Freedom, Immortality and Social Life

GA 72 — 24 November 1917, Basel

Die Wissenschaft des Übersinnlichen und die Sittlich-Sozialen Ideen

Soll ich eine Grundeigenschaft des anthroposophisch orientierten geisteswissenschaftlichen Strebens bezeichnen, so möchte ich sagen: Eine solche Grundeigenschaft ist die, nach Ideen, nach Vorstellungen, nach Begriffen über die Welt zu streben, welche in einem viel tieferen Sinn in die Wirklichkeit eingesenkt sind oder auch, könnte ich sagen, von Wirklichkeit durchdrungen sind, als die Begriffe, Vorstellungen und Ideen, welche der naturwissenschaftlichen Weltanschauung der neueren Zeit mit Recht eigen sind. Das könnte gewiß zunächst sehr sonderbar erscheinen, da sehr viele Leute glauben, diese naturwissenschaftlichen Vorstellungen seien gerade diejenigen, die am intensivsten in der Wirklichkeit darinnenstehen. Allein, selbst wenn man absieht von dem, was im Laufe der in diesem Jahre gehaltenen drei geisteswissenschaftlichen Vorträge vorgebracht worden ist, und bloß auf das sieht, was einsichtige Naturwissenschafter selber vorgebracht haben in bezug auf das, was Naturwissenschaft über das Wesen dessen zu sagen weiß, was dem Naturgeschehen zugrunde liegt, so wird man zu der Einsicht kommen, daß auch solche Naturwissenschafter selbst sich klar sind darüber: Mit den gewöhnlichen naturwissenschaftlichen Ideen, die auf ihrem Felde so fruchttragend sind, kann man nicht hineindringen in das Wesen, in die tieferen Gründe des Wirklichen. Wie viel haben gerade Naturwissenschafter gesprochen über die Grenzen des naturwissenschaftlichen Erkennens! Und eine charakteristische Tatsache habe ich ja im ersten dieser Vorträge vorgeführt, die Tatsache, daß einer der bedeutendsten Schüler Haeckels, Oscar Hertwig, selber ein grundlegendes bedeutsames Buch geliefert hat in diesen Jahren, in dem er die Unmöglichkeit zeigt - er, der Naturforscher, der Biologe! -, gerade mit den naturwissenschaftlichen Begriffen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die größten 'Triumphe gefeiert haben, irgendwie dem Wesen der Lebenserscheinungen nahezukommen.

Solange es sich darum handelt, bloß in das Wesen der Natur selbst einzudringen, so lange kann diese Eingeschränktheit naturwissenschaftlichen Vorstellungslebens gar nicht zutage treten. Aber sie tritt dann zutage, wenn der Mensch die Seelenkräfte, die er auf naturwissenschaftliches Erkennen verwendet, auch anwenden will auf das sittlich-soziale Leben im weitesten Umfange. Was in der Naturwissenschaft vielleicht ein bloßer Irrtum oder eine bloße Einseitigkeit bleibt, über die sich diskutieren läßt, die sich im Laufe der Zeit auch wirklich begrifflich oder durch die Erfahrung zurechtlegen läßt, das wird, wenn es zugrunde gelegt wird der Arbeit im sittlich-sozialen Leben, das ja in die Gestaltung des menschlichen Gemein- und Gesellschaftswesens eindringen will, zum Schädlichen, führt kleinere oder größere Katastrophen herbei.

Eine der größten Katastrophen für das menschliche Erleben ist diejenige, in der wir in diesen Jahren drinnenstehen. So eigenartig es manchem in der Gegenwart erscheinen wird: dem, der die Dinge in ihrem tieferen Zusammenhange zu erfassen vermag, ist klar, wie das, was jetzt als ein so tragisches Geschehen durch die Menschheit geht, mit den unzulänglichen sittlich-sozialen Ideen zusammenhängt, die seit Jahrhunderten sich vorbereiteten und die insbesondere in dem in anderer Beziehung so glorreichen 19. Jahrhundert zu ihrer besonderen Geltung gekommen sind. Die bloße Wissenschaft, das bloße Erkennen, die bloße Theorie korrigiert auf schmerzlose Art, wenn ihr unzulängliche Begriffe eingefügt werden. Die Wirklichkeit korrigiert unter Schmerzen und Katastrophen, wenn ihr Taten eingefügt werden, die hervorgehen aus unzulänglichem Erkennen und Durchdringen dieser Wirklichkeit.

Nun werden wir, wenn wir die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft auf das sittlich-soziale Leben anwenden wollen, zu scheinbar entlegenen Vorstellungsarten kommen müssen, entlegen nur, weil sie der Gegenwart, den gegenwärtigen Denkgewohnheiten noch sehr, sehr fremd erscheinen wegen der Vorurteile, mit denen man ihnen entgegenkommt. Ich muß den Ausgangspunkt davon nehmen, daß ich darauf aufmerksam mache, wie die Betrachtung des Menschen gerade unter dem Einflusse der neuzeitlichen Weltanschauung eine verhältnismäßig einseitige geworden ist, eine einseitige in dem Grade, daß eigentlich auch weiterblickende Naturforscher in der Gegenwart schon andere Wege versuchen als diejenigen, auf die man im 19. Jahrhundert so große Hoffnungen gesetzt hat, um nicht nur einzudringen in die reine Naturseite des Menschen, sondern einzudringen in den vollen, umfassenden Menschen, in dessen ganze Wesenheit. Denn nur wenn seine ganze Wesenheit ins Auge gefaßt wird, kann sie im sozial-sittlichen Leben Wirklichkeit werden, kann eine Einflußnahme auf das sozialsittliche Leben von irgendwelchem Heil sein.

Nun könnte es sonderbar erscheinen, wenn man sagt: Zur vollen, ganzen Betrachtung des menschlichen Lebens ist notwendig, daß man diesen Menschen nicht nur ins Auge faßt, wie er sich betätigt im wachen Tagesleben, in dem Leben, das sich abwickelt durch die Betrachtung der Sinne, durch den Verstand, der auf die Wahrnehmung der Sinne gebaut ist; daß man vielmehr, um den ganzen Menschen ins Auge zu fassen, Rücksicht nehmen muß auch auf die andere Seite des Lebens, die im Wechsel mit dem wachen Tageszustand fortwährend im Menschenleben, im Menschendasein auftritt, auf das Schlafen und auf das, was aus dem Schlafesleben auftaucht, auf das Traumesleben. Ja, es versuchen einsichtige Naturforscher diesem Traumesleben in der heutigen Zeit etwas nahezukommen, indem sie neben dem, was dem Menschen im wachen Tagesbewußtsein vorliegt, auf das Unterbewußte Rücksicht nehmen wollen. Allein schon bei der Betrachtung des Traumlebens zeigt es sich, daß solche Versuche heute noch, weil sie sich dem, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ist, fernhalten wollen, mit unzulänglichen Erkenntnismitteln arbeiten.

Was Geisteswissenschaft auf solchen Wegen zu zeigen vermag, wie sie gestern charakterisiert worden sind, das führt uns zu der Erkenntnis, daß dieses Schlafes-Traumesleben noch in viel intensiverer Weise in das Gesamtleben des Menschen einfließt, als man in der einseitigen Naturbetrachtung glaubt. Und ich muß einen Satz in den Vordergrund stellen, der heute noch in weitesten Kreisen paradox erscheint, der aber immer mehr und mehr erhärtet werden wird, wenn man von abstrakten Begriffen zu lebensvollen, zu wirklichkeitsgesättigten Begriffen übergeht. Ich könnte eine vergleichende Psychologie des Schlafes durch die Pflanzen-, durch die Tierwelt in die Menschenwelt herauf geben. Dabei würde es sich herausstellen, wie die Geisteswissenschaft - es ist das hier öfter betont worden - es schwerer hat als die einseitige Naturbetrachtung, weil sie nicht von «einfachen Begriffen», wie man so gern im bequemen Denken sagt, ausgehen und die ganze Welt damit umspannen kann. Geradeso wie der Tod — wir haben das in einem früheren Vortrage betonen müssen — für den Geisteswissenschafter etwas anderes ist im Pflanzen-, im Tier-, im Menschenreiche, so ist auch der Schlaf, so ist das Traumesleben für die Geisteswissenschaft etwas anderes im Tierleben, etwas anderes im Menschenleben. Und Geisteswissenschaft kommt darauf, indem sie durch die Mittel, von denen gesprochen worden ist, das wirkliche Seelenleben beobachten kann, daß wir, was wir als menschliches Ich-Bewußtsein erleben, dieses eigentliche Zentral-, dieses eigentliche Mittelpunktswesen des Menschen, nur dadurch haben können, daß wir im Wechsel mit dem wachen Tagesbewußtsein den Schlaf so erleben, wie wir ihn als Menschen erleben. Die Trivialansicht ist natürlich diese - ich habe auch das hier schon erwähnt -, daß der Mensch schlafen muß, weil er ermüdet ist. Es ist eine Trivialansicht, und die Betrachtung des Rentners, der sich in einen Vortrag oder in ein Konzert setzt und der ganz bestimmt nicht ermüdet ist, aber nach den ersten fünf Minuten schon eingeschlafen ist, beweist hinlänglich durch Erfahrung, daß es mit der Ermüdungstheorie für den Schlaf ganz gewiß nicht geht. Nur derjenige wird den Schlaf verstehen, der ihn versteht als innerlichen Rhythmus, als einen Rhythmus nur von längerer Zeitdauer, wie er das Leben durchsetzen muß und wie wir gestern einen solchen Lebensrhythmus als eines der Glieder, die als Leibeswerkzeuge, kann man sagen, der seelischen Wesenheit des Menschen entsprechen, kennengelernt haben.

Der Mensch muß gewissermaßen, so wie - ich wiederhole das gleichsam von gestern noch einmal - der einzelne Ton niemals Musik sein kann, sondern nur im Zusammenspiel mit anderen Tönen der Eindruck der Melodie oder Harmonie entstehen kann, sein Leben so zubringen, daß sich Lebenszustand an Lebenszustand schließt, daß Lebenszustand mit Lebenszustand mit der Zeit in Wechselwirkung tritt. Rhythmisches Geschehen muß dem Seelenleben des Menschen zugrunde liegen. Und rhythmisches Geschehen ist es auch, das in den Wechselzuständen von Schlafen und Wachen und in den hineinspielenden Träumen zur Tatsache wird.

Nun glaubt man gewöhnlich, diesen Schlafzustand, "Traumzustand zu verstehen, wenn man ihn so, wie er sich der gewöhnlichen Beobachtung darstellt, betrachtet. Allein gerade dann, wenn man ihn so betrachtet, wird man niemals zu einer wirklichen Anschauung über das Wesen des Traumzustandes oder des Schlafzustandes als solchen kommen. Nur wenn man ins Auge zu fassen vermag, was sich der Geisteswissenschaft als der ewige Wesenskern des Menschen ergibt, dann wird man auch erkennen können, daß, wenn der Mensch sich zurückzieht aus dem wachen Tagesleben, wenn er jede Verbindung mit dem Leibesleben löst, die zum Sinnesleben und zum Verstandesleben führt, wenn er also in den Schlaf oder in den Traum zurücksinkt, daß dann in ihm viel mehr dasjenige tätig ist, was seinem ewigen Wesen angehört, als während des Wachzustandes. Nur daß der Mensch, so wie er in der gegenwärtigen Weltenperiode ist, noch wenig mit Bezug auf dieses sein Ewiges ausgebildet ist. Wenn dieses Ewige nicht die Grundlage des Leibeslebens hat wie im wachen Tagesleben, wenn dieses Ewige auf sich selber angewiesen ist wie im Schlafe, dann zeigt sich in diesem Ewigen das, was zwar durchaus auf andere Zustände hinweist, als diejenigen sind, die zwischen Geburt und Tod ablaufen, aber so hinweist, daß die unmittelbare Wahrnehmung, die unmittelbare Betrachtung das Wesen gar nicht ergeben können.

Daher zeigt Geisteswissenschaft, daß das Wesen zum Beispiel des Traumes in der mannigfaltigsten Weise mißverstanden wird. Man mißversteht es dann, wenn man sich in der alten Weise abergläubisch an den Traum wendet, wenn man die Traumbilder ins Auge faßt, den Inhalt des Traumes ins Auge faßt und dann der Meinung ist, der "Traum könne irgendwelche prophetische Aussage im Leben machen. Man mißversteht aber auch das Wesen des Traumes, wenn man so recht ein moderner Aufklärer ist und nur lächelt über diejenigen, die in dem 'Traum etwas Prophetisches gesehen haben.

Geisteswissenschaft zeigt: Es ist wahr, daß etwas Prophetisches im Traume ist. Was im Traume wirkt, was darinnen tätig ist, das ist durchaus das Wesen in uns, das mit unserer Zukunft so zusammenhängt, daß es noch dasjenige in uns umfaßt, was wir durch die Pforte des Todes tragen. Die Kräfte unserer ewigen Seele wirken wirklich prophetisch im Traume. Allein, was als Bilder zum Vorschein kommt, dasjenige, worin der Traum sich kleidet, das ist Reminiszenz aus der Vergangenheit. Man kann sagen: Der Traum wird seiner eigenen Natur nach dadurch gefälscht, daß der Mensch nicht imstande ist, wirklich mit dem zu arbeiten, was im Traume als seine Wesenheit wirkt. Er kleidet das, was ihm noch nicht zum Bewußtsein kommen kann, in die Bilder, die ihm sein Leib, die ihm gewisse Sinnesanklänge, gewisse Erinnerungs-Reminiszenzen aus dem vergangenen Leben geben. Das alles ist eine Verfälschung des Traumes, ist eine Maske des Traumes. Und so wie es Aberglaube ist, irgend etwas zu geben auf die Bilder, die im Traume auftreten, so steckt ein gesunder Kern in dem Aberglauben, daß der Traum etwas Prophetisches hat. Nur kann dieses Prophetische in der Wahrnehmung, in der gewöhnlichen Beobachtung des Traumes nicht zutage treten. Der Traum ist gerade etwas außerordentlich Bedeutsames, geisteswissenschaftlich betrachtet.

Das Wichtige ist aber noch etwas anderes. Das Wichtige ist, daß man in der trivialen Meinung der Ansicht ist, der Mensch lebe und träume zu einer gewissen Zeit und zu einer anderen Zeit sei er wach, voll wach. Geisteswissenschaft zeigt aus ihrer wirklichen Seelenbeobachtung heraus, daß dies eine der falschesten Meinungen ist, denen man sich nur hingeben kann. Was in uns lebt als Zustand während des Träumens, während des Schlafens, das hört nicht auf, wenn wir wachen; diese Zustände setzen sich durchaus in unser waches Tagesleben hinein fort; sie sind nur übertönt durch das, was waches Tagesleben ist. Dieses wache Tagesleben, das im Vorstellen abläuft, ist gewissermaßen ein helles Licht, welches das übertönt, was mehr unterbewußt bleibt, was unter dem Strom dieses wachen Tagesbewußtseins verläuft. Aber während wir unser waches Tagesbewußtsein in unserer Seele dahinströmen fühlen, während wir das, was durch dieses Dahinströmen geht, erleben, strömt unterbewußt, dunkel in uns ein fortdauerndes, ein das ganze Wachleben durchdringendes Traumleben weiter und strömt ein Schlafesleben weiter. Wir träumen, indem wir zu den klaren, hellen Vorstellungen hinzu Gefühle, Affekte, Leidenschaften entwickeln. Ich habe im ersten der hier gehaltenen Vorträge vor einigen Wochen darauf aufmerksam gemacht, wie das, was Geisteswissenschaft im Zusammenhange sucht, von einzelnen hervorragend einsichtsvollen Menschen wie in Lichtblitzen immer gefunden worden ist, und ich habe schon dazumal auf einen Menschen mit solchen Lichtblitzen hingewiesen: auf den großen Ästhetiker und Philosophen Friedrich Theodor Vischer. Als er seinen Aufsatz geschrieben hat über Volkelts Buch «Die Traum-Phantasie», da machte er darauf aufmerksam, daß niemand die Leidenschaft, niemand die Affekte, niemand dieses merkwürdige Leben verstehe - wir haben es gestern hier charakterisiert nach seiner leiblichen, geistigen Seite -, der die Traumwesenheit nicht versteht. Vischer ist allerdings für diese Behauptung — man sollte es nicht glauben, aber es ist geschehen - als ein Spiritist erklärt worden, von den ganz «gescheiten», von den ganz aufgeklärten Menschen der Gegenwart selbstverständlich. Also wir träumen im gewöhnlichen Leben weiter. Nur daß wir, wenn wir erwacht sind, nicht die Bilder des Traumes, sondern dasjenige ablaufen haben, was nun aber mit derselben Helligkeit oder Dunkelheit des Bewußtseins in uns abläuft, was denselben Grad von Wirklichkeit hat wie der Traum: Gefühle, Affekte, Leidenschaften.

Auch in Gefühlen, Affekten, Leidenschaften lebt, was im Vorstellungsleben lebt. Aber es lebt so in ihm, wie die Vorstellungen im Traume leben. Nur kommen uns, wenn wir ein Gefühl, eine Leidenschaft, einen Affekt entwikkeln, sei es ein guter, sei es ein schlimmer, nicht die Bilder, die aber zugrunde liegen, wie sie dem Traum zugrunde liegen, zum Bewußtsein, sondern es kommen uns das Gefühl, der Affekt, die Leidenschaft zum Traumbewußtsein.

Ebenso liegt dem Wollen, diesem geheimnisvollen, für eine wirkliche Weltenbetrachtung geheimnisvollen Wollen des Menschen, der durch das Wachbewußtsein sich hindurchziehende Schlaf zugrunde. Warum sind in dem Verlauf der geistigen Menschheitsentwickelung immer wieder und wiederum die Diskussionen dagewesen über die Natur des Wollens, über den freien Willen? Warum konnte man so viel Für und Wider gerade auf diesem Gebiete entwickeln? Und warum haben sich die Philosophen niemals geeinigt, wie eigentlich der Wille in dem Menschen lebt, ob als freier oder als unfreier? Aus dem Grunde, weil für das gewöhnliche wache Tagesbewußtsein das, was im Wollen geschieht, verschlafen wird. Trotzdem wir in unseren Vorstellungen während des wachen Tagesbewußtseins ganz klar, trotzdem wir von Helligkeit, so dürfen wir vergleichsweise sagen, durchdrungen sind: den wirklichen Vorgang des Wollens, das wirkliche Erlebnis des Wollens, das verschlafen wir. In diesem Wollen lebt Tiefstes von menschlicher Wesenheit, aber es ist dem wachen Tagesbewußtsein nicht unmittelbar gegenwärtig.

Nun zeigt die Geisteswissenschaft, daß sie mit dem, was sie schauendes Bewußtsein nennt, hineinblickt in die übersinnliche Welt. Mit dem, was sie auf den ersten beiden Stufen imaginative und inspirierte Erkenntnis nennt, dringt sie in diejenige Welt hinunter, die für das gewöhnliche Bewußtsein nur in der auf- und abflutenden, chaotischen, man möchte sagen, in dem Sinne, wie ich es eben ausgeführt habe, gefälschten 'Traumeswelt vorliegt. Für den Menschen mit dem gewöhnlichen physischen Bewußtsein, wie er in der äußeren Sinnenwelt steht, flutet und wallt aus der Welt, die eben die Welt des Ewigen, Wesenhaften ist, die unter dem äußeren Sinnlichen wallt und webt, nur herauf, was die gefälschten Traumeswege sind. In der imaginativen übersinnlichen Erkenntnis, in der inspirierten übersinnlichen Erkenntnis hebt die Geisteswissenschaft aus diesen Untergründen die wahre Gestalt desjenigen, was da lebt und webt und wallt, wirklich herauf. Und in der intuitiven Erkenntnis wird heraufgehoben, was sonst verschlafen wird, was vollständig mit der Dunkelheit des Bewußtseins zugedeckt wird.

Daraus aber wird Ihnen hervorgehen, daß im Menschenleben nicht das allein waltet, was mit dem gewöhnlichen wachen Bewußtsein überschaut wird, sondern daß im Menschenleben, weil Traum, weil Schlaf auch das wache Tagesleben durchzieht, das waltet, was real, wirklich ist, was für das gewöhnliche wache Bewußtsein nicht erreichbar, nicht in Begriffe, nicht in Vorstellungen zu fassen ist, sondern was allein für das schauende Bewußtsein in Begriffe, in Vorstellungen zu fassen ist. Schauen wir uns also das soziale Menschenleben an, schauen wir uns das Menschenleben an, wie es umfaßt werden soll mit den sozialen, sittlichen, politischen Begriffen — wir finden: In diesem Menschenleben lebt, der Wirklichkeit nach, was nur geträumt, was sogar verschlafen wird.

Dies ist das Geheimnis des sozialen Lebens, dies ist selbst das Geheimnis des geschichtlichen Lebens, dies ist das Geheimnis alles desjenigen, was man sittlich-soziales Dasein des Menschen nennen kann. Mit den Begriffen, die an der Naturwissenschaft herangebildet sind, die aus den Denkgewohnheiten der Naturwissenschaft heraufkommen und die ganz und gar allein dem gewöhnlichen wachen Bewußtsein angehören, mit diesen Vorstellungen kann die Geschichte nicht erfaßt werden, mit diesen Vorstellungen kann das sittlich-soziale Leben nicht erfaßt werden.

Ich habe gestern darauf hingewiesen, daß anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft dem Menschen etwas zurückbringen soll, was er verloren hat. Instinktiv, sagte ich, waren in früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden die Impulse vorhanden, die die Geisteswissenschaft zum Bewußtsein zu bringen hat. Interessant ist es, von diesem Gesichtspunkte der Menschheitsentwickelung aus einmal das Eingreifen der modernen Naturwissenschaft ins Auge zu fassen. Fragt man nach dieser modernen Naturwissenschaft und ihrer Bedeutung nur so, wie man das heute vielfach tut, so kommt man zu einem vollständig falschen Begriff. Man geht immer davon aus zu glauben, diese Naturwissenschaft sei so geworden, wie sie geworden ist, weil eben die Begriffe, die sie gibt, der reinen Wahrheit entsprechen, der absoluten Wirklichkeit entsprechen. Wer Einsicht hat in die Dinge, weiß, daß die Ansicht ganz wahr ist: Derjenige, der gerade auf naturwissenschaftlichem Boden feststeht, muß zugleich Zweifler, Skeptiker sein, weil er weiß, daß diese naturwissenschaftlichen Begriffe ganz und gar nur einer sehr oberflächlichen Gestalt der Wahrheit entsprechen. Diese naturwissenschaftlichen Begriffe sind nicht aufgetreten in der Menschheitsentwickelung, weil der Mensch durch Jahrtausende dumm und töricht und kindisch war, wie viele glauben, die immer von dem Grundsatz ausgehen, daß wir’s «so herrlich weit gebracht» haben, sie sind nicht deshalb entstanden, weil die Menschen so lange kindisch waren und jetzt gerade gescheit geworden sind und eben gescheit bleiben - oder wenigstens es meinen —, so lange die Erde steht. Sondern sie sind aus einem ganz anderen Grunde gekommen.

Blickt man in die Zeiten zurück, wo eine mehr instinktive Erkenntnis auf Natur und Geist zugleich ging, so hatte der Mensch damals auf der einen Seite die Begriffe, die er auf die Natur so anwandte, daß er von Naturgeschehen, von Naturwesenheit sprach, als ob das auch ein Seelisches wäre; und wenn er von seinem Seelischen sprach, so spielten materialistische Vorstellungen herein. Sogar in unseren Worten von «Geist» und «Seele» liegen noch materialistische Vorstellungen, wenn wir diese Begriffe ganz genau historisch kennen. Der Mensch war noch so zusammengewachsen mit der Natur, daß er sein Seelisches nicht genauer von der Natur unterschied. Die neuere Entwickelung der Menschheitsgeschichte bedeutet, daß der Mensch sich losgelöst hat von dem natürlichen Dasein. Und gerade durch dieses Loslösen ist er darauf gekommen, solche Naturbegriffe zu begründen, wie sie eben den Inhalt der modernen naturwissenschaftlichen Vorstellungsart darstellen, die nichts Seelisches mehr enthalten. Um auf eine solche Stufe der Entwickelung zu kommen, hat der Mensch diese naturwissenschaftlichen Begriffe entwickelt: um seinetwillen. Nicht weil das die einzig seligmachende Wahrheit ist, zu der man endlich einmal gekommen ist, sondern weil der Mensch zu einer gewissen Stufe der Freiheit, der Selbstbestimmung nur dadurch kommen konnte, daß er sich von der Natur losgemacht und Begriffe hingestellt hat, die die Natur umfassen sollen und die nichts der Seele geben können.

Wenn der Mensch solche Naturbegriffe hat, daß er in diesen Naturbegriffen sein Seelisches nicht mehr sehen kann, daß er sich ganz herausgestellt fühlt aus der Natur, wie das in alten Zeiten nicht der Fall ist, wohl aber unter der heutigen naturwissenschaftlichen Weltanschauung, dann muß der Mensch um so mehr hingewiesen werden auf die eigenen Kräfte seines Innern, auf die wir gestern hingewiesen haben. Dann wird sein Selbstbewußstsein erst in rechter Weise erwachen können. Wir sind in einer Übergangsstufe. Die Naturwissenschaft wird einen Spiritualismus der Auffassung des Seelenlebens heraufbringen. Der naturwissenschaftliche Materialismus hat das große Verdienst, weil er die Natur alles Seelischen entkleidet, den Menschen auf eine hohe Stufe der Selbstbesinnung hinaufzuführen.

Sieht man so die Entwickelung der modernen Naturwissenschaft an, so erscheint sie einem allerdings anders, so erscheint sie einem angelegt - wenn ich den Ausdruck Lessings gebrauchen darf - auf eine «Erziehung des Menschengeschlechts», dann sind die naturwissenschaftlichen Begriffe ausgebildet worden, damit der Mensch nicht mehr, wie früher, in einer mystischen Weise selber die Natur durchseelt, sondern damit er sich freimacht in der Naturanschauung von allem Seelischen, aber um so mehr aus den Tiefen seines eigenen Wesens das herausholen muß, was dieses Seelische durchgeistet, was man im Seelischen als spiritualisiert erblicken kann. Dann kann man, gerade wenn man Geistesforscher ist, in dem berechtigten Materialismus der Naturwissenschaft ein Großes sehen. Und es ist nur eine Verleumdung der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, wenn man sie irgendwie in einen Gegensatz zur Naturwissenschaft bringt. Im Gegenteil, sie weist auf die große, bedeutsame Rolle hin, welche die naturwissenschaftliche Entwickelung in dem großen Erziehungsprozeß des Menschengeschlechtes durch die Erdengeschichte hindurch hat.

Aber was als naturwissenschaftliche Vorstellung auftritt, was man so hereinbekommt in die Seele als naturwissenschaftliche Vorstellung, das ist eben, gerade weil das wahr ist, was ich eben ausgeführt habe, nicht geeignet, dieses Leben zu umfassen, das wir als das sittlich-soziale Leben bezeichnen können, nicht geeignet, Begriffe, Vorstellungen, Ideen zu bilden, aus denen Handlungen im sittlich-sozialen Leben werden können. Was der Mensch als Natur überblickt, das überblickt er im wachen Bewußtsein. Was sittlich-soziales Leben, was geschichtliches Erleben ist, das hat nicht solche Impulse zugrundeliegend, wie sie das wache Tagesbewußtsein ganz geeignet für die Ergreifung der Natur hat, sondern das hat solche ideellen Impulse zugrundeliegend, wie sie sonst nur durch das Traumleben zutage treten.

Und so kommt Geisteswissenschaft zu dem sonderbaren Ergebnis, daß geschichtliches Leben der Menschheit, soziales Leben der Menschheit nicht umspannt werden kann von einem Seelenwesen, das an der Naturwissenschaft sich herangebildet hat und nun Geschichte schreiben will nach dem Muster der Naturwissenschaft, Sozialwissenschaft betrachten will nach dem Muster der Naturwissenschaft.

Was hat man an unzulänglichen Begriffen alles gerade in der Gegenwart unter den Eroberungszügen der Naturwissenschaft versucht, um das soziale Leben zu begreifen mit den Erkenntnismitteln, die in der Naturwissenschaft ihre Erfolge haben!

Man braucht sich nur zu erinnern an den englischen Philosophen Herbert Spencer, der in umfassender Weltanschauung alles Tatsächliche, in das der Mensch hineingestellt ist, umfassen wollte, auch die soziologische Gestaltung der Menschheit. Er hat die Begriffe der Embryologie, die Begriffe des Keimeslebens anwenden wollen auf die Gestaltung des Gesellschaftslebens, auf die Gestaltung des sittlich-sozialen Lebens des Menschen: Der Keim entwickelt sich embryologisch so, daß man an ihm zu unterscheiden hat in seinem früheren Zustande das Ektoderm, aus dem sich das Nervensystem entwickelt, das Entoderm, aus dem sich andere untergeordnete Organe entwickeln, und das Mesoderm. Aus diesen drei Gliedern entwickelt sich allmählich der Menschen-Embryo, wächst heran: das sind die drei Glieder des Keimes. In dem sittlich-sozialen Werden, in der sittlich-sozialen Entwickelung unterscheidet Spencer auch drei solche Impulse. Er sagt: Ebenso, wie in der natürlichen Entwickelung Ektoderm, Mesoderm, Entoderm vorhanden sind, so auch im sozialen Werden des Menschen. Und er will zeigen: Wie der organische Keim das Ektoderm hat, so entwickelt sich im Menschenwerden das, was militärisch, politisch stark ist, hauptsächlich aber militärisch stark, aus dem Ektoderm heraus, aus dem sozialen Ektoderm; das, was arbeitend, ackerbauend, friedliebend ist, aus dem Entoderm; und die Kaufmannschaft, der kommerzielle Stand, aus dem Mesoderm. Da hat man einen Parallelismus gegeben zwischen den Schichtungen des sozial-sittlichen Lebens und den Schichtungen des organischen Keimes. Es liegt selbstverständlich dieser Anschauung des großen englischen Philosophen Herbert Spencer zugrunde, daß, weil sich aus dem Ektoderm das Nervensystem entwickelt, sich auch aus dem, was dem Ektoderm im sozial-sittlichen Leben entspricht, das Wertvollste im Staate, in einem menschlichen Gemeinwesen entwickeln muß. Daher ist selbstverständlich die Weltanschauung Spencers darauf angewiesen, den eigentlich wertvollen Stand im Militarismus zu sehen. In ihm soll sich das politische, das höhere Leben ausprägen. Wie sich das Nervenleben ausprägt aus dem Ektoderm, soll das Politische, das eigentliche führende Wesen, aus dem Militärwesen hervorgehen.

Ich will mich einer weiteren Charakterisierung, aus leicht begreiflichen Gründen, dieser merkwürdigen Ansicht des Philosophen Herbert Spencer enthalten. Aber es ist schon notwendig, daß man auf solche Dinge auch in der Gegenwart aufmerksam wird. Und ich könnte nun viele, viele aus allen Gebieten des geistigen Erdenlebens hergenommene Beispiele anführen, wie man versucht hat, naturwissenschaftliche Vorstellungen auf das soziale Leben anzuwenden, immer wieder und wiederum das sittlich-soziale Werden zu begreifen in derselben Weise, wie man die Naturtatsachen begreift.

Aber das Eigentümliche liegt vor, daß in der Menschheitsentwickelung das alte instinktive Erkennen, das Geist und Leib, Materie und Geist zugleich umfaßt hat, aber eben nicht voll bewußtes Erkennen war, daß das allmählich im Laufe der Menschheitsentwickelung durch das naturwissenschaftliche rein äußere Erkennen des Toten in die höheren Stufen des Erkennens übergeht, auf die heute die Geisteswissenschaft hinweist: in das imaginative Erkennen des schauenden Bewußtseins, in das inspirierte Erkennen, in das intuitive Erkennen. Naturwissenschaftliche Erkenntnis ist nur eine Zwischenstufe zwischen dem instinktiven Erkennen, das alten Zeiten eigentümlich war, und dem höheren Erkennen, das der Menschheit aus den Tiefen der Seele selbst erwachsen muß. Ich habe es charakterisiert in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» und neuerdings wiederum in meinem Buche «Von Seelenrätseln». Das schauende Bewußtsein zerfällt eben in das imaginative Bewußtsein, das gewissermaßen die niederste Stufe ist, das inspirierte Bewußtsein, eine höhere Stufe, und das intuitive Bewußtsein, eine nächste Stufe. Das Eigentümliche ist nur, daß für die Betrachtung der äußeren natürlichen Welt dieses instinktive alte Erkennen in die naturwissenschaftlichen Vorstellungen übergehen mußte. Nach diesem Übergang werden die anderen, die geistigen Erkenntnisarten kommen.

Das sozial-sittliche Leben kann diesen Übergang nicht haben. Er wird versucht; aber es kann ihn nicht haben. Das instinktive Erkennen, das instinktive Leben im Staatlichen, in sozial-politischen Ideen, muß direkt, mit Überspringung der naturwissenschaftlichen Art der Vorstellungsweise, in das bewußte Erkennen derselben Welt übergehen, welche in der Geschichte und im sozialen Leben von der Menschheit geträumt wird. Was die Menschheit träumt in Geschichte und im sozialen Leben — bewußt erkannt werden kann es nur im imaginativen, im inspirierten, im intuitiven Bewußtsein. Und einen Übergang vom instinktiven zum imaginativen Bewußtsein durch das naturwissenschaftliche gibt es auf diesem Gebiete nicht. Verhängnisvoll muß es werden, wenn man diesen Übergang machen will, wenn man in die Gesellschaftsordnung solche Begriffe, solche Vorstellungen einfügen will, welche nach dem Muster naturwissenschaftlicher Begriffe ausgebildet sind. Überall ist das geschehen im Laufe der letzten Jahrhunderte, insbesondere des 19. Jahrhunderts, und bis in unsere 'Tage herein. Naturwissenschaftliche Vorstellungen sind von katastrophaler Wirkung, wenn sie, aus den menschlichen Gemütern herausströmend, in das menschliche Handeln übergehen. Unmittelbar muß der Übergang sein von dem alten instinktiven Erleben, das zum Mythus, zur Phantasie gegriffen hat, zu dem imaginativen Erkennen.

So kann jemand lächelnd, spöttisch sagen: Also darf überhaupt nicht die Anschauung herrschen, daß man das soziale, sittliche Leben meistern könne mit den an der Naturwissenschaft herangezogenen Begriffen, sondern daß dieses sozial-sittliche Leben heilsam durchdrungen werden kann erst wiederum, wenn eingesehen wird, daß man die Begriffe geisteswissenschaftlich vertiefen muß! — Es mag jemand spötteln, er mag sich blind machen gegenüber manchen großen Zeichen der Zeit, gegenüber jener deutlichen Sprache, die aus den Katastrophen des heutigen Tages spricht. Aber es ist so. Und so wie man in einzelnen Kreisen bereits beginnt, etwas aufzumerken auf Geisteswissenschaft, die etwas zu sagen hat, wenn es sich um die Gestaltung der Wirklichkeit handelt, die nicht das Phantasiebild einiger Träumer ist, sondern die eben etwas zu sagen hat, wenn es sich um Gestaltung der Wirklichkeit handelt, so werden die Stimmen immer mehr und mehr werden, welche einsehen werden, daß man sich dann, wenn man lebensvolle Begriffe für das sittlich-soziale Dasein braucht, an Geisteswissenschaft zu wenden hat, die allein Ersatz bieten kann für das, was abstrakte Begriffe, die ihre volle Geltung in der Naturwissenschaft haben, niemals für das sittlich-soziale Dasein des Menschen hergeben können. Deshalb ist Geisteswissenschaft in unserer Zeit nicht aufgetreten aus willkürlicher Agitation zugunsten einzelner Leute, sondern als Ergebnis der Zeichen unserer Zeit, als Ergebnis tiefer historischer Notwendigkeiten.

Blicken wir einmal auf manches, was uns unter den Anschauungen einer älteren Zeit entgegentreten kann. Ich habe schon auch hier aufmerksam darauf gemacht, wie aus dem Vorstellen, aus dem Vorstellungswesen, möchte ich besser sagen, das sich ganz herangebildet hat unter dem naturwissenschaftlichen Materialismus, solche Ansichten gekommen sind, wie sie im Beginne dieses Krieges geherrscht haben: daß dieser Krieg nicht länger als vier bis sechs Monate dauern könne! Einsichtsvolle, ganz gescheite Leute haben das als Theorie vertreten.

Aber wir brauchen nicht bloß auf untergeordnete Persönlichkeiten hinzudeuten, wenn wir das ins Auge fassen wollen, was hier in Betracht kommt. Geschichte ist ja noch nicht sehr alt, Geschichte als Wissenschaft des sittlich-sozialen Lebens. Man hält dafür, daß sie eine alte Wissenschaft ist. Sie ist nämlich in Wirklichkeit, so wie sie heute getrieben wird, kaum hundert Jahre alt! Davon kann sich jeder durch die Geschichte der Geschichte selber überzeugen. Als Geschichte auftrat, wollte einer der ersten Lehrer der Geschichte der große Schiller sein. Und vielleicht ist es gut, gerade eine große Persönlichkeit da zu nennen, wo man Beispiele anführen will für das, was so oft gesagt wird, daß man aus der Geschichte für das sittlich-soziale Leben der Menschen lernen könne. Wie oft hört man heute von den Leuten, heute, wo jeder Tag von den Menschen Urteile abfordert über das und jenes, was unter dem Einfluß der tragischen Ereignisse gefühlt, empfunden werden muß: Die Geschichte lehrt das, die Geschichte lehrt das. - Na, schaut man sich diese Lehren der Geschichte an, schauen wir sie an bei einem der Größten: Als Schiller seine Professur in Jena antrat - es war 1789 -, da charakterisierte er eine Lehre der Geschichte, die sich ihm ergeben hatte, in der folgenden Weise. Es ist wohl gut, auf solches hinzuhorchen. Schiller sagte in seiner berühmten Antrittsrede, mit der er den Anfang seiner geschichtlichen Vorlesungen an der Universität in Jena gemacht hat, über den philosophischen Kopf und den Brotgelehrten in der Geschichte, er sagte: «Die europäische Staatengesellschaft scheint in eine große Familie verwandelt. Die Hausgenossen können einander anfeinden, aber hoffentlich nicht mehr zerfleischen.» Das ist die Lehre, die selbst ein so Großer wie Schiller aus der Geschichte gezogen hat! Man muß bedenken: 1789 ist dieses prophetisch sein sollende Wort ausgesprochen! Was ist an Zerfleischung der europäischen Völker bald danach, und was ist heute wiederum über dieses Europa ergangen! Welcher Prophet war der Historiker, selbst der Historiker von solchem Genie wie Schiller? Warum ist dies alles? Hunderte und Hunderte von Beispielen könnten angeführt werden dafür, daß eine Geschichtsbetrachtung solcher Art, wie sie heute noch üblich ist, nichts für das Leben gibt. Warum? Aus dem einfachen Grunde, weil man in einer solchen Geschichtsbetrachtung mit Vorstellungen arbeitet, die der äußeren Wirklichkeit, die Gegenstand der Naturwissenschaft ist, entnommen sind. Diese Begriffe taugen nicht, um das Leben der Geschichte und der sittlich-sozialen Wirksamkeit zu umfassen, was von den Menschen, so wie sie im Leben sind, nur geträumt wird.

Was Geschichte des Lebens ist, wird nur geträumt. Und sollen wir Begriffe haben, welche in dieses geschichtliche, in dieses sittlich-soziale Leben eingreifen, welche es wirklich umspannen, welche es wirklich umfassen, die es auch meistern können, so müssen diese Begriffe zwar wissenschaftlich klar sein, wie andere wissenschaftliche Begriffe, aber wesentlich soll daran sein, daß sie klar erfassen, was von dem gewöhnlichen Bewußtsein nur in den Träumen der Geschichte und des sittlich-sozialen Lebens ins Dasein tritt.

Ich weiß, es ist heute noch eine paradoxe Wahrheit, wenn es ausgesprochen wird, daß das, was geschichtliches Werden ist, von den Menschen nicht so durchlebt wird, daß dieses Durchleben in Begriffen des wachen Tageslebens arbeitet. Aber es ist cine Wahrheit; eine Wahrheit, die erkannt werden muß. Dann erst wird auch erkannt werden, welcher Art die Begriffe und die Vorstellungen und Ideen und Ideale sein müssen, die dieses Leben meistern können.

Herman Grimm - verzeihen Sie, daß ich diese persönliche Angabe heute mache — hat mir in Gesprächen öfter gesagt — er, der geistreiche Kunstforscher, der Raphael, Michelangelo, der andere Kunstperioden in so glänzender, geistvoller Weise dargestellt hat -: Wolle man eine geschichtliche Betrachtung haben, die das Geschichtliche wirklich umfaßt, dann könne man die Geschichte nicht in solchen Begriffen geben, wie sie der Naturforscher anwendet, dann müsse man die Geschichte geben - nun, er sagte, weil er keine Begriffe, keine Vorstellungen von der imaginativen Erkenntnis hatte — von der schaffenden Phantasie der Völker aus. - Von dem also, was gewissermaßen im Unterbewußten bleibt, muß man ausgehen, das muß man erst ins Bewußtsein, aber in ein anderes Bewußtsein, als das gewöhnliche ist, herauftragen. Eine Ahnung von dem, was auf diesem Gebiete wahr ist, lag dieser Herman Grimmschen Intuition zugrunde.

Wer daher glaubt, geschichtliches oder sozial-politisches Leben mit den Begriffen umspannen zu können, welche am naturwissenschaftlichen Denken erzogen sind - und das sind heute alle unsere populären Begriffe, mit denen wir in alles hineinarbeiten wollen -, der irrt sich gar sehr. Denn wer die Dinge durchschaut, der weiß zum Beispiel, was das sicherste Mittel ist, ein Gemeinwesen in verhältnismäßig kurzer Zeit zugrunde zu richten, es dem Absterben zu überliefern. Machen Sie in diesem Gemeinwesen ein Parlament, in das Sie hineinsetzen lauter Theoretiker von Professorenart, die naturwissenschaftlich denken; lassen Sie diese die Gesetze machen, lassen Sie diese die Rechtsbestimmungen für das Gemeinwesen machen: dann werden Sie durch ein solches Parlament von naturwissenschaftlich denkenden Theoretikern sehr bald den Untergang des Gemeinwesens herbeiführen. Denn die werden in die Wirklichkeit lauter Begriffe, lauter Ideen umsetzen wollen, welche im geschichtlichen, im sozial-sittlichen Leben keine Wirklichkeit haben können, sondern dieses sozial-sittliche Leben in einen Leichnam verwandeln müssen.

Daher ist die Bemerkung Herman Grimms sehr fein, daß er sagt: Es ist merkwürdig, daß der englische Geschichtschreiber Gibbon, dieser musterhafte englische Geschichtsschreiber, wenn er die ersten christlichen Jahrhunderte beschreibt, nicht das aufsteigende christliche Leben, das Wachsende, Werdende, Gedeihende schildert, sondern daß er merkwürdigerweise das Untergehende, die Dekadenz des alten Lebens nur zu schildern vermag, weil er mit seinen Begriffen, eben als ehrlicher Forscher, nur das dekadente, das untergehende Leben zu erfassen vermag. — Das wachsende, gedeihende, aufsteigende Leben kann nicht in Vorstellungen gefaßt werden, die vom wachen Tagesleben umfaßt sind, sondern nur von Vorstellungen, die in dasselbe Lebensstromeswesen eintauchen, in das die Menschheit eintaucht, wenn sie mit dem gewöhnlichen Bewußtsein bloß träumt.

In der neueren Zeit sind alle diese Dinge aus dem Grunde ganz besonders wichtig geworden, weil gerade im 19. Jahrhundert, ich möchte sagen, die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise ihren Eroberungszug auch im geschichtlichen, im sozial-ethischen Leben zu machen versuchte. Und nur wenige haben sich gegen dieses Hineintragen naturwissenschaftlicher Denkungsart auch in das geschichtliche Leben gestemmt. Aber es ist gemacht worden. Blendend ist es gemacht worden da, wo es am bewußtesten gemacht worden ist, dieses Hineintragen. Und am bewußtesten wurde es gemacht von dem ganz naturwissenschaftlich sein wollenden neueren Sozialismus. Der Sozialismus suchte die sozial-sittlichen Ideen ganz in das Fahrwasser einer naturwissenschaftlichen Betrachtung einzureihen. Gerade in der neueren Zeit, wo die Naturwissenschaft ihren Siegeszug begonnen hat, trat diese extreme Art auf, das menschliche Leben, das sozialsittliche menschliche Leben nur unter dem Gesichtspunkte materieller Interessen, Klassenkämpfe, Mehrwertsimpulse und so weiter zu betrachten, wie es im Marxismus und wie es in der materialistischen Geschichtsbetrachtung geschehen ist.

Geisteswissenschaft steht nicht auf dem Boden, daß man bei allem ein Entweder-Oder geltend machen muß das muß ich von vornherein bemerken, sonst kann ich gerade bei solch einer Sache sehr mißverstanden werden -, Geisteswissenschaft steht auf dem Boden, daß menschliche Begriffe in der Regel Einseitigkeiten darstellen. Ich habe schon oft den Vergleich gebraucht: Wenn der Geistesforscher zu Begriffen aufsteigt, so daß er sie ansieht als Beleuchtungen oder auch Abbilder des Wirklichen von verschiedenen Seiten, wie vier Fotografien einen Baum von vier Seiten in vier verschiedenen Gestaltungen wiedergeben, so kann man die Welt pantheistisch, theistisch, monotheistisch, polytheistisch abbilden. Diese Dinge alle sieht man nur in ihrer wahren, echten Bedeutung, wenn man sie gewissermaßen als einseitige Abbilder der wahren Wirklichkeit nimmt, die niemals in den abstrakten Begriff eingehen kann, sondern nur in das lebendige Einssein mit ihr selber. Deshalb dürfen Sie, was ich jetzt sagen werde, auch nicht so auffassen, als wenn ich alles, was unter dem Einflusse des sozialistischen Denkens in der neueren Zeit heraufgekommen ist, in Grund und Boden bohren wollte. Das wird mir nicht im Traume einfallen. Denn vieles Wertvolle hat diese Anschauung heraufgebracht, und sie hat sich ja schwer genug durchgekämpft. Diejenigen, die die eigentlichen erleuchtetsten, bedeutenden offiziellen Träger des Geisteslebens sind, die zu wachen haben darüber, daß richtige Begriffe und Vorstellungen heraufkommen, haben ja jahrzehntelang, einfach genug, negativ abgewiesen, was von dieser Seite gekommen ist, bis sie sich haben heranbändigen lassen und jetzt nicht nur die spärlichen Begriffe des älteren Katheder-Sozialismus, sondern viel dickleibigere Begriffe des Sozialismus sogar schon salon- nein, kathederfähig geworden sind.

Solche Dinge liegen außerhalb der geisteswissenschaftlichen Betrachtung, welche nicht Partei nimmt, welche nur objektiv dem Tatsachenbestand ins Auge sehen will. Allein es muß gesagt werden: Diese Betrachtungsweise des neueren Sozialismus, insbesondere die materalistische Geschichtsauffassung, sind im wesentlichen naturwissenschaftlich orientiert. Was sind sie in Wahrheit?

Für den Geistesforscher ist, was zum Beispiel Karl Marx mit solcher dialektischer Schärfe, eindringlicher Logik dargestellt hat, ein Ausdruck desjenigen, was die Menschheit an sozial-sittlichen Impulsen in den vier Jahrhunderten bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts geträumt hat. Karl Marx hat das geschildert, was an Impulsen durch drei bis vier Jahrhunderte, vom 16. Jahrhundert angefangen, klar da war. Aber es war so da, daß es nicht in den wachen Tagesvorstellungen lebte, sondern daß die Menschheit in ihren Impulsen, in ihren sozialen, sittlichen Ideen, diese Dinge träumte. Und als eigentlich der "Traum schon ausgeträumt war, als eigentlich schon eine sozial-sittliche Ordnung eingetreten war, wie sie im Sinne der Träume der letzten vier Jahrhunderte war, da schrieb über das, was schon Leichnam geworden war, woraus schon ein Erwachen stattfinden sollte, Karl Marx seine Bücher. In der Wirklichkeit lebte das, was Karl Marx als Programm hinstellen wollte, in der Zeit, die vorher war, eigentlich bevor er sogar mit seinen Gedanken dagewesen ist.

Aber die Wirklichkeit fordert, daß jetzt, wie ich charakterisiert habe, mit Überspringung der naturwissenschaftlichen Denkweise die sozial-sittlichen Ideen durchdrungen werden von dem, was höheres Bewußtsein, was übersinnliches Bewußtsein, was Ergreifen ist der im sozial-sittlichen Leben existierenden übersinnlichen Impulse. Früher konnte man das instinktiv erfassen. Und selbst das, worüber Karl Marx geschrieben hat, ist noch instinktiv durchträumt worden. Die neue Zeit darf es sich nicht mehr gestatten, bloß zu träumen, bloß instinktiv die sozial-sittlichen Ideen zu erleben; sie muß dieselben einzutauchen wissen in das imaginative Erkennen, in das Erkennen desjenigen, was übersinnlich in dem menschlichen historischen, in dem sozial-politischen Strom waltet, in den der Mensch eingespannt ist.

Man kann, wenn man trivial sein will, von jeder Zeit sagen, es ist eine «Übergangszeit». Es handelt sich nur immer darum, was übergeht. In unserer Zeit geht aber das alte instinktive Erkennen über in das bewußte Erkennen. Auf dem Gebiete der Naturanschauung hat unsere Zeit das Zwischenstadium der Naturwissenschaften betreten. Im Sozialen muß sie den unmittelbaren Übergang finden vom instinktiven sozial-politischen Fühlen, wie es sich in der alten Zeit mystisch, in alten instinktiven Vorstellungen, auslebte, wie es noch herübergetragen ist zum Beispiel im Römischen Recht, sie muß den Übergang finden zum Schöpferischen. Sie muß diesen Übergang zum Schöpferischen auch da finden, wo, ich möchte sagen, die sittlich-sozialen Ideen unmittelbar in die Menschheitsgestaltung selber eingreifen: auf dem Gebiete der Pädagogik. Mit reinen Erkenntnisbegriffen, wie sie dem wachen Tagesbewußtsein vorliegen, kann man weder ein Pädagoge noch ein Politiker, noch irgend jemand sein, der an der Gestaltung des sozialen Lebens an dieser oder jener Stelle teilnimmt. Es wird eine Zeit kommen, wo man über das, was heute als Nationalökonomie, über das, was heute als sozialpolitische Theorien auftritt, ebenso denken wird, lächelnd denken wird, wie man heute lächelnd denken würde, wenn irgendein Theoretiker, der sich Ästhetiker nennt, die Musterbeispiele aufschreiben würde, wie eine richtige Oper oder Symphonie eigentlich sein muß, ein Theoretiker, der nicht komponieren kann, der nur ästhetisch-wissenschaftlich eine Symphonie oder eine Oper betrachten, der selber nicht aus dem imaginativen Leben heraus schaffen kann. Wenn der das Musterbeispiel hinstellte, man würde lachen.

So sonderbar es heute noch klingt: Was aus bloßen Begriffen des wachen Tagesbewußtseins als Nationalökonomie, die sich so unzulänglich erwiesen hat, auftritt, wird man so ansehen. Lächelnd verstehen wird man es als einen Irrtum, der begreiflich war im naturwissenschaftlichen Zeitalter. Aber man wird es überwinden, wenn die Betrachtung des sozial-sittlichen Lebens in eine solche Begriffswelt einlaufen muß, die in lebendiger Verbindung steht mit der übersinnlichen Wirklichkeit, die in das Rechtsleben, Pflichtleben, in das geistige Leben, das von sozialer Liebe durchdrungen ist, in das Organisationsleben der Gemeinschaften dieses Übersinnliche hereinbringt.

Und man kann sogar im einzelnen angeben, daß derjenige, der an der staatlich-sozialen Gestaltung eines Gemeinwesens teilnehmen will, ein Bild nur von einer, ich möchte sagen, wissenschaftlichen Betrachtung gewinnen kann, die etwas Künstlerisches hat, die selbst künstlerisch-schöpferisch ist, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf. Nicht Ästhetiker, sondern Komponisten müssen Opern und Symphonien schaffen. Nicht naturwissenschaftlich denkende Theoretiker können soziale Begriffe finden, sondern diejenigen, die von Begriffen durchdrungen sind, die aus diesem Lebendigen heraus sind, das sonst nur in den 'Traum-Impulsen aufsteigt, im Gefühls-, im Gemüts-, im Affekt-, im Leidenschaftsleben, im Willensleben selber.

Und die soziale Gestaltung des Gemeinwesens kann sich nur ergeben aus der imaginativen Erkenntnis. Jenes Leben, das die sozialen Gemeinwesen durchdringt, jenes Leben des Traums, das aus dem Menschen herausströmt in Liebe, in Liebe des einen Menschen zum andern, im gegenseitigen Verstehen, dieses Leben, das dann Pflichtenleben wird, kann nur seine äußere Ausgestaltung im Gemeinwesen erfahren unter dem Einfluß von inspirierten Begriffen des schauenden Bewußtseins.

Und das Rechtsleben, dieses Rechtsleben, das heute noch vollständig unter dem Nachklang von alten Rechtsbegriffen steht, die noch dem instinktiven Bewußtsein der Menschen entstammen, entweder dem Bewußtsein der germanischen oder dem Bewußtsein der romanischen Völker - im Römischen Recht, als instinktiver Ausgestaltung, leben heute nur Begriffe, die in Wirklichkeit von dem nichts fassen, was ursprünglich unter römischem Rechtsbegriff lebte -, dieses Rechtsleben, das so dunkel bleibt für das naturwissenschaftliche Betrachten, dieses Rechtsleben, an dem herumgepfuscht wird, indem man alle möglichen und unmöglichen psychologischen Begriffe der neueren Zeit, naturwissenschaftlich betrachtet, in den Gerichtssaal hineinträgt, dieses Rechtsleben wird erst gedeihlich schöpferisch wiederum werden können, wenn es von intuitiver Erkenntnis durchzogen ist.

Wahrhaftig, nicht um ein paar Träumer handelt es sich in anthroposophischer Lebensbetrachtung, sondern um Menschen, die tauglich werden sollen, sich kraftvoll ins Leben hineinzustellen, dieses Leben zu ergreifen und mitzuarbeiten im Leben; nicht um die Begründung einzelner Kolonien von ein paar Leuten, die auf ihre Art sich’s wohlgehen lassen wollen und irgendwo in einer Gebirgsgegend vegetarisch essen und ähnliche Allotria weiter treiben, handelt es sich, sondern darum handelt es sich, die Zeichen der Zeit zu verstehen, zu wissen, was wirklich historisch notwendig ist im Entwickelungsgang der Menschen. Anthroposophie ist nicht die Liebhaberei einzelner Gruppen; Anthroposophie ist etwas, was vom Geiste unserer Zeit selber gefordert wird.

Alles, was heute so vielfach als pädagogische Regeln existiert, wird der Erkenntnis weichen, die auf geisteswissenschaftlichem Wege von der Natur, von der Wesenheit des Menschen gefunden werden kann. Vorgefaßte Regeln, vorgefaßte Gesetze werden bei den künftigen Pädagogen nichts sein. Aber eine sich in unmittelbare, erkennende Liebe verwandelnde Verständigung mit dem kommenden, mit dem werdenden Menschenwesen wird den Pädagogen durchdringen. Er wird ganz anderes lernen als theoretische Pädagogik; er wird lernen, im vollen Leben darinnen zu stehen. Er wird daher auch jedem individuellen Wesen gewachsen sein. Man wird verstehen lernen, wie sich Freiheit und Notwendigkeit im Leben durchdringen.

Man wird verstehen lernen, daß das sittlich-soziale Leben, nach naturwissenschaftlichem Muster betrachtet, etwa so wäre, wie wenn ich hier einen Gegenstand habe, einen zweiten Gegenstand, einen dritten Gegenstand. Den ersten Gegenstand beleuchte ich, lasse Lichtstrahlen darauf fallen, da ist er beleuchtet; jetzt beleuchte ich den zweiten Gegenstand, der erste wird dunkel; jetzt lasse ich den zweiten dunkel werden, beleuchte den dritten. Ich verfolge das. Indem ich dieses verfolge, sage ich: Der erste Gegenstand ward erst beleuchtet, das ist die Ursache des Leuchtens des zweiten; der zweite ist die Ursache des Leuchtens des dritten. Eine solche Illusion, wie wenn der erste Körper, der von außen beleuchtet ist, als Ursache des Beleuchtetseins des zweiten wirkte und der zweite als Ursache des Beleuchtetseins des dritten, eine solche Illusion liegt jener geschichtlichen Betrachtungsweise zugrunde, welche die folgende Tatsache immer als die Wirkung der vorhergehenden Tatsache betrachtet, die vorhergehende wiederum als die Wirkung der ihr vorhergehenden Tatsache. So wie gar kein Zusammenhang besteht zwischen dem Leuchten des ersten Gegenstandes, dem Leuchten des zweiten, dem Leuchten des dritten Gegenstandes, wenn sie beleuchtet werden aus einer gemeinsamen Lichtquelle, und so wie auf diese geschaut werden muß, wenn man erkennen will, warum ein Körper nach dem andern aufleuchtet, so besteht kein solcher Kausalzusammenhang, wie in der Natur, in der aufeinanderfolgenden Geschichte. Sondern es besteht die Tatsache, daß ein gemeinsames Licht die aufeinanderfolgenden Tatsachen beleuchtet. Und es muß in dieses Licht in einer höheren, übersinnlichen Erkenntnis eingedrungen werden.

Was in der Naturwissenschaft gut ist: die Dinge im einzelnen zu teilen, die Dinge im einzelnen zu ergreifen —, in der Geisteswissenschaft geht es nicht. Aber im sozial-politischen Leben geht es auch nicht. Für die Geisteswissenschaft wäre eine Beschreibung des sozial-politischen Lebens im einzelnen geradeso - verzeihen Sie den Vergleich, aber er wird vielleicht, wenn ich ihn gebrauche, das, was zu sagen ist, treffend wiedergeben können -, wie wenn ein Schachspieler sich genau abzirkeln wollte, was er an Zügen machen will, und glauben würde, wenn er sich nun mit einem Partner an den Schachtisch setze, so könne er diese Züge durchführen, die er zuerst sich ausgedacht hat. Er kann sie nicht durchführen, denn das hängt von den Zügen des Gegners ab! Aber deshalb kann man doch, wenn man die Regeln des Schachspiels beherrscht, ein guter Schachspieler sein. Man kann gewissermaßen als Schachspieler seinen Mann stellen oder seine Frau. Und so ist es auch, wenn man das Leben meistern will. Nur auf dem Gebiete der Natur gibt es ein Abgezirkeltes an Gesetzen. Wenn man dem Leben gegenübersteht, dann muß man Können haben, das diesem Leben auch gewachsen ist. Dann muß man immer darauf gefaßt sein, daß einem so etwas aus der Fülle des Lebens entgegentritt, wie es der Partner beim Schachspiel ist.

Jedes einzelne Kind ist beim Pädagogen etwas wie der Partner für den Schachspieler, jedes einzelne Kind. Die pädagogische Wissenschaft wird Formen annehmen, durch die sie den Menschen lebenstüchtig macht, fähig macht, einzudringen in jedes einzelne Menschenwesen. Ein solches Leben im Sozial-Politischen kann aber nur hervorgehen aus einem wirklichen Erkennen desjenigen, was in den Menschenleben und Menschenwesen wirklich steckt, was da geträumt wird als Geschichte, was geträumt wird als sozial-politische Impulse. Wieviel wird nach dieser Richtung heute noch versäumt!

In der Geisteswissenschaft - ich will darauf nur hinweisen — ist seit vielen Jahren der Anfang damit gemacht worden, zu studieren, welches das Wesen der westlichen Völker Europas, der mittleren Völker Europas, der östlichen Völker Europas ist, was da für Impulse wirklich leben, wie sich die verschiedenen Seelenäußerungen verteilen, geographisch, historisch, welche Impulse wirklich vorhanden sind. Nur durch die Kenntnis der wirklich vorhandenen Impulse kann jene Imagination, jene Inspiration entstehen, welche sich ausleben kann in den sittlich-sozialen Ideen, wie sie im sozialen Leben, im Pflichtenleben, im Rechtsleben, hervortreten in der Weise, wie es schon angedeutet ist. Auch Anfänge sind gemacht worden auf diesem Gebiete. Auf einen sehr vielversprechenden Anfang darf ich hinweisen gerade hier in der Schweiz, weil hier wirklich einmal aus der Kenntnis der im unmittelbaren Leben wirkenden Impulse ein Einzelnes, ein Detail herausgeholt worden ist in juristischer Beziehung. In dieser Beziehung darf ich hinweisen auf das, was Dr. Roman Boos als Buch hat erscheinen lassen über den «Gesamtarbeitsvertrag nach Schweizerischem Recht», ein Buch, das zum erstenmal aus der wirklichen essentiellen Substanz, aus dem Wesen heraus gewisse im Rechtsleben vorhandene Begriffe und Institutionen erfaßt, der «Gesamtarbeitsvertrag nach Schweizerischem Recht» von Dr. Roman Boos.

Man hat allerdings in der neueren Zeit mancherlei Ansätze gemacht, um aus dem seelisch-sozialen Wesen heraus zu erkennen, wie die Gesetze, wie die Impulse sich nach und nach abspielen. So hat ein Amerikaner ein sehr interessantes Buch geschrieben — ich weiß nicht, ob er sich heute noch dazu bekennt; Roosevelt hat eine Vorrede dazu geschrieben, die aber weniger bedeutend ist als das Buch -, dieser Amerikaner hat also ein Buch geschrieben, in dem er zeigen will, wie die Völker sich in zwei Gruppen teilen: Die eine Gruppe sind die aufstrebenden, die wachsenden, die fortschreitenden Völker, die anderen sind die absteigenden, die in die Dekadenz verfallenden Völker. Das Seelische bei den aufsteigenden Völkern schildert Brooks Adams, der Amerikaner, so, daß er sagt: Es geht hervor aus einer grundseelischen Eigenschaft dieser Völker, aus dem Imaginativ-Kriegerischen; so daß Völker, die Zukunft haben, mit imaginativem Phantasieleben und mit kriegerischen Impulsen begabt seien. — Nicht ich sage es, des Amerikaners Brooks Adams Urteil ist es! Und diejenigen Völker, die in die Dekadenz kommen, die keine Zukunft, die nur eine Vergangenheit hinter sich haben, eine ähnliche Vergangenheit im kriegerischen und imaginativen Leben, das sind die industriellen und wissenschaftlichen Völker.

Das ist selbstverständlich einseitig. Aber selbst diese einseitigsten Betrachtungen zeigen, daß man schon den Versuch gemacht hat aus dem heraus, was wirklich ist, eine Bemeisterung des Lebens durch wirklich sittlich-soziale Ideen zu finden. Nur kann man das Leben nicht überschauen mit den Begriffen, die nur an dem Muster der Naturwissenschaft gebildet sind. Überschauen kann man es nur, wenn man in die Tiefen, in die übersinnlichen Tiefen dieses Lebens eindringt. Und das kann man eben nur durch das schauende Bewußtsein, dessen sich die Geisteswissenschaft bedient.

Ich konnte nur spärliche Andeutungen machen. In einzelnen Vorträgen kann ich ja immer nur Anregung geben. Geisteswissenschaft kann man heute leicht anfeinden, leicht widerlegen, denn sie kann immer nur Anregungen geben. Dann ist es für jemanden, der ein, zwei Vorträge einmal hört, wirklich kinderleicht, alle möglichen Widerlegungen, die strengste Kritik anzubringen, selbstverständlich. Aber so glücklich ist ja Geisteswissenschaft heute nicht, daß sie unzählige Lehrstühle, wie die andere Wissenschaft, zur Verfügung hat. Das wird auch kommen. Und dann werden die Kritiken von jenem Kaliber, wie sie heute noch gegen die Geisteswissenschaft da sind, verstummen. Solche Dinge haben sich ja im Laufe der Entwickelung der Menschheit in der mannigfaltigsten Weise gezeigt. Sie gehen geradeso, wie diese Dinge gegangen sind. Aber diese Geisteswissenschaft, sie kann eben heute bloß anregen. Sie kann auch in bezug auf die sozialsittlichen Ideen nur Anregungen geben.

Und wenn man schließlich alles überblickt, was heute skizzenhaft vorgebracht worden ist, würde man es gipfeln lassen können, indem man zeigt, daß das Gemeinwesen sich unter dem Einflusse lebendiger sittlich-sozialer Ideen auch so entwickeln muß, daß der Mensch als Ganzes, als Totalwesen, in diesem Gemeinwesen drinnen zur Entwickelung kommen kann. Zu diesem Totalwesen gehört aber, was ich gestern ausgeführt habe: das selbständige, ewige Wesen des Menschen, dieses selbständige ewige Wesen, von dem ich gestern sagen durfte, daß in ihm die Freiheits-Idee ist.

Die höchste der sozial-sittlichen Ideen ist diese Freiheits-Idee. Kein Gemeinwesen wird die Freiheits-Idee in sich verwirklichen können, das nicht von übersinnlichen Ideen ausgeht. Denn gedeihen kann das Übersinnliche, das frei sein kann, allein da, wo die Gestaltung des Gemeinwesens von übersinnlichen Impulsen, Empfindungen, Begriffen, Vorstellungen ausgeht. Die Vorstellungen des gewöhnlichen, des wachen Tagesbewußstseins, die so glorios bedeutsam geworden sind für die Naturwissenschaft, sie wirken nicht in dem Leben, in dem die sozial-sittlichen Ideen wirken. Will der Mensch wirken in diesem Leben, so muß er mit einem andern Gliede seines Wesens hineinarbeiten in dieses sittlich-soziale Leben, mit einem anderen Gliede seines Wesens als mit dem, das tüchtig wird durch die naturwissenschaftliche Vorstellungsweise.

Man kann sagen: Die großen Menschen der Vergangenheit haben in einzelnen Lichtblitzen schon gesehen, um was es sich handelte. Und habe ich gestern in anderer Weise am Schlusse hinweisen können auf den Geist, der einer der größten ist im Verlauf des menschlichen Geisteslebens, nach dem ich am liebsten die Geistesrichtung, die ich selber vertrete, Goetheanismus benennen würde, so darf ich auch heute am Schlusse, um empfindungsgemäß zusammenzufassen, was ich angegeben habe, wiederum hinweisen auf Goethe. Er hat noch nicht Geisteswissenschaft gehabt. Aber wenn er auf das geschichtliche Leben, das ja die Ausgestaltung des sozial-sittlichen Lebens ist, hinblickte und sich klarmachen wollte, was diesem sozial-sittlichen Leben, wie es sich in der Geschichte verkörpert, wenn ich so sagen darf, zugrunde liegt, da kamen ihm merkwürdige Worte, schöne Worte, indem er sagte: Das Beste, was wir von der Geschichte haben, ist der Enthusiasmus, den sie erregt.

Was liegt Wunderbares in einem solchen Ausspruche! Ich sagte, Friedrich Theodor Vischer, der V-Vischer, habe gesagt: Die Leidenschaften, Affekte, das Gefühlsleben kann man nicht verstehen, wenn man den Traum nicht versteht. —- Goethe schaut hin auf das, was in der Geschichte von der Menschheit durchlebt wird, auf den Geschichts-Traum. Er weiß instinktiv, intuitiv, daß die Menschheit träumt, indem sie Geschichte lebt, daß also nicht in den Vorstellungen, die ähnlich sind den naturwissenschaftlichen Vorstellungen, die geschichtlichen Impulse sich ausleben, sondern in dem, was in der TraumesSphäre des geschichtlichen Erlebens sich auslebt. Deshalb ist das Beste, was wir von der Geschichte haben, nicht jene Fable convenue, die in den Geschichtsbüchern steht und die wir heute als die Geschichte verehren, die aber nichts anderes gibt als den Leichnam, den schon getöteten Leichnam, nicht das, was als der Strom der Menschheit im sozial-politischen Werden sich entfaltet.

Und Goethe weiß: Nicht was in den Geschichtsbüchern steht, ist das, was der Mensch als bestes von der Geschichte hat, sondern das, was mit diesem Traum von der Geschichte zusammenhängen kann, eine gute Eigenschaft, eine schöpferische Eigenschaft: der Enthusiasmus, den die Geschichte erregt.

Damit hat er von der einen Seite her erahnend eine große Wahrheit ausgesprochen, eine Wahrheit, die reformatorisch werden muß, wenn die Menschheit über die katastrophalen Ereignisse, wie die der Gegenwart sind, hinauskommen will.

Aber diese Wahrheit läßt sich auf der anderen Seite ergänzen, indem man darauf aufmerksam macht, daß nicht mit ausgeklügelten Begriffen nach dem Muster naturwissenschaftlicher Vorstellungen, wie sie auch schon im neueren sozialen Leben, wie sie in der neueren, auch in der akademischen Sozialwissenschaft leben, daß nicht mit solchen, nach dem Muster der Naturwissenschaft gebildeten Begriffen irgendwie fruchtbar in das sozial-sittliche Leben eingegriffen werden kann, sondern mit Begriffen, die dem Leben selbst viel verwandter, viel inniger mit ihm zusammenhängend sind, mit Ideen, die voll in diesem Leben drinnenstehen, wie sie angestrebt werden von der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft.

Stärkeres als die nicht schöpferischen Ideen in der Geschichte, von denen auch die Historiker träumen, stärkere Kräfte braucht es: Enthusiasmus braucht es. Alles, was bewirken soll, daß die menschlichen Gemeinschaften, daß das sozial-sittliche Leben sich entfalten kann, muß aus einem Enthusiasmus hervorgehen. Aber aus einem rechten Enthusiasmus. Und der rechte Enthusiasmus kann nur der sein, der entsteht, wenn das, was nun nicht naturwissenschaftlich erfaßt, sondern durch Vereinigung des einzelnen Menschen mit dem allgemein übersinnlich Menschlichen durch Imagination, durch Inspiration, durch Intuition erkannt werden kann, wenn das die Seele so erfüllt, daß der sittlich-soziale Enthusiasmus daraus wird.

Wie Goethe auf der einen Seite sagen konnte: Das Beste, was wir von der Geschichte haben, das ist der Enthusiasmus, den sie erregt-, so möchte der Geistesforscher hinzufügen: Die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sucht in das Übersinnliche einzudringen; sie sucht das Ewige, das Unsterbliche, das Freiheitsgemäße im Menschenleben zu erkennen. Doch das Beste, was sie der Menschheit geben will, das wird sein, daß sie den Enthusiasmus einflößen kann und darf, der da gestaltend sein kann für das Höchste, das die Menschheit auf der Erde ausgestalten kann: das sittlich-soziale Leben, die sittlich-sozialen Ideen.

Nach dieser Richtung wollte ich mit diesem letzten Vortrag einige Andeutungen und Anregungen geben, um damit zu zeigen, daß Geisteswissenschaft nicht bloß eine Theorie sein will, sondern eine Kraft, die aus den innersten Impulsen des Lebens heraus mitarbeitet mit dem echten, wahren, mit dem tatkräftigen Menschenleben, wie wir es brauchen. Das zeigt sich in dieser katastrophalen Zeit.

German original of The Science of the Supernatural and Moral-Social Ideas · ← Previous · Next →