Freedom, Immortality and Social Life
GA 72 — 30 November 1917, Bern
Geisteswissenschaftliche Ergebnisse über die Ideen der Freiheit und des Sozial-Sittlichen Lebens
Wer heute von anthroposophischer Geisteswissenschaft hört, so wie sie in diesen Betrachtungen hier gemeint ist, der bildet sich sehr häufig aus dem oder jenem, das er über die Sache vernimmt, das Urteil, daß er es zu tun habe mit irgend etwas, das sich in sektiererischer oder ähnlicher Weise in das Geistesleben der Gegenwart hineinstellen will. Insbesondere seit zur Pflege dieser geisteswissenschaftlichen Richtung der Bau in Dornach bei Basel in Angriff genommen worden ist, hat man sowohl diesen Bau wie die ganze Geisteswissenschaft in die Schablone — Schablonen braucht man ja heute so sehr - einer sektiererischen Geistesbewegung hineingefügt. Und es ist schwierig, gerade solchen Vorurteilen gegenüber irgend etwas anzufangen. Sie nisten sich immer mehr und mehr ein, und ich möchte fast sagen: Je mehr dagegen getan wird, mit desto größerer Heftigkeit treten sie auf und desto stärkeren Glauben finden sie.
Ich möchte dagegen einleitungsweise heute nur bemerken, daß dasjenige, was der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft zugrunde liegt, nicht im allerentferntesten irgend etwas zu tun hat mit einer sektiererischen Tendenz oder einem sektiererischen Ziele. Ja, so wie diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft hier gemeint ist, hat sie sich überhaupt nicht herausentwickelt aus irgendeinem zunächst religiösen Impuls, sondern sie steht auf dem Standpunkte, daß dasjenige, was sie will, eine notwendige Zeitbestrebung ist, gerade in Anbetracht der großen, bedeutsamen Errungenschaften des naturwissenschaftlichen Denkens im Laufe der letzten Jahrhunderte und insbesondere der neueren Zeit.
Das naturwissenschaftliche Denken, das so Großes nach einer gewissen Seite hin geleistet hat, erweist sich bei wirklicher Kennerschaft als unbefähigt, einzutreten in die eigentlichen, das Gebiet des Geistes betreffenden Rätselfragen der Menschheit. Gerade dann erweist sich dieses naturwissenschaftliche Denken unbefähigt dazu, wenn es auf seinem Gebiete das Allerausgezeichnetste, das Bedeutendste, das Treffendste leistet. Und eine geschichtliche Notwendigkeit liegt vor, daß sich neben diese Naturwissenschaft, aber mit demselben Ernst, mit dem die Naturwissenschaft selber vorgeht, geisteswissenschaftliche Forschung in der neueren Zeit hinstellt.
Und so ist es denn auch der Glaube und das Bestreben gerade dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, sich absolut nicht hineinzumischen in irgendeine religiöse Bewegung, absolut nicht zu beeinträchtigen irgendeine religiöse Bewegung, diese oder jene religiöse Überzeugung dieses oder jenes Menschen; im Gegenteil, sie wird die Menschen, die abgekommen sind vom Drinnenstehen im religiösen Leben, wiederum hinführen zu diesem religiösen Leben. - Doch dies nur nebenbei.
Aber, wie gesagt, nur einleitungsweise möchte ich auf manches in dieser Beziehung hinweisen, weil es, wenigstens innerlich, nicht ganz ohne Beziehung zu dem Thema des heutigen Abends steht.
Oft ist da oder dort von mir betont worden, daß niemand beeinträchtigt wird in seiner religiösen Überzeugung durch dasjenige, was als Geisteswissenschaft auftritt. Wie oft ist insbesondere betont worden, daß Geisteswissenschaft sich nicht mischt in die religiösen Bewegungen und vor allen Dingen das nicht sein will und auch nicht sein kann aus den ganzen Zeitbedingungen der Gegenwart heraus, was man etwa als Gründung einer neuen Religion oder einer neuen Sekte oder dergleichen bezeichnet — wie oft ist das betont worden! Allein, gerade wenn man dieses betont, so wird sehr häufig von gewisser Seite her ein Vorwurf erhoben, der etwa so lautet, daß man sagt: Man sehe sich nur einmal diese Geisteswissenschaft an, sie hat über diesen oder jenen religiösen Impuls nichts zu sagen. - Und man tadelt dann, daß sie dieses oder jenes nicht zu sagen habe. Während das Nichtsagen gerade hervorgeht aus der Tendenz, daß die Vertreter der religiösen Bekenntnisse ihrerseits nicht beeinträchtigt werden in dem, was sie als ihre Arbeit zu leisten haben. Man will gerade den anderen nicht hineinreden. Und man kann dann leicht eine Waffe schmieden aus dem, was, um nicht irgendein Recht zu verletzen, nicht unternommen wird. Natürlich wird auch, wenn man das Gegenteil unternimmt, eine Gegnerschaft daraus konstruiert.
Nun, ich wollte nur hinweisen darauf, daß, wer den Ursprung der geisteswissenschaftlichen Bestrebungen verfolgt, finden wird, daß sie sich in gerader Entwickelung heraus ergeben aus Forderungen, die die richtig verstandene Naturwissenschaft selber stellt.
Allein, bei genauerem Eingehen gerade auf solche Voraussetzungen, wie sie vorgestern hier besprochen worden sind, zeigt sich, daß diese naturwissenschaftliche Richtung durch dasjenige, wodurch sie groß ist, wiederum ungenügend sein muß gerade für solche Fragen, wie sie den Gegenstand der heutigen Auseinandersetzungen bilden sollen, für die Fragen des sittlich-sozialen Lebens.
Man hört heute vielfach von dieser oder jener Seite: Dasjenige, was Naturwissenschaft großgezogen hat, was sie geleistet hat, müsse auch fruchtbar gemacht werden für die soziale oder soziologische Betrachtungsweise, fruchtbar gemacht werden für die Betrachtungsweise des Einlebens der ethischen, der moralischen Ideen in die menschliche Gesellschaft und so weiter.
Nun möchte ich meinen Ausgang nehmen von etwas, was man heute sehr häufig hört. Heute wird ja das Urteil der Menschen durch das tragische, katastrophale Ereignis, in das die Gesamtmenschheit der Erde eingetreten ist - man kann schon so sagen heute -, es wird das Urteil der Menschen in mannigfaltigster Weise herausgefordert, über dieses oder jenes, was die großen, tief einschneidenden, traurigen Ereignisse bringen, sich ein Urteil zu bilden. Der eine hat nötig, durch Stellung und Beruf über dies oder jenes, was die traurigen Ereignisse bringen, sich ein Urteil zu bilden; der andere wird es sich bilden rein aus gutem Herzen, aus dem Mitfühlen mit dem Schicksal der gesamten Menschheit heraus. Und gerade aus diesen bedeutsamen, tief einschneidenden Ereignissen ist für manchen die Notwendigkeit entsprossen, sich ein Urteil zu bilden über dasjenige, was wir im weitesten Umfange das soziale Leben der Menschheit nennen können, das Leben der Menschheit in der menschlichen Gesellschaft selbst.
Da hört man wiederum sehr häufig, wenn so die Fragen auftauchen: Was kann man über das oder jenes denken? Wie können diese oder jene Dinge unter dem Einfluß der heutigen traurigen Ereignisse entschieden werden? -, da hört man sehr häufig das Urteil: Die Geschichte lehrt das oder jenes. Geschichte ist ja schließlich nichts anderes als die Aufzählung desjenigen, was die Menschen zu wissen vermeinen über den Hergang des sozialen Lebens bis zur Gegenwart.
Geschichte ist in begreiflicher Weise für viele dasjenige, woraus sie sich ein Urteil bilden wollen, wie die Ereignisse, die sich im Menschenleben bis zu dieser Stufe entwickelt haben auf diesem oder jenem Gebiete, sich weiterentwickeln könnten.
Wer mit vollem Geistes- und Seelenanteil in den Ereignissen der heutigen Zeit drinnensteht, wird sich tatsächlich sagen müssen, daß diese Ereignisse nicht den Eindruck machen auf viele, daß aus ihnen ganz Neues gelernt werden müsse, daß in vieler Beziehung man nötig habe, nicht bei den Urteilen stehenzubleiben, die man vor vier, fünf Jahren über die Impulse des Menschenlebens gehabt hat.
Derjenige, der tief drinnensteht in diesen Ereignissen mit seinem Seelenanteil, wird sich dieses Urteil vom Umlernen bilden müssen. Das ist vielleicht gerade eines der traurigsten Symptome, daß dieses Urteil vom Umlernen heute noch nicht in breiten Schichten Platz gegriffen hat, trotzdem schon so lange Zeit diese traurigen Ereignisse bestehen, daß es heute noch so viele Menschen gibt, die da glauben, über gewisse Dinge können sie heute dasselbe Urteil anwenden, das sie vor vier oder fünf Jahren als Urteil geben konnten. Gerade die Zeichen der Zeit könnten in dieser Beziehung sehr, sehr viel lehren.
Ich möchte nur zunächst ein Beispiel der zeitgenössischen Geschichte anführen und dann eines aus dem größeren Umfange der Geschichte heraus.
Diejenigen, die sich mit der Zeitgeschichte befassen, wissen, daß sogenannte einsichtige Leute, Leute, die sich ihr Urteil aus einem scheinbaren Verfolgen der Tatsachen festgesetzt haben, in völliger Sachkenntnis glaubten sagen zu können, als dieser Krieg ausbrach: Dieser Krieg kann, nach den allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen, die nun in der Menschheit sich einmal als soziale Struktur herausgebildet haben, keine längere Dauer als vier, höchstens sechs Monate haben. — Es sind wahrhaftig nicht unbedeutende Menschen, die dieses Urteil als ein solches gewählt haben, von dem sie geglaubt haben, daß es tief herausgegriffen sei aus einer sachgemäßen Anschauung über dasjenige, was ein Kenner der Verhältnisse beobachten könne.
In welcher Weise haben die Ereignisse selbst ein solches scheinbar sachgemäßes Urteil widerlegt! Wie wenig ist man noch geneigt, sich zu sagen: Solche sachgemäßen Urteile sind widerlegt, und man hat umzulernen. In solchen Dingen hat man umzulernen. -— Man darf nicht einfach bei dem ja begreiflicherweise vorhandenen Vorurteile bleiben, die Geschichte lehre das oder jenes. Die Geschichte hat es gelehrt, daß der Krieg nicht länger als vier bis sechs Monate dauern kann; aber wie die Geschichte die Wirklichkeit trifft, das hat diese Wirklichkeit selber gelehrt!
Ein anderes Beispiel, das aus einem größeren geschichtlichen Zusammenhange herausgegriffen ist: Im Jahre 1789, man kann sagen, im Aufgange derjenigen Zeit, in welcher eigentlich sich die Wissenschaft der Geschichte, wie wir sie heute kennen, erst herausgebildet hat - denn sie ist nicht so alt, wie man gewöhnlich glaubt; die Wissenschaft der Geschichte, wie wir sie heute auffassen, ist kaum älter als hundert Jahre, das wissen nur sehr wenige Menschen, im Aufgange der neuzeitlichen Geschichtsbetrachtung trat ein wahrhaft großer Mann sein historisches Lehramt an: Schiller in Jena. Und berühmt geworden ist ja die Rede, mit der er sein historisches Lehramt antrat: «Über den philosophischen Kopf und den Brotgelehrten». In dieser Rede, 1789, sprach Schiller einen sehr, sehr merkwürdigen Satz als seine Überzeugung aus, als dasjenige, was durchziehen sollte seine historische Auffassung. Dieser Satz lautet: Die europäische Staatengesellschaft scheint in eine große Familie verwandelt; die Hausgenossen können einander anfeinden, aber hoffentlich nicht mehr zerfleischen. - Dieser Satz ist ausgesprochen von jemandem, der mit Genialität versuchte einzudringen in das, was die Geschichte lehrt, und der auch, was man nicht leugnen wird, ein wenig Genialität hatte. Es ist ausgesprochen in der Zeit, welcher unmittelbar folgte die Französische Revolution mit allem, was sie dann selbst wiederum im Gefolge hatte.
Nun, wenn man gar die längeren Zeiträume, die nachher gekommen sind, ins Auge faßt — wie nimmt sich das aus, was Schiller aus der Geschichte gelernt hat, daß sich die europäischen Völker, daß sich die europäischen Staaten in eine große Familie verwandelt hätten, wie eine große Familie ausnähmen, daß sie sich zwar anfeinden, aber nicht mehr zerfleischen können? Etwas muß folgen aus dem, was heute die Zeichen der Zeit lehren. Das ist, daß man wirklich von ihnen etwas lernt.
Nun, wie verhält es sich denn eigentlich mit dem, was da zugrunde liegt, mit dem Satz: Die Geschichte lehrt dies oder jenes? — Vor allen Dingen muß man sich klar darüber sein, daß man das Leben nicht nach seinen bloßen äußeren Symptomen beurteilen kann. Gerade das will Geisteswissenschaft: von der Oberfläche fort, in die tieferen Untergründe des Lebens eindringen. Man kann das Leben nicht nach seinen äußeren Symptomen beurteilen. Dasjenige, was heraufgekommen ist als naturwissenschaftliche Denkweise — wie gesagt, ich schätze sie aufs allerhöchste —, das hat sich herausgebildet aus den Denkgewohnheiten, den Denkimpulsen, die in den letzten Jahrhunderten in der Menschheit heraufgezogen sind. Das ist der Ausdruck dieser Denkimpulse. Und nicht nur das naturwissenschaftliche Denken, sondern alles Denken der Menschheit ist in diese Denkgewohnheiten hineingezogen worden, so daß diese Denkgewohnheiten nicht nur in der Naturwissenschaft segensreich wirken, sondern daß sie wirken müssen auch auf anderen Gebieten des Lebens. Man kann schon sagen: Mühe, Mühe hat man sich gegeben, dasjenige, was die Naturwissenschaft groß gemacht hat, auch hineinzutragen als Gedankenrichtung, als Gedankenimpuls in andere Gebiete des menschlichen Lebens. Die soziologischen, die sittlichen sollen uns heute vorzugsweise beschäftigen. Aber die Impulse haben da anders gewirkt.
Derjenige, der in tieferem Sinne die Zeitgeschichte zu verfolgen vermag, weiß, wie innig zusammenhängt das, was diese Impulse als ihre Wirkungen im Laufe der Zeit geäußert haben, mit dem katastrophalen Ereignis, in dem wir heute leben.
Ich will nur als Ausgangspunkt anführen, daß sich gerade hervorragende Denker bemüht haben, dasjenige, was sich so bedeutungsvoll ergeben hat als naturwissenschaftliche Vorstellungsweise, auch auf das soziologische Gebiet zu übertragen, auf die Betrachtung anzuwenden, die zuletzt in die Geschichte, das geschichtliche Leben der Menschheit einmündet.
Es sei ein Beispiel nach dieser Richtung erwähnt, aber Hunderte und Hunderte von Beispielen könnten erwähnt werden. Der große englische Philosoph Herbert Spencer versuchte, biologische Begriffe, Vorstellungen, die aus der naturwissenschaftlichen Betrachtung des Lebens herkommen, anzuwenden auf das soziale Zusammenleben der Menschen. Der Begriff der Entwickelung ist ja auf alles angewendet worden. Mit Recht ist er angewendet worden auch auf das Leben der Menschen.
Nun sagte Herbert Spencer: Man sieht im organischen Leben, im Leben der Tiere, im Leben der Menschen selber Entwickelung; es entwickelt sich das einzelne Lebewesen so, daß es aus dem Keime hervorgeht, aus einer dreifachen Zellenlage, dem sogenannten Ektoderm, Esoderm und Entoderm. Es sind drei Zellagen, aus denen sich die verschiedenen Organe der Tiere und des Menschen entwickeln. Diese Art, einen naturwissenschaftlichen Vorgang zu erfassen, den versucht Herbert Spencer, der in die naturwissenschaftlichen Vorstellungen hineingewöhnte Herbert Spencer, nun auch auf das geschichtlich-soziale Leben anzuwenden. Er versucht, das, was sich im Menschenleben, im sittlichen, im geschichtlichen, sozialen Leben entwickelt, so zu fassen, daß es auch gleichsam aus einer dreifachen Schichtung heraus sich entwickle. Sehr interessant überträgt er alle diejenigen organischen Systeme, die sich beim Menschen und beim Tiere aus dem Ektoderm herausentwickeln, darauf, daß sich im sozialen Leben das Tun, das Wirken derjenigen Menschen, die dem militärischen Stande angehören, aus dem gleichsam sozialen Ektoderm entwickeln würde, diejenigen Menschen, die dem arbeitsamen Stande angehören, aus dem sozialen Entoderm, und diejenigen Menschen, die dem Kaufmanns-, dem vermittelnden Stande im Sozialen angehören, aus dem Esoderm. Dann ist es ja nur eine notwendige Konsequenz, daß der große englische Philosoph Herbert Spencer weiter sagt: Weil aus dem Ektoderm in der Organisation das Nervensystem und das Gehirn sich entwickelt, entwickelte sich auch aus dem sozialen Ektoderm heraus das Beste. - Ich werde selbstverständlich diese militaristische Anschauung des Philosophen Herbert Spencer nicht zu vertreten haben, will auch hier aus leicht begreiflichen Gründen nicht über diese Anschauung mich eingehend äußern; aber es ist für ihn nur eine notwendige Konsequenz, daß er dann sagt, die regierenden Kreise irgendeines Staates müßten notwendigerweise aus dem Militärstande hervorgehen, weil sonst der Staat ja kein Nervensystem, kein Kopfsystem hätte, keine Köpfe, sondern nur die untergeordneten Organe.
Dies nur als ein Beispiel, es könnten Hunderte und Hunderte angeführt werden, für den Versuch, der so oft gemacht worden ist, unmittelbar naturwissenschaftliche Denkweise zu übertragen auf das Begreifen des sozialgeschichtlichen Lebens.
Wer ein Gefühl für solche Dinge hat - ich rede zunächst nur von Gefühlen für die Dinge -, der wird sehen, wie alle diese Versuche nur das eine zeigen, daß man mit solchen Vorstellungen, die in der Naturwissenschaft so Großes leisten, überhaupt nicht herankommen kann an dasjenige, was im sozialen, was im gesellschaftlichen Leben wirksam ist. Man kommt nicht heran an diese Dinge. Die große Frage entsteht: Warum kommt man nicht an diese Dinge heran?
Ich werde nun scheinbar von etwas sehr, sehr weit Entlegenem ausgehen müssen, um dann unsere Betrachtungen einmünden zu lassen in das sittlich-soziale Gebiet. Aber es muß eben in der Geisteswissenschaft, da sie eine wesentlich andere Erkenntnisart anstreben muß, als es die naturwissenschaftliche ist, heute manches von sehr weit hergeführt werden.
Dasjenige, worauf ich zunächst aufmerksam zu machen habe im Zusammenhang mit dem, was ich vorgestern vorgebracht habe, ist, daß die Menschen heute wenig geneigt sind, das gesamte Leben des Menschen in ihre Erkenntnis hereinzubeziehen. Was in die Erkenntnis hereinbezogen wird, ist das, was sich einschließt in das wache Tagesleben.
Nun, wer vorgestern meinen Auseinandersetzungen gefolgt ist, wird mich nicht in dem Verdacht haben, daß ich irgendwelche phantastische, traumhafte Dinge in die geisteswissenschaftlichen Betrachtungen einführen will; aber das muß betont werden: Das gesamte Menschenleben setzt sich zusammen aus demjenigen, was der Mensch - auf andere Wesen kann ich heute der Kürze der Zeit halber nicht eingehen -, was der Mensch erlebt im wachen Tagesleben, und dem, was sich in dieses Leben hereinstellt während des Schlafens und während des Träumens, das in chaotischen Bildern zunächst auf und ab wogt aus dem Schlafesleben. Es sind ja die merkwürdigsten, sonderbarsten Anschauungen gerade auf dem Gebiete naturwissenschaftlicher Vorstellungsart gebildet worden auch in bezug auf das Schlaf-, auf das 'Traumleben. Es würde sehr interessant sein, einmal darauf auch einzugehen. Allein, ich muß mich in bezug auf diese Dinge, die ja nur herangezogen werden sollen, kurz fassen. Vor allen Dingen hat man mit Bezug auf dasjenige, was der Fall sein soll beim Schlaf, wirklich recht merkwürdige Vorstellungen. Auf dieses muß ich doch aufmerksam machen.
Wer wird heute nicht oftmals auch als Wissenschafter überzeugt sein davon, daß der Schlaf von der Ermüdung kommt, daß der Mensch eben ermüdet werde und dann der Schlaf eintreten müsse. Jeder kann sich selbst die Widerlegung dieser Ermüdungstheorie sehr leicht leisten, indem er sich daran erinnert, daß der wohlgenährte Rentner, der irgendwie in ein Konzert oder in eine Vorlesung sich verfügt und nach den ersten fünf Minuten einschläft, durchaus nicht aus Ermüdung in den Schlaf versinken muß, sondern daß da ganz andere Gründe vorhanden sein müssen.
Derjenige, der diese Dinge erforscht, wird sehen, daß vielmehr die Ermüdung durch den Schlaf eintritt als Schlaf durch die Ermüdung. Schlafen und Wachen sind nun wirklich ein Rhythmus des Lebens, die abwechseln müssen, weil das eine ebenso notwendig ist für das menschliche Leben wie das andere.
Nun, wie gesagt, auf die eigentliche Charakteristik dieses Lebensrhythmus kann ich nicht eingehen; was aber wichtig ist, das ist, daß Geisteswissenschaft auf der einen Seite genötigt ist, wirklich diese andere Seite des menschlichen Lebens, den Schlaf, mit seiner Offenbarung im Traume zu verfolgen, und auf der anderen Seite genötigt ist, festzustellen, daß dasjenige, was wir Schlaf und Traum nennen, viel ausgebreiteter im menschlichen Leben ist, als man gewöhnlich im trivialen Urteil eigentlich annimmt.
Geisteswissenschaft ist ganz und gar nicht darauf aus, alte abergläubische Vorurteile aufzunehmen. Und es gehört ganz gewiß zu den alten abergläubischen Vorurteilen, wenn man zum Beispiel dem Traum irgendwelche prophetische Bedeutung beimißt für irgend etwas Zukünftiges. Aber in solch altem Aberglauben steckt zuweilen ein vernünftiger Kern. Nur muß man ihn nicht so nehmen, wie man ihn gewöhnlich nimmt.
Als ich kürzlich einen Zyklus von Vorträgen gehalten habe und daher über manches genauer sprechen konnte als hier, wo mir weniger Zeit zur Verfügung steht, habe ich auch darauf aufmerksam gemacht, wie Geisteswissenschaft das Problem des Schlafes, des Traumes ins Auge fassen müsse. Darauf wurde erwidert von derjenigen Seite, die die Psychoanalyse betreibt, daß diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft von einer gewissen höheren Erkenntnis spreche, die sich wohl vergleichen ließe in bezug auf die Stärke, mit der sie im Bewußtsein wirkt, mit den im Bewußtsein anwesenden Traumesvorstellungen, daß aber die Psychoanalyse, die ja so aufgeklärt, naturwissenschaftlich sein will, in dieser Beziehung das Richtige treffe, weil sie dasjenige, was der Mensch träume, zu der Erforschung der menschlichen Natur nur so verwende, daß sie in den Äußerungen des Traumes bloß Symbolisches sehe, in alledem, was außer dem gewöhnlichen Bewußtsein auftrete, im sogenannten Unterbewußtsein, nur Symbolisches sehe; während ich zum Beispiel als Vertreter der Geisteswissenschaft dasjenige, was sonst im Unterbewußtsein auftritt, als eine Wirklichkeit nehme.
Nun, etwas weniger Zutreffendes, etwas in höherem Grade Mißverständlicheres könnte man gar nicht vorbringen. Denn niemals wird in der wirklichen anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft jemandem einfallen, dasjenige, was der Traum darbietet, was unmittelbar Inhalt des Traumes ist, auch nur als symbolisch zu betrachten. Man kann getrost sagen: Wenn Psychoanalyse meint, dadurch hinaus zu sein über die Geisteswissenschaft, daß sie den Traum als etwas Symbolisches betrachtet, so ist Geisteswissenschaft nicht etwa darauf aus, den Inhalt des Traumes als eine Wirklichkeit zu betrachten, sondern sie zeigt sogar, daß dasjenige, was Inhalt des Traumes ist, überhaupt keinen realen Wert, keine reale Bedeutung hat. Dagegen sagt sie: Was im Traume lebt, was im Traume sich betätigt, das hängt zusammen mit dem, wovon ich vorgestern gesprochen habe, was der Mensch kennenlernt als seinen urewigen Wesenskern. Wenn der Mensch im Traume arbeitet - wenn man das arbeiten nennen darf-, so arbeitet ein Überschuß seines gewöhnlichen Bewußtseins im Traume, jener Überschuß seines gewöhnlichen Bewußtseins, der, wenn er durch eine gleich nachher auch wiederum eben prinzipiell zu besprechende Erkenntnis genau angeschaut wird, sich als zusammenhängend erweist mit dem urewigen Wesenskern des Menschen, welcher durch die Pforte des Todes in das geistige Leben eintritt nach dem Tode. Was im Traume lebt, ist auch dasjenige, was nun in unsere Zukunft hineinarbeitet. Aber dasjenige, was der Mensch im Traume erlebt, die Bilder, die er erlebt, die haben gar nichts zu tun mit der dem Traume zugrundeliegenden Wirklichkeit.
Daher wird der Geistesforscher den Traum niemals so betrachten, daß er folgendes außer acht lassen wird: Wenn jemand etwas träumt, so liegt dem Traume ein geistiges Faktum zugrunde, aber die Traumbilder, die erlebt werden, als im Traume erlebt erzählt werden, die könnten ganz andere sein. Ein Mensch kann dasselbe erleben wie ein anderer im Traume; aber er kann den Traum ganz anders, radikal anders erzählen, weil seine Traumbilder ganz andere Bedeutung haben. Auf was kommt es beim Traume dem Geistesforscher an? Nicht darauf kommt es ihm an, die Traumbilder als solche zu verfolgen - ob man sie nun in ihrer Wirklichkeit oder in ihrer Symbolik erfaßt-, sondern auf die innere Dramatik des Traumes: wie ein Bild auf das andere folgt, ob ein Bild das nächste ablöst, also eine Entspannung ist oder eine Beängstigung und dergleichen. Diese innere Dramatik, die die Seele ganz unterbewußt durchlebt, gibt sich nur dadurch dem gewöhnlichen Bewußtsein kund, daß sich das unterbewußt Erlebte in die Reminiszenzen des Alltagslebens kleidet. In Bildern umkleidet sich dasjenige, was da in seinem Unterbewußten als die seelische Dramatik in diesen Bildern arbeitet.
Dasselbe Erlebnis kann sich für Hunderte anders, in hunderterlei andere Bilder kleiden. Wer als Geistesforscher einen Traum kennenlernt, weiß daher, daß er dem Traum nicht so zuzuhören hat, daß er auf seinen Inhalt sieht, sondern auf das Wie in ihm, auf die Art und Weise, wie die Bilder wogen. Darinnen steckt das Wesentliche.
Ich erwähne dieses, weil ich im Zusammenhange damit zu sagen habe, daß, wenn durch seelische Übungen, durch Erstarkung der besonderen Seelenkräfte in der Art, wie das vorgestern hier erwähnt worden ist, der Mensch darauf kommt, seinen urewigen Wesenskern zu schauen, der Mensch dann erkennt, was im Schlaf und Traum eigentlich ist. Diese Dinge sind Bewußtseinsvorgänge, und sie müssen auch innerhalb des Bewußtseinsfeldes erkannt werden. Der Geistesforscher, der in solcher Weise das Bewußtsein durchforscht, wie ich es vorgestern angegeben habe, kommt darauf, daß dasjenige, was in der neueren Zeit so vielfach verkannt wird, worauf keine naturwissenschaftliche Vorstellungsweise kommen kann, gerade solche ausgezeichnete psychische Physiologen wie Ziehen und andere bezeugen: Daß der Mensch die IchErfahrung, das Ich-Erlebnis, so wie er es hat, nur dadurch haben kann, daß er in den Lebensrhythmus des Wachens und des Schlafens eingespannt ist.
Lernt man erkennen, was die Seele ist, so lernt man auch erkennen, daß nur dadurch der Mensch weiß von einem Ich, daß er zwischen Geburt und Tod nicht immer drinnensteckt im wachen Leben. Man denke sich hypothetisch das wache Leben ausgedehnt über das gesamte Menschenleben zwischen Geburt und Tod; man denke sich, daß man niemals schlafen könnte: dann hätte man niemals jene Widerlage, an welcher das Ich in der Zeit sich selber gewahr wird. Dadurch, daß man schlafen kann, daß man dieses Bewußtsein, das in der äußeren Sinneswelt und mit dem Verstande, der sich in der Sinneswelt betätigt, lebt, daß man dieses vertauschen kann mit einem Bewußtsein zwischen Einschlafen und Aufwachen, das nichts unterscheidet, weil es dumpf ist, dadurch hat man sein Ich-Bewußtsein. Der Mensch würde nicht lernen, zu sich «Ich» zu sagen, wenn er nicht in den Lebensrhythmus zwischen Schlafen und Wachen eingespannt wäre.
Es ist merkwürdig, wie wenig man geneigt ist, auf solche Dinge einzugehen. Der große Ästhetiker Friedrich Theodor Vischer, der sogenannte V-Vischer, hat sich eingelassen auf eine Betrachtung des Traumlebens. Er hat das interessante Buch über die Traumphantasie von Johannes Volkelt kritisiert und eine Abhandlung darüber geschrieben. Da war man flugs geneigt, ihn zum Spiritisten zu machen, obwohl er gewiß nicht im falsch mystischen Sinn sich auf solche Sachen einließ. Nun, was macht man nicht alles aus dem Menschen, wenn man ihm irgend etwas anhaben will. Aber Vischer wußte, daß die Menschen lange gut sagen können: Was sich im Traume äußert, ist phantastisches Zeug. - Gewiß ist es phantastisches Zeug, aber in diesem phantastischen Zeug lebt dasjenige, was urewiger Wesenskern der Seele ist. Und wenn der Mensch nicht bereit ist, bei vollem wachen Tagesleben, durch das wache Tagesleben, durch das, was man schauendes Bewußtsein nennen kann, Vorstellungen von solcher Stärke zu entwickeln, wie sie sonst nur der Traum hat, dann ist er überhaupt nicht imstande, in das Ewige der Menschenseele hineinzuschauen. Will man in das Ewige der Menschenseele hineinschauen, so muß man imstande sein, dasjenige, was im Traume unwillkürlich arbeitet, zum willkürlichen, zum völlig freien Bewußtsein zu erheben.
Aber Friedrich Theodor Vischer hat dazumal in sehr interessanter Weise auf etwas aufmerksam gemacht, das, richtig verfolgt, ungeheures Licht wirft auf das Menschenleben. Er hat aufmerksam darauf gemacht, daß derjenige, der den Traum nicht richtig verstehen kann, auch das menschliche Affektleben, das Leidenschaftsleben, das Gefühlsleben überhaupt, nicht richtig versteht. Warum das? Friedrich Theodor Vischer hat nämlich vollständig das Richtige getroffen! Genau ebenso, wie die Seele im Traume tätig ist, nur daß sie sich da in Bildern auslebt, die Reminiszenzen aus dem Leben sind, genau so ist während des wachen Tageslebens die Menschenseele tätig im Gefühls-, im Affekt-, im Leidenschaftsleben.
Wir träumen in unseren Gefühlen, in unseren Affekten, in unseren Leidenschaften. Und wer imstande ist, das Seelenleben wirklich zu verfolgen, der weiß: Derselbe Grad von Intensität und dieselbe Qualität des Seelenlebens, die sich äußert in dem Traume, meinetwillen auf abnorme Weise, die äußert sich: während des wachen Tageslebens in all dem, was in menschlichen Gefühlen sonst lebt. Geistesforschung zeigt gerade dadurch, daß sie mit ihren Methoden die Seele wirklich beobachtet, daß der Mensch sein volles waches Tagesleben nur hat für die äußere Sinnesbeobachtung und für das Vorstellungsleben. Nur in bezug auf die Sinneswahrnehmungen und auf das Vorstellungsleben sind wir wirklich wach, während sich in das wache Tagesleben hineinzieht der Traum. Er zieht sich hinein in das wache Tagesleben, so daß dasjenige, was wir gefühlsmäßig erleben, was an gefühlsmäßigen Impulsen in uns ist, geträumt wird. Während das wache Tagesleben in den Sinneswahrnehmungen und in den Vorstellungen abläuft, geht der Unterstrom unterbewußten Lebens, der aber durch die Geisteswissenschaft in das Bewußtsein heraufgehoben werden kann, geht der Strom des unterbewußten Lebens als ein Traumstrom fort im Gefühl, im Leidenschaftsleben; wir träumen fort, indem wir wachen. Und vor allen Dingen: Wir schlafen fort, indem wir wachen. Wir träumen nicht nur, wir schlafen fort, indem wir wachen.
Alles das, was in unserem Gefühle lebt, das träumen wir während des Wachens. Was in unserem Willen lebt, das ist uns im wachen Tagesleben nicht mehr bewußt, als das dumpfe, eben gar nicht mehr wahrnehmbare Bewußtsein während des Schlafes. Gerade deshalb haben die Menschen auf philosophischem Gebiete sich immer gestritten, ob der Wille frei sein könne oder nicht frei sein könne, weil sie mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, auch wenn sie noch so erleuchtete Philosophen sind, in das Getriebe der Seele, wenn sie sich im Willen äußert, ebensowenig hineinschauen können, wie sie in dasjenige hineinschauen, was die Seele erlebt während des tiefsten traumlosen Schlafes. Denn das Willensleben in seinem eigentlichen Geheimnisse wird tatsächlich nicht nur verträumt, es wird im gewöhnlichen Bewußtsein verschlafen. Wir wissen nichts weiter von irgendeiner Handlung, die wir begehen, von irgend etwas, das wir hineinstellen in das Leben, als was von der Sinneswahrnehmung bis zum Vorstellen reicht. Sie können sich selbst davon überzeugen, daß naturwissenschaftlich gründlich denkende Psycho-Physiologen auf diese Sache schon gekommen sind, wenn sie das sehr bedeutende Buch über Psychologie von Theodor Ziehen studieren: daß man stehenbleiben muß bei der Willensanlage, beim Willensimpuls, bei der Vorstellung; daß man weiter nicht hinunter kann. Dann erst tritt auf die fertige Handlung, die wieder in die Vorstellung eintritt. Was zwischen der fertigen Handlung und der Vorstellung liegt, das ist ebenso in die Dumpfheit des Bewußtseins eingetaucht beim wachen Tagesleben, wie das in die Finsternis eingetaucht ist, was der Mensch zwischen dem Einschlafen und Aufwachen erlebt, wenn kein Traum durch seinen Schlaf zieht.
So träumen wir fort während unseres wachen Tageslebens, so schlafen wir fort. Aus unserem Traumesleben, das das Wachen durchzieht, gehen die Gefühlsimpulse hervor, aus dem das wache Tagesleben druchdringenden Schlafesleben die Willensimpulse. Dasjenige also, was sich im sozialen Leben, was sich in der Geschichte äußert, geht aus unserem Traum- und Schlafesleben hervor.
Untersucht man diese Dinge, so braucht man allerdings dazu — ich habe vorgestern darüber gesprochen — ein Erkenntnisvermögen, das durch eine ganz andere Art die Seele betätigt, als das gewöhnliche Bewußtsein dazu imstande ist, und das einen befähigt, wirklich das seelische Leben als solches durch das Seelische anzuschauen.
Ich möchte auch heute etwas einfügen, was das Bewußtsein mit sich machen muß, um zu der Anschauung dieser Dinge zu kommen. Denn immer wieder und wiederum wird das Mißverständnis auftauchen, daß der Geistforscher seine Dinge nicht beweist. Er beweist sie dadurch, daß er zeigt, was die Seele vollbringt, um zu der Anschauung dieser Dinge zu kommen.
Zu der Anschauung der Dinge kann man aber allerdings nicht kommen, wenn man nur das gewöhnliche Bewußtsein zu Rate zieht. Wie gesagt, ich habe vorgestern darüber gesprochen. Das Genauere finden Sie in meinen Büchern, wie in der «Geheimwissenschaft» und «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», oder zusammengefaßt in meinem Buche «Vom Menschenrätsel», auch wiederum jetzt in meinem neuesten Buche, das in diesen Tagen erscheinen wird: «Von Seelenrätseln». Aber eines möchte ich hervorheben, was gerade für unsere heutige Betrachtung wesentlich sein kann: Die Art des Vorstellens, die für die naturwissenschaftlichen Gedanken voll gerechtfertigt ist, muß eine ganz andere werden, wenn der Mensch voll ins Auge fassen will, was ich jetzt gesagt habe und noch sagen werde. Es ist nicht mit einem so geformten Denken zu erfassen, wie man es mit Recht anwendet, wenn man es mit dem gewöhnlichen Tagesleben zu tun hat. Da reicht man nicht hinunter zum Beispiel in die Gebiete, in denen die Impulse des sozialen, sittlichen, juristischen, ethischen Lebens liegen. Man braucht da Begriffe, welche in viel intensiverer Weise mit der Wirklichkeit verwandt sind als die naturwissenschaftlichen Begriffe. Naturwissenschaftliche Begriffe zeichnen sich gerade dadurch aus, daß die Tatsache, das Wesen außer ihnen ist, daß sie in einer gewissen Weise gar nicht darauf angewiesen sind, unterzutauchen in das Objekt, unterzutauchen in die Objektivität selbst. Mit diesen Begriffen kann man nicht in Geisteswissenschaft eindringen. Um in Geisteswissenschaft einzudringen, ist nötig, daß die Begriffe zusammenwachsen mit dem Leben, daß sie untertauchen in das Leben, so daß sie in sich selber solches Erleben haben, in sich selber solches Erleben vibrieren fühlen, wie es in den Dingen selber drinnen vor sich geht.
Das kann man nur dadurch erreichen, daß man sich loslöst von der Art, wie man im gewöhnlichen Bewußtsein mit seinen Vorstellungen zu den Dingen steht. Aber mit Recht hat dieses gewöhnliche Bewußtsein sich über die ganze Naturbetrachtung ausgedehnt, denn nur dadurch sind die glänzenden Fortschritte der Naturwissenschaft zu erreichen.
Wenn der Mensch eintritt in die geisteswissenschaftliche Betrachtung, so werden seine Vorstellungen etwas ganz anderes. Sehen Sie, wenn man einen Baum von vier Seiten betrachtet — ich habe das Beispiel auch hier schon angeführt -, von vier Seiten fotografiert, dann sind diese vier Seiten ganz verschieden voneinander, und Sie werden doch immer denselben Baum haben. Aus einer Fotografie kann man nicht sehen, wie der Baum eigentlich ist.
Im gewöhnlichen Leben ist der Mensch zufrieden, wenn er einen Begriff wie ein Abbild irgendeines Vorganges oder einer Wesenheit hat, wenn er rein ein Naturgesetz aussprechen kann. Sobald man in die Geisteswissenschaft eintritt, müssen Begriffe wie diese Fotografien von vier Seiten angewandt werden. Man kann niemals von einem Wesen oder einer Tatsache der wirklichen geistigen Welt eine Vorstellung bekommen, wenn man sich nur einen Begriff bildet. Man muß seine Begriffe so bilden, daß sie gewissermaßen um das Ding herumgehen, daß sie das Ding möglichst von den verschiedenen Seiten aus, ich darf jetzt sagen, ins Auge fassen, obwohl der Begriff nur symbolisch gemeint ist. Im äußeren Leben sind die Menschen Pantheisten, Monadisten oder Monisten oder irgendwelche andere «Isten». Man glaubt, mit einer solchen Vorstellung so recht irgend etwas von der Wirklichkeit zu erforschen. Der Geistesforscher weiß, daß das nicht möglich ist. Wenn es sich um geistiges Gebiet handelt, ist es nicht möglich, daß man pantheistisch forscht, den Baum nur von einer Seite betrachtet. Man muß zu gleicher Zeit Monadist sein, den Baum auch von einer anderen Seite fotografieren und so weiter, man muß seine Begriffe innerlich beweglich machen.
Dadurch aber erlangen Sie die Möglichkeit, wirklich unterzutauchen in das volle Leben. Dadurch werden Sie, wie ich es in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» gezeigt habe, wirklichkeitsgemäß in Ihren Begriffen. Und es ist nötig, in seinen Begriffen immer wirklichkeitsgemäßer und wirklichkeitsgemäßer zu werden. Das strebt der Geistesforscher an. Ich möchte mich durch ein Beispiel klarmachen.
Sehen Sie, der Naturforscher hat ganz recht, wenn er mit seinen Begriffen in der Sphäre des gewöhnlichen Bewußtseins bleibt. Bei ihm wird gerade dann Bedeutsames in seinem berechtigten Gebiete erreicht, wenn er diese Begriffe so nimmt, wie sie das gewöhnliche Bewußtsein darlebt; denn da stellen sie sich als geeignet heraus, die sinnenfälligen Tatsachen zu ergreifen. Wenn allerdings dann der Naturforscher diese Begriffe ausdehnen will über die sinnenfälligen Tatsachen hinaus, dann muß er sich bewußt sein, daß er vielleicht in eine Leere hineinkommt, daß er nicht mehr wirklichkeitsgemäß bleibt. Dazu ist das folgende Beispiel sehr interessant.
Es hat Professor Dewar, ein großer naturwissenschaftlicher Denker unserer Zeit, sehr gut und bedeutungsvoll aus dem, was der Forscher heute als Vorgänge beobachten kann, ausgemalt, wie der Endzustand der Erde sein wird nach Millionen von Jahren. Man kann, indem man ganz richtig physikalisch vorgeht, gerade als ein guter Physiker alles zu Rate zieht, sich Anschauungen darüber bilden, wie sich im Verlaufe von kurzen Zeiträumen gewisse Verhältnisse ändern. Dann rechnet man gewissermaßen aus, indem man das in der kürzeren Zeit sich Ändernde ausdehnt über einen großen Zeitraum, wie nach Millionen von Jahren die Sache aussieht. Da beschreibt der Professor sehr interessant, wie dann eine Zeit eintreten kann, wo zum Beispiel die Milch fest sein wird. - Ich weiß nicht, wie sie dann zutage treten wird; das ist eine andere Sache! — Er beschreibt, wie man die Wände des Zimmers mit diesem Weiß der Milch bestreichen wird; so fest wird die Milch sein. Allerdings wird es dann viele hundert Grade kälter sein als jetzt. Aber es wird keine flüssige Milch geben, die Milch wird fest sein. Die Dinge sind alle mit großem naturwissenschaftlichem Scharfsinn gedacht, und es ist gar nichts einzuwenden gegen die Aufstellung von solchen Hypothesen auf naturwissenschaftlichem Boden.
Für den Geistesforscher stellt sich sogleich ein anderer Gedanke hin, weil er lebendig, wirklich denkt und nicht abstrakt. Man kann ja sogar ganz gut das Beispiel von einem jungen Menschen nehmen von vierzehn Jahren, wie er sich verändert hat bis zum achtzehnten Jahre, und so diese kleinen Veränderungen dann zusammenstellen, nach der Methode, wie es Professor Dewar gemacht hat, und nun ausrechnen, wie dieser Menschenorganismus sein muß nach dreihundert Jahren. Es ist ganz dieselbe Methode. Nur lebt der Mensch nach dreihundert Jahren als physischer Mensch nicht mehr! Dem Geistesforscher stellt sich dies sogleich hin. Die Betrachtungsweise ist ganz richtig, nimmt alle naturwissenschaftlich-physikalischen Schikanen in Anspruch. Es ist gar nichts dagegen einzuwenden, sie ist ganz richtig. Man darf sie nicht als falsch hinstellen, aber sie ist nicht wirklichkeitsgemäß, dringt nicht ein in das Wirkliche. Ebenso könnte man zurückgehen von den Veränderungen, die der menschliche Organismus durchmacht, und dann von diesen Veränderungen aus sich fragen: Wie war das vor dreihundert Jahren? Man wird etwas sehr Nettes herausbekommen — nur hat der Mensch nicht gelebt vor dreihundert Jahren! Aber nach diesem Muster bildet sich derjenige, der Theorien bildet, seine Beispiele. Die Kant-Laplacesche Theorie von dem Urnebel — sie hat ja mannigfaltige Modifikationen erfahren, die man alle kennen kann-, aber dasjenige, was ihr prinzipiell zugrunde liegt, das ist für den Geistesforscher ein unerlaubter Gedanke, weil ebensowenig, wie der Mensch vor dreihundert Jahren physisch gelebt hat, wenn man auch seinen früheren und späteren Zustand ganz richtig berechnet hat, ebensowenig die Erde gelebt hat in der Zeit, für die die Kant-Laplacesche Theorie vom Urnebel aufgestellt wird; und das Sonnensystem nicht vorhanden war. Das habe ich nur als Beispiel angeführt, wie Vorstellungen ganz richtig sein können, absolut aus richtigen Grundlagen abgeleitet sein können, wie sie aber trotzdem nicht wirklichkeitsgemäß zu sein brauchen.
Das erreicht gerade der Geistesforscher durch seine Übungen, zu solchen Vorstellungen zu kommen, die wirklichkeitsgemäß sind, mit denen er dasjenige ergreift, was man nur ergreifen kann, wenn man in die Wirklichkeit untertaucht. Und durch solches Untertauchen lernt man erkennen, wie das Ich dann wäre in seinem gewöhnlichen Bewußtsein, wenn der Mensch nicht schlafen könnte. Es wäre eben gar nicht im menschlichen Bewußtsein vorhanden das Selbstbewußtsein oder Ich-Bewußtsein, wenn der Mensch nicht im zeitlichen Rhythmus von Schlafen und Wachen leben würde. Man lernt auch durch unmittelbare Anschauung erkennen, wie die Gefühlseigenschaften eigentlich geträumt werden, wie die Willenseigenschaften eigentlich geschlafen werden.
In Parenthese gleichsam möchte ich hier etwas einfügen, weil ich von mehreren Seiten darauf aufmerksam gemacht worden bin, was sich auf eine Bemerkung bezieht, die ich vorgestern gemacht habe. Ich sagte: Dasjenige, was der Geistesforscher erlebt, kann umgewandelt werden in Begriffe; aber das Erlebnis selber, die unmittelbare Wahrnehmung des Geistigen, die kann nicht erinnert werden, sondern muß immer wieder neu erfahren werden.
Man kann scheinbar ganz richtig einwenden: Wie kann man denn überhaupt wissen, daß irgendeine geistige Erfahrung neu ist, wenn man sich nicht erinnert? An die geistige Erfahrung kann man sich ebensowenig erinnern, wie man sich nicht an gewisse Menschen erinnert, die man nicht vor sich hat. Das geistige Ereignis, das entschwindet, das wird nicht in der Erinnerung aufbewahrt. Nur dann, wenn man es umgewandelt hat in Begriffe, in Vorstellungen, erinnert man sich an die Vorstellungen. Nur damit kein Mißverständnis eintritt, wollte ich dies gewissermaßen in Parenthese sagen.
Nun aber möchte ich auch noch die andere Seite des menschlichen Bewußtseins mit einer kurzen Bemerkung streifen. Was geschieht denn, wenn der Mensch nun wirklich dasjenige, was sonst immer im Unterbewußten bleibt, was verträumt, was verschlafen wird, wenn er das durch solche inneren Vorgänge, wie Sie sie geschildert finden in meinen Büchern, nun wirklich ins Bewußten heraufhebt? Wenn darüber ein Bewußtsein entsteht, so wie es im gewöhnlichen Bewußtsein des Tages nur vorhanden ist für das Sinnes- und Vorstellungsleben, da lernt der Mensch dann tatsächlich zum Beispiel dasjenige kennen, was in seinen Willensimpulsen sonst nur verschlafen wird. Aber wie man, wenn man auf das Schlafleben sich hinrichtet, erkennen lernt, daß das Ich-Bewußtsein abhängig ist vom Schlafesleben, so lernt man, in einer anderen Weise, durch die wirkliche Heraufhebung des Willenslebens aus dem Unterbewußten ins Bewußte erkennen, daß man dann, wenn man dieses Willensleben immer vor sich hätte, wenn man das Willensleben nicht verschlafen würde, ein ganz anderes Bewußtsein hätte, jenes Bewußtsein, das wirklich in einer gewissen Weise der Geistesforscher entwickelt. Das, was in uns will, und in gewisser Beziehung auch dasjenige, was unserem Fühlen entspricht, was in den Gefühlsimpulsen lebt, das würde, wenn der Mensch es so vor sich hätte wie sein Vorstellungsleben, auf ihn wirken wie ein anderer, wie wenn er einen zweiten, einen anderen Menschen in sich hätte. Der Mensch würde mit einem anderen Menschen herumgehen. Und man kann sagen: Es ist im weisheitsvollen Entwickelungsplan so eingerichtet, daß das einheitliche Bewußtsein, das der Mensch braucht für sein Leben zwischen Geburt und Tod, möglich gemacht wird dadurch, daß das Willensleben hinunter in den Schlaf gedrängt ist, er also nicht entzweigespalten wird dadurch, daß er den anderen immerfort anzuschauen hat, der eigentlich in ihm will. Dieser andere hängt nämlich wiederum zusammen mit dem urewigen Wesenskern des Menschen, mit dem von der Leiblichkeit freien, urewigen Wesenskern des Menschen, mit dem, was nicht durch die Leiblichkeit wirkt.
Daher, wenn der Geistesforscher wirklich dazu gelangt - ich habe schon vorgestern gesagt, ich lasse mich nicht abhalten durch irgendeine Scheu, auf die Dinge aufmerksam zu machen, die wirklich aus dem Gebiete der Geistesforschung hervorgehen mit wissenschaftlicher Exaktheit, wie die naturwissenschaftlichen Gesetze auf naturwissenschaftlichem Gebiete -, wenn der Geistesforscher wirklich dazu gelangt, das Willensleben und das Gefühlsleben heraufzuholen in das Bewußtsein, wenn er seine innere Aktivität so verstärkt, daß er nicht bloß das Sinnes- und Vorstellungsleben in sich lebendig machen kann, sondern in sich lebendig machen kann das Gefühls- und Willensleben, dann wird die Welt ergänzt durch die andere Seite, durch die geistige Seite; dann erlebt der Mensch als eine Wirklichkeit, daß wir von denjenigen Seelen, welche den Leib verloren haben durch den Tod, nur durch unser Sinnes- und durch unser Vorstellungsleben getrennt sind. In dem Augenblick, wo wir bewußt eintreten in unser Gefühls- und Willensleben, treten wir in eine Region ein, wo wir auf gemeinsamem Gebiet auch mit den Seelen stehen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind.
Das Getrenntsein zwischen den sogenannten lebenden Menschenseelen und den sogenannten gestorbenen Menschenseelen überbrückt sich durch Geisteswissenschaft. Es überbrückt sich durch Geisteswissenschaft auf eine ganz exakte Weise. Durch eine ganz exakte Betrachtungsweise muß allerdings das Seelenleben wiederum umgestaltet werden. Wenn auf diesem Gebiete, in das da der Mensch eintritt, wirklich reale Wahrnehmungen gemacht werden wollen — Träume kommen unwillkürlich, dasjenige, was im Traume erlebt wird, kommt unwillkürlich —, wenn der Mensch etwas in sein Bewußtsein hereinbringen will, das wirklich aus dem Gebiete kommt, in dem die Toten leben, dann muß er mit ebensolchen willkürlichen Vorstellungen, aber jetzt höheren Vorstellungen, als die des wachen Tagesbewußtseins sind, weil diese Vorstellungen das Fühlens- und Willensleben umfassen müssen, er muß mit ebenso willkürlichen Vorstellungen den Objekten in der geistigen Welt gegenüberstehen, wie man sonst den Objekten in der Sinneswelt gegenübersteht. Im gewöhnlichen 'Traume kann man nicht unterscheiden das, was einen zwingt vorzustellen, und sich selber. Diese Unterscheidung ist vorhanden, wenn der Geistesforscher dem Leben naht, dem auch die durch den Tod gegangenen Seelen angehören.
Daher sind Träume, die unwillkürlich kommen, auch wenn sie uns scheinbare Botschaften bringen aus einer übersinnlichen Welt, immer mit Vorsicht aufzunehmen. Der Geistesforscher kann nur dasjenige als seine wirkliche Beobachtung anerkennen, das er mit voller Willkür herbeiführen will. Will der Forscher daher in Verbindung kommen mit irgendeiner Seele, die dem geistigen Leben angehört, die vielleicht schon lange durch die Pforte des Todes gegangen ist, dann kann er dadurch in Verbindung kommen, daß er von seinem Willen aus dasjenige herbeiführt, was er mit der betreffenden Seele erlebt, nicht in solcher unwillkürlichen Weise, wie es durch den Traum geschieht.
Sehen Sie, Geistesforschung führt uns dahin, anzuerkennen, wie eine andere Welt hereinragt in unsere Welt, die aber für unsere Welt eine tiefe, eine intensive Bedeutung hat, aus dem einfachen Grunde, weil unser Gefühls-, weil unser Willensleben dieser Welt angehört.
Für die Welt nun, die in den Sinnen beschlossen ist, die mit Gesetzen umfaßt werden soll, die diesen Sinnen entnommen sind, kurz für die Welt, die die Naturwissenschaft betrachtet, reichen die abstrakten Vorstellungen des wachen und gewöhnlichen Bewußtseins aus. Für die Welt des sozial-sittlichen Lebens braucht man wirklichkeitsgemäße Vorstellungen. Vorstellungen, wie die Kant-Laplacesche Theorie, wie die Vorstellungen über den Endzustand der Erde, können nur zum Irrtum führen. Sie können berechtigte Vorstellungen sein, wenn man im Gebiete der theoretischen Diskussionen bleibt. In dem Augenblick, wo man in das soziale Leben, in die politische Struktur von der Wissenschaft her Vorstellungen einführt, die abstrakt, nicht wirklichkeitsgemäß sind, wirkt man zerstörend, bewirkt man Katastrophen innerhalb dieser Wirklichkeit. Da haben Vorstellungen, die nicht wirklichkeitsgemäß sind, eine ganz andere Bedeutung.
Nun stellt sich heraus, wenn man dasjenige, was im Laufe der menschlichen Geschichte wirklich geschieht, was das geschichtliche Leben weitertreibt, betrachten will, so kann man es nicht betrachten mit dem naturwissenschaftlichen Vorstellen; denn dieses geschichtliche Leben wird nicht auf einem solchen Felde erlebt, auf dem die naturwissenschaftlichen Vorstellungen anzuwenden sind, die ganze Geschichte wird von dem Menschen nicht mit wachen Vorstellungen wirklich impulsiert, sondern sie wird geträumt. Das ist das Wichtige, das ins Auge gefaßt werden kann — heute noch eine ganz paradoxe Wahrheit, wie der Kopernikanismus ein Paradoxon war, als er aufgetreten ist-, das geschichtliche Leben wird nicht geschaffen aus solchen Vorstellungen heraus, wie wir sie eben im Naturwissenschaftlichen gewöhnt sind. Das Soziologische, das soziale Leben geht nicht hervor aus einem solchen Impulse, wie wir ihn mit der Naturwissenschaft erfassen, sondern es wird erträumt. Der Mensch träumt das gesellschaftliche Leben.
Interessant war mir immer — ich darf diese persönliche Bemerkung machen; es sind jetzt mehr als dreißig Jahre, daß ich mich intensiv mit diesem Problem befasse, es von allen Seiten zu erforschen gesucht habe -, interessant war mir, wie es strahlende Lichter hingeworfen hat auf ein Rätsel, wenn Herman Grimm im Gespräche mit mir öfter gesagt hat: Wendet man die gewöhnlichen Begriffe, die naturwissenschaftlichen Begriffe auf das geschichtliche Leben an, so daß sie tauglich sein sollen, so kommt man keinen Schritt weiter. Will man das geschichtliche Leben erfassen, will man hineinschauen in die Impulse, die darin wirken, dann kann man das nur mit der Phantasie. Herman Grimm war noch kein Geistesforscher, lehnte die Dinge ab; aber er meinte, man kann dieses geschichtliche Leben nur ergreifen mit der Phantasie. Nun, mit der Phantasie kann man es auch nicht ergreifen. Aber Grimm war doch wenigstens eine Persönlichkeit, die wußte: Man kann nicht mit den gewöhnlichen Begriffen hineinkommen in das geschichtliche Leben.
Aber gerade Geisteswissenschaft kann hineinkommen, indem sie hinzufügt zu dem gewöhnlichen Bewußtsein das imaginative Bewußtsein, das inspirierte Bewußtsein und das intuitive Bewußtsein, drei übersinnliche Vorstellungsarten des schauenden Bewußtseins. Geisteswissenschaft hebt dasjenige herauf ins Bewußtsein, was sonst verträumt, was sonst verschlafen wird.
In früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden hatten die Menschen - ich habe das auch schon vorgestern erwähnt — über die geistigen Tatsachen ein gewisses instinktives Bewußtsein. Aber dieses instinktive Bewußtsein mußte verlorengehen. Es ging verloren und wird immer mehr und mehr verlorengehen, je mehr sich die glänzenden Errungenschaften der Naturwissenschaft auf ihrem Gebiete gut bewähren werden.
Von der anderen Seite her muß das wiederkommen, was dem instinktiven Bewußtsein verlorengegangen ist. Daher kann man sagen: Während des menschlichen Instinktlebens konnten die sittlich-sozialen Ideen, die ethischen Ideen, die juristischen Ideen in das geschichtliche, in das soziale Leben, in das gesellschaftliche Leben hineinfließen, die geträumt sind; und so kann die Menschheit jetzt noch immer zehren von dem, was aus dem instinktiven Bewußtsein gekommen ist.
Aber heraufgekommen ist dieses Zeitalter, in dem die Menschheit ins volle Bewußtsein hineintreten muß, in dem die Menschheit zur vollen Freiheit gelangen muß. Da wird das alte instinktive Bewußtsein nicht mehr ausreichen. Wir stehen in jener Epoche, in welcher geisteswissenschaftlich diejenigen Kräfte heraufgeholt werden müssen, welche in der sozialen Strukturgebung der Gesellschaft, in der ethischen Strukturgebung der Gesellschaft, im politischen Leben wirksam sein müssen. Niemals wird dasjenige, was im sozialen Leben lebt, erfaßt werden können mit den Begriffen, die nur den Sinneswahrnehmungen, die überhaupt nur dem wachen Tagesbewußtsein, dem gewöhnlichen Bewußtsein entnommen sind.
Herman Grimm hatte ganz recht — aber er wußte nur die Hälfte der Sache -, wenn er sagte: Warum ist der englische Geschichtsforscher Gibbon so bedeutend, wenn er die ersten christlichen Jahrhunderte schildert, in der Schilderung desjenigen, was da unterging? Und warum findet man in seiner Geschichtsdarstellung gar nichts von dem bedeutenden Wachstum und Werden, das durch die christlichen Impulse in die Menschheitsentwikkelung hineingekommen ist? Aus dem Grunde, weil Gibbon eben auch die gewöhnlichen Begriffe nimmt, die Begriffe des wachen Tagesbewußtseins. Die können aber auch nur dasjenige erfassen, was untergeht, die können nur den Leichnam erfassen.
Dasjenige, was wird, was wächst, das wird geträumt, verschlafen. Und das kann nur durch Geisteswissenschaft erkannt, durchschaut werden. Weil die politischen Impulse bewußt werden müssen, weil sie nicht mehr bloß instinktiv sein können, deshalb müssen sie geisteswissenschaftlich verstanden werden in der Zukunft.
Das ist es, was gerade auf einem tief mit der Menschenseele zusammenhängenden Gebiete aus den Zeichen der Zeit erkannt werden muß; selbst aus äußerlichen Dingen kann man heute solches erkennen. Nehmen wir ein heute sehr weitverbreitetes Beispiel.
Indem ich von diesem Beispiel spreche, möge man nur ja nicht glauben, daß Geisteswissenschaft einseitig nach irgendeiner Richtung sein wolle, Partei ergreifen wolle nach der einen oder anderen Richtung, sondern das nimmt sie völlig ernst, daß man mit irgendeinem Begriff nur von einer Seite eine Sache beleuchtet und daß man daher etwas Unrechtes tut, wenn man diesen Begriff unmittelbar in die Wirklichkeit einführen will. Nehme ich zum Beispiel die ja manchen Menschen glänzend einleuchtende materialistische, geschichtlich-soziologische Auffassung, die Karl Marx und ähnliche Leute über das soziale Leben der Menschheit und den geschichtlichen Verlauf gegeben haben. Verfolgt man diese sozialdemokratische Betrachtungsweise, verfolgt man bei Marx, wie er wirklich mit einem gewissen Scharfsinn darstellen will, daß alles dasjenige, was geschichtlich geschieht, durch gewisse Klassenkämpfe sich auslebt, daß materielle Impulse das geschichtliche Leben in seiner Struktur bestimmen, dann merkt man: Verstehen kann man dasjenige, was Karl Marx auf diesem Gebiete sagt, nur dann, wenn man weiß, daß er, allerdings einseitig, Wirklichkeiten schildert. Aber was für Wirklichkeiten schildert er? Die Wirklichkeiten schildert er, die damals vergangen waren, als er seine Bücher geschrieben hat!
Vom 16. Jahrhundert ab beginnt in der Tat das europäische und das zum Europäischen gehörende Leben so, daß neben dem, was man sonst konventionell in der Geschichte erzählte - Geschichte ist ja doch meist eine Fable convenue, wie sie in den Schulen gelehrt wird -, daß neben dem, was man so erzählt als wirkliche Geschichte, Klassenkämpfe da sind, materielle Impulse da sind. Das, was heraufgekommen ist bis in das Zeitalter, wo Karl Marx schildert - er schildert einseitig, aber er schildert nicht ganz mit Unrecht —, das, was in dem Augenblicke, wo er versucht, Begriffe des gewöhnlichen Bewußtseins darauf anzuwenden, schon ausgeträumt war von der Menschheit, was damals Wirklichkeit war, als die Menschheit geträumt hat, das wird in gewöhnliche Begriffe gefaßt. Aber nun stellt sich heraus: Wird nicht angewendet die Methode der Geisteswissenschaft, die aus der Wirklichkeit heraus ist, dann findet man aus dem, was man so mit gewöhnlichem Bewußtsein erfassen will, nichts in den sozialen Vorgängen für das, was weitergehen kann; man findet nichts Anwendbares für das Weiterleben. Karl Marx’ Schilderung ist richtig für eine gewisse Einseitigkeit des Lebens, für die letzten Jahrhunderte. Sie ist nicht mehr anwendbar, nachdem die Menschheit ausgeträumt, dasjenige ausgeschlafen hat, was er schildert. Es ist tatsächlich so: Wenn man wirklichkeitsgemäße Begriffe gewinnt, so kann man nicht sagen, daß man das, worauf es ankommt, aus der äußeren Erfahrung ablesen könne, wie es die Naturwissenschaft machen muß. Wer in irgendeiner Stellung des Lebens, in irgendeiner Position des Lebens eingreifen muß in die soziale Struktur, der muß wirklichkeitsgemäße Begriffe haben. Aber diese wirklichkeitsgemäßen Begriffe können nicht vom Leben abgelesen werden. Vom Leben abgelesen werden kann nur das, was das gewöhnliche Bewußtsein erfaßt.
Man muß im sozialen Leben drinnenstehen, wenn man es nicht mit fehlender Wirklichkeit, sondern mit lebendigen Begriffen zu tun haben will. Man muß so drinnenstehen, daß man nicht angewiesen ist darauf, daß einem dieses Leben etwas gibt, sondern daß man die Gesetze kennt, die sonst nur im Unterbewußten walten, und daß man sie einzuführen vermag in das Leben. Aus der imaginativen Erkenntnis, aus derjenigen Erkenntnis, welche das gewöhnliche abstrakte Vorstellen zu innerer Lebendigkeit so zu erheben vermag, daß diese Vorstellungen zwar bildhaft sind, aber dafür in die Wirklichkeit untertauchen, aus dieser imaginativen Erkenntnis gehen alle diejenigen Begriffe hervor, welche in der Zukunft wirksam sein können in bezug auf die soziale Struktur.
Die sozialen Versuche sind deshalb so trostlos geblieben, sie haben deshalb so viele reale Irrtümer hervorgerufen, weil man glaubte, die sozialen Begriffe so auffassen zu können, wie man naturwissenschaftliche Begriffe aufstellt, weil man wirklichkeitsfremd diese Begriffe aufstellte. Aus der Imagination, aus dem Untertauchen in dasjenige, was sonst von dem gewöhnlichen Bewußtsein nur wie im Traume erlebt wird, können diejenigen Impulse nur hergeholt werden, die der braucht, der irgend etwas, was als soziale Idee gelten will, auszusprechen hat. Jede Zeit ist eine Übergangszeit. Es ist natürlich eine triviale Wahrheit, wenn immer wieder und wieder gesagt wird, eine Zeit ist eine Übergangszeit, es kommt nur darauf an, was übergeht. Aber in unserer Zeit geht das instinktive Bewußtsein über in das freie, in das volle Bewußtsein, das unter der Idee der Freiheit lebt. Da müssen die alten Impulse, die aus dem instinktiven Bewußtsein gekommen sind — auch das römische Recht gehört noch dazu -, sie müssen abgelöst werden von dem, was für das soziale Leben Imagination, für das ethisch-sittliche Leben die Inspiration ergibt, was für das Rechtsleben die Intuition ergibt. Das ist allerdings nicht so bequem, wie wenn man aus dem Abstrakten heraus allerlei Rechtsbegriffe konstruieren will und weiß, weil man ja ein gescheiter Mensch ist, wie die ganze Welt beschaffen sein soll. Das weiß man!
Als Geistesforscher ist man nicht in dieser Lage; da muß man überall in die Wirklichkeit eindringen. Man hat heute gar nicht viel Begriff davon, wie dieses geschieht. Durch Jahrzehnte hindurch wird auf diesem Gebiete so, aus dem Abstrakten heraus, gehandelt. Man weiß nicht, wie zum Beispiel die westlichen Völker Europas - als Völker, nicht als einzelne Menschen! — gewisse Seeleneigentümlichkeiten haben, die Völker Mitteleuropas, die Völker Osteuropas, Asiens, gewisse andere Seeleneigentümlichkeiten haben, wie diese Seeleneigentümlichkeiten zusammenhängen mit dem, was diese Völker sind. Heute in dieser katastrophalen Zeit sehen wir, wenn wir tiefer blicken, vielfach dasjenige, was die Geistesforschung allein zu sehen vermag, sehen ein für das äußere Bewußtsein nicht verständliches, trauriges Ereignis durch die Menschheit gehen in der Welt, deren Zeichen so deutlich sprechen, in der sich die Menschheit nur zurechtfinden kann, wenn sie wirklichkeitsgemäße Begriffe suchen will. Wirklichkeitsgemäße Begriffe sind nicht diejenigen, die nach dem Muster der Naturwissenschaft gemacht sind oder nach dem Muster des wachen Tagesbewußtseins, wenn es sich um das Soziale, das Sittliche, um das Rechtsleben handelt.
Hier in der Schweiz ist ein Anfang gemacht worden, ein schöner Anfang in bezug auf Rechtsbegriffe, es ist versucht worden, die Begriffe des gewöhnlichen Vertragsverhältnisses aus der konkreten Wirklichkeit herauszuholen. Dr. Roman Boos hat in seinem ausgezeichneten, vor kurzem erschienenen Buch «Der Gesamtarbeitsvertrag nach SchweizerischemRecht»zumerstenMalinderheutigenZeit den Anfang damit gemacht, aus der konkreten Wirklichkeit heraus etwas zu suchen, was zur Rechtsstruktur gehört.
Diese Art, in sozialer, in sittlicher, in freiheitlicher Weise ins juristische Leben hineinzuleuchten, die muß ihren Fortgang nehmen, wenn wir die wirklichkeitsgemäßen Begriffe suchen wollen. Es gibt ein einfaches Mittel — gäbe ein einfaches Mittel -, das sehr hilfreich wäre, wenn in seiner radikalen Form versucht werden würde, irgendwo zu zeigen, wie die Begriffe des gewöhnlichen Bewußtseins, die sich so großartig ausnehmen auf naturwissenschaftlichem Gebiet, wie diese Begriffe unvermögend sind, in das sittlich-soziale Leben einzugreifen. Man brauchte nur den Versuch zu machen, einmal ein Parlament zusammenzusetzen aus solchen Menschen, die gerade groß sind auf dem Gebiete philosophischen Nachdenkens über die Welt mit den Begriffen, die nur dem gewöhnlichen Bewußtsein, das man auch das wissenschaftliche nennt, entnommen sind. Ein solches Parlament wäre am geeignetsten, das Gemeinwesen, zu dem dieses Parlament gehört, in der kürzesten Zeit zugrunde zu richten, weil ein solches Parlament nur die untergehenden Impulse sehen würde.
Zum schaffenden Leben gehören diejenigen, welche in das Bewußtsein heraufheben können, was sonst im äußeren realen Leben und in der Geschichte nur träumt, was in den Schlaf hinuntergesunken ist.
Daher sind auch Utopien so trostlos. Utopien sind wirklich so, wie wenn man eine aus studierte Schachpartie anwenden wollte, ohne Rücksicht auf den Partner. Utopien bilden heißt, dasjenige, was leben sollte, in die abstrakten Verstandesformen fassen. Daher kann eine Utopie niemals etwas anderes enthalten, als was ein Gemeinwesen zugrunde richten kann, nicht aber, was es aufbauen kann. Denn was die Wirklichkeit aufbauen kann, das kann nicht im Anschlusse an verstandesmäßige Begriffe gefaßt werden, das wirkt nur in lebendigen Imaginationen und hat im unmittelbaren Wirken etwas, was verwandt ist, aber nicht dasselbe ist - ich bitte das ausdrücklich zu bemerken-, was verwandt ist mit einem künstlerischen Wirken. Das mannigfaltigste wird einem geoffenbart, wenn man gerade dieses soziale, dieses sittliche Leben betrachtet vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft.
Vor allen Dingen wird, wenn dasjenige, was sich auf diese Weise als sozial-sittliche Ideen, als juristische Ideen ausprägt, ins Leben hineingeht, immer gipfeln können in der menschlichen Freiheit. Diese menschliche Freiheit kann naturwissenschaftlich nie begriffen werden, weil Naturwissenschaft nicht auf das Freie im Menschen gehen kann; für die Naturwissenschaft kann der Mensch kein freies Wesen sein. Geisteswissenschaft zeigt aber den urewigen Wesenskern des Menschen, von dem ich Ihnen gesagt habe, das ist wie ein anderer Mensch im Menschen. Naturwissenschaft zeigt nur den einen, nicht den anderen Menschen; der andere ist aber der freie. Der freie Mensch lebt auch in dem Menschen. Aber durch das sozial-sittliche Leben, durch das staatliche Leben, durch das ethische Leben wird der freie Mensch herausgeholt.
Moderne Betrachtungsweise, wie sie jetzt durch die Tatsachen widerlegt werden sollte, wenn man richtig beobachten könnte, moderne Betrachtungsweise führt eigentlich überall schon in der Theorie zum Austreiben der Freiheit.
Lassen Sie mich am Schlusse dieses noch anführen. Es hat ja immer gegeben in der neueren Zeit - und auch jetzt tritt es hervor und macht Aufsehen - solche Betrachtungen des sozial-sittlichen und des Staats- und politischen Lebens, welche den Staat zum Beispiel vergleichen mit einem Organismus, mit einer Lebensform. Von einem ausgezeichneten Forscher, den ich sehr schätze, ist ein aufsehenerregendes Buch erschienen: «Der Staat als Lebensform». Aber es ist so recht ein Beispiel für dasjenige, was überwunden werden muß. Manche haben versucht, diese Analogien zu bilden, den Staat zu vergleichen mit einem Organismus. Vergleichen kann man alles. Wenn es auf das Vergleichen ankäme, so könnte man ganz gut Vergleiche anführen zwischen einem Pfirsich und einem Spazierstock; es kommt nur darauf an, daß man geistreich genug dazu ist! Auf Vergleiche kommt gar nichts an, sondern darauf kommt es an, daß der Vergleich auch wirklichkeitsgemäß ist, wenn er schon gebraucht werden soll.
Nun, ich kann im einzelnen die Sache heute nicht durchführen, weil die Zeit dazu nicht ausreicht. Aber vergleicht man wirklich das, was im sozial-sittlichen Leben pulsiert, mit dem, was im organischen Leben vorhanden ist, dann gilt der Vergleich nur insofern, als man den einzelnen Staat, ja, das einzelne Gemeinwesen vergleichen muß mit einer Zelle. Und wenn man eine Ansammlung von Zellen, wie es der Organismus ist, vergleichen will, so kann man nur das gesamte Leben auf der ganzen Erde zum Vergleich mit dem Organismus verwenden.
Wie gesagt, das genannte Buch, «Der Staat als Lebensform», von Kjellen ist absolut unmöglich, aus dem Grunde, weil es diesen Vergleich in ganz unmöglicher Form gebraucht. Man kann aber, wenn man den Vergleich richtig gebraucht, den einzelnen Staat mit der Zelle vergleichen und das gesamte Leben über die Erde hin etwa mit einem aus einzelnen Zellen aufgebauten Organismus. Dann ist in diesem Organismus noch gar nicht dasjenige drinnen enthalten, was sich im Organismus als Seele, als Geist entwickelt. Aber auf das, was sich im Organismus als Seele, als Geist entwickelt, kommt es an; darauf kommt es sogar sehr an, daß zu dem Gesamtleben der Erde Geist hinzukommt. Und nur eine solche soziale Struktur der Erde wird richtig gedacht sein, welche nicht bei der Betrachtung des rein Äußerlichen die Meinung hegt, damit auch den Gesamtmenschen umfassen zu können.
So wenig man im Organismus die Seele umfassen kann, den Geist umfassen kann, so wenig kann man, auch wenn man die organische Betrachtung über die ganze Erde ausdehnt, im bloßen staatlichen Leben dasjenige umfassen, in dem menschliche Freiheit wurzelt. Denn menschliche Freiheit ragt über die Organisation hinaus.
Das ist etwas, was einem den Beweis liefern kann, wenn Sie es vollständig durchschauen, daß sogar dasjenige Nachdenken, welches die gewöhnliche abstrakte Bewußtseinsform hineinträgt in die Betrachtung des staatlichen Lebens, den Freiheitsbegriff ausschließen muß.
Geisteswissenschaft, indem sie das Leben ins Auge faßt, das frei ist von der Leiblichkeit, das sich nicht vergleichen läßt mit einem Organismus, wird allein berufen sein, auch wiederum den Begriff der freien menschlichen Seele einzuführen in das Leben.
Ich habe den Anfang damit gemacht schon 1894, als ich meine «Philosophie der Freiheit» - die leider schon so lange vergriffen ist - verfaßt habe, indem ich versuchte zu zeigen, wie dadurch, daß der Mensch tatsächlich ein freies Seelenleben entwickelt, das sich als ein anderes loslöst von dem in der Naturwissenschaft mit Recht bloß betrachteten Kausal-Begriff, wie dadurch der Mensch zu dem Ausleben seiner Freiheit kommt. Solange man nicht der Ansicht ist, Naturwissenschaft habe ganz recht, wenn sie Freiheit leugne auf ihrem Gebiete, weil sie es nur zu tun hat mit demjenigen, wo keine Freiheit ist — solange man das nicht einsieht, sieht man auch nicht ein, daß dasjenige, worauf sich Freiheit bezieht, auch nicht durch Naturwissenschaft zu erfassen ist.
Das aber erreicht Geisteswissenschaft, indem sie zeigt, daß der Mensch neben seinem Leib, der nach der einen Seite ein Ausdruck seiner Seele und seines Geistes ist, sein Geistiges hat, das nur erfaßt werden kann vom schauenden Bewußtsein, vom übersinnlichen Bewußtsein: vom imaginativen Bewußtsein, aus dem auch die sozialen Ideen fließen, vom inspirierten Bewußtsein, aus dem die sittlichen Ideen fließen, die sich im gewöhnlichen Leben im Mitgefühl, im Miterleben der anderen Menschen ausleben, aus dem, indem es intuitives Bewußtsein wird, die juristischen Ideen fließen, dadurch, daß im intuitiven Bewußtsein der Mensch nicht nur eindringt in das, was das andere Wesen ist, sondern durch dieses intuitive Bewußtsein das andere Wesen bis zu einem gewissen Grade auch in sich selber durchlebt. Und indem Geisteswissenschaft eindringt in das, was ewig ist im Menschen und was nur erfaßt werden kann durch imaginatives, inspiriertes, intuitives Bewußtsein, dringt Geisteswissenschaft auch vor zu dem, was unter dem Lichte, unter der Sonne der Freiheit im menschlichen Leben pulsieren kann.
Heute ist es noch recht paradox, wenn man, um die Wirklichkeit zu schildern, in die Lage kommt, zu sagen, daß Schlaf- und 'Traumimpulse in der Geschichte, im sozialen Leben, im sittlichen Leben, im rechtlichen Leben, im Freiheitsleben pulsieren und daß dasjenige, was da pulsiert, nur gefunden werden kann mit Geisteswissenschaft. Aber ich muß immer wiederum erwähnen: Dasjenige, was Geisteswissenschaft für die heutige Zeit als ein Paradoxon in die Welt bringen muß, das läßt sich eben zusammenstellen mit dem Paradoxon, das Kopernikus in die Welt brachte, als die Menschen geglaubt haben, die Erde stehe still, die Sonne und die Sterne bewegen sich um sie herum. Er hat das Entgegengesetzte an die Stelle gesetzt. 1822 erst hat eine gewisse Kirche erlaubt, daß einer an den Kopernikanismus glauben dürfe! Nun, wie lange es dauern wird, bis die Gelehrten und die sogenannten Gebildeten der heutigen Zeit erlauben werden oder sich nicht mehr schämen werden wie eines Aberglaubens, anzunehmen, daß Geisteswissenschaft das Leben erklärt, erweitert zu wirklichkeitsgemäßen Begriffen, daß sie zu fruchttragenden Begriffen führt, das muß abgewartet werden. Aber die Zeichen der Zeit sprechen so stark, daß man den Wunsch haben möchte, es könne recht, recht bald geschehen! Aber erleuchtete, hervorragende Geister haben ja immer, wenn auch nur in einzelnen Geistesblitzen, dasjenige geschaut, was die Wahrheit ist. Geisteswissenschaft ist insoferne eigentlich nichts Neues. Sie faßt nur systematisch und durch wirklichkeitsgemäßes Schauen zusammen, worauf die Geistesblitze der hervorragendsten Persönlichkeiten der Menschheit immer gegangen sind.
Und wie ich gestern am Schlusse einen solchen Ewigkeitsgeist erwähnte, so sei heute derselbe erwähnt: Goethe. Er hat sich auch mit Geschichte befaßt, mit der Anschauung in der Geschichte. Er hat gefühlt, obwohl er noch nicht Geisteswissenschaft gehabt hat dazumal — die Zeit dazu war noch nicht gekommen in seinem Zeitalter —: In dem, was im geschichtlichen Leben pulsiert, ist nicht dasjenige enthalten, was in die Begriffe hineingebracht werden kann, die sich im gewöhnlichen Vorstellen und gewöhnlichen Sinneswahrnehmen eröffnen. Er hat gefühlt: Was in der Geschichte lebt, auch das Große, was in der Geschichte lebt, enthält Impulse, die anders sind als das abstrakte Vorstellen des gewöhnlichen Geisteslebens. Deshalb hat Goethe das bedeutende Wort über die Geschichte ausgesprochen: «Das Beste, was wir von der Geschichte haben, ist der Enthusiasmus, den sie erregt» -, ein Gefühl, das sie erregt, wenn man untertauchen kann in das geschichtliche Werden und nicht etwas herunterholt wie die Theoretiker des gewöhnlichen Bewußtseins, sondern wenn man solches hervorholt, das nicht bloß zum Vorstellen und Sinneswahrnehmen spricht, sondern das zu dem spricht, was in den gefühlsmäßigen Impulsen erträumt, was in den willensmäßigen Impulsen sogar verschlafen wird. Dann hat man das, was in der Geschichte lebt, nicht den Leichnam der Geschichte.
Und mit Bezug auf das sozial-sittliche Leben, mit Bezug auf das Freiheits- und juristische Leben möchte man sagen: Es wird die Menschheit einschen müssen, daß sie zu einem solchen Erfassen der Wirklichkeit dieser Dinge zu kommen hat, bei dem sich der ganze Mensch beteiligt, auch dasjenige, was sonst im wachen Bewußtsein schläft, weil der Mensch sonst überhaupt unbewußt bleibt über das Gebiet des sozialen und des sittlichen Lebens.
Und so wird es sich darum handeln, daß gerade dasjenige, was nicht theoretisch im Menschen ist, angeregt und angespornt und angefeuert werden kann, dasjenige, was dem Enthusiasmus ähnlich ist, was wirkt wie Kunst - wie Kunst, sage ich! Und so wird man wohl am Schlusse einer solchen Betrachtung die Worte aussprechen müssen, die dem Goethewort, das ich eben angeführt habe, ähnlich sind und die in einer gewissen Weise zusammenfassen das, was in einer kurzen Betrachtung heute nur angeregt werden konnte, aber auch nur angeregt werden wollte, die Zusammenfassung desjenigen, von dem ich glaube, daß es heute so notwendig unter dem Einfluß der Zeichen der Zeit gesprochen werden muß. Es handelt sich darum, daß der Mensch finde den ganzen Menschen, um im sozial-sittlichen Leben in entsprechender Weise zu wirken, um an der Gestaltung der sozial-sittlichen Struktur und des politischen Lebens weiteres zu leisten. Es handelt sich darum, daß der Mensch nicht nur zu abstrakten Ideen auf diesem Gebiete komme, nicht nur zu einem physiologischen Betrachten, sondern dazu komme, von Enthusiasmus durchdrungene, reale Kräfte, lebenswirkliche Kräfte zu haben. Auf die wartet die Zeit, diese traurige, diese katastrophale, diese Prüfungszeit!
Geisteswissenschaft will nur die Antwort geben dahingehend, was als das Rechte diesem Enthusiasmus zugrunde liegen will, und Geisteswissenschaft ist der Überzeugung, daß, wenn die Menschheit den Weg wiederum finden wird zu ihrem Ewigen, zu ihrem Unsterblichen, zu demjenigen Teil im Menschenleben, aus dem der Impuls der Freiheit quillt, dann wird diese Menschheit auch die richtigen Linien finden, um aus dem Chaos, in das sie geraten ist, in Wirklichkeit, nicht bloß durch Illusion, herauszufinden.