Freedom, Immortality and Social Life

GA 72 — 28 November 1917, Bern

Das Wirken der Seelenkräfte im Menschen und Ihr Zusammenhang mit Dessen Ewiger Wesenheit

Vor allen Dingen bitte ich, die beiden Vorträge, die ich heute und übermorgen hier halten werde, als ein zusammengehöriges Ganzes zu betrachten. Obwohl ich mich bemühen werde, jeden einzelnen Vortrag aus sich verständlich zu machen, wird doch manches gerade mit Bezug auf das in Aussicht gestellte Thema nur dadurch zu erreichen sein, daß ein Vortrag den anderen in einer gewissen Beziehung beleuchtet und beide zusammen ein Ganzes werden.

Wenn man nun dasjenige, was den Betrachtungen der beiden Abende und den Betrachtungen, die ich bei früheren Vorträgen in dieser Stadt hier schon anstellen durfte, zugrunde liegt als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, ins Auge faßt, so kann man vielleicht in bezug auf die Empfindungen, welche zahlreiche unserer Zeitgenossen gegenüber dieser Geisteswissenschaft noch hegen, durch einen Vergleich sich ausdrücken, der einem einfallen kann. Das ist: Ich möchte diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in gewisser Beziehung vergleichen mit einem ungeladenen Gast in einer Gesellschaft. Die geladenen Gäste vergleiche ich dabei mit den anderen, gegenwärtig voll anerkannten wissenschaftlichen Richtungen und Strömungen, die gewissermafßen schon dadurch eingeladen sind zum Gesamtgeistesleben der Menschheit in der Gegenwart, daß ja die Menschen durch ihre Bedürfnisse, durch dasjenige, was die äußere Sinneswelt gibt, was sonst das Leben fordert, diese verschiedenen Wissenschaften in ihren Bereich ziehen wollen. Geisteswissenschaft findet sich heute noch innerhalb des Geisteslebens der Gegenwart so ein, als wenn man sie eben nicht gefordert hätte. Allein, einem ungeladenen Gast gegenüber, so unfreundlich, so unzart man vielleicht zunächst ist, einem ungeladenen Gast gegenüber beginnt man nach und nach höflicher zu werden, sogar höflicher als gegenüber den eingeladenen Gästen, wenn man merkt, er hat irgend etwas zu bringen, das man verloren hat, das er gefunden hat. Man hat das vorher nicht gewußt, und man merkt das dann erst.

So ist es wohl mit Anthroposophie, wenigstens nach dem Glauben der wenigen, die sich heute schon voll vertiefen können in das, was Anthroposophie eigentlich gegenüber den großen Aufgaben der Menschheit will. Was Anthroposophie der neueren Kultur, der Kultur der Gegenwart und der Kultur der Zukunft, bringen will, das ist etwas, das im Grunde genommen durch Jahrhunderte, Jahrtausende die Menschen in einer anderen Weise besessen haben, das sie wieder erringen sollen durch Geisteswissenschaft. Instinktiv haben die Menschen dasjenige besessen, aus einem gewissen instinktiven Seelenvermögen heraus, was man nennen kann: ein gefühltes Erkennen des Ewigen in der menschlichen Natur, ein gefühltes Erkennen der eigentlichen Menschenseele und ihrer Geheimnisse. Und nur derjenige, der gegenüber der Geistesgeschichte der Menschheit befangen ist, kann leugnen, daß diese instinktive Erkenntnis ebenso der Menschheit abhanden kommen mußte — die Menschheit ist eben in Entwickelung-, wie ihr in einem gewissen Punkte der geschichtlichen Entwickelung abhanden kommen mußte die mittelalterliche Weltanschauung in bezug auf das Räumliche des Weltenalls, wonach die Erde im Mittelpunkt steht, ruhend, die Sonne und die Sterne sich um sie bewegen. So wie diese räumliche Weltanschauung ersetzt werden mußte durch eine andere, so mußte gegenüber den großen, bedeutsamen und gerade von der Geisteswissenschaft - ich habe das hier oftmals betont - voll anerkannten Fortschritten der Naturwissenschaft weichen das alte instinktive Erkennen von dem Ewigen in der Menschenseele und von denjenigen Kräften, die in der Menschenseele vor allen Dingen dem Menschen am meisten wert sind, von der Erkenntniskraft des freien Willens, über die wir dann übermorgen sprechen werden.

Ich glaube, daß gerade derjenige den eigentlichen Nerv, die tiefste Bedeutung dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft am besten würdigen kann, welcher die großen und bedeutsamen Fortschritte naturwissenschaftlichen Erkennens für den Gesamtfortschritt der Menschheit einsieht und nicht nur dilettantisch sich dazu verhält, sondern das Naturwissenschaftliche bis zu einem gewissen Grade auch erkennt. Doch gerade dadurch, daß die Menschheit dazu geführt worden ist, die Welt zu ergreifen mit naturwissenschaftlichen Methoden und dieses Ergreifen auch auszudehnen eben auf eine Weltanschauung, dadurch ist sie auf der anderen Seite darauf angewiesen, das Seelische nunmehr anders zu suchen, als sie es instinktiv durch Jahrhunderte, ja Jahrtausende gesucht hat.

Naturwissenschaftlich erkennt man nur richtig, wenn man von dem natürlichen Gebiete, das man zu beobachten, zu erforschen hat, das Seelische immer mehr und mehr ausschließt, wenn man immer weniger und weniger einmischt vom Seelischen in dasjenige, was man als Naturbild entwirft. So war es in früheren Zeiten nicht. In früheren Zeiten - man braucht nur, um das einzusehen, ein Kenner des Geistesstrebens früherer Zeiten zu sein — beobachtete der Mensch die Naturerscheinungen, und er fühlte instinktiv, wie durch die Naturerscheinungen Geistig-Seelisches zu ihm spricht. Er sonderte die Naturerscheinungen nicht ab von dem Geistig-Seelischen. Und so bekam er, indem er die Natur beobachtete, an den Naturtatsachen und Naturwesen zugleich geistig-seelisches Leben in sein Seelenleben herein.

Der Mensch wäre nie zur völligen Befreiung seines Wesens gekommen, wenn er nicht den Aufstieg getan hätte zum naturwissenschaftlichen Erkennen. Also dadurch, daß sich die Seele völlig loslöst und im Naturbeobachten nur die Natur als solche gelten läßt, indem sie sich für die Naturwissenschaft loslöst von allem Seelischen in der Natur, dadurch wird die Seele gezwungen, um so stärkere, bedeutsame Kräfte aus ihrem eigenen inneren Seelen- und Geistesquell zu holen, um, abgesehen von aller Naturbetrachtung, abgesehen von allem Sinnesleben, in einer neuen Art in die geistige Welt einzutreten. Wenn etwas nämlich den wirkungsvollsten Anstoß geben muß, anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zu treiben, so ist es das Durchschauen desjenigen, was Naturwissenschaft der Menschheit gebracht hat.

Nun aber beginnt sogleich, wenn der Mensch der Gegenwart, namentlich derjenige, der sich schon daran gewöhnt hat, die Welt nach naturwissenschaftlicher Vorstellungsart zu betrachten, versucht, an das heranzukommen, was nun Geisteswissenschaft, so wie sie sich eben hereinstellen will in die Geistesbewegung der Gegenwart, geltend macht, es beginnt sofort ein sehr Bedeutungsvolles, möchte ich sagen, sich gegen diese Geisteswissenschaft ganz begreiflicherweise geltend zu machen. Und niemand begreift besser als derjenige, der gerade drinnensteht in dieser Geisteswissenschaft, daß diese Geisteswissenschaft gegenwärtig noch Gegner über Gegner haben muß, daß ihr mit allen möglichen Vorurteilen entgegengekommen werden muß. Was diese Geisteswissenschaft erforschen will: das Ewige in der Menschenseele, das Walten der über Geburt und Tod hinausweisenden Kräfte der Menschenseele, also dasjenige, was man zusammenfaßt unter dem Unsterblichkeitsproblem, und auch dasjenige, was man zusammenfaßt unter dem Freiheitsproblem, das ist zwar etwas, worüber zu wissen jeder Mensch ein selbstverständliches Begehren hat. Der Mensch will etwas wissen über die Gegenstände, die den Inhalt der Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, bilden. Aber zu gleicher Zeit, wenn nun gesprochen wird von den Methoden, von der Art und Weise des Forschens, von den Dingen, die zu vollziehen sind, um in das bezeichnete Gebiet einzudringen, dann muß heute noch notwendigerweise, weil allgemeines Verständnis der Sache nicht entgegenkommen kann, ich möchte sagen, nicht nur die Gegnerschaft, sondern der Widerwille sogar vielleicht sich regen.

Und namentlich steht dem rechten Verständnis dieser Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, heute noch entgegen, daß diejenigen, die gern herangehen möchten an die Erforschung dessen in der Menschenseele, was hinter dem gewöhnlichen Bewußtseinsleben liegt, daß sie in allerlei abnormen, in allerlei herabgestimmten Seelenerscheinungen viel lieber dasjenige finden möchten, was gesucht wird, als in dem, worauf eigentlich die wirkliche Geisteswissenschaft weisen muß. Und so kommt es, daß diese wirkliche Geisteswissenschaft oft verwechselt wird mit dem, was ja an sich gewiß außerordentlich interessante, namentlich naturwissenschaftliche Ergebnisse liefern kann, daß Geisteswissenschaft verwechselt wird mit dem, was allerlei traumhafte, somnambule, mediumistische Seelenzustände aus dem unbewußten oder unterbewußten Leben des Menschen, das sich dem gewöhnlichen Bewußtsein entzieht, heraufholt.

Diese Verwechslung ist verhängnisvoll. Sie wird aber noch lange geübt werden, denn es ist ja so, daß der Mensch - ich will das nur einleitungsweise kurz berühren - durch gewisse Umstände in Bewußtseinsverhältnisse kommen kann, bei denen die gewöhnliche Sinneswelt nicht mitwirkt, bei denen auch der gewöhnliche Wille nicht mitwirkt, traumhafte, somnambule, mediumhafte Zustände und so weiter, aus denen er aus einer gewissen Tiefe seines Seelenlebens allerlei heraufholt, was den Menschen absonderlich erscheinen muß und daher interessant ist. Das Absonderliche ist immer interessant, besonders wenn man glauben kann, daß sich — wie es ja in einer gewissen Beziehung sogar richtig ist — durch es ankündigt irgend etwas im Menschen, was über das gewöhnliche Erleben zwischen Geburt und Tod hinausgeht. Allein, gerade wahre Geisteswissenschaft zeigt — und der Sinn desjenigen, was ich in diesem Vortrage werde anzudeuten haben, wird das ergeben -, gerade wahre Geisteswissenschaft zeigt, daß, was durch traumhaft abnorme Geisteszustände, durch Somnambulismus, durch mediumistische Zustände zutage tritt, viel weniger wirklich menschliche Geltung hat als dasjenige, was der Mensch durch seine gewöhnlichen Sinne erfaßt, und dasjenige, worauf er durch seinen gewöhnlichen Willen einen Einfluß hat. Worauf er durch seinen Willen im Alltagsleben einen Einfluß hat, das hängt zusammen mit der menschlichen Wesenheit zwischen Geburt und Tod. Das aber, was durch die angedeuteten Zustände zutage tritt, das ist in einem Tieferen, Niedrigeren der Menschennatur enthalten als selbst die Sinneswelt. Das kommt dadurch zustande, daß die Sinneswahrnehmungen ausgeschlossen, der Wille auch ausgeschlossen werden und untere organische, niedrigere organische Verrichtungen stattfinden, durch die dasjenige, was sich dem Sinnesleben und dem Willen verhüllt, zutage tritt. Das kann aber nicht das volle, ganze Menschliche bezeichnen, sondern nur etwas, was unter der Oberfläche des Menschlichen liegt, während wahre Geisteswissenschaft den Menschen hinaufführen will über die Oberfläche des gewöhnlichen Lebens, über das, was der Mensch so im Alltag und auch in der gewöhnlichen Wissenschaft anstrebt. Allerdings haben diese abnormen Zustände, die zur Beobachtung eines Unbekannten im Menschen dienen, etwas recht Berükkendes; denn dadurch, daß der Mensch in Zustände kommt, die viel mehr mit seinem Leibesleben verknüpft sind als selbst das Sinnesleben, viel mehr in seinen Leib hineingesenkt sind, und namentlich dadurch, daß sich an solche Dinge die Neugier, das Interesse heftet, dadurch erlebt er in solchen Zuständen etwas, das ihn beseligen kann, das ihn geradezu mit einem gewissen inneren Wohlgefallen erfüllt. Und das Lebensgefühl, das sich dann an die inneren Organe heftet, wirkt auch auf den Beschauer hinüber, auf den Beobachter; der glaubt sich diesen Dingen gegenüber sicher, glaubt, er habe etwas Wirkliches vor sich, was er an einem Menschen, den er selber verändert hat, erlebt: während der Geistesforscher zu dem wirklich Ewigen, zu dem über Geburt und Tod Hinausreichenden führt. Er muß zwar auch auf Veränderung der gewöhnlichen Menschennatur verweisen; er muß darauf verweisen, daß man das Ewige nicht mit den Sinnen, auch nicht innerhalb der gewöhnlichen Willenssphäre, die sich nur auf die Außenwelt bezieht, erforschen kann; aber indem er kommt und schildert, was die Menschenseele durchmachen muß, damit sie sich freimacht vom Leibe, damit sie das Seelische nicht nur mit dem Leibe, sondern mit der Seele beobachten könne, da schildert er dann Zustände, gegenüber denen der Mensch Gegenwart aus dem gewöhnlichen Bewußtsein heraus empfindet so etwas wie ein Nicht-auf-sicherem-BodenStehen, wie ein Stehen an einem Abgrunde. Daher scheint er erst recht träumerisch, phantastisch. Der Geistesforscher aber, wenn er von seinen Forschungsergebnissen spricht, ist darauf angewiesen, nicht zu dem Experiment, nicht zu der Beobachtung der äußeren Sinne hinzuführen, wie das der Naturforscher kann, sondern er ist darauf angewiesen, zur Seele selbst hinzuführen. Daher muß dasjenige, was er vorbringt, in gewisser Beziehung einen anderen Wegmachen, als wenn man irgend etwas naturwissenschaftlich erörtert. Wenn man etwas Naturwissenschaftliches erörtert, dann beschreibt man zuerst: Das wird gemacht und das wird gemacht, oder dies ist da, dies ist dort, und daran knüpft man dann seine geistige Verrichtung, seine Vorstellungen, Kombinationen, versucht Gesetze über dasjenige, was da ist, herauszufinden, und dergleichen mehr. Man knüpft dasjenige, was die Seele aus sich heraus zu machen hat, an etwas schon Vorhandenes an.

Diesen Weg muß der Geistesforscher geradezu umkehren. Und das ist dasjenige, was zunächst frappiert, was zunächst paradox erscheint, so paradox erscheint, daß derjenige, der nicht auf die Sache eingehen kann, sagt: Ja, der Geistesforscher behauptet nur, die Dinge seien so; aber er bringt keinerlei Beweise. - Nun, seine Beweise bestehen eben darinnen, daß er zeigt, wie die Seele zuerst die Verrichtungen durchzumachen hat, die rein innerlich seelisch sind, und dann an den geistigen Vorgang, an das Objektive herangehen kann. Während also die gewöhnliche Wissenschaft den Vorgang zuerst hat und nachher zufügt, was die Seele macht, muß der Geistesforscher aus sich selbst das machen, die Seele mit sich allein lassen. Dann holt die Seele solche Kräfte, solche Fähigkeiten hervor, durch die das und jenes als eine geistige Tatsache, die nicht mit Augen gesehen, nicht mit Händen gegriffen werden kann, vor dem Menschen auftritt. In der Aufzeigung des Weges, den Geistesforschung zu nehmen hat, liegen die allergewichtigsten Beweise.

In früheren Jahren, wenn ich hier vorgetragen habe, habe ich einzelnes von den Wegen der Seele ausgeführt, die zu nehmen sind, damit sie wirklich zu dem erwacht, was man schauendes Bewußtsein nennen kann, was man, um den Goetheschen Ausdruck zu variieren, Geistesauge, Geistesohr nennen kann, so daß man das Geistige wirklich schaut; ich habe auseinandergesetzt, was die Seelein sich vorzunehmen hat, wiessiedurch reine Seelenübungen gewissermaßen seelisch in sich dasjenige hervorruft, was der Körper hervorruft, indem er Augen, Ohren aus sich herausorganisiert, und wie dann durch den Besitz solcher Geistesorgane das Geistige wirklich durchschaut werden kann. Um nicht für diejenigen verehrten Zuhörer, welche öfter hier gewesen sind, in Wiederholung zu verfallen, verweise ich für die Einzelheiten, wie die Seele mit sich zuwege gehen muß, um jene starken Kräfte, die sonst in ihrem Unterbewußten ruhen, hervorzuholen, so daß sie das festhalten und schauen kann, auf meine Bücher: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und auf meine «Geheimwissenschaft», auf alle Bücher, in denen geschildert wird, was die Seele zu vollbringen hat, um wirklich mit geistig neuen Organen sich auszurüsten, um das Geistige zu schauen. Allein einiges Prinzipielle möchte ich gerade mit Bezug auf den Weg der Geistesforschung immer vorbringen und möchte daher auch heute etwas darüber sagen, wie der Geistesforscher zu seinen Tatsachen kommt, von denen wir dann noch werden zu sprechen haben.

Für den, der sich nicht wirklich intim befassen kann mit jenen inneren seelischen Übungen, welche die Menschenseele vorzunehmen hat, um das Ewige in sich und in anderen Wesen zu finden, für den hört freilich jene Bequemlichkeit auf, die man hat, wenn man einfach den Menschen in abnorme, mediumhafte oder somnambule Zustände versetzt, um dadurch etwas Absonderliches wahrzunehmen; dieses Bequeme hört auf. Und dann, wenn der Mensch unvorbereitet herantritt an dasjenige, was gefordert wird an seelischen Übungen, um den Geist und sein Leben wirklich zu schauen, dann, ja dann hört das Interesse, von dem ich eingangs gesprochen habe, auf. So daß man sagen kann: An den Gegenständen, die die Geistesforschung erkennen will, hat jeder einzelne Interesse. An der Vorstellungsart, an der Methode weniger. Dasjenige, was der Geistesforscher zu tun hat, um in die wirkliche Geisteswelt einzudringen, das ist nicht so kurzweilig, interessant, die Aufmerksamkeit herausfordernd, wie die Erlebnisse des Somnambulen, oder wie die Erlebnisse des Mediums für den äußeren Beobachter zunächst sind. Nein, man darf schon sagen, so paradox das klingt: Dasjenige, was die Seele vorzunehmen hat, um ihre allerwertesten, geschätztesten, allerhöchsten, ihre ewigen Geisteswerte zu erforschen, das ruft zunächst sogar Abneigung hervor, es ruft Interesselosigkeit hervor. Man wird zunächst finden, daß die Seelenübungen, von denen der Geistesforscher spricht, vielleicht zuerst aus Neugierde von dem oder jenem vollführt werden, aber dann leicht und bald langweilig gefunden werden. Und langweilig, nicht des Interesses wert, wird oftmals auch das gefunden, was in der Seele vorzunehmen ist, um zum Ewigen, zum Inhalt des unsterblichen Wesens in der Seele zu kommen. Zuerst ist es - namentlich wenn der Mensch gewahr wird durch Verstärkung der Gedanken, durch eine Umänderung der Gefühle, von der ich nachher noch sprechen werde, wenn der Mensch gewahr wird, er kommt an den Rand derjenigen Welt, die man als geistige Welt bezeichnen kann-, zuerst ist es Furcht vor dem Unbekannten. Der Mensch läßt ab von seinem Eindringen in diese Welt, weil er Furcht vor dem Unbekannten hat. Er wird sich nicht bewußt dieser Furcht; aber die unbewußte Furcht ist deshalb nicht minder eine Furcht. Dann macht sich geltend - ich werde heute noch Beispiele dafür anführen — eine Abneigung, geradezu ein Haß.

Das sind ganz erklärliche Erscheinungen. Überwindung ist daher notwendig. Ein eigenes Seelendrama muß derjenige durchmachen, welcher wirklich durch seine Seele in die geistige Welt eindringt. Und man kann sagen: Wenn sich doch Menschen finden, die zunächst ohne weiteres eindringen, sich interessieren für das Langweilige der geistigen Übungen, von denen der Geistesforscher spricht, so ist es deshalb, weil durch einen gewissen Umschlag in der menschlichen Aufmerksamkeit und im menschlichen Interesse dasjenige, was ganz langweilig ist, durch seine Langweiligkeit zuletzt interessant wird. Durch solche seelischen Übungen, dadurch, daß die Gedanken verstärkt werden, die Gefühle und auch der Wille eine andere Richtung bekommen, als sie für das gewöhnliche Leben und für die gewöhnliche Wissenschaft haben, dadurch gelangt die Seele dazu, eigentlich erst wirklich zu erkennen, wie sie sich des Leibes bedient, um die Erinnerungen des gewöhnlichen Bewußtseins hervorzurufen, um im gewöhnlichen Dasein zu leben.

Prinzipiell will ich heute etwas hervorheben, was als erstes im Geistesforschen auftreten kann, gewissermaßen als der Weg zum inneren seelischen Experiment, das dann den Eintritt in die Geisteswelt eröffnen kann. Der weitere Verlauf meiner Auseinandersetzungen wird das mehr oder weniger Berechtigte dessen, was ich da erzähle, schon darlegen.

Wenn man mit seinem Erleben in dem gegenwärtigen Augenblick oder im gegenwärtigen Tage steht, so kann man überhaupt nicht an dasjenige in der Seele heran, das zum Ewigen gehört. Was der Geistesforscher zunächst bemerkt, wenn er wirklich seine Seele so verstärkt, daß sie unabhängig vom Leibe wahrnehmen kann, das ist, daß der Mensch in seinem gewöhnlichen Alltagsleben ungemein abhängig ist von einer gewissen weiterverbreiteten Gegenwart. Man gebraucht immer den Leib, um dasjenige zu erleben, was man erlebt. Und man kann sagen: Wenn man nur Gegenwärtiges erlebt, nur dasjenige, was sich in der Gegenwart um uns herum befindet und abspielt, dann ist man ausgeschlossen von seinem seelischen Erleben, so wie man ausgeschlossen ist vom Erleben des Tages, wenn man in tiefem, traumlosem Schlaf liegt. So sonderbar und paradox es klingt, das Seelische, das eigentlich Ewige in der Menschennatur, verschläft der Mensch durch jenes Erleben, das ihm die Gegenwart durch seine Sinne und durch seinen gewöhnlichen Willen darbietet. Der Mensch verschläft sein Seelisches. Schlaf dehnt sich gründlich in das Tagesleben herein.

Wie ist das eigentlich? Das ist so: Derjenige, der die Gabe der Selbstbeobachtung entwickelt — sie muß erst entwickelt werden, sie ist im gewöhnlichen Bewußtsein nicht ohne weiteres vorhanden -, der merkt, daß er überhaupt dasjenige, was er heute erlebt hat, was er auch noch gestern erlebt hat, gar nicht in einer solchen Weise in die Seele hereinbringen kann, daß er es im Lichte des Ewigen aufzufassen in der Lage ist. An dem, was wir gegenwärtig erleben, wirkt immer unser Leibliches mit. Erst wenn wir, das zeigt die innere Erfahrung der Selbstbeobachtung, zwei bis drei Tage über irgendein Erlebnis hinaus sind, wenn ein Erlebnis, eine Beobachtung, irgend etwas, was wir im gewöhnlichen Tagesleben durchgemacht haben, zwei bis drei Tage vorüber ist, erst dann ist das in der Seele in einen solchen Zustand gekommen, daß man es in seiner eigentlichen seelischen Natur erkennt. Vorher, bevor zwei bis drei Tage vergangen sind, ist dasjenige in uns, was dieses Seelische auffaßt, im Erleben noch so durchsetzt von den Sinnesimpulsen, von den aus dem inneren Leibe kommenden Impulsen, daß wir unfähig sind, manches auszusondern, unfähig sind, irgendein Erlebnis so zu fassen, wie es in der Seele, und nur in der Seele als Seele lebt. Wir müssen darum in der Regel darauf verzichten, dasjenige, was wir in der Gegenwart erleben, auf seinen seelischen Gehalt hin zu prüfen. Aber das Eigentümliche stellt sich heraus, wenn nun alles Leibliche, alles das, was aus den Sinnen nachklingt, was vom Inneren des Leibes aus in den Leibesempfindungen noch wirkt, wenn das weg ist und die Sache nur noch Erinnerung ist — erinnern können wir uns natürlich an irgendein Erlebnis in einer unbestimmten Weise-, wenn die Sache nur noch Erinnerung ist, dann können wir den eigentlichen aktiven Anteil, den die Seele an dem Erlebnisse genommen hat, nicht mehr so unmittelbar zurückrufen. Wir können uns an das Erlebnis erinnern, allein wir können dieses Erlebnis nicht so vor uns haben, wie wir ein gegenwärtig Erlebtes verarbeiten. Aber ohne daß wir das können, ohne daß wir uns in etwas, das sich durch zwei bis drei Tage von uns gelöst hat, so einleben, daß wir es so lebendig erleben, wie ein gegenwärtiges Ereignis, ohne das können wir überhaupt nicht an das Seelische, Ewige heran. Jedoch man täuscht sich sehr, wenn man glaubt, daß etwas, was zwei bis drei oder mehr Tage oder Jahre zurückliegt und erinnert wird, so erlebt werden könnte, wie ein gegenwärtiges Ereignis. Nicht nur abgeblaßt ist es, sondern vor allen Dingen jene unmittelbare innere Aktivität, welche die Seele in einem gegenwärtigen Ereignisse entfaltet, die kann sie nicht entfalten, wenn sie einem vergangenen Ereignisse gegenübersteht. Ihre eigene Aktivität verschläft die Seele gegenüber dem vergangenen Erlebnis. Das vergangene Erlebnis kommt als Bild herauf. Aber dasjenige, was man in der Gegenwart erlebt, das kommt nicht mit herauf. Das muß aber herauf erweckt werden. Man kann dasjenige, was da zu erleben ist, gegenüber jedem lang zurückliegenden Ereignisse oder Erlebnisse entwickeln, wenn man glücklich genug dazu ist. Am besten tut man, falls man nicht zufällig Geistesforscher ist, wenn man sich nicht darauf einläßt, sehr weit zurückliegende Erinnerungen ins Auge zu fassen, sondern eben die kurzgespannten von zwei bis drei Tagen nimmt, weil man dasjenige, was zu erreichen ist, dadurch am ehesten erreicht. Nimmt man ein Ereignis, das zwei bis drei Tage zurückliegt, so ist es am besten, wenn man ein solches Ereignis wählt, das schon deshalb erlebt worden ist, um in dieser Weise zum Ewigen in der Seele hinzuführen. Die gewöhnlichen Erlebnisse tun das gar nicht. Deshalb wird der Geistesforscher genötigt sein, dasjenige auszuführen, was man Gedanken-, Gefühlsübungen nennt. Durch diese Gedanken-, Gefühlsübungen, zum Beispiel dadurch, daß man sich auf Gedanken viel länger konzentriert, als man das im gewöhnlichen Erleben sonst tut, ist man in der Lage, namentlich innerlich Seelisches schon im Anfange zu erleben, früher, als sonst die Menschen es erleben. Und dann kommt man in die Lage, wenn wir, wie gesagt, den kürzesten Zeitraum ins Auge fassen - nach zwei bis drei Tagen kann das der Fall sein-, daß man wirklich zurückblickt jetzt durch die gewöhnliche Erinnerung über diese zwei bis drei Tage.

Also verstehen wir uns wohl: Der Geistesforscher kommt nach einiger Zeit dazu, dasjenige, was die letzten zwei bis drei Tage ihm an Erlebnissen gebracht haben, wie in einem Tableau anzuschauen. Das ist notwendig. Es ist notwendig, daß man wirklich das gegenwärtig macht, was man die letzten zwei bis drei Tage erlebt hat. Was man da in den letzten zwei bis drei Tagen erlebt hat, in dem wird man, wenn man sich also durch die nötige Selbstbeobachtung geübt hat, überall verspüren, wie da leibliche Organe noch mitwirken. Zwar können, wenn man sich gewöhnt hat, im Seelischen zu leben, die Erinnerungen über diese zwei bis drei Tage wie im Augenblick ablaufen, so daß man vor sich hat ein Bild dieser zwei bis drei Tage. Aber in diesen zwei bis drei Tagen ist es nicht so, daß man die Seele losgelöst vom Leiblichen vor sich hat, sondern man hat für das, was man erinnert aus diesen zwei bis drei Tagen, die Seele zwar vor sich, aber überall infiziert, überall beeinflußt von dem Leibeserleben. Es ist nur wie ein über diese zwei bis drei Tage ausgebreitetes und schnell wirkendes Gedächtnis.

Anders wird es mit Bezug auf das Ereignis, das dann zwei bis drei Tage zurückliegt. Hat man sich fähig gemacht, nachdem man die zwei bis drei Tage so überschaut hat, wie ich es geschildert habe, hat man sich fähig gemacht, dieses Ereignis nun wirklich zu durchleben wie ein gegenwärtiges, dann lebt man in einem Seelischen.

Sie sehen, ich schildere Ihnen nichts Abstraktes, nicht Begriffsgespinste, sondern ich schildere Ihnen, wasdieSeele mit sich selber vornimmt, um zunächst durch einen gewissen Zeitenlauf loszukommen von demjenigen, was man nicht seelisch bloß erleben kann, und zurückzukommen zu etwas, was seelisch nunmehr erlebt werden kann. Es muß allerdings das Seelenleben verstärkt sein; so daß man bei etwas, was sich nun eben im Lebenslauf zwei bis drei Tage zurück befindet, wirklich seelisch drinnenstehen kann. Dann weiß man, was diese zwei bis drei Tage im inneren seelischen Erleben beim Menschen überhaupt bedeuten.

Dadurch lernt man etwas erkennen, was man nur auf diese Art erkennen lernen kann. Man lernt erkennen, daß dasjenige, was wir in der Gegenwart seelisch durchmachen, sich alles loslöst vom Leibe, sich alles vergeistigt und erst nach zwei bis drei Tagen wirklich vergeistigt ist. Aber dann ruht es für das gewöhnliche Bewußtsein so in Bewußtseinsfinsternis, daß der Mensch es verschläft, wenn er sich nicht vorbereitet hat, nun drinnen zu leben. Hat er sich aber vorbereitet, so weiß er, daß er jetzt bei seiner schaffenden Seele ist, bei dem, was seine Seele sonst nicht erlebt hat: Er befindet sich in einem rein geistig-seelischen Erlebnis drinnen.

Natürlich kann das für weiter zurückliegende Erlebnisse gesucht werden; aber dann steht man vor der bedeutsamen Notwendigkeit, alles dasjenige, was sich zugetragen hat bis zu diesem weiter, vielleicht jahrelang zurückliegenden Erlebnis, wirklich gedächtnismäßig wie in einem Tableau zu durchschauen. Das ist natürlich viel schwieriger als dasjenige, was sich die letzten zwei bis drei Tage zugetragen hat und was man versucht, sorgfältig im Gedächtnis wiederum zu rekonstruieren. Erst wenn man dies absolviert hat, erst es Stück für Stück zurückverfolgt hat und in der Seele noch so viel Kraft zurückbehalten kann, um dasjenige zu erleben, was dann auftritt, weiß man durch unmittelbare Erfahrung: Jetzt hast du das in deiner Seele ergriffen, was nur seelisch ist, was in dir zwar wirkt, aber im gewöhnlichen Bewußtsein gar nicht auftritt. Im gewöhnlichen Bewußtsein wirkt selbst die Erinnerung nicht so, daß irgend etwas mit der Lebendigkeit herantreten würde, die notwendig ist, um es als Seele zu erleben. Dasjenige, was die Erinnerungen zutage fördert, daran wirkt immer das Leibliche mit. Die Gedächtniskraft ist an das Leibliche zunächst gebunden, wenn auch nicht dem Leiblichen verdankt.

Damit habe ich Sie hingewiesen darauf, daß durch eine ganz bestimmte innere Erfahrung, durch etwas, was man sorgfältig vorbereiten, wozu man sich sorgfältig innerlich erziehen muß, das eigentlich Seelische im Menschen entdeckt wird. Wenn man dieses eigentlich Seelische entdeckt hat, so weiß man: Dieses Seelische ist in dir. Man weiß: Wenn man wiederum die Möglichkeit hat, an dieses selbe Seelische heranzutreten, dann ist es da. Denn man weiß, indem man es entdeckt: Dieses Seelische ist jetzt unabhängig von allem Sinnlichen. Das Sinnliche wirkt nur mit bis in die Zeit zurück, zu der man kommt, wenn man dieses entdeckt. Dieses Seelische ist jetzt da, unabhängig geworden von dem Sinnlichen, dieses Seelische ist jetzt unabhängig vom Willen auch geworden, ist nicht an die äußeren Bewegungsorgane des Menschen gebunden. Man weiß, indem man dieses Seelische ergreift: Was da mit der Eigenschaft der Dauer ergriffen ist, das ist dasjenige, was in sich diese Dauer so greift, daß der Mensch es durch den Tod hindurchträgt. Das ist dasjenige, was des Menschen Ewiges in seiner Natur ist. Und man weiß jetzt, warum dieses Ewige sich dem gewöhnlichen Alltagsbewußtsein entzieht, weil dieses Alltagsbewußtsein sich nur mit Hilfe des Leibes entwickelt, weil dasjenige, was sich nicht mit Hilfe des Leibes entwickelt, von diesem gewöhnlichen Alltagsbewußtsein nur so erlebt wird, wie erlebt wird der Tiefschlaf. Wie wenn man aus dem Tiefschlaf heraufholen würde Erlebnisse, die so dumpf sind — da sind sie ja-, daß sie das gewöhnliche Bewußtsein eben nicht wahrnimmt, so hebt man aus dem inneren Quell des Seelischen heraus dasjenige, was eben gefunden wird auf die Art, wie ich es geschildert habe.

Man kann sagen: So etwas ist die erste Stufe des Lebens des Seelischen, was schon etwas gibt, unmittelbar, nicht begrifflich etwa bloß, sondern es gibt unmittelbar Anschauung des Seelischen. Man hat dasjenige vor dem schauenden Bewußtsein, das durch die Pforte des Todes geht. Und indem man dieses hat, weiß man, daß der Mensch, indem er unmittelbar drinnen lebt in einem Seelischen, mit diesem Seelischen nicht auf die Gegenwart angewiesen ist; man weiß, daß dieses Seelische durch sich die Dauer hat und daß es hervorruft dasjenige, was der Mensch nun miterlebt.

Wenn nun der Geistesforscher Ihnen dasjenige schildert, was mit dem Tode eintritt, so schildert er das nicht aus der Phantasie heraus, sondern indem er dasjenige fortsetzt, was ich eben jetzt ausgeführt habe. Er weiß: Das Seelische, indem es sich befreit von dem Leiblichen, braucht zwei bis drei Tage Rückschau, bevor es in sich selber, in seine eigene Wesenheit eintritt. Er lernt so in der eigenen Seele kennen, was die Seele erlebt, indem sie durch die Pforte des Todes tritt. Er lernt erkennen, wie diese Seele, indem sie durch die Pforte des Todes geht, noch eine zwei bis drei Tage dauernde Rückschau hat, ein Lebenstableau; wie diese Rückschau dann hinunterzieht; wie die Seele dann, zwei bis drei Tage nach dem Tode, nachdem sie völlig frei geworden ist von dem leiblichen Erleben, wenn sie in das eigentliche seelische Gebiet eintritt, in demselben Element lebt, in dem der Geistesforscher lebt in den zwei bis drei Tagen, wenn er jenes innerliche Experiment durchführt, von dem ich Ihnen gesprochen habe.

Diese Seelenübungen, die dazu führen, das Seelisch-Geistige und die seelisch-geistige Umwelt zu erleben, Sie können sie durchaus in den angeführten Schriften «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft» finden. Sie können von jedem ausgeführt werden, müssen es aber nicht. Ich muß immer wieder und wieder betonen: Der Geistesforscher führt an dasjenige heran, was getan werden muß von der Seele, um zur geistig-seelischen Welt heranzugelangen; aber es ist nicht notwendig, daß man selber durchaus diese Übungen durchmacht, wenn man Überzeugung für die Wahrheit dessen haben will, was die Geistesforschung zutage fördert. Der Geistesforscher selber, so sonderbar es klingt, hat von dem, was er durch seine Übungen erreicht, von dem, was ihm die eigentliche Geistesforschung gibt, von diesem Hineinschauen in die geistige Welt, er hat davon nicht irgend etwas für sein Ewiges, sondern erst dadurch hat er für sein Ewiges etwas, daß er imstande ist, dasjenige, was er so als Seelisch-Geistiges schaut, umzuwandeln in die gewöhnlichen gangbaren Begriffe des gesunden Menschenverstandes. Der gesunde Menschenverstand kann dasjenige verstehen, was der Geistesforscher zu sagen hat, wenn er das in Begriffe, in Vorstellungen umwandelt, was er in der geistigen Welt erschaut.

Dieser gesunde Menschenverstand muß sich nur freimachen von all den Vorurteilen, die heute noch so bergehoch aufgetürmt werden gegenüber dem wirklichen Verständnis. Aber auf der anderen Seite ist es eine Forderung des heutigen Menschen, nicht bloß auf den guten Glauben hin irgend etwas für wahr zu halten, sondern sich bis zu einem gewissen Grad von allem selbst zu überzeugen. Deshalb muß es heute Schriften geben, die es auch jedem ermöglichen, wie die gesagten Schriften es tun, dasjenige nachzuprüfen, was der Geistesforscher sagt. Allerdings, die Einwände, die sehr häufig gemacht werden von den Menschen, die sich berufen glauben zu urteilen, treffen, soweit es nur möglich ist, daneben. Da wird etwa gesagt: Wenn ein Geistesforscher davon spricht, wie er oder diejenigen, die von ihm zur Geistesforschung gebracht werden, wirklich in den Geist hineinschauen, wie sie das Geistig-Seelische des anderen Menschen beobachten, dann mögen sie es uns einmal zeigen. Wir bringen ihnen einige Menschen, sie sollen nichts wissen von dem, was in dem Seelisch-Geistigen dieser Menschen vorgeht, aber sie sollen mit der Geistesschau diese Menschen beobachten. Dann werden sie ihre Aussagen machen können. Wenn diese zutreffen, dann werden wir glauben.

Es ist sehr merkwürdig, daß dieser Einwand gemacht worden ist — ich habe ihn in meinem Buch «Von Seelenrätseln» am Schlusse besprochen -, daß er immer wieder aufgetreten ist, während die Geistesforschung jedem die Möglichkeit gibt, nachzuforschen und sagt: Das und das kann getan werden; von alledem, was der Geistesforscher behauptet, kann man sich selbst überzeugen. Statt sich zu überzeugen auf diese Weise, fordert man von ihr, was alle Geistesforschung vernichten muß. Denn dasjenige, was beobachtet werden soll von der Seele, das entzieht sich immerfort, wenn irgendwelche Unfreiheit an die Seele herantritt, wenn irgendwelcher Zwang an sie herantritt, wenn nicht dasjenige, was sie an Kräften entfaltet, aus ihrem eigenen Inneren hervorgeht. Durch die Möglichkeit der Beobachtung äußerer Experimente kann man das nicht; jeder kann es nur sich selbst gegenüber. Wenn er sich aber anstrengt, wird er zu demselben kommen, wozu der Geistesforscher kommt. Die äußere Veranstaltung dazu, das Experiment, das ist etwas, was ebenso die Fähigkeiten des Geistesforschers vertreiben muß, wie das Leben vertrieben wird, wenn man den Organismus zerschneidet. So sonderbar dies klingt, es ist so.

Ich habe Sie darauf geführt, wie das Seelische erfahren werden kann. Natürlich ist das nur ein Anfang. Solche Übungen müssen fort und fort immer wiederholt werden. Man kommt immer weiter und weiter, bis endlich ein Geistgebiet mit Wesenheiten um einen da ist, wie vor den Sinnen die Sinnenwelt ausgebreitet ist. Aber dieses geistige Erfassen, es hat eben besondere Eigentümlichkeiten. Und einige dieser Eigentümlichkeiten will ich noch anführen. Zunächst, wenn der Geistesforscher ein Erlebnis hat, hinschaut auf dieses Erlebnis, dieses Erlebnis gewahr wird, könnte man nun glauben, solch ein Erlebnis, das müsse sich ebenso verhalten zu dem Menschen, wie sich irgendein anderes Erlebnis der äußeren Sinneswelt verhält. Das ist nicht der Fall. Es zeigt sich, daß, wenn der Geistesforscher ein solches Frlebnis hat, er es nicht ins Gedächtnis, ins gewöhnliche Gedächtnis hereinbringen kann. So wie man über das gewöhnliche Gedächtnis, wie ich es gezeigt habe, durch zwei bis drei Tage hinausgehen muß, so kommt man auch aus dem Gedächtnis heraus, wenn man in die geistige Welt hineinkommt. Man kann nicht, wenn man einmal ein Geistiges geschaut hat, es ohne weiteres dem Gedächtnis einverleiben, so daß man sich an dieses geistige Erlebnis erinnert. Man muß es immer wiederum hervorrufen. Sie müssen das wohl verstehen: Wenn es dem Geistesforscher gelingt, seine Erlebnisse in Vorstellungen, in Begriffe hereinzubringen, hat er die Begriffe, wie die gewöhnlichen sind; an die kann er sich selbstverständlich erinnern. Aber das ist nicht das geistige Erlebnis, das ist das begriffliche Abbild. Daran kann man sich erinnern. Aber an das geistige Erlebnis kann man sich nicht zurückerinnern. Geistige Erlebnisse sind Tatsachen, die in der geistigen Welt drinnenstehen. Man kann sie anschauen, aber sie haften nicht im Gedächtnis. Wenn der Geistesforscher ein solches Geisteserlebnis noch einmal oder wiederholt haben will, dann ist es nicht ausreichend, daß er einfach die Kraft, die er sonst für eine Erinnerung aufwendet, wieder aufbringt; das führt ihn zu gar nichts. Sondern er muß dieselben inneren Seelenveranstaltungen wieder in sich veranlassen, er muß genau dasselbe vornehmen, was er vorgenommen hat, um zu dem Erlebnis zu kommen. Dann kann er an dasselbe Erlebnis herantreten. Dies, daß ein geistiges Erlebnis sich nicht der Erinnerung einprägt, daß man es nur wieder erleben kann durch jene inneren Seelenveranstaltungen, das ist ein Beweis dafür, daß dasjenige, was wirklich im Geiste lebt, Dauer hat, nicht durch den Tod vernichtet werden kann. Es hat Dauer.

Also durch die Art und Weise, wie der Geistesforscher erlebt, beweist sich die Unabhängigkeit des Geistig-Seelischen vom Leiblichen. Der Geistesforscher würde sofort überzeugt sein müssen, daß ebenso, wie seine Sinneswahrnehmungen mit dem Tode dahin sind, ebenso, was er vom seelischen Erleben hat, mit dem Tode dahin sein müßte, wenn er sich daran erinnern könnte. Denn auch diejenigen Kräfte, die an das Erinnern gebunden sind, hängen an dem sterblichen Leibe. Das Unsterbliche trifft man erst dann, wenn man jenseits desjenigen ist, was Erinnerung ist.

Noch ein sonderbares Erlebnis möchte ich anführen, ein Erlebnis, das gerade sehr viele, die seelische Übungen machen, frappiert. Wenn man irgendwie im gewöhnlichen Leben sich anschickt und immer wieder und wiederum etwas durchführt, so gibt das eine gewisse Übung. Man kann es immer besser. Dem geistigen Erlebnisse gegenüber ist das merkwürdigerweise umgekehrt: Hat man einmal recht lebhaft, so recht lebendig eine geistige Schau, hat man hineingesehen in irgend etwas, was geistige Dauer hat, und man möchte es ein zweites Mal, ein drittes Mal herbeiführen, so zeigt es sich schwer und immer schwerer, und man muß dann stärkere Anstrengungen machen. Da gibt es nichts von Übung, nichts von Gewohnheiten; man muß stärker und stärker sich anstrengen, um es wiederum zu bekommen. Das geistige Erlebnis flieht uns gewissermaßen, wenn wir es einmal gehabt haben.

Das frappiert viele aus einem bestimmten Grunde: Wenn nämlich jemand zum ersten Mal an ein geistiges Erlebnis herankommt, so hat er viele Reservekräfte in sich, vieles ist aufgespeichert, was bisher geschlafen hat und jetzt aufgeweckt ist zur geistigen Schau. Da kann er unter Umständen sehr lebendig ein geistiges Erlebnis haben. Wenn er dann noch nicht genügend vorbereitet ist, noch nicht genügend reif ist und gleich Veranlassung nimmt, es wieder zu machen - vorher machte er es mehr durch seine Reservekraft, aus dem Unterbewußten heraus, als voll bewußt -, dann kann er das nicht mehr, und er ist vielleicht sehr unglücklich darüber, weil er vor allen Dingen das Erlebnis haben will. Und er scheut oftmals die Mühe, sich stärker zu üben und seelisch in größere Aktivität zu kommen, um wieder die Veranlassung dazu geben zu können, die dieses Erlebnis herbeiführen kann. Also Sie sehen, gerade das Umgekehrte gilt von dem, was uns im gewöhnlichen Leben so wichtig ist. Daß man sich Kenntnisse aneignet, um Dinge zu wiederholen, davon kann gar nicht die Rede sein, wenn es Seelenerlebnisse angeht. Die Seelenerlebnisse sondern sich immer mehr und mehr, je weiter wir an sie herandringen, von dem Leiblichen ab und zeigen gerade dadurch ihre seelisch-geistige Eigentümlichkeit.

Ferner ist ein unbedingtes Erfordernis, daß man darauf achtet, wenn man geistige Erlebnisse haben will, mit seinem Begriffs-, mit seinem Vorstellungsleben auf diese geistigen Erlebnisse vorbereitet zu sein. Man kommt in eine geistige Unklarheit hinein, die nicht pathologisch ist, sondern nur eine seelische Unklarheit ist, aber die einen zu allerlei Illusionen führt, wenn man ein geistiges Erlebnis hat, das man nicht mit Begriffen erfassen kann, das man nicht begreifen kann. Man muß also versuchen, sein Begriffsvermögen reif und immer reifer zumachen, bevor man an das geistige Erleben herangeht. Geradeso, wie man ein reifes Augebraucht, um Farben wahrzunehmen, so braucht man ein reifes Vorstellungsvermögen, um dasjenige, was einem geistig entgegentritt, wirklich erfassen zu können.

Dasjenige, was also der Geistesforscher schildert, kann in allen Einzelheiten durch den gesunden Menschenverstand begriffen werden, wenn man das Leben betrachtet, wenn man vergleicht dasjenige, was der Geistesforscher zu sagen hat, mit dem, was das Leben alltäglich darbietet. Man braucht nicht selber Forscher zu sein; und der Forscher selber hat nur dann die Früchte seiner Forschung, wenn er umwandeln kann seine geistigen Schauungen in gewöhnliche verständliche Vorstellungen, die er sich selber so mitteilt, wie er sie einem anderen mitteilen kann. Verstehen muß diese Vorstellungen auch der geistige Forscher durch seinen gesunden Menschenverstand. So kann sie auch ein anderer verstehen. Dasjenige, was der Okkultist hat von den Ergebnissen, den Früchten der Geistesforschung, das kann der Mensch haben, ohne daß er selbst ein Geistesforscher ist. Nur, um sich zu überzeugen, daß die Dinge wahr sind, braucht man die geistige Forschung.

Nun kann, möchte ich sagen, gegen die praktische Bedeutung der geisteswissenschaftlichen Ergebnisse ja allerdings manches eingewendet werden. Und indem ich einige geisteswissenschaftliche Ergebnisse gerade mit Bezug darauf bespreche, muß ich natürlich Anspruch darauf machen, daß dieser andere Weg der Geistesforschung in Erwägung gezogen wird. Erst muß in der Seele die Veranstaltung gemacht werden, dann kommt man zu der Tatsache der Ergebnisse. Der Forscher sagt nicht: Das ist so oder so -, sondern: Wenn man die entsprechenden Veranstaltungen macht in der Seele, kommt man zu geistigen Tatsachen, die sich so und so darstellen. — Die Beweise liegen in der Art des Forschens. Ich kann natürlich nicht in einer kurzen Stunde ganz genau all diese Dinge vorbringen, man müßte nicht nur zehn Vorträge halten, sondern einen über viele Monate gehenden Kursus, um dasjenige zu geben, was dabei zu geben wäre. Daher kann es sehr verständlich sein, wenn man findet, daß der Geistesforscher zwar elementar andeutet, wie der Weg ist, dann aber Rätsel darlegt, die wie aus der Luft geholt sind. Das sind sie aber nicht, sondern wenn der Weg richtig fortgesetzt wird, mit wissenschaftlicher Exaktheit, wie nur je eine neuere Wissenschaft mit ihren Rätseln ringt, kann in derselben Exaktheit auf geistig-seelische Art geforscht werden.

Zunächst möchte ich eine solche Lebenstatsache, einen solchen Lebenszusammenhang dadurch erwähnen, daß ich auf die Aussagen derjenigen Menschen mich beziehe, die immer wieder und wiederum sagen, aus den Vorurteilen und Vorempfindungen der Gegenwart heraus, was ungefähr so lautet: Wozu denn das erforschen, was über den Tod hinausliegt? Wozu denn dieses Ewige in der Menschenseele erforschen? Wenn der Tod herantritt, werde ich schon sehen, wie sich die Sache verhält, ich kann das ruhig abwarten. — Nichts ist unrichtiger als dieses. Geistesforschung zeigt, wenn sie mit den Seelen, die nach dem Tode die Unabhängigkeit vom Leibe erlangt haben, zusammentrifft, daß diese Seelen in solch einer Umgebung leben, wie sie sich diese Umgebung selber zwischen Geburt und Tod zubereitet haben. Hier in der Sinneswelt leben wir in der sinnlichen Umgebung. Diese sinnliche Umgebung tritt an uns heran. Nach dem "Tode leben wir als Seele in demjenigen, was wir uns zwischen der Geburt und dem Tode zum Bewußtsein gebracht haben über das Geistige. Und dasjenige, was nicht da war für uns zwischen der Geburt und dem Tode, ist für uns keine Außenwelt nach dem Tode. Unsere Innenwelt - das wird ein großes Gesetz der geistigen Erkenntnis -, insofern wir sie als eine geistige bewußt durchschaut haben, erkannt haben nicht durch Geistesschau, sondern indem wir durch den gesunden Menschenverstand dasjenige anerkannt haben, was die Geistesschau bringt, das wird unsere Außenwelt. Und nur das haben wir als Außenwelt nach dem Tode, was wir als Innenwelt gehabt haben zwischen Geburt und Tod.

Eignen wir uns zwischen Geburt und Tod nur Vorstellungen an, die mit der äußeren Sinneswelt zusammenhängen, oder Vorstellungen, die nur am Stofflichen hängen, dann muß unsere Umgebung nach dem Tode gezimmert sein von solchen Vorstellungen. Da ich zeigen möchte, daß Geisteswissenschaft zu konkreten, zu wirklichen Resultaten gelangt, will ich nicht davor zurückscheuen, dasjenige auszusprechen, was heute noch so lächerlich gefunden wird von sehr vielen, wie lächerlich befunden wurde die Kopernikanische Weltanschauung, als sie auftrat; aber die Dinge müssen ausgesprochen werden. Wenn wir uns nichts anderes aneignen zwischen der Geburt und dem Tode als Vorstellungen, die nur der Sinneswelt entnommen sind, die dem Leben in der äußeren Sinneswelt entnommen sind, dann ist das unsere Innenwelt während des physischen Lebens und wird dann unsere Außenwelt sein nach unserem Tode. Und die Folge davon ist, daß diejenigen Seelen, die sich nicht bemüht haben, bewußt sich zu werden, daß hinter der Sinneswelt die geistige Welt ist, nach dem Tode so lange gebannt sind in die irdisch-sinnliche Sphäre, bis sie sich nach dem Tode, wo es viel schwieriger ist, freigemacht haben von dem Glauben, daß es keinen Geist gibt, von der Gewohnheit, nicht auf das Geistige hinzuschauen. Eine geistige Umwelt anderer Art zu haben, als es die irdisch-materielle ist, kann nur erworben werden dadurch, daß wir durch den Tod gehen mit Vorstellungen, die sich bewußt sind, daß es eine geistige Welt gibt. Daher werden Seelen, welche sich dieses Bewußtsein nicht erwerben, nach dem Tode in der Erdensphäre festgehalten werden. Sie können da gefunden werden von denjenigen, die sich durch Geistesforschung den Weg dazu gebahnt haben.

Und was noch viel tiefer in die Seele sich einprägt an dieser Tatsache, das ist das andere: Man lernt erkennen, wenn man die Seelen findet auf dem angedeuteten Weg, daß diese Seelen in der irdischen Sphäre nur dann günstig wirken, wenn sie auf diese irdische Sphäre durch den Leib wirken. Hier in der Erdensphäre sind wir durch den Leib in das richtige Verhältnis zur Umgebung gesetzt. Bleiben wir nach dem Tode in derselben Umgebung, wie die angedeutete Tatsache zeigt, dann wirken wir zerstörend. Dann sind wir in falscher Weise eingeschaltet. Wer ein wirklicher Forscher ist, der weiß: Wenn hier von den Menschen geglaubt wird, daß zerstörerische Kräfte von selbst kommen und sich auflösen von selbst, wenn Zerstörerisches hereinfließt in das Menschenleben, ohne daß konkret wirkliche Gründe vorhanden sind, dann sind es die Seelen derer, die hier nicht spirituelles Bewußtsein gefunden haben und die nach dem Tode dann zerstörend hereinwirken in dieses Erdenleben.

Wird einmal durchschaut diese heute noch für viele lächerliche Wahrheit, daß der Mensch sich an die Erde bannt, um ein Zerstörerischer zu sein nach dem Tode für die irdischen Verhältnisse, daß er auf Erden in trauriger Weise wütend unter den Menschen eingreift nach dem Tode, dann wird wiederum ein konkretes Verhältnis des Menschen hier zu der geistigen Welt gewonnen sein, dann wird es eine kosmische Pflicht werden, eine Pflicht gegenüber der Weltenordnung, nicht sich zu beschränken auf dasjenige, was nur äußerlich im physischen Leben erlebt werden kann, sondern was so erfahren wird, daß der Mensch durchdrungen ist in seinem inneren Erleben davon, daß er mit dem ewigen Wesenskern seelisch in einem Verhältnis steht zu der geistigen Welt, die um uns herum ebenso ist wie die sinnliche Welt, nur daß sie das gewöhnliche Bewußtsein nicht wahrnimmt. So wie der Bauer, der noch nichts gehört hat von der Luft, auch nicht glaubt, daß die Luft ihn umgebe, sondern meint, daß da nichts ist, so glaubt man durch das gewöhnliche Bewußtsein, daß da, wo etwas nicht durch die Sinne wahrgenommen werden kann, nichts sei. Die geistige Welt ist da, und sie kann wahrgenommen werden, wenn das Bewußtsein für diese geistige Welt wirklich erwacht.

Ein anderes, was ich als Tatsache anführen will, ist dies: Man lernt begreifen, wie dasjenige, was für keine Naturwissenschaft eigentlich zugänglich ist, nur in negativer Weise zugänglich ist - der Verständige wird mir recht geben, daß ich diese Behauptung tue —, wie der Tod dadurch in das Gebiet der Forschung eingetreten ist. Während im Grunde genommen Naturwissenschaft es zu tun hat nur mit dem, was aufsteigende Entwickelung ist, Wachstum ist, lernt der Geistesforscher das Hereingreifen der absteigenden Entwickelung erkennen, das Hereingreifen des Todes in die Entwickelung selbst. Er lernt die Rolle erkennen, welche der Tod spielt; an konkreten Tatsachen lernt er dies erkennen.

Gehen wir von einem Beispiel aus: Gewaltsam, nehmen wir an, tritt an irgendein Menschenleben der Tod heran, der durch irgend etwas in der Außenwelt hervorgerufen wird, etwa dadurch, daß ein Felsblock über einen hereinbricht, daß ein Haus über einem zusammenbricht oder daß man erschossen wird auf dem Schlachtfeld — alles ein gewaltsamer Tod. Es hat im Weltenzusammenhange etwas Unerklärliches gegenüber dem Menschen. Tritt der Geistesforscher heran und dringt immer weiter und weiter vor in der Erkenntnis, so lernt er erkennen, daß nicht nur das der Fall ist, was ich vorhin angeführt habe: In meinem gegenwärtigen Menschenleben steckt mein ganzes Leben drinnen, von der Geburt an bis jetzt, nur daß dasjenige, was zwei bis drei Tage zurückgreift, sich schon vergeistigt hat. Wenn der Forscher weiter aufrückt, nicht nur seine Gedanken durch innere Übungen verstärkt, sondern auch auf sein Gefühlsleben verstärkend wirkt, daß die Gefühle, die im Laufe des Lebens auftreten, wahrgenommen werden, daß er das geistige Erleben vergleichen kann mit einem musikalischen Erleben, mit einem Ton, einem Klang, einem Geräusch. Wenn man musikalisch erlebt, muß man den Ton erkennen können. Durch die Fortsetzung solcher Verhältnisse lernt man, das eine Erlebnis mit einem anderen zu verbinden, ein Seelenerlebnis, das auf die Art, wie ich es geschildert habe, zwei bis drei Tage zurückliegt, zusammenzustellen mit einem anderen, das vielleicht sieben bis neun Jahre zurückliegt. Man kann zusammenklingend empfinden, nicht philosophisch zergliedern, aber zusammenklingend empfinden dasjenige, was in der Zeit erlebt wird, was sich als Seelisches hinstellt, neben die Dauer, wie ich es geschildert habe. Das wird musikalisch erlebt, als Vergleich gesprochen, wenn der Mensch in dieser Weise sein Erlebnis vor sich hat. Dann kann er dieses auch ausdehnen, unabhängig von der Zeit zwischen Geburt und Tod, nicht nur auf zwei bis drei Tage oder Jahre Zurückliegendes, sondern auf dasjenige, was vor der Geburt oder Empfängnis geschehen ist. Da erlebt er sich als geistig-seelisch, bevor er heruntergestiegen ist und sich verbunden hat mit einem physischen Leibe, der ihm die äußere Sinnesempfindung gibt und die Möglichkeit, auf die äußere Welt zu wirken. Und wenn er noch weiter vorrückt, wenn er zu einem Erkennen vorrückt, das ich in der folgenden Dastellung charakterisieren will, erlebt er sich auch in verflossenen Erdenleben, erlebt er die Dinge, die herüberwirken aus verflossenen Erdenleben. Und wenn der Mensch wirklich dazu gekommen ist, Erkenntnis in sich ausgebildet zu haben, durch die er das Seelische unmittelbar erlebt, durch die er imstande ist, zu wissen, wie das Seelische in der Dauer da ist, dann kommt ein Moment im Leben, der tief eingreifend in dieses Leben ist, wo der Mensch sich sagen kann: Du hast dich verbunden mit dem Geistig-Seelischen.Das ist ein Schicksalsereignis! — Viel mehr ist damit gesagt, als sich eigentlich aussprechen läßt. Man braucht nicht stumpf zu werden gegenüber dem übrigen Leben; im Gegenteil, man kann viel feiner empfindend werden für alles dasjenige, was den Menschen erheben kann, hinausheben kann über das gewöhnliche Tagesleben bis zum höchsten Glück; man kann erleben, was uns tief ins Unglück stürzt, man kann an allem Schicksal teilnehmen. Dennoch kann der Moment eintreten, daß man sich sagt: Stärker als jeder andere Schicksalsschlag wirkt derjenige in der menschlichen Seele, in dem die Erkenntnis für uns so gegenständlich ist, so lebendig wird, daß wir das Geistige erfassen. Dann breitet sich über unser ganzes Leben dieses schicksalsmäBige Erleben der Erkenntnis aus, und wir verstehen auch das übrige Schicksal. Wir verstehen, wie unser gegenwärtiges Schicksal bewirkt ist aus früheren Erdenläufen herüber. Wir kommen zusammen mit früheren Erdenläufen, nicht erinnernd, denn erinnert werden können geistige Erlebnisse als solche überhaupt nicht unmittelbar; aber etwas tritt auf, was viel höher ist als die Erinnerung: die Anschauung des Vergangenen.

Das ist es, was eintreten muß, wenn der Mensch erforschen will so etwas wie den gewaltsamen Tod, der in das Leben herein sich stellt. Man kann ihn nicht erforschen, wenn man nur einen Lebenslauf eines Menschen in Betracht zieht. In diesen einen Lebenslauf stellt er sich wie ein Zufall herein. Der gewaltsame Tod erschreckt. Erblickt man aber, wie das Gesamtleben des Menschen besteht aus den Lebensläufen, die zwischen Geburt und Tod liegen, in denen er mit dem Leibe verbunden ist, und den dazwischenliegenden Zeiten, die viel länger sind, in denen der Mensch seelisch in der geistigen Welt ist zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, dann findet man, daß dasjenige, was gewaltsam als Tod in das Menschenleben hereintritt, ein bedeutsames Erlebnis ist. Die Seele wird gewissermaßen in einem Augenblick entrissen dem Leben des Leibes, durch das sie mit der Sinneswelt in Verbindung steht; sie wird dadurch, daß sie nicht spontan von innen heraus getrieben wird in die geistige Welt hinein, sondern erfaßt wird durch die Außenwelt selbst, dadurch wird sie in sich, gerade durch das Erleben eines Äußeren, innerlich mit einer ganz besonderen Kraft ausgestattet.

Es ist eben ein Gesetz der geistigen Welt: Das Innere wird Äußeres, indem die Seele in die geistige Welt eintritt. Und das äußere Erlebnis hier wird innerlich, ein solches Erlebnis wie ein gewaltsamer Tod wird innerlich. Was in einem Leben ein gewaltsamer Tod ist, tritt in einem nächsten Erdenleben auf als eine Kraft, die sich herausstellt aus der gewöhnlichen Welt des Lebens.

Wenn wir daher in einem Erdenlaufe des Menschen finden: Dieser Mensch hat etwas Besonderes in einem besonderen Zeitpunkte zu vollbringen vermocht, er hat seinem ganzen Leben eine neue Richtung gegeben, wie aus unbekannten Tiefen ist etwas von Kräften in seiner Seele aufgekommen: das kommt von einem gewaltsamen Tode in einem früheren Leben. Diese Kräfte, die dem Leben eine neue Richtung geben, die werden jetzt viel erforscht, es werden ja solche Dinge sehr viel beschrieben, wie Menschen plötzlich ihrem Leben eine neue Richtung geben. Solche Dinge führen zurück auf gewaltsame Tode, die aber selbstverständlich nicht irgendwie gesucht werden dürfen. Denn ein Tod, der als gewaltsamer Tod gesucht würde, der würde schon nicht mehr ein solcher sein, der von außen herbeigeführt wird. Selbstverständlich kann das nicht gewünscht werden. Es würde der Wunsch nach einem solchen Tode zum Beispiel den gewaltsamen Tod ähnlich machen dem gewöhnlich aus dem Organismus heraus eintretenden Tod, der vom Innern des Leibes selbst heraus bewirkt wird. Ja, nicht nur ähnlich machen, sondern er würde sogar den Menschen in ein anderes Verhältnis versetzen als der gewöhnliche Tod. Der gewöhnliche Tod, der in irgendeinem Lebensalter von innen bewirkt wird, der bringt für die nächsten Lebensläufe mit sich dasjenige, was mehr ein gleichmäßig verlaufendes Leben ist, wie es ursprünglich schon von der Kindheit und Geburt an angelegt ist. Ein gewaltsamer Tod aber, der durch Selbstmord gesucht würde oder durch den Wunsch gesucht würde, er würde den Menschen in einer Weise beeinträchtigen, daß er im nächsten Lebenslauf nicht mit seinem Leben zurechtkommen könnte, daß er gewissermaßen haltlos würde. Schon der Wunsch darf nicht in unser Leben hereinkommen, irgendwie einen gewaltsamen Tod zu finden. Mit irgendeiner Lebensfeindlichkeit hat es gerade die richtig verstandene Geisteswissenschaft nicht zu tun.

Sie sehen, dadurch, daß die Wirkung der Seelenkräfte auf konkret geistesforscherische Art gesucht wird, nicht bloß in abstrakter Weise philosophisch, dadurch kommt man zu wirklichen einzelnen Ergebnissen, die das Menschenleben verständlich machen. Ich wollte heute zunächst darüber einige Anregungen geben. Ich weiß, gerade wenn man nicht im Abstrakten herumredet, sondern solche konkreten Ergebnisse der Geistesforschung vorbringt, stößt man heute ja vielfach nicht nur auf Widerstand, sondern auf den Spott der Zeitgenossen. Ich habe schon gesagt: Dieser Widerwille beginnt heute bereits, wenn der Geistesforscher nur seine Methode, die Art seines Forschens darstellt. Wenn man beurteilen will, was der Geistesforscher vorzubringen hat, nach dem, was man schon vorher weiß ohne Geistesforschung, dann ist es kein Wunder, wenn einem das vom Geistesforscher Vorgebrachte als Phrase erscheint, schon bevor er seine Methode entwickelt hat, die seine Beweise liefert für die Selbständigkeit des geistigen Lebens. Man beurteilt diese Methoden sehr häufig als etwas, was zu keinen Tatsachen führe. Nun möchte ich wissen, ob dies nicht gewichtige, in das Leben eingreifende Tatsachen sind, was vorgebracht wird nur in den zwei Vorträgen heute und übermorgen; was gewichtiger sein könnte als diese Mitteilung vom gewaltsamen Tod und von dem Verurteiltsein, eine zerstörerische Rolle zu spielen nach dem Tode, wenn man nicht mit gewissen geistigen Vorstellungen sich zwischen Geburt und Tod durchdrungen hat.

Es handelt sich darum: Wenn solche Dinge angeführt werden, braucht es nicht so zu sein, daß derjenige, der sie erzählt, sie nicht als vollgültige Tatsachen vorbringt, sondern derjenige, der zuhört, vermag sie vielleicht in ihrer Tatsächlichkeit nicht zu durchschauen, so daß sie für ihn eine Phrase bleiben. Phrase wird vielfach dasjenige heute noch für die Zeitgenossen bleiben, was der Geistesforscher vorzubringen hat. Haß, sagte ich, wird vielleicht schon gegen die Methode des Forschens sich vielfach geltend machen. Dafür möchte ich ein paar Beispiele vorbringen, denn diese Beispiele sind nicht bloß bedeutsam durch das, was sie unmittelbar charakterisieren, sondern diese Beispiele zeigen zu gleicher Zeit etwas über die Eigenart der Geistesforschung selbst.

Ich habe vor ganz kurzer Zeit in einer Stadt der Schweiz einen Vortrag gehalten über dieselben Gegenstände, wie diejenigen sind, über die ich heute gesprochen habe. Nach ein paar Tagen bekam ich von einer sehr höflichen Persönlichkeit einen Brief, in dem ausgedrückt werden sollte, wie ein Mensch der Gegenwart, der sich das angehört hat, zu dem sich äußert, was der Geistesforscher vorzubringen hat, wie er sich eben gegenwärtig noch verhält zu dem Vorgebrachten. Da der Brief sehr höflich ist, möchte ich, um eben etwas von Geisteswissenschaft zu charakterisieren an der Art, wie sich das gewöhnliche Bewußtsein dazu verhält, einiges aus diesem Briefe vorbringen.

Zunächst sagt die betreffende Persönlichkeit, daß dasjenige, was ich vorgebracht habe, durchaus nicht als Tatsache auf ihn gewirkt habe, sondern er schreibt: Nach meiner bescheidenen subjektiven Meinung war von Tatsachen in dieser blödsinnigen Lehre keine Spur. Im Mittelpunkt Ihrer Geistesforschung scheint die Wiederverkörperungslehre zu liegen. Haben Sie mit all Ihrem, wie Sie sagen, dreißigjährigen Studium und Ihrer Forschung noch nicht herausgefunden, wie lächerlich es wäre, wenn ein menschlicher Geist, der sich, nachdem er sich während des Erdenlebens ausgebildet und emporgearbeitet hat, wiederum zurückfallen müßte in die Kindheit und ihm Begriffe wiederum erklärt werden müßten...

Ein Einwand, der selbstverständlich sehr leicht gemacht werden kann, der für denjenigen vollständig wegfällt, der da weiß, wie dieses Seelische beschaffen ist, wenn es gefunden wird auf die Weise, die ich heute geschildert habe. Da weiß man zu gleicher Zeit, daß dieses Seelische, auch nachdem es viele Erdenleben durchgemacht hat, immer wieder und wiederum diese Erdenleben zu seiner Bereicherung durchmachen kann und sie so durchmachen kann, daß man gewisse Dinge, die man wahrhaftig an sich als einen großen Mangel findet, wenn man das Seelische entdeckt, wahrhaftig nicht mehr im Alter durchmachen könnte, sondern wiederum eben von Kindheit auf durchmachen muß. Wer das Menschenleben überschaut, wie es sich über Tode und Geburten hinauserstreckt, der weiß, daß es ebenso lächerlich ist, zu sagen, man wolle nicht wiederum in die Kindheit zurück, wie es lächerlich wäre, zu sagen: Ich habe ja nun Französisch, ich habe Deutsch gelernt, warum soll ich nun, wenn es die Leute von mir verlangen, auch noch Chinesisch lernen? Warum soll ich das nun wiederum Wort für Wort, Silbe für Silbe mit aller Grammatik lernen?

Diese Einwände, die gemacht werden, zeigen eben, daß nicht der Wille vorhanden ist, mitzugehen mit diesen Dingen. Aber sie würden nicht gemacht werden, wenn nicht dasjenige aufträte, wovon ich gesprochen habe: daß ein gewisser Widerwille gegen die Geistesforschung auftritt. Und dieser Widerwille rührt im wesentlichen von folgendem her: Die Seele muß gewahr werden, wenn man sie zu ihrer eigenen Natur führt, daß sie wohl bedürftig ist, viele Erdenleben durchzumachen, daß sie durchaus dasjenige, was sie sich an Vollkommenheiten zuschreibt im späteren Erdenleben, vielfach nicht hat, weil es aus ihrer ureigenen Wesenheit stammt, sondern daß sie das hat aus ihrer Kulturumgebung heraus, daß das nicht ihr eigentliches Eigentum ist.

Und so kommt es, daß, wenn der Geistesforscher schildern muß diese Seele, sie schildern muß gewissermaßen in ihrer Nacktheit, wie sie wohl bedürftig ist, wiederholte Erdenleben durchzumachen, daß dann der Mensch böse wird, namentlich dann böse wird, wenn die Dinge der Geistesforschung geschildert werden, weil er ahnt, daß die Seele nicht dasjenige ist, was er gerne haben möchte, daß sie es sei. Man berührt vieles Unbewußte und Unterbewußte in diesen Seelen; aber auf dieses Unbewußte und Unterbewußte muß eben hingewiesen werden.

Viel interessanter als dieser Brief, der von einer höflichen Persönlichkeit herrührt, die in ihrer Ehrlichkeit sich über die anthroposophische Lehre besorgniserregt äußert, viel interessanter als dieser höfliche Brief ist etwas anderes. Nur will ich noch erwähnen, daß dieser Brief, nachdem alles so behandelt wurde, wie ich es gesagt habe vorhin, dann damit schließt, daß der Mann sagt: Es würde mich freuen, von Ihnen mit einer Rückäußerung beehrt zu werden. — Höflicher kann man ja nicht sein!

Nun, daß der Mensch böse werden kann, indem an ihn das herantritt, was wirklich Geistiges ist, ich möchte es aus einer einzelnen Erscheinung, die ja wenigen bekannt ist selbstverständlich, aber die doch bedeutsam genug ist, erwähnt zu werden, belegen. Es gibt einen Philosophen der Gegenwart — ich schätze ihn sehr —, Richard Wahle. Ich schätze Richard Wahle schon seit seinem ersten philosophischen Auftreten, weil es ihm gelungen ist, durch große Scharfsinnigkeit in einzigartiger Weise alles dasjenige, was der Mensch sinnlich wahrnimmt, so darzustellen, daß es völlig als Bild erscheint, das von allem Geistigen ganz frei ist. Wir mischen immer noch Geistiges herein, wenn wir Sinnliches schildern. Richard Wahle ist es gelungen, alles, was der Mensch im Sinnenleben erlebt, so zu schildern, daß er den Geist völlig austreibt, so daß wirklich nur das bleibt, was sinnlich wahrzunehmen ist, und alles Geistige bankrott werden muß. Das mußte einmal gemacht werden, und es ist interessant, daß es einmal gemacht worden ist. Es verhält sich zu dem, was wir als Welt erleben, so, wie wenn jemand ein wunderbares Gemälde vor sich hätte und nichts schildern wollte von all dem, was es darstellt, als wie die Farbkleckse aneinandergereiht sind. Aber es würde interessant sein, einmal zu sehen, wie das ist, bloß so erwas geschildert zu bekommen von einem wunderbaren Gemälde, wie die Farbenkleckse nebeneinandergesetzt sind. Wenn man das mit großem Scharfsinn gegenüber den Welterscheinungen tut, so ist das auch ein Verdienst. So hat es der Philosoph Richard Wahle, der vermutlich deshalb gerade Philosoph in der Gegenwart ist - er ist einer der charakteristischsten — dadurch in seinem weiteren Lebenslauf zu etwas ganz Besonderem gebracht. Ich habe nämlich noch niemals, und ich bin ziemlich - ich sage es ohne Eitelkeit - mit der philosophischen Literatur der Welt bekannt, aber ich habe noch niemals so schimpfen gehört, auch nicht von Nietzsche, über die Philosophie und über das Nutzlose der Philosophie wie von Richard Wahle in seinen Büchern «Das Ganze der Philosophie» und «Über den Mechanismus des geistigen Lebens». Wenn man sich noch so anstrengt als Philosoph, der Mensch hat nicht mehr Philosophie als ein Tier und unterscheidet sich nur dadurch in gewisser Beziehung von dem Tiere, daß er glaubt, irgendwie gegen die geistige Welt anrennen zu müssen und das nicht kann. - So schreibt Wahle noch vor kurzem.

Also es ist eigentlich niemals so temperamentvoll zu gleicher Zeit geschimpft worden über die Philosophie wie von diesem öffentlichen Vertreter der Philosophie. Aber der Universitätsprofessor Richard Wahle schimpft nur deshalb so über die Philosophie, weil er gelegentlich seiner Arbeit beim Herausschälen des bloß sinnlich Wahrnehmbaren, aus dem er allen Geist herausgetrieben hat, gerade durch diese negative Art an den Geist herangekommen ist. Und gewisse Dinge, die das geistige Leben charakterisieren, charakterisiert eigentlich niemand besser von den gegenwärtigen Philosophen als der Geistverächter Richard Wahle. Eine Stelle aus Richard Wahles «Mechanismus des Seelenlebens» möchte ich doch vorbringen, denn sie ist deshalb interessant, weil man sieht, wie ein Mensch, der getrieben wird durch seinen Scharfsinn, bei der Austreibung des Geistes, ich möchte sagen, wenn er so zum Fenster hinaus gerade weghuscht, getrieben wird, diesen Geist doch wahrzunehmen. Man könnte sagen, wie das Dichterwort heißt: Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er es auch schon am Kragen hätte. — Aber solch ein Mensch wie Richard Wahle, der merkt nun gerade noch den Geist; deshalb sagt er: «Welch kleinen Raum im Universum nimmt der Geist ein! Er ist nur wie eine Pfütze, in der sich Sterne spiegeln. Würden die Kombinationen des Geistes einen erheblichen Teil der Welt bilden, so müßte sie sich ihrer schämen; das würde das Weltall kompromittieren. Ist es nicht komisch, daß das Weltall so gedacht wird, als ob unser jammervoller Geist die Spitze bilden würde, da es doch besser wäre, man vergäße seiner im Ganzen.»

Das ist die Gesinnung, die ganz begreiflicherweise heraufkommt, wenn man an den Geist, der den Menschen das Wertvollste ist, herankommt. Es gibt mancherlei Gründe, warum dieses so ist; sie werden uns noch übermorgen entgegentreten. Aber die Tatsache wollte ich Ihnen auch an einer merkwürdigen Erscheinung der Gegenwart darstellen, die Tatsache, daß überwunden werden muß an der Grenze zwischen sinnlicher Welt und geistiger Welt dasjenige, was den Menschen zunächst als Furcht, dann sogar als Haß und als Widerwille zurückhält, wirklich einzudringen in diese Geisteswelt, in die eingedrungen werden kann auf den Wegen, die ich in diesem Vortrage charakterisierte.

Dazu kommt noch - lassen Sie mich dieses heute zum Schlusse aussprechen-, daß ja viele Menschen, die den Geist anerkennen wollen, besonders zufrieden sind dann, wenn sie sagen können: Ja, Geist geben wir zu; daß irgendwie Geist ist, das geben wir zu, denn der Mensch steht immer vor etwas Verborgenem, vor etwas, was er nicht erforschen kann. - Und so verzeihen einem zwar die Leute, daß man vom Geist redet; daß man aber so in den Geist eindringen kann, daß man konkrete Tatsachen und Wesenheiten aus diesem Geistesleben heraus schildert, wie ich heute einiges geschildert habe, das verzeihen einem die Menschen nicht. Denn das wollen sie nicht anhören, daß man das Unsterbliche auch wirklich erforschen kann, daß man den Geist nicht nur als etwas Unerklärliches hinstellen könne, sondern daß man durch Ausbilden von gewissen Seelenkräften in dieses ihnen «unbekannt» genannte Gebiet auch eindringen kann und sogar, wie wir übermorgen sehen werden, eindringen muß, wenn Heil sein soll im menschlichen Leben. Eindringen muß, wenn man solche furchtbaren Katastrophen in der richtigen Weise als Zeichen der Zeit einschätzen will, wie jetzt eine über die Menschheit hereingebrochen ist.

Aber alle möglichen Leute berufen sich auf diejenigen, die sich um den Geist bemüht haben. Und so sehen wir denn, daß diejenigen, die am meisten dazu beitragen, heute durch oftmals recht scharfsinnige Untersuchungen, abzugraben die Möglichkeit, die zum Verständnis der Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, hinführt, daß die sich berufen gerade auf einen Geist, den ich am liebsten immer anführe, wenn ich anführen will eine Persönlichkeit, auf der aufgebaut ist dasjenige, was ich in jahrzehntelanger eigener Geistesforschung zustande gebracht habe. Immer möchte ich anführen, daß diese Geistesforschung nicht auf irgend etwas Phantastisch-Träumerischem beruht, sondern auf den gesunden Grundlagen, welche gelegt worden sind durch die Weltauffassung Goethes.

Goethe war noch nicht selber Geistesforscher; die Zeit zur Geistesforschung war dazumal noch nicht gekommen. Wer aber, so wie ich es in meinen ersten Schriften getan habe, sich vertieft in Goethes Weltanschauung, der findet in dieser Goetheschen Weltanschauung die elementaren Ausgangspunkte, auf denen aufgebaut werden kann. Und wenn man darauf aufbaut, wird man direkt hineingeführt in Weiterentwickelung, in dasjenige, was ich Geistesforschung nenne und was zu solchen Ergebnissen führt, wie ich sie heute charakterisiert habe. Daher möchte ich, wenn es nur auf mich ankäme, diese Geistesforschung als Goetheanismus bezeichnen und den Dornacher Bau, der ihr gewidmet ist, als Goetheanum.

Es ist nicht notwendig, daß dies geschieht; aber so, wie ich mir klar bin darüber, daß auf denjenigen Grundlagen, die in die Menschenkultur gelegt worden sind durch den Goetheanismus, in der Zukunft dasjenige wird aufgebaut werden müssen, was die Menschheit zu ihrem Heile zu erstreben hat, so weiß ich, daß auch diejenige Strömung, die ich als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft bezeichne, die direkte Fortsetzung der Goetheschen Metamorphosenlehre, überhaupt des Goetheanismus ist. Und wenn sich manche Leute berufen auf Goethe, der den Geist abgelehnt habe und alles als Natur bezeichnet habe, so darf man schon darauf hinweisen, daß Goethe verhältnismäßig jung noch in seinem berühmten Prosahymnus «An die Natur» zwar das Weltenall Natur genannt hat, aber die Worte darinnen hat: «gedacht hat sie und sinnt beständig». Wenn man von dem Weltenwesen sagt, es sinne, es denke, dann gibt man ihm nicht bloß unbewußt, sondern bewußt Geist, gibt ihm bewußte Geistigkeit. Dann braucht man sich nicht um Worte zu streiten. Um Worte geht es der Geisteswissenschaft sicher nicht. Ob man das Natur oder Geist nennt, was da als Weltenall aufgefaßt wird, darauf kommt es nicht an, sondern darauf, daß man es in seiner Konkretheit, in seiner Eigenheit, in seiner Innerlichkeit versteht. Und auch darinnen kann man Goethe recht geben, kann man mit Goethe einverstanden sein, wenn er das Unerforschliche nicht bloß als Unerforschliches hinstellen will, wenn er nicht dem Menschen die Fähigkeit benehmen will, in das Unerforschliche einzudringen. Da braucht man nur auf das hinzuweisen, auf das ich auch hier schon vor Jahren hingewiesen habe: Einem Forscher gegenüber, der sonst große Verdienste hat, einem großen Forscher gegenüber hat sich Goethe ausgesprochen über dieses mißverstandene Kantsche Prinzip von dem Unerforschlichen in der Natur. Ein bedeutender großer Forscher sagte:

«Ins Innre der Natur
Dringt kein erschaffner Geist.
Glückselig, wem sie nur
Die äußre Schale weist.»

Goethe antwortet diesem Forscher und sagt:

«In’s Innre der Natur—»
O du Philister!
«Dringt kein erschaffner Geist.»
Mich und Geschwister
Mögt ihr an solches Wort
Nur nicht erinnern:
Wir denken: Ort für Ort
Sind wir im Innern.
«Glückselig! wem sie nur
Die äußre Schale weis’t!»
Das hör’ ich sechzig Jahre wiederholen,
Ich fluche drauf, aber verstohlen;
Sage mir tausend tausendmale:
Alles gibt sie reichlich und gern;
Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Alles ist sie mit einemmale;

Stück für Stück sind wir in ihrem Innern. Nichts ist drinnen, nichts ist draußen!

Dich prüfe du nur allermeist,
Ob du Kern oder Schale seist!

Goethe hat in einer wirklichen seelischen, geistigen Tatsächlichkeit darauf hingewiesen, daß der Mensch Kern der Natur sein kann, das heißt sich erfassen kann als Seelisch-Geistiges, um sich so in Einklang zu wissen mit dem Seelisch-Geistigen der ganzen Welt.

Darauf hinzuweisen in einer seelisch-geistigen Tatsächlichkeit, das ist die Aufgabe der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, um dem Menschen die Überzeugung zu geben, daß er nicht bloß Geist ist, sondern sich als Geist erkennen kann, bewußt in der geistigen Welt leben kann.

Davon dann übermorgen weiter.

German original of The Workings of the Soul Forces in Human Beings and Their Connection to Their Eternal Being · ← Previous · Next →