Anthroposophy Has Something to Add to Modern Science
GA 73 — 14 November 1917, Zurich
Geisteswissenschaftliche Ergebnisse über Recht, Moral und Soziale Lebensformen
Aus den drei Vorträgen, die ich hier gehalten habe, um das Verhältnis der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft zu drei verschiedenen Gebieten des menschlichen Wissenschaftsstrebens zu charakterisieren, wird ersichtlich gewesen sein, daß es dieser Art von Geisteswissenschaft vor allen Dingen darauf ankommt, wirklichkeitsgemäße Begriffe und Vorstellungen zu entwickeln, welche geeignet sind, in das volle, wirkliche Leben unterzutauchen, um durch solches Untertauchen ein Wissen von der Wirklichkeit zu erreichen. Man kann sagen — und aus dem ganzen Sinne meiner Vorträge wird das hervorgegangen sein -, daß seit einer verhältnismäßig langen Zeit menschlicher Wissenschaftsentwickelung wirklichkeitsgemäße Begriffe nur gewonnen worden sind auf dem Gebiete der äußeren sinnenfälligen Naturwissenschaft. Und in einer gewissen Beziehung sind diese für das äußere Sinnesdasein gewonnenen Begriffe wissenschaftlich mustergültig. Allein sie erstrecken sich in bezug auf das Wirkliche nur so weit, als — man kann schon sagen — die leblose Natur in Betracht kommt, die ja nicht bloß da vorhanden ist, wo sie unmittelbar als solche auftritt, sondern als mineralischer Einschlag auch in den Lebewesen und in den Geistwesen, die auf der sinnlichen Erde leben. Man begreift heute naturwissenschaftlich musterhaft. Aber man begreift nur, was sich innerhalb der mechanischen leblosen Gesetze feststellen läßt. Daß man dieses musterhaft begreift, dafür gibt es ja, ich möchte sagen, einen recht anschaulichen Beweis: die vervollkommneten, so gewaltig erfolgreichen Anwendungen der Naturwissenschaft auf das menschliche Leben. Denn wendet man Begriffe auf das menschliche Leben an, so erweist sich unter gewissen Voraussetzungen durch die An‘wendungsmöglichkeit der wirklichkeitsgemäße Charakter dieser Begriffe. Eine Uhr kann man nicht mit falschen mechanischen und physikalischen Begriffen konstruieren; sie würde alsbald verraten, daß man falsche Begriffe angewendet hat.
Das ist nicht so bei allen Gebieten des Lebens, sondern gerade bei den Lebensgebieten, die uns heute beschäftigen sollen, zeigt die Wirklichkeit in ihrem Verlaufe nicht ohne weiteres sogleich, ob man es mit wirklichkeitsgemäßen, aus der Wirklichkeit herausgeholten Begriffen zu tun hat oder nicht.
Innerhalb des naturwissenschaftlichen Gebietes selbst ist die Anwendung nichtwirklichkeitsgemäßer Begriffe verhältnismäßig gefahrlos; denn diese Begriffe erweisen ihre Irrtümlichkeit oder ihre Unzulänglichkeit, solange man innerhalb des naturwissenschaftlichen Gebietes selbst bleibt, eben innerhalb der theoretischen Diskussion, die ja dann auch der Praxis des Lebens zugrunde liegen kann. Kommt aber das soziale Leben, das menschliche Gemeinschaftsleben überhaupt in Betracht, dann steht man nicht bloß der Gewinnung irgendwelcher Begriffe, sondern dann steht man der Realisierung der Begriffe im Leben gegenüber. Und man hat es nach den heutigen Verhältnissen mit Lebensgebieten zu tun, in die man sehr wohl unzulängliche Begriffe einführen kann. Es zeigt sich zwar dann das Unzulängliche der Vorstellungen, der Ideen, der Empfindungen und so weiter; aber dennoch kann der Mensch in einer gewissen Beziehung, wenn er unter bloß naturwissenschaftlichen Vorurteilen lebt, hilflos dem gegenüberstehen, was als die Folge, als die Konsequenz solcher Begriffe eintritt. Man kann in einer gewissen Beziehung sagen, daß die tragischen Ereignisse, die jetzt über das Menschengeschlecht hereingezogen sind, im Grunde genommen damit zusammenhängen — mehr als man denkt, und mehr als man in so kurzen Ausführungen, wie die heutigen sind, auch nur andeuten kann -, daß durch lange Zeiten die Menschen nicht verstanden haben, wirklichkeitsgemäße Begriffe zu entwickeln, welche geeignet gewesen wären, Tatsachen des wirklichen Lebens zu umfassen. Diese Tatsachen des wirklichen Lebens sind heute der Menschheit über den Kopf gewachsen. Und diese tragischen Ereignisse sind vielfach ein Ad-absurdum-Führen auf die schrecklichste Art desjenigen, was an unzulänglichen Vorstellungen im Laufe von Jahrhunderten sich in der Menschheit entwickelte.
Man kommt auf das, was da eigentlich zugrunde liegt, nur, wenn man — jetzt noch einmal wollen wir von einem anderen Gesichtspunkte aus als in den gehaltenen Vorträgen das machen — zunächst einmal den Blick darauf hinrichtet, wie immer wieder und wiederum in der neueren Zeit der Versuch aufgetreten ist, aus der Naturwissenschaft heraus eine Gesamtweltanschauung des Menschen zu bebegründen, wie der Versuch gemacht worden ist, naturwissenschaftliches Denken, das auf seinem Gebiete — ich wiederhole es immer wiederum — so mustergültig ist, in alle Gebiete des menschlichen Lebens einzuführen: in die Gebiete des Seelenwesens, der Pädagogik, der Politik, der Sozialistik, der Geschichte und so weiter.
Wer die Entwickelung nach dieser Richtung kennt, der weiß, wie sich naturwissenschaftliche Denker angestrengt haben, das, was sie an Vorstellungen und Begriffen in ihrer Naturwissenschaft herangeschult haben, anzuwenden auf alle die angedeuteten Gebiete des menschlichen Lebens. Ich möchte, obwohl das, was ich eben gesagt habe, durch Hunderte von Belegen gestützt werden kann, nur einiges Charakteristische anführen. Wenn es auch älteren Datums ist, so kann man doch sagen, daß sich die Tendenz, die sich darinnen ausspricht, bis zum heutigen Tage erhalten, ja sich noch erweitert hat.
Ein ausgezeichneter Naturforscher, nach meiner Ansicht, hat bei zwei Naturforscherversammlungen in den siebziger Jahren des abgelaufenen Jahrhunderts, 1874 und 1875, Vorträge gehalten über das Rechtsgebiet, über Fragen der Moral und des Rechtes, des sozialen Zusammenhanges der Menschen, und er hat im Verlaufe dieser Vorträge recht charakteristische Sätze gesprochen. Er hat geradezu die Forderung aufgestellt, daß, wer im Sinne der naturwissenschaftlichen Bildung der neueren Zeit reif ist, verlangen müsse, daß die naturwissenschaftliche Denkweise übergehen müsse in das allgemeine Menschheitsbewußtsein wie eine Art Katechismus; so daß dasjenige, was als Empfindungen, als Bedürfnisse, als Willensimpulse in den Menschen auftritt und damit die Grundlage bildet für die sozialen Aspirationen, allmählich in innigen Zusammenhang gebracht werden müßte mit einer sich immer weiter und weiter ausbreitenden rein naturwissenschaftlichen Anschauung der Welt. So hat Professor Benedikt auf der achtundvierzigsten Naturforscherversammlung gesagt. Die naturwissenschaftliche Weltanschauung müsse die Breite und Tiefe und Klarheit erreichen, um einen Katechismus zu schaffen, der das geistige und ethische Leben des Volkes beherrsche. Sein Ideal ist also, daß alles, was aus den Geistes-, Herzens- und Willensbedürfnissen der Menschen heraus spricht im sozialen Leben, ein Abdruck sei naturwissenschaftlicher Vorstellungen!
Und mit Bezug auf die Seelenwissenschaft sagt derselbe Forscher: Auch die Psychologie sei eine Naturwissenschaft geworden, seit sie, wie die Physik und Chemie, den Ballast der Metaphysik abgeworfen habe und nicht mehr Hypothesen, die für unsere heutige Organisation unergründlich seien, als Prämissen wähle.
Obzwar von vielen Naturforschern — auch von dem vorgestern erwähnten Oscar Hertwig, von Nägeli, von vielen, vielen anderen - immer wieder und wiederum betont wird, daß Naturwissenschaft eben nur auf ihrem Gebiete Rechtes leisten kann, so werden doch die naturwissenschaftlichen Vorstellungen so gebildet, daß gewissermaßen durch die Art, wie sie gebildet werden, abgewiesen wird ein Forschen, ein Streben der Menschheit nach anderen Wirklichkeitsgebieten, als sie der Naturwissenschaft gerade erreichbar sind. Und man könnte, wie ich ältere Aussprüche angeführt habe, Aussprüche heutigen Tages anführen: man würde sie durchaus in demselben Geiste gehalten finden.
Benedikt, den Kriminalanthropologen, darf ich aus dem Grund besonders anführen, weil er, trotzdem er auf rein naturwissenschaftlichem Standpunkte auch in der sozialen Lebensbetrachtung stehen will, noch so viel rein naiven, wirklichkeitsgemäßen Begriffsmaterials in sich hat, daß vieles von dem, was er vorbringt - eigentlich gegen seine theoretischen Aufstellungen —, wahrhaftig eingreift in die Wirklichkeit der Welt. Aber im ganzen kann man sagen, durch diese Neigung, durch diese Tendenz, mit naturwissenschaftlichen Begriffen, die auf ihrem Gebiete ausgezeichnet sind, eine ganze Weltanschauung aufzubauen, ist allmählich überhaupt als Weltanschauung etwas ganz Besonderes entstanden, so daß man fast in den Ruf kommen könnte, ein böser Mensch zu sein, wenn man ausspricht, was unter dieser Tendenz Weltanschauung geworden ist: Heute bewirkt irgendein Mensch Ausgezeichnetes auf seinem Gebiete, und wenn er dann eine Weltanschauung begründet, so dehnt er dieses ausgezeichnete Wissen auf einem bestimmten Gebiet aus über das gesamte Weltgebiet, über diejenigen Gebiete vor allen Dingen, von denen er — nichts versteht. So daß man schon sagen kann: Heute ist allmählich eine ausgezeichnete Wissenschaft da, welche den Inhalt desjenigen enthält, was die Leute gut verstehen; und es sind Weltanschauungen da, die im allgemeinen enthalten, wovon die Leute nichts verstehen!
Dies ist, wenn das soziale Lebensgebiet in Betracht kommt, wahrhaftig nicht ohne Bedeutung. Denn das soziale Lebensgebiet hat zu seinem Wirklichkeitsfaktor den Menschen selber. Der Mensch steht drinnen in diesen sozialen Lebensgebieten, und das, was er tut, das ist schon so, daß in seine Impulse, in das, was sich als Gestaltung im menschlichen Zusammenleben, als soziale Struktur bildet, hineinfließt, was in der Weltanschauung lebt. Und dadurch sind solche Dinge geschaffen worden, wie ich sie im Beginne meiner heutigen Auseinandersetzungen angedeutet habe.
Ich will nun auch bei diesen Betrachtungen heute, wie bei den drei ersten, mehr ausgehen von konkreten Einzelheiten, von Ergebnissen desjenigen, was ich die Geistesforschung nenne, um zu versuchen, mit Hilfe solcher Ergebnisse zu zeigen, in welches Verhältnis sich diese Geistesforschung auch zu den sozialen Erkenntnisgebieten stellen muß.
Eine besondere Schwierigkeit tritt auf für den modernen Menschen, der naturwissenschaftlich bewandert ist, dessen Vorstellungsleben naturwissenschaftlich erzogen worden ist, wenn er nun an das soziale Lebensgebiet herantritt und gleich einen fundamentalen Begriff ins Auge zu fassen hat: den Begriff der menschlichen Freiheit. Dieser Begriff der menschlichen Freiheit, der ja gewiß in den verschiedensten Nuancen auftritt, ist in einer gewissen Beziehung geradezu zum Kreuz der modernen Weltanschauungsbetrachtungen geworden. Denn auf der einen Seite ist es außerordentlich schwierig, die soziale Struktur der Menschheit zu begreifen, ohne über den Freiheitsbegriff ins klare zu kommen; auf der anderen Seite aber wieder ist der naturwissenschaftlich Denkende nach den Denkgewohnheiten der heutigen Zeit kaum imstande, irgend etwas mit dem Freiheitsbegriff anzufangen. Man weiß ja, daß in bezug auf den Freiheitsbegriff alte Streitigkeiten stattgefunden haben, daß es immerzu mit verschiedenen Nuancen zwei Parteien gegeben hat: die sogenannten Deterministen, welche annahmen, daß alle menschlichen Handlungen in einer gewissen Weise vorbestimmt sind — in mehr naturalistischer oder in anderer Weise —, so daß der Mensch nur ausführt, wozu ein zwar unbekannter, aber doch vorhandener Zwang, eine Kausalität, vorliegt; und die Indeterministen, die dieses leugneten und sich mehr an den subjektiven Tatbestand hielten, an das, was der Mensch in sich erlebt, indem er sein Bewußtsein entwickelt, und die Unabhängigkeit der wirklich freien Handlungen des Menschen von solchen festen Bestimmungen, welche den Freiheitsbegriff ausschließen können, behaupteten.
So wie sich die Naturwissenschaft bis heute entwickelt hat, ist es aber auch eigentlich unmöglich, naturwissenschaftlich etwas mit dem Freiheitsbegriff zu machen; so daß man, wenn man mit naturwissenschaftlicher Erziehung soziologische Wissenschaft begründet, in vieler Beziehung genötigt ist, den Freiheitsbegriff falsch zu fassen und eine Lebensstruktur zu konstruieren, welche auf den Freiheitsbegriff keine Rücksicht nimmt, welche alles zurückführt auf gewisse Verursachungen, die außerhalb oder innerhalb des Menschen liegen. Solch eine Betrachtungsart ist in gewisser Beziehung bequem, denn sie gestattet einem, die soziale Struktur von vornherein in einer gewissen Weise zu bestimmen: weil es leichter ist, das menschliche Handeln abzuschätzen, wenn es bestimmt ist, als wenn man damit zu rechnen hat, daß freies Wesen im Menschen eine Rolle spielt.
Nun kann man nicht als Freiheitsbegriff irgendwelche schwärmerischen Begriffe aufstellen, irgendwelche mystischen Verschwommenheiten darlegen, die etwa im Gegensatz stehen dürften zu dem, was die heutige Naturwissenschaft bietet! Das muß schon festgehalten werden, daß, wenn Geisteswissenschaft eine Berechtigung haben soll, sie nicht mit dem, was der wahre Sinn naturwissenschaftlichen Fortschrittes ist, in irgendwelchen Zwiespalt kommen darf. Daher muß ich auch heute davon ausgehen, den Fundamentalbegriff sozialer Lebensgestaltung, den Freiheitsbegriff, in eine Beziehung zu setzen zu denjenigen naturwissenschaftlichen Vorstellungen, die mit Hilfe der Geisteswissenschaft gewonnen werden können.
Nach den gewohnten naturwissenschaftlichen Begriffen ist der Mensch in seinen Handlungen abhängig von den Eigentümlichkeiten seiner Organisation. Und da diese Eigentümlichkeiten seiner Organisation selbst in einem solchen Grade erforscht werden, daß man, wie ich das letzte Mal darlegte, das Gesetz von der Erhaltung der Kraft auf das Seelenleben rechnend anwendet, so kommt man zu einer Ausschliefßung des Freiheitsbegriffes. Kann der Mensch nur dasjenige aus sich heraus an Kräften entwickeln, was Umsatz ist des Aufgenommenen, wie ich im letzten Vortrag angedeutet habe, so kann selbstverständlich die Seele aus sich heraus nicht irgendwelche Kraftentfaltung entwickeln — was Anforderung wäre für eine Verwirklichung der Freiheit.
Geisteswissenschaft zeigt aber, daß Naturwissenschaft sehr, sehr nötig hat, auf dem Gebiete, das da in Frage kommt, den ganzen Umfang ihrer Erkenntnisse wirklich noch auf eine andere Basis zu stellen, als sie heute stehen. Naturwissenschaft — ich habe es schon angedeutet in den vorigen Vorträgen — hat bewunderungswürdige Tatsachengebiete erschlossen. Aber durch die eng umgrenzten Begriffe und Vorstellungen, die man heute von der Natur hat, können diese keineswegs umfaßt werden. Im Verlaufe des vorigen Vortrags gestattete ich mir, darauf hinzuweisen: wie Geisteswissenschaft dazu führt, das ganze Geistig-Seelische des Menschen zu dem ganzen Physisch-Leiblichen in Beziehung zu setzen, und darauf, wie sich da herausstellt, daß man das eigentliche Vorstellungsleben in Beziehung zu setzen hat zu dem Nervenleben, das Gefühlsleben zu den Verästelungen und Dependenzen des Atmungsrhythmus und das Willensleben zu dem Stoffwechsel.
Gehen wir, einleitungsweise, auf eine Fortsetzung naturwissenschaftlicher Anschauung über die Beziehung, die das menschliche seelische Vorstellungsleben zum Nervenleben hat, aus, so wird selbstverständlich der an die heutigen naturwissenschaftlichen Vorstellungen Gewöhnte sagen müssen: Es gehen gewisse Vorgänge im Nervenleben vor sich; diese sind Ursachen oder Parallelvorgänge des Vorstellungslebens. — Und da einem jeden seelischen Vorstellungsvorgang nach diesen naturwissenschaftlichen Annahmen ein Nervenvorgang entsprechen muß - der aber als solcher im ganzen Organismus kausal, ursächlich begründet ist —, so kann, da der Nervenvorgang scheinbar mit einer Ursachennotwendigkeit aus den Bedingungen des Organismus heraus folgt, der ihm entsprechende Geistesvorgang kein freier sein, sondern er muß unter derselben Notwendigkeit stehen, wie der ihm entsprechende Nervenvorgang.
So sieht es heute noch aus. So wird es, vom naturwissenschaftlichen Gesichtspunkte aus gesehen, nicht in der Zukunft aussehen! Da wird man gewisse Ansätze, die heute schon im naturwissenschaftlichen Forschungsgebiete da sind, in ganz anderer Weise ansehen. Allerdings wird dazu notwendig sein, daß die Richtungslinien der Forschung von der Geisteswissenschaft vorgezeichnet werden, weil nur dadurch eine wirklich unbefangene Beleuchtung der naturwissenschaftlichen Ergebnisse zustande kommen kann.
Das Merkwürdige nämlich, das sich dem Geistesforscher ergibt, ist: daß unser Nervenleben in einer ganz besonderen Beziehung zum entsprechenden übrigen Organismus steht, die man bezeichnen muß dadurch, daß man sagt: im Nervenleben baut sich der Organismus in einer bestimmten Weise ab, nicht auf; und im Nervenleben kommen zunächst — wenn wir es als reines Nervenleben, nicht als Ernährungsleben im Nervensystem auffassen — diejenigen Vorgänge in Betracht, die nicht Wachstumsvorgänge, nicht aufsteigende Entwickelungsvorgänge sind, sondern rückbildende Vorgänge, Abbauvorgänge, rückläufige Entwickelungsvorgänge.
Es ist sehr leicht, auf diesem Gebiete, da es heute noch vollständig neu ist, mißverstanden zu werden. Und in einem so kurzen Vortrage ist es schwer, alle Begriffe heranzutragen, die solches Mißverstehen ausschließen. Man muß sich dieser Gefahr, mißverstanden zu werden, schon aussetzen. Gesagt werden kann: das Nervenleben als Nervenleben verläuft ganz anders als andere organische Vorgänge, die dem Wachstum, der Fortpflanzung oder ähnlichem dienen. Diese letzteren organischen Vorgänge sind solche aufsteigender Entwickelung. So die Zellenentwickelung, die Vorgänge, welche im Fortpflanzungsvorgang, im Wachstumsvorgang als Zellteilung zu beobachten sind, als Nebeneinanderlagerung der noch im Leben der Fortpflanzung, wenigstens einer gewissen partiellen Fortpflanzung befindlichen Zellen. Indem sich aber die menschliche Organisation — bei der tierischen ist es ähnlich, sie interessiert uns heute weniger - in das Nervenleben hineinerstreckt, erstirbt sie partiell im Nervenleben. In das Nervenleben hinein findet ein Abbau der aufsteigenden Prozesse statt. So daß man sagen kann, schon rein naturwissenschaftlich zeigt sich — und mit dem Nervenleben parallel geht in einer gewissen Weise das Leben der roten Blutkörperchen -, daß die Teilungsvorgänge in die Nervenzellen und in die roten Blutkörperchen hinein aufhören. Und das ist schon eine rein tatsächliche Andeutung desjenigen, was das schauende Bewußtsein erkennt: daß der Nerv nicht beteiligt sein kann an irgend etwas Hervorbringendem, sondern daß der Nerv das Leben innerlich aufhält, daß also da, wo der Nerv sich verästelt, das Leben erstirbt.
Wir tragen, indem wir das Nervensystem in uns tragen, den Tod gewissermaßen schon organisch in uns. Sollte ich mit etwas anderem im Organismus — so sonderbar das klingt — vergleichen, was da eigentlich im Nervenleben stattfindet, so müßte ich sagen: Was unterbewußt im Nervenleben vor sich geht, das läßt sich nicht etwa vergleichen mit dem Prozesse, der sich abspielt, wenn der Mensch Nahrung aufgenommen hat, und diese Nahrung nun verarbeitet wird im Organismus zum weiteren Aufbau; nein, der eigentliche Nervenprozeß — als Nervenprozeß, nicht als Nervenernährungsprozeß — läßt sich mit dem vergleichen, was im Organismus entsteht, wenn der Organismus sein Gewebe abbaut im Hunger. So daß sich nicht ein Aufbauendes, sondern ein Abbauendes in das Nervensystem hinein erstreckt.
Aus diesem Nervensystem kann nicht irgend etwas sich entwickeln, nicht irgend etwas sich ergeben, unmittelbar aus ihm heraus; sondern dieses Nervensystem stellt einen aufgehaltenen Prozeß dar, der in seinem fortlaufenden Verlauf im Zellenleben bei den Fortpflanzungszellen, bei den Wachstumszellen erscheint: da ist er fortlaufend; er wird aufgehalten in den Nervenorganen. So daß das Nervenleben in Wahrheit nur den Grund und Boden liefert, daß sich auf ihm etwas anderes ausbreiten kann.
Dasjenige, was sich auf diesem Nervenleben ausbreitet, was sich aber dieses Nervenleben gleichsam hinzieht, das ist dasjenige, was in dieses Nervenleben nun als das -- zunächst durch die äußeren Sinne angeregte — Vorstellungsleben einzieht. Und nur dann, wenn man versteht, daß die Nerven nicht Veranlassung des Vorstellens sind, sondern nur den Boden abgeben dadurch, daß sie das organische Leben abgebaut haben, nur wenn man dies versteht, versteht man, daß ein dem Nervenleben selbst Fremdes auf dem Grunde dieses Nervenlebens sich entwickelt.
So fremd ist das, was sich als Geistig-Seelisches auf dem Grunde dieses sich selbst abbauenden Nervenlebens entwickelt, daß man sagen kann: Es ist wirklich so, wie wenn ich über eine Straße gehe und meine Fußtritte als Spuren eingrabe. Geht dann jemand nach, so darf er nun nicht das, was da als Formen meiner Fußtritte sichtbar ist, aus irgendwelchen Kräften ableiten, die im Erdreich selber sind, die gleichsam aus dem Inneren des Erdreichs herauf diese Fußspuren markieren würden. Obwohl man, wie meine Fußtritte im Boden, jede Äußerung seelischen Lebens im Nervensystem sieht, so darf doch nicht aus einem inneren «Heraufsteigen aus dem Nervensystem» erklärt werden, was geistig-seelisches Leben ist. Sondern in den zubereiteten Boden werden durch das geistig-seelische Leben Spuren eingegraben, in den Boden, der dadurch vorbereitet ist, daß eben innerhalb des Nervs darauf «verzichtet» wird — wenn ich es symbolisch so ausdrücken darf -, die eigene organische Produktivität fortzusetzen.
Was sich so aus dem Boden des Abbaues, des Ersterbens im Menschen als geistig-seelisches Leben, zunächst als Vorstellungsleben entwickelt, das stellt sich durchaus auch dem schauenden Bewußtsein im Zusammenhange mit dem organischen Leben, zunächst dem Nervenleben, dar; aber so, daß es in diesem Nervenleben nur seine Voraussetzung, seinen Boden hat, dasjenige, was da sein muß, unter dessen Voraussetzung es an diesem Orte sich betätigen kann. Dagegen ist dasjenige, was sich betätigt — obwohl es für die äußere Beobachtung hervorzugehen scheint aus dem Nervensystem, gebunden zu sein scheint an das Nervensystem -, es ist dieses geistig-seelische Leben gegenüber dem Nervensystem so unabhängig wie das Kind gegenüber den Eltern, das selbständige innere Regsamkeit entfaltet, trotzdem die Eltern der Mutterboden für dasjenige sind, auf Grund dessen sich das Kind entwickeln muß. Wie man dem äußeren Anschauen nach die Ursache für das Kind in dem Elternpaar sehen kann, wie aber das Kind in vollständig freier Entfaltung seiner Individualität dasteht und man nicht sagen kann: wenn das Kind zur Selbständigkeit heranwächst, so sei in ihm nicht eine von den Eltern losgelöste Regsamkeit —, genau in demselben Sinne muß man sagen: Was sich im geistig-seelischen Sinne regt und sich entwickelt, das macht sich unabhängig von dem Mutterboden, auf dem es gedeihen muß.
Ich deute hier ein Vorstellungssystem nur an, das im Laufe der Zeit - Geisteswissenschaft ist ja im Anfange ihrer Entwickelung — einen Ausbau gerade dadurch erfahren wird, daß gewisse naturwissenschaftliche Vorstellungen zu ihrer Höhe getrieben werden. Und gerade diese naturwissenschaftlichen Vorstellungen werden nicht dazu führen, die menschliche Freiheit auszuschließen, sondern dazu, auch naturwissenschaftlich die Freiheit zu erklären, die Freiheit zu verstehen — weil sie dazu führen werden, nicht nur, wie man es jetzt tut, aufbauende, fortschreitende Vorgänge zu beobachten im Organismus, sondern abbauende und in sich selber sich lähmende Vorgänge -, weil sie zeigen werden, daß, damit das Geistig-Seelische entsteht, nicht das Organische in gerader Linie der Entwickelung fortschreiten und das Geistige aus sich hervorbringen kann, sondern daß dieses Organische, indem das Geistige heraufzieht in das Organische, zuerst den Boden dadurch bereiten muß, daß es sich selbst in sich vernichtet, in sich abbaut.
Daß man zu den heute einzig und allein berücksichtigten Aufbauvorstellungen die Vorstellungen über abbauendes Leben hinzufügen wird, das wird mit großen Fortschritten naturwissenschaftlicher Anschauungsweise in der Zukunft verbunden sein. Und das wird eine Brücke schlagen, die geschlagen werden muß, weil Naturwissenschaft heute nicht übergangen werden darf, eine Brücke von der begriffenen Natur zu dem zu begreifenden sozialen Lebensgebiet.
Nur unvollendete Naturwissenschaft ist ein Hindernis, die für das soziale Lebensgebiet notwendigen Begriffe zu gewinnen; vollendete Naturwissenschaft wird gerade durch ihre innere Gediegenheit, durch ihre innere Größe, eine richtige Sozialwissenschaft begründen helfen.
Nachdem ich auf diese Weise wenigstens andeutungsweise den Fundamentalbegriff des sozialen Lebens, den Freiheitsbegriff, entwickelt habe — wie er mehr innerlich gesehen werden muß, das habe ich schon 1894 ausführlich ausgeführt in meiner «Philosophie der Freiheit», und diese innerliche Begründung stimmt vollständig mit dem überein, was ich nunmehr auf mehr naturwissenschaftliche Art gezeigt habe, wie ja hervorgeht aus den Darlegungen über diese Verhältnisse, die ich in meinem vor nahezu zwei Jahren erschienenen Buche «Vom Menschenrätsel» gegeben habe -, möchte ich fortfahren in der Auseinandersetzung über den Zusammenhang des menschlichen geistig-seelischen Lebens mit anderen Gebieten des Daseins.
Ich habe das letzte Mal und heute andeutungsweise darauf hingewiesen, wie dieses Geistig-Seelische zusammenhängt: als Vorstellungsleben mit dem Nervenleben, als Gefühlsleben mit dem Atmungsrhythmusleben, als Willensleben mit dem Stoffwechselleben. Das aber ist nur der Zusammenhang nach der einen Seite hin. Genau ebenso wie Naturwissenschaft, wenn sie sich in sich selbst nach dieser Richtung hin vollenden wird, die dreifach gegliederte Seele als Ganze in Zusammenhang bringen wird — wie ich das dargelegt habe mit dem ganzen menschlichen Leibesorganismus, so wird Geisteswissenschaft nach der anderen Seite, nach der Seite des Geistes, die Beziehungen des menschlich Geistig-Seelischen zu diesem Geistigen aufsuchen können.
So wie das Vorstellungsleben auf der einen Seite seinen leiblichen Grund und Boden in dem Nervenleben hat, so hängt das Vorstellungsleben nach der anderen, nach der geistigen Seite, mit einer Welt zusammen, zu der es gehört. Aber diese Welt, mit welcher das Vorstellungsleben nach der geistigen Seite zusammenhängt, kann man nur erkennen durch das schauende Bewußtsein, und zwar durch die erste Stufe dieses schauenden Bewußtseins, durch dasjenige, was ich das imaginative Erkennen, das imaginative Schauen genannt habe, das aus der Seele selbst herausgeholt wird, wie ein geistiges Auge aufgeht. Ich habe das im ersten Vortrag charakterisiert.
So wie das Vorstellungsleben in Beziehung steht zu dem Leibes-Nervenleben, in ihm seinen Grund und Boden hat, so geht es hervor aus dem Geistigen, aus einer rein geistigen Welt, die erkannt wird als eine wirkliche Welt, wenn man mit dem imaginativen Bewußtsein diese Wirklichkeit beobachtet. Diese wirkliche Welt ist nicht innerhalb der Sinneswelt beschlossen. Sie ist gewissermaßen die erste uns zunächstliegende übersinnliche Welt.
Und hier kommt man darauf, daß das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt, wie es ihm bewußt wird durch sein gewöhnliches Bewußtsein, nur ein Teil seiner Gesamtbeziehung zur Welt ist; denn, was wir im gewöhnlichen Bewußtsein in uns tragen, das ist ein Ausschnitt aus der Wirklichkeit, in der wir drinnenstehen. Unter diesem Bewußtsein liegt ein anderes Verhältnis des Menschen zur Umwelt, zur Naturwelt und zur Geisteswelt. Schon das Verhältnis des Vorstellungslebens zum leiblichen Nervenleben ist ja unter die Schwelle des Bewußtseins gedrängt und kann nur mit Mühe heraufgeholt werden, wenn man es so charakterisieren will, wie ich es heute getan habe. Aber auf der anderen Seite ist auch das Verhältnis des menschlichen Vorstellungslebens zur imaginativ zu erfassenden geistigen Welt ein solches, das nicht in das gewöhnliche Bewußtsein, wohl aber in die menschliche Wirklichkeit eintritt.
Im menschlichen Bewußtsein haben wir zunächst alles, was angeregt wird durch unsere Sinne und durch den an die Sinne gebundenen Verstand; das umfaßt unser gewöhnliches Bewußtsein. Aber darunter spielt sich eine Summe von Vorgängen ab, die zunächst nicht in dieses gewöhnliche Bewußtsein eintreten, sondern die ein Hereinspielen eines nur imaginativ zu erfassenden Geistigen in unser seelisches Wesen sind, so wie das Hereinspielen der Töne, Farben, Gerüche und so weiter in unser gewöhnliches Bewußtsein im Seelenleben geschieht. So hebt sich gewissermaßen das gewöhnliche Bewußtsein aus einem anderen Gebiete heraus, das erst durch das imaginative Vorstellen in dieses Bewußtsein heraufgetragen werden kann. Daß der Mensch nichts weiß von diesen Dingen, bedeutet nicht, daß sie in seiner Wesenheit nicht wirklich seien. Indem wir durch die Welt schreiten, tragen wir den Inhalt unseres gewöhnlichen Bewußtseins mit uns; aber wir tragen auch alles dasjenige mit uns, was außerdem hereinkommt aus der imaginativen, so will ich sie nennen, geistigen Welt zunächst.
Es ist insbesondere in der Gegenwart von einer ganz großen Bedeutung, sich klarzumachen, daß das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt so ist. Denn ein Forschungsgebiet — ich bin weit entfernt davon, dieses Forschungsgebiet zu unterschätzen, ich schätze es in seiner Bedeutung —, ein Forschungsgebiet, zu dem gerade die Veranlassung ist, daß es in der Gegenwart auftritt, tritt wirklich in der Gegenwart auf: wie ein mächtiger Hinweis auf das allerdings der Gegenwart noch recht unbekannte Verhältnis des Menschen zu der Umwelt, die ich eben als die imaginative Geisteswelt charakterisiert habe. Aber das ist eben eine Eigentümlichkeit der Gegenwart, daß vieles in das Bewußtsein der Menschen hereintritt, das eigentlich nur umspannt und umfaßt werden kann mit den Erkenntnismitteln der Geisteswissenschaft. Der Mensch ist gegenwärtig aufgefordert, diese Dinge zu erkennen, weil er, wenn ich den trivialen Ausdruck gebrauchen darf, mit der Nase darauf gestoßen wird, weil das Leben sich so entwickelt, daß der Mensch darauf gestoßen wird. Aber es herrscht innerhalb unserer Zeitgenossenschaft noch eine für viele unüberwindliche Abneigung, mit den Erkenntnismitteln der Geisteswissenschaft daran heranzugehen. Und so wollen sie mit den an der gewöhnlichen Naturwissenschaft oder an anderem geschulten Begriffen an Gebiete herantreten, die mit aller Energie von den Menschen heute gewissermaßen fordern, daß sie erforscht werden.
Das Gebiet, das ich hier meine, ist das gerade in dieser Stadt so sehr bekannte Gebiet der analytischen Psychologie, auch Psychoanalyse genannt. Diese Psychoanalyse ist dadurch bemerkenswert, daß vor dem psychoanalytischen Forscher fordernd ein Gebiet auftritt, das nicht von dem gewöhnlichen Bewußtsein umfaßt wird, das hinweisen muß auf etwas, was unter der Schwelle dieses gewöhnlichen Bewußtseins liegt. Aber nun versucht man, dieses Gebiet zu ergreifen mit dem, was ich nennen möchte unzulängliche Erkenntnismittel. Und da man mit diesen unzulänglichen Erkenntnismitteln versucht, auch praktisch tätig zu sein, auch in die soziale Lebensstruktur einzugreifen — wenn auch zunächst nur therapeutisch und pädagogisch, vielleicht auch schon seelsorgerisch —, so muß man sagen, die Sache hat nicht nur eine theoretische Bedeutung, die Sache hat eine wichtige praktische Bedeutung. Nun kann ich selbstverständlich nicht das ganze Gebiet der Psychoanalyse auseinandersetzen. Dazu brauchte es viele Vorträge. Aber auf einiges Konkrete, Prinzipielle will ich gerade in diesem Zusammenhang hinweisen. Denn diese Psychoanalyse ist ein Gebiet, wo sich gewissermaßen Forschung und soziales Leben auf einem Punkte begegnen, wie wir andere Gebiete von dieser Art heute noch zu besprechen haben.
Vor allen Dingen wissen Sie ja vielleicht, daß die analytische Psychologie im wesentlichen damit arbeitet, gewisse, ich möchte sagen verlorene, Erinnerungsvorstellungen in das gewöhnliche Bewußtsein zu therapeutischen Zwecken heraufzuholen. Sie setzt also voraus, daß im Seelenleben gewisse Elemente vorhanden sind, die im gewöhnlichen Bewußtsein nicht vorliegen. Sie kommt dann in weitem Umfang zu der Annahme, daß dieses in das Unterbewußtsein Hinuntergetauchte Erinnerungsvorstellungen sind oder Ähnliches, und sucht dann mit Hilfe des gewöhnlichen Erinnerungsbegriffes unter die Schwelle des Bewußtseins zu kommen, hinabzuleuchten unter die Schwelle des Bewußtseins in Gebiete, wohin das gewöhnliche Bewußtsein nicht leuchtet.
Nun habe ich ja schon in diesen Vorträgen angedeutet, daß Geisteswissenschaft ganz wesentlich den Erinnerungsvorgang des Menschen zu beleuchten hat. Auch auf diesem Gebiete wird es ja selbstverständlich nicht möglich sein, alle Mißverständnisse, die sich gegenüber einer kurzen Darstellung erheben können, auszuschließen. Ich habe zum Beispiel gehört — öfter, nicht einmal -, daß Psychoanalyse eigentlich auf demselben Wege wäre wie die von mir vertretene Geisteswissenschaft; nur nähmen die Psychoanalytiker gewisse Dinge symbolisch, während ich diese Dinge, die der Psychoanalytiker in seiner Aufgeklärtheit symbolisch nimmt, für Wirklichkeiten nähme. Das ist ein groteskes Mißverständnis, denn durch nichts kann man schlechter das Verhältnis der Psychoanalyse zu der von mir gemeinten Geisteswissenschaft charakterisieren, als wenn man dieses sagt.
Dazu aber, um das einzusehen, ist nötig, daß noch einmal eingegangen wird auf das Wesen des Erinnerungsvorganges. Ich muß noch einmal betonen: der Vorstellungsvorgang, die Tätigkeit des Vorstellens, ist etwas, was im Grunde genommen innerhalb des menschlichen Seelenlebens nur der Gegenwart angehört. Eine Vorstellung taucht niemals als solche in irgendein Unterbewußtsein hinunter, geradesowenig wie ein Spiegelbild, wenn man an dem Spiegel vorbeigegangen ist und das Spiegelbild nicht mehr erscheint, irgendwo sich niederlegt, damit es wieder auftauchen kann, wenn man ein zweites Mal vor dem Spiegel vorbeigeht. Das Auftauchen der Vorstellung ist eine Erscheinung, die beginnt und schließt, indem sie sich gegenwärtig abspielt. Und wenn man den Glauben hegt, daß Erinnerung darin bestehe, daß die Vorstellung irgendwo «war» und wiederum «herauftritt», so kann man zwar ein sehr guter Herbartscher Psychologe sein, auch ein Psychologe in mancherlei anderer Richtung, aber man steht nicht auf dem Boden einer wirklich beobachteten Tatsache.
Dasjenige, um was es sich handelt, ist etwas ganz anderes. Die Welt, in der wir leben, ist nicht nur von dem durchsetzt, was in das augenblickliche Vorstellungsleben durch unser Auge, Ohr, an Sinnesinhalt eindringt, was nur ein gegenwärtiges Leben gewinnt; sondern dieser ganzen Welt liegt zugrunde — auch der äußeren Naturwelt selbstverständlich - eine imaginativ zu erfassende Welt, die zunächst nicht zum Bewußtsein kommt. Dasjenige, was in dieser imaginativen Welt ist, das wirkt dem augenblicklichen Vorstellungsleben parallel: während ich vorstelle, also diese augenblicklichen gegenwärtigen Vorgänge in mir sich abspielen lasse, wirkt ihnen — indem ein Strom unterbewußten Lebens durch meine Seele durchzieht — parallel ein anderer Vorgang. Und dieser andere Vorgang, der führt zu den inneren Spurenbildungen - ich könnte sie sehr ausführlich charakterisieren, aber ich muß mich hier auf Andeutungen beschränken -, die später beobachtet werden, wenn Erinnerung auftritt.
Tritt also Erinnerung auf, so wird nicht die alte Vorstellung, wie sie irgendwo aufgehoben gewesen wäre, wieder vergegenwärtigt, sondern es wird nach innen angeschaut, was durch einen Parallelvorgang geblieben ist. Erinnerung besteht in einer inneren Wahrnehmung.
Im Unterbewußten ist die menschliche Seele zu mancherlei fähig, zu dem sie nicht im Bewußten fähig ist im gewöhnlichen Leben. Und wenn ich den Vorgang, der eintritt, wenn ein sogenanntes vergessenes Ereignis wiederum «in die Erinnerung herauftritt», im groben Sinne — ich betone ausdrücklich: im groben Sinne! — mit etwas vergleichen will, so möchte ich sagen, dieser Vorgang ist ganz ähnlich dem Vorgang der äußeren Wahrnehmung; nur daß ich, wenn ich eine äußere Wahrnehmung habe, das Wahrgenommene in der vorübergehenden, nur gegenwärtigen Vorstellung nachbilde; was ich aber in der Erinnerung nachbilde, ist eine Ausprägung innerer Wahrnehmung: ich nehme den stehengebliebenen Rest des Parallelvorganges innerlich wahr. Erinnerung ist, grob verglichen, ein Lesen der Seele in einer späteren Zeit dessen, was mit der Vorstellungsbildung parallel gegangen ist. Die Seele hat unterbewußt dieses Vermögen, in sich zu lesen, was sich gebildet hat, während ich vorgestellt habe. Damals habe ich es nicht gewußt; denn da war es von der Vorstellung zugedeckt. Jetzt wird es erinnert. Statt daß ich von außen die Sache wahrnehme, nehme ich den eigenen inneren Vorgang wahr. So ist die Wirklichkeit.
Ich weiß sehr wohl, daß ein fanatischer Psychoanalytiker — aber keiner ist nach seiner Meinung fanatisch, das weiß ich auch, selbstverständlich — sagen wird, er könne sich mit einer solchen Auslegung der Erinnerung sehr gut einverstanden erklären. Aber in der Praxis seiner Auseinandersetzungen tut er es eben nie. Wer die Literatur kennt, der weiß, daß es nie geschieht, und daß gerade hier die Quelle von unzähligen Fehlern ist: weil man gar nicht weiß, daß es sich nicht um vergangene Vorstellungen handelt, die irgendwo herumbummeln im Unterbewußten, sondern um einen Vorgang, der nur begriffen werden kann, wenn man den dem Vorstellungsleben parallelgehenden Vorgang des Hereinspielens einer imaginativen Welt in unsere Welt wirklich begreift.
Hier entstehen die ersten bedeutungsvollen Irrtümer dadurch, daß von dem, was man analytische Psychologie nennt, ein falsch ausgelegter Erinnerungsvorgang theoretisch zugrunde gelegt und praktisch verwertet wird. Wenn man in den wirklichen Erinnerungsvorgang eindringt, handelt es sich durchaus nicht darum, daß man dasjenige, was in der Seele des vom Psychoanalytiker als krank angesehenen Individuums auftritt, in verbummelten Erinnerungen sucht, sondern darum, daß man darauf kommt, wie der Patient im Zusammenhange steht mit einer wirklichen objektiven Welt von geistigen Vorgängen, die er nur abnorm aufnimmt. Das macht einen großen Unterschied, den man sich allerdings nach allen Seiten durchdenken muß.
Allein der Psychoanalytiker, der eben in einseitiger Weise seine naturwissenschaftliche Schulung an einem wichtigen Tatsachengebiet anwendet, verfällt noch in einen anderen Fehler: daß er in einer Weise, wie es sich vor einer wirklichen Beobachtung nicht rechtfertigen läßt, die Traumvorstellungen für die Diagnose der Seele verwendet. Da handelt es sich darum, daß man auch durch wirkliche Beobachtung und durch wirklichkeitsgemäße Begriffe richtig in diese merkwürdige, mysteriöse Traumeswelt eindringt. Man dringt nur dann ein, wenn man weiß, wie der Mensch nicht bloß in derjenigen Umwelt wurzelt, an welcher sein gewöhnliches Bewußtsein Anteil hat, sondern - schon in dem Vorstellungsleben, wie wir gesehen haben, später werden wir noch einiges andere sehen — in einer geistigen Welt. Wenn auch im Schlafe das gewöhnliche Bewußtsein auf hört, die Beziehung zu der Welt, die unterbewußt bleibt, hört im Schlafe nicht auf.
Und durch einen Vorgang, den ich auch der Kürze der Zeit willen nicht ausführlich charakterisieren kann, geschieht es, daß dann durch die besonderen Bedingungen, die der Schlaf darbietet, eingekleidet wird dasjenige, was im Zusammenhange mit der geistigen Umwelt erlebt wird, in die symbolischen Vorstellungen des Traumes. Diese Traumvorstellungen sind ihrem Inhalte nach ganz gleichgültig. Derselbe Vorgang — der in einer Beziehung des Menschen zur geistigen Umwelt besteht — kann sich bei dem einen Menschen in eine solche, bei einem anderen in eine ganz andere Folge von symbolischen Darstellungen einkleiden. Wer Erkenntnisse auf diesem Gebiete hat, der weiß, daß typische unterbewußte Seelenvorgänge bei den verschiedensten Menschen sich in die verschiedensten Lebensreminiszenzen einkleiden und daß es nicht auf den Inhalt des Traumes ankommt. Man kommt nur darauf, was da eigentlich zugrunde liegt, wenn man sich darin schult, von dem Inhalt des Traumes ganz abzusehen, wenn man sich darin schult, ich möchte sagen, die innere Dramatik des Traumes ins Auge zu fassen: ob der Traum davon ausgeht, in einer gewissen Traumvorstellung zuerst eine Grundlage zu legen, dann eine Spannung zu schaffen und einen Ablauf, oder ob eine andere Folge da ist, ob zuerst eine Spannung und dann eine Auflösung da ist.
Es bedarf einer großen Vorbereitung, den Ablauf des Traumes in seiner Dramatik, ganz abgesehen von dem Inhalt der Bilder, ins Auge zu fassen. Wer Träume verstehen will, muß in der Lage sein, etwas auszuführen gegenüber dem Traume, das gleich käme dem, wenn man ein Drama vor sich hat und sich für die Bilder nur insoferne interessiert, als man dahinter den Dichter ins Auge faßt, in dem, was er auf- und abwogend erlebt. Erst wenn man aufhört, den Traum durch eine abstrakte symbolische Ausdeutung der Bilderwelt ergreifen zu wollen, erst wenn man in die Lage kommt, sich einzuleben in die innere Dramatik des Traumes, in den inneren Zusammenhang, abgesehen von der Symbolik, von dem Inhalte der Bilder, erst dann merkt man, in welchem Verhältnisse die Seele zu dem steht, was geistige Umwelt ist. Denn diese kann nicht durch die Traumbilder gesehen werden, in die derjenige, der kein imaginatives Schauen hat, durch die abnormen Verhältnisse des Schlafes das Wirkliche kleidet, sondern nur durch das imaginative Bewußtsein. Was sich abspielt jenseits der Traumbilder als Traumdramatik, das ist nur durch das imaginative Bewußtsein zu erkennen.
Sie wissen ja vielleicht, daß die analytische Psychologie - in einer gewissen Weise sehr löblich — ihre Forschung auch ausgedehnt hat auf die Mythenforschung, und daß sie da allerlei zutage gefördert hat, manches Interessante, manches so, daß einem die Haare dabei zu Berge stehen können, Auf das einzelne will ich ja durchaus nicht eingehen, aber wichtig ist, daß heute der einzelne Forscher noch immer so arbeitet, daß er ein gewisses enges Gebiet einseitig ausbildet und nicht Rücksicht nimmt auf das, was bereits vorliegt in der Forschung, und was manchmal viel mehr die Sache beleuchten könnte, als man sie beleuchtet.
Ein alter Freund von mir, der längst nun gestorben ist, hat ein sehr schönes Buch geschrieben über Mythenforschung: Ludwig Laistner, «Das Rätsel der Sphinx». Indem er sozusagen die ganze Welt durchwandelt hat in bezug auf die Entstehung von Mythen, hat er in sehr interessanter Weise gezeigt, daß es, wenn man die Mythen verstehen will, gar nicht darauf ankommt, den Inhalt der Mythen, das, was erzählt wird - da so, dort so und so -, diese konkreten Mythenbilder also ins Auge zu fassen, sondern daß es auch da darauf ankommt, den überall wiederkehrenden dramatischen Vorgang, der sich auf die mannigfaltigste Weise durch die verschiedenen Mythenbilder ausdrückt, zutage zu fördern. Und da Laistner auch den Zusammenhang der Mythenbilder mit der Traumeswelt in einer noch elementaren, aber immerhin richtigen Weise ins Auge gefaßt hat, so bildeten seine Forschungen eine vorzügliche Grundlage, die Traumforschung auf die Mythenforschung überzuleiten. Würde man sich auch in der Mythenforschung darüber klar sein, daß dasjenige, was in das Traumbewußtsein hereinspielt aus dem Schöpferischen des Mythos, eigentlich nur Bilder sind, die in willkürlicher Weise, möchte ich sagen, den eigentlichen Vorgang darstellen, so würde man viel gescheiter sein. So müssen auch auf dem Gebiete der analytischen Psychologie — trotzdem ich die Bedeutung ünd den allerbesten und allerehrlichsten Willen der Forscher auf diesem Gebiete voll anerkenne - diese Forscher, weil sie mit unzulänglichen Erkenntnismitteln arbeiten, zu schiefen, einseitigen Versuchen kommen.
Es ist eben überall wenig Neigung vorhanden, wirklich in die Tiefen der Sachen einzugehen und das geistige Leben zu Hilfe zu nehmen, um die Wirklichkeit mit wirklichkeitsgemäßen Begriffen zu verstehen. Allerdings, die neuere psychoanalytische Forschung hat ja, absehend von dem gewöhnlichen Erinnerungsbegriff, absehend von jenen Träumen, die aus dem individuellen Leben angeregt werden, auch mit einem «überindividuellen Unbewußten», wie man sagt, rechnen wollen. Aber da kommt doch diese Forschungsmethode, die mit so unzulänglichen Erkenntnismitteln arbeitet, zu einem ganz sonderbaren Resultate: hier wird einmal geahnt in der Gegenwart — und man muß dankbar sein, daß es wenigstens geahnt wird -, daß dieses menschliche Seelenleben mit einem Geistesleben außer ihm in einer Beziehung steht, aber es ist nicht möglich, etwas zu tun, um diese Beziehung in ihrer Wirklichkeit zu erkennen. Ich möchte diesen Forschern wahrlich nichts am Zeuge flicken, die ich sehr verehre ob ihres Forschermutes, der noch immer groß genug sein muß innerhalb der vorurteilsvollen Welt der Gegenwart, um solche Dinge geltend zu machen; aber es muß eben — namentlich weil die Dinge auf das praktische Gebiet übergreifen - aufmerksam gemacht werden darauf, wie man aus der Einseitigkeit herauskommen kann.
Da hat denn ein sehr verdienstvoller Forscher, Jung, der hier in Zürich lebt, seine Zuflucht gewissermaßen zu transindividuellen, überindividuellen unbewußten Geistes- oder Seeleninhalten genommen: daß die menschliche Seele nicht nur zu dem in Beziehung stehe, was sie individuell irgendeinmal in die Erinnerung hinuntergebracht hatte oder dergleichen, sondern auch zu dem, was außer ihrer Individualität ist. Ein sehr schöner, ein kühner Gedanke: dieses menschliche Seelenleben nicht nur durch die Mittel des Körpers, sondern an sich mit Seelischem in der Außenwelt in Beziehung zu bringen, durchaus im höchsten Maße anzuerkennen. Aber dieser selbe Forscher führt das, was da in der Seele auftritt, doch wiederum auf eine Art, ich möchte sagen, Erinnerung zurück, wenn auch auf eine überindividuelle Erinnerung. Man kommt von dem Begriff der Mneme, der Erinnerung, nicht los, trotzdem man eigentlich nicht mehr von Erinnerung sprechen kann, wenn man über das Individuelle hinausgeht. Man kommt dazu, wie Jung sich ausdrückt: daß in der Seele leben, ohne daß es ins gewöhnliche Bewußtsein hereinkommt, «urtümliche Bilder», Bilder von dem, was einmal, sagen wir, der griechische Geist ersonnen hat als die griechischen Mythen, urtümliche Bilder, um diesen Jacob Burckhardtschen Ausdruck zu gebrauchen. Sehr bedeutsam sagt Jung: Alles, was nicht nur der individuelle Mensch, sondern was die Menschheit durchgemacht hat, kann in der Seele tätig sein; und indem das gewöhnliche Bewußtsein nichts davon weiß, stürmt und wogt das unterbewußt gegen das Bewußtsein herauf, und es entstehen die merkwürdigen Erscheinungen, die heute als hysterische oder andere Erkrankungen auftreten. Alles, was die Menschen je an Göttlichem oder auch an Teufelei erlebt haben, so sagt Jung in seinem neuesten Buche, komme wiederum herauf; der Mensch weiß nichts davon, aber es wirkt in ihm.
Nun ist es sehr interessant, hier einmal eine Forschung, die mit unzulänglichen Erkenntnismitteln arbeitet, anzupacken, gerade in einem charakteristischen Fall. In außerordentlich bedeutsamer Weise kommt dieser Forscher dazu, sich zu sagen: Wenn der Mensch in seiner Seele keine bewußte Beziehung herstellt zu einer göttlichen Welt, so stellt sich diese Beziehung in seinem Unterbewußten her, wenn er auch nichts weiß davon. In seinem Unterbewußten, unter der Schwelle des Bewußtseins, da leben die Götter; und das, wovon er nichts bewußt weiß, kann sich sogar so äußern, daß er es auf seinen Arzt oder eine andere Person, wie man sagt: projiziert. Während also die Erinnerung an irgendeine Teufelei in seinem Unterbewußten waltet, kommt sie ins Bewußtsein nicht herauf; aber sie stürmt in ihm; er muß sich davon befreien; er überträgt sie auf irgendeine Person. Die Vorstellung macht diese zum Teufel, den Arzt, oder, wenn ihm das nicht gelingt, sich selber.
Von solchen Dingen ausgehend ist es nun sehr interessant, an einer Stelle in einem der neuesten Bücher auf dem Gebiete der Psychoanalyse, «Die Psychologie der unbewußten Prozesse» von Carl Gustav Jung, zu sehen, wie ein Forscher sich diese Dinge zurechtlegt. Jung sagt: «Der Gottesbegriff ist nämlich eine schlechthin notwendige psychologische Funktion irrationaler Natur» — eine sehr verdienstvolle Anerkennung, denn es ist damit einmal anerkannt, daß der Mensch in seinem Unterbewußten so beschaffen ist, ‚daß er in diesem Unterbewußten Beziehungen zu einer göttlichen Welt herstellt! - Dann fährt er fort: «Der Gottesbegriff ist nämlich eine schlechthin notwendige psychologische Funktion irrationaler Natur, die mit der Frage nach der Existenz Gottes überhaupt nichts zu tun hat. Denn diese letztere Frage gehört zu den dümmsten Fragen, die man stellen kann.»
Dabei kommt nicht in Betracht, wie sich der Forscher selbst zu dem Gottesbegriff stellt. Er kann ein sehr frommer Forscher sein. Hier kommt nur in Betracht, wie sich auf diesem Gebiete das unterbewußte Vorstellungsleben, wenn man so sagen darf, dieses Forschers selbst auslebt! Durch die unzulänglichen Erkenntnismittel wird eigentlich nichts Geringeres als dieses erzielt, daß man sich sagt: Die menschliche Seele muß in ihrer Welt unter der Schwelle des Bewußtseins Beziehungen zu den Göttern herstellen; aber diese Beziehungen muß sie so gestalten, daß sie mit der Existenz Gottes nichts zu tun haben! Also: die Seele muß notwendigerweise auch zufrieden sein mit einer bloß illusionären Beziehung, die ihr aber im eminentesten Sinne notwendig ist, ohne die sie krank wird! Von einer ungeheuren Tragweite ist, was hier steht, von einer gar nicht zu unterschätzenden Tragweite! Ich habe damit nur angedeutet, wie auf einem sehr breiten Gebiete mit unzulänglichen Erkenntnismitteln gearbeitet wird.
Ich fahre nun fort in der Schilderung des Menschen, wie er sich in den sozialen Lebenszusammenhang hineinzustellen hat: Das Gefühlsleben — jetzt nicht das Vorstellungsleben, sondern das Gefühlsleben des Menschen - hat auf der einen Seite, wie ich schon ausgeführt habe, sein leibliches Gegenstück in dem Atmungsrhythmus, auf der anderen Seite aber hat es seine Beziehung zu geistigen Inhalten. Was auf der geistigen Seite dem Gefühlsleben entspricht, wie auf der leiblichen Seite das Atmungsrhythmusleben, das kann als ein geistiger Inhalt, als Inhalt von geistigen Wesenheiten, geistigen Kräften, nur mit dem durchdrungen werden, was ich in diesen Vorträgen das inspirierte Bewußtsein genannt habe.
Mit diesem inspirierten Bewußtsein aber kommt man nicht bloß zu einem geistigen Inhalte, der unser Dasein erfüllt zwischen Geburt, oder sagen wir Empfängnis und Tod; sondern da kommt man zu der Anschauung desjenigen, was durch Geburt und Tod hindurchgeht, was zu tun hat mit unserem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, des Wesens also, das auch dann lebt, wenn der Mensch diesen physischen Leib nicht mehr trägt.
Legt der Mensch diesen physischen Leib durch die physische Vererbung an, dann schafft sich dasjenige, was aus der inspirierten Welt herausgeboren ist, einen leiblichen Ausdruck in dem Atmungsrhythmus. Aber es spielt in dieses Gefühlsleben — während in das Vorstellungsleben, das der Mensch im gewöhnlichen Bewußtsein kannte, wirklich zunächst nur hereinspielt, was zwischen Geburt und Tod liegt — alles herein, was als Kräfte, als Impulse tätig ist in der Zeit zwischen dem letzten Tode und dieser Geburt, und was wiederum tätig sein wird zwischen diesem Tode und einer neuen Geburt. Es spielt der ewige Wesenskern des Menschen in dieses Gefühlsleben hinein.
Und als drittes muß geltend gemacht werden, daß das Willensleben des Menschen auf der einen Seite eigentlich zu der niedersten Betätigung des menschlichen Organismus in Beziehung steht zu dem Stoffwechsel, zu dem, was im weitesten Umfange in Hunger und Durst sich ausdrückt, auf der anderen Seite aber geistig zu der höchsten geistigen Welt, zu der intuitiven Welt, wie ich sie hier in diesen Vorträgen schon öfter erwähnt habe. So daß in der Tat eine völlige Umkehrung der Verhältnisse stattfindet.
Das Vorstellungsleben steht zunächst unterbewußt mit der imaginativen Welt in Berührung, mit dem Nervenleben nach der anderen Seite. In einer Welt, die über unser persönliches leibliches Leben als unser Wesenskern hinausragt, steht das Gefühlsleben drinnen nach der geistigen Seite hin. Und das Willensleben, das seinen leiblichen Ausdruck immer, wenn ein Willensimpuls stattfindet, in irgendeinem Stoffwechselvorgang findet, das sich also in den niedersten Vorgängen des Organismus ausdrückt, steht nach der geistigen Seite im Zusammenhange mit der höchsten geistigen Welt, der intuitiven Welt.
Und auf diesem Gebiet erst kann erforscht werden, was man wiederholte Erdenleben nennt. Was aus einem Erdenleben in das andere hinüberspielt, das ist kein Impuls, der erfaßt werden kann durch Imagination, geschweige denn durch gewöhnliches Bewußtsein, nicht einmal mit dem inspirierten Bewußtsein, sondern erst mit dem intuitiven Bewußtsein. In unser Leben spielen die Impulse herein aus früheren Erdenleben. Aus diesem Leben spielen die Impulse in spätere Erdenleben. Was dieser Forschung allein das Gepräge geben kann, das ist der erweckte Sinn für wirkliche, nicht bloß für verschwommene Intuitionen, von denen man im gewöhnlichen Leben spricht.
So stellt sich vor dem vollständigen menschlichen. Bewußtsein der vollständige Mensch dar, wie er als geistig-seelischer Mensch sich nach dreifacher Weise auslebt in den auf und ab wogenden Vorstellungen, Gefühlen und Willensimpulsen, und wie er in dreifacher Weise nach der Leibesseite hin seinen Boden und aus der geistigen Welt sein Hervorgehen findet. So führt Geisteswissenschaft zum Ewigen des Menschen nicht durch Spekulationen, nicht durch Hypothesen, sondern indem sie zeigt, wie das Bewußtsein sich entwickeln muß, um den ewigen Wesenskern in den durch wiederholte Erdenleben sich darlebenden Entwickelungen des Menschen zu schauen.
Dieser volle Mensch nun - nicht ein abstrakter Mensch, der von der Naturwissenschaft oder den Naturwissenschaftern hineingestellt wird in einen leeren, abstrakten, nicht von der vollen Wirklichkeit erfüllten Vorstellungszusammenhang -, dieser volle Mensch steht in dem sozialen Lebenszusammenhang. Und während man mit dem gewöhnlichen Bewußtsein voll auskommt, um die äußere Natur zu verstehen, insoweit sie nicht organisch, sondern Ausgestaltung des Leblosen ist, des Mechanischen — was ja die heutige Naturwissenschaft oftmals allein gelten lassen will, wenigstens allein durchdringen will —, kann man keine Begriffe finden, die volle Lebensfähigkeit für das soziale Leben haben, wenn man sie nach dem Muster seines gewöhnlichen Bewußtseins aufbaut. Denn das ist das Geheimnis des sozialen Lebens, daß es sich nicht aufbaut nach den Begriffen, welche das gewöhnliche Bewußtsein hat, sondern daß es sich außerbewußt aufbaut, in Impulsen, die nur erfaßt werden können mit den höheren Bewußtseinsarten, von denen ich Ihnen gesprochen habe.
Diese Einsicht kann aufhellend wirken auf vieles, das sich im sozialen Leben der Gegenwart ad absurdum führen muß, weil die Begriffe, mit denen man dieses soziale Leben fassen will, keine wirklichkeitsgemäßen sind. Da steht man heute mit diesen Begriffen, die an der Erziehung der naturwissenschaftlichen Vorstellungsweise gewonnen sind, will schaffend handeln im sozialen Leben. Aber dieses soziale Leben hat weitere Begriffe notwendig — wie das charakterisierte, vor der Psychoanalyse auftretende unterbewußte Seelenleben auch weitere Begriffe verlangt - als die Begriffe des gewöhnlichen Bewußtseins.
Und drei Gebiete treten einem zunächst entgegen in den sozialen Gemeinschaften, welche ihre Beleuchtung finden müssen durch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Gerade diese Dinge werde ich nur skizzieren können; allein Geisteswissenschaft ist ja am Anfange, und manches wird erst erforscht werden müssen, so daß ich nur im allgemeinen den Charakter der Fäden charakterisieren werde, die von den geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen zu der Erkenntnis des sozialen Lebens gezogen werden müssen.
Drei soziale Lebensgebiete treten einem entgegen. Das erste soziale Lebensgebiet, das dem Menschen entgegentritt und auf das das Anwendung findet, was ich eben charakterisiert-habe, das ist das ökonomische Gebiet. Wir wissen ja, daß in der sozialen Struktur die ökonomischen Gesetze leben, und daß diese ökonomischen Gesetze beherrscht werden müssen. Von demjenigen, der als Gesetzgeber oder als Staatsmann tätig ist oder auf irgendeinem Gebiete als Leiter irgendeines Unternehmens, das sich eben in die soziale Struktur des Gesamtlebens hineinstellt, von ihnen allen muß dasjenige gestaltet werden, was in ökonomischer Gesetzmäßigkeit sich auslebt.
Nun, die ökonomische Struktur, wie sie sich auslebt, kann nicht erfaßt werden, wenn man nur die an der naturwissenschaftlichen Vorstellung gewonnenen Begriffe, von denen heute fast alles menschliche Denken beherrscht wird, auf dieses ökonomische Leben anwenden will. In diesem ökonomischen Leben herrschen schon ganz andere Impulse als in der Natur, als selbst in der menschlichen Naturgrundlage. In der menschlichen Naturgrundlage liegen der Betrachtung zum Beispiel die Bedürfnisfragen zugrunde. In der äußeren ökonomischen Ordnung liegen die Befriedigungsfragen zugrunde. Habe ich ein soziales Gemeinwesen mit seiner ökonomischen Struktur wirklich zu erkennen, so habe ich zu erkennen, wie nach der geographischen und sonstigen Beschaffenheit für menschliche Verhältnisse befriedigende Mittel da sind. Von der Bedürfnisfrage geht man aus, wenn man den Menschen individuell betrachtet. Gerade aber von ‚der entgegengesetzten Seite muß man ausgehen, wenn man die ökonomische Struktur betrachtet. Da hat man nicht zu betrachten, wessen Menschen bedürfen, sondern was da ist für Menschen auf einem bestimmten Gebiete, wenn sich ein Gemeinschaftsleben entwickelt. Das ist nur eine Andeutung. Vieles müßte gesagt werden, wenn nun die ökonomische Struktur in ihrer Gesamtheit besprochen werden sollte. Allein, was da eigentlich der Organismus der ökonomischen Struktur eines Staates oder eines Gemeinwesens ist, das kann nicht beherrscht werden mit den Begriffen, die der gewöhnlichen Naturwissenschaft entlehnt sind.
Da können ganz sonderbare Dinge passieren! Ich darf da eine Sache besprechen, weil ich sie wirklich nicht bloß aus Anlaß etwa der heutigen Ereignisse berühre. Da könnte man mir vielleicht den Vorwurf machen, ich stünde unter dem Einfluß dieser heutigen Ereignisse; aber das ist nicht der Fall. Denn ich habe dasselbe, was ich jetzt sagen werde, bereits bevor diese Kriegsereignisse hereingebrochen sind, in einem Vortragszyklus, den ich in Helsingfors gehalten habe, auseinandergesetzt, so daß dasjenige, was ich nun sagen werde, in der Veranlassung ohne alle Beziehung zu den Kriegsereignissen ist. Das mußte ich voraussenden, damit ich nicht mißverstanden werde.
Ich habe dazumal - also vor dem Ausbruch dieser Kriegsereignisse — in Helsingfors angedeutet, wie man fehlgehen kann, wenn man aus bloßen naturwissenschaftlichen Vorstellungen heraus die soziale Struktur in Menschengemeinschaften erfassen will, und ich habe als Beispiel eine Persönlichkeit gewählt, welche im eminentesten Sinne diesen Fehler macht: Woodrow Wilson. Und zwar habe ich darauf aufmerksam gemacht, daß Woodrow Wilson — Gelehrsamkeit ist in diesem Falle zur Staatsmannschaft aufgerückt —in sonderbarer Weise sagt: Zu der Zeit des Newtonismus, als man die ganze Welt mehr mechanisch betrachtet hat, da kann man bemerken, wie die Menschen auch in ihren Staatsvorstellungen, in ihren sozialen Vorstellungen, die mechanischen Vorstellungen drinnen haben, die Newton und andere an die Tagesordnung gebracht haben. Aber es ist falsch, das soziale Leben mit solchen engen Begriffen zu erfassen, sagt Woodrow Wilson; heute muß man das anders machen: heute muß man die darwinistischen Vorstellungen auf das soziale Leben anwenden! Also er macht dasselbe, nur macht er es mit den heute geltenden naturwissenschaftlichen Vorstellungen!
Aber ebensowenig wie die Newtonschen Vorstellungen in der Lage waren, die soziale Struktur zu umfassen, ebensowenig sind es die darwinistischen Vorstellungen, die, wie wir gehört haben, nicht einmal alle anwendbar sind auf das organische Leben. Das bleibt Wilson aber im Unterbewußten, und er merkt gar nicht, daß er denselben Fehler, den er vorher rügt und tadelt, im nächsten Augenblicke selber macht.
Da haben wir ein eminentes Beispiel, daß Menschen nicht in der Lage sind, zu erkennen, wie sie mit unzulänglichen, die Wirklichkeit nicht beherrschenden Erkenntnismitteln arbeiten, wenn sie anfangen, das soziale Leben heute verstehend meistern zu wollen. Solches aber, wie mit unzulänglichen Mitteln heute nicht etwa bloß erkannt wird, sondern Weltgeschichte gemacht wird, das findet man auf Schritt und Tritt. Und würden die Menschen durchschauen, wie das stattfindet, so würden sie tief hineinschauen können in die der heutigen Mitwelt zumeist verborgenen tieferen Ursachen der Phrasenschneiderei der Gegenwart.
Ökonomische Strukturen durchschaut man nicht mit naturwissenschaftlichen — sei es am Darwinismus, sei es am Newtonismus gewonnenen — Begriffen, die nur auf Naturfakten gehen können. Sondern da muß man zu anderen Begriffen fortschreiten.
Und diese kann ich nur so charakterisieren, daß ich sage, zugrunde liegen muß diesen Begriffen, wenn auch nicht vielleicht ein deutliches Vorstellen, so doch ein Gefühl des Sich-Hineinversenkens in die soziale Struktur, so daß auftauchen Vorstellungen, die dem imaginativen Leben angehören. Nur mit Hilfe von imaginativen Vorstellungen kann ein Bild geschaffen werden einer konkreten sozialen Struktur, die irgendwo auftritt. Sonst kommt man zu wesenlosen, zu wertlosen Abstraktionen.
Mythen bilden wir heute nicht mehr. Aber inder mythenbildenden Kraft war ein menschlicher Seelenimpuls vorhanden, der hinausging über die gewöhnliche Wirklichkeit. Aus demselben Seelenimpuls, mit dem unsere Vorfahren Mythen gebildet haben, mit dem sie also, wenn ich sagen darf, durch ihre zur geistigen Wirklichkeit im Verhältnis stehende Phantasie Bilder von dieser Wirklichkeit geschaffen haben, aus demselben Impuls muß heute derjenige, der etwas verstehen will von ökonomischen Ordnungen, imaginative Vorstellungen haben. Nicht Mythen kann er bilden, aber er muß die geographischen, die anderen Bodenverhältnisse, die Charakterverhältnisse der Menschen, die Bedürfnisse der Menschen so zusammendenken können, daß dieses Zusammendenken mit derselben Kraft geschieht, mit der einstmals die Mythen gebildet worden sind, mit der Kraft, die als Imaginieren im Geistigen webt und lebt, und die im Abbilde erscheint in der ökonomischen Struktur.
Ein zweites Gebiet des sozialen Lebens ist das moralische, die moralische Struktur, der moralische Impuls, der sich in einer Gesamtheit auslebt. Wieder taucht man hinunter in alle möglichen unbewußten Gebiete, wenn man jene Impulse erforschen will, die in den menschlichen moralischen - im weitesten Sinne moralischen — Aspirationen zutage treten. Wer da eingreifen will, sei es als Staatsmann, sei es als Parlamentarier, sei es auch, indem er irgendeinem Unternehmen vorsteht und leitend sein will, versteht die Struktur nur, wenn er sie beherrschen kann mit Begriffen, die in inspirierten Erkenntnissen wenigstens ihre Grundlage haben.
Es ist also mehr notwendig, als man heute oftmals glaubt, um in dieses Soziale insofern einzugreifen, als moralische Impulse mitspielen. Diese moralischen Impulse müssen wahrhaft ebenso aus der Wirklichkeit heraus studiert werden, wie die Impulse des organischen Lebens nicht erfunden werden können, sondern studiert werden müssen aus dem Organismus selbst heraus. Würde man in einer ähnlichen Weise über die Löwennatur, über die Katzennatur, meinetwillen die Igelnatur, aus dem menschlichen Geistesleben heraus Begriffe spinnen, wie man Begriffe spinnt, indem man heute den Marxismus oder andere sozialistische Theorien ausdenkt, ohne die Natur in Wirklichkeit zu studieren, würde man in solcher Weise rein a priori über die tierische Natur Begriffe konstruieren, so würde man auf sonderbare 'Theorien über die tierische Organisation kommen.
Das Wesentliche ist, daß in seiner vollen Konkretheit der soziale Organismus auch da studiert werden muß, wo moralische Kräfte im weitesten Sinne walten. Auch die Bedürfniskräfte, die der Mensch geltend macht - sie sind immer auch im weiteren Sinn moralische Kräfte —, können nur gemeistert werden, wenn man in seiner Konkretheit den sozialen Organismus aus solchen, wenn auch dunklen Vorstellungen heraus erforscht, welche in der inspirierten Welt wurzeln. Wie weit ist man heute entfernt von einer solchen Vorstellungsweise!
Geisteswissenschaft kommt dazu, im einzelnen wirklich zu studieren, worinnen die Impulse der Bevölkerung Mitteleuropas, der Bevölkerung Westeuropas, Osteuropas bestehen. Sie kommt dazu, im Konkreten zu sehen, wie die verschiedenen Seelenimpulse, die aus dem sozialen Organismus heraufsteigen, ebenso begründete konkrete Impulse sind wie die Impulse, die aus dem physischen Organismus heraufsteigen. Sie lernt erkennen, daß auch das Zusammenleben der Völker mit diesen aus der Tiefe heraus studierbaren Impulsen zusammenhängt. Geisteswissenschaft findet eine ganz andere Seelenstruktur als im Westen bei dem Menschen des europäischen Ostens und weiß, wie sich eine solche Struktur im ganzen europäischen Leben einleben muß. Ich kann darauf aufmerksam machen, daß ich seit Jahrzehnten über die verschiedenen Seelenstrukturen gesprochen habe, die dem sozialen Leben Europas zugrunde liegen, rein aus geisteswissenschaftlichen Vorstellungen heraus; aber das, was so gefunden wurde, wird bestätigt durch das, was empirische Kenner sagen, die in dem konkreten Leben drinnenstehen. Lesen Sie in der gestrigen und heutigen «Neuen Zürcher Zeitung», was als Dostojewskische Anschauungen über die russische Volksseele, über die russischen Ideale gesagt wird, und Sie haben da — was ich nur anführen kann, die Zeit reicht'nicht aus, im einzelnen zu schildern — einen vollständigen Beleg: die äußere Beobachtung eines Resultates im eminentesten Sinne desjenigen, was durch Geisteswissenschaft seit Jahren vertreten wird.
Da kommt man dazu, aus dem wirklichen Leben heraus die sozialen Impulse, sozialen Kräfte zu studieren. Dieses fehlt heute. Weil man aber das Leben nicht meistern kann mit wirklichkeitsfremden Begriffen, sondern nur mit Begriffen, die aus der lebendigen Wirklichkeit heraus geboren sind, wächst dieses Leben den Menschen über den Kopf. Sie wissen nicht mehr das Leben zu umspannen mit den Begriffen, die den gleichen Abstraktionsgrad haben wie die Begriffe auf naturwissenschaftlichem Gebiete. Diese reichen auf sozialem Gebiete nicht aus. Und so führte gerade dieses in den Untergründen wallende und wogende, aber vom Bewußtsein nicht erfaßte Leben zu den Katastrophen, die wir heute in so furchtbarer Weise erleben.
Und weiter: ein drittes Gebiet, das uns im sozialen Leben entgegentritt, ist dasjenige, das wir das Rechtsleben benennen. Aus ökonomischem, moralischem und Rechtsleben besteht im wesentlichen die soziale Struktur einer Gesamtheit. Nur muß man diese Begriffe alle im geistigen Sinne nehmen. So wie das ökonomische Leben nur wirklich studiert werden kann, wenn die imaginativen Vorstellungen zugrunde gelegt werden, das moralische, in dem, was es wirklich enthält, nur, wenn die inspirierten Vorstellungen zugrunde gelegt werden, so kann das Rechtsleben nur mit intuitiven Vorstellungen, die wiederum aus der vollen konkreten Wirklichkeit heraus gewonnen werden, begriffen werden.
Dasjenige also, was die Geisteswissenschaft für die übersinnlichen Gebiete zu erkennen anstrebt, woran sie ihre Bewußtseins-, ihre Erkenntniskräfte übt und schult, das zeigt sich in seiner Anwendung auf den verschiedenen Gebieten des sozialen Lebens. Auch auf pädagogischem Gebiete, das ja im wesentlichen dem sozialen Gebiete angehört, wird man fruchtbare Begriffe nur bekommen, wenn man fähig ist, Imaginationen in seine Begriffe aufzunehmen, um das noch ungestaltete Leben durch Imaginationen, die in einem angeregt werden — nicht nach abstrakten Begriffen, wie sie heute so vielfach in der Pädagogik spielen, sondern nach wirklichen Imaginationen -, sich vorzustellen und danach auch zu leiten.
Das Rechtsleben, die rechtlichen Begriffe! Was alles ist gerade in der letzteren Zeit über diese Rechtsfragen geschrieben, gesprochen worden! Und wie wenig ist die Menschheit heute im Grunde genommen über die einfachsten Begriffe im Rechte irgendwie im klaren! Man braucht auch auf diesem Gebiete nur hinzublicken auf solche Menschen, welche ganz aus naturwissenschaftlicher Schulung heraus arbeiten wollen, wie Fritz Mauthner, der Verfasser des sehr interessanten «Wörterbuches der Philosophie». Lesen Sie in diesem Wörterbuch gerade die Artikel über das Recht, die Strafe, kurz, alles was damit zusammenhängt, und Sie werden sehen, daß er alles das auflöst, was Ihnen bekannt ist an Begriffen und Vorstellungen, auch an Einrichtungen, die in der Gegenwart herrschen, und daß er zeigt, daß gar nicht die Möglichkeit, die Fähigkeit vorliegt, irgend etwas an die Stelle zu setzen. Man kann auch nur irgend etwas an die Stelle setzen, wenn dasjenige, was in der Rechtsstruktur gesucht wird, aus der Welt herausgeholt wird, die als die intuitiv zu erkennende Welt gerade den sozialen Strukturen zugrunde liegt.
Hier in Zürich kann ich ja gerade auf ein Buch hinweisen, das den Anfang gemacht hat mit einer solchen Rechtsbetrachtung: «Der Gesamtarbeitsvertrag nach schweizerischem Recht» von Dr. Roman Boos. Da haben Sie den Anfang gemacht, den konkreten Rechtsfragen wirklich die in der Rechtsstruktur, in der sozialen Struktur liegenden Verhältnisse, wie sie in ganz ausgezeichneter Weise in diesem Buche dargelegt werden, zugrunde zu legen und zu konkreten einzelnen Rechts-Detailvorstellungen zu kommen. Wenn man solche Anfänge studiert, wird sich zeigen, was eigentlich gemeint ist, wenn auch die Forderung aufgestellt werden muß, das soziale Leben als Rechtsleben in konkreter Weise, nicht in abstrakter Weise, zu studieren, es herauszuholen aus dem, was wirklich ist, es zu umspannen, zu umfassen mit wirklichkeitsgemäßen Begriffen. Das ist freilich unbequemer, als utopistische Programme aufzustellen, utopistische Staatsstrukturen zu konstruieren. Denn da muß der ganze Mensch in Betracht gezogen werden, da muß wirklich Sinn vorhanden sein für das, was in der Wirklichkeit sich abspielt.
Ich habe deshalb den Freiheitsbegriff als Fundamentalbegriff hingestellt, um zu zeigen: trotzdem hier Gesetzmäßigkeiten in der geistigen Welt gesucht werden, kann dieser Freiheitsbegriff vor der Geisteswissenschaft voll bestehen. Unbequemer wird es sein, diese Dinge wirklich zu studieren! Denn da kommt man vor allen Dingen dahin, einzusehen, wie kompliziert die Wirklichkeit ist, wie diese Wirklichkeit nicht umfaßt werden kann mit einseitigen, nach der einen oder anderen Seite hingepfahlten Begriffen, sondern wie man diese Wirklichkeit, sobald man über den individuellen Menschen hinauskommt, mit Begriffen umfassen muß, wie sie als die Begriffe der Geisteswissenschaft in diesen Vorträgen geschildert worden sind.
Ich kann ein drastisches Beispiel hier anführen. Die Menschen leben gern in einseitigen Begriffen, in Begriffen, die einmal aus ihrer Denkgewohnheit hervorgegangen sind. Als zum erstenmal eine Eisenbahn gebaut worden ist in Mitteleuropa, da wurde auch ein Ärztekollegium, ein gelehrtes Kollegium also — die Sache ist dokumentarisch, wenn es auch märchenhaft klingt! —, um seinen Rat gefragt. Das gelehrte Kollegium hat gefunden, man solle keine Eisenbahnen bauen, weil sie dem Nervensystem der Menschen schaden würden. Und wenn sich schon doch solche Menschen finden würden, die durchaus Eisenbahnen haben wollten, so müsse man wenigstens links und rechts die Eisenbahnen mit hohen Bretterwänden umgeben, damit diejenigen, an denen die Eisenbahnen vorbeifahren, nicht Gehirnerschütterungen bekommen. Dieses noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts abgegebene Urteil ging aus den Denkgewohnheiten der damaligen Zeit hervor. Dem heutigen Menschen wird es selbstverständlich leicht, über ein solches einseitiges Urteil zu lachen; denn selbstverständlich haben die gelehrten Herren unrecht gehabt. Die Entwickelung ist über sie hinweggeschritten. Die Entwickelung wird über so manches hinwegschreiten, was die «gelehrten Herren» als richtig ansehen.
Und dennoch, es gibt eine andere Frage, so paradox es klingt: Haben die gelehrten Herren bloß unrecht gehabt? Das ist auch nur scheinbar! Sie haben gewiß unrecht gehabt nach der einen Seite hin, aber nicht bloß unrecht haben sie gehabt. Wer für die feineren Eigentümlichkeiten in der Entwickelung der Menschennatur einen Sinn hat, der weiß schon, daß mit der Entwickelung mancher nervösen Erscheinung, unter der die Gegenwart leidet, die Entstehung der Eisenbahnen in eigentümlicher Weise zusammenhängt, daß, wenn auch nicht in so radikaler Weise ausgesprochen, wie es die gelehrten Herren getan haben, doch die Tendenz des Urteils in einer partiellen Weise richtig ist. Wer wirklich einen Sinn hat für die Lebensdifferenziertheit, für den Unterschied des heutigen Lebens von dem Leben an der Wende des i8. zum i9. Jahrhundert, der weiß, daß Eisenbahnen den Menschen schon nervös gemacht haben, daß also nach einer gewissen Seite hin das gelehrte Kollegium schon recht hatte.
Jenes «Recht» und «Unrecht» aber, das noch anwendbar ist, wenn irgendwie ein Naturvorgang, irgendeine natürlich-menschliche Erscheinung in Betracht kommt -— der sozialen Struktur gegenüber ist es nicht anwendbar! Da handelt es sich darum, daß der Mensch wirklich durch ganz andere Schulung seines Seelenvermögens die Fähigkeit für umspannendere Vorstellungen entwickelt, die umspannen können das soziale Leben, das in seiner Erscheinung weiter greift als alles, was einseitig abstrakte naturwissenschaftliche Vorstellungen — die abstrakt sein müssen — zu umspannen vermögen.
Ich konnte ja selbstverständlich wegen der Kürze der Zeit nur andeuten, daß das Gebiet der Sozialwissenschaft, der Ökonomik, des sozialen Moralismus im weitesten Sinne, der Rechtswissenschaft, und alles, was damit zusammenhänst, erst bemeistert werden kann, wenn die Bequemlichkeit überwunden wird, die heute noch entgegensteht. Denn es ist im Grunde genommen Bequemlichkeit und Scheu vor wirklichen Erkenntniswegen, die von der geisteswissenschaftlichen Betrachtung der Welt zurückhalten. Ich habe, trotzdem ich einen Zyklus von vier Vorträgen hier halten durfte, natürlich nur auf einiges hinweisen können. Ich bin mir wohl bewußt, daß ich nur Anregungen geben konnte. Ich wollte auch nur in Anregungen die Fäden zu den einzelnen heute gepflegten Wissenschaftsgebieten ziehen. Ich weiß, daß man sehr vieles einwenden kann, und kenne die Einwände, die man machen kann, durchaus. Der auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, muß sich selbst fortwährend auf Schritt und Tritt die Einwände machen, die möglich sind, denn nur dadurch, daß er das, was er erkennt, an dem Einwand mißt, wird auch aus der Tiefe der Seele das geistige Schauvermögen entwickelt, das die Wirklichkeit meistern kann.
Aber wenn ich auch weiß, wie unvollkommen meine Darstellungen waren — denn viele Wochen wären notwendig, um alle die Einzelheiten anzuführen, die ich nur als Ergebnis kurz andeuten konnte -, so darf ich vielleicht doch glauben, daß ich wenigstens nach einer Richtung hin eine Vorstellung hervorgerufen habe: daß es sich in der Geisteswissenschaft nicht um irgendwelche Agitation handelt, die man aus dem oder jenem abstrakten Ideal heraus treiben will, sondern um ein Forschungsgebiet, welches gefordert ist von dem Gang der menschlichen Entwickelung selbst in unserer Gegenwart. Derjenige, der drinnensteht in diesem Forschungsgebiet, der seine Impulse wirklich durchschaut, der weiß, daß gerade auch diejenigen Gebiete, die, von der Gegenwart gefordert, auftreten — wie das eine, das ich hier genannt habe: das der Psychoanalyse —, wenn sie wirklich durchdrungen werden, darauf hinweisen, daß sie überhaupt erst ihre Vollendung finden können in der Beleuchtung durch das, was hier anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft genannt wird. Daß es sich nicht um etwas handelt, was auf blinden Einfällen, auf irgendeiner verschwommenen Mystik beruht, sondern um etwas, das in ernster Weise von ernstem Forschersinn wenigstens in seinen Absichten getragen ist, das ist es, was ich als eine Vorstellung hervorrufen wollte, indem ich von verschiedenen Einzelheiten her gezeigt habe, wie die heute gewohnten wissenschaftlichen Vorstellungen durch das befruchtet werden können, was als Geisteswissenschaft auftritt.
Ich glaube, diese Geisteswissenschaft ist durchaus nicht etwas Neues. Denn man braucht nicht weiter zurückzugehen als bis zu Goethe, so findet man in seiner Metamorphosenlehre die elementaren Ansätze, die nur ausgebaut werden müssen durch die Geisteswissenschaft — allerdings nicht durch logisch-abstrakte wissenschaftliche Hypothesen, sondern durch lebensvolle Ausgestaltung desjenigen, was dort angeregt worden ist.
Daher, da ich selber seit mehr als dreißig Jahren ausgehe von einem Ausbauen der Goetheschen Weltanschauung, nenne ich sehr gerne für mich diejenige Weltanschauung, die ich als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft vertrete, die ausgebaute Goethesche Weltanschauung. Und den Bau in Dornach, der gewidmet ist dieser Weltanschauung, den möchte ich am liebsten, wenn es nach mir bloß ginge, ein Goetheanum nennen: andeutend, wie diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft durchaus nicht bloß als etwas aus einem einzelnen Einfall herausgeholtes willkürliches Neues in die Welt tritt, sondern als etwas, was gefordert wird durch den Geist der Gegenwart, aber auch gefordert wird durch den Geist der ganzen Menschheitsentwickelung.
Denn ich glaube, daß diejenigen, welche mit dem Geiste in der Menschheitsentwickelung gegangen sind, zu allen Zeiten in ihren besten Bestrebungen auf dasjenige hingewiesen haben, was als Früchte und als Blüten wissenschaftlichen Strebens heute hervortreten muß, damit wirkliche, ernste Einsicht in das Leben des Geistes begründet werde, so ernst, so würdig begründet, wie sich die von der Geisteswissenschaft durchaus nicht bekämpfte oder herabgesetzte, sondern gerade hochgeschätzte Naturwissenschaft in den letzten Jahrhunderten, und insbesondere bis in unsere Zeit herein, gestaltet hat.
Nicht um andere Wissenschaften zu bekämpfen oder irgendwie anzufechten, habe ich diese Vorträge gehalten, sondern um zu zeigen — wie ich schon in der Einleitung _ gesagt habe —, daß ich sie zu schätzen weiß, indem ich nicht bloß den Glauben habe, sie seien groß in dem, was sie schon sind, sondern den Glauben, sie seien auch groß in dem, was aus ihnen hervorwachsen kann. Ich glaube, daß es eine noch höhere Schätzung der naturwissenschaftlichen und auch der anderen Denkweisen der Gegenwart ist, wenn man nicht bloß glaubt, man müsse bei ihnen stehenbleiben, sondern den Glauben hegt: ein richtiges Einleben in das, was gut ist in den verschiedenen Wissenschaftsgebieten, ist nicht nur fähig zu irgendeiner logisch entwikkelten Weltanschauung, die dann doch nicht zu mehr kommt als zu dem, was in der Grundlage schon drinnen ist, sondern fähig, Lebendiges aus sich hervorzubringen. Und ein solches Lebendiges, nicht bloß ein Erschlossenes, will anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sein.
Aus der Fragenbeantwortung
nach dem Vortrag in Zürich, 14. November 1917
Frage: Wie erklärt der Herr Vortragende den Vorgang des Vergessens?
Nun, über diese Frage kann ja ganz kurz gesprochen werden. Der Vorgang des Vergessens beruht im wesentlichen darauf, daß jenem Vorgang, den ich als Parallelvorgang erwähnt habe für das Vorstellungbilden und auf dem die Erinnerung beruht, zugrunde liegt eine Aufstiegs- und eine Abstiegsphase des Geschehens. Ich könnte, um mich verständlicher zu machen, darauf hinweisen, daß zwar nicht derselbe Vorgang, wohl aber der Vorgang gewissermaßen vorgebildet in dem vorliegt, was Goethe das «Abklingen der Sinneswahrnehmungen» nennt. Dieses Abklingen der Sinneswahrnehmungen — wenn die Sinneswahrnehmung vorüber ist, klingt die Wirkung noch ab ist zwar nicht dasjenige, was dem Vergessen zugrunde liegt, aber man kann sich dadurch verständlich machen: sie ist gewissermaßen ein Vorbild für den ganzen Vorgang, der sich da abspielt, wobei ich ausdrücklich bemerke, daß ich unter diesem Vorgang nicht einen physiologischen, sondern einen zwar bis ins Physiologische sich hineinerstreckenden, aber doch geistig-physischen Vorgang verstehe. Das Genauere darüber können Sie in meinen Büchern finden. Aber das, was da als Vorgang sich abspielt, hat auch eine abklingende Phase, und die abklingende Phase liegt eben dem Vergessen zugrunde. Also wie die aufsteigende Phase dem Erinnern zugrunde liegt, so liegt die absteigende Phase dem Vergessen zugrunde. Der Vorgang des Vergessens ist nicht weiter, ich möchte sagen, wunderbar, wenn man die Erinnerungsanschauung hat, von der ich gesprochen habe.
Frage: Was bedeutet es, wenn ein Mensch nie träumt, respektive wenn ihm nie Träume ins Bewußtsein treten? Wie ist diese Erscheinung psychologisch und wie anthroposophisch zu deuten, das heißt, wie unterscheidet sich ein solcher Mensch geistig von anderen Menschen?
Die Tatsache, auf die hier gezeigt wird, ist eigentlich eine recht problematische. Denn es wird zwar leicht behauptet, daß man nie träume, aber das ist eigentlich nicht der Fall; sondern hier liegt nur eine gewisse Schwäche zunächst zugrunde gegenüber jenen unterbewußten Vorgängen, die dem Träumen zugrunde liegen, ein gewisser Schwächezustand, der nicht in der Lage ist, aus dem Unterbewußten das heraufzuholen, was aus diesem Unterbewußten heraus, wie ich mich bildlich ausgedrückt habe, gelesen werden soll. Träumen tut jeder Mensch. Aber wie andere Schwächezustände vorliegen, so liegen bei manchen Menschen solche Zustände vor, die es unmöglich machen, das Geträumte wirklich heraufzuholen und es dadurch ins Bewußtsein zu tragen. Man braucht diese Schwäche aber nicht in demselben Sinne als Schwäche aufzufassen wie, sagen wir, irgendeine organische Schwäche; denn diese Schwäche kann sehr leicht herbeigeführt werden durch einen geistigen Vorzug auf einem anderen Gebiete. Von Lessing wird zum Beispiel erzählt, daß er nie geträumt haben soll. Und bei ihm würde es darauf beruhen, daß er ein im eminentesten Sinne kritisch angelegter Kopf war, welcher dadurch, daß er seine Kräfte in einer so starken Weise, wie man das bei Lessing kennt, konzentriert und dadurch nach der einen Seite seines Wesens hin verwendet hat, sie dadurch geschwächt hat nach einer anderen Seite. Also man muß nicht über diese Schwäche in sehr schlimmem Sinne denken, auf die hier hingewiesen ist; sie kann zusammenhängen mit anderen Stärken des Menschen.
«Psychologisch» und «anthroposophisch» eine solche Sache zu deuten, ist ja natürlich für den Geisteswissenschafter ein und dasselbe. Man kann auch nicht einmal sagen, daß derjenige, der eine gewisse Schwäche hat, einen Traumvorgang ins Bewußtsein hereinzuholen, daß der zum Beispiel auch eine Schwäche haben müßte für die Vorgänge aus dem imaginativen Erkenntnisvermögen. Das braucht gar nicht einmal der Fall zu sein. Es kann jemand wenig Anlage haben zu dem, was man im gewöhnlichen Sinne das Träumen nennt,.und er kann dennoch — durch Anwendung der Vorgänge, die ich in meinen Büchern, namentlich in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» anführe, und die jeder bei sich anwenden kann -, er kann dennoch zu imaginativem und so weiter Bewußtsein kommen. Und dann kann sich herausstellen, daß, weil er nun seine Kräfte ganz besonders verwendet zum imaginativen, also vollbewußten Erkennen der geistigen Welt, zum Hineinschauen, sagen wir, wenn der Ausdruck nicht im abergläubischen Sinne genommen wird: zum hellsichtigen Hineinschauen in die geistige Welt, dann kann gerade dadurch erst recht das gewöhnliche Träumen unterdrückt werden, obwohl auch das Umgekehrte der Fall sein kann.
Ich kenne sehr viele Menschen, die die Übungen, die in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben sind, auf ihre Seele anwenden, und die das erleben, was dort auch beschrieben ist: eine Umwandlung des Traumeslebens. Das gewöhnliche Traumesleben enthält ja eigentlich nur Vages, währenddem es sich in einer merkwürdigen Art umwandelt unter dem Einfluß der erwachenden imaginativen Erkenntnis.
So deutet eigentlich die Unfähigkeit, Träume ins Bewußtsein zu holen, auf nichts anderes hin als eben auf eine partielle Schwäche der menschlichen Natur, die so aufzufassen ist, wie auf anderen Gebieten der eine auch starke Muskeln, der andere schwächere Muskeln hat. Es ist eben etwas, was in den Nuancen der menschlichen Ausbildung durchaus begründet ist.