauben für sich in Anspruch genommen hat, die einzig richtige Methode zu haben, und aus diesem Glauben heraus zu der Anschauung kommt, die man heute «monistisch» nennt, weil man den Ausdruck «materialistisch» nicht mehr salonfähig findet. Es war noch nicht eine solche Naturwissenschaft da, die zu dem Glauben verführen konnte, die einzige Wirklichkeit sei die äußere sinnliche Wirklichkeit, sei das, was mit dem Verstande aus dieser sinnlichen Wirklichkeit als Wissenschaft begriffen werden kann. Erst in der Zeit, als eine solche Wissenschaft und damit auch ein solcher Glaube auftreten konnte, mußte eine Geistwissenschaft kommen, welche das andere geltend macht, welche neben die Wissenschaft von der Natur die Wissenschaft vom Geiste hinstellt. Das liegt einfach in der Entwickelung der Zeit.

Daher kann man das Auftreten von Anthroposophie nur im richtigen Sinne begreifen, wenn man dieses ihr Hervorgehen aus der Naturwissenschaft versteht, wenn man diese ihre Notwendigkeit neben der Naturwissenschaft versteht. Naturwissenschaft würde, wenn sie nur aus sich heraus eine Art Bekenntnisglaube in den Menschen erzeugen würde, nach und nach durch das Verführerische, das in ihren streng wissenschaftlichen Methoden liegt, den Menschen ganz abbringen von der Anschauung, daß man wissenschaftlich, durch Erkenntnis in die geistige Welt hineindringen könne; sie würde es dahin bringen, daß die Menschen glauben würden im weitesten Umfang: Nun ja, wissen kann man von der sinnlichen Welt; alles übrige, was über der sinnlichen Welt ist, unterliegt dem Glauben, der niemals zu einer Gewißheit, sondern nur zu einer subjektiven Gefühlsmäßigkeit übersinnlich führen kann.

Hier liegt der Punkt, der am schwersten zunächst von den Zeitgenossen verstanden wird, weil es eine gewisse Überwindung kostet, die Seele denjenigen Erlebnissen zu unterwerfen, durch die sie hinauswächst über das gewöhnliche Dasein, durch die sie zu den sinnlichen Organen Geistorgane hinzu sich erwirbt, um einzudringen in die wirkliche geistige Welt. Und es wird noch lange dauern, bis die Vorurteile schwinden, die in dieser Beziehung herrschen, bis bei einer genügend großen Anzahl von Menschen die Einsicht entsteht, daß man wirklich in wissenschaftlicher Art genauso wie in die Natur nun in die Geisteswelt eindringen kann.

Nun ist, damit diese anthroposophisch orientierte Geistwissenschaft nach und nach sich einleben kann in unser Kulturleben, notwendig - als selbstverständlich sollte man das eigentlich ansehen -, daß sich Menschen zusammenschließen, die den Willen und das Bedürfnis haben, solche Geisteswissenschaft zu treiben. Aus diesem Bedürfnis nach Zusammenschluß zur Erarbeitung solcher Geisteswissenschaft ist ja alles auch entstanden, was sich im Dornacher Bau und um ihn herum ausgestaltet und weiter ausgestalten wird. Zusammenschluß einzelner Menschen; das führt aber sogleich wiederum zu der irrtümlichen Meinung: Nun ja, da hat man es ja mit einer Sekte zu tun, da schließen sich Menschen zusammen, die irgendeinen neuen Kirchenglauben unter sich kultivieren wollen. Das Zusammenschließen auf diesem Gebiete hat aber einen anderen Sinn als das Zusammenschließen in Sekten. Das Zusammenschließen auf anthroposophischem Gebiete hat den Sinn, daß Anthroposophie nicht errungen werden kann durch einen einzelnen Vortrag, durch die einzelne Lektüre einer Broschüre, sondern daß Anthroposophie etwas ist, was für den, der es wirklich in einer gewissen Ausdehnung kennen will, nach und nach erarbeitet sein will, was also Menschen erarbeiten müssen. Das muß ja auch in den Schulen, in den Universitäten geschehen; und wenn man das Zusammenschließen einer Hörerschaft in den Universitäten als eine «Sekte» bezeichnen will, dann kann man auch das Zusammenschließen derer, die Anthroposophie betreiben, als eine «Sekte» bezeichnen, sonst nicht. Wenn zu gewissen Vorträgen, zu gewissen Veranstaltungen nur eine Anzahl von Menschen erscheinen können, die anderes schon in sich aufgenommen haben, so erscheint das ganz natürlich; denn auch bei allem übrigen Aufnehmen von irgendwelcher Kenntnis ist es so. In die modernste Einrichtung, nicht in das sektiererische Wesen, will sich Anthroposophie hineinstellen. Rechnen will sie gerade mit den modernen Einrichtungen. Und nicht irgendein besonders Geheimnisvolles liegt zugrunde, wenn sich Menschen zusammenschließen und Veranstaltungen nur für sich haben, sondern einzig und allein das, daß sie gesucht haben die Vorbereitung dazu, wie man zu den Universitätsvorlesungen Vorbereitung sucht, bevor man sie besuchen kann, weil sonst der Besuch zwecklos ist. Alles übrige, was man sich als Ansicht bildet über solchen Zusammenschluß, ist auf diesem Gebiete vom Übel, denn es trifft nicht die Sache.

Nun allerdings muß man sagen: Solcher Zusammenschluß gerade auf diesem Gebiete muß notwendigerweise in gewisser Beziehung ein anderes Gepräge tragen als der Zusammenschluß einer Studentenschaft an einer Hochschule zum Beispiel. Die Erkenntnisse, die an einer Hochschule übermittelt werden, beziehen sich ja zumeist auf das äußere Leben, mit Ausnahme von ganz geringen, man möchte sagen, Enklaven; sie beziehen sich gerade unter der heutigen naturwissenschaftlichen Strömung, nach der Richtung, die sie angenommen haben, auf das, was Verstand und Vernunft auf Grundlage der Sinnesbeobachtung begreifen. Das aber richtet sich mehr an das bloße Denken, das richtet sich mehr, man möchte sagen, an ein Glied der menschlichen Wesenheit: Es richtet sich an das bloße Kopf-Begreifen. Nicht als ob Anthroposophie sich nicht an das Kopf-Begreifen richte! - Leute, die kompetent zu sein glauben, beurteilen manchmal Anthroposophie eben nach ihren Vorurteilen; da stimmt ihnen manches nicht; da finden sie diese Anthroposophie dilettantisch. Wenn diese Leute näher eingingen darauf, so würden sie allerdings finden, daß das Denken, das man zu der äußeren Wissenschaft braucht, die Logik, die man zu der äußeren Wissenschaft braucht, nicht nur in Anthroposophie auch vorhanden sein muß, sondern daß eine viel feinere, höhere Logik zum wirklichen Begreifen später, in den fortgeschrittenen Teilen von Anthroposophie, notwendig ist. Aber was von Anthroposophie gesagt werden muß, was aus den Forschungen über die geistige Welt aus Anthroposophie enthüllt werden muß, das ergreift nicht nur den Kopf des Menschen, nicht bloß das Denkverständnis, sondern es ergreift den ganzen Menschen, es ergreift den Menschen in seiner ganzen Seelenhaftigkeit: Alles Fühlen, alles Denken, alles Wollen, alle Innenimpulse werden davon ergriffen. Dadurch tritt allerdings, ich möchte sagen, der Mensch, indem er an Anthroposophie herantritt, in ein innigeres Verhältnis zu dem, was ihm an Erkenntnis überliefert wird, als etwa beim bloßen Universitätsstudium.

Nun darf ich vielleicht, um mich über diesen Punkt vollständig verständlich zu machen, anknüpfen daran, daß ja Anthroposophie nur eben im Sinne der menschlichen Entwickelung für die heutige Zeit als Ergänzung der Naturwissenschaft Wichtigkeit hat, daß sie auftritt eben im Sinne des heutigen Zeitgeistes, daß aber dasjenige, was durch Anthroposophie angestrebt wird, was der Mensch erreichen will an Erkenntnissen, daß es in der Art, wie es für frühere Zeitalter dienlich war, wie es den Bedürfnissen und Interessen früherer Zeitalter entsprochen hat, eigentlich immer da war. Aber man hat andere Ansichten gehabt über den Betrieb, über die Erarbeitung der entsprechenden Erkenntnisse. Man muß sprechen, wenn man in ältere Zeiten zurückblickt nach den analogen Dingen, die heute der Anthroposophie entsprechen, von Mysterien, man muß sogar sprechen von Geheimgesellschaften, in denen im Laufe der Menschheitsentwickelung getrieben worden ist, was heute in einer ganz anderen Form eben, die der Gegenwart entspricht, in Anthroposophie getrieben werden muß. Diejenigen, die in früheren Zeiten solche Forschungen getrieben haben, solche Veranstaltungen gepflegt haben, durch welche die höheren Erkenntnisse der geistigen Welt an den Menschen herangetreten sind, die hatten über diesen Betrieb die Ansicht, daß man sich gerade mit diesem Betrieb abschließen muß in einem Kreise von Menschen, der sehr gut für solchen Betrieb vorbereitet ist, bei dem man sich vergewissert hat, daß er wirklich diejenige Gesinnung und auch diejenige Erkenntnisvorbereitung, Charaktervorbereitung hat, die notwendig ist, um etwas zu empfangen, was den ganzen Menschen in seiner ganzen Seele ergreift. Und so hat man das Wissen streng geheimgehalten, das man in solchen Mysterien, in solchen Geheimgesellschaften gepflegt hat. Man kann heute noch einsehen, daß außer Nebenrücksichten, die ja auch gegolten haben, über die ich mich nicht zu verbreiten brauche, gute Gründe vorhanden waren, um dieses höhere Wissen vor den allgemeinen Blikken, möchte man sagen, vor der Entweihung durch die Allgemeinheit zu beschützen. Es haben gute Gründe vorgelegen. Und mehr im Hinblick auf die heutige Erarbeitung der Geisteswissenschaft möchte ich etwas von diesen Gründen andeuten.

Tritt man nämlich ein in der Weise, wie es gestern geschildert wurde, aus der sinnlichen in die geistige Welt, so hat man es vor allen Dingen damit zu tun, daß man ein gewisses Grenzgebiet zu überschreiten hat. Man kann sich dabei ganz gut eines Ausdruckes bedienen, dessen sich viele, die von solchen Sachen etwas verstanden, bedient haben: Man hat zu überschreiten die Schwelle, wie man immer sagte, nach der geistigen Welt. Dieser Ausdruck bedeutet etwas. Es ist nicht ein bloß bildlicher Ausdruck. Er bedeutet insoferne etwas, als die Wissenschaft des Geistigen, die Erkenntnis des Geistigen, wenn sie wirklich im Ernste an den Menschen herantritt und der Mensch sich im Ernst mit ihr verbindet, Begriffe, Ideen, Vorstellungen, Anschauungen in den Menschen hereinbringt, die nun wirklich ganz anders sind als die Vorstellungen, die Anschauungen, die man über die äußere Sinneswelt hat. Man kann schon sagen: Derjenige, der so recht versessen ist, nur das zunächst gewohnheitsmäßig gelten zu lassen, was in bezug auf die äußere Sinneswelt die Wahrheit ist, der wird finden, daß, wenn Wahrheiten aus der geistigen Welt mitgeteilt werden, diese zunächst paradox klingen; sie klingen so verschieden von den Wahrheiten über die Sinneswelt, daß sie paradox, daß sie, wie mancher mit einem landläufigen Ausdruck sagen wird, phantastisch, verworren, ja vielleicht verrückt erscheinen könnten. Das rührt eben davon her, daß man ganz fehlgeht, wenn man glaubt, die geistige Welt, die unserer sinnlichen zugrunde liegt, sei nur so eine Art Fortsetzung dieser Sinneswelt; sie nehme sich im Grunde genommen geradeso aus, nur sei sie etwas nebuloser, etwas nebelhafter, etwas feiner, etwas dünner als die Sinneswelt.

Nein, man muß sich schon damit bekannt machen, daß man Neues, in der Sinneswelt Unerhörtes, für die Sinneswelt Paradoxes als Wahrheit erfahren muß, wenn man sich einlassen will in die wirkliche geistige Welt. Daher hat das Sich-Einlassen in die wirkliche geistige Welt nicht nur etwas Frappierendes, sondern es ruft bei dem Menschen oftmals Gefühle hervor, welche, namentlich wenn er eben an der Grenze zwischen sinnlicher und geistiger Welt steht, der Furcht, der Scheu ähnlich sind, die immer vorhanden sind, wenn der Mensch in ein unbekanntes Gebiet eintritt. Denn für denjenigen, der seine Erfahrungen nur in der sinnlichen Welt gemacht hat, ist die geistige Welt ein unbekanntes Gebiet. Und so geschieht es, daß an der Schwelle zur geistigen Welt für die menschlichen Auffassungen zweierlei ineinanderfließen kann: Auf der einen Seite steht das, was man noch als Wahrheit anerkennen muß in bezug auf die sinnliche Welt, was man da als die Tatsachenfolge, als den gesetzlichen Verlauf anerkennen muß; dann aber schlägt einem gleichsam von der anderen Seite der Welt, von der geistigen Seite, etwas entgegen, was anderen Gesetzen unterworfen ist, was in ganz anderer Weise verläuft, was einen paradoxen Eindruck macht. Das kann zunächst ineinanderschlagen.

Dadurch aber kommt das Denken, dadurch kommt das Seelenauffassen in eine Lage, die hohe Ansprüche stellt an den gesunden Menschenverstand, die hohe Ansprüche stellt an eine gesunde Beurteilungsfähigkeit der ganzen Sachlage. Man muß gut vorbereitet sein im gesunden Menschenverstand, gut vorbereitet sein in Urteilsfähigkeit, wenn man an dem Grenzgebiet unterscheiden will Illusion, Phantasterei von geistiger Wirklichkeit. Wer die gestern und heute von mir genannten Bücher wirklich studiert, der wird sehen, daß dasjenige, was da als Methode mitgeteilt wird, um in die geistige Welt hineinzudringen, durchaus so gehalten ist, daß der Mensch in entsprechender Weise die Gesundheit seiner Sinne, seines Verstandes, seiner Vernunft nicht etwa in irgendeiner Weise beeinträchtigt oder herablähmt, sondern sie im Gegenteil erhöht, fördert. Alles, was nebuloses Mystizieren ist, alles, was verbunden ist mit einem traumhaften, hypnotisierten Hineindringen in die geistige Welt, ist das gerade Gegenteil von dem, was gesunde Geistesforschung anstrebt.

Das hindert allerdings nicht, daß immer wieder und wiederum übelwollende Leute - es sind eben nur übelwollende Leute - kommen und erklären: Geisteswissenschaftliche Methode hypnotisiere die Menschen, suggeriere ihnen allerlei Dinge -, während nichts so entschieden dazu beitragen kann, den Menschen zu bewahren vor allen hypnotischen Einschlägen, vor aller Suggestion, vor allem unerlaubten Einfluß eines Menschen auf den anderen, als das, was die wahren geisteswissenschaftlichen Methoden, die den Menschen frei machen, die den Menschen auf sich selbst stellen, ihm geben können. Immer wieder und wiederum wird in der geisteswissenschaftlichen Methode so gearbeitet, daß darin der folgende Grundsatz, das folgende Prinzip ist:

Ich habe in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» darauf hingewiesen, daß man sagen kann: So wie der Mensch aus dem Schlafe, in dem er nur ein ganz dumpfes Bewußtsein hat, aufwacht zu dem gewöhnlichen Wachbewußtsein, so kann er aufwachen aus diesem gewöhnlichen Bewußtsein, in dem er im gewöhnlichen Leben sich befindet, zu dem geistigen Schauen. Es ist wie ein Aufwachen in eine geistige Welt hinein, was man sich erwirbt durch die geisteswissenschaftliche Methode. Aber so, wie das gewöhnliche Leben des Tages niemals gesund sein kann, wenn man nicht Vorkehrungen trifft, daß der Schlaf ein gesunder ist, so kann das Eintreten in die geistige Welt nicht gesund sein, wenn man nicht erst ein gesundes, auf dem Boden echter Wirklichkeit, praktischer Lebensweisheit stehendes Alltagsleben entwickeln kann, wenn man sich nicht erst so in Zucht genommen hat, daß man auf dem äußeren Lebensgebiet ein Mensch ist, der der Wirklichkeit gewachsen ist. Das Aufwachen zum Schauen kann nur aus einem gesunden Tagesleben heraus erfolgen, so wie das Aufwachen zum gesunden Tagesleben nur aus dem gesunden, nicht aus dem krankheitsgestörten Schlaf hervorgehen kann. Alles, was irgendwelche Vorkehrungen im gewöhnlichen Leben sind, durch die der Mensch sich diesem Leben entfremdet, durch die er der Wirklichkeit fremd wird, alles, was die Menschen so sehr suchen aus Torheit heraus, aus Vorurteilen heraus, in einer falschen Askese, in einer falschen Abkehrung vom Leben, in einem mystischen Halbdunkel oder auch wohl mystischen Ganzdunkel, alles das muß Geisteswissenschaft aus ihren Veranstaltungen verbannen. Gerade das richtige Drinnenstehen im Leben, das Auge-in-Auge-Gegenüberstehen der praktischen Wirklichkeit, das ist die beste Vorbereitung, um in die geistige Welt einzutreten.

Dann aber, wenn man sich einen gesunden Sinn für die äußere Wirklichkeit erworben hat, wenn man in dieser äußeren Wirklichkeit kein Träumer, kein Phantast ist, kein für das Leben unbrauchbarer Mensch, wenn man, mit anderen Worten, gesunden Menschenverstand und gesunde Urteilskraft entwickelt hat, dann kann man auch an den Grenzgebieten zwischen sinnlicher und geistiger Welt, da, wo die Schwelle ist zwischen den beiden Welten, Illusionen von Wirklichkeit unterscheiden. Daher hat man sich in früheren Zeiten, auf die ich eben hingedeutet habe, streng davon überzeugt, ob Menschen, die sich solchen, nach einem höheren Wissen strebenden Vereinigungen anschlossen, ob sie vorher wirklich in der Art vorbereitet waren, daß sie den stärkeren Kampf, den der gesunde Menschenverstand aufzunehmen hatte an der Grenzschwelle zwischen sinnlicher und geistiger Welt, wirklich bestehen konnten. Denn wer diesen gesunden Menschenverstand nicht hat, der wird gerade von dem scheinbar Paradoxen, von dem, was ihm ganz anders entgegentritt als alles, was in der Sinneswelt ist, er wird davon beirrt, abgestoßen; er läßt das Ganze bald liegen, wie man eine glühende Kohle liegen läßt, wenn man sich daran verbrannt hat, und er fühlt sich enttäuscht und wird vielleicht, während er gesucht hat, in die geistige Welt hineinzukommen, immer mehr und mehr ein Gegner alles geistigen Strebens. Ihrer Menschen wollten diese älteren Vereinigungen sicher sein.

Solche Vereinigungen haben bis in unsere Zeit hinein ihre Arbeit forterstreckt; es gibt solche noch. Anthroposophie gehört nicht zu ihnen; Anthroposophie rechnet damit, daß in der neueren Zeit in einem ganz anderen Umfange, als das in früheren Zeitaltern der Fall war, alles, was an den Menschen herantritt, der Öffentlichkeit unterliegen muß. Wir hören doch mit einem gewissen Recht, daß man danach strebt, sogar die Geheimdiplomatie durch eine öffentliche zu ersetzen. Der Geist der Zeit geht nach Öffentlichkeit. Gerade mit diesem Geist der Zeit lebt aber Anthroposophie. Und nur insoferne, als, ich möchte sagen, aus den früher erörterten Gründen, weil gewisse Vorbereitungen notwendig sind, wenn man Späteres begreifen will, nur aus solchen Voraussetzungen heraus hat manches noch den Schein der alten Einrichtungen, strebt aber doch, vollständig, restlos sich in die Öffentlichkeit hineinzustellen. Denn nur das kann Anthroposophie zu einem Glied, zu einem Element des modernen Geisteslebens machen, wozu es kommen muß, wenn sich Anthroposophie also in die Öffentlichkeit hineinstellt.

Nicht nur das aber ist eine Eigentümlichkeit der Anthroposophie, was ich eben angedeutet habe, sondern dieses innere Seelenerleben selber, dasjenige, was einen befähigt, in der geistigen Welt so zu schauen, wie man mit den physischen Sinnen in der physischen Welt schaut. Das erfordert, daß man sich überhaupt zu Begriffen, zu Anschauungen, zu Vorstellungen, zu all dem, was die Seele ausfüllt, etwas anders verhalten könne, als man sich gegenüber der äußeren Wirklichkeit verhält. Und auch auf diesem Gebiete hat die Naturwissenschaft Begriffsgebilde erzeugt, welche in dieser Art, wie sie durch die Naturwissenschaft auch populär geworden sind, in der Geisteswissenschaft unbrauchbar sind. Sie sind unbrauchbar, weil der Geistesforscher sehr bald auf folgendes kommt: Ein Begriff, eine Idee, eine Vorstellung ist eigentlich, sobald man an die geistigen Tatsachen und geistigen Wesenheiten herantritt, niemals anders als ein Abbild, eine Fotografie, die man in der physischen Welt, sagen wir, von einem Baum macht. Wenn man ein Abbild eines Baumes von einer Seite nimmt und ein Abbild von einer anderen Seite, ein Abbild von der dritten Seite — diese Abbilder sehen alle verschieden aus. Sie sind alle von ein und demselben Baume, sie sehen aber alle verschieden aus. Und nur dadurch, daß man von den verschiedensten Seiten her diese Abbildungen nimmt, kann man, indem man sie zusammenhält, gerade eine Vorstellung, ein Erleben der Wirklichkeit gewinnen. Das liebt man aber heute nicht. Man liebt heute eingeschränkte Begriffe. Man liebt: Wenn man einen Begriff hat, so «hat» man ihn eben! Dann will man bei ihm bleiben. Das kann Geisteswissenschaft nicht. Geisteswissenschaft schildert die Sache von den verschiedensten Seiten her; sie schildert einmal von der einen Seite und weiß, daß sie damit nur ein einseitiges Bild, gewissermaßen eine Fotografie von einem gewissen Gesichtspunkte aus gibt; sie schildert dann von einer anderen Seite, schildert von einer dritten Seite, von einem dritten Gesichtspunkte aus.

Ja, was noch mehr frappiert, das ist das Folgende. Man muß, wenn man wirklich Geisteswissenschafter werden will, sehr durchdrungen sein von dem so schön von Goethe angedeuteten Satze: Zwischen zwei entgegengesetzten Meinungen liegt das Problem mitten inne. - Man muß nicht nur kennen, wenn man die Wahrheit über ein geistiges Wesen oder eine geistige Tatsache wissen will, was sich für sie sagen läßt, sondern auch, was sich gegen sie sagen läßt.

Diejenigen der verehrten Anwesenden, die öfter Vorträge von mir gehört haben, werden wissen, daß es aus der geisteswissenschaftlichen Gesinnung heraus meine Gewohnheit ist, wenn dies oder jenes gerade in Frage kommt, nicht nur zu sagen, was für eine Sache spricht, sondern auch zu sagen, was gegen sie spricht. Und insbesondere in intimeren Vorträgen über höhere Gebiete der Anthroposophie pflege ich das immer zu tun. So daß derjenige, der meine Schriften durchgeht, in diesen Schriften nicht nur findet, womit man gewisse geistige Tatsachen, geistige Wesenheiten begründen kann, sondern auch, womit man die Dinge widerlegen kann. Nur dadurch erhält man ein wahrheitsgemäßes Erlebnis.

Das allerdings hat ja gerade auf diesem anthroposophischen Gebiete zu merkwürdigen Dingen geführt, zu Dingen, die man eigentlich nur auf diesem Gebiete unter den heutigen Zeitverhältnissen erleben kann. Gerade aus den Reihen der Anhänger sind Menschen, die sich in diese Reihe gestellt haben, die ihre Rechnung darinnen nicht gefunden haben, die nicht Arbeit in geisteswissenschaftlicher Beziehung gesucht haben, sondern persönliche Interessen. Sie sind abgefallen, sie wurden dann Gegner. Sie brauchten nur abzuschreiben, was in meinen Schriften selbst steht, was in meinen Vorträgen selbst vorkommt, dann konnten sie in der schönsten Weise Anthroposophie widerlegen. Gerade auf diesem Gebiet hat man die beste Gelegenheit, zu «widerlegen». Man braucht nämlich nicht einmal eigene Widerlegungen zu erfinden, man braucht nur die gebotenen Widerlegungen abzuschreiben! Das ist in der Tat in der neuesten Zeit im umfänglichsten Sinne geschehen. Wie überhaupt das, was als Gegnerschaft von solchen, die auch Anhänger waren, gegen Anthroposophie vielfach auftritt, merkwürdige Eigenschaften zeigt, gerade die Eigenschaft zeigt, daß es selten auf das Sachliche geht, sondern daß es immer auf das geht, was vom Sachlichen abführt, auf das Persönliche, und Formen annimmt - ich sage das nur wie in Parenthese —, gegenüber denen das Widerlegen eigentlich eine ziemlich überflüssige Sache aus dem Grunde ist, weil diejenigen, die die Dinge vorbringen, selbst am besten wissen, daß sie Dinge sagen, die nicht wahr sind.

Dies aber, was ich eben angedeutet habe, ist eine durchgreifende Eigentümlichkeit anthroposophischer Forschung: die Dinge von den verschiedensten Seiten her zu beleuchten. Dadurch allein erwirbt man sich jene innere Disziplinierung der Seele, die notwendig ist, wenn man nicht bloß in abstrakten Begriffen leben, sondern sich mit geistigen Wirklichkeiten verbinden will. In dieser Beziehung ist eine innere Disziplinierung der Seele notwendig, von der derjenige gar keine Vorstellung hat, welcher sich nur an der äußeren Natur mit Naturwissenschaft allein heranbildet. Er hat deshalb keine Vorstellung, weil er denkt, er könne gewisse Begriffe, gewisse Vorstellungen, die an der äußeren Natur gewonnen sind, einfach übertragen auf das geistige Gebiet; denn sie gelten ihm für allgemein gültig. Das kann man aber nicht.

Ich möchte mich durch folgendes verdeutlichen. Allerdings beginnen damit gleich die paradoxen Begriffe, aber «paradox» nur in bezug auf manches, was als Vorurteil der Gegenwart, wenn auch stark geglaubt, herrscht. Ich gedenke zum Beispiel eines Vortrags, der im Anfange dieses Jahrhunderts von Professor Dewar in London gehalten worden ist. Der Professor Dewar hat in einer ähnlichen Weise, wie es die Geologen machen, wie es die Geognosten machen für den Anfang des Erdenwerdens, versucht, Vorstellungen zu bilden aus der Physik, aus der Chemie heraus über das mögliche Erdenende. Diese Vorstellungen sind durchaus im Sinne echter Naturwissenschaft gehalten, außerordentlich geistvoll. Wenn man verfolgt, wie die Erde sich nach und nach abkühlt, wie sich mit der Abkühlung der Erde die Verhältnisse der einzelnen Stoffe auf der Erde ändern, kommt man da zu gewissen Einsichten, die gültig sind für die Grenze, innerhalb welcher man beobachtet. Dann dehnt man sie aus, dann sagt man: Wie wird das alles sein, wenn Jahrmillionen vergangen sind? - Nun, man kann ein recht geistreicher Physiker, recht geistreicher Chemiker sein, da bekommt man die Vorstellung: Es ist so kalt, ja, so kalt, daß eigentlich kein Mensch mehr mit seiner jetzigen Konstitution auf der Erde leben kann; aber dennoch, man rechnet das aus als einen Erdenzustand; man rechnet, wie dann, sagen wir, zum Beispiel die Milch aussieht. Die Milch wird dann fest sein, sie kann nicht flüssig sein zu der Zeit, sie wird eine ganz andere Farbe haben. Man kann gewisse Stoffe, wie etwa Eiweiß, finden, mit denen man dann die Wände bestreicht, so daß die Wände leuchtend werden, daß man dabei Zeitungen lesen kann. Dies alles hat der Professor aus Physik und Chemie als eine schöne Vorstellung herausgezogen. Aber derjenige, der auf Grundlage geisteswissenschaftlicher Methoden sich geschult hat, der muß sich durch innere Seelendisziplin solche Vorstellungen versagen, der kann zu ihnen nicht kommen. Denn wie werden sie denn eigentlich gewonnen?

Nun, jetzt komme ich eben auf das, was paradox gegenüber den gangbaren Vorstellungen ist: Wenn man beobachtet, wie bei einem Kinde sich die Lebensfunktionen, sagen wir, vom siebten, achten zum neunten Jahr hin ändern, so bekommt man ein entsprechendes Bild. Man kann dann weiterrechnen, wie unter diesem Einfluß der Änderung nun die Organe ausschauen müssen in 150 Jahren. Das ist genau dieselbe Methode, nach welcher der Professor Dewar den Endzustand der Erde berechnete. Nur, wenn man sie auf den Menschen anwendet, so merkt man: Dieser Organismus ist nicht mehr da in 150 Jahren! Und man bedenkt dann nicht, daß, was auf den Menschen nicht anwendbar ist, nicht anwendbar ist auf den großen Makrokosmos der Erde, und daß die Erde ebenso vorher stirbt, bevor der Zustand eintritt, den man auf sehr geistreiche Weise aus der Physik heraus errechnete. Ebenso könnte man errechnen aus den Veränderungen vom siebten bis neunten Jahre, wie das Kind vor 180 Jahren war — aber es war noch nicht da! Für die Erde machen das die Geologen; sie rechnen aus, wie die Erde ausgesehen hat vor soundso viel Jahrmillionen. Aber - die Erde war damals noch nicht geboren.

Das klingt paradox, und man muß als Geistesforscher in die heutige Zeit Begriffe hineinwerfen, die schon paradox klingen, die vielleicht schon von manchem als verrückt angesehen werden. Aber was geisteswissenschaftlich erfahren wird, ist eben etwas, was Seelendisziplinierung geben kann. Und um sich hineinleben zu können in das Geistige, gehört eben eine Seelendisziplin, die sich auch gewisse Begriffe versagen kann, die nicht eine Kalkulation nach demselben Muster macht, nach dem man sich richten würde, wenn man sagen würde: Der Mensch, der heute vor mir steht, der war als der nämliche Mensch vor 200 Jahren vorhanden. - Die Kalkulierung würde ganz nach demselben Muster sein.

Ich weiß sehr gut, wie paradox das ist, was ich damit sage. Aber wenn man nicht auf solches Paradoxe hinweist, so kann man eben nicht aufmerksam machen auf dasjenige, was für manchen so bestürzend ist. Wenn man die Schwelle der geistigen Welt überschreitet, kann man nicht genug aufmerksam darauf machen, wie sehr der gesunde Menschenverstand wirken muß beim Übertritt aus der physischen in die geistige Welt. Eignet man sich aber eine solche Seelendisziplin an, kommt man dazu, in dieser Weise sich mit der Wirklichkeit zu verbinden, dann wird, weil solche Dinge den ganzen Menschen ergreifen, dasjenige, was die Seele davon hat, zu einer Errungenschaft der ganzen Seele; es wird Gesinnung, es wird Grundcharakter, es wird Wesenhaftiges der Seele.

Dann aber wird die Seele fähig, zu beurteilen, wie sich ihre Auffassung, wie dasjenige, was sie sich als Meinung, als Vorstellung, als Weltanschauung zu bilden hat, sich zu anderen Auffassungen, zu anderen Weltanschauungen verhält. Dann wird die Seele geneigt, zu begreifen, wie das Verhältnis ihrer eigenen Weltanschauung zu anderen Auffassungsweisen der Welt ist. Dann kommt man dazu, zu verfolgen, was an anderen Gedanken- und Empfindungs- und Erlebnisströmungen vorhanden ist, um es vor allen Dingen nicht bloß kritisieren zu wollen, sondern sich hineinleben zu wollen. Solch ein Verhalten, das dehnt sich dann aus als eine Beurteilungsmöglichkeit allen geschichtlichen und allen zeitgenössischen Werdens in bezug auf das menschliche Geistesleben.

Und nur wenn man die Gesinnung, dieses Wesenhafte in der Menschenseele, ergreift aus den tiefsten Impulsen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft heraus, kann man das Verhältnis dieser Geisteswissenschaft zu den religiösen Bekenntnissen beurteilen. Diese religiösen Bekenntnisse werden vor allen Dingen von Anthroposophie zu verstehen gesucht. Es wird versucht, sich in sie einzuleben nicht mit kritischem Geiste, sondern so, daß man sie nimmt, wie sie sich darleben, um ihre Lebensberechtigung, ihren Daseinswert zu verstehen. Daher kommt Anthroposophie dazu, auch dem gegenüber, was vergangene Geistesströmungen sind, in ganz anderem Sinne ein gerechtes Urteil fällen zu können, als andere Gedankenrichtungen oftmals fällen.

Nehmen wir zunächst auf einem mehr abstrakten Gebiete im Mittelalter das, was man die Philosophie des 'Thomismus nennt, oder nehmen wir in Griechenland die Philosophie des Aristoteles. Derjenige, der heute nach dem Muster der landläufigen Begriffe Philosoph ist, Wissenschafter überhaupt ist, der sagt: Nun ja, der Aristoteles ist ein alter abgetaner Mensch; die Thomistik, die Philosophie des Thomas von Aquino, die gehört dem Mittelalter an. - Anthroposophie weiß, daß aus den Bedingungen und Impulsen des heutigen Zeitgeistes etwas Besonderes hervorgehen muß; sie will nicht, was für eine frühere Epoche das Richtige war, in die heutige Epoche hereinsetzen. Aber sie versteht aus den Bedingungen jener Epochen heraus dasjenige, was nur jene Epochen gewähren konnten. Und sie versteht das nicht bloß äußerlich, sie versteht es innerlich wesenhaft; sie versteht es so wesenhaft, daß sie sich sagt: In der thomistischen Philosophie, die im wesentlichen eine Dienerin, eine Gefährtin des damaligen Christentums war, liegt etwas vor, was nur aus dem Geiste jener Zeit hervorgehen konnte. Man muß, wenn man tüchtig werden will, hineinfinden in das, was nur aus dem Geiste jener Zeit, nicht aus dem Geiste unserer Zeit hervorgehen kann. Anthroposophie betrachtet es daher nicht als ein bloß historisches Studium, sich einzulassen auf den Thomismus, sondern sie betrachtet das, was man durch den Thomismus bekommt, als etwas, das man nur durch ihn bekommen kann. Das ist sehr wichtig. Denn das bringt nicht jene verwaschene, nebulose Toleranz hervor, von der man heute so vielfach spricht, sondern es bringt jene innere, verständnisvolle Toleranz hervor, welche zwar ganz auf dem Boden der Entwickelung steht, aber dasjenige, was sich einmal entwickelt hat, nicht als etwas Abgetanes betrachtet, sondern es gelten läßt an seiner Stelle, es auch in seiner sich fortentwickelnden Wirklichkeit gelten läßt. Manche Dinge müssen in der Natur, manche Dinge müssen im geistigen Leben sich so entwickeln wie Pflanzen, die nur ein einjähriges Dasein haben: Sie entwickeln dieses einjährige Dasein, entwickeln dann ein anderes einjähriges Dasein. Andere Pflanzen aber entwickeln fort von einem Jahr in das andere hinein, was als Holz da ist; sie sind Dauerpflanzen. So auch ist es in der geistigen Kultur. Manches muß in der geistigen Kultur weiterlaufen, muß in der späteren Zeit aufgegriffen werden von denen, die sich wirklich solidarisch fühlen wollen mit der Gesamtentwickelung der Menschheit. So aber kann man auch eine Vorstellung bekommen von dem Verhältnis der Anthroposophie zu den religiösen Bekenntnissen, zu diesen religiösen Bekenntnissen, welche glauben, aber nur aus Mißverständnis heraus glauben, daß Anthroposophie ihnen entgegentrete, dem religiösen Leben überhaupt entgegentrete als irgend etwas, was eine andere Religion sei.

Nein, so ist es nicht. Anthroposophie weiß nämlich ganz gut, daß sie niemals eine Religion werden kann, weil sie im konkreten Werdegang die Zeitentwickelung versteht, weil sie weiß, daß ebensowenig, wie man mit 60 Jahren wieder ein Kind werden kann, ebensowenig die Menschheit in dem Zeitalter, in dem sie jetzt ist und in dem sie in der Zukunft sein wird, Religionen aus sich heraus wird bilden können. Zum Bilden von Religionen gehörten andere Zeitalter. Neue Religionen entstehen nicht mehr. Daher ist Anthroposophie gerade geeignet, den absoluten Wert, die absolute Beständigkeit der Religionsbekenntnisse zu durchschauen, die sich gebildet haben, in ihrem Zeitalter sich gebildet haben. Anthroposophie würde sich selber schlecht verstehen, wenn sie glauben würde, ein neues Religionsbekenntnis begründen zu können. Aber die Religionsbekenntnisse entstanden, weil Menschen, die noch nicht jene Impulse, jene Kräfte in sich hatten, die zur Anthroposophie hindrängen - was die Menschen der Gegenwart viel mehr haben, als sie glauben -, weil Menschen, die das noch nicht hatten, Kundgebungen, Eindrücke aus der geistigen Welt erhalten sollten, so entstanden die Religionen, die ihren Wert behalten, und die gerade verstanden werden können von der Anthroposophie, die nun auch auf ihre Art in die geistige Welt sich hinaufarbeitet.

So kommt es, daß, richtig verstanden, Religion und Anthroposophie sich begegnen können. Anthroposophie arbeitet vom Menschen aus, durch Entwickelung von menschlichen Kräften, in den Geist hinein, in jenes Gebiet, in das die Religion ihre Offenbarungen hineinstellt. Kann man eigentlich ein so wenig religiöser Mensch sein, daß man glauben kann, man habe die Religion als eine Wahrheit aus göttlichen Höhen empfangen und man müsse für sie fürchten, wenn der Mensch sich nun bemüht, mit den Kräften, die ihm doch jedenfalls auch im religiösen Sinne von der Gottheit kommen müssen, sich hinaufzuarbeiten zur Wahrheit der geistigen Welt? Scheint es nicht von vornherein nur in wirklichem Sinne religiös zu sein, keine Furcht zu haben, wenn man weiß, man hat in der Religion Offenbarungen der Wahrheit, keine Furcht zu haben, daß die Wahrheit schon übereinstimmen wird mit derjenigen Wahrheit, die der Mensch selber mit seinen geistgegebenen, geistgeschenkten Kräften findet?

Das ist es, was man im tiefsten Sinne bedenken sollte, wenn man recht beurteilen will das Verhältnis von Religion und Anthroposophie. In älteren Zeiten war der Mensch nicht so veranlagt, nicht so geartet, daß er neben dem religiösen Weg in die geistige Welt hinauf noch einen anderen Weg brauchte. Geradeso, wie der Mensch des Mittelalters das kopernikanische Weltanschauungssystem nicht brauchte, brauchte er keine Anthroposophie. Heute braucht er sie, weil die Menschheit in Entwickelung ist. Aber was einmal der Menschheit gegeben ist, was aus gewissen Kräften, die nur in gewissen Zeitaltern vorhanden waren, in die Menschheit eintrat, das behält seinen Wert.

In dieser Beziehung herrscht allerdings ein völliger Gegensatz gerade zwischen Anthroposophie und der modernen Geistesströmung, die ich vorhin als die naturwissenschaftliche bezeichnet habe, von der ich ja sagen mußte: Sie verdankt ihre glänzendsten Resultate, ihren Wert, gerade dem Umstande, daß ihre Methoden nicht geeignet sind, zum Geistigen zu führen. - Was hat man aber gesehen gerade auf naturwissenschaftlichem Gebiet? Gewisse naturwissenschaftlich denkende Menschen haben sich gefunden, welche, ich möchte sagen, sich haben überfluten lassen von dem tiefen suggestiven Eindruck, den die glänzenden naturwissenschaftlichen Methoden für die äußere Natur geben, und ein Bekenntnis darauf aufgebaut haben. Sehen wir denn nicht, wie ein glänzend naturwissenschaftlich denkender Mann, David Friedrich Strauß, aus der Naturwissenschaft selber eine Religion hat zimmern wollen? Sehen wir nicht, wie selbst Eduard von Hartmann von einer «Selbstzerrüttung des Christentums» spricht und eine Religion der Zukunft begründen will, rein aus der Vernunft, rein aus der Vernunft der Philosophie heraus?

Zu solchen Irrtümern konnte Anthroposophie nicht kommen, weil ganz andere Kräfte zur Anthroposophie führen und weil sie den Versuch, eine Religion zu begründen, gleichbedeutend mit dem halten würde, daß man in einem bestimmten Alter, sagen wir mit 50 Jahren, dasselbe tun wollte, was ein Kind tut. Wobei durchaus bei dem, was das Kind tut, nichts wertloser zu sein braucht als das, was der alte Mensch tut. Anthroposophie weiß, daß die Zeit des Bildens von Religionen vorbei ist. Daher wird sie gerade ihre Kräfte dazu verwenden, die Religionen zu verstehen, tiefer und tiefer den Menschen in das Verständnis der Religionen hineinzuführen.

Nun muß man sagen: So, wie die Seele anthroposophisch in die geistige Welt hineinstrebt von ihren eigenen Kräften aus, namentlich von den Erkenntniskräften — aber nicht bloß von den Erkenntniskräften des Kopfes, sondern von den Erkenntniskräften der ganzen Seele aus —, so strebten die Religionen nicht hinein. Sie strebten so hinein, daß man sagen kann: Während Anthroposophie vom Menschen ausgeht und hinaufstrebt in die geisuge Welt, gingen die Religionen davon aus, dasjenige entgegenzunehmen, was ihnen wie durch gnadenvolle Offenbarung geworden ist. Das aber wirkt anders in der menschlichen Seele; das erfüllt die menschliche Seele anders als das, was aus den eigenen Kräften heraus geschaffen wird. Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ist eine Wissenschaft. Dasjenige aber, was da wirkt als Glaubenswahrheit, das ergreift die Seele noch anders als eine Erkenntniswahrheit, wie es auch die anthroposophische sein muß. Man kann nicht die Anthroposophie unmittelbar zu einer Religion machen. Aber aus wirklich verstandener Anthroposophie wird auch ein wirklich echtes, wahres, ungeheucheltes religiöses Bedürfnis entstehen. Denn die menschliche Seele ist nicht etwas Einförmiges, sondern die menschliche Seele ist etwas Vielförmiges. Die menschliche Seele braucht verschiedene Wege, um auf der Bahn zu ihrem Ziele heraufzusteigen. Die menschliche Seele braucht nicht nur den Weg durch die Erkenntniskräfte, die menschliche Seele braucht auch das Durchglüht- und Durchwärmtsein mit jener Art, sich zur geistigen Welt zu stellen, wie es in dem religiösen Bekenntnis, in wirklich religiösem Empfinden vorliegt.

Merkwürdig war immer eines. Ich habe im Laufe der Jahre viele Briefe hier aus der Schweiz erhalten, die immer einen ganz bestimmten Grundton hatten. In diesen Briefen stand etwa das Folgende: Ich kann ja ganz gut verstehen, was Sie mit ihrer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft wollen, ich kann auch das Berechtigte einsehen, auf diese Art in die geistige Welt hineinzukommen - nicht jeder schreibt so, doch es gibt solche, die dies schreiben -, aber ich vermisse eines bei dieser Geisteswissenschaft: Ich vermisse, daß sie auf so innerliche Weise, wie — und nun wird diese oder jene sektiererische Richtung angeführt - in die christlichen Erlebnisse hineinführt.

Ja, man will einen Mangel dieser Geisteswissenschaft, dieser Anthroposophie, ausdrücken auf diese Art. In meinen Augen ist der Ausdruck dieses Mangels immer der Ausdruck eines besonderen Vorzuges. Denn man verlangt von der Anthroposophie etwas, was sie durch ihr ganzes Wesen eben gerade nicht sein will. Sie will aber durch ihr ganzes Wesen dem anderen auch das Recht geben. Er nimmt es einem übel, wenn man ihm gerade einen anderen Weg noch offen läßt. Das ist das Eigentümliche. Und so nehmen es einem Pastoren, Pfarrer, heute übel, wenn man ihnen einen Weg offenläßt, auf dem Anthroposophie selber gar nicht gehen will. Da kommen Widerlegungen von jener Seite, die da sagen: Du sagst ja etwas ganz anderes über den Christus, als wir sagen — man sagt nichts anderes; man sagt nur etwas Ausführlicheres - ich kann jetzt nicht näher darauf eingehen, der Kürze der Zeit wegen -, also bist du nicht auf dem richtigen Weg; man muß dich widerlegen. - Ja, wenn die Sache aber so stünde, daß man eben gerade dasjenige sagt, was er nicht sagt, und ihm sein gutes Recht läßt, das zu sagen, was er wissen kann, was auf seinem Wege liegt. Er greift einen gerade um dessentwillen an, um dessentwillen man ihn so recht gelten lassen will, um dessentwillen man alles tut, damit er erst auf seinem Platze stehen könne. Es wird einem auf der einen Seite übelgenommen, daß man die Aufgabe des anderen nicht löst, weil man sie ihm überläßt. Würde man etwas anderes sagen, würde es einem auch übelgenommen. Und so tritt das Paradoxe auf, die ganz sonderbare Sache tritt auf, daß man mit dem widerlegt wird, was gerade der innerste Nerv ist, was gerade der andere als eine Wohltat empfinden müßte! Weil Anthroposophie nicht in das Urspezielle der Religionsbekenntnisse hineinreden will, weil sie diesen das Recht gibt, auf ihrer Stätte zu wirken von sich aus, deshalb sagt sie eben etwas anderes, was an dieser Stätte nicht gesagt wird. Sie tut das, was sie tut, um die Berechtigung der Religionsbekenntnisse darzutun. Sie kann offenbar nicht mehr tun, um die Religionsbekenntnisse auf ihrer Stätte gelten zu lassen. Und gerade deshalb wird sie angegriffen. Man verlangt von ihr, sie soll die Aufgabe der Religion übernehmen. Auf diesem Gebiete müßte eigentlich eine ganze Summe von klaren Vorstellungen an die Stelle von unklaren Vorstellungen treten.

Man kann sagen: Ein gewisser Anfang ist gemacht worden, ein ganz schöner Anfang, in dem vorzüglichen Werke, welches Ricarda Huch über «Luthers Glaube» geschrieben hat. Neben manchem anderen Ausgezeichneten, das man aus diesem Buche gewinnen kann, bekommt man daraus auch eine Vorstellung von dieser ganz anderen Färbung des Gemütsweges, den das religiöse Bekenntnis geht, als der Erkenntnisweg selber ist. Die Art der Glaubenswahrheit, das ist etwas, was aus jeder Seite dieses Buches neben anderem Vorzüglichen spricht. Nun allerdings, in unserer Gegenwart werden, gerade wenn tiefere Wahrheiten gesagt werden, diese in der Regel recht trivialisiert, denn ein jeder glaubt, er habe nicht viel nötig, um sich in die Tiefen dieser oder jener Sache einzulassen, er sei schon ein Fertiger. Ricarda Huch hat eigentlich ein schönes Wort gesprochen im Zusammenhang mit der Art und Weise, wie Nietzsche-Anhänger vor einigen Jahren überall entstanden sind, weil man das Zeug in sich zu haben glaubte, ein solcher zu sein, wie er von dem oder jenem geschildert wird. Man will sich nicht heraufranken, man will sich nicht hinaufringen, sondern man will vor allen Dingen, wenn einer einen Übermenschen schildert, ein Übermensch gleich sein! Und so sah man denn die «Übermenschen» herumlaufen, zahlreich herumlaufen überall: Die nicht einmal die Anlage zu einem respektablen Meerschweinchen hatten, sie liefen als «blonde Bestien» im Sinne Nietzsches herum.

Ein Weg, wie er von der Gegenwart gefordert wird, hinauf in die geistige Welt, der zu Hilfe kommt den Bestrebungen der religiösen Bekenntnisse, des religiösen Erlebens überhaupt, das ist Anthroposophie. Man beurteilt auch den äußeren Verlauf der Geschichte viel zu oberflächlich. Man denkt, in weiteren Kreisen habe die Religion nicht mehr jenen Einfluß, den sie in früheren Zeiten gehabt habe, da müsse man die Religion, so wie sie nun einmal war in alten Zeiten, wiederum hintragen. Man glaubt, auch der Religion einen Gefallen zu tun, wenn man das, was man für ihre Gegner hält, bekämpft. Man geht nicht auf das Tiefe ein. Wenn man auf die wirklich tieferen Gründe eingeht und studiert, warum zum Beispiel - im Jahre 1873 wurde es konstatiert - nur ein Drittel der Bevölkerung von Frankreich, Land- und Stadtbevölkerung zusammengenommen, im kirchlichen Sinne gläubig war, nur ein Drittel, zwei Drittel ungläubig; wenn man die Sache streng nähme, wenn man diese Dinge studierte, so würde man sich sagen: Nicht aus diesen oberflächlichen Gründen, sondern aus tiefen Seelenimpulsen heraus ist eine Interesselosigkeit nicht nur gegenüber den einzelnen Religionen, sondern gegenüber der geistigen Wirklichkeit überhaupt, eingetreten. Ein materialistisches Zeitalter ist heraufgezogen.

Nun weiß Anthroposophie über den Entwickelungsgang der Menschheit das Folgende: Während irgendeine Entwickelungsströmung abläuft, läuft im Untergrunde, mehr unsichtbar, unbemerkbar, eine andere ab. Während abläuft zum Beispiel die Tendenz zum Materialismus, zur Geistlosigkeit, zur Geistesleugnung, entwickelten sich in dem Unterbewußten — die Menschen wußten eben nichts davon -, entwickelten sich in den unterbewußten Untergründen der Menschenseelen Bedürfnisse, tiefe Interessen, einen Weg in die geistige Welt zu finden. Und so konnte der Mensch mit seinem Kopf ein David Friedrich Strauß sein, ein Gottes- und Geistleugner; und in seiner schlafenden Seele, in der Seele, von der er nichts wußte, entwickelten sich die Kräfte, die aber dann nur durch einen direkten Weg, einen direkten Erkenntnisweg, eben den anthroposophischen Weg, entwickelt werden können, nur wenn man den findet. Dann aber findet man auf diesem Umweg wiederum den Anschluß an das religiöse Bekenntnis, während man das religiöse Bekenntnis verläßt, wenn man sich bloß an die glänzenden Fortschritte der Naturwissenschaft hält.

Diejenigen wissenschaftlichen Richtungen, welche, ich möchte sagen, nur unter der Zucht der Naturwissenschaft sich entwickelt haben, wie haben sie sich denn eigentlich zur religiösen Entwickelung gestellt? Ganz anders als Anthroposophie. Anthroposophie sucht die religiösen Bekenntnisse zu verstehen. Weil religiöse Bekenntnisse vom Geist sprechen und Anthroposophie als ihre Forschungsergebnisse geistige Tatsachen und geistige Wesenheiten kennt, begegnet sie sich mit den religiösen Bekenntnissen. Andere Richtungen sprechen anders. Ich will das Beispiel des Psychologen Ebbinghaus anführen: Er untersucht, wie Religion entstanden ist; von seinem in Naturwissenschaft heranerzogenen Geist, von seiner Beurteilungsfähigkeit aus untersucht er, wie Religion entstanden ist. Nun, ich will in Kürze andeuten, was er sagt: Da haben die Menschen gefunden, in älteren Zeiten, in denen sie noch nicht das erleuchtete Denken der Gegenwart hatten, daß sie Gefahren ausgesetzt sind in der äußeren Welt von Regen, Gewittern und dergleichen; da haben sie gefunden, daß feindliche Mächte da sind. Sie haben sich dazu dämonische Geisteswesen erfunden, aus der Furcht heraus. Wiederum haben sie gefunden, daß sie jene Mächte anders nicht überwinden können, weil sie zu schwach sind. Aus der Not heraus haben sie sich Götter erfunden, die ihnen helfen sollen.

Nun, solche Dinge klingen recht schön, und derjenige Mensch, der an die heutigen landläufigen Vorstellungen gewöhnt ist, sieht diese Dinge so leicht ein. Aber man geht von einer ganz falschen Vorstellung aus, wenn man immer wieder und wieder sagt, der Naturmensch sei wie das Kind geneigt, Tischecken zu personifizieren, zu beseelen; wenn es sich daran stößt, so schlägt es die Tischecke. Es beseelt gar nicht die Tischecke, sondern es kennt noch nicht den Unterschied von Totem und Lebendigem, und aus einem inneren Triebe heraus schlägt es auf das Tote hin; es beseelt gar nichts. So beseelt auch der Naturmensch nichts, sondern er folgt seinen Trieben; und es ist nicht wahr, daß er immer das, was ihm feindlich oder abträglich entgegentritt, irgendwie durch Erfindung eines Dämons zu erklären sucht. Ich möchte einmal wissen: wenn ein nichtsnutziger Junge einem wilden Menschen irgendwie gefährlich wird, - ich glaube gar nicht, daß der gleich einen Dämon erfindet, mit dem er sich dann gegen den Jungen wehrt, sondern er haut ihn durch.

Diese Dinge nehmen sich wieder paradox aus. Aber sie können nur in der richtigen Weise beurteilt werden von der Geisteswissenschaft oder Anthroposophie. Geisteswissenschaft weiß die Tatsachen in der richtigen Weise zu erfassen, daß das Kind ja eigentlich noch gar nicht zur Religion veranlagt ist, ebensowenig wie es der wilde Mensch ist. Man sieht in der Religion etwas Kindliches. Gerade das Kind aber ist nicht veranlagt zur Religion, sondern es muß erst zur Religion erzogen werden oder heranerzogen werden. So ist auch im Laufe der Menschheitsentwickelung der Mensch heranerzogen worden. Ein Ausspruch von Ebbinghaus lautet so, daß er erstens sagt: Furcht und Not sind die Mütter der Religion. —- Dann sagt er: «Die Kirchen füllen sich und die Wallfahrten mehren sich in Kriegszeiten und bei verheerenden Epidemien.» Ich möchte wissen, ob die Kirchen auch bei denjenigen, die von vornherein ganz materialistisch geneigt sind, sich füllen bei Epidemien und bei Kriegszeiten. Nur bei denen füllen sie sich doch, die irgendwie etwas schon von religiöser Veranlagung haben. Das kommt aber nicht aus Furcht und Not, das kommt davon, weil der Mensch in seiner Seele das Geistige erlebt. In alter Zeit hat er es mehr instinktiv erlebt. Heute kann er es mehr bewußt erleben. Weil der Mensch sich nach und nach entwickelt zum Erleben des Geistigen, sieht er in dem, was sinnlich ist, ein Abbild des Geistigen.

Wenn man die Verbindung, die die Menschenseele mit der Umwelt hat, dann, wenn sie mit Geistorganen dem Geiste gegenübertritt, bezeichnen will, aber nur durch ein Analogon bezeichnen will, so kann man sagen: Es ist eine Art Mitgefühl. Das Mitgefühl kennt man vom moralischen Sinn aus; es ist eine Art Liebe. Das Verbundensein mit der geistigen Welt läßt sich vergleichen mit dem Gefühl der Liebe. Und so kann Anthroposophie sagen: Wenn auch primitive Religionen aus Not und Sorge heraus entstanden sind, sie haben sich erfüllt mit geistigen Inhalten, mit Begriffen und Vorstellungen und Ideen von der geistigen Welt, weil der Mensch in einer solchen lebt. Vollkommene Religionen, vor allen Dingen diejenige Religion, die die Synthese, der Zusammenschluß der übrigen Religionen ist, die hat sich nicht aus Furcht und Not herausentwickelt, die hat sich aus dem entwickelt, was man vergeistigte Liebe nennen kann, Zusammenwachsen mit der geistigen Welt. Nicht Furcht und Not, die Liebe erzeugt eigentlich die vollkommenen Religionsbekenntnisse.

So muß man sagen: Diejenigen, die sich nur von materialistisch-naturwissenschaftlichen Vorstellungen beherrschen lassen, verkennen das ganze Verhältnis zwischen Religion und Erkenntniswahrheit. Immer wieder und wiederum darf es wiederholt werden: Steht man fest auf dem Boden einer religiösen Wahrheit, dann darf man voraussetzen, wenn der Mensch von einer anderen Seite her sich der geistigen Welt nähert, daß Verständnis, ja sogar Unterstützung möglich ist. Und so wird man es immer mehr und mehr erleben - wenn auch die Menschen das heute nicht zugeben wollen -, daß, während sich unter dem Einflusse der menschlichen Impulse, die sich in der modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung ausleben, die Religionen geschwächt fühlten, die Religionsbekenntnisse sich gelähmt fühlten, sie gerade wiederum in ihrem Wert, in ihrer Würde, in ihrem Gewicht für die Menschheit werden erkannt werden, wenn der Mensch auf geisteswissenschaftlichem Wege dem Geiste sich zu nähern vermag. Freunde der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft sollten gerade die Religionsvertreter sein.

Sie werden es auch werden. Denn der Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft entsteht ja nicht aus gewissen religiösen Voraussetzungen heraus. Dieser Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft ist dadurch entstanden, daß im Grunde genommen die Vertreter der religiösen Bekenntnisse in älteren Zeiten zugleich mit die Wissenschaft vertreten haben. Man muß diese Tatsache durchaus anerkennen. Man braucht ja gar nicht zu weit in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit zurückzugehen und man wird finden: Jene, die die Vertreter der Religion waren, waren zugleich diejenigen, die die Menschen die weltlichen Wissenschaften gelehrt haben. Sie waren verbunden mit diesen weltlichen Wissenschaften. Erst im Laufe der Zeit haben sich die äußeren, nach der Naturwissenschaft gehenden Wissenschaften von dem Religiösen emanzipiert. Diese Emanzipation wirkt mit auf das geistige Weltgeschehen.

Es liegt nur in der menschlichen Natur, daß das Verständnis für solche Dinge nachhinkt. 1822 sind ja erst die Dekrete aufgehoben worden von der katholischen Kirche, welche die Lehre des Kopernikus, des Galilei verdammt haben. Von da ab ist es erst einem Katholiken erlaubt worden, an die kopernikanische Weltanschauung zu glauben. Vielleicht wird man Jahrhunderte brauchen, wenn es dazu kommen sollte, dem Katholiken zu verbieten, an wiederholte Erdenleben zu glauben, daß solch ein Dekret, solch eine Meinung aufgehoben wird. Aber kommen wird diese Aufhebung. Denn was wirklich menschliches religiöses Erleben ist, wird nicht in Konflikte geraten mit den wiederholten Erdenleben, ebensowenig wie mit der kopernikanischen Weltanschauung.

Immer wieder und wieder muß ich bei dieser Gelegenheit erinnern an jenen Priester, der zugleich Universitätsprofessor war und der, als er das Rektorat an der Universität Wien übernommen hat, als katholischer Priester in einer Rede über Galilei gesagt hat: Eine richtig verstandene Religion wird sich nicht auflehnen gegen naturwissenschaftlichen Fortschritt, sondern die religiöse Wahrheit wird im Gegenteil fest sich gestützt fühlen dadurch, daß sie sich sagen kann: Wenn die Astronomie hinausweist in die Weite der Sternenwelt und ihre Gesetze entdeckt, dann geschieht das auch aus der Herrlichkeit und aus der Kraft des göttlichen Wesens und des göttlichen Seins heraus. Ein Kopernikus hat nicht zur Untergrabung der Religion beigetragen, sondern durch seine Tätigkeit beigetragen zur Herrlichkeit der Offenbarung des göttlichen Wesens. —- Das sind ganz andere Priesterworte als diejenigen, die immer wieder und wiederum aus Mißverständnis heraus entstehen und die sich gegen dasjenige wenden, was eben in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit auftreten muß.

Ich habe schon darauf hingedeutet, wie merkwürdig es ist, daß verlangt wird, man soll nicht nur dasjenige über Christus Jesus zum Beispiel gelten lassen als Christentum, was der eine oder der andere Vertreter dieser oder jener Konfession sagt, sondern man soll etwas anderes nicht sagen. Der Anthroposophie kann ja wahrhaftig — das zeigt die Erfahrung — nicht vorgeworfen werden, daß sie irgendein religiöses Bekenntnis stört. Aber sie muß gerade über jenen wichtigen, wichtigsten Einschnitt in der Entwickelungsgeschichte des Erdendaseins, der bezeichnet wird durch den Christus Jesus, etwas erkennen, was für das ganze Weltall wahre Bedeutung hat. Sie weiß noch ganz andere Dinge zu sagen über den Christus-Impuls, als was bisher gesagt werden konnte. Man nimmt es ihr übel, daß sie noch mehr beitragen will zur Begründung und zum Verständnis des Christentums, als die offiziellen Vertreter beitragen. Man mache sich nur einmal klar, wie sonderbar solch ein Kampf eigentlich ist. Man mache sich nur einmal klar, wie wenig man den Aufgaben der Zeit gewachsen ist, wenn man so wenig verstehen will, daß Anthroposophie das wahrhafte religiöse Bekenntnis niemals stören kann, sondern nur vertiefen kann. Dann braucht man allerdings eine Gesinnung, wie sie der Bischof Ireland geäußert hat mit den Worten: Die Religion bedarf neuer Formen und Auffassungsweisen, um mit der Neuzeit Fühlung zu bekommen. Wir brauchen Apostel des Gedankens und der Tat.

Ja, es gibt auch innerhalb der religiösen Bekenntnisse diejenigen, welche die Zeichen der Zeit zu fühlen, zu empfinden vermögen. Die verlangen dann sogar, daß ihnen ein anderer Weg entgegenkomme. Denn sie verstehen, daß, wenn die Menschheit das Interesse an dem Geist verliert, dann ja auch das Interesse an dem Religiösen sich verlieren muß. Wenn aber die Menschheit in irgend etwas Interesse für das Geistige gewinnt in der Weise, wie es ihrer heutigen Entwickelung gemäß ist, dann müssen auch wiederum die religiösen Bekenntnisse zum richtigen Verständnis kommen. Daher kann man immer die Erfahrung machen: Während in der neueren Zeit vielfach durch die einseitig ausgebildete Naturwissenschaft die Menschen abgebracht worden sind von ihrem Erleben in diesem oder jenem Religionsbekenntnisse, werden sie wiederum zu ihm hingeführt dadurch, daß der Geist durchdrungen wird von anthroposophischer Geisteswissenschaft.

Würde man die Art wirklich ernsthaftig verstehen wollen, wie das Walten des Geistes in den einzelnen Religionsbekenntnissen von Anthroposophie verstanden werden kann, wie von ihr verstanden werden kann, daß aus diesen Bedingungen heraus das eine Religionsbekenntnis, daß aus jenen Bedingungen heraus das andere Religionsbekenntnis entstanden ist, wie sie mit ihren Mitteln den Wert der einzelnen Religionsbekenntnisse zu beurteilen vermag — man würde gerade von dieser Seite aus Anthroposophie niemals bekämpfen wollen.

Man bleibt heute gern bei Abstraktionen stehen. Man sagt, Anthroposophie wolle in allen Religionen den Wahrheitskern suchen, sie mache eigentlich dann alle Religionen gleich. Damit würde sie nicht eine wahre Entwickelungsgeschichte sein; damit würde sie gleichen dem, was man in der äußeren Wirklichkeit niemals unternehmen könnte, wenn man auf dem Tische hat Salz, Pfeffer, Zucker und man sagt: Das alles sind Speisezutaten, die sind alle dem Wesen nach ganz gleich —, nun, da nimmt man Pfeffer in den Kaffee statt Zucker. So ist es nicht; das ist eine äußere Beurteilung, wenn man sagt, Anthroposophie wolle den Wahrheitskern in allen Religionen ungefähr gleich anerkennen. Sondern sie sucht, wie eine Religion aus der anderen heraus sich entwickelt hat. Sie sucht zu begreifen, wie wesenhaft dasjenige Religionsbekenntnis, welches alle Menschen über die Erde hin in dem einen Geist zufrieden machen will, wie das die Synthese, der zusammenfassende Zusammenhang der verschiedenen, auf die einzelnen Völker verteilten Religionsbekenntnisse ist. Sie weiß mit Frobenius zu sprechen von ethnischen Religionen und von der Menschheitsreligion.

Ich müßte noch viel sprechen, wollte ich alles, was sich an Mißverständnis und Mißverständnis immer mehr und mehr aus Oberflächlichkeit, aus bösem Willen manchmal, manchmal auch aus gutem Willen anhäuft, um gerade von seiten der religiösen Bekenntnisse her Anthroposophie zu verdammen, zu bekämpfen; ich müßte viel anführen, wenn ich das alles in seiner Mißverständlichkeit aufweisen wollte. Das Verhältnis des religiösen Lebens zur Anthroposophie kann also nur dann klar werden, wenn man erfaßt, wie Anthroposophie den Menschen ergreift, wie Anthroposophie den Menschen erweckt für die geistige Welt und wie er dadurch gerade fähig wird, dasjenige wiederum zu empfinden, was er in Gemeinschaft, in der religiösen Gemeinschaft, erleben kann. Wird Anthroposophie von den Religionen bekämpft, dann muß sie sich wehren. Verfolgen Sie, wo Anthroposophie polemisch wird, Sie werden immer sehen: in der Abwehr. Aggressiv, angreifend wird Anthroposophie in den seltensten Fällen; nur da, wo durch etwas Mißverstandenes etwas da ist, was weggeschafft werden muß, als ein Mißverständnis weggeschafft werden muß. Sonst aber wird Anthroposophie nie aggressiv; sie wird es nur, wenn sie sich zu verteidigen hat. Sie hat sich allerdings sehr oft zu verteidigen: Dann etwa, wenn man, wie ich schon im Eingang meiner heutigen Ausführungen gesagt habe, immer wieder damit kommt, nicht auf das einzugehen, was Anthroposophie selber ist, was man in ihr finden kann, wenn man sich nicht ernsthaftig, ehrlich und aufrichtig mit ihr bekanntmacht, sondern wenn man eine Karikatur entwirft und dann sein eigenes karikiertes Bild bekämpft, womit man eigentlich wahrhaftig nicht den trifft, der seine anthroposophische Forschung aus seiner innersten Überzeugung heraus geltend macht!

Nicht durch Einzelheiten wollte ich das Verhältnis der Anthroposophie zu den religiösen Bekenntnissen auseinandersetzen, sondern aus dem ganzen, totalen Geist der anthroposophischen Weltanschauung heraus. Ich wollte zeigen, daß für den, der Anthroposophie versteht, keine Rede davon sein kann, daß irgendein religiöses Erleben durch diese Anthroposophie gestört werde. Auch in dieser Beziehung gilt, was ich schon gestern sagte: Ich möchte am liebsten diejenige Weltanschauung, die sich mir ergeben hat als die anthroposophische aus den Goetheschen gesunden Weltvorstellungen heraus, ich möchte sie am liebsten Goetheanismus nennen, und ich möchte, wenn es nur von mir abhinge, den Dornacher Bau am liebsten Goetheanum nennen.

Es führt alles, was man auf dem Boden der Anthroposophie finden kann, eigentlich immer dahin, sich sagen zu müssen: Du setzest nur fort, was dieser einzigartige Geist in die Menschheitsentwickelung hineingeworfen hat. Er ist in vieler Beziehung bei den elementaren Vorstellungen stehengeblieben. Aber nicht dann ist man im rechten Sinne ein Bekenner des Goetheanismus, Bekenner derjenigen Weltanschauung, die durch Goethe geworden ist, die Goethe erkraftet hat, wenn man historisch oder äußerlich biographisch das betrachtet, was Goethe selber hingeschrieben hat; sondern dann ist man im rechten Sinne ein Bekenner der Goetheschen Weltanschauung, wenn man lebendig sich in diese Weltanschauung hineinzuversetzen und weiter und weiter sie fortzusetzen vermag.

Goethe war ein Goetheaner bis zum Jahre 1832 hier in der physischen Welt. Er selber würde sich heute ganz anders aussprechen, als er sich in seiner Zeit ausgesprochen hat. Aber wenn etwas gesund ist, bleiben gewisse Grundimpulse, gewisse Grundkräfte, welche auch eine Weltanschauung von einer Epoche in die andere hinübertragen. Wenn, ich möchte sagen, in neuer Blüte und neuer Frucht das, was im Keime da war, wiederum aufgeht, dann darf es hinweisen auf diese Solidarität der ganzen Menschheitsentwickelung, ja, daß es gewisse Grundimpulse aufgreift. Und so darf ich auch schließen diese heutigen Betrachtungen damit, daß ich, ich möchte sagen, das Bekenntnis Goethes hierbei, das ja bekannt genug ist, das ich auch öfter ausgesprochen habe, an den Schluß stelle.

Goethe, anschauend, was Kunst, was Religion Menschen sein kann, was aber auch durch Wissenschaft aus dem Menschen gemacht wird, betrachtet den Menschen, der nicht eine Scheinwissenschaft, nicht eine falsche Religion, nicht eine falsche Kunst auf sich wirken läßt, sondern wahre Kunst, wahre Wissenschaft, wahre Religion, er betrachtet den Menschen und sagt sich dann das tief bedeutsame Wort:

Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,
Hat auch Religion.
Wer jene beiden nicht besitzt,
Der habe Religion.

Auf den Fall der Anthroposophie angewendet, darf ich vielleicht dieses Goethesche Wort im Sinne der heutigen Zeit so fortsetzen:

Wer Anthroposophie besitzt, Geisteswissenschaft, wie sie aus ihr erblüht, der hat auch Religion. Ich fürchte nur, daß diejenigen, die nicht Anthroposophie oder wenigstens ihren Geist und ihren Sinn besitzen wollen, in der Zukunft nicht mehr Religion haben werden.

German original of Anthroposophy Does Not Interfere with Anyone's Religious Beliefs · ← Previous · Next →