The Relationship between Anthroposophy and the Natural Sciences
GA 75 — 8 July 1920, Bern
Anthroposophie, Ihr Wesen und Ihre Philosophischen Grundlagen
Meine sehr verehrten Anwesenden! Über Wesen und Aufgabe der anthroposophisch orientierten Weltanschauung möchte ich Ihnen heute auf Einladung der hiesigen Freien Studentenschaft sprechen und in einigen einleitenden Worten vor allen Dingen darauf hinweisen, daß diese anthroposophisch orientierte Weltanschauung in vollem Einklang stehen möchte erstens mit den wesentlichsten Kulturforderungen der Gegenwart und - soweit man sie erkennen kann - der nächsten Zukunft. Insbesondere aber möchte diese Weltanschauung auch in vollem Einklange stehen mit dem, was sich im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte für die Entwicklung der Menschheit ergeben hat durch das, was man wissenschaftliche Weltanschauung nennt. Man darf wohl sagen: Diese anthroposophisch orientierte Weltanschauung, welche heute noch von vielen Leuten eigentlich nur wie eine Sektiererei genommen wird, wie die Schrulle einiger weltfremder Menschen, sie möchte gerade in intensivster Weise hinzuhorchen verstehen auf dasjenige, was unsere Zeit am tiefsten bewegt, möchte gewissermaßen eine Gewissensfrage unserer Zeit- und wohl noch mehr der nächsten Zukunft - ganz intensiv erfassen.
Darf man denn nicht sagen, meine sehr verehrten Anwesenden, daß etwa seit drei bis vier Jahrhunderten durch dasjenige, was wissenschaftlich orientierte Weltanschauung genannt wird, mancherlei von den alten Vorstellungsweisen, die des Menschen Herz und Sinne befriedigten, in Zwiespalt mit dem Menschen selbst gebracht worden ist, daß mancherlei abgeworfen werden mußte von dem, was Jahrhunderten, was Jahrtausenden heilig war, daß die Wissenschaft manches als Illusion ausgewiesen hat, was ältere Weltanschauungen zu ihrem wertvollsten Bestande gerechnet hatten? Und ist es nicht aus den Nöten, aus den Katastrophen unserer Zeit heraus doch deutlich zu erkennen, daß der Augenblick, der weltgeschichtliche Augenblick gekommen ist, in dem nun diese wissenschaftliche Weltanschauung gewissermaßen auch das erfüllen muß, was seit langer Zeit viele von ihr erwarten: daß sie dem Menschen wiederum eröffnen muß einen Weg zu denjenigen geistigen Höhen, ohne die er nun eben doch nicht leben kann und zu denen sie ihm den alten Weg ja genommen hat? Mit dieser Frage, meine sehr verehrten Anwesenden, möchte anthroposophische Weltanschauung ganz ernst machen. Nun gebe ich mich gewiß keiner Illusion darüber hin, daß ich in der kurzen Zeit eines Vortrages irgend jemanden in diesem Saale überzeugen könnte von dem, was Anthroposophie eigentlich anstrebt. Gewissermaßen nur andeuten werde ich können einige der Wege, welche auf diesem Felde beschritten werden. Und anregen werde ich können einiges in bezug auf die Art, wie geforscht und gefragt werden soll auf diesem Gebiete anthroposophisch orientierter Weltanschauung.
Ihrem Wesen nach ist Anthroposophie durchaus verschieden von aller anderen gegenwärtigen Wissenschaftlichkeit. Und weil sie ihrem Grundwesen nach verschieden ist gerade auch von dem, was man heute gewöhnlich als das einzige Wissenschaftliche anschaut, deshalb wird sie in weiten Kreisen mißverstanden, wird ihr - man darf schon sagen — so übel mitgespielt. In der gewöhnlichen Wissenschaft, wie überhaupt auch im Leben, betrachtet man als die Quellen der menschlichen Erkenntnis das, was man durch die Sinne erfahren kann, und das, was der Verstand, der Intellekt an Naturgesetzen und dergleichen aus dieser Sinnenwelt heraus durch Betrachtung gewinnen kann. Man versucht auf diesem Wege eine Überschau über das zu gewinnen, was in des Menschen Weltumgebung ist. Man versucht Anschauungen auf diesem Wege zu gewinnen über des Menschen eigene Stellung und Aufgabe innerhalb der Weltordnung. Gewissermaßen betrachtet man den Menschen so, wie er nun einmal in die Welt hineingeboren ist, wie er im gewöhnlichen Sinn des Wortes erzogen und unterrichtet werden kann und wie er sich dann auf Grundlage dieses Hereingeborenseins in die Welt allein auf Grundlage seiner als Mensch ererbten Fähigkeiten und Eigenschaften, auf Grundlage dessen, was die gewöhnliche Erziehung ergibt, wissenschaftlich oder sonstwie im Leben umsehen kann.
Auf diesem Standpunkt steht nun Anthroposophie nicht. Sie appelliert an etwas im Menschen, das heute noch eigentlich eine Seltenheit in der menschlichen Natur ist und das, wenn die Menschheit ihre nächste Kulturaufgabe erfüllen wird, sich in ganz anderer Weise noch, als es heute vorhanden ist, in der menschlichen Kultur wird geltend machen müssen. Anthroposophie appelliert an dasjenige, was ich nennen möchte intellektuelle Bescheidenheit. Ich mache öfter durch einen Vergleich klar, was ich unter dieser intellektuellen Bescheidenheit verstehe — das führt uns sogleich in das Wesen dessen hinein, was Anthroposophie eigentlich sein will. Wenn wir ein fünfjähriges Kind haben und wir geben beispielsweise diesem fünfjährigen Kind einen Band Goethescher Gedichte, was wird es mit diesem Band Goethescher Gedichte machen? Es wird wahrscheinlich zunächst damit spielen und dann das Buch zerreißen; jedenfalls wird es keine Ahnung von dem haben, wozu eigentlich dieser Band Goethescher Gedichte bestimmt ist. Unterrichten wir das Kind, ziehen wir es heran, so werden wir es dahin bringen, daß es als erwachsener Mensch von 17, 18, 19 Jahren einen ganz anderen Gebrauch von diesem Band Goethescher Gedichte macht. Man kann sagen: Genau dasselbe war vor dem fünfjährigen Kinde, was nun vor dem siebzehn-, achtzehnjährigen Menschen ist. In ganz anderer Weise aber verhält sich der siebzehn-, achtzehnjährige Mensch als das Kind, weil in ihm selbst etwas herangezogen ist, weil aus den Tiefen seines Inneren etwas herausgeholt ist, was eben auch ein anderes Verhältnis zu dem Buch als vorher bedingt. Auf des Menschen Verhältnis zur Natur, zur ganzen Welt übertragen, ergibt sich dasjenige, was ich intellektuelle Bescheidenheit nennen möchte, nämlich wenn sich der Mensch dazu entschließt, sich zu sagen, einfach als Mensch: Wie alt ich auch werde, wie ich auch im gewöhnlichen Leben erzogen und unterrichtet werde, ich stehe zu der gesamten Natur und zu der gesamten Umwelt überhaupt so, daß ich mich dazu verhalte wie das fünfjährige Kind zu dem Goethe-Band. Und um mich anders zu verhalten, muß ich erst etwas, das tief im Inneren meines Wesens ruht, aus diesem Innersten meines Wesens heraufholen. Dann wird sich mir etwas enthüllen, was sich mir nicht durch die gewöhnliche Sinnesbeobachtung, nicht durch den gewöhnlichen kombinierenden Verstand, wie er sich im herkömmlichen Leben und Werden betätigt, bieten kann. - Das ist das Wesen anthroposophischer Weltanschauung, daß man nicht so, wie man ist, an die Untersuchung der Dinge herangeht, sondern daß man erst etwas, was im menschlichen Innern verborgen ist, herausholt. Und erst nachdem man seine eigene Entwicklung in gewissem Sinne in die Hand genommen hat, nachdem man sich weiter gebracht hat, als man dadurch ist, daß man geboren ist, daß man im gewöhnlichen Sinne erzogen und unterrichtet ist, nachdem man sich zu einem anderen Menschen gemacht hat, geht man an die Untersuchung, an die Erforschung der Dinge heran. Also, Umwandlung des ganzen menschlichen Seelenlebens vor der Erforschung der Dinge, das macht zunächst das Wesen desjenigen aus, was dem Streben anthroposophisch orientierter Weltanschauung zugrunde liegt.
Und da muß ich sagen, von zwei Eckpfeilern - namentlich auch des wissenschaftlichen Lebens - geht anthroposophisch orientierte Weltanschauung aus. Der eine Eckpfeiler sind die Grenzen des Naturerkennens. In bezug auf das Naturerkennen steht Anthroposophie durchaus auf dem Boden jener gewissenhaften Forschung, welche der Naturforschung selber ganz bestimmte Grenzen setzt, wie überhaupt anthroposophisch orientierte Weltanschauung in vollem Einklange stehen will mit alledem, was Naturwissenschaft in berechtigter Weise zutage fördert. Aber wir kommen ja, indem wir uns gerade nicht in dilettantischer Weise, sondern in sachlicher und fachlicher Weise in irgendein Gebiet der Naturwissenschaften vertiefen, notwendigerweise zu Grenzen.
Und wir müssen uns doch an diese Grenzen gewisse Begriffe hinsetzen, von denen ich heute - nur um irgend etwas anzuführen als Beispiel, es könnten viele andere Beispiele angeführt werden - die zwei Begriffe etwa des Atoms oder der Materie und der Kraft überhaupt hinstellen möchte. Wir kommen dazu, dann mit solchen Begriffen wie Kraft und Materie, Kraft und Stoff, naturwissenschaftlich zu arbeiten. Man hat ja viel philosophisches Denken an solche Begriffe wie Kraft und Stoff angeknüpft. Man ist ja in der neueren Zeit sogar so weit gekommen, daß man eine Philosophie des «Als ob» begründen wollte, das heißt, man sagte sich, man könne doch nicht irgendwelche ganz klaren, lichtvollen Begriffe sich erringen von Kraft und Stoff, und so solle man forschen im weiten Umkreis der Erscheinungen, der Wahrnehmungen, «als ob» solche Begriffe einem Realen entsprechen würden, das man eben nicht kennt, «als ob» sie irgendeine Berechtigung hätten. Man darf wohl sagen, es ist eine desperate Weltanschauung, diese Philosophie des «als ob», so plausibel sie auch gerade manchen Menschen der Gegenwart erscheint. Wir stehen eben durchaus bei einem der Eckpfeiler menschlichen Erkennens, wenn wir bei diesem Begriffe, bei diesem Grenzbegriffe des Naturerkennens angekommen sind. Bloß intellektuell verfolgt werden diese Begriffe für unsere Erkenntnis gewissermaßen zu einem Kreuz, zu einer Crux.
Der Geistesforscher, der Anthroposoph, versucht nun in einer ganz anderen Weise fertig zu werden mit diesem Begriff als die gewöhnlichen Philosophen. Die gewöhnliche Philosophie sucht das intellektualistische Verfahren auch an den Punkten fortzusetzen, wo man an den Grenzen der Naturwissenschaft angekommen ist. Geisteswissenschaft, wie ich sie hier meine, versucht, etwas ganz anderes in der Menschenseele zu beginnen. Wenn man bei diesem Grenzbegriff angekommen ist, da ergibt sich dann der eine Teil geisteswissenswissenschaftlicher, geistesforscherischer Methodik. Dieser eine Teil besteht in einer keineswegs konfusen oder schlechten mystischen Meditation, sondern in einer systematischen, wohlgegliederten, durchaus streng durchgeführten und gewissenhaften Meditation. Diese Meditation möchte ich Ihnen zunächst wenigstens dem Prinzipe nach schildern. Das Genauere darüber finden Sie ja in der Literatur, namentlich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Da handelt es sich darum, daß man immer wieder und wieder - und ich betone ausdrücklich, Geduld und Energie gehören zu diesen Dingen - üben muß. Im chemischen Laboratorium zu forschen, mag manchem schwierig erscheinen, auf der Sternwarte ebenso; leicht mag es ihm erscheinen, durch systematische Umbildung des Seelischen irgend etwas zu erreichen. Doch derjenige, der sich an die wirklich strenge Methode auf diesem Gebiete hält, der weiß, daß alles Forschen im Laboratorium, in der Klinik, auf der Sternwarte ein verhältnismäßig leichtes ist gegenüber denjenigen Prozeduren, die man sich leichter vorstellt, als sie sind, und die bestehen in einer Umbildung unseres Seelenlebens.
Das beginnt dadurch, daß man zunächst streng übersichtliche, einfache Begriffe - sagen wir zunächst solche, die man sich selber gebildet hat, irgendwelche Symbole oder dergleichen - in den Mittelpunkt seines Vorstellungslebens stellt. Dabei kommt es nicht darauf an, meine sehr verehrten Anwesenden, daß diese Begriffe, diese Vorstellungen einem Wahren entsprechen, denn auf das, was durch diese Vorstellungen in unserem Seelenleben bewirkt wird, auf das kommt es an. Daß wir gewissermaßen mit diesen Vorstellungen eine strenge Selbsterziehung, eine strenge Selbstzucht vollführen in unserem Intellekt, darauf kommt es an. Wir stellen daher solche Begriffe, die wir streng überschauen können, solche, die wir uns selbst gebildet haben oder die wir uns von erfahrenen Geistesforschern raten lassen, in den Mittelpunkt unseres Seelenlebens. Wir versuchen zunächst für unser Bewußtsein alles andere auszuschalten, nur dieses Bewußtsein einzig und allein auf solch streng überschaubare Begriffe zu konzentrieren. Es handelt sich darum, daß in dem Augenblicke, wo wir uns so auf solche Begriffe konzentrieren, in der Tat unsere leiblichen Vorstellungen, unsere Erinnerungsvorstellungen von allen Seiten - wie wenn wir in einem Bienenschwarm wären und die Bienen heranflögen - herbeifliegen und eigentlich diese unsere innere Methodik zernichten möchten. Da müssen wir immer größere und größere Kraft aufwenden. Und auf das Aufwenden dieser Kraft kommt es an; es kommt darauf an, daß wir den Willen hineintreiben, mit aller Macht den Willen hineintreiben in das Vorstellungsleben, in das Vorstellen, daß wir in der Tat heranerstarken an diesem Hineintreiben des Willens in das Vorstellungsleben.
Das ist die eine Seite streng wissenschaftlicher oder besser gesagt zur Wissenschaft führender Meditation: daß wir den Willen in das Vorstellungsleben hineintreiben. Solche Übungen lassen sich nicht in ein paar Tagen absolvieren. Solche Übungen erfordern eine jahrelange Anstrengung. Immer wieder und wieder muß man auf sie zurückkommen. Nicht darum handelt es sich, daß man diese Übungen lange an einem Tage vollführt. Man möchte sagen, ein paar Minuten genügen für einen Tag. Aber immer wieder und wieder darauf zurückzukommen, das ist es, worum es sich handelt. Dann erlebt man endlich, wie die Seele ganz andere Kräfte aus ihren untersten Gebieten heraufruft, als sie im gewöhnlichen Leben und auch in der gewöhnlichen Wissenschaft heraufgerufen werden. Wendet man sie an, indem man alle mögliche Willensanstrengung hinkonzentriert auf einen solchen selbstgemachten Willensinhalt, dann erringt man nach einiger Zeit wie gesagt, ich kann nur das Prinzip andeuten, das Genauere können Sie nachlesen in meinen Büchern - die Möglichkeit, sich in anderer Art als bloß intellektuell an die Grenzbegriffe der Naturwissenschaft, an solche Begriffe wie Stoff und Kraft und dergleichen ich könnte auch andere anführen - zu machen.
Dann kommt das folgende: Man spekuliert nicht mehr, man philosophiert nicht mehr an diesen Grenzen des Naturerkennens, sondern man erlebt etwas an diesen Begriffen. Gegenüber diesen Begriffen geht etwas in der Seele vor, das Erlebnisse umfaßt, die wir sonst nur erleben, meinetwillen wenn wir äußerlich lieben oder wenn wir sonst im Kampfe des äußeren Lebens drinnen stehen. Darauf kommt es an, meine sehr verehrten Anwesenden, daß wir, indem wir von aller äußeren Welt absehen, in unserem Inneren etwas durchmachen, das uns also in eine Realität führt, die ebenso intensiv für uns ist, ebenso intensiv für unser Bewußtsein sich darlebt wie sonst nur die äußere Realität, die wir mit unseren Händen und Füßen berechtigt berühren und bearbeiten. Und wenn wir uns in dieser Weise durchgearbeitet haben durch Konzentration, durch Meditation zu einem Bewußtsein, das innerlich, im Intellekt, willentlich erstarkt ist, dann tritt endlich das ein, was man so charakterisieren kann: So wie man sonst das Rot durch äußere Beobachtung erkennt als Farbe, wie man das Blau erkennt, wie man das Cis oder das C hört, so erkennt man, wenn man sich in dieser Weise durchgearbeitet hat, indem man sich nun nicht mehr des Körperlichen, nicht mehr des Nervensystems oder dergleichen als eines Werkzeuges bedient, sondern indem man das erlebt an dem bloß Seelischen, so erkennt man, daß es ein Seelisches an sich gibt - das weiß man im unmittelbaren Bewußtsein.
In diesem Momente, meine sehr verehrten Anwesenden, ist es, wo man sich durch unmittelbares Erlebnis folgendes sagt - ich möchte es durch einen Vergleich andeuten. Nehmen wir an, wir gehen einen Weg, der aufgeweicht ist, wir sehen von Fuhrwerken Rinnen in dem Weg, wir sehen Fußtritte. Es wird uns, wenn wir vernünftige Menschen sind, nicht einfallen zu sagen: Diese Rinnen, die da im aufgeweichten Wege sind, sie rühren davon her, daß unter der Oberfläche Kräfte sind, welche die Erde in eine solche Konfiguration bringen, daß diese Rinnen, diese Fußtritte da entstehen. - Wir werden uns vielmehr sagen: Da kommt etwas an die Erdoberfläche heran, das dieser Erdoberfläche als solcher gleichgültig ist, das von außen an sie herankommt; Fuhrwerke, menschliche Füße sind ja darüber gegangen, die dem, was das Erdreich als solches aus sich heraus gestaltet, gleichgültig sind. - Lernt man auf die Weise, wie ich es geschildert habe, die innere Konfiguration des Seelenlebens wirklich kennen, dann sieht man zuletzt alles das, was physische Organisation des Gehirns ist, auch so an, daß man sagt: Das ist durchaus nicht durch innere Kräfte der leiblichen Konstellation irgendwie gestaltet, sondern da hat das Seelische, das man jetzt erst kennengelernt hat, von außen ebenso gearbeitet, wie die menschlichen Fußtritte oder die Fuhrwerke im aufgeweichten Erdreich gearbeitet haben.
Mit anderen Worten, meine sehr verehrten Anwesenden, man lernt das Seelische nicht durch Spekulation kennen, man lernt es nur kennen, indem man sich allmählich hinaufarbeitet zum Erleben des Seelischen, indem man gewissermaßen das, was das gewöhnliche Leben und die gewöhnliche Wissenschaft als ihr Ende betrachten möchten — das Intellektuelle, die Begriffe der Wahrnehmung -, indem man das erst den Anfang sein läßt. Ist man an dem Punkte, wo man dieses Seelische auf diese Weise in unmittelbarer Wahrnehmung erlebt hat, dann steht man durch diese Methode, durch diese Art der anthroposophischen Methodik, unmittelbar vor dem erfahrungsgemäßen, erlebbaren Erfassen dessen, was ich nennen möchte die menschliche Präexistenz, die geistig-seelische Präexistenz des Menschen, denn von diesem Anschauen aus ergibt sich nun nicht eine Spekulation nach dem, was man menschliche Unsterblichkeit nennt, sondern eine unmittelbare Anschauung der Präexistenz. Man sieht ja dasjenige innerlich seelisch in der Geistesschau, was am Leibe arbeitet, was den Leib konfiguriert. Man sieht es an, und indem man es anschaut, weiß man es auch zu verfolgen bis vor die Geburt oder, sagen wir, bis vor die Empfängnis. So verfolgt Anthroposophie die Unsterblichkeitsidee ihrem Wesen nach anders als die gewöhnliche Philosophie. Die gewöhnliche Philosophie sucht zu erschließen aus dem, was zwischen der Geburt und dem Tod erlebt wird, dasjenige, was über Geburt und Tod hinausreicht. Anthroposophie sucht selbst die Arbeit des Erschließens nur als eine Vorbereitung zu betrachten; sie sucht gerade in das Erschließen der Grenzbegriffe sich ganz hineinzuleben, damit sie erleben könne das, was als Unsterbliches im Menschen figuriert, in ihm tätig ist. Subjektiv wird das, was ja des Menschen Bewußtsein ausfüllt, aktiver, als wir es sonst im Bewußtsein haben. Und das ist das eigentlich Wichtige - ich werde im späteren Teil des Vortrages noch einmal darauf zurückkommen müssen -, daß vor allen Dingen durch diese Methodik der Anthroposophie der Mensch immer aktiver wird. Er hört tatsächlich auf, sich bloß passiv hinzugeben an den Verlauf der Geschehnisse, an dasjenige höchstens, was er hervorbrachte im Laufe der neueren Zeit durch die Anordnung des Experiments, wobei er sich aber wiederum passiv hingibt dem, was ihm das Experiment sagt. Das hat gewiß alles seine Berechtigung, und gegen diese Berechtigung streitet Geisteswissenschaft am allerwenigsten. Aber darüber hinaus erhebt sich anthroposophisch orientierte Methodik zu einem aktiven Denken, zu einem Denken, das unmittelbar im Akt des Denkens des Menschen unsterbliche Wesenheit selber ergreift. Ich weiß, wieviel man sagen kann gegen dieses Erleben, das an die Stelle des gewöhnlichen diskursiven Beweisens treten muß, allein nur schon, insofern sich das philosophisch rechtfertigen läßt - ich werde noch andeutend darauf zurückkommen. Ich wollte nur auf der einen Seite zeigen, wie in der Tat dieser Teil anthroposophischer Methodik, der auf einer Wertung des Denkens beruht, auf einem Hineinwirken des Willens in den Intellekt, zu einer wirklich wesenhaften Erkenntnis der Präexistenz des Menschen führt. Jenes Unsterbliche wird erfaßt, das vor der Empfängnis, vor der Geburt in Geisteswelten da ist und das nicht aus dem Körperlichen heraus erklärt werden darf, weil es sich selbst als dasjenige erweist, was an dem Körperlichen arbeitet, und weil gerade das Körperliche, das Leibliche sich ergibt - wie ich auch gleich zeigen werde an einem Beispiel - als dasjenige, was herausgestaltet wird aus diesem Geiste.
Der zweite wichtige Teil anthroposophischer Methodik besteht nun darinnen, daß man in einer anderen Weise, als das gewöhnlich der Fall ist, an das eigene Selbst heranrückt. An dieses eigene Selbst rücken ja die Menschen gewöhnlich heran durch das, was man Mystik im gewöhnlichen Sinne des Wortes nennt. Wie nun der Anthroposoph sich keinen Illusionen mehr hingeben darf in bezug auf die Grenzen der Naturerkenntnis, wie er durch das eben geschilderte Erleben diese Naturerkenntnis in ihrer wahren Gestalt schauen muß, so darf sich derjenige, der in wirklichem Sinne anthroposophischer Forscher werden will, auch keinen Illusionen hingeben über die Täuschungen, über die Illusionen gewöhnlicher Mystik. Wer da glaubt, in das menschliche Innere hineinschauen zu können auf dem Wege, wie es die Mystiker aller Zeiten geschildert haben, wie es auch in der Religion oftmals angedeutet wird, der gelangt nicht wahrhaftig zu einer Erkenntnis des menschlichen Selbstes. Man kann gar nicht, meine sehr verehrten Anwesenden, auf diesem Wege über das Element der Täuschung hinauskommen.
Wieviel weiß denn der Mensch schon von dem, was er, sagen wir in der Kindheit, da oder dort gehört hat? Er braucht nur einmal irgendwo auf einer Wiese gelegen zu haben, einen fernen Glockenklang gehört zu haben; kaum ist diese Tatsache in sein Bewußtsein eingetreten, hat er sie gleich wieder vergessen. Jahrzehnte danach tritt er als Mann, als erwachsener Mensch irgendeinem Ereignis der Welt gegenüber - leise erscheint innerhalb dieser Ereignisreihe so etwas, was anklingt an jenen fast gar nicht beachteten Glockenklang. Und eine ganze Reihe von Vorstellungen, von denen man glaubt, daß sie aus dem menschlichen Inneren herausquellen, sind nichts anderes als eine Reminiszenz an das, was wir in früher Jugend durchgemacht haben. Wer sich wirklich bemüht, in strengerer Psychologie, als sie heute gewöhnlich üblich ist, in solcher Art das menschliche Innere zu erforschen, der weiß, wie sehr die menschliche Selbsterkenntnis Täuschungen ausgesetzt ist. Er weiß, inwiefern dasjenige, was die Mystiker aller Zeiten glaubten aus ihrem Inneren hervorzuholen als irgendeine Kraft, nichts anderes ist als die umgestaltete, vielleicht nebulos gewordene, jedenfalls aber metamorphosierte Erfahrung eines früheren Lebensalters. Geradeso wie man, um ohne Täuschung an die Grenze der Naturerkenntnis heranzurücken, solches durchmachen muß, wie ich es jetzt geschildert habe, so darf man sich nicht nebuloser Mystik im gewöhnlichen Sinne hingeben, sondern man muß — wiederum in einer anderen Art- an dem anderen Eckpfeiler des menschlichen Erkennens in systematischer Weise die Seele schulen. Und das kann man nur, wenn man an etwas herantritt, auf das man eigentlich sonst im Leben wenig achtet.
Wir erleben unser Dasein zwischen Geburt und Tod von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, von Jahr zu Jahr. Wir geben uns vielem passiv hin. In weniges stellen wir uns aktiv, willentlich voll hinein. Wer in dem hier gemeinten Sinne ein Geistesforscher werden will, der muß dasjenige als zweites Glied des Erkenntnisweges betrachten, was ich nennen möchte streng systematische Selbstzucht. Man muß sich immer wieder und wiederum vornehmen - deshalb dauert der Erkenntnisweg Jahre, viele Jahre -, man muß sich immer wieder und wiederum vornehmen: Du willst dir diese oder jene Eigenschaften - wie Nietzsche es nannte — «einverleiben». Du willst das oder jenes aus dir machen. — Erlange ich so die Möglichkeit, gewissermaßen die Brücke zu schlagen zwischen dem Jetzt und einem Zeitpunkt, der vielleicht fünf, zehn oder fünfzehn Jahre zurückliegt, habe ich mir etwas fünf, zehn oder fünfzehn Jahre lang in meine Seele durch meine eigene Aktivität einverleibt, so bin ich in der Lage zu verfolgen, wie dieses mir durch fünf, zehn oder fünfzehn Jahre Einverleibte - etwas, was ich durch Selbstzucht mir zu eigen gemacht habe -, wirkt, das heißt, ich nehme dann wahr, wie so etwas heute zu etwas anderem geworden ist, wie es als ein neues Element auftritt.
Bringe ich es auf diese Weise dahin, meine sehr verehrten Anwesenden, daß ich in Intellekt, Begriff, Vorstellung dasjenige hineintrage, was sonst bloß als Wille wirkt - wie ich also hineingetragen habe in den Intellekt den Willen -, so muß ich jetzt den Intellekt hineintragen in mein Leben, in dasjenige Wollen, das sonst gewöhnlich an mir nur vorbeifließt, indem ich mich passiv dem Leben hingebe. Ich nehme mein Leben in die Hand. So versuche ich, gewissermaßen neben mir herzugehen, mich selber zu betrachten - man muß das nur mit der nötigen Naivität machen, dann verliert man auch die Lebensnaivität nicht. Durch solche Vorgänge wird man also gewissermaßen sein eigener Doppelgänger. Und man gelangt dazu, das Willensleben zu etwas zu machen, das man beobachtet, wie man sonst bloß die äußere Natur beobachtet. Gelangt man dazu, sich in dieser Weise gewissermaßen zu verdoppeln, sich zu einem Zuschauer und zu einem Handelnden zugleich zu machen, so hat man damit etwas erreicht, was sich auf eine ganz eigentümliche Weise äußert. In einer neuen Art wird einem jetzt dasjenige klar, was man bisher im Grunde genommen nur als Gedächtnis angesehen hat. Die Erinnerungsvorstellungen tragen dasjenige, was man erlebt hat vor zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren und so weiter, in die Gegenwart herein. Jetzt erlebt man etwas ganz Neues, das wie eine Umwandlung des Gedächtnisses sich ausnimmt.
Damit ich aber nicht mißverstanden werde, bemerke ich ausdrücklich: Selbstverständlich - im ganzen übrigen Leben behält man sein gewöhnliches Gedächtnis; nur für die Geistesforschung erlebt man die zu schildernde Umwandlung des Gedächtnisses. Man erlebt so etwas, wie man es sonst nur im Raume erlebt. Im Raume geht man sagen wir durch eine Allee. Man kehrt sich einmal um: Man sieht nicht nur die Bilder der Bäume, an denen man vorbeigegangen ist, nein, man sieht - wenn auch durch eine andere Perspektive als vorher - die Bäume selbst. Ebenso steigt es im Bewußtsein herauf. Man sieht auf sein Leben zurück, aber jetzt nicht bloß, indem man die Bilder, die Phantasmen des Vergangenen hat, sondern man erkennt - geradeso wie wenn man sich in einer Allee im Raume umsieht - an der anderen Perspektive, daß man das Leben in unmittelbarer Gegenwart, wie wenn die Zeit zum Raume geworden wäre, überschaut. Es wird dasjenige, was sonst Gedächtnis ist, zu einer ganz neuen Geisteskraft, zu einem Hineinschauen in die Zeit. Und jetzt erst erlangt man in einem gewissen Sinne eine wirkliche Erkenntnis über jenes geheimnisvolle Element in unserem eigenen Wesen, das uns ja sonst ebensowenig bekannt ist, wie für das gewöhnliche Bewußtsein der Inhalt des Schlafes, des traumlosen Schlafes bekannt ist. Man erlangt so einen Einblick in das Wesen des menschlichen Willens, und man erlangt in der Tat die Möglichkeit, dieses Wesen des menschlichen Willens walten zu sehen im Leiblich-Physischen. Und damit, daß man den Willen in dieser Weise als umgestaltetes Gedächtnis kennenlernt, erlangt man eine unmittelbare Anschauung über das andere Ende des Lebens, über die Postexistenz, über dasjenige in uns, was uns hinausträgt durch die Pforte des Todes und hineinträgt in eine geistige Welt. Wiederum ist es durch Ausbildung eines ganz besonderen Seelenelementes zu einem unmittelbaren Erleben, wodurch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft vordringen will zu einer umfassenden Weltanschauung.
Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, dadurch, daß man in dieser Weise die beiden Eckpfeiler der menschlichen Erkenntnis behandelt, die Naturerkenntnis auf der einen Seite, die Selbsterkenntnis auf der anderen Seite, dadurch, daß man auf der einen Seite hineingelangt über die Grenzen des Naturerkennens— aber nicht durch Spekulieren, sondern durch unmittelbares Erleben -, in das Seelische an sich, daß man auf der andern Seite hineingelangt in das Element seines eigenen Willens - nicht dadurch, daß man Mystik treibt, sondern indem man in strenger Selbstzucht methodisch das Erinnerungsvermögen in sich heranbildet -, dadurch weckt man in der Tat im Inneren des Menschen dasjenige auf, was dieses Menschen Unsterbliches ist. Und das scheint mir eine Fortsetzung desjenigen zu sein, was zwar nicht äußerliche wissenschaftliche Methode der Gegenwart ist, was aber wissenschaftliche Erziehung ist.
Ich darf wohl gestehen, daß mir scheint, derjenige, der nicht aus blindem Autoritätsdrange oder aus Bequemlichkeit heraus stehen bleibt bei dem, was Naturwissenschaft in der Gegenwart gibt - diese bewundernswerte Naturwissenschaft -, sondern wer sich vorgeben läßt von der Naturwissenschaft die große Frage, die sie nun einmal der Seele auferlegt, der muß sich, so wie ich es in meinen «Rätseln der Philosophie» dargestellt habe, gedrängt fühlen, nun nicht bloß über dasjenige hinauszuspekulieren, hinauszuphilosophieren, was die Naturwissenschaft gibt, sondern er muß das, was er anwendet, indem er experimentiert, weiter auszugestalten suchen zu einem aktiveren Intellekt, zu einem aktiveren Wollen. Dann gelangt er zu jener Intensität des Seelenlebens, von der ich eben gesprochen habe, wo die Unsterblichkeit nicht erspekuliert, sondern unmittelbar angeschaut wird. Und dann, meine sehr verehrten Anwesenden, dann stellt sich auch dasjenige ein wie etwas Selbstverständliches, was heute den Menschen, wenn es so geschildert wird wie zum Beispiel in meiner «Geheimwissenschaft» oder in manchen meiner anderen Bücher, noch als eine wüste Phantasie erscheint, was aber allmählich immer mehr und mehr, wie ich glaube, gerade aus dem Rätselvollen der Naturwissenschaft selber hervorgeht, sich da heraus ergeben wird. Wie suchen wir denn in der Naturwissenschaft zurechtzukommen? Nach strengen Methoden! Und gerade derjenige, der auf dem Boden der Anthroposophie steht, wird der allerletzte sein, der diese strengen naturwissenschaftlichen Methoden nicht anerkennt. Aber sehen Sie, man steht zum Beispiel doch vor dem folgenden. Man sagt sich: Da bilden wir gewisse geologische Anschauungen aus; und da versuchen wir nach dem Ausgangspunkte von Lyell und anderen Geologen ein Bild zu gewinnen von der geologischen Schichtung der Erde in der Gegenwart. Wir versuchen dann, nach den sattsam bekannten Methoden, aus diesem Bilde heraus ein Bild der Vergangenheit zu gewinnen, indem wir - mehr oder weniger sind ja die Zeiträume strittig— Jahrmillionen zurückgehen; andere Forscher gehen Jahrmillionen vorwärts, indem sie dies oder jenes über das Erdenende aus Physikalischem oder Geologischem heraus prophetisch voraussehen. Wir machen uns ja ein Bild von dem Werden unserer Erde, und mit der Erde hat der Mensch sich entwickelt. Nun aber, ich kann nicht in der kurzen Zeit eines Vortrages über die ja immerhin vorhandenen geisteswissenschaftlichen Forschungsergebnisse einen vollständigen Einblick geben - wenn Sie die entsprechende Literatur durchsehen, werden Sie sehen, daß gewisse Dinge vorhanden sind, ich kann nur anregen, nur hindeuten auf die Art und Weise, wie die Dinge gesucht werden.
Man nehme das Beispiel der menschlichen Herzuntersuchung. Wir verschaffen uns ein Bild davon, wie sich dieses menschliche Herz im Organismus durch fünf, zehn Jahre und so weiter hindurch umwandelt. Wir schließen dann, wie dieses menschliche Herz vor dreißig Jahren war, können es auch gut machen bei einem Menschen, der vierzig Jahre alt ist, aber nicht bei einem, der nur zwanzig Jahre alt ist. Wir könnten aber die bloße Folgerung weiter fortsetzen und könnten ähnlich, nach ganz streng rechnerischer Methode verfahren, könnten uns fragen: Wie war also dieses Herz vor dreißig Jahren? - Wir würden dabei keine andere Methode einschlagen als jene, die die heutigen Geologen einschlagen, wenn wir bei dieser oder jener Grundschicht sagen würden, wie sie vor Jahrmillionen gewesen sei, denn wir vergessen dabei, daß vor diesen Jahrmillionen die Erde vielleicht nicht da war, ebensowenig wie damals der Mensch da war als physischer Mensch. Und wenn wir heute nach irgendwelchen Gesetzen der Physik oder Geologie etwas Prophetisches voraussetzen über irgendein Erdenende nach Jahrmillionen, so ist das so, wie wenn wir nach dem Grade der Veränderung, die das menschliche Herz in fünf Jahren durchgemacht hat, nun berechnen, wie dieses Herz vor dreihundert Jahren bei dem Menschen war.
Das sieht zunächst aus wie etwas ungeheuer Paradoxes. Und dennoch, meine sehr verehrten Anwesenden, es ist durchaus etwas ganz Berechtigtes für den, der sich nun nicht mit seinem Intellekt oder mit dem, was die Autorität bei ihm heranerzogen hat, sondern der sich mit seiner ganzen Seele und mit einer unbefangenen menschlichen Natur gerade in die bewunderungswürdige Wissenschaft der Gegenwart vertieft. Und diese Wissenschaft der Gegenwart selbst, ihr kann gerade eine solche Betrachtungsweise, wie ich sie angedeutet habe, viel nützen, denn es ist ja allerdings heute noch durchaus so, daß man wenig Mitarbeiter hat auf einem geisteswissenschaftlichen Felde. Diejenigen, die man sich als Mitarbeiter wünscht, das sind wahrhaftig nicht Laien oder Dilettanten - dazu ist die Sache viel zu ernst. Als Mitarbeiter möchte ich am liebsten jene wünschen, die sich durch Jahre treu in irgendein Gebiet der Wissenschaft vertieft haben, die wissenschaftlich arbeiten gelernt haben und die sich in diesem wissenschaftlichen Arbeiten erhalten haben alle Unbefangenheit, die notwendig ist, um dann die menschlichen Erkenntnis- und Seelenkräfte so umzugestalten, wie ich es angedeutet habe, so daß man dann hineinkommt in dasjenige, was in einer viel konkreteren, in einer wahrhaft realistischen Weise zu einer Erkenntnis zum Beispiel der Menschennatur selbst führt. Anthroposophie wird die beste Grundlage zu einer für die Medizin und auch für die Sozialwissenschaft brauchbaren Anthropologie sein.
Deshalb war es mir eine so große Befriedigung - ich erwähne das, weil es durchaus zur Sache gehört, zu Sachen, die ich heute besprechen möchte -, als ich vor einigen Wochen in Dornach, wo wir ja in dem Goetheanum die Hochschule für Geisteswissenschaft mit anthroposophischer Orientierung errichtet haben, einen wochenlangen Kursus vor vierzig Ärzten und Medizinstudierenden halten konnte - einen Kursus über die Art und Weise, wie gerade die Brücke zwischen Pathologie und Therapie geschlagen werden kann, nach der sich heute so viele, gerade auch Mediziner, sehnen: wie diese Brücke geschlagen werden kann durch eine solche Einsicht in die menschliche Wesenheit, wie sie hervorgerufen werden kann, wenn wir nicht mehr in abstrakter Art über die Beziehungen von Leib und Seele nachdenken, sondern wenn wir dazu kommen, in das Konkrete hineinzuschauen. Davon möchte ich ein kleines Beispiel geben, allerdings ein etwas abgelegeneres Beispiel, aber es wird dieses in der Lage sein, hinzuweisen auf die Konkretheit, mit der Geisteswissenschaft gerade die speziell wissenschaftlichen Probleme behandeln will.
Es ist ja nun einmal so, daß spekuliert wird über die Beziehungen von Leib und Seele; parallelistische Theorien, Wechselwirkungstheorien und so weiter sind aufgestellt worden. Allein, man hat ja im Auge nicht ein wirkliches Anschauen auf der einen Seite des Seelisch-Geistigen, zu dem man nur kommt auf die Art, wie ich es heute geschildert habe, und auf der anderen Seite des Leiblichen. Die mehr materialistisch orientierte Weltanschauung leidet ja gerade unter dem tragischen Schicksal, daß sie die Materie nicht bewältigt. Wir können ja nicht hineinschauen in die materiellen Vorgänge, seit wir einen Materialismus haben, weil das Innere der materiellen Vorgänge eben Geistiges ist und man den Geist erst erschauen muß, wenn man die materiellen Vorgänge erkennen will.
So möchte ich Ihnen sozusagen mehr als Ergebnis zeigen, wozu man in bezug auf die Erkenntnis eines Entwicklungsmomentes des Menschen kommt, wenn man geisteswissenschaftlich forschend vorgeht. Wir sehen, wie der Mensch durch die Geburt hereinwächst in das physische Dasein. Wir sehen dann, wie in gewisser Beziehung ein wichtiger Abschluß da ist, wenn der Mensch so um das sechste, siebente, achte Lebensjahr herum den Zahnwechsel durchmacht. Allein dieser Zahnwechsel, er wird nur dann in richtigem Sinne aufgefaßt, wenn wir das ganze Leiblich-Geistig-Seelische des Menschen in Betracht ziehen, wie es sich da wandelt in dieser wichtigen Lebensepoche. Und wir sehen - ich kann nur andeuten -, wenn wir das Seelische betrachten, erstens dasjenige, was ich ja schon öfter auch hier von diesem Orte aus in Vorträgen, die ich mehr für Laien gehalten habe, auseinandergesetzt habe - wir sehen, wie aus dem Kinde, das sich bis zum Zahnwechsel hin als ein Nachahmer entwickelt, dasjenige Wesen wird, das gern unter dem Einfluß der Autorität dieser Umgebung sich heranbilden will, wie also mit dem Zahnwechsel das Nachahmungsprinzip in das Autoritätsprinzip übergeht. Aber abgesehen davon - wenn wir nun wirklich hinzuschauen vermögen auf dieses menschliche Seelenleben, wenn wir die Beobachtung des Seelischen zu vertiefen gelernt haben - und man lernt sich wahrhaftig vertiefen, wenn man alles dasjenige in sich ausbildet, was ich als Willens- und Intellektzucht heute erwähnt habe -, wenn man hinsieht auf alles, was mit dem Menschen vorgeht um die Zahnwechselperiode herum, dann fällt auf, wie das, was erst als Erinnerungsfähigkeit im Menschen heranwächst, einen bestimmten Wandel mit dem Zahnwechsel durchmacht. Es fällt auf, wie von dieser Epoche an unser Vorstellen anfängt, Konturen zu haben, wie es anfängt, zu fortlaufend erinnerbaren Vorstellungen zu werden. Und ich könnte vieles aufweisen! Ich müßte aber lange reden, wenn ich zeigen wollte, wie sich die Umwandlung des ganzen intellektuellen Seelenelementes rein empirisch zeigt um die Periode des Zahnwechsels herum.
Verfolgt man dann dasjenige, was man auf diesem Gebiete erforschen kann, weiter, verfolgt man es mit jenem konkreten Empirismus weiter, der sich eben dadurch ergibt, daß man sein Seelenauge geschärft hat durch die Methode, die ich geschildert habe, dann findet man, wie sich in dem gewissermaßen Herausstoßen-Können der zweiten Zähne etwas zeigt, was die ganzen ersten sieben Lebensjahre im Menschen arbeitet, sich zuletzt abstößt und einen Höhepunkt, eine Kulmination, erlangt mit dem Zahnwechsel. Jetzt, indem der Zahnwechsel eintritt, wird das Seelische ein anderes. Die Begriffe bekommen Konturen. Das ganze Erinnerungsvermögen, das ja allerdings früher schon vorhanden ist, wandelt sich aber eben um, und man erkennt, indem man die Begriffe der Goetheschen Metamorphosenlehre auf solche Entwicklungen ausdehnt, wie das seelisch-geistige Leben sich emanzipiert hat von dem physisch-leiblichen, wie dasselbe, was später im Vorstellen, also im Intellektuellen wirkt, im Körper gewirkt hat - gestaltend, plastisch gewirkt hat-, seine Kulmination im Zahnwechsel erlangt hat und, nachdem die Zähne herausgetrieben sind, sich geistig-seelisch zeigt. Da verfolgt man konkret, nicht mehr abstrakt, wie man sonst spekuliert über Leib und Seele, diese Gestaltungskraft, die man später anschaut, unmittelbar anschaut, wenn der Mensch scharf konturierte Begriffe, nicht Phantasmen herausholt aus der Erinnerung. Das verfolgt man, wie es gestaltet, wie es in den Zahnwechsel hinein die Kräfte treibt. Indem man die Beobachtung ausdehnt über die Zeit, sieht man, wie das Geistig-Seelische im Leiblich-Physischen arbeitet.
Dann wiederum merkt man, wenn man herantritt an den Menschen in der Lebensepoche, wo die Geschlechtsreife auftritt, wie in dieser Zeit vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife vorzugsweise das Willenselement sich konsolidiert. Aber es ist noch im Leibe wirksam, und man merkt an dem, was da auftritt- beim Knaben zeigt es sich ja auch in der Umwandlung der Stimme, bei den Mädchen zeigt es sich in anderer Weise, aber doch auch —, namentlich wie der Wille zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife gewissermaßen Besitz ergreift von dem menschlichen Organismus. Während das Intellektuelle sich emanzipiert, mit dem Zahnwechsel frei wird, selbständig wirkt, wird das Willentliche bis zur Geschlechtsreife frei. Ich möchte sagen, ein rein Geistiges verbindet sich mit dem Leib, so daß sich in dieser Veränderung, die beim Knaben im Stimmwandel eintritt, deutlich zeigt, wie das Willensleben sich in dem Leiblichen gestaltend erweist.
Schon aus diesen zwei Elementen, die ich da angegeben habe, sehen Sie, wie man im konkreten Beobachten mit geistiger Empirie herantritt an den Menschen. Das, was ich da gezeigt habe, das führt dann aber wiederum aus dem Menschen heraus in den Kosmos hinein, und man lernt ihn erkennen, so wie man sonst durch die Sinnesanschauung die äußeren Sinnesinhalte kennenlernt. Man lernt erkennen durch diese Geistesschau ein tieferes, aber auch ein wesentlicheres Element des Kosmos. Man lernt zum Beispiel erkennen, worinnen nun in den kosmischen Kräften, in die der Mensch eingebettet ist, dasjenige besteht, was da bis zum Zahnwechsel hin auf der einen Seite, bis zur Geschlechtsreife hin auf der anderen Seite wirkt. Es wirkt das eine Mal als ein Intellektualistisches, bis zum Zahnwechsel gestaltend, dann emanzipiert es sich und wirkt auf der anderen Seite als ein Willentliches, das mit der Geschlechtsreife den menschlichen Leib intensiv ergreift.
Jetzt lernt man erkennen, wie dasjenige, was gewissermaßen die Zähne heraustreibt, was im menschlichen Organismus arbeitet, damit es dann übergeht in die scharf konturierten Erinnerungsbegriffe, dasselbe ist, was man aber nur in Repräsentation - Licht nennen kann. Eigentlich ist es aber alles dasjenige, was sich zu der sinnlichen Wahrnehmung so verhält wie das Licht zum Auge. Man lernt erkennen, wie das Licht dasjenige ist, was da eigentlich im menschlichen Organismus wirkt, und wie durch die Kraft des Lichtes, die also im Schauen mit den Augen wirkt - aber eigentlich ist sie ja nur die Repräsentation, wir könnten von demselben Elemente für alle Sinne sprechen -, dasjenige überwunden wird, was sonst als die Schwere erlebt wird. Licht und Schwere, Licht und Gravitation sehen wir miteinander im Kampfe - das kosmische Licht, die kosmische Gravitation ist im Menschen wirksam bis zum Zahnwechsel hin. Und dann wiederum sieht man, wie vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife umgekehrt die Gravitation die Oberhand gewinnt, wie das Lichtvolle, das wiederum nur das übrige Wahrnehmen repräsentiert, der Inhalt der Sinneswahrnehmungen ist, wie aber da die Gravitation einen Sieg, einen inneren Sieg erringt über dieses Lichtmäßige und dadurch den Willen hineinzwingt in die menschliche Natur und dadurch gerade den Menschen innerlich auskonfiguriert mit dem, was ihn dann geschlechtsreif macht, seine Organisation nach seinem Schwerpunktselemente hinführt.
Dieses Durchschauenlernen der menschlichen Natur, meine sehr verehrten Anwesenden, dieses unmittelbar konkrete, empirische Verbinden des Geistigen mit dem Materiellen, das ist es, was sich ergibt dem anthroposophisch orientierten Weltanschauen. Wahrhaftig, es handelt sich da nicht um irgendeine nebulose Mystik, sondern es handelt sich um ein nicht nur ebenso strenges methodisches Forschen, wie es sonst in der Wissenschaft üblich ist, sondern um ein viel strengeres Forschen, weil jedes einzelne, an das man herangeht, zugleich begleitet ist von dem, was die Seele aus sich gemacht hat, so daß sie ein Neues in dem Alten sieht. Da wird in der Tat das, was man am Menschen anthropozentrisch erkennt ins Kosmische erweitert - ohne daß man anthropomorphisch wird -, und man wird schon sehen, daß es sich um eine strenge wissenschaftliche Methode handelt, wenn so etwas ausgebildet wird, wie ich es skizzenhaft darstellen konnte in meiner «Geheimwissenschaft».
Diejenigen haben es leicht, meine sehr verehrten Anwesenden, die über ein solches Buch lachen, weil sie nicht durchschauen all die Mühe, die da aufgewendet, all die Wege, die da gewandelt worden sind, damit so etwas zustande kommen kann. Aber es muß so etwas in der Gegenwart ausgesprochen werden. Die materialistische Orientierung hat es gerade dahin gebracht, die Materie nicht mehr erkennen zu können, sondern nur Spekulationen anzustellen über den Zusammenhang von Geist oder Seele mit Leib oder Materie. Die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft soll uns lehren, den Menschen zu erkennen - wirklich erfaßt, wie er ist als Geist, Seele und Leib -und von da aus dann die Wege in den Kosmos hinaus eröffnen, denn der Mensch ist etwas, was alles das in sich schließt, was sonst im Kosmos ist. Wir können ja ein längst verflossenes, aber von uns erlebtes Ereignis, das wir im Bilde in uns tragen — das Ereignis ist längst nicht mehr da —, aus demjenigen, was in unserer Seele ist, als Bild in uns wieder hervorzaubern. Weil ich einmal mit meinem Sinn, mit meinem Verstande und Gemüte und mit meiner Empfindung bei diesem Lebensereignis war, kann ich es mir hervorzaubern. Der Mensch war in alledem dabei, was jemals verlaufen ist im Kosmos, und dadurch kann er auch, wenn er sein ganzes Wesen erfaßt, wirklich noch Kosmisches erfassen - und in anderer Weise, als wenn man es äußerlich erringen müßte. Wie ich es vorhin geschildert habe, liefert inneres Erkennen auch eine gewisse Kosmologie, so daß sich Anthroposophie zu einer wahrhaftigen Kosmologie erweitert, wie ich es darzustellen versucht habe in meiner «Geheimwissenschaft», die heute noch unseren Zeitgenossen lächerlich erscheinen mag, die aber auf streng wissenschaftlicher Methode beruht, nur eben aus dem Wesen anthroposophischer Orientierung hervorgegangen ist.
Meine sehr verehrten Anwesenden, was so als Wesen der Anthroposophie geschildert werden darf, kann man in einem gewissen Sinne durchaus auch philosophisch rechtfertigen. Und wer meine Schriften verfolgt von Anfang an, wie ich versucht habe in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, Goethe kommentierend, eine Erkenntnistheorie auszuarbeiten, wie ich versucht habe in meiner kleinen Schrift «Wahrheit und Wissenschaft», die Beziehung desjenigen, was menschliches Innenleben ist, zu demjenigen, was außen im Kosmos ist, festzustellen, wie ich dann versucht habe in meiner «Philosophie der Freiheit», das auszudehnen auf eine ganze Weltanschauung des Menschen, der wird finden, daß schon Mühe aufgewendet worden ist, soweit es eben bis heute möglich war, um das, was, ich möchte sagen in höherer, in geistiger Empirie auftritt als Geisteswissenschaft, als Anthroposophie, auch philosophisch zu rechtfertigen.
Da mußte denn von mir, ich muß das schon sagen, durch Jahrzehnte hindurch ein hartnäckiger Kampf geführt werden gegen den Kantianismus - ein hartnäckiger Kampf gegen den Kantianismus, der das erkenntnistheoretische Problem und damit das philosophische Grundproblem meiner Überzeugung nach verkannt hat. Ich kann in den paar Minuten, die mir noch zur Verfügung stehen, nicht eingehen auf die kantische Philosophie oder Erkenntnistheorie, aber ich kann mit ein paar Worten hindeuten auf dasjenige, worum es sich, philosophisch gesehen, eigentlich handelt, wenn man den Menschen wirklich durchschauen will. Da kann man ja zunächst empirisch hinschauen, wie der Mensch an diese Grenze des Naturerkennens gelangt, wie er also an dieser Grenze der noch nicht anthroposophisch erweiterten Naturerkenntnis zu einem Eckpfeiler kommt, wo er hinpfahlt die Begriffe Materie, Kraft und so weiter. Ja, es handelt sich darum, daß derjenige, welcher nun imstande ist, erlebend zu untersuchen diese Grenze des Naturerkennens, auch darauf kommt, warum der Mensch - und ich bitte, verzeihen Sie mir das «warum» an dieser Stelle, es soll gewissermaßen bloß rhetorisch sein, nicht teleologisch gemeint sein —, warum der Mensch so organisiert ist, daß er an einer bestimmten Stelle hinpfahlen muß Begriffe, die gewissermaßen dunkel, undurchschaubar für das gewöhnliche Bewußtsein sind.
Könnten wir nämlich immerzu hineinschauen in die Dinge der Welt, sie gleichsam intellektualistisch durchsichtig machen, also auch den Menschen, würden wir in unserer menschlichen Natur nicht dasjenige ausbilden können, was wir zum gewöhnlichen Leben, namentlich auch zum gewöhnlichen sozialen Dasein unbedingt haben müssen, unbedingt entwickeln müssen zwischen Geburt und Tod: Wir würden dasjenige nicht haben, was in uns lebt als das Element der Liebe. Wer gründlich psychologisch studiert den Zusammenhang zwischen Erkenntnis und Liebe, der merkt, daß dieses Abgetrenntsein von den uns intellektualistisch undurchsichtig gewordenen Dingen, das sich uns darlebt durch die Grenzen der Naturerkenntnis, notwendig ist. Es ist notwendig, damit wir in uns, in unserer ganzen menschlichen Organisation die Kraft der Liebe entwickeln können. Nicht das, was Kant aufgebracht hat in der «Kritik der reinen Vernunft» und dergleichen, sondern dasjenige, was wir in uns entwickeln als die Kraft der Liebe, das ist es, was uns verhindert, intellektualistisch die Dinge durchsichtig zu machen. Wir erlangen erst die intellektualistische Durchsichtigkeit auf den Wegen, die ich heute geschildert habe. Der Mensch ist eben so organisiert, daß er sich um die Grenzen der Naturerkenntnis die Macht der Liebe erkaufen muß. Aber der Mensch ist ja jenes Wesen, das durch die Macht der Liebe seinen richtigen Wert und seine Menschenwürde zwischen Geburt und Tod erhält.
Und wiederum haben wir auf der anderen Seite den anderen Eckpfeiler, den manche so leichten Herzens durch eine nebulose Mystik überwinden wollen und der nur durch jene Selbstzucht methodisch überwunden werden kann, die ich heute geschildert habe: jener Eckpfeiler, der in der Selbsterkenntnis liegt. Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, würden wir immer hineinschauen können in uns, würden wir diejenige Erkenntnis erringen, die gewissermaßen die Zeit zum Raume macht, die in einer geänderten Zeitperspektive frühere Ereignisse in Geistesschau überirdisch erlebbar macht, die uns also gleichsam den Schleier der Erinnerungen wegreißt und uns hineinschauen läßt in die Vergangenheit und dadurch auch in einem gewissen Sinne in die Zukunft, würden wir das immer haben, dann würden wir das allerdings durchschauen, aber nicht die Kraft des Gedächtnisses, der Erinnerungen haben. Diese Kraft der Erinnerungen ist es, die wir ebenso haben müssen, wie wir nach der anderen Seite im gewöhnlichen Menschenleben die Liebe haben müssen. Wer weiß, was eine gestörte Erinnerung für die Kontinuität des Ichs bedeutet, wer weiß, daß dieses Ich beruht auf der Kraft des ungestörten Gedächtnisses, der wird auch ermessen können, wie dieser andere Eckpfeiler dastehen muß. Jene Kraft, die uns zwischen Geburt und Tod zum erinnerungsfähigen Wesen macht - nur sie ermöglicht uns, in geisteswissenschaftlich anthroposophischer Methode diesen Schleier des Erinnerns zu zerreißen und in Selbstschau hineinzuschauen in unser eigenes Innere. Wer also diese Organisation versteht, wer mit wirklicher Psychologie das, was in der Erinnerung auftritt, mit dem vergleicht, was Selbsterkenntnis ist, der weiß, daß wir auch diesen anderen Eckpfeiler im gewöhnlichen menschlichen Erkennen und Leben haben müssen. Es beruht also auf unserer Organisation - in etwas anderer Weise, als Kant es geschildert hat-, daß wir erst über das, was uns im gewöhnlichen Leben organisiert, hinauswachsen müssen, wenn wir in die erstrebbaren und ersehnbaren Tiefen der Natur hineindringen wollen.
Dann aber, meine sehr verehrten Anwesenden, ergibt sich für diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, wenn sie innerlich lebendig diesen Weg macht, dasjenige, was allerdings heute sehr gewagt ist, sehr gewagt ist auszusprechen. Aber was nützt es, solche Dinge unausgesprochen zu lassen, wenn es doch gerade auf sie ankommt? Derjenige, der heute hinsieht darauf, wie wir uns die Welt vorstellen müssen nach den Gedanken und Ideen, die sich in den letzten drei bis vier Jahrhunderten ergeben haben, der kann nimmermehr die Brücke schlagen zwischen dem, was sich in der Seele ergibt als ethisches, als moralisches, als soziales Ideal, auch als religiöses Ideal, und demjenigen, was sich ergibt aus der Naturerkenntnis heraus.
Da stehen auf der einen Seite die natürlichen Erscheinungen. Sie führen uns, wenn auch hypothetisch oder in der Philosophie des «als ob», zu einem Anfang, zu einem früheren Zustand des physischen Weltenalls; sie führen uns dann zu Metamorphosen dieses physischen Weltenalls, sie zeigen uns, wie in diesem physischen Weltenall waltet ein Gesetz, oder sagen wir zwei Gesetze, die aber eigentlich eines sind. Wenn diese Gesetze so walten, wie sich das heutige Naturerkennen das vorstellen kann, dann kann zu dem anderen hin, zu dem ethischen, zu dem sozialen, zu dem religiösen Ideal, keine Brücke geschlagen werden. Und diese zwei Gesetze sind das Gesetz von der Erhaltung der Kraft und von der Unzerstörbarkeit des Stoffes. Verwandelt sich die Welt im Weltenall draußen, in der Natur so, daß der Stoff unzerstörbar ist, die Kraft in ewiger Erhaltung sich nur umgestaltet, dann - dann sind unsere ethischen Ideale, unsere religiösen Ideale nichts anderes als Rauch, der aufsteigt, dann sind sie unsere großen Illusionen. Und wenn die Welt längst verwandelt haben wird ihren Stoff und ihre Kräfte in einer gewissen Weise, dann sind zu Grabe getragen, ins Nichts hinein versenkt diejenigen Welterlebnisse, die wir einschließen innerhalb unserer moralischen Ideale, innerhalb unserer religiösen Ideale und so weiter. Man macht gewöhnlich auf diese Dinge nicht aufmerksam. Aber dasjenige, was viele Seelen in der Gegenwart innerlich zerspaltet, was viele Seelen in der Gegenwart innerlich zerreißt, das ist doch das, was mehr oder weniger unbewußt aus diesem völligen Versagen eines Brückenschlags zwischen Naturerkenntnis und geistiger Erfassung des Moralischen, des Religiösen als Seelenstimmung vorhanden ist.
Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, erleben wir an den Grenzen der Naturerkenntnis unsere eigene Intellektualität so, wie ich es heute geschildert habe, dann durchschauen wir, wie unser Intellekt auch nur einem gewissen Abschnitt des äußeren Daseins angehört, wie wir den Anfang des Erdendaseins nicht denken dürfen mit dem Intellekt, den wir eigentlich erst in dem geschilderten Erleben wirklich kennenlernen, denn dieser Intellekt gehört zu dem, was erst nach diesem Anfange liegt und was vor dem Ende liegt. Wenn wir diesen Intellekt anwenden auf den ganzen Verlauf, wenn wir Jahrmillionen zurück- oder Jahrmillionen vorwärtsgehen, wie es Geologen und Physiker machen, dann machen wir dasselbe, wie wenn wir gedankenlos reden zum Beispiel von der Umwandlung des Herzens, wie sie sich am Menschen vor oder nach dreihundert Jahren zeigt. Wir müssen uns klar sein über die Natur dieses Intellektes: daß er nicht heranreicht an die anderen Erkenntniskräfte, die wir auf die heute geschilderte Art und Weise erringen müssen.
Mit der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft wird nicht eine Rickertsche oder eine Windelbandsche Werttheorie begründet, wo die Werte aus dem blauen Dunst heraus sich geltend machen sollen, ohne Realität, sondern es geht uns auf wie dasjenige, was wir im Intellekt überschauen. Wir fühlen die Verpflichtung, den Wert in die Strömungen des Seins irgendwie einzugliedern. Das wird aber ganz und gar unmöglich sein, solange wir nicht das ertötende Gesetz von der Erhaltung der Energie und des Stoffes überwinden. Man muß dazu kommen, den Stoff und die Kraft als vergänglich zu denken. Es ist nur eine Welt der Illusion, die sich uns aus unserem Intellekt ergeben hat und die uns die Unzerstörbarkeit des Stoffes und die Erhaltung der Kraft vorgaukelt. Es ist ja gewiß, daß die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts zu nichts anderem als dem führen konnte. Für denjenigen aber, der die Welt so durchschaut, wie es heute dargestellt wurde, ist dasjenige, was Stoffe und Kräfte sind, etwas, was untergeht wie die diesjährigen Pflanzen, und dasjenige, was in uns als ethisches Ideal, als religiöse Idee lebt, ist etwas, was wir als Keim erleben, wie den Keim in der Blüte der gegenwärtigen Pflanzen. Wir schauen hin auf diesen Keim, der gegenwärtig vielleicht noch ein bloßer Punkt ist; wir wissen, er ist eine Pflanze im nächsten Jahr, wenn verflogen sein wird, was ihn jetzt als Blüte, als Blätter umgibt. Wir schauen in Geistesschau auf diese äußere Welt, auf die wir diesen unseren Intellekt anwenden. Wir lernen sie kennen nicht unter dem Prinzip der Unzerstörbarkeit des Stoffes und der Erhaltung der Energie, sondern wir lernen sie kennen als eine zerstiebende, und die Keime in ihr sind dasjenige, was in unseren Seelen waltet als moralisches Element, als religiöse Idee. Was uns heute sinnlich umgibt - verflogen wird es sein! Was in unserem Innern wächst und gedeiht, das wird die Welt der Zukunft, der Kosmos der Zukunft sein. Zu dieser Brücke, die geschlagen wird zwischen dem Geist und der Natur, kann meiner Überzeugung nach - unter den heutigen Verhältnissen - nur anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft führen.
Meine sehr verehrten Anwesenden, ich durfte - einer Aufforderung der «Freien Studentenschaft» zufolge hier diese wenigen anregenden Sätze sprechen. Ich weiß, daß sie nichts Beweisendes, nichts Überzeugendes haben können; sie wollten aber auch nur etwas Anregendes sein. Aber weil ich heute, wofür ich sehr dankbar bin, sprechen durfte im Auftrage der Studentenschaft, gerade deshalb möchte ich darauf hinweisen, daß es dem, der heute die Welt so ansehen muß, der selbst am Ende seines sechsten Jahrzehnts steht, besonders naheliegt, zur heutigen Jugend hinzublicken. In den Herzen, in den Seelen derer, die heute jung sind - da sieht ein solcher wirklich Keime, denn er blickt zurück auf seine eigene Jugend. Vor vier Jahrzehnten war es- das möchte ich zu den verehrten jungen Freunden, die mich heute eingeladen haben, sagen -, daß die Leute meines Alters jung waren. Wir sahen dazumal in die Welt hinein, aber wir waren darauf angewiesen, in einem gewissen Sinne in eine Welt von Illusionen zu blicken. Wir waren dazumal darauf angewiesen. Es standen allerdings den Menschen noch bevor mancherlei gewaltige Errungenschaften des äußeren Lebens, es schaute aber auch in dem für uns damals gegenwärtigen zivilisierten Europa anders aus als jetzt. Jetzt schreibt ein geistreicher Mann - der Oswald Spengler - über den Untergang der abendländischen Zivilisation. Dazumal, das heißt vor drei bis vier Jahrzehnten, dazumal war, meine sehr verehrten Anwesenden, die Zeit, die wohl vielleicht am ärgsten beherrscht war von dem «Wie haben wir’s so herrlich weit gebracht» - eine Zeit, die sich aber ganz stark in Illusionen wiegte. Wie stark die Illusionen waren, das gewahrte wohl mancher von denen, die dieses Alters waren, erst, als 1914 diese moderne Zivilisation in eine furchtbare Katastrophe hineinrollte. Dazumal lagerte sich auf die Seelen der denkenden, der wachenden Älteren ein unendlicher Schmerz, und sie blickten wohl zurück auf jene Zeit, in der sie nicht sagen durften - weil die Illusionen zu groß waren -: Wir brauchen etwas, was nicht bloß eine Renaissance ist, sondern was eine Naissance ist, was die Geburt eines neuen Geisteslebens ist.
Jetzt, nachdem schmerzliche Jahre hinter uns sind, jetzt, meine sehr verehrten Anwesenden, lebt es sich, wie ich glaube, anders in der Jugend. Jetzt ist die große Not da, und jetzt zeigt es sich auf allen Gebieten, daß man sich der Illusion nicht hingeben kann, der Illusion, wie wir’s so herrlich weit gebracht haben. Jetzt aber, glaube ich, lebt in jedem Wachen oder in demjenigen, der sich erwecken kann, etwas von dem, was ihn zu der inneren Mahnung führt: Gebrauche deinen Willen! - In der äußeren, in der objektiven Welt, da spricht alles für Niedergang. Aber die Spengler, diejenigen, die nur vom Niedergang sprechen und diesen Niedergang sogar beweisen wollen, sie werden Unrecht haben, wenn in der heutigen Jugend sich geltend macht jenes Feuer, wenn in der Jugend sich geltend macht jene Kraft, die die Seele erwecken will zum Schaffen, zum Wollen, denn nur aus dem Schaffen, aus dem Wollen der sich ihrer selbst vollbewußten Menschen kann heute die Besserung werden, nicht aus einem Spekulieren über Kräfte, an die wir glauben sollen. Nein, an einem Aktivieren der Kräfte muß es liegen, die in unserem eigenen Willen, in unserem eigenen Vermögen zu finden sind.
Deshalb möchte ich gerade diesen Vortrag, zu dem eingeladen worden zu sein ich der verehrten Studentenschaft sehr dankbar bin, ausklingen lassen in jene Fichteschen Worte, die da lauten: «Der Mensch kann, was er soll; und wenn er sagt, ich kann nicht, so will er nicht.» Werden wir uns des Geistes bewußt, der uns durch Geistesschau aus dem Weltenall entgegenleuchtet, der in unserm Innern mit der Schwere seine Kämpfe führt, dann wird dieser Geist uns anregen zum Schaffen, und dann wird gerade aus der gegenwärtigen Jugend heraus dasjenige erwachsen, worauf eigentlich jeder wache Mensch heute hoffen, wonach jeder wache Mensch heute sich sehnen muß. Ja, wir brauchen nicht bloß eine Renaissance, wir brauchen eine Naissance des Geistes. Sie wird uns werden, wenn die Jugend von heute ihre Aufgabe versteht und würdigt.