Anthroposophy Has Something to Add to Modern Science
GA 73 — 18 October 1918, Zurich
Die Geschichte der Neuzeit im Lichte Geisteswissenschaftlicher Forschung
Indem ich heute einiges zu sprechen haben werde über den Verlauf der neueren geschichtlichen Entwickelung der Menschheit von dem Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft, so wie sie hier in diesen Vorträgen gemeint ist und war, werde ich genötigt sein, mancherlei vorauszusetzen von dem, was ich in den vorangegangenen Vorträgen gesagt habe. Nur das wird es hauptsächlich sein, was ich vorauszusetzen habe und was ich, da mir ja nur eine beschränkte Zeit zur Verfügung steht, insofern es heute seine Anwendung findet, nicht werde wiederholen können: daß diese Geisteswissenschaft in den Linien, wie das im ersten Vortrage versucht worden ist, erhärten kann, daß der Mensch strebend mit seinen Seelenkräften zur Anerkennung einer übersinnlichen Welt kommen muß, und daß durch eine gewisse Schulung dieser Seelenkräfte — so wie ich diese Schulung wenigstens prinzipiell charakterisiert habe - Einsicht in die Tatsachen dieser übersinnlichen Welt für den Menschen auch zu gewinnen ist.
Nun handelt es sich darum, gerade diese Fundamentalwahrheiten anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft anzuwenden auf eines der allerbedeutsamsten Gebiete des menschlichen Erlebens, auf das geschichtliche Gebiet, und ich muß mich natürlich beschränken auf dasjenige, was uns zunächstliegt, auf die geschichtliche Entwickelung der neueren Menschheit. Geschichte, wenn man nicht tiefer eindringt in die Kulturentwickelung der Menschheit, hält man für eine sehr alte Wissenschaft. Allein in Wahrheit ist aus Anfängen, die man keineswegs schon Geschichte nennen kann, Geschichte eigentlich erst erblüht kaum vor der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Und in dem Sinne, wie wir heute gewöhnt sind, schon von der Schule her Geschichte aufzufassen: daß durch Geschichte gesucht werden die Entwickelungsgesetze der Menschheit im Laufe der Zeit, in diesem Sinne ist Geschichte eigentlich erst ein Kind des 19. Jahrhunderts.
Hervorgegangen ist diese geschichtliche Wissenschaft aus den Interessen, die der Mensch ja immer an anderen Menschen und ihren Schicksalen genommen hat, insofern diese anderen Menschen und die Schicksale dieser anderen Menschen zusammenhängen im Umkreise des Erlebens mit dem eigenen Leben. Man kann sagen, es ist eine gerade Linie von der Familienchronik, durch die jemand, der etwas erfahren will über das Volk, über die Heimat, mit denen man zusammenhängt und endlich mit jenen Bestrebungen, durch die man die Entwickelungsgesetze der ganzen Menschheit erkennen will. Und bedeutsam ist es, daß die geschichtliche Betrachtung, die sonst immer in den genannten engeren Kreisen verlief, auf die ganze Menschheit erweitert wird. Erst in der neueren Zeit, die wir hier geschichtlich betrachten wollen, erstand aus mehr oder weniger enger begrenzten Interessen der Menschheit das ganz allgemein-menschliche Interesse an der Gesamtentwickelung der Menschheit der Erde.
Schon daraus kann ersehen werden von dem, der dies ersehen will, daß das reine Interesse des Menschen am Menschen als solchem im Grunde genommen jungen Datums ist. Nun handelt es sich darum, daß gerade, weil Geschichte aus dem Interesse des Menschen am Menschen entspringt, eine Klippe gegeben ist, wenn die Geschichte sich erheben will zur Erkenntnis des gesetzmäßigen Zusammenhanges der menschlichen Entwickelung. Denn dadurch wird die Geschichte sehr leicht hineingeführt in einen Abgrund, der mehr oder weniger zu irgendeiner Zeit jeder wissenschaftlichen Betrachtung gedroht hat, der fast ganz. überwunden ist in der neueren Zeit von der naturwissenschaftlichen Betrachtung, der aber oftmals ganz unbewußt bei den Menschen in die geschichtliche Betrachtung leicht hineinspielt: es ist der Gesichtspunkt, den man nennen kann den anthropomorphistischen, der dadurch entsteht, daß man dasjenige, was man im Menschen selber findet, nun hineinträgt in die Welt und ihre Erscheinungen, die sich darbieten. Das Nächstliegende ist ja das, was von der Naturwissenschaft glücklich überwunden ist, daß der Mensch sieht, wenn er irgend etwas vollbringt, dann handelt er nach Zwecken, nach Zielen. Dadurch ist der Mensch geneigt, auch dasjenige, was draußen in der Natur geschieht, und das, was im Verlauf der geschichtlichen Entwickelung geschieht, so zu betrachten, als ob zweckvolles Handeln in demselben Sinne darinnen zu suchen wäre, wie man das im Inneren des Menschen, also an sich selbst findet.
Die Naturwissenschaft ist gerade dadurch in dem neueren Sinne groß geworden, daß sie diese Zweckmäßigkeitslehre ausschaltet, auch daß sie versucht, wenigstens nicht anthropomorphistisch zu sein, obwohl sie es in vielen Beziehungen unbewußt ist. Goethe sagte mit Recht: Der Mensch weiß gar nicht, wie anthropomorphistisch er ist. — Aber bei der Geschichte liegt noch ganz besonders die Verführung und Versuchung nahe, dasjenige, was man in sich selber findet, weil man ja das Menschliche betrachten will, auch draußen im Verlauf des geschichtlichen Werdens zu schauen. Und man kommt über diese Klippe, die mehr oder weniger bei den strebsamsten Denkern der neueren Zeit vorhanden war, wenn sie eine Art Philosophie der Geschichte begründen wollten, man kommt im Grunde genommen nur darüber hinaus, wenn man in der Betrachtung des Menschen selber schon über jene engen Grenzen der menschlichen Natur hinauskommt, welche charakterisiert sind dadurch, daß der Mensch nach dem unmittelbar Subjektiven, das heißt, nach den Zwecken handelt, die ihm in seinem Seelenleben zwischen Geburt und Tod möglich sind.
Überwindet man so, wie das in den vorhergehenden Tagen charakterisiert worden ist, diese rein sinnenfällige Natur des Menschen und das an diese gebundene Seelenleben zwischen Geburt und Tod dadurch, daß man sich zum übersinnlichen Menschen erhebt, dann kann man dasjenige, was sich durch übersinnliche Betrachtung des Menschen ergibt, hinausführen in das geschichtliche Werden. Denn indem der Mensch aufsteigend zu seinem übersinnlichen Wesen über sich selbst hinauskommt, wird er auch in der geschichtlichen Betrachtung nicht mehr anthropomorphistisch sein können, weil er es ja in der Betrachtung seines eigenen Wesens nicht mehr ist. So wird man schon, indem man sich anstrengt, eine gewisse Klippe der Weltbetrachtung zu vermeiden, hinausgeführt in das Übersinnliche.
Wenn man dann, ausgerüstet in seinem Erkennen mit denjenigen Kräften, die in die übersinnliche Welt hineinführen, an das geschichtliche Werden herandringt, dann erscheinen einem rein durch die übersinnlichen Anschauungen die Tatsachen des geschichtlichen Lebens in einem völlig neuen Lichte. Dann frägt man sich in diesem neuen Lichte: Ja, wie ist es denn eigentlich? Haben gewisse Tatsachen, die die Geschichte verzeichnet, die wir in unseren gebräuchlichen Geschichtsdarstellungen finden, haben sie wirklich eine solch nahe Beziehung zum Menschen, wie es ihnen oftmals zugeschrieben wird, wenn man meint, der Mensch sei so, wie er dasteht, ein Produkt des geschichtlichen Werdens, ein Produkt der Vergangenheit? — Wirft man aber diese Fragen nur auf im Lichte der übersinnlichen Erkenntnis, so sieht man sehr bald, wenn man den Blick auf die Ereignisse der Geschichte hinlenkt, wie wenig eigentlich mit dem, was zum Beispiel die Menschen in der Gegenwart in sich finden, was sie an Impulsen ihres Lebensablaufes finden, wie wenig die Menschen sagen können: Das oder jenes hängt zusammen mit diesem oder jenem historischen Ereignis der Vergangenheit. -— Geradeso wie die Naturwissenschaft, wenn man sie konsequent verfolgt, über sich selbst hinausführt, so kommt man durch die geschichtliche Betrachtung dazu, sich sagen zu müssen: Die historischen Ereignisse fallen in einem gewissen Sinn auseinander. Man kann nicht im gewöhnlichen Sinn nur von Ursache und Wirkung sprechen und die Gegenwart nur wie eine Wirkung der Vergangenheit betrachten, insofern diese dasjenige enthält, was im Sinnenfälligen gefunden werden kann. Man kommt erst dann zu einer geschichtlichen Betrachtung, wenn man den Menschen anknüpft an das Übersinnliche und in den geschichtlichen Tatsachen selbst nicht das sucht, als was sie sich zunächst äußerlich darbieten, sondern wenn man in ihnen dasjenige sucht, was einem zunächst nur geoffenbart wird: einen übersinnlichen Vorgang im Weltgeschehen, in das die Menschen eingeflochten sind.
Dann aber wird die Geschichte etwas anderes als die Betrachtung der aufeinanderfolgenden Tatsachen; dann wird die Geschichte das, was ich nennen möchte eine Symptomatologie. Dann betrachtet man die einzelnen Tatsachen nicht so, wie sie sich einfach darstellen im sinnlichen Leben, sondern dann betrachtet man sie als Symptome, durch die man eindringt in ein hinter ihnen selbst liegendes übersinnliches, übergeschichtliches Geschehen. Dann wird man auch nicht mehr in derselben Weise nach einer unbedingten Vollständigkeit streben können, die ja ohnedies nicht zu erreichen ist — wer das geschichtliche Material auf irgendeinem Gebiete bearbeitet hat, weiß das —, sondern man wird versuchen, durch die aufzufindenden Tatsachen, die man als Symptome betrachtet, einzudringen in dasjenige, was hinter diesen Symptomen als große geistige Zusammenhänge verborgen ist.
So wird die Geschichte, wenn sie befruchtet werden wird von Geisteswissenschaft, den Weg nehmen aus einer reinen Tatsachenwissenschaft zu einer Symptomatologie. Und in dem Sinne, den ich hier meine, möchte ich Ihren Blick lenken auf wenigstens einige bedeutendere Erscheinungen in der Entwickelung der neueren Menschheit, um zu zeigen, wie der ganze Gang der neueren Geschichte sich darstellt, wenn man versucht, durch Tatsachen hinter die Tatsachen zu kommen.
Wenn man einen solchen Weg einschlägt, dann sieht man sich sehr bald gedrängt, abzukommen von jener Einteilung, die wir von der Schule her gewöhnt sind: daß wir die neuere Geschichte beginnen mit allerlei Betrachtungen über die Entdeckungsreisen und über die Bedeutung der Entdeckung Amerikas oder über Erfindungen und dergleichen. Man fühlt sich vielmehr gedrängt zu fragen: Wo ist ein Punkt - wenn wir bei der Gegenwart anfangen und nach rückwärts das geschichtliche Werden betrachten -, wo im Verlauf der Entwickelung der Menschheit wirklich eine Wendung eintritt, wo neue Lebensformen, neue Lebensverhältnisse eintreten?
Man hat in einer bequemen Weltanschauungsbetrachtung sehr häufig das Bestreben, sich zu sagen, die Dinge verlaufen einfach so, daß sukzessive das Folgende aus dem Früheren hervorgeht und daß nirgends bedeutende Umschwünge, bedeutende Wendungen stattfinden. Man hat sich ja sogar den bequemen Spruch geprägt: In der Natur fände nirgends ein Sprung statt. — Aber man sehe nur hin auf die Natur, wie da Sprünge stattfinden! Die Pflanze entwickelt zuerst die grünen Laubblätter, verwandelt sie dann in die farbigen Blumenblätter — ein Sprung. Und solche Sprünge sind überall in der Natur vorhanden, trotzdem sie einem gebräuchlichen, bequemen Vorurteil des Menschen widersprechen.
Und in der Tat, schon eine oberflächliche Betrachtung zeigt, daß in der Welt, die uns zunächst naheliegt, in der europäischen Welt, mit dem 15. Jahrhundert eine Änderung in allen Lebensformen eintritt. Dasjenige, was früher insbesondere die Menschheit charakterisiert hat, wie sie in ihrer Seelenverfassung war, wie sie diese Seelenverfassung umgesetzt hat in äußere geschichtliche Taten, das wird anders im is. Jahrhundert. Und wir können geradezu wie auf einen Markstein wiederum vom Standpunkte der Symptomatologie auf eine etwas weiter zurückliegende Tatsache hinweisen, die ein wichtiger Wendepunkt im geschichtlichen Leben der neueren Menschheit ist: das ist der Zwang, der von Frankreich auf das Papsttum im Jahre 1303 ausgeübt wurde, als der Papst gezwungen wurde, seine Residenz von Rom nach Avignon zu verlegen. Zeitlich fällt diese Tatsache ja fast ganz zusammen mit der anderen, daß der Tempelherrenorden, diese eigentümliche, wiederum in einem eigentümlichen Verhältnis zur Kirche stehende Gemeinschaft, von der französischen Regierung vernichtet und ihrer Güter beraubt wird.
Diese Ereignisse sind deshalb Wendepunkte in der neueren Entwickelung der Menschheit, weil sie zeigen, daß gegen etwas angekämpft wird, was über die ganze zivilisierte Welt der damaligen Zeit hin durch Jahrhunderte das Eigentümliche war. Das Eigentümliche war das, was. sich ausdrückte in jenen merkwürdigen Kämpfen und dadurch auch hervorgerufenen gegenseitigen Unterstützung, welche zwischen dem mitteleuropäischen Kaisertum und dem Papsttum stattfanden. Aber alle diese Kämpfe stehen in dem Lichte einer ganz bestimmten Tatsache. Die Menschen über die zivilisierte Welt hin sind nicht wie in der folgenden Zeit abgeteilt nach Gruppen, wie etwa nationale Gruppen oder dergleichen, ohne daß jede solche Abteilung überglänzt und überragt wird von einem Gemeinsamen, das sich nur ausdrücken läßt durch eine die Menschheit beherrschende Universalidee, die auf das Handeln der Menschen übergreift, die ausgeht auf der einen Seite von dem römischen Papsttum, das sich gewissermaßen als der Zusammenfasser der Menschheit fühlt. Ebenfalls universell, nur oftmals im Kampfe gegen diese Universalgemeinschaft, war dann das mittelalterliche Kaisertum.
Nun, gegen diese Art der Zusammenfassung der Menschheit richtet sich dasjenige, was hineinfällt in den Wendepunkt, den ich bezeichnet habe. Eine solche Zusammenfassung, wie sie durch das Mittelalter hindurch bestanden hat, in der die Menschen sich in einem großen Ganzen fühlten, eine solche Zusammenfassung war gebaut durch die Jahrhunderte hindurch auf gewisse unbewußte, im Menscheninneren liegende Impulse, die man kannte da, wo die Führung war, auf die man baute, indem man die Menschen zusammenfaßte. Eine gewisse Summe unbewußter Kräfte der Seele wurde angesprochen, wenn man die Menschheit unter den charakterisierten Gesichtspunkten zusammenfaßte, insofern sie damals über die zivilisierte Welt ausgebreitet war. Breschen, wahrnehmbare Breschen waren durch das Ereignis von Avignon geschlagen worden in die Art der Zusammenfassung. Damit ahnen wir schon, daß gerade dadurch in die Konstitution, in die Seelenverfassung der abendländischen Menschheit ein neues Element hineingetragen werden muß.
Und nun sehen wir, wie dasjenige, was da im europäischen Westen wirkt, schon seit langer Zeit beeinträchtigt wird durch ein Ereignis, das wie naturhaft vom Osten hereinbricht. Ich brauche nur zu nennen alles dasjenige, was mit den Mongolenstürmen beginnt, und was sich dann anschließt an Wanderungen der Menschen vom Osten nach dem Westen, von Asien nach Europa herüber. Das gibt beides Wendepunkte, gibt für das anbrechende 135. Jahrhundert Europa und seinen Menschen die Struktur ihres Zusammenlebens. Und diese Struktur wird trotz aller Versuche, das Alte zu bewahren, eine andere, als sie früher war, als sie auf unbewußte Impulse rechnete. Die Menschheit sieht sich genötigt, immer mehr und mehr zur Bewußtheit überzugehen auch auf denjenigen Gebieten, in denen sie früher sich zusammenfassen ließ aus unbewußten Impulsen heraus.
Und nun sehen wir unter diesen Wendungen im Westen von Europa sich etwas höchst Bedeutungsvolles vollziehen, gerade in Gebieten, in denen Menschen wohnten, die bis dahin gewohnt waren, mehr oder weniger, aber sehr bedeutsam ihre Zusammenfassung zu finden unter jener Universalidee, unter jenem Universalimpuls, den ich charakterisiert habe. In diesen Gebieten sehen wir, wie etwas völlig Neues auftritt: wie das nationale Element als zusammenfassendes Element an die Stelle des alten, mehr geistigen Elementes der katholischen Kirche tritt. Wir sehen sich entwickeln als Nationalstaaten, geradezu als die Muster der neueren Nationalstaaten, England und Frankreich.
Versuchen wir zunächst hinzublicken auf die Art und Weise, wie das neue Element hineingetragen wird gerade in diese Gebiete des europäischen Westens. Wir finden zuerst sogar eine Zusammengehörigkeit bis ins 15. Jahrhundert hinein, bis jene Bewegung auftritt, die wir wiederum charakterisieren können durch einen Wendepunkt, den Wendepunkt 1428, wo die Scheidewand gezogen wird nach einer gewissen Richtung zwischen England und Frankreich, was sich ausdrückt in den Ereignissen, die sich gruppieren um die Jungfrau von Orleans. Es wird damals der Keim der Unabhängigkeit Frankreichs und Englands voneinander gelegt, während sie vorher mehr oder weniger in einem Zusammenhange gestanden haben. Dies ist eine ungeheuer bedeutungsvolle Erscheinung. Denn wir werden hervorwachsen sehen aus dieser Differenzierung, die erst damals, im 15. Jahrhundert, eingetreten ist, vieles, was sich wiederum symptomatisch im späteren Entwickelungsgange der Menschheit abspielt.
Eine weitere Wendung sehen wir eintreten, indem sich in Italien, damals vorbereitend ein selbständiges italienisches Bewußtsein, wiederum eine Art Nationalbewußstsein, heraus sich entwickelt aus dem, was gerade in Italien die alle solche nationalen und ähnlichen Gruppierungen überschattende Papstmacht hervorgebracht hat. Und wir sehen weiter, indem wir den Blick über Europa hinschweifen lassen - ich kann alle diese Dinge nur andeuten -, wie wir uns der Zeit nähern, in welcher in Mitteleuropa eine große Auseinandersetzung stattfindet zwischen den Mittel- und den mehr oder weniger nach dem Osten gelegenen Gebieten, zwischen Germanentum und Slawentum. Wir sehen hervorsprießen aus den Kämpfen dieser Gebiete, aus dem anstürmenden Slawentum, aus der Vermischung des Slawentums mit dem Germanentum, die habsburgische Macht. Wir sehen, indem wir das alles überblicken, wie einzelne Zentren herauswachsen aus dem Leben, das dadurch bestimmt ist. Wir sehen weiter recht individuelle Gebilde, die früher nicht in einer solchen Weise sich aus den Universalimpulsen herausgehoben haben, mit ihrer eigenen Gesinnung, mit ihrem eigenen Wollen nicht herausgehoben haben: wir sehen vom i3. bis i5. Jahrhundert erblühen die Städtekulturen über die ganze damalige abendländische zivilisierte Welt hin.
Und wiederum sehen wir, nachdem sich die nationalen Aspirationen in Frankreich und in England differenziert haben, wie sich in England aus langdauernden Bürgerkriegen heraus dasjenige vorbereitete, was dann die Welt kennenlernt als den Parlamentarismus, als das Ziel einer solchen sozialen Struktur, die aus einer gegenseitigen Verständigung der einzelnen Menschen hervorgegangen ist.
Damit haben wir nicht alle, aber einzelne Symptome des neueren geschichtlichen Werdens vor unsere Seelen hingestellt. Ich habe nur hinzuzufügen, daß wir sehen, indem sich über Europa hin die Gruppierungen bildeten, die aus diesem Impulse herausgekommen sind, wie im Hintergrunde stehend, im Osten sich aufbauend, noch keimhaft, aus den Stürmen, aus denen es sich schon einmal herausbilden mußte, dasjenige, was dann das russische Gebilde wurde. Ein merkwürdiges Gebilde, von Europa aus gesehen sich so bildend, daß es der Empfindung nach immer ein Rätsel bleibt, daß die wichtigsten Impulse, die innerhalb dieses Gebildes leben, nicht eigentlich empfunden werden, zusammengeschweißt, möchte ich sagen, aus dem, was sich erhalten hat durch mancherlei Wanderungen hindurch: durch Byzanz hindurch, aus einer gewissen Metamorphose des katholischen Lebens; was sich gebildet hat aus dem, was durch das Blut, das zusammengeflossen ist aus Slawentum und Normannentum, hervorgesprossen ist, und was aufgenommen hat auf den Wegen, die Ihnen ja bekannt genug sind, vieles von dem, was Seelenverfassung des asiatischen Wesens ist, jene Seelenverfassung — ich meine jetzt die besten Teile dieser asiatischen Seelenverfassung —, die durch Jahrtausende hindurch sich hinweggerichtet hat von dem unmittelbar Sinnenfälligen zu großen mystischen Zusammenhängen, durch die man eindringen wollte in eine übersinnliche Welt, mit der zusammenhängt das sinnliche Leben der Menschen.
Nun, indem man solche und vielleicht noch manche andere Symptome der neueren Menschheitsentwickelung vor seine Seele treten läßt und sie nun wirklich unter dem Einflusse der erwähnten Fragestellung betrachtet, fällt einem ganz bedeutsam ein Charakteristisches auf, das sich in diesen Symptomen offenbart und das man erkennen lernt, wenn man sich frägt: Wie unterscheidet sich innerlich dasjenige, was sich in diesen Symptomen ausdrückt, von demjenigen, was in früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden in ähnlicher Weise im geschichtlichen Werden der Menschheit, das mehr in das Unbewußte eingetaucht war, sich auslebte? — Man muß diese Dinge durchaus ohne Sympathie und Antipathie betrachten, in völlig objektiver Weise; dann erst kommt man auf dasjenige, was für die Erscheinungen auf diesem Gebiete charakteristisch ist.
Merkwürdig, wenn man sich frägt: Was haben alle diese Symptome, die da zum Beispiel heute von mir notifiziert worden sind, was haben sie Gemeinschaftliches, verglichen mit früheren Impulsen, die in die weltgeschichtliche Entwickelung eingetreten sind? — Ich will gar nicht reden von jener Fruchtbarkeit, mit der zum Beispiel das Christentum in positiver Weise in die Welt eingetreten ist und für die Seele Neues geschaffen hat. Ich will gar nicht von dieser Weise reden, ich will nur reden von solchen Impulsen, wie sie zum Beispiel oftmals gegeben worden sind im alten griechischen Leben, wo einfach ein neuer, wie aus dem Innersten der Menschennatur heraus produzierter Impuls gegeben wurde, der dann sich auslebte in einer ganz neuen Konfiguration der Tatsachen, oder wie er gegeben wurde, sagen wir, dem römischen Wesen im Augusteischen Zeitalter. Solche Impulse sind das alles nicht, die jetzt da auftreten. Wir sehen als hervorragendsten Impuls zum Beispiel den nationalen, der sich gründet nicht auf die Nationszusammengehörigkeit — wie man es heute vielfach identifiziert sieht als Staatszusammengehörigkeit aufgefaßt -, sondern der sich gründet auf das Nationale, insofern es sich auf natürlichen Untergründen der menschlichen Natur aufbaut. Wir sehen ihn als einen Impuls, der vom Menschen aufgenommen wird, ohne daß er ihn von innen heraus produziert. Der Mensch ist Franzose oder Engländer durch seine Natur. Und indem er sich, schaffend die geschichtliche Konfiguration, auf seine Nationalität bezieht, bezieht er sich nicht auf etwas, das er in seinem Geiste produziert, sondern er bezieht sich auf etwas, das er in seinem Geiste bloß von außen aufnimmt.
Vergleicht man das, was da in das geschichtliche Werden mit dem nationalen Prinzip eintritt, mit den früheren Impulsen, dann kommt man darauf, wie unendlich viel näherliegend in bezug auf das Produktive der Menschennatur alle die Impulse sind, die wir aufeinanderfolgend in der Griechenzeit, in der römisch-lateinischen Zeit in die Menschheit hineindringen sehen. Dasjenige aber, was da eingedrungen ist, das wird behalten, das wird konserviert. Und insofern man zu einem Neuen greift, nimmt man etwas, was man nicht selbst produziert, in der neueren Entwickelung auf, etwas, was von außen an den Menschen herantritt.
Nachdem wir uns erst an dem mehr äußeren Gang der neueren europäischen Geschichte zu orientieren versuchten, versuchen wir nun in ihr Inneres einzudringen. Da sehen wir ein ganz ähnliches Anstürmen im Inneren der Seelenverfassung gegen dasjenige, was als Universalimpuls, der auf das Unbewußte rechnete, von alters her gebracht worden ist. Wir sehen, wie im i5. Jahrhundert us, schon vorher Wiclif, wir sehen, wie dann Luther, später Calvin anstürmen. Wir sehen etwas, das viel mehr als alles Frühere, das universeller gedacht war, die Menschen geben wollen, hineintragen wollen in die Geschichte, das individuell ist, das unmittelbar aus der menschlichen Natur selber quillt. Aber auch dabei sehen wir merkwürdigerweise, wie alles dasjenige, was diskutiert wird, anknüpft an das Frühere. Dasjenige, was neu ist, ist die Hinweisung des Menschen auf seine eigene Natur: Entscheide selbst über die Natur des Abendmahls. Entscheide selbst, wie du dich zu deinem Priester stellen willst, laß dir das nicht durch einen Universalimpuls von außen aufdrängen.
Wenn man aber eingeht auf das, worüber diskutiert wird, so ist es dasjenige, was früher in die Menschheit hineinproduziert worden ist, was als Abendmahlslehre schon da war, was seit Jahrhunderten schon da war in der Geschichte oder im menschlichen Leben überhaupt. Es wird nicht in der gleichen Weise wie früher aus der Seele heraus ein Neues produziert und dem geschichtlichen Leben übergeben, sondern es wird das Alte produziert und konserviert, all das, was da ist, ohne daß der Mensch etwas dazu tut, und es wird nur der Mensch in ein neues Verhältnis dazu gebracht.
Gerade wenn man diesen innerlichen Gang der europäischen Entwickelung verfolgt, sieht man, wie er unendlich viel Altes zerreißt, Altes ändert, metamorphosiert, wie er anstürmt gegen den früher herrschenden Universalimpuls. Das sieht man ganz genau an der Art und Weise, wie das Rittertum zerstiebt, das verbunden war in seiner ganzen inneren Verfassung, Seelenverfassung — man braucht nur die Kreuzzüge zu studieren —, mit dem Universalimpuls. Wiederum können wir da auf einen Wendepunkt hinweisen, der für alles andere, was geschieht, orientierend ist: auf die Schlacht bei Murten von 1476, gegen das Ende des i5. Jahrhunderts, wo ein solcher Kampf gegen das mit dem Universalimpuls verbundene Rittertum geführt wird, wie er aber an vielen Orten, hier repräsentativ, geführt wurde.
Und mit alldem verbunden, finden wir eine Änderung im Kirchenregiment selber. Dieses Kirchenregiment hat ja eine merkwürdige Gestalt angenommen, die Sie in jeder Geschichte charakterisiert finden können. In dieser Zeit, durch den Ansturm, fühlte es sich zu einer inneren Regeneration, zu einem inneren Verbessern veranlaßt; und so hat denn eigentlich der Ansturm die Kirche veranlaßt, selber in ihrem Schoße manches zu ändern. Aber überall sehen wir, wie dasjenige, was die Kirche heraufgehoben hat in die Menschheitsentwickelung, was sie in Form eines Universalimpulses verbreitet hat, wie das in ein neues Verhältnis zu jedem einzelnen Menschen gestellt werden soll. Wir sehen es über ganz Europa hin. Wir sehen es, wie die englische Kirche sich verselbständigt. Wir sehen es, wie in Mitteleuropa die Verselbständigung sich verbindet mit den politischen Mächten. Wir sehen überall, wie die Individualität, wie das Persönliche anstürmt gegen das Universelle, mit anderen Worten, wie dasjenige, was der Mensch im Bewußtsein sich erobern will, anstürmt gegen die frühere, mehr unbewußte oder unterbewußte Seelennatur des Menschen und was geschichtlich aus ihr folgte.
Natürlich erhoben sich gegen solche Dinge auch die Gegenkräfte, gegen die Reformation die Gegenreformation. Aber an den Kämpfen, die das hervorrief, zeigt sich uns gleich, wenn wir Symptomatologie treiben, etwas Allerwichtigstes in bezug auf den Verlauf der neueren Geschichte. Wir sehen heraufkommen aus alledem, was geschehen ist im Zusammenhange mit den charakterisierten Symptomen, den Dreißigjährigen Krieg. Wenn wir den Dreißigjährigen Krieg studieren, kommen wir zu einem merkwürdigen Resultat. Entsprungen ist er aus den Gegensätzen, die sich in der Bekennerschaft der europäischen Menschheit herausgebildet hat. Er beginnt aus lauter solchen Impulsen heraus, welche mit den Religionskämpfen zusammenhängen, und er endet als eine rein politische Erscheinung. In seinem Verlauf wird er etwas ganz anderes, als er war in seinem Ausgangspunkt. Und wenn wir uns fragen, als er nach dreißig Jahren vorüber ist: Wie stellt sich uns der Verlauf dar in bezug auf dasjenige, was die Bekennerschaften der europäischen Menschheit sind? - steht man 1648 ganz genau auf demselben Standpunkt, auf dem man 1618 gestanden hat. Die ganzen dreißig Jahre haben in bezug auf das Verhältnis von Protestanten zu Katholiken und so weiter eigentlich nichts Wesentliches geändert. Da ist alles geblieben, wie es ist. Nur, im Verlauf des Krieges haben ganz andere Mächte eingegriffen, und daraus ist eine ganz andere Konfiguration der europäischen Völkergebilde geworden.
Gerade wer den Dreißigjährigen Krieg in dieser Weise studiert, der überzeugt sich eindringlich, wie man in der Geschichte nicht das Folgende als Wirkung an das Vorhergehende als Ursache anknüpfen kann, denn nichts war von dem, was aus dem Dreißigjährigen Krieg hervorgegangen ist, irgendwie als Wirkung im echten Sinne zusammenhängend mit dem, was man im echten Sinne als Ursache ansprechen kann. Verfolgt man den Verlauf, so sieht man, wie dasjenige, was äußerlich geschehen ist, nur ein Symptom für ein tieferes Geschehen sein kann. Gerade an diesem Dreißigjährigen Krieg zeigt sich das in einer ganz besonderen Weise. Aber, was ist geschehen? Gerade die Weststaaten rücken vor, und namentlich Frankreich durch dasjenige, was im Dreißigjährigen Krieg, nicht aus seinen Ursachen, sondern in seinem Verlauf entstanden ist. Dasjenige, was aus dem Dreißigjährigen Krieg hervorgegangen ist, das führte später dann zu dem großen königlichen Glanze von Frankreich. Wir sehen die königliche Macht Frankreichs Europa überstrahlen in der folgenden Zeit.
Und wiederum, in dem Schoße desjenigen, was da sich herausbildet, was fortpflanzt den alten nationalen Impuls, gerade im eminentesten Sinne fortpflanzt, in dem erwächst etwas, was weit über das bloße Nationale hinausgeht, was gewissermaßen das Nationale sprengt. Es erwächst dasjenige, was später sich auslebt in der Französischen Revolution: die Persönlichkeit. Die rein auf sich selbst gestellte menschliche Persönlichkeit will sich emanzipieren aus dem Zwange derjenigen Gemeinschaft, die nun auch nicht aus irgendeinem produktiven Impuls genommen ist, sondern die aus der Natur, aus der menschlichen Umgebung heraus von der menschlichen Seelenverfassung aufgenommen worden ist. Und wiederum sehen wir, wenn wir hinblicken auf das, was sich symptomatisch vollzieht, wie dann herauswächst, ganz unorganisch, könnte man sagen, ohne daß irgendeine Motivierung da ist, Napoleon, wie der Testamentsvollstrecker der Französischen Revolution.
Aber wir sehen zu gleicher Zeit wiederum einen merkwürdigen, einen großen, gewaltigen Wendepunkt eintreten. Und dieser bedeutsame Wendepunkt der neueren Geschichte fällt auf den 21. Oktober 1805, wo durch die Schlacht von Trafalgar Napoleon verhindert wird, seine Fangarme nach England hinüber auszustrecken, wo dasjenige, was früher keimhaft veranlagt war — die Trennung zwischen England und dem Kontinente -, vollständig vollzogen wird.
Und nun brauchen wir nur das allgemein Bekannte rasch vor unserer Seele vorüberziehen lassen. Wir finden, wie nun stattfindet in dem verselbständigten England gerade die Fortbildung des parlamentarischen, ins Liberale auslaufenden Lebens. Wir finden, wie in Frankreich der Verlauf im 19. Jahrhundert mehr tumultuarisch ist. Wir finden aber dann, wie auftaucht in einer neuen Gestalt, hinleuchtend symptomatisch über dasjenige, was eigentlich in den Grundfesten des europäischen Werdens geschieht, wie der europäische Westen und die europäische Mitte ihre Auseinandersetzung halten müssen in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts mit demjenigen, was eben wie ein dunkles Rätsel im europäischen Osten ist, mit demjenigen, was als russisches Gebilde entstanden ist, was wie eine Frage steht vor dem europäischen Werden. Wir sehen dann, wie gewisse Ideen im 19. Jahrhundert erstarken, wie sie bekämpft werden von anderen Ideen und wie die einen und die anderen Begriffe zu Impulsen des geschichtlichen Werdens werden. Wir sehen, wie im 19. Jahrhundert überall sich vorbereitet das, was dann im Jahre 1848 sich entlädt. Und wir sehen, wie sich herausentwickelt aus alldem die spätere umfassende und heute so tief in das menschliche Werden einschneidende sogenannte soziale Bewegung. Wir sehen unter dem, was da im 19. Jahrhundert sich bildet, ein ganz merkwürdiges Ereignis, auf das die europäische Menschheit wirklich tief beobachtend hinschauen konnte. Wir sehen nämlich entstehen aus jenem Glanze, der sich durch das Nationalwerden des französischen Staates entwickelt hat, eine Art Anspruch, weiter und weiter gehen.
Gewertet soll nicht werden; nicht mit Sympathie oder Antipathie sollen diese Dinge verfolgt werden, sondern ganz objektiv. Aber wir sehen, wie sich durch den Zusammenhang desjenigen, was da im Westen entsteht, mit dem, was weiter nach Osten läuft, etwas entwickelt, was von den Einsichtigen in der Zeit, in der es geschehen ist — ganz gleichgültig, wie sie sich zu dem, ob es hat geschehen sollen oder nicht, gestellt haben —, als ein unlösbares, zunächst unlösbares europäisches Problem angesehen worden ist. Man kann dabei sogar ganz absehen, ob Elsaß vorher bei Frankreich war oder nachher bei Deutschland — aus dem europäischen Leben heraus entwickelt sich dasjenige, was man heute kennt als die elsässische Frage.
Wer die Geschichte, namentlich die Äußerungen einsichtiger Menschen der damaligen Zeit verfolgt, weiß, daß diese Menschen schon damals vor sich sahen Konflikte, die dadurch geschaffen wurden, und die nach der einen wie nach der anderen Seite recht unlösbar sind, weil sie zusammenhängen mit all den schwierigen Fragen des europäischen Ostens, die aufgeworfen waren dadurch, daß der europäische Westen — wie der Krim-Krieg symptomatisch gezeigt hat — in die Auseinandersetzung gezwungen war mit dem europäischen Osten, der wie ein Rätsel hinter allen Erscheinungen stand. Und man sollte es eigentlich als etwas außerordentlich Bedeutsames ansehen und fühlen, insbesondere in diesen Tagen, wie etwas wie Unlösbares gegeben ist in der Art und Weise, wie sich Mitteleuropa stellen muß zu Westeuropa wegen einer Frage, die nach gewissen geschichtlichen Voraussetzungen in der Weise und in der anderen Weise gelöst gefordert werden kann, eine Frage, die entsprungen ist aus dem, was in Frankreich als nationaler Impuls sich herausgebildet hat, die aber, wenn man sie national lösen will, nicht gelöst werden kann.
Ich könnte noch vieles anführen an Symptomen der neueren Geschichte, aber ich will nur dasjenige noch anführen, was tief eingreift in das ganze Werden der neueren Menschheit, ich will anführen, obwohl man die Zusammenhänge nicht immer klar übersieht, das Heraufkommen der neueren naturwissenschaftlichen Denkweise, deren Bedeutung ich ja von anderen Gesichtspunkten in den vorangegangenen Vorträgen charakterisiert habe. Die naturwissenschaftliche Denkweise kommt herauf. Was tut sie? Sie stellt den Menschen auf sich selbst. Sie ist es gerade, die den Menschen als Persönlichkeit heraussondert aus der Gemeinschaft. Sie ist in vieler Beziehung der Impuls, der treibend ist auch in all dem anderen, das ich angeführt habe. In dieser naturwissenschaftlichen Denkweise liegt etwas, das sonderbar verrät, welche Bedeutung sie in der neueren Geschichte hat.
Zweierlei Probleme entstehen. Das eine möchte ich durch eine Tatsache Ihrem Gemüte nahebringen. Es ist diese Tatsache, daß Goethe 1830 einmal von einem Freunde in heller Aufregung gefunden wurde, und als er gefragt wurde, was er habe, sagte er: Die Nachrichten, die aus Frankreich kommen, sind überwältigend, die Welt steht in Flammen, etwas Neues spinnt sich an. — Soret, zu dem Goethe das gesagt hatte, glaubte natürlich, Goethe spreche von der eben damals ausgebrochenen Dreißigerrevolution. Nein, von dem ist nicht die Rede, sagte Goethe, ich spreche von jener Revolution, welche sich abspielt zwischen den beiden Naturforschern Cuvier und Geoffroy de Saint-Hilaire! — Cuvier war der Anschauung, daß alle Wesen der Natur nebeneinanderstehen, jedes einzelne für sich aufzufassen sei, Saint-Hilaire suchte einen gemeinsamen Typus in den organischen Formen, brachte das ganze organische Leben in Fluß, so daß es nur überschaut werden kann in diesem Fluß, wenn man unmittelbar produktiv geistig diesen Blick hinrichtet auf die Natur und den Geist ebenso beweglich erlebt wie die Natur selber. Goethe spürte etwas davon, daß es notwendig ist für die kommende Zeit, auch der Natur gegenüber den Geist lebendig zu halten. In dem, was Goethe an Geoflroy de Saint-Hilaire spürte, lag dasjenige, was schließlich, wenn es aus seinen Keimen zu den Früchten getrieben wird, die übersinnlichen Begriffe der Naturerscheinungen sind, die ich vorgestern hier charakterisierte.
Zunächst aber wurde die Welt überschattet von alldem, was aus der anderen Naturanschauung hervorgeht, notwendigerweise überschattet von jener Naturanschauung, die den Menschen herausstellt aus dem unmittelbar lebendigen Zusammenhange mit den Naturerscheinungen. Diese Naturanschauung, die also nicht ergriffen ist von dem Impuls, den Goethe meinte, führt zu der Erfassung desjenigen, was eigentlich nicht lebt in der Natur, sondern was das Absterbende ist, was die Natur auflöst, weil es zusammenhängt mit dem, was im Menschen selber sterblich ist, wie ich vorgestern charakterisiert habe.
Die Naturanschauung, von der Goethe sich abwandte, ist diejenige, die das allmähliche Verfallen nur erfassen kann im Naturgange, und aus den Symptomen des Verfallens dann sich erheben möchte zu dem, was auf ihre Weise nicht gezeigt werden kann, was nur im übersinnlichen Anschauen sich zeigen kann: zu den Symptomen des Aufsteigens, des Wachsens, des Geborenwerdens, des Gedeihens. Aber - so paradox es wiederum klingt — diese Naturanschauung, die eigentlich auf das Tote gerichtet ist in der lebendigen Natur, die warf ihre Schatten tief hin auf das ganze moderne soziale Zusammenleben. Sie schuf im Grunde einen neuen Universalimpuls über die neuere Menschheit hin, aber einen solchen Universalimpuls, gegen den sich der Mensch selbst in seiner Individualität fortwährend auflehnen muß, weil er ihn herausstellt aus der Natur und er eben den Zusammenhang immer wieder suchen muß. Seine Erkenntnis stellt ihn heraus. Er muß aus etwas anderem, als er durch diese Erkenntnis anstrebt, seinen Zusammenhang wieder suchen. Ein Dualismus, eine Zweiheit im Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt wird dadurch in das Leben hineingetragen. Diese Naturwissenschaft strömt ein in das moderne Leben der Technik, das die ganze moderne Kultur trägt, das ungeheuer bedeutungsvoll eingreift.
Haben wir gesehen in denjenigen Impulsen, die wir früher betrachtet haben, zum Beispiel in den nationalen, daß Althergebrachtes konserviert wird, kein neues Produktives eingeführt wird in das Leben, sieht man in dem Rätsel des europäischen Ostens, wie ein merkwürdig zur geistigen Produktivität angeregtes Volksgebilde sich einschnürt, um ja nicht produktiv sein zu dürfen, trotzdem es zur Produktivität im höchsten Maße veranlagt ist, sich einschnürt wirklich in die alleräußersten Fesseln der alten byzantinischen Kirchengemeinschaft, sehen wir, wie da Altes heraufgebracht wird und konserviert wird, so sehen wir, wie in dem, was die Naturanschauung ausgießt über die moderne Menschheit, nun ein Universales geschaffen wird, ein Universales, das nun wiederum nicht geht auf das, was der Mensch aus sich selber heraus produziert, sondern gerade auf dasjenige, was er in der Absonderung von sich selber als Verfall der Naturerscheinungen in seine Erkenntnis hereinnimmt und daher auch nur als etwas in seine Kultur einfließen lassen kann, was er hinausträgt in die Technik, indem er das Natürliche ertötet.
Dadurch, daß der Mensch zunächst im alten Sinne nicht produktiv ist, dadurch erringt er sich das in der neueren Zeit, seit dem 15. Jahrhundert auftretende Vollbewußtsein, während er früher nicht im Vollbewußtsein, sondern im Unterbewußtsein seinen Zusammenhang mit der Natur und mit der Welt überhaupt gewahrt hat. Zu der Konservierung des Alten kommt hinzu eine solche Erziehung der neueren Menschheit, die zwar durch ein Neues gegeben wird, die aber im Sinne des Alten verläuft. Dasjenige, was der Technik einverleibt wird, entspringt nur scheinbar produktiven Ideen. Aber diese produktiven Ideen entspringen nicht als selbständige Pflanze in der menschlichen Seele — wie das Übersinnliche, wenn es gesucht werden soll, als selbständige Pflanze in der menschlichen Seele entspringen muß -, sondern sie entspringen aus der ruhigen Betrachtung der objektiven Naturerscheinungen.
Wir sehen, wie ein bedeutsam in die neuere Entwickelung eingreifendes Ereignis gerade mit dieser modernen Technik zusammenhängt, denn erst jetzt zeigt sich, indem diese moderne Technik sich immer mehr und mehr in der neueren Geschichte ausbildet, daß auch eine Bedeutung gewinnt die Kolonisation; denn dasjenige, was das Kolonial- und Kolonisationsleben ist, das hängt im innigsten zusammen mit dem, was durch die Naturwissenschaft in die Technik einfließt.
Und nun werfen wir einen zusammenfassenden Blick noch auf das, was sich uns in all diesen Symptomen mehr oder weniger ausspricht. Wir sehen, wenn wir sie überblicken: was in ihnen auftritt seit dem i5. Jahrhundert als etwas Neues, das sind durchwegs Dinge, die nicht aus der produktiven Menschennatur heraus entspringen. Betrachtet man sie, dann sieht man sich genötigt, seinen Blick zu erweitern über den Gang des geschichtlichen Werdens der Menschheit, dann sieht man sich genötigt, anzuerkennen — und die übersinnliche Erkenntnis führt dazu, anzuerkennen —, daß es in diesem menschlichen Leben nicht bloß Aufsteigendes gibt, nicht bloß im abstrakten Sinne dasjenige, was man gewöhnlich Fortschritt nennt, sondern daß das aufsteigende, das sprießende, sprossende Leben verknüpft ist mit einem absteigenden Leben. Mit demjenigen ist das Leben verknüpft, das immerdar in den Tod hineinführt.
Wenn wir das einzelne Menschenleben betrachten, dann stellen sich uns Geburt und Wachsen und Werden getrennt hin neben Sterben und Verfall. Auch da ist es nur scheinbar; aber in der Betrachtung des äußeren Lebens zeigt uns gerade der Verlauf der neueren Geschichte, daß Sterben, absteigende und aufsteigende Entwickelung unmittelbar nebeneinanderstehen, ineinander eingreifen. Und wir sehen, daß die absteigende Entwickelung, die Entwickelung, die den geschichtlichen Tod aufnimmt, sogar für den Beginn dieser neueren Geschichtsepoche, die mit dem 15. Jahrhundert anhebt, zunächst durch mehrere Jahrhunderte bis in unsere Zeit herein eine große Bedeutung hat. Eine größere Bedeutung hat das Verfallsleben, das Todesleben, als das aufsteigende, das sprießende, sprossende Leben. Wir sehen, wie der Mensch in seinem Bewußtsein, indem er sich als moderner Mensch entwickelt, im Zusammenhang steht mit dem, was in ihm vergänglich ist, wie er spüren kann, wie dasjenige, was ihn zum Tode treibt, gerade auch das ist, was ihn in der Erkenntnis vorwärtsbringt. Während das sprießende, sprossende Leben ihn einlullt wie in Träume, können wir sehen, daß in der Geschichte unmittelbar eingreifend in der neueren Zeit sich herausentwickelt die Bewußtseinsseele aus der früher mehr unbewußten Seele, wie sie die Menschheit aus dem 8. vorchristlichen Jahrhunderte bis in das i5. nachchristliche Jahrhundert hinein entwikkelte. Wir sehen, wie der Mensch nötig hat für die erste Erziehung in der Menschheit zu dieser Bewußtseinsseele hin, daß sich gerade auch in seine Kultur wirksam für ihn hineinstellen die Verfallssymptome, die Symptome des Absterbelebens. Man wird das neuere geschichtliche Leben in seinem wirklichen Verhältnis zum Menschen nicht verstehen, wenn man nicht den Gedanken fassen kann - trotz aller Bewunderung, trotz aller willigen Anerkennung, die man haben muß für die großen, gewaltigen Errungenschaften der modernen Technik, der modernen nationalen Impulse -, daß in alldem absteigendes, zum Tode des geschichtlichen Werdens hinführendes Leben sein muß, und daß hineingeboren werden muß in dieses absteigende Leben ein aufsteigendes, ein sprießendes, sprossendes Leben.
Das ist es, was einsichtige Menschen in der neueren Zeit zu dem gebracht hat, was man den Kulturpessimismus nennen könnte. Solch ein Mensch wie Schopenhauer richtete den Blick hin auf den Verlauf namentlich der neueren Geschichte. Ihm kam dieses geschichtliche Treiben trotz aller Errungenschaften der neueren Zeit wie ein ziemlich nichtiges vor. Und allein dasjenige, was in einzelnen individuellen Menschen errungen werden kann, das schätzt Schopenhauer. Wenn auch die Pessimisten selbst nur Symptome sind im neueren geschichtlichen Werden, Menschen sind es, die ahnend hinblicken darauf, daß gerade das Größte, das Bedeutsamste, das man gewohnt ist als Charakteristikon der neueren Entwickelung anzusehen, der in das geschichtliche Werden sich hineinstellende Todesimpuls ist.
Was folgt daraus? Daraus folgt etwas, was man nennen könnte den tragischen Einschlag des neueren geschichtlichen Lebens. Selbstverständlich ist die Förderung desjenigen, was wir teils als konservierte, teils als aus den naturwissenschaftlichen Anschauungen hervorgegangene neue Impulse zu verzeichnen haben. Alles das ist so, daß wir uns sagen müssen: Man muß es fördern, man muß sich ihm widmen, es ist eine Notwendigkeit der neueren Zeit; es ist für den Menschen unbedingt in die weltgeschichtliche Entwickelung hineinzustellen, aber es muß in jeder seiner Erscheinungen dasjenige, was auf diesem Gebiete geschaffen wird, notwendigerweise auch wiederum zu seinem eigenen Untergange führen. Es müssen gerade durch diese großen Errungenschaften in die neuere Entwickelung die Probleme sich hineinstellen, die in Sackgassen führen, die an Enden führen, die durch sich selber nicht auflösbar sind, die den Menschen vor etwas hinstellen, das ihm vorkommen muß wie der Tod. Das ist das Tragische, daß gefördert werden muß, daß als Errungenschaft angesehen werden muß dasjenige, von dem man weiß: indem man es schafft, schafft man etwas, was zu gleicher Zeit verfallen muß. Ja, man beginnt schon den Verfall, indem man es schafft. _
Wer glaubt, daß für sich bestehen können diejenigen Tatsachen, welche aus den angedeuteten Impulsen sich in die neuere geschichtliche Entwickelung hineinstellen, der gleicht einem Menschen, der da glaubt, daß eine Frau gebären kann ohne zu empfangen, ohne daß das andere Prinzip mit dem einen Prinzip sich verbindet. Was von den angedeuteten Impulsen kommt, stellt sich dar als etwas, das einseitig ist, das der Befruchtung von anderer Seite bedarf, wenn es fortbestehen soll. Denn in sich selber hat es nur die Kraft des Absterbens. Man nehme alles dasjenige, was sich durch die reine Naturgrundlage des Nationalen, was sich durch moderne Technik, durch Industrie und durch den sozialen Verkehr, sei er kommerzieller, sei er anderer Verkehr, in der neueren Menschheit ergeben hat, man nehme alles das — es ist für sich, seinem eigenen Impulse nach betrachtet, unfruchtbar und führt, ich möchte sagen, in Rhythmen immer in seinen eigenen Tod hinein. Und wir müssen erkennen, daß wir es so anzuschauen haben, daß wir uns sagen: Um etwas anderem willen muß dieses Sterbende als Errungenschaft in die moderne Welt hineingesetzt werden.
Was ist dieses andere? Nun, wir haben ja gesehen, wenn wir nun den Gang der neueren Geschichte in ihrer Aufeinanderfolge an irgendwelchen Symptomen, die wir als solche ansehen, betrachten, so enthüllt sich uns eben das Merkwürdige, das ich angedeutet habe. Auf der einen Seite sehen wir seit dem i5. Jahrhundert gerade durch das Unproduktive die Bewußtseinsseele heraufblühen. Auf der anderen Seite sehen wir, wie diese Bewußtseinsseele dadurch groß wird, daß aus ihrer Umgebung zunächst entzogen wird die Anregung zu dem Produktiven, daß sie sich erzieht an dem zum Sterben der Kultur immerdar von neuem führenden. Dadurch wird der Mensch verselbständigt, daß ihn die äußere Welt nicht anregt zu etwas, was produktiv lebt, sondern was in seiner Erkenntnis fortwährend den Keim des Sterbens trägt; dadurch wird der Mensch in seiner individuellen und bewußten Naturentwickelung erzogen, daß ihn die Außenwelt nicht erzieht zum Leben, nicht erzieht zu dem, was ihn hinaufbringen soll, sondern ihn fortwährend abhält von dem, was ihn hinaufbringen soll und dadurch gerade auf sich selbst stellt.
Aber nun sehen wir, wenn wir rein mit übersinnlicher Erkenntnis auf diesen Tatsachengang hinblicken, daß diesem Inneren des Menschen — dem Hingang zur Bewußtseinsseele seit dem i5. Jahrhundert - ein objektives Äußeres entspricht, das in den ersten Jahrhunderten nur nicht hervortreten konnte, das sich uns aber sofort zeigt, wenn wir nun wirklich unbefangen gerade das menschliche Gemüt in der Gegenwart mit seiner wiedererrungenen Hinneigung zu einem übersinnlichen Leben betrachten. Selbstverständlich ist es bei vielen noch unbewußt, aber bei sehr zahlreichen Menschen der Gegenwart ist dieses Hinneigen zu einem übersinnlichen Leben vorhanden. Und derjenige, der sich beschäftigt mit der Geisteswissenschaft, die anthroposophisch orientiert ist, der weiß, daß nur von vergänglicher Dauer war, was sich entwickelte als Prinzip des Ersterbens in der äußeren materiellen Kultur der neueren Zeit, daß wir vor einem großen Zeitenwendepunkte stehen, der bringen wird von außen — aber jetzt nicht durch die Natur angeregt, sondern so angeregt, wie ich es dargestellt habe in den Betrachtungen über anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft —, der an den Menschen heranbringt eine neue Offenbarung des Übersinnlichen.
Wir sehen sie überall herankommen, diese neue Offenbarung des Übersinnlichen. Sie wird jetzt errungen werden nicht so wie in früheren Zeiten, wo unbewußt der Mensch durch seine Instinkte zusammenhing mit der Natur und aus der Natur selber heraus dasjenige fand, das auch für die Seele galt, das er dann auch in das soziale, geschichtliche Leben einführen konnte. Über all dasjenige hinaus, was diese Naturanschauung und was die alten Impulse der neueren geschichtlichen Entwickelung geben können, wird sich ein produktives, ein übersinnliches Leben entwickeln. Das Leben wird sich offenbaren aus der geistigen Welt heraus. Und wenn man hinschaut gerade auf das, was sich in der Gegenwart ergeben hat als eine so furchtbare Katastrophe, was ist es anderes, in echtem Wahrheitslichte betrachtet, als etwas, in das sich Sterbendes zusammendrängt.
Innerhalb dieses katastrophalen Lebens wird vieles sterben. Schneller stirbt dasjenige, was so, wie ich es charakterisiert habe, das Prinzip des Sterbens in sich enthält. Zum Pessimismus ist, wenn auch zum Leid, wenn auch zum Schmerz, wenn auch zu alldem, was uns aus dem Anblicke und aus dem Mitmachen dieser Katastrophe erfließen kann, zum Kulturpessimismus ist keine Veranlassung, wenn man das Leben im Lichte anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft betrachtet. Denn es zeigt sich einmal an einer Stelle der neueren geschichtlichen Entwickelung über die ganze Erde hin, daß zusammendringt dasjenige, was sonst verteilt ist als Sterben über das materielle Leben, was unserem neueren Leben den tragischen Zug gibt, was uns zugleich zeigt, daß alles dasjenige unfruchtbar sein muß, was so in die Welt kommt, wie ich es vorhin charakterisiert habe, daß dieses aber befruchtet werden muß aus dem vom Übersinnlichen heraus Empfangenen.
Und wer unbefangenen Gemütes hinschaut auf dasjenige, was die Ergänzung ist zu der Entwickelung der Bewußtseinsseele, auf die neuen Offenbarungen aus dem Übersinnlichen, der wird, selbst gebeugt vom Schmerze über dasjenige, was jetzt geschieht, das Haupt erheben und sich sagen: Es ist zugleich die erste Morgenröte für dasjenige, was den Impuls in der Menschheit auslösen muß nach dem Übersinnlichen hin. Verloren wären alle Leiden, alle Schmerzen über diesen Zusammenbruch, vergebens wären alle die Gefühle, die mit berechtigtem Schmerze hinschauen auf diesen Zusammenbruch, wenn sich diese Gefühle nicht erheben könnten dazu, daß, wie aus allem, was bestimmt ist zum Sterben in der Natur, so auch aus diesem Sterben ein Neues entspringt. Aber dasjenige, was sich entwickeln soll, kann sich nur entwickeln, wenn das andere, das Befruchtende, das aus der übersinnlichen Welt heraus sich offenbarend Befruchtende von der Menschheit willig aufgenommen werden wird.
Die Bewußtseinsseele hat sich entwickelt. Die Natur darf uns nicht mehr unbewußt dasjenige geben, was wir in die Welt des sozialen, des geschichtlichen Werdens hineinsetzen. Bewußt muß die neuere Menschheit auch aufnehmen, das heißt willig aufnehmen dasjenige, was als neuere übersinnliche Offenbarung der Bewußtseinsseele sich ergibt, wenn diese Bewußtseinsseele will. Gerade wenn wir ohne Vorurteile die Tragik des modernen Lebens betrachten, offenbart sich auf der anderen Seite der erlösende Impuls. Er offenbart sich dadurch, daß wir gedrängt werden, anzuerkennen die Offenbarung eines neuen Übersinnlichen, das nun auch für die Bewußtseinsseele da sein muß.
Und so sehen wir hindurch durch die Symptome auf das, was aus dem Menschen wird, und auf dasjenige, was dem Menschen sich aus dem Weltenall heraus offenbaren soll. Während der griechisch-lateinische Zeitraum, der begonnen hat im 8. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung und geschlossen hat im i5. Jahrhundert, noch das seelische Leben gebunden zeigte an das äußere körperliche Leben, dadurch gerade die großen griechischen, die großen römischen Errungenschaften hervorbrachte und sie dem Mittelalter übergab, geht über durch einen mächtigen Sprung im 15. Jahrhundert die Entwickelung zur Entwickelung der Bewußtseinskräfte, desjenigen, was man die Bewußtseinsseele nennen kann. Und in dieser Entwickelung stehen wir darinnen. Wir sehen, wie die Anknüpfung des Menschen an das, was sich hinter den Symptomen offenbart, erst eine wahre geschichtliche Wissenschaft werden kann. Aber man muß den
Mut haben anzuerkennen, daß um uns herum nicht nur Leben ist, sondern Tod ist, und daß der Tod notwendig ist, damit immer neues Leben geboren werde. Notwendig war auch das Überwiegen des Todes durch eine gewisse Zeit hindurch, damit der Mensch um so mehr die Kräfte der Bewußtseinsseele entwickeln könne. Und wird ihm nicht mehr von außen gegeben, so wird er auf den Weg gedrängt, im Inneren den Geist, das Übersinnliche zu suchen.
Nun kann man allerdings eines einwenden. Man kann sagen: Ja, wo sind denn die Menschen, wie zahlreich sind sie denn? — Es sind ihrer nicht viele, die da hinweisen können durch die Entwickelung ihrer eigenen Seelenkräfte auf die übersinnliche Welt. Es sind gewiß, das muß zugegeben werden, heute noch wenige. Es werden ihrer immer mehr werden; aber darauf kommt es nicht an, wieviel da sind, die den Weg hineinfinden in jenes Übersinnliche, das das Sinnliche befruchten muß, sondern darauf kommt es an, daß man den Weg übersinnlicher Erkenntnis nicht selbst zu gehen braucht, sondern, ganz gleichgültig, wie und als was man den schätzt, der die Ergebnisse des Übersinnlichen bringt — wenn sie einmal ausgesprochen sind, wenn sie hineingeworfen sind in die menschliche Geisteskultur, können sie durch den ganz gewöhnlichen Verstand, der den Menschen im Zeitalter der Bewußtseinsseele gegeben ist, auch verstanden werden. Begreifen kann der Mensch alles, was aus dem Übersinnlichen’ herausgeholt wird, heute schon in weitestem Umfange, wenn er sich nur nicht selber Steine in den Weg wirft durch Vorurteile, die er dann nicht überwinden kann.
Aber eines gehört mit dazu. Denken Sie nur, daß man durch eine solche Geschichtsbetrachtung, wie ich sie skizziert habe, genötigt ist, sich gewissermaßen erkennend, mit vollem Bewußtsein zu gestehen dasjenige, was man tun muß, was eine Notwendigkeit in der Zeit ist und eine Notwendigkeit immer mehr und mehr werden wird, daß das zu gleicher Zeit ein fortwährendes Absterbendes ist. Es gehört ein gewisser Mut dazu, anzuerkennen, daß man schaffen muß, damit das Schaffende untergehen könne und der Mutterboden sein könne für das Vaterprinzip des Geistigen, des Übersinnlichen. Solcher Mut ist zu allem übersinnlichen Erkennen allerdings notwendig. Und Furcht vor dem übersinnlichen Erkennen ist das, was viele Leute von diesem übersinnlichen Erkennen abhält. Auf einem Gebiete wenigstens stellt uns die neuere Zeit unmittelbar vor die Notwendigkeit, diesen Mut zu entwickeln, wenn wir überhaupt für die Entwickelung der Menschheit in Betracht kommen wollen: auf dem Gebiet der Geschichte. Diejenigen, die von übersinnlicher Erkenntnis etwas wissen, sprechen immer vom Überschreiten der Schwelle, von einem Hüter der Schwelle. Man spricht vom Überschreiten der Schwelle, weil, wenn man sich die übersinnliche Welt erschließt, man mit vielem brechen muß, was einem als unbedingt fester Boden der Erkenntnis erscheint, bevor man die Schwelle überschritten hat. Gewissermaßen empfindet es der Mensch unbewußt als eine Wohltat, daß er die Schwelle nicht zu überschreiten braucht. Was aber zu einer Zeit getan werden brauchte in bezug auf das geschichtliche Werden, es wird immer mehr und mehr zur Notwendigkeit. Und das gehört wiederum zum inneren Gang der geschichtlichen Entwickelung seit dem 15. Jahrhundert, es wird immer mehr und mehr zur Notwendigkeit, sich zu sagen: Du webst und lebst mit an dem Schaffen von Sterbeprozessen, von Verfallsprozessen. Du mußt dich diesen Verfallsprozessen widmen, und dadurch wird deine innere Kraft angeregt, gerade dadurch wirst du nahegebracht dem Übersinnlichen. Du mußt dasjenige, was du vorher als ein geistiges Fundament betrachtet hast, verlassen, die Schwelle in die übersinnliche Welt überschreiten, gewissermaßen den Boden unter den Füßen verlieren, dafür aber in dem eigenen Inneren den festen Schwerpunkt finden, an dem man sich auch gegenüber dem SinnlichBodenlosen halten kann.
Einen neuen Schwerpunkt seines ganzen Seelenlebens hat der Mensch notwendig zu finden. Und die geschichtliche Notwendigkeit legt ihm nahe, immer mehr und mehr gegen die Zukunft hin diesen Schwerpunkt zu suchen. Dadurch, daß man also erkennt, wird es nicht anders. Wir stehen gewissermaßen — so wie ich es gemeint habe, ist es eben aufzufassen — vor dem Sterben. Dadurch, daß man sich das Geständnis ablegt: Es ist ein Sterben —- dadurch wird es nicht anders. Aber man muß gerade dadurch gedrängt werden, das ihm entgegenstehende Lebende zu befruchten suchen. Denn es ist einmal so: Über dem Suchen nach übersinnlichen Erkenntnissen stand immer, solange die Menschheit strebte, die große, gewaltige Aufforderung: «Erkenne dich selbst.» Und auch für heute ist es die Aufforderung an die suchende Menschheit. Versucht der Mensch dies heute zu erkennen, so kann er es nur dadurch, daß er zu Welten aufsteigt, die über sein endliches Dasein hinauszuführen vermögen. Er muß vor allen Dingen, gedrängt durch die Notwendigkeiten der menschlichen Entwickelung, in bezug auf das geschichtliche Leben der neueren Zeit sich gestehen: mit der Bewußtseinsseele ist im Sinne der neueren Geschichte der Stachel eingepflanzt, sich immer mehr und mehr selbst zu erkennen. Damit, daß er sich selbst erkennt, ist er in die Notwendigkeit versetzt, über sich hinauszugelangen. Indem er über sich hinausgelangt, indem er sein Übersinnliches in seinem Sinnlichen erfaßt, gelangt er auch zu dem, was in der Geschichte als Übersinnliches wirkt und wofür die äußeren Tatsachen nur Symptome sind. Auch eine Geschichte werden wir erst wirklich haben, fruchtbar für das Leben, wenn wir hinter den Symptomen wie hinter den Naturerscheinungen das Übersinnliche suchen.
Aus unserer Geschichtsbetrachtung ging hervor, daß die neuere Entwickelung dem Menschen Prüfungen auferlegt, die Prüfung zu dem, daß er glaubt, das Leben sei nur aufsteigend, auch das absteigende Leben zu betrachten, zu der Evolution auch die Involution. Indem der Mensch übersinnlich erkennt, wird er sich bereitmachen zu diesen Prüfungen. Denn indem er geschichtlich übersinnlich erkennt, wird dieses Erkennen selbst dadurch, daß er die Schwelle überschreiten muß, seinen neuen Schwerpunkt im Inneren des Seelenlebens suchen muß, wird diese neue Erkenntnis eine so starke Prüfung für seine Seele sein, daß das, was aus dieser Prüfung hervorgeht, ihm Kraft gibt zum Durchmachen jener anderen Prüfungen, die das Leben immer mehr und mehr gegen die Zukunft hin aus der Geschichte heraus dem Menschen auferlegen wird. Aber man darf sagen: Stark und kräftig und wirklich lebenstüchtig wird der Mensch doch nur durch Prüfungen. Davon soll ihn nicht Erkenntnisfurcht abhalten, in die Prüfungen hineinzutreten, sondern es soll ihn gerade Erkenntnismut treiben, diese Prüfungen auf sich zu nehmen. Er wird die Erkenntnisprüfungen zu solchen Kräften entwickeln, die ihn auch hineinführen als schaffendes, am Werden mitwirkendes, in die Geschichte fruchtbar hinein gestelltes Menschenwesen.
Fragenbeantwortung
Mir wurde nahegelegt, ob ich nicht in dieser Fragenbeantwortung kurz etwas sagen könnte über eine einzelne Erscheinung in der neueren geschichtlichen Entwickelung, die ja dem menschlichen Leben besonders naheliegt: über die Sprachentwickelung. Nun wäre natürlich darüber wiederum ein ganzer Vortrag zu halten, wenn ich irgend etwas Erschöpfendes sagen wollte. Aber ich möchte auf die Anregung schon aus dem Grunde eingehen, weil ich wirklich Ihre Aufmerksamkeit auf die Tatsache hinlenken möchte, daß die hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft wahrhaftig nicht so dasteht, als ob sie etwa ihr Dasein einem Einfall verdankte, als ob sie aus der Pistole geschossen wäre, als ob sie aus zusammengeholten einzelnen Aperçus bestünde. Nein, wenn Sie sich mit der Literatur bekanntmachen, werden Sie sehen, daß diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft schon aus der ganzen Breite der Beobachtung, aus der ganzen Breite der Welterscheinungen heraus das holt, was sie zu sagen hat.
Natürlich muß man immer, wenn man in einer Stunde und ich bedaure ja immer, daß es ohnedies immer länger wird! — weite Gebiete zusammenzufassen hat, den Eindruck machen, als ob man in abstrakten Gebieten herumwandelte; allein es soll auch niemand überzeugt, sondern nur angeregt werden, weiterzugehen, und dann wird man schon sehen, daß wirklich viel mehr als in einer anderen wissenschaftlichen Bestrebung gerade in dieser Geisteswissenschaft sorgfältiges, gewissenhaftes methodisches Suchen, ernste Forschung zugrunde liegt.
Es ist interessant, gerade das, was ich heute im allgemeinen charakterisiert habe, an einer solchen einzelnen Erscheinung wie der menschlichen Sprachentwickelung einmal zu beobachten. Ich will aber auch da nur auf eine Erscheinung dieser Sprachentwickelung eingehen. Wenn wir heute als Menschen sprechen, denken wir gewöhnlich gar nicht darüber nach, wie das Sprechen uns eigentlich in jedem Augenblicke zwingt, ungenau zu werden. Ich will nur das sagen: ungenau zu werden. Fritz Mauthner hat ein dreibändiges Werk und außerdem noch ein «Wörterbuch der Philosophie» geschrieben, um zum Ausdrucke zu bringen, wie alles dasjenige, was man in der Weltanschauung und in der Wissenschaft produziere, auf der Sprache beruhe und die Sprache ungenau sei. So daß man eigentlich niemals eine wahre Wissenschaft haben könne.
Nun, das ist gegenüber der Geisteswissenschaft selbstverständlich eine törichte Behauptung, wenn sie auch in drei Bänden auftritt. Aber bedeutsam ist es doch, auf das zugrunde liegende Teilphänomen einzugehen. Wenn man zurückgeht in der menschlichen Sprachentwickelung, so findet man, entgegen der äußeren anthropologischen Sprachforschung, welche mit unzulänglichen Mitteln arbeitet, daß der Mensch in älteren Zeiten, je mehr man in diese älteren Zeiten kommt, immer mehr und mehr noch innerlich seelisch, auch wiederum instinktiv und unbewußt, verwachsen ist mit dem, was in seiner Sprache zum Ausdrucke kommt. Der Mensch löst sich auch von dem, was seine eigene Natur enthält, allmählich los, wie er sich von der äußeren Natur loslöst.
Er löst sich auch von dem unmittelbaren Verbundenwerden mit der Sprache los. Und die Sprache wird etwas Außerliches. Ein starker Dualismus entsteht zwischen dem innerlich erlebten Gedanken, den mancher schon gar nicht mehr hat, weil er in der Sphäre der Sprache bleibt und dem, was gesprochen wird. Und nötig hat man, wenn man sich keiner Täuschung hingibt in dem Entwickelungspunkte der Menschheit, in dem wir jetzt stehen, im Zeitalter der Bewußtseinsseele, gerade hinzublicken darauf, wie die Sprache sich schon von dem Menschen losgelöst hat. Eigentlich sind es nur noch die Eigennamen, die sich auf ein einziges Wesen beziehen, die wirklich unmittelbar auf dieses Wesen zutreffen. Sobald man allgemeine Namen verwendet, seien sie Eigenschafts- oder Hauptwörter oder was immer, drücken sie nur ungenau dasjenige aus, was sie ausdrücken sollen. Sie sind abstrakt, sie sind Allgemeinheiten gleich. Und nur dann wird man die Sprache heute in ihrem Verhältnis zum menschlichen Leben richtig verstehen, wenn man sie auffaßt eigentlich als Gebärde; wenn man sich bewußt ist: wie ich unmittelbar lebendig hindeute, wenn ich mit dem Finger auf etwas zeige, so deute ich auch, durch die Hervorbringungen meines Kehlkopfes und durch den Laut, gebärdenhaft hin auf dasjenige, auf das sich die Laute der Sprache beziehen. Die Sprache auffassenlernen als Gebärde, das ist es, um was es sich handelt. So hat die alte Zeit ein unbestimmtes, ich möchte sagen, im Unterbewußtsein liegendes, instinktives Ahnen davon gehabt, wie das seelische Leben zusammenhängt gebärdenhaft mit dem Laut; sie hat nicht verwechselt das innerliche seelische Erleben mit dem, was in der Sprache zum Ausdrucke kommt.
Wir selbst haben versucht, um auf einem Gebiete der Geisteswissenschaft naheliegende Bestrebungen zu entfalten, das Gebärdenhafte der Sprache wiederum zur Anschauung zu bringen in dem, was wir die Eurythmie nennen, wo versucht worden ist, den ganzen Menschen in Bewegung zu bringen, und durch die Bewegungen der Glieder, durch Bewegungen der Menschengestalt im Raume, durch Gruppenbewegungen, durch die Verhältnisse von Menschen untereinander, gebärdenhaft dasjenige auszudrücken, was sonst auch in der Gebärde, aber nur nicht als Gebärde bemerkt, durch den menschlichen Kehlkopf und seine Nachbarorgane zum Ausdrucke kommt. Wir bezeichnen diese Art von Bewegungskunst, die als Neues in die Menschheit eindringen muß, als Eurythmie. Und wir haben ja hier in Zürich an diesen Vortrag anknüpfen wollen eine eurythmische Darstellung. Sie muß verschoben werden, weil wir zwar die Erlaubnis bekamen, diese Vorträge in der jetzigen schwierigen Zeit zu halten, nicht aber, diese eurythmische Vorstellung zu geben. Sie hätte gerade zeigen wollen, wie gewissermaßen der ganze Mensch zum Kehlkopf wird. Indem man sich dessen bewußt wird, was die Sprache ist, kommt man auf etwas, was besonders wichtig, ganz fundamental wichtig für das Leben der Gegenwart und der Zukunft werden wird.
Nichts trifft man heute öfter im menschlichen Leben, als daß irgend jemand etwas ausspricht, zum Beispiel ich hier in der Geisteswissenschaft. Ein anderer kommt und sagt: Das habe ich dort gelesen —, und zeigt etwas auf, was wenigstens in Einzelheiten mit den Worten allen vollständig übereinstimmt. Ich könnte Ihnen eklatante Fälle dieser Art zeigen. Ich will nur einen Fall besonders hervorheben, an dem sich mir die Sache ganz besonders hervorragend dargestellt hat.
Ich habe, weil ich nun wahrlich versuche, all die Dinge, die die Geisteswissenschaft von mir an Verarbeitung fordert, auf das Leben anzuwenden, dadurch gerade einzudringen in die wirklichen Impulse des Lebens, so habe ich seit langem mich beschäftigt mit dem, was ich nennen möchte die ganze Denkungsart, die ganze Denkgesinnung von Woodrow Wilson. Es ist für mich interessant gewesen, gerade die Aufsätze über geschichtliche Methode, über Geschichtsbetrachtung und über das amerikanische geschichtliche Leben von Woodrow Wilson zu studieren. Er spielt ja eine so große Rolle im Leben der Gegenwart, man muß ihn kennenlernen — so sagt sich derjenige, der nicht dasjenige verschlafen will, was in der Gegenwart geschieht, sondern es mit wachen Sinnen beobachten will. Ich habe bewundern gelernt die Art und Weise, wie großartig, wirklich amerikanisch treffend Woodrow Wilson die Entwickelung des amerikanischen Volkes selbst darstellt, dieses Fortschreiten von dem amerikanischen Osten nach dem amerikanischen Westen, das Auftreten des wirklichen amerikanischen Lebens in einer ganz eigentümlichen Weise, erst, als durchgedrungen wird von dem Osten nach dem Westen, während alles übrige, was dem vorangegangen ist, von Woodrow Wilson prägnant dargestellt wird als Anhängsel zum europäischen Leben. Dieses Ausroden der Natur, dieses Überwinden der Natur, dieses Überwinden der Eingeborenen des amerikanischen Westens, diese eigentümliche Art von Geschichtemachen, die mit manchem ähnlich ist, was sonst im Leben der Menschen sich zugetragen hat, aber doch wiederum ganz spezifisch verschieden ist, es kommt großartig zum Ausdruck. Und daher ist es auch interessant, zu sehen, wie Woodrow Wilson seine Geschichtsmethode einrichtet.
Ich bin nachgegangen den Beschreibungen, wo er seine Geschichtsmethode selbst darstellt. Da stellte sich mir etwas sehr Eigentümliches heraus: Aus diesem durch und durch amerikanisch gearteten Mann fließen Sätze heraus, die mir fast wörtlich übereinstimmend schienen mit Sätzen eines ganz anderen Mannes, der wirklich aus ganz anderer Lebens- und Denkergesinnung heraus sich entwickelt hat. Man könnte Sätze von Woodrow Wilson in seinem Aufsatze über Methodik der Geschichte, die bei ihm solch gute Früchte getragen hat, wörtlich herübernehmen in Aufsätze von Herman Grimm, der nun ganz in der neuzeitlichen Goethe-Entwickelung drinnensteht, der nun aus dieser Goethe-Entwickelung als ein wirklich durch und durch mitteleuropäisch-deutscher Geist dasteht. Man könnte sagen: Man braucht nur Sätze herauszuheben aus Herman Grimms Aufsätzen, sie herüberzusetzen, und von Woodrow Wilson Sätze herübernehmen in Herman Grimms Aufsätze, man würde dem Wortlaute nach gar keine großen Veränderungen finden. — Aber man lernt an einer solchen Erfahrung dasjenige, was ich nun mit trivialen Worten ausdrücken will, aber ich will etwas sehr Bedeutsames dadurch ausdrücken, man lernt: Wenn zwei dasselbe sagen, ist es nicht dasselbe, sei es auch dem Wortlaute nach übereinstimmend.
Dasjenige, was man daraus lernen muß, ist, daß man sich einzuleben hat nicht bloß in den Wortlaut, der durch die Sprache gegeben ist, sondern in den ganzen Menschen. Dann wird man das spezifisch Verschiedene Herman Grimms und Woodrow Wilsons finden, dann wird man finden, wie bei Grimm jeder einzelne Satz erarbeitet ist mit voller Bewußtseinsseele, wie das Fortschreiten in dem geistvollen Aufsatze von Herman Grimm, wo er über geschichtliche Methode und geschichtliche Betrachtung spricht, wahrlich so ist, daß man sieht, von einem Satz zum anderen schreitet er fort im inneren Seelenkampf, so daß nichts unbewußt bleibt, sondern alles in das Bewußtsein hereingedrängt wird. Man hat immer zu tun mit diesem innerlichen Fortschreiten der Seele.
Sieht man hinüber, wie sich bei Woodrow Wilson die Sache ausnimmt, dann sieht man, wie aus merkwürdig unterbewußten Untergründen der Seele, wie aus dem Menschen selbst im Gegensatz zu dem innerlichen Einwirken diese Sätze heraufdringen. Ich meine damit gar nichts Übles, aber ich möchte nur, wenn ich mich paradox ausdrücken darf, anschaulich machen, bei Herman Grimm fühle ich immer: in der Region des ganz bewußten Seelenlebens geht von Satz zu Satz alles seelische Leben vor sich; bei Woodrow Wilson spüre ich: er ist wie von etwas besessen, das in seinem eigenen Inneren liegt und das seine eigenen Wahrheiten in seinem eigenen Inneren heraufstrahlt. — Wie gesagt, ich meine nichts Sympathisches oder Antipathisches damit, sondern nur etwas, was ich charakterisieren will. Es wird ihm eingegeben aus den eigenen Untergründen der Seele. Da’ werden wir finden, wirklich zu erkennen, selbst wenn der Wortlaut gleich ist: wenn zwei dasselbe sagen, so ist es nicht dasselbe. Wir erkennen nur, was zugrunde liegt, wenn wir uns nicht an den Wortlaut halten, sondern wenn wir uns an das, was aus dem ganzen Darleben der Persönlichkeit folgt, zu halten verstehen.
Sehen Sie, das wird die moderne Menschheit lernen müssen zu überwinden, was heute so gang und gäbe ist: wenn man etwas vorgelegt bekommt, so beurteilt man es nur aus dem Inhalte heraus. Das wird man lernen müssen, daß der Inhalt gar nicht das Wesentliche ist. Wenn ich über Geisteswissenschaft spreche, so lege ich nicht das Wesentliche auf Satzformulierung, auf den Inhalt, sondern das Wesentliche beruht darauf, daß in das, was ich sage, einfließe dasjenige, was wirklich aus der übersinnlichen Welt heraus projiziert ist. Auf das Wie einen größeren Wert legen als auf das Was, daß man spürt, daß man fühlen kann: Die Dinge sind aus der übersinnlichen Welt heraus gesprochen, darauf kommt es an.
So muß man überhaupt auch in der Gegenwart gegenüber dem gewöhnlichen Leben lernen. Mag irgendeine Zeitung, irgendein Journal etwas noch so Schönes sagen man kann heute furchtbar schöne Sachen sagen, denn die Dinge liegen ja auf der Straße, die «schönen Ideale» und die «schönen Sachen» -, es kommt nicht auf den Wortlaut an, sondern es kommt darauf an, aus welchen Seelenmächten sie entspringen, daß man durch die Sätze selbst und durch die Worte hinblickt auf Symptome, auf den Menschen. Wir müssen durchdringen wie durch einen Schleier durch die Sprache und durch den Wortlaut, und so dem Menschen uns wiederum nähern. Das lehrt uns gerade die neuere Sprachentwickelung, die den Menschen losgelöst hat in seinem innersten Wesen, in seiner Bewußtseinsseele, von der Sprache. Das erzieht aus uns heraus die Notwendigkeit, nicht bloß auf den Wortlaut, sondern durch den Wortlaut durch auf die menschliche Seele zu sehen, nach allen Seiten, mit allen Möglichkeiten dem nachzugehen.
Allerdings muß etwas überwunden werden, wenn in dieser Richtung fortgeschritten werden soll, denn die Menschen sind heute noch an die Abstraktionen gewöhnt, an dieses, ich möchte sagen bürgerliche, philiströse Sich-Halten an den unmittelbaren Inhalt. Wenn einer ein Ideal ausspricht und irgend etwas noch so schön formuliert — wir müssen uns klar sein, daß das heute so billig ist wie Brombeeren, denn die Ideale sind geformt. Man kann alle möglichen Ideale für die Menschen und die Völker hinstellen, sie sind geformt. Es kommt darauf an, woher sie kommen, woher im Seeleninneren, in der Seelenregion sie wirklich entspringen. Es wird das Leben ungeheuer befruchtet werden, wenn wir in die Lage kommen, das Leben so anzusehen.
Vielleicht darf ich auch etwas Persönliches anführen. Sehen Sie, mir werden mancherlei poetische Produktionen übergeben. Wer dichtet heute nicht alles! Unter diesen poetischen Produktionen findet man solche, die sehr formvollendet sind, die wunderbar dies oder jenes ausdrücken, und solche, die scheinbar ungelenk sind, die Schwierigkeiten haben mit der Sprache, die sogar holperig, primitiv sind. Derjenige, der sich auf einen noch unmodernen Standpunkt stellt, der wird natürlich seine Freude haben über das Schöne, namentlich Formvollendete der Sprache. Er wird nicht, heute noch nicht, empfinden, daß Emanuel Geibel recht hatte, als er von sich selber sagte: Seine Verse werden ein Publikum finden, solange es Backfische gibt. Sie sind schön, sie sind glatt, und werden ein Publikum finden, selbst unter denjenigen Menschen, die zum Beispiel Wildenbruch oder ähnliche Leute für Dichter halten - und derer sind auch viele.
Aber es gibt heute auf diesem Gebiete eine andere Beurteilung, und das ist auch bei anderen Künsten der Fall, aber hier spreche ich jetzt über die Sprache. Es gibt heute Dichter, über deren Verse man stolpern kann; man kann Schwierigkeiten haben, weil sie in einer ungelenken Sprache sprechen, aber es ist ein neuer Impuls in ihnen; den muß man fühlen! Man muß durch den Schleier der Sprache den geleckten Versen in das Oberflächliche der Seele blicken können. Denn geleckte Verse, schöne, geleckte Verse, die vie] schöner sind als die Goetheschen Verse, sind heute billig wie Brombeeren; denn die Sprache dichtet schon. Aber neues seelisches Leben, Leben, das unmittelbar aus dem Quell alles Lebens herkommt, das muß erst gesucht werden. Das drückt sich manchmal gerade dadurch aus, daß es einen Kampf zu führen hat mit der Sprache, daß es gewissermaßen erst bei einem Stottern ist. Aber solches «Stottern» kann einem lieber sein als dasjenige, was in sich vollendet ist, und nur auf eine oberflächliche Seele hinweist. Es wurden mir einmal Verse übergeben bei einer Gelegenheit, wo wir selbst solche Verse brauchten, weil wir eine Übersetzung aus einer anderen Sprache zu leisten hatten, sehr schöne Verse. Ich wurde wütend darüber und machte selbst schlechte. Ich bin mir bewußt, daß sie als Verse viel schlechter sind; aber ich wußte, ich wurde in dem Falle in die Notwendigkeit versetzt, in einer vielleicht holperig erscheinenden Sprache dasjenige auszudrücken, was ausgedrückt werden sollte, wenn man aus dem entsprechend gesuchten Lebensquell schöpfte. Ich überschätze durchaus nicht dasjenige, was ich zu leisten übernommen habe; aber ich überschätze auch nicht die geleckten Verse, die mir übergeben wurden.
Das Suchen des Menschen durch die Sprache im Zeitalter der Bewußtseinsseele, das ist etwas, was wiederum als Lebenspraxis sich heraus ergibt aus einer wirklichen Betrachtung des sprachlichen Lebens. Ich habe deshalb auch heute rückhaltlos versucht, auch nicht bei jedem Satze so zu sprechen, als wenn ich Geisteswissenschaft tradierte und immer das Übersinnliche beweisen wollte, sondern ich habe versucht, das hineinzulegen in das Wie der Geschichtsbetrachtung. Und ich glaube, das ist auch das Wichtige: daß man nicht nur denjenigen einen wahren Geistesforscher immer wieder und wiederum nennt, der bei jedem fünften Wort das Wort: Geist und Geist und geistige Welt gebraucht und dann glaubt, das den Menschen dann so suggerieren zu können, sondern der durch die Art der Betrachtungsweise der Welt, selbst der alleräußerlichsten Welt, durch das Wie, wie er die Dinge darstellt, zeigt, daß der innerliche Führer, der eben von Gedanke zu Gedanke, von Anschauung zu Anschauung, von Impuls zu Impuls führt, daß dieser Führer der Geist ist. Wenn dieser Führer der Geist ist, dann braucht man ihn nicht immer wieder vorzupiepsen!
Das ist etwas, was Ihnen zeigt, wie man an der Sprache erhärten kann, was ich in einem umfassenden Vortrage darstellen könnte.