The Relationship between Anthroposophy and the Natural Sciences

GA 75 — 4 June 1921, Zurich

4. Disputationsabend zu Naturwissenschaftlichen Fragen

anläßlich des Anthroposophischen Hochschulkurses in Zürich

Jakob Hugentobler eröffnet den Disputationsabend.

Ein Student: Ein junger, begeisterter Mensch möchte Astronomie studieren, möchte erfahren, was Kepler, Newton und alle jene Männer bis zu Einstein hervorgebracht haben. Was sich da auf diesem Gebiet abspielt, darüber möchte er ein klares Bild bekommen. Dieser Mensch möchte sachlich in die Dinge eindringen. Er wird auf das Gebiet der Mathematik gewiesen, muß sich entweder die Mühe machen, in die sehr komplizierten Bewußtseinzustände der höheren Mathematik einzudringen, sich durchzuringen bis zu dem, was ein Gauß oder Beyer hervorgebracht haben, oder er bleibt auf halbem Wege stehen. Ein Mensch der Gegenwart kann alles durchgearbeitet haben, kann Plato, Feuerbach, Averroes durchgelesen haben, und dennoch fehlen ihm gewisse seelische Dispositionen, die ihm eine gewisse Erkenntnis zugänglich machen könnten. Er wird sich sagen müssen, er habe von jenen geistigen Welten, die in der Anthroposophie erwähnt werden, noch nichts erfahren. Wenn man ihm sagt, in einer bestimmten Richtung hin müsse er sich vorbereiten, wird er entweder angeregt oder auch nicht, indem vom erkenntnistheoretischen, vom rein psychologischen Standpunkte die mannigfaltigsten Variationen und Gesetzmäßigkeiten des Lebens vorkommen können. Er meint, er habe kein Recht, dieses oder jenes anzuzweifeln. Er möchte niemanden der Anwesenden verletzen, aber eine ästhetische Lebensanschauung sei doch nicht geeignet, etwas Wesentliches wahrzunehmen. Ein Mensch, der sich durch Not und so weiter durchringen muß, steht der ganzen Bewegung viel näher als jene, die zum Zeitvertreib, weil sie nichts anderes zu tun haben, sich an die Dinge hingeben.

Rudolf Steiner: Ich möchte zu dem, was der Herr Vorredner vorgebracht hat, ein paar Bemerkungen machen. Es ist eben mit Recht betont worden, daß Not und Leid tatsächlich den Weg führen, der in die Welt hineingehen soll, welche durch Anthroposophie gekennzeichnet ist. Nun, gerade an diese letzte Bemerkung möchte ich zunächst anknüpfen. Ich habe oftmals im Verlauf meiner Vorträge eine ähnliche Bemerkung gemacht, nur immer, ich möchte sagen herausgeholt aus irgendeinem Zusammenhange. Ich habe nämlich oftmals gesagt: Der Mensch verlebt sein Dasein in Wechselzuständen von Freude und Lust, von Schmerz, Not und Leid. Wenn man zu einer gewissen höheren Erkenntnis - in aller Bescheidenheit — glaubt gekommen zu sein, dann muß man sich allerdings immer noch sagen, daß man - vielleicht aus einem sehr begreiflichen Untergrunde heraus - das gar zu breit betone, was man an Freude, was man an Lust im Leben durchgemacht hat und wofür man den Weltenmächten ja dankbar ist. Erkenntnis verdankt man aber dem eigentlich nicht. Erkenntnis verdankt man eigentlich nur der Summe der Schmerzen, die man durchgemacht hat. Und wenn man im wahren Sinne von Erkenntnis spricht, so ist das schon etwas, was aus der Summe der Schmerzen hervorgeht.

Allerdings ist es aber durchaus so, daß man im äußeren Leben die mannigfaltigsten Schmerzen und Nöte durchmachen kann - Nöte, die einen niederdrücken, die einem zuweilen, ich möchte sagen das seelische Atmen nehmen können. Aber es gibt eben auch dasjenige, was wirkliche Schmerzen der Weltanschauung sind - solche Schmerzen, von denen, ich möchte sagen, ohne jemanden verletzen zu wollen -, vielleicht ein großer Teil der Menschen doch nicht allzuviel weiß. Jene Erfahrungen, die man auf dem Erkenntniswege machen kann, die sind schon solcher Art, daß sie manchmal mehr nehmen können als bloß das seelische Atmen, und es war eigentlich nicht umsonst, daß in älteren Zeiten auf von uns nicht mehr gangbaren Wegen die alten - ich möchte sie so nennen, wie sie sich selbst nannten -, die alten Initiierten, das heißt die alten Erkennenden, ausgebildet worden sind. Es war durchaus so, daß sie durch Schmerzen, durch Leiden geführt worden sind, weil man es für die richtige Vorbereitung zu der Erkenntnis braucht. Und tatsächlich ergeben sich ja aus all der Aussichtslosigkeit, die gerade auf dem Erkenntniswege eintritt, Schmerzen und Nöte, die der Mensch vielleicht - bei einer verhältnismäßigen Gleichgültigkeit im Ausleben - in seinem Innern abmachen kann.

Nun, es ist dann aber trotzdem notwendig, daß der Mensch sich in einer von der Zeit geforderten Weise ins Dasein hineinstellt. Es ist schon in früheren Vorträgen hier in Zürich im Laufe der letzten Jahre öfter betont worden, daß das Zeitleid, die Zeitnot, doch letzten Endes zusammenhängt mit dem, was von Menschen auch auf dem Erkenntnisgebiete in der neueren Zeit unterlassen worden ist. Gerade diese Erkenntnisse, die ja die höchsten Triumphe gefeiert haben in der neuesten Zeit und aus denen alles mögliche Technische hervorgehen kann und hervorgegangen ist und auch noch viel mehr hervorgehen wird, diese Erkenntnisse waren aber, weil sie sich nur bewegen wollten im Gebiete der Notwendigkeiten, nicht im Gebiete der Freiheit, von der ich heute andeutend sprach, nicht geeignet, soziologisches und soziales Denken zu erzeugen.

Das ist die große Zeitaufgabe, vor der wir stehen: Wir müssen in die Lage kommen, nicht nur über die Natur denken zu können, die uns durch ihr festes Gefüge von Notwendigkeiten Anleitung dazu gibt, sondern wir müssen in die Lage kommen, auch freie Gedanken zu denken, die Kraft haben, weil sie nun wiederum in die Notwendigkeiten untertauchen, denn ohne solche freien Gedanken kommen wir in der neuen Zivilisation in den Niedergang hinein. Wir können nicht soziale Ideen finden, wenn wir nur einen solchen erkenntnistheoretischen Unterbau haben, wie wir ihn in der neueren Zeit haben. Es ist ganz richtig, daß der Mensch in gewisse komplizierte Bewußtseinsentwicklungen hineinkommt, wenn er die mathematisch-naturalistischen Bestrebungen von Kepler, Galilei, Kopernikus, Newton bis zu Einstein verfolgt. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß durch all dieses, trotzdem zum Beispiel bereits durch Gauß das Mathematische über das Mathematische hinaus getrieben worden ist, zunächst nur einseitige Wege eröffnet worden sind und daß in alledem nicht jene Ausgangspunkte zu Ideen liegen, die sich mit der sozialen Not befassen können — ebensowenig eigentlich durch die erkenntnistheoretischen Positionen, die meinetwillen von Descartes bis zu Mach und Avenarius heraufgehen. Es doch noch ein durch und durch anderer Weg, der eröffnet wird durch das, was anthroposophische Geisteswissenschaft will! Und sie hängt schon innig zusammen mit dem, was bedeutungsvoll ist als diejenige Art von Erkenntnis, die gerade die großen Triumphe in der Naturwissenschaft gebracht hat, die aber durchaus, wie ich heute zu zeigen versuchte, hineinmündet in das, was anthroposophisches Forschen, anthroposophisches Anschauen ist.

Es ist richtig, was der verehrte Herr Vorredner sagte in bezug auf die ästhetische Weltauffassung. Aber vielleicht muß man doch dieses Wort «ästhetische Weltauffassung» noch ein wenig mehr zeitgeschichtlich betrachten. Wenn man das Denken, das sich aus den naturwissenschaftlichen Bestrebungen heraus entwickelt hat, betrachtet, so muß man ja eben sagen, es senke keine Wurzeln hinein in die sozialen Notwendigkeiten, es dringe nicht bis zu den geistigen Untergründen des Daseins. Daraus hat sich eine gewisse Stimmung ergeben, die insbesondere im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts außerordentlich tief gegangen ist. Wer beobachtet hat, wie die Menschen angefangen haben, sich für gewisse höhere Fragen zu interessieren, konnte sehen: Mit einem bestimmten Interesse haben die Menschen in weitesten Kreisen angefangen, sich für höhere Fragen zu interessieren. Ich will nur darauf hinweisen, wie weitverbreitet die Diskussionen waren, die sich zum Beispiel angeschlossen haben an Björnsons «Über unsere Kraft» und so weiter; es könnten viele Beispiele nach dieser Richtung hin angeführt werden. Man kann schon sagen, daß ein gewisses Interesse für die übersinnliche Welt gerade in diesem Zeitalter Platz gegriffen hat.

Aber wie? Am liebsten haben die Leute die Dinge entgegengenommen, wenn sie ihnen — ja, man kann sagen - in ästhetischer Form gebracht worden sind, wenn sie sich nicht mit ihrer Erkenntnis - wenn ich mich so ausdrücken darf - zu engagieren brauchten, wenn sie so hineinkommen konnten wie im Drama, in der Novelle und sie sich sagen konnten: Na ja, man kann sich auch einmal mit der Phantasie auf so etwas einlassen. - Aber sie fühlten sich nicht irgendwie veranlaßt, die Dinge mit den Realitäten in Einklang zu bringen. Man war froh, wenn man die Dinge nicht mit den Realitäten in Einklang zu bringen hatte! Man hatte ein gewisses Sensationsbedürfnis dafür, sogar sehr weitgehend. Dieses Bedürfnis dafür entwickelte sich am Ende des 19. Jahrhunderts, Anfang des 20. Jahrhunderts, aber man wollte nur ja nicht, daß so etwas in irgendeine Beziehung gebracht werde zu dem realen Leben. Dieses Fliehen vor dem realen Leben, das ist etwas, was immer mehr und mehr heraufgekommen ist- dieses Nichtverbinden, dieses Nicht-ganz-ernstNehmen dessen, wofür man sich eigentlich interessiert, wofür man aber nur ein gewisses Sensationsbedürfnis hat. Das ist es, was vor allen Dingen von der Menschheit, ich möchte sagen, genommen werden muß, wenn die Zivilisation fortgehen soll, wenn man nicht etwa in solche Zustände hineinkommen will, wie sie Oswald Spengler schildert in seinem «Untergang des Abendlandes»; das muß kommen. Es ist im Grunde genommen doch eigentlich nur ein Fliehen vor den schmerzlichen Seiten des Daseins, in einer gewissen Beziehung ein Hinweg-Setzen über die schmerzliche Seite des Daseins.

Es ist ja, möchte ich sagen, eine ungemein tragische Erscheinung, was gerade im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts aufgetaucht ist in Friedrich Nietzsche. Man braucht gar nicht einzugehen auf dasjenige, was Friedrich Nietzsche sagt oder was er bedeutet, man braucht bloß auf sein Leben einzugehen. Bedenken Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, was diese Seele an Leid durchgemacht hat in der Aufeinanderfolge von drei Entwicklungsstadien, und bringen Sie das in Zusammenhang mit der ganzen Zeitgeschichte!

Sehen Sie, da wuchs Nietzsche heraus aus einem richtigen Philologenleben, nur daß er nicht etwa wie andere Philologen aus einem gewissen äußerlichen Pflichtgefühl sich der Philologie widmete, sondern daß er das Einschnürende dieser philologischen Methode früh empfand. Und aus diesem Zusammenschnürenden wählte er sich dann dasjenige aus, was zunächst in den sechziger Jahren noch, auch noch im Beginne der siebziger Jahre, sogar bis weit in die siebziger Jahre hinein, in den Kreisen, in denen Nietzsche lebte, blühend war. Er lebte sich in das hinein, was von Schopenhauer ausgegangen war und was in weiten Kreisen doch nichts anderes war als ein pessimistisches Sprechen, ein Sprechen über das Elend, um sich wiederum über das Elend des Lebens in einer gewissen Weise hinweg zu betäuben. Und Nietzsche litt an alledem. Und es war eigentlich nur eine Sehnsucht, diese Stimmung des Unideellen der Zeitentwicklung mit einer gewissen Erkenntnisart innerlich zu überwinden. Nietzsche litt also etwa bis zum Jahre 1866 an dem, was damals unmittelbar gelehrte Zeitbildung war. Er wollte zunächst dieser gelehrten Zeitbildung etwas entgegensetzen in seiner «Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik», in seinen «Unzeitgemäßen Betrachtungen». Die Dinge sind aus tiefem Schmerze heraus geschrieben. Aber ungefähr im Jahr 1876 war er soweit, daß er sich sagen mußte: Das ist doch auch wieder ein Hinwegtäuschen, man muß noch viel tiefer in die menschliche Natur hinein. Und da kam er dann dazu sich zu sagen, eigentlich gibt sich der Mensch vielen Gedanken hin — vielem, was Unwahrhaftigkeit ist. Und nun wollte er zunächst durch Erkenntnis überwinden die Unwahrhaftigkeit. Nicht wahr, die Menschen haben sich ja aus alten Zeiten Ideale bewahrt. Nietzsche glaubte in der ersten Zeit seines Wirkens auch noch an diese Ideale, aber zuletzt sah er die Instinkte hinter den Idealen. Und so schrieb er so etwas wie «Menschliches, Allzumenschliches». Es war wiederum eine zweite Form der Zeitentwicklung, an der er litt, um endlich dann zur dritten zu kommen, wo er das Problem sozusagen am tiefsten in seiner Seele durchlitt, wo er das Hervorgehen des Menschlichen aus dem untergeordneten Naturwesen auf seiner Seele lasten fühlte. Weil er nicht imstande war, bis zum Geiste vorzudringen, blieb ihm das Problem stehen: Der Mensch ist nur ein Übergang vom Wurm zum Übermenschen. Und so konnte er dann in seinem «Zarathustra» diesen Seelengang des Menschen nur lyrisch ausdrücken, in seiner großen Konzeption über die «Wiederkunft des Gleichen» so etwas nur von ferne zu ahnen, was vertreten werden soll durch Anthroposophie als die wiederholten Erdenleben und auch als die aufeinander folgenden Metamorphosen des Weltensystems. Er war diejenige Persönlichkeit, die am tiefsten litt unter der Bildung in der neueren Zeit und die zerbrochen ist an der Bildung der neueren Zeit.

Nietzsche hat zweifellos- für mich ist es zweifellos! - den Beweis geliefert, daß man von der Seele aus den Leib zerbrechen kann, denn es ist immerhin charakteristisch, daß ein ausgezeichneter Psychiater über den Krankheitsfall Nietzsches nur das Urteil abzugeben wußte, daß es sich um einen atypischen Fall von Paralyse handele. Und was nun später aus den gewöhnlichen medizinischen Schematismen heraus gefabelt wurde über Nietzsches Krankheit, das ist doch alles für denjenigen, der so recht hineinschaut in das, was da gelitten worden ist, was da unter der Spannung gelitten worden ist, zu einem Erfassen des Übersinnlichen zu kommen - es ist für den, der das unbefangen anschauen kann, ganz zweifellos, daß diese Spannung den Leib zerbrechen konnte. Ich möchte sagen, es ist ja unmittelbar zu fassen, wie dieser Organismus wirklich von der Seele aus zerstört worden ist. Und damit stimmen auch die äußeren Symptome überein.

Denken Sie einmal an diese tragische Situation, wie sie sich da ergab. Ich will sie schildern. Nietzsche hat zusammen mit dem späteren Erforscher des indischen Altertums, der indischen Philosophie, mit Paul Deussen zusammen am Gymnasium in Schulpforta in Thüringen studiert, und sie waren sehr befreundet. Als Nietzsche in den neunziger Jahren schon ziemlich krank war, besuchte Deussen ihn einmal. Deussen stand also vor Nietzsche und sprach mit ihm; Nietzsche nahm nicht teil an dem, was jener sagte. Dann fing Deussen an, von alten Zeiten zu sprechen, erzählte allerlei von alten Zeiten. Da sagte Nietzsche: Ja, wissen Sie, da kann ich Ihnen sagen, da hat auch ein Mensch teilgenommen, den Sie gar nicht kennen; der gute, liebe Deussen hat ja da teilgenommen. - Das sagte er zu Deussen selber, der da vor ihm stand! Was er in seiner Jugend erlebt hatte, das war in Nietzsche gegenwärtig, ausgelöscht war aber das, was in seiner Umgebung um ihn herum wirkte in der unmittelbaren Gegenwart.

Ich führe diese eine Szene an - sie könnte durch viele vermehrt werden -, um auf etwas hinzuweisen. Was sich da natürlich pathologisch auslebte, das ist eigentlich schon sehr früh bei Nietzsche nachzuweisen. Ich habe einmal vor zwanzig Jahren eine Abhandlung geschrieben, «Das Psychopathologische in Nietzsches Schriften», und konnte zurückgehen bis in seine frühesten Schriften, die genial, großartig sind, in denen man aber nachweisen kann, daß die Dissoziation der Ideen schon vorhanden war. Aber das sind Ideen gewesen, welche durchaus hervorgingen aus dem Auseinandersplitternden der Zeitbildung für denjenigen, der aus dem Zentrum des menschlichen Wesens heraus diese Zeitbildung in einen Einklang bringen wollte mit dem Übersinnlichen. Und man möchte sagen: Gerade an einer solchen Persönlichkeit, die zerbrochen ist an der Zeitbildung - denn das ist das eigentliche Problem Nietzsches -, sieht man, was Ringen, innerliches Ringen mit den inneren Nöten und Leiden bedeutet. Und eigentlich liegt in der Überwindung solcher Leiden der Weg zur Erkenntnis.

Und er war schon schwer zu gehen in der alten Zeit, weil eben die ästhetische Weltanschauung - die ja gewiß auf ihrem Gebiete außerordentlich berechtigt ist, die es aber durchaus nicht ernst nehmen möchte mit der Realität desjenigen, wofür sie einen gewissen Sinn, eine gewisse Sensationslust hat —, weil diese ästhetische Weltanschauung sich so sehr verbreitet hatte in der Zeit, in der man auf der einen Seite durchaus bereit war, sich durchzuringen von Newton bis Einstein, von Descartes bis Mach oder Avenarius. Aber für unsere Zeit ist es nun einmal notwendig geworden, sich durchzuringen zu dem anderen — was eben versucht wird durch den anthroposophischen Weg —, sich durchzuringen zu dem, wozu sich eben doch jeder Mensch durchringen kann. Wenn man sagt, es könne sich nicht jeder Mensch dazu durchringen, so kann das doch eigentlich nur «cum grano salis» gesagt werden, denn schließlich ringt sich auch nicht jeder Mensch zur höheren Mathematik durch. Und ich glaube, daß derjenige, der sich nicht bloß zur höheren Mathematik durchringt, sondern zu einem gewissen inneren Verständnis zum Beispiel des Übergangs von der gewöhnlichen Geometrie und Mathematik zur synthetischen Geometrie, in bezug auf seine Seelensituation auf ebenso gutem Wege ist, auch in die imaginative Erkenntnis hineinzufinden, genauso wie man den Weg finden muß in die Funktionentheorie hinein.

Und es würde auf diesem Wege viel schneller gegangen werden können, wenn eben nicht die Vorurteile der Zeit dem immer so sehr entgegenarbeiteten. So ist der Glaube, es bedürfe ganz besonderer Geistesanlagen, um anthroposophisch vorwärtszukommen, eigentlich viel mehr verbreitet, als er sein sollte. Denn die Wahrheit ist doch diese, daß jeder Mensch, ebensogut wie er auf dem anderen wissenschaftlichen Wege weiterkommen kann, auch auf diesem Wege weiterkommen kann. Und das möchte ich betonen aus dem Grunde, weil es durchaus richtig ist: Not und Elend führen den Menschen heran an die Pforte in die Erkenntnis hinein, aber es handelt sich doch darum, daß man nicht nur, ich möchte sagen eine gewisse innere Stimmung findet, sondern die wirkliche geistige Welt. Nur durch die Erkenntnis der wirklichen geistigen Welt kommt man dann auch dazu, in sozialer Beziehung dasjenige dem materiellen Leben zuführen zu können, was gerade in der heutigen Zeit notwendig ist- sofern man Verständnis findet, denn darum handelt es sich natürlich vor allen Dingen. Daher muß man auf der einen Seite Verständnis haben für die Bedeutung der Schmerzen und des Leides, auf der anderen Seite muß man aber auch Verständnis erringen für das Umsetzen geistiger Erkenntnisse ins Konkrete.

Meine sehr verehrten Anwesenden, von dem allgemeinen Reden von einem Geistigen im pantheistischen Sinne haben wir eigentlich genug - das führt in Wirklichkeit nicht weiter. Derjenige, der nur im allgemeinen von einer geistigen Welt redet und diese erkenntnistheoretisch begründen will, der gleicht einem Menschen, der über eine Wiese geht und sagt: Ach was, das interessiert mich ja nicht, wenn die Leute sagen, das hier wäre eine Herbstzeitlose, das da wäre eine Lilie, das da wäre eine Tulpe und so weiter, das alles interessiert mich nicht, denn alles ist einheitliches Leben, alles sind Pflanzen. - So möchten die Leute, die mehr pantheistische Gedanken haben, immer sagen: Geist, Geist, Geist! - Man kann schon zufrieden sein, wenn man den Geist anerkennt. Man kann eine gewisse innere Wollust befriedigen mit diesem Pantheismus in dem, was ich «moderne Mystik» nenne. Aber das, was die Welt heute braucht, das ist konkretes Wissen über die übersinnlichen Welten. Und das ist es, was der Anthroposophie heute noch am meisten übelgenommen wird: daß sie dieses konkrete Wissen anstrebt. Und man möchte ihr daher anhängen, daß sie ebenso verfährt wie andere mystische Richtungen. Aber wer dieser Anthroposophie nähertreten will, wird schon sehen, daß sie - wenn auch in Welten, die man sich zunächst erschließen muß - wirklich Wege wandelt, die sich nun durchaus so darstellen, daß Anthroposophie Rechenschaft ablegen kann vor der strengsten Wissenschaft.

Das nur im Anschluß an die sehr interessanten Bemerkungen des Herrn Vorredners.

Ein anderer Redner: Als ich zum erstenmal von Geisteswissenschaft hörte, habe ich die Sache als großes Ganzes, möchte ich sagen, ernst genommen. Heute im Vortrag hatte man das Gefühl, einfach einen naturwissenschaftlichen Vortrag zu hören. Zu einem solchen naturwissenschaftlichen Vortrag hätte ein Naturwissenschaftler kommen können, aber ich bin Maler oder Musiker und muß auf meinem Gebiet produktiv arbeiten. Es hätte einer kommen können, der sich sagt: Ich will mir Kenntnisse in Naturwissenschaft in höherem naturwissenschaftlichen Sinne aneignen. Meine Frage ist nun: Muß denn Anthroposophie nicht in einem viel umfassenderen Sinn verstanden werden?

Nun möchte ich gerne noch wissen, wie man sich praktisch zur Anthroposophie verhalten soll. Genügt es, wenn man irgendeinen Beruf hat, irgendeine Mission hat, genügt es, wenn man sich diese Kenntnisse aneignet? Oder ist es notwendig, daß man diesen Weg, wie man in die geistigen Welten hineinkommt und den Herr Dr. Steiner beschrieben hat, selbst beschreitet? Ich möchte fragen, wie man sich dazu verhalten soll.

Rudolf Steiner: Darf ich nur die Vorbemerkung machen: Im letzten Vortrage, der hier angekündigt ist, werde ich ja über den Bau in Dornach sprechen - nicht nur äußerlich über den Bau, sondern so, daß es gerade für einen Maler oder Bildhauer sicher sehr interessant sein wird, wie es aber auch für alle Menschen von Interesse sein kann.

Es ist schon so - was man sich anthroposophisch aneignen kann, möchte ich vergleichen mit dem Hinaufsteigen auf einen hohen Berg. Man kann von den verschiedensten Punkten unten ausgehen, und man kommt immer auf den Gipfel hinauf. So kann man auch in seiner Entwicklung von den verschiedensten Punkten ausgehen. Und man tut es selbst dann immer noch gern, wenn man schon von einem Punkte ausgegangen ist. Wir haben ja diesen Dornacher Bau deshalb gebaut, weil wir einmal etwas hinstellen wollten, auch künstlerisch, was der Ausdruck dieser anthroposophischen Weltanschauung ist, so wie die Nußschale der Ausdruck der Nuß selber ist. Wer einen gewissen Sinn hat für Morphologisches, der wird sich sagen: Eigentlich kann die Nuß keine andere Schale haben, als sie hat. Es sind dieselben Formkräfte in der Schale enthalten wie in dem genießbaren Teil der Nuß selber.

Nun, wenn in unserem Goetheanum in Dornach anthroposophische Weltanschauung vertreten wird, so ist das für mich die eigentliche Nuß, das andere ist die Schale. Es mußte also aus demselben Impuls heraus gebaut werden, aus dem darinnen gesprochen wird und so weiter. Es ist schon so, daß man von den verschiedensten Punkten ausgehen kann. Man kann zum Beispiel die Dinge, die Herr Dr. Kolisko heute ausgeführt hat über den dreigliedrigen Menschen, weiterverfolgen. Das Eigentümliche dabei ist: Wenn Sie die Sache weiterverfolgen - man kann ja in einem Vortrage, wie Dr. Kolisko gesagt hat, die Dinge immer nur andeuten -, so werden Sie sehen, daß Sie im Grunde genommen zuletzt in eine ganz andere Seelenverfassung übergehen als die, von der Sie ausgegangen sind. Es sind die Prinzipien, die da auseinandergesetzt werden, so real im Leben drinnen wurzelnd, daß sie den Menschen nicht nur im logischen Fortgang zu allerlei Konklusionen führen, sondern daß sie tatsächlich real in seiner Seele arbeiten. Und man bekommt, wenn man diese Dinge ausführt - die also reale Prinzipien sind —, reale Kräfte in der Seele lebendig gemacht. Und man bekommt so zuletzt eine Anschauung von der menschlichen Gestalt. Es verwandelt sich ganz von selbst dasjenige, was anfangs wie eine Theorie erscheint, in plastische Anschauung der menschlichen Gestalt, und man lernt die menschliche Gestalt von innen heraus kennen und begreifen. So wurde versucht, in der Plastik am Goetheanum in Dornach zu arbeiten, um die menschliche Gestalt von innen heraus zu begreifen.

Ja, das geht noch weiter! So wurde versucht, auch das Material zu behandeln. Dabei gehen einem erst die Prinzipien der räumlichen Gestaltung auf. Es ist zum Beispiel im besonderen Maße interessant, wenn man durch die Arbeit mit der Hand darauf kommt, zu sehen, welch groRer Unterschied besteht beim Arbeiten an einem menschlichen Haupte, zum Beispiel beim Herausarbeiten eines Auges, zwischen einem Material wie Ton oder Marmor oder einem Material wie Holz. Man wird sich klar darüber: Im Holze mußt du schaben, und es kommt darauf an, daß du ins Konkave hinein arbeitest. Dasjenige, was in Ton gearbeitet wird, muß ins Konvexe gearbeitet werden; es muß immer der Blick darauf gerichtet werden, ins Konvexe zu arbeiten, wenn man in festem Material arbeitet. Dagegen handelt es sich bei dem weichen Holz darum, daß man die Dinge herausschabt.

Auf diese Weise verwandelt sich einem, möchte ich sagen, ganz von selber das, was zuerst theoretisch aussieht, in ein gewisses künstlerisches Gestalten, in ein Sich-Hineinleben in diejenigen formenden Kräfte, von denen man sagen möchte: Sie sind die formenden Kräfte der Natur selber. Und das ist der innere Übergang zwischen dem, was wir als Ausgangspunkt haben, und dem, wozu wir zuletzt kommen, zum Beispiel auch der Übergang zum Künstlerischen. Das ist das Eigentümliche, daß Anthroposophie nicht stehenbleibt bei einer bestimmten Seelensituation, sondern eben durchaus in andere Seelensituationen hineinführt. Und es ist so, daß man im Begreifen des Menschen zunächst den Übergang findet von der Anatomie und Physiologie aus, die abstrakt arbeiten oder höchstens sinnlich anschaulich, in die inneren Gestaltungskräfte des Menschen. Wissenschaft wird künstlerische Anschauung. Dieser Übergang ist durchaus das Getuhl bekommen kann: Die Natur selber ist nicht nur im metaphorischen Sinne, sondern eigentlich im echten, wahren Sinne eine Künstlerin.

Nun, man findet sich so in das Künstlerische hinein. Gut, sagen die Leute, die Erkenntnistheoretiker - Erkenntnis, das muß logisch vor sich gehen! Erkenntnis darf nicht irgendwie anschaulich in irgendeinem Sinne arbeiten wie dem hier gemeinten, sondern Erkenntnis muß ausgehen von Konklusionen - man muß sozusagen am Leitfaden der Logik fortschreiten. Schön, aber das ist doch nur eine subjektive Forderung. Wenn die Natur nun nicht nach dem Sinne schafft, wie wir es ihr da vorschreiben, dann entgeht uns ja durch unsere Logik gerade dasjenige, was der tiefere Sinn der Natur ist. Und so kommen wir der Natur nur dadurch nahe, daß wir uns mit völliger Unbefangenheit auch in diese Metamorphose der Seelensituation hineinbegeben. Das ist das eine.

Das andere ist zum Beispiel der Übergang zum Praktischen. Sehen Sie, ich habe diese «Kernpunkte der Sozialen Frage» geschrieben, und sie werden ja in der heutigen Zeit viel gelesen. Aber mit dem Verständnis ist es noch nicht weit gediehen, sonst würden die Leute sich sagen müssen: Das Buch ist eigentlich gar nicht zum Lesen - verzeihen Sie, wenn ich so etwas Paradoxes sage -, sondern das Buch ist dazu geschrieben, daß man das tut, was darinnen steht, daß man es in irgendeiner Weise tut, jeder individuell nach seiner Situation. Das Buch ist eigentlich nur aus der Anschauung heraus geschrieben, ganz praktisch geschrieben. Man muß sich ja natürlich durch Worte und Sätze ausdrücken, aber das ist ja nur, um darauf hinzuweisen, was eigentlich gemeint ist. Und da ist wiederum der Übergang dazu in der unmittelbaren Praxis.

Und das ist nun das, was Anthroposophie eigentlich sein will: Anthroposophie führt in die praktischsten Gebiete des Lebens ebenso naturgemäß hinein, wie sie hineinführt in das Künstlerische. Sie führt hinein in die Geschicklichkeit. Und man kommt zuletzt eigentlich zu Dingen, die natürlich mancher recht anfechtbar findet. Ich habe in meinen Vorträgen öfter gesagt - weil man gewisse Wahrheiten glaubt anders ausdrücken zu müssen —, ich könne mir nicht vorstellen, daß einer ein guter Philosoph ist, der nicht auch ein guter Chemiker oder Kartoffelleser ist, wenn es darauf ankommt. Es ist eigentlich nicht möglich, daß man etwas «logisiert» über Begriff und Ideen, wenn man nicht auch Holz hacken kann, wenn es darauf ankommt, oder auch vielleicht, wenn es nicht darauf ankommt. Ich glaube, daß man zum Beispiel beim Holzhacken oder beim Kartoffelausgraben, wenn man mit seiner ganzen vollen Persönlichkeit dabei ist, es vielleicht gescheiter macht oder mindestens gerade soviel Logik lernt wie manchmal in den logischen Kollegien. Sie mögen das paradox finden, aber es ist so. Und das möchte vor allem Anthroposophie wiederum geltend machen: daß in allem ein Einheitliches, ein konkret Einheitliches ist.

Daher möchte ich Ihre Frage - ganz positiv - dahingehend beantworten: Wenn Sie sich umsehen in dem, was nun heute schon vorliegt bei uns auf den verschiedensten Gebieten, werden Sie bestimmt irgendwo Anknüpfungspunkte finden. Und von da ausgehend, kommen sie überall hin. Anthroposophie will eben nicht einseitig sein, sondern man kann am verkehrten Ende anfangen, und durch das, was man als Mensch anstrebt, kommt man doch in das Richtige hinein, auch wenn man sich anfangs sagt, das geht einen ja eigentlich nichts an. Die Hauptsache ist der Wille- wenn es überhaupt einen Sinn haben soll anzufangen -, nun auch weiterzufahren. Und da ist das Fenster, um gerade zu meiner Sache zu kommen. Und deshalb, weil Anthroposophie fern aller Pedanterie ist, sollte Anthroposophie eigentlich so aufgefaßt werden, daß man bei ihr anfangen kann, wo man will, und man wird zu einem Ziele kommen. Man kann mehr von solchen Betrachtungen ausgehen, wie sie in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gegeben sind, und wenn man weit genug geht, kommt man auch von da aus auf jedes Gebiet. Oder aber, Sie können mehr vom wissenschaftlichen Gesichtspunkt ausgehen, wie zum Beispiel gerade im Vortrag von Dr. Kolisko ausgeführt, können damit anfangen und kommen von da aus auf dasjenige, was Sie nötig haben.

Der vorherige Redner erklärt, er meine etwas ganz Bestimmtes. Daß man von allen Punkten zum Gipfel kommen könne, findet er sehr logisch. Man könne ein Beispiel aus Künstlerkreisen nehmen. Es könne einer ein Plastiker oder ein Maler sein: Aus beiden könne das entspringen, was man heute schon an tiefer Kunst habe, zum Beispiel den Expressionismus, Futurismus. Er habe doch gefunden, daß kein universeller Mensch wie zum Beispiel Goethe hervorkomme, auch wenn man sich hineinarbeite und in dem lebe, was der Anthroposoph oder der eigentliche Rosenkreuzer hat: das Hinaufsteigen in die Devachan-Ebene. Er frage sich, ob es notwendig ist, gerade diesen einen Weg zu gehen, sich durch diese Räume hinaufzuarbeiten - rein seelisch, intellektuell- oder ob man auch von einer anderen philosophischen Seite ausgehen könne.

Rudolf Steiner: Wenn man gerade die Beispiele nimmt, die Sie angeführt haben - Expressionismus, Futurismus und so weiter -, so möchte ich sagen, das kann einem ja heute manchmal so entgegentreten, daß man es ein bißchen recht kindlich, recht paradox und so weiter findet. Dennoch möchte ich aber durchaus meinen, daß in alledem ein- ich will nicht sagen immer ein gesunder, aber doch ein berechtigter - Impuls steckt zu einer Umkehr ins Geistige hinein von der mehr materialistischen Weltempfindung aus. Ich will jetzt nicht bloß vom theoretischen Materialismus sprechen, sondern von der materialistischen Weltempfindung aus. Und von diesem Gesichtspunkt aus kann ich dennoch in den vielen Versuchen, die ja- gemessen an Goethes vielseitiger Genialität - sehr einseitig scheinen mögen, dennoch nur Dinge finden, die Zukunft haben. Man muß sich nur Zeit lassen. Die Dinge haben, wie ich meine, Zukunft. Sehen Sie, ich muß die Sache so ansehen: Nehmen Sie einen heutigen Expressionisten; er wird, wenn er ein Maler ist, ein Bild vielleicht so hinmalen, daß Sie nicht wissen werden, ob es ein Haus oder ein Baumstumpf ist oder ob es ein Elefant oder so etwas Ähnliches sein soll. Aber das ist ja auch im Grunde genommen nie eine Frage des Künstlerischen, wenn ich mich paradox aussprechen soll. Es ist ja auch wirklich keine künstlerische Frage, was es darstellen soll - wenigstens nicht die erste Frage -, sondern es ist die Frage, warum man es mit dieser Farbe auf diesem Untergrund zu tun hat und so weiter. Und da kommt man schon zum Beispiel in Fragen hinein, wo man sieht: Da ist etwas, was selbstverständlich nicht so universell ist wie bei Goethe, was aber doch Zukunft hat. Vielleicht darf ich Sie auf folgendes aufmerksam machen.

Wenn ich diese persönlich Bemerkung machen darf: Ich habe mich seit vierzig Jahren gründlich mit Goethe befaßt, mein erstes schriftstellerisches Bemühen war auf Goethe gerichtet, und seitdem habe ich dieses Gebiet nicht wieder verlassen. Nun, sehen Sie, mich haben zu einer ganz bestimmten Zeit ganz bestimmte Goethe-Probleme zu interessieren begonnen. Das sind diejenigen Probleme, wo Goethe mit etwas nicht fertiggeworden ist, und er ist eigentlich mit vielem nicht fertiggeworden. Denken Sie an die «Pandora», denken Sie an «Die natürliche Tochter» und so weiter oder so etwas wie die «Nausikaa». Also, da gibt es vieles, womit Goethe eigentlich nicht fertiggeworden ist. Goethe war eine innerlich ehrliche Natur, und nicht fertig zu werden, bedeutete für ihn eigentlich immer, sich hindurchzuwinden bis zu einem gewissen Punkte, wo er dann die Sachen stehenlassen mußte. Er fand nicht durch; er konnte nicht durchbrechen! Es ist sehr interessant zu sehen, wie er mit der «Pandora» zum Beispiel bis zu einem gewissen Punkte kam. Nachher kamen bloß noch die Skizzen. Er hatte die Pandora weiterdichten wollen, das ausführen wollen, was wir ja angedeutet finden in den Skizzen. Man kann sagen, er hätte es ja stehenlassen und später dann die Skizze ausarbeiten können. Aber so hätte es nicht gehen können, denn hätte er es acht Tage später geschrieben, so wäre es nämlich wieder etwas ganz anderes geworden. Und es liegt kein Grund vor zu sagen, Goethe hätte nach einer solchen Skizze arbeiten sollen; er hätte das Ganze doch wieder umgeändert. Ja, er gelangte an den Punkt, wo er eben nicht weiterkam, und man sieht ganz gut ein, warum das so war.

Es war eben durchaus aus dem Grunde so, weil Goethe sehr weit kam in der Betrachtung einer gewissen äußerlichen Metamorphose. Es ist schon etwas Grandioses, wenn man sieht, wie Goethe auf der «Italienischen Reise» diesen Metamorphosegedanken ausbildet, wie er ihn da überträgt auf den Menschen. Aber er kann nicht eigentlich hinein in die Gestaltung des Geistigen. Und warum nicht? Warum kann er da nicht hinein, wo das Geistige am Materiellen selber gestaltet? Es liegt zum Beispiel durchaus in der geraden Richtung von Goethes Metamorphosegedanken - ich scheue mich ja nie, diese Dinge auch auszusprechen, sie gehören nun einmal zu dem, was ich nicht nur meine Überzeugung, sondern auch Erkenntnis nenne, möge das aufgefaßt werden, wie es wolle -, es liegt in der geraden Linie dieses Gedankens, darauf zu kommen, daß die Formkräfte, welche heute dem menschlichen Haupte zugrunde liegen, die metamorphosierten Formkräfte des Organismus - abgesehen vom Haupte - aus einem früheren Erdenleben sind. So versteht sich diese ganze merkwürdige Gestalt des Schädels im Verhältnis zu dem übrigen Organismus des Menschen aus einer sehr weitumfassenden Metamorphose heraus. Aber Goethe konnte eben nicht bis ins Geistige durchbrechen! Und das zeigt sich auch darinnen, daß er stehenbleiben mußte da, wo er hätte geistig werden sollen. Er war ganz ehrlich - er blieb da stehen. Nehmen Sie selbst den zweiten Teil des «Faust»: Er ist ja einfach nicht ganz fertig! Es ist so, daß er einfach nicht ganz fertig ist, denn die letzten Szenen sind so, daß Goethe genommen hat die katholisierenden Begriffe und da die Sache hineingezwängt hat. Es ist dadurch etwas Grandioses geworden, aber doch etwas äußerlich Herbeigezogenes. Und wenn man diesen Schluß mit gewissen anderen Dingen vergleicht, sieht man, welche Kraft Goethe da angewendet hat, um fertigzuwerden.

Und ich sagte gerade, daß in diesem anfechtbarsten, abstrakten Endstadium gerade dieses Moment liegt, wo man zum Durchbruch ins Geistige kommt. Mögen es die Menschen noch so wenig können, aber es ist ein Anfang, und deshalb ist es berechtigt, diese Dinge zu sagen. Und so meine ich, kann man schon sagen: Es handelt sich heute wirklich darum, daß die Menschen von den verschiedensten Punkten aus, die ihnen heute naheliegen, etwas machen könnten, wenn sie ehrlich zu sich selber sind. Ich glaube zum Beispiel, daß der natürlichste Weg der wäre, daß die Menschen von den Dingen, in denen sie gerade drinnenstehen, ausgingen und sich dann zu etwas Produktivem zusammenfänden. Die Menschen sollten von den Gebieten ausgehen, in denen sie gerade drinnen sind; sie finden sich dann schon zusammen. Es ist gar nicht so schlimm, daß man sich anfangs nicht versteht - ab einem gewissen Punkte versteht man sich dann schon. Da handelt es sich auch zum Beispiel darum, daß die richtigen Augenblicke abgepaßt werden und so weiter, und die werden vom Schicksal schon abgepaßt. Aber ich kann nicht finden - ich habe ja auch in dieser Beziehung manches erlebt-, daß dieses abstrakte Hinaufturnen - verzeihen Sie, wenn ich mich etwas deutlich ausdrücke -, dieses Hinaufturnen von «Plan» zu «Plan» nun für den Menschen etwas besonders Aussichtsvolles ist. Das ist doch wirklich in den meisten Fällen etwas, was nicht aus einer vollständigen inneren Ehrlichkeit entspringt. Gewiß, man kann auf diesem Wege auch etwas erreichen, aber man wird in der Regel weltfremd dabei. Und das ist ja das, was eigentlich in unserer Zeit, in dem heutigen schweren Zeitalter, am wenigsten gebraucht werden kann. Nicht wahr, ich meine es nicht frivol, aber es ist doch so. Ich möchte es so ausdrücken: Dieses Hinaufturnen von «Plan» zu «Plan», in das mischt sich so viel Koketterie, so viel innere Unwahrhaftigkeit, daß ich doch glaube, daß wir bestrebt sein müßten, daß ein jeder von dem Punkte ausgeht, auf dem er fest steht, und dann werden sich ja die Menschen auch finden. In gewisser Weise hat sich das ja praktisch bewährt.

Sehen Sie, da ist manch einer unter uns Künstler oder Mediziner, wie zum Beispiel Dr. Kolisko, ein anderer ist Philologe - vielleicht werden Sie ja auch einen solchen hier hören im Verlauf dieses Kurses- oder Mathematiker, und wieder ein anderer ist ein völliger Praktiker. Wir haben Praktiker unter uns, die einfach bestrebt sind, möglichst praktische Einrichtungen zu treffen, in denen der anthroposophische Geist lebt. Herr Kommerzienrat Molt sitzt heute unter uns; er hat sich vor allen Dingen nach dieser Richtung hin bemüht. Nicht wahr, es handelt sich heute tatsächlich um ein Zeitproblem, und darum ist es notwendig, von dem Punkte auszugehen, wo man heute steht, und dann die Verständigung zu suchen. Das ist etwas, was sich doch schon als praktisch herausgestellt hat und worin ich etwas Aussichtsvolles sehe, während ich in einem weltabgewandten Streben, in die höheren Welten hinaufzugehen, doch nichts sehen kann, was wirklich ehrlich ist. Es ist durchaus richtig, daß man die Welt nur durchschauen kann, wenn man das anstrebt, aber es ist auch wirklich so, daß man sagen muß: Viel sicherer erreicht das höhere Schauen derjenige, der von irgendeinem bestimmten Lebensgebiet ausgeht. Er erreicht es vor allen Dingen viel konkreter. Er kann dann etwas sagen über die höheren Welten; er weiß, wie es in den höheren Welten aussieht. Es kommt ihm zugute, wenn er von einem bestimmten Lebensgebiete ausgeht, während das weltfremde Hinaufgehen doch nicht eigentlich zu etwas Rechtem führt, wenigstens nicht für die Menschheit - für den einzelnen kann es ja zu etwas führen. Das ist eben gesprochen aus dem heraus, was dem Gang der Zeit entspricht. Ich werde ganz gewiß nicht gegen das Höherentwickeln der übersinnlichen Erkenntnisfähigkeiten sein - ich habe ja selber beschrieben, wie es sein soll. Aber ich meine, daß der Mensch dabei nicht vernachlässigen darf das Gebiet des Lebens, in dem er drinnensteht. Das ist überall so.

Ein Diskussionsredner: Herr Heisler hat in seinem Vortrage darüber gesprochen, daß sich Dr. Steiner anmaße, Einblicke zu tun in die höheren Welten, und da hat er womöglich noch Goethe als Beleg gebraucht. Ich muß vorausschicken und sagen, daß ich von den Schriften Steiners noch nichts gelesen habe. Ich möchte nun fragen, ob man, wenn man Kunde hätte von Verstorbenen - zum Beispiel, ob sie Qualen haben -, dadurch nicht auch einen gewissen Beweis hätte für die Existenz Gottes. Wer sich mit Nietzsche befaßt hat und dem vielleicht der Glaube an einen Gott für lange Zeit genommen worden ist, der würde es vielleicht von innen heraus leichter haben, wenn er durch die Art von Herrn Dr. Steiner, über Gott zu sprechen, seinen Glauben wiederbekommen könnte. Es wurde ja von verschiedenen Seiten dieses okkulte Gebiet wieder aufgegriffen, zum Beispiel von Schrenck-Notzing in München und so weiter.

Rudolf Steiner: Ich konnte ja heute im Vortrag nur einiges andeuten, aber ich will dazu folgendes sagen. Sehen Sie, heute leben wir in einem Zeitalter, in dem sich manche bestreben, geradezu einen Abgrund aufzureißen zwischen Wissen und Glauben. Die einen sehen etwas Gesundes nur in einer Wissenschaft, die sich auf das rein Tatsächliche, auf das Registrieren, das Systematisieren, das Durchdringen mit Gesetzen, also das rein Tatsächliche, beziehen. Dagegen glauben andere auf dem Gebiete der Religion, nur dadurch bestehen zu können, daß sie Glauben fordern.

Nun, dies ist dennoch nur das Charakteristikon eines vorübergehenden Zeitalters. Geradeso wie man in früheren Zeiten die Seele des Menschen in die mannigfaltigsten Seelenkräfte aufgegliedert hat, so zerspaltet man sie heute in ein Gebiet des Wissens und in ein Gebiet des Glaubens. Aber wenn die Seele mit sich selber ganz aufrichtig ist, so kann sie eigentlich diese Spaltung nicht ertragen. Man kommt darauf, um was es sich da handelt, wenn man den Grund für diese Spaltung einsieht. Sehen Sie, Sie können ja heute noch immer zu einer verhältnismäßig großen Zahl von Menschen aus dem Glauben heraus reden über das Leben nach dem Tode oder über die göttliche Weltlehre. Sie können das, indem Sie in keiner Weise appellieren - und dieses Appellieren geschieht in den Religionsbekenntnissen ja am allerwenigsten - an jene inneren Überzeugungskräfte, die zum Beweise führen. Sie appellieren doch, indem Sie vom Leben nach dem Tode sprechen, an des Menschen Wünsche, an des Menschen Furchtzustände und so weiter. Ganz anders wird die Sache, wenn Sie über das sprechen, worüber ich ja heute auch gesprochen habe: über die Präexistenz, über das menschliche Leben, das seelisch-geistige Leben des Menschen vor der Geburt oder sagen wir vor der Empfängnis. Das tut man wiederum durch Anthroposophie im umfänglichsten Sinne. Wir sprechen mehr von dem Vorgeburtlichen, also von dem Leben vor der Empfängnis, das heißt von dem präexistenten Leben, was ja das Leben nach dem Tode als eine Selbstverständlichkeit ergibt.

Wir sprechen mehr von diesem präexistenten Leben aus dem Grunde, weil dahin der Egoismus der Menschen weniger greift. Den Menschen ist es aus ihrem Egoismus heraus durchaus nicht gleichgültig, ob sie nach dem Tode weiterleben oder nicht; aus ihrem Egoismus heraus interessieren sie sich aber viel weniger dafür, ob sie schon gelebt haben, bevor sie hier auf die Erde heruntergestiegen sind. Eröffnet man aber die Erkenntnisquellen für dieses jenseitige Leben, in dem wir waren, bevor wir auf die Erde kamen, dann ergibt sich das andere ja. Sie werden es, wenn Sie auf meine Schriften eingehen, dort eingehend beschrieben finden. Das wird von uns mehr oder weniger als selbstverständlich betrachtet. Aber zu gleicher Zeit tritt etwas anderes ein. Man kann aus einem gewissen Glauben heraus über das Leben post mortem sprechen, aber, wie gesagt, es kommt dem Egoismus entgegen und geschieht aus einem egoistischen Wissen. Indem Sie über das präexistente Leben sprechen, wird der Mensch auf dem Wege des Wissens zugleich in die geistig-übersinnliche Welt hineingeführt. Und daher wird, wenn man sich wiederum hinwendet zu dem präexistenten Leben, dieser der menschlichen Seele eigentlich verderbliche Abgrund zwischen Glauben und Wissen überwunden.

Sehen Sie, wir haben in älteren Weltanschauungen ja durchaus aus einem gewissen instinktiven Wissen heraus — das wir nicht wieder anstreben können, wir müssen bewußtes Wissen anstreben - eine Kenntnis dieser Dinge. Ich muß immer wieder betonen, daß Anthroposophie in einer intensiven Weise von dem präexistenten Leben, sogar von den wiederholten Erdenleben spricht. Und als Lessing in seiner «Erziehung des Menschengeschlechts» das — die Anschauung von den wiederholten Erdenleben - aufnahm, da sagte er: Diese Anschauung von den wiederholten Erdenleben ist in den allerältesten Zeiten aufgetreten - soll sie deshalb weniger wertvoll sein, weil sie in allerältesten Zeiten aufgetreten ist, ehe sie dem Menschen durch alle möglichen Schulen verdorben worden ist? — Sehen Sie, diejenigen, die heute Literaturforscher oder dergleichen sind, die nehmen das ja auch so — nun, sagen wir ästhetisch. Sie achten es nicht sehr, sie möchten es nicht als Realitäten ansehen. Deshalb sagen sie: Lessing ist ein großer Mann, aber die «Erziehung des Menschengeschlechts» war ein Machwerk des Alters. Lessing war ein großer Mann. Aber liest man zwischen den Zeilen, dann verhält es sich so, daß er sich an die Idee der wiederholten Erdenleben eigentlich immer gehalten hat. Und es ist schon so, daß das Wissen von den übersinnlichen Welten und auch das Wissen von dem konkreten Inhalt des Geistigen, der geistigen Weltregierung überhaupt, dadurch herangebildet wird, daß man sich mit dem vorgeburtlichen Leben beschäftigt, nicht bloß mit dem Leben post mortem. Aber das ist in der neueren Zeitentwicklung allmählich ganz abhanden gekommen. Wir können das an einer Äußerlichkeit merken.

Sehen Sie, wir haben ein Wort, das heißt «unsterblich». Wir reden, wenn wir in der richtigen Weise dazu vorbereitet werden, von der «Unsterblichkeit». Wir verwenden das Wort «Unsterblichkeit», aber wir reden nicht von einem Worte, das «Ungeborenheit, Ungeborensein» heißt. Denn so wahr wir nach dem Tode weiterleben und unsterblich sind, so wahr sind wir ungeboren. Und wir müßten ein eigenes Wort haben für das Ungeborensein, ein ebenso natürliches Wort wie «Unsterblichkeit». Das haben wir aber nicht. Weil die Menschen in der Zivilisation ganz davon abgekommen sind, das Unsterbliche zu verstehen, wird es erst wieder verstanden, wenn man ebenso auf das Ungeborensein hinblicken kann wie auf das Unsterblichsein, denn geradeso wie an dem einen Pol des Lebens die Seele, wenn der Tod eintritt, entlassen wird und in die geistige Welt aufsteigt, so ist die Geburt respektive die Konzeption der andere Pol, durch den die Seele wieder hereinkommt in die physische Welt. Und so wenig wie die Seele stirbt, so wenig wird sie geboren. Zum eigentlichen Wissen schließt sich der Glaube erst auf, wenn man nun wirklich auf dieses präexistente Leben kommt. Das ist das, was weiterführt. Dieses übersinnliche Leben muß sich wieder mit dem Präexistenten beschäftigen, es muß auf den Weg hinüberleiten, der wirklich zum Ziel führt.

Was die Bemerkung betrifft, daß Anthroposophie anmaßend sein soll - ja, das kommt darauf an, nicht wahr, wie man die Sache auffaßt. Nun, die katholische Kirche fand es bis 1827 höchst unangemessen zuzugeben, daß einmal ein Kopernikus aufgetreten ist und gesagt hat, daß sich die Erde um die Sonne bewege. Also erst 1827 haben die Katholiken die Erlaubnis bekommen, daran zu glauben. Heute bekommt man von der offiziellen Wissenschaft her noch nicht die Erlaubnis, an die wiederholten Erdenleben zu glauben, wie man damals nicht glauben durfte an die Bewegung der Erde um die Sonne. Wir können es ja abwarten, bis uns diese Leute erlauben, an jene Dinge zu glauben und uns zu halten, die uns gerade durch Anthroposophie gegeben werden. So lange müssen wir zunächst den Vorwurf der Anmaßung schon ertragen, denn so geht es eben einmal in der Welt.

Frage: Wie urteilt Anthroposophie über die Impfung als Schutzmittel gegen Epidemien?

Rudolf Steiner: Diese Frage paßt inhaltlich einigermaßen schlecht zu dem, was vorhin gesagt worden ist. Aber ich will versuchen, doch einiges zu sagen. Es ist nämlich so: Selbstverständlich darf man ja, wie heute schon ausgeführt wurde, keineswegs glauben, daß die Anthroposophie gegen berechtigte Erfolge, die man in den neueren naturwissenschaftlichen Gebieten und der Medizin erzielt hat, polemisiere. Es kann in manchen Fällen gezeigt werden, daß ein solcher Erfolg, wie er erzielt werden soll durch die Impfung - also zum Beispiel durch die Blatternimpfung -, ja auch tatsächlich erreicht worden ist. Es besteht immerhin die Tatsache, daß die Infektionskrankheiten weitgehend eingeschränkt worden sind durch die mehr äußerlichen, mehr hygienischen Maßregeln, die ja notwendig geworden sind, und durch die Schutzimpfung. Allerdings waren zahlreiche Impfungen nicht so, daß man sagen könnte, sie hätten einen ähnlichen Erfolg gehabt für andere Krankheiten. Aber man muß doch durchaus die Wirksamkeit dieses Prinzips zugestehen.

Auf der anderen Seite ist diese Frage aber doch etwas, was man mehr psychologisch betrachten kann. Es gibt heute sehr zahlreiche Impfgegner. Diese Impfgegner sind eigentlich Parteien, denen man auf einem rationalen Wege in ihrer Psychologie nicht beikommen kann. Es sind Leute, die aus einem inneren Widerstreben heraus gegen die Art, wie da versucht wird zu wirken, handeln. Und sie können aus ihrer Erkenntnis heraus nicht sagen, daß die Impfmethoden wirkungslos sind, denn es liegen ja Wirkungen vor. Und wer sich wehrt, wehrt sich aus einem gewissen Unbewußten heraus gegen diese Methode der Impfung.

Anthroposophie muß von tieferen Gesichtspunkten ausgehen. Wenn man das Krankheitswesen zusammendenkt mit dem, was Ihnen heute hier ausgeführt worden ist, namentlich über die wiederholten Erdenleben, wenn man davon überzeugt ist, daß es wiederholte Erdenleben gibt, dann muß man ja auch das, was der Mensch erlebt im jetzigen Leben an Krankheitsfällen, zusammenbringen mit dem, was er erlebt hat in einem vorigen Erdenleben. Wenn man das erst einsehen wird, wenn man den Willen hat, das einzusehen, ganz unbeschadet dessen, was etwa in der Epidemiologie gesagt wird, in der Infektionswissenschaft, ganz unbeschadet dessen, muß man wissen, daß ein gewisser Zusammenhang besteht zwischen dem, was der Mensch durchgemacht hat in einem früheren Erdenleben, und dem, was geschieht, wenn er sich jetzt aussetzt einer bestimmten Infektion. Man sagt, etwas geschieht durch Zufall. Aber es wird nicht zugegeben, daß aus dem Unterbewußten heraus der Mensch dorthin getrieben wird, wo er dann mit der Infektionsgeschichte in Berührung kommt. Unbeschadet von manchem, was er dadurch erleben kann, kann man noch zu manch anderen Anschauungen kommen von dem, was mit einer Krankheit zusammenhängt.

Wenn eingesehen wird, daß gewisse Krankheiten etwas mit den Seeleneigentümlichkeiten des Menschen zu tun haben, in gewisser Beziehung eine Überwindung dessen sind, was der Mensch in einem vorigen Erdenleben nicht hat erreichen können und daß diese physischen Krankheitsprozesse, die man aushalten muß, ein Augleich sind — der Krankheitsprozeß ist auch mit seelischen Erscheinungen verknüpft -, dann kann man auch verstehen, warum aus einem gewissen Unbewußten, Instinktiven heraus manche einen Widerwillen haben gegen dieses Heilelixier. Sie sagen sich eigentlich unbewußt, daß bei dem, was da als Krankheit vorhanden ist, parallel gehen müßte mit der äußeren Heilung auch eine innere seelische Weiterentwicklung zum Geiste hinauf. Und wenn die Impfung, die man anwendet, es ermöglicht, daß die Dinge ganz so gelingen, wie man es sich vorstellt, müßte man dennoch sagen: Auch wenn man es durch entsprechende Verfahren fertigbringt, daß alle Epidemien erlöschen, daß man die Krankheiten einschränkt, so fragt es sich aber doch, ob nicht auch noch etwas anderes notwendig ist, was diesem Prozeß sozusagen dadurch entgegenkommen muß, daß zu gleicher Zeit eine innere seelische Entwicklung zum Geistigen hin erfolgt. Das müßten die Menschen einsehen, daß ein solches Verfahren möglich ist. Man kann alles anerkennen, was die Wissenschaft sagt, nur muß man sich über die Notwendigkeit klar sein, daß gegenüber dem, was als äußeres Heilverfahren vorhanden ist, noch etwas dasein muß, was die Seele auf innerem Wege vorwärtsbringt und was auf frühere geistige Zusammenhänge hinweist, auf frühere Leben. Anthroposophie wird nie etwas einzuwenden haben gegen das, was die Naturwissenschaft bringt.

Frage: Wie kann man selbst eine Imagination bilden? Woher kann man ihren Inhalt nehmen, wenn nicht an eine sinnliche oder eine gedächtnismäßige Vorstellung angeknüpft werden soll?

Rudolf Steiner: Das beruht auf einem Mißverständnis! Ich sagte, das, was zur Meditation benützt werden soll und was dann zur Imagination führt, soll überschaubar sein, man soll es vollständig überschauen, damit nicht Reminiszenzen auftreten, damit nicht das Unterbewußte sich am entsprechenden Seelenprozeß beteiligt. Sehen Sie, wenn Sie zum Beispiel irgendein Erlebnis nehmen aus der zurückliegenden Zeit und meditieren dann, so leben in dem Bilde eines solchen Erlebnisses viele Elemente, die Sie mehr oder weniger unberücksichtigt gelassen haben. Diese Elemente tauchen aus dem Unterbewußtsein auf, und damit bewegen Sie sich nicht vollständig in dem, was Sie sich vorgenommen haben. Es kommt auf das Überschaubare an. Zum Beispiel kann man darüber meditieren, daß man sich einen Kreis mit einem eingeschriebenen Dreieck vor die Seele ruft. Es kommt darauf an, daß die Seele ihre Übungen macht an einem solchen Überschaubaren. Es können auch qualitative Dinge sein. Wenn man solche überschaubaren Dinge in der Seele ruhen läßt, um darüber die Meditation zu verrichten, dann entwickelt sich nicht die Gefahr, daß aus dem Unterbewußten Reminiszenzen heraufsteigen. Es kommt nicht darauf an, daß man etwas sinnlich Vorstellbares oder Gedächtnismäßiges nicht verwendet zur Meditation - man kann beides gebrauchen, aber es muß überschaubar sein, es darf nicht ein solches sein, das dann in der Folge allerlei bewußte oder unbewußte Prozesse hervorruft. Auf das Überschaubare kommt es an, nicht darauf, daß man sich irgend etwas Beliebiges vorstellt, das viele Dinge umfaßt.

Wenn jemand zum Beispiel über den Begriff «Stadt» meditiert, da hat er soviel durchgemacht im Leben, da hat sich in dem Begriff «Stadt» soviel angehäuft, daß er jetzt nicht wissen kann, was da alles auftaucht. Ein Beispiel, das auch in der Literatur verzeichnet ist: Ein gelehrter Naturforscher geht über die Straße in der Stadt und kommt an ein Schaufenster. Er bleibt stehen, sieht in das Schaufenster hinein und erblickt da das Titelblatt einer Abhandlung über die Regenwürmer — etwas, was ihn ganz gewiß interessieren muß, nicht wahr. Aber während er da hinguckt und das Buch über die Anatomie der Regenwürmer sieht, muß er plötzlich lächeln. Ein Naturforscher, der plötzlich lächeln muß, während er ein Buch über Regenwürmer anschaut! Es kommt ihm selbst ganz unwahrscheinlich vor, daß er dabei lächeln muß, und er will doch darauf kommen, wie das geschah. Da wendet er sich weg, richtig weg, macht die Augen zu und versucht nun, im Dunkeln darauf zu kommen. Und siehe da, er hört in der Entfernung die Töne einer Drehorgel. Er hat sie gar nicht berücksichtigt, weder unbewußt, wo er da gegangen ist, noch bewußt, als er das Buch angeschaut hat. Aber die Töne sind doch an sein Ohr gedrungen; sie lebten in einer gewissen Beziehung in ihm und brachten ihn sogar zum Lächeln, ganz unbewußt. Also, er hört nun die Töne der Drehorgel, und er findet, es ist dieselbe Melodie, bei der er tanzen gelernt hat einst vor dreißig Jahren. Er hat niemals wieder daran gedacht, an dieses wichtige Ereignis, daß er bei dieser Melodie das Tanzen gelernt hat. Dieses Ereignis hat aber doch so in seiner Seele gelebt, daß er jetzt lächeln mußte - selbst als Naturforscher. Also, im Unterbewußten des Menschen sitzt sehr vieles. Und ich kann Ihnen sagen: Es gibt Mystiker, welche Engel vernehmen - was durchaus auch Realität sein kann -, aber bei manchem Mystiker, der irgendwo etwas in der Engelwelt zu vernehmen vermeint, ist es doch so - weil diese Dinge nicht nur als Reminiszenz im Unterbewussten verbleiben, sondern auch Metamorphosen durchmachen -, daß solche vermeintlichen Engel manchmal umgewandelte Drehorgeltöne sind! Und manches, was einem als bedeutsame Offenbarung vorkommt - es sind bloß die umgewandelten Drehorgeltöne.

Das ist es, was man vor allen Dingen wissen muß. Die anthroposophische Methode ist eine absolut sichere Methode. Je mehr man in die geistige Welt hinaufgeht, desto mehr wehrt man sich gegenüber all dem, was einem, weil es aus den Dingen herauskommt, alles mögliche Beirrende und Absurde bringen kann. Also, es handelt sich nicht darum, daß man über Dinge meditiert, die man nicht überschauen kann, sondern über solche Dinge, die zusammengesetzt sind von jemanden, der solche Dinge versteht, oder von einem selber gewählt sind als Dinge, die man überschauen kann. Es kommt darauf an, wie man ein Dreieck anschaut, von dem man weiß, es hat drei Seiten, es hat drei Winkel von zusammen 180 Grad - man kann das anschauen, da kann nicht viel aus dem Unterbewußten dabei heraufkommen. So überschaubar müssen die Meditationen sein, daß man nicht aus dem Willkürlichen in das Unwillkürliche hinunterkommt, ins Unbewußte, daß nicht ein bloß Gedächtnismäßiges auftritt oder irgend etwas, was einmal eine Sinnesempfindung war, so wie die fernen Töne einer Drehorgel, sondern es muß etwas im Bewußtsein präsent sein, was so überschaubar ist wie eine mathematische Vorstellung. Daran kann man das imaginative Erkennen üben. Selbstverständlich muß man sich ja alles, was sich aus dem Gedächtnis heraus bildet, materialistisch vorstellen. Es kommt nicht darauf an, daß es aus dem Gedächtnis heraus gebildet ist, aber überschaut muß die Sache werden. Ein Diskussionsredner: Dr. Kolisko hat heute erwas erwähnt, was mich außerordentlich interessiert. Als er von den drei Zentren sprach, erwähnte er gewissermaßen, daß der Kopf alles aufzehrt, was aus den unteren Organen als vitale Lebenskraft aufströmt. Die unteren Organe schaffen also immer etwas Lebendiges, was der Kopf gewissermaßen wieder auffrißt. Ich möchte wissen, wie Anthroposophie über den eigentlichen physischen Körper denkt.

Dr. Steiner hat heute bei Nietzsche erwähnt, daß der physische Körper die Seele zerbrochen habe, also die Seele nicht stark genug gewesen sei, um den Körper überwinden zu können. Vom allgemeinen Standpunkt aus, ohne den physischen Körper zu haben, von einer Richtung aus habe ich darüber etwas gehört - ich habe die Methode von Dr. Hanish kennengelernt, Was nützt es mir, wenn ich höhere Welten kenne und Zahnschmerzen habe? Wenn ich mir nicht helfen kann, wenn ich Zahnschmerzen habe, was hilft es mir dann, wenn ich von der geistigen Welt etwas weiß? Muß man dem physischen Körper beikommen von der materiellen oder von der geistigen Seite her?

Eugen Kolisko: Man muß sich erst klar werden über das Wesen des Menschen. Dann erst kann man verstehen, worin Gesundheit und Krankheit des Menschen eigentlich bestehen. Wenn man sagt: Was ist es mir nütze, wenn ich etwas vom Weltzusammenhange weiß und trotzdem Zahnschmerzen habe und allen möglichen Krankheiten ausgeliefert bin —, da muß man doch feststellen, daß das eine sehr einseitige Betrachtungsart ist. Auf die kann ganz besonders angewendet werden, was vorhin gesagt wurde: Daß das menschliche Egoistische in einem außerordentlich starken Maße vorhanden ist, wenn man sagt, ich will nichts zu tun haben mit dem Geistigen, weil ich dadurch nicht von meinen Zahnschmerzen erlöst werde. Erkenntnis ist etwas, was man durchmachen muß, was einen einfach treibt, nicht loszulassen, womit man eben einfach fortfahren muß - auch im Überwinden des Zahnschmerzes fortfahren muß.

Also, einen solchen Gesichtspunkt, der doch ganz von einer Art materialistisch-egoistischem Streben durchpulst ist - selbst wenn er etwa auch von übersinnlichen Welten sprechen sollte —, den kann man eben nicht anerkennen. Aber wichtig ist, daß wir eben zuerst das Wesen des Menschen erfassen müssen, um hinauszukommen aus dem bloß materialistischen Vorstellen über die Pflege des Körpers, denn man kann den Körper nicht pflegen, man kann auch nicht therapeutisch wirken, wenn man nicht eine Einsicht in den ganzen Zusammenhang der Kräfte hat, die das Wesen des menschlichen Körpers ausmachen.

Rudolf Steiner: Ich möchte mir erlauben, dazu noch ein paar ergänzende Bemerkungen zu machen und sie mit Beispielen zu illustrieren. Sie kennen ja wahrscheinlich alle ein sehr häufig gebrauchtes Sprichwort, das sagt: Es gibt sehr viele, unzählige Krankheiten, aber nur eine Gesundheit. - Ich glaube, nichts Falscheres zu kennen als ein solches Sprichwort. In der Tat: Es gibt unzählige Krankheiten, aber es gibt auch unzählige Gesundheiten; jeder Mensch, und sei er noch so gesund, hat eben seine eigene Gesundheit, und solch ein Schwadronieren geht unter keinen Umständen. Es ist durchaus richtig zu sagen, selbst von dem allergeistigsten Standpunkte aus: daß der Mensch in jeder Weise auf die Gesundheit seines Organismus sehen muß. Ich selber bin durch meine geistige Forschung dazu gekommen, zum Beispiel das Vorstellungsleben so zu betrachten, daß ich einen radikalen Irrtum darin sehe, wenn jemand glaubt, daß die Gehirntätigkeit als solche irgendwie die Grundlage sein könnte für die Geistestätigkeit. Ich sehe darin einen Fehler, den ich durch folgendes Beispiel charakterisieren möchte: Nehmen Sie an, Sie haben eine Straße, die gerade durch Regen weich gemacht worden ist. Es gehen Menschen darüber; Fußtritte haben Spuren eingegraben. Und nun würde jemand kommen und sagen: Ja, diese Straße ist konfiguriert, Sie sehen alle möglichen Linien und so weiter. Das muß durch Kräfte bewirkt werden, die von unten heraufkommen, das wird bewirkt von etwas, was drinnen ist, unter der Erde. - Wenn Sie so etwas hören, da werden Sie leicht sagen: Das ist ein Unsinn, die Fußtritte sind von außen eingraviert und nicht von unten herauf. So führt auch mich Geistesforschung selbstverständlich dahin, in den Gehirnkonfigurationen, überhaupt in den Nervenkonfigurationen, die die Herren Physiologen nachweisen, etwas durchaus Richtiges zu sehen, aber sie sind etwas, was durch das Seelen- und Geistesleben eingraviert wird und darinnen als Abdruck zu spüren ist. Aber zu gleicher Zeit handelt es sich dann darum, daß dieses ganze Körpersein zwischen Geburt und Tod der feste Boden ist, auf dem sich das Bewußtsein entwickelt; die Widerlage muß eben dasein. Man könnte sonst das Vorstellungsleben nicht so entwickeln; damit es sich zurückspiegeln kann, muß es die Widerlage haben. Der Spiegel braucht einen Boden. Also, selbst von dem allergeistigsten Standpunkte aus ist die physische Organisation des Menschen so gesund wie möglich zu gestalten. Aber nun handelt es sich darum, daß man wirkliche Ansichten entwickelt über die gesunde physische Konstitution - und nur das ist auch gemeint, wenn man sich eine umfassendere Art und Weise des Anschauens durch die Geisteswissenschaft angeeignet hat. Ein paar Beispiele dafür - wirklich nicht um zu renommieren, sondern nur um anzudeuten, was eben Grundlage meiner durch geistige Erkenntnis fundierten Lebensauffassung ist.

Ich bekam vor vielleicht 36 Jahren, als ich in eine Familie empfohlen war zum Privaterzieher, einen Knaben zur Betreuung. Unter den vier Knaben der Familie war einer - er war dazumal etwa elf Jahre alt-, der war ein Unglückswurm nach der Ansicht aller - selbstverständlich auch nach der von Vorurteilen angekränkelten Ansicht der Familie. Man war unglücklich über den Buben, denn, als er mit elf Jahren eine Prüfung machen sollte in der Schule, konnte er nichts anderes machen als ein riesiges Loch, das er in sein Papier hineinradiert hatte. Und so waren die Kenntnisse in allen Fächern bei diesem elfjährigen Jungen. Die Mutter war furchtbar unglücklich, der Vater etwas skeptisch. Der Hausarzt, der einer der ausgezeichnetsten praktischen Mediziner war, die ich je kennengelernt habe - er war wirklich ein ganz ausgezeichneter Mann -, hatte den Knaben bereits aufgegeben. Nun, ich kam zur Erziehung der drei anderen Buben ins Haus. Ich sah mir den Knaben an und sagte zur Mutter, die als letzte von der ganzen Familie, einzig und allein aus ihrem mütterlichen Herzen heraus, noch Verständnis hatte, ich könne ihr nichts versprechen, aber ich wolle alle meine Kräfte, soweit ich sie hätte, anwenden, um aus dem Knaben doch noch etwas Ordentliches zu machen. - Er ist aber aufgegeben vom Hausarzt, sagten die anderen Familienmitglieder und sahen mich als jemanden an, bei dem man sich fragen müsse, ob man ihm noch die anderen drei Buben übergeben könne - nach dieser Ansicht über den vierten Buben! Aber die Mutter hat es dann durchgesetzt - es war schon etwas durchzusetzen, bis ich den Buben zur Erziehung bekam. Ich sagte, ich müsse absolut freie Hand haben, müsse alles tun und lassen können, was ich für gut finde. Der Bub war im höchsten Grade ein Hydrozephalus. Er war wirklich sehr schlecht dran.

Nun, ich habe im Grunde genommen methodisch nur eine geistige Hygiene angewendet. Ich habe tatsächlich eigentlich nur das angewendet, was ich nennen möchte Ökonomie im Beibringen von Begriffen, von Geschicklichkeit und so weiter. Ich habe es mir ausbedungen, daß der Junge so viel Klavier hören durfte, wie ich gerade bestimmte und so weiter, daß er andere Dinge in dem Maße haben durfte, wie ich es wollte. Ich darf sagen, ich habe manchmal drei Stunden studiert, um mich eine Viertelstunde mit dem Jungen beschäftigen zu können! Aber durch eine solche geistig-pädagogische Hygiene konnte der Junge in zwei Jahren so weit gebracht werden, daß er ins Gymnasium übergehen konnte. Der Kopf war wirklich kleiner geworden. Nun, Sie mögen sagen, es wäre ja vielleicht auch so gut geworden. - Aber wahrlich, darum handelt es sich nicht, daß es von selbst hätte gut werden können; der Junge war wirklich durch und durch hydrozephal; vorher wollte und wollte sein Kopf nicht kleiner werden. Wenn er trotzdem am Leben geblieben wäre, so wäre er ganz gewiß nicht nach zwei Jahren ins Gymnasium gegangen — nach den Erfolgen, die man bisher bei ihm gehabt hatte. Es handelte sich wirklich darum, daß man in einer intensiven zweijährigen Arbeit - gerade in dieser individuellen Pflege, in dem hygienischen Eingehen auf diesen Organismus, der ganz in Unordnung war und den man zu behandeln hatte- den Knaben so weit bringen konnte. Also, es handelte sich nicht um allgemeine Regeln - trotzdem die allgemeine Sache ganz richtig sein kann -, sondern um eine intime Kenntnis der menschlichen Wesenheit überhaupt.

Was den Ausspruch betrifft, nur ein gesunder Körper könne der Ausdruck einer gesunden Seele sein- wenn man diesen Ausspruch ins wirkliche Leben übersetzen wollte, so würde das ganz und gar nicht stimmen. Ein anderes Beispiel: Ein bedeutender Arzt kam eines Tages zu mir und sagte, er hätte jetzt einen besonderen Fall, der ihn sehr interessiere. Ein Patient sei zu ihm gekommen, der einmal hingefallen sei - es war vor einiger Zeit- und das Nasenbein gebrochen habe, so daß jetzt die Nase dadurch etwas verengt sei. Er möchte ihn operieren, aber er hätte ganz gerne, wenn wir uns darüber noch unterhalten könnten. Mit einer gewissen tieferen Erkenntnis der menschlichen Natur sieht man die Dinge eben doch anders an, als man sie notwendigerweise sieht von einem bloß äußeren Anschauen der Gesundheit. Ich konnte nichts anderes sagen, als dem Arzt den Rat geben: Operieren Sie es nicht, denn das ist ein Glücksfall, wie er selten gelingt, denn der Mann bekommt jetzt gerade so viel Luft, wie er es in seiner Lunge vertragen kann. Er hat gerade jene Breite des Nasenkanals, den er braucht für seinen besonderen Fall, für seine Konstitution. Gerade das müßte man ihm lassen. Schließlich hat es sich ja gezeigt: Der Mann befindet sich eigentlich wohl mit der kleinen Verengung. So könnte man noch vieles anführen. Der allgemeine Grundsatz ist ganz richtig: Man muß auf einen gesunden Körper hinarbeiten, aber doch immer auf recht verschiedene Art.

Es kann schon einen merkwürdigen Eindruck machen - ich habe es öfter auch bei Naturheilkundigen beobachtet, die einem immer kommen und sagen: Ja, dieser Mensch hat etwas, da ist etwas Unregelmäßiges in der Herzbewegung, das muß man kurieren. - In solchen Fällen muß man sich nämlich oftmals sagen, wenn man nähere Einsicht nimmt: Lassen Sie es doch sein! Lassen Sie dem Mann seinen Herzfehler, das ist vielleicht gerade so für ihn das Richtige; wollen Sie ihn kurieren, so wird er erst recht krank. - Weil die Leute eine ganz bestimmte Schablone vor sich haben, wird oftmals viel Unnötiges nach dieser Richtung hin gemacht. Man sieht doch vielfach, daß die Menschen allgemeine Methoden anwenden, die auch nicht viel anders sind - wenigstens in bezug auf das Logische der Sache, das Tatsachen-Logische der Sache-, als es sich zum Beispiel einmal bei einer Dame verhielt, die Gesundbeterin war. Eine furchtbare Sache! Sie sagte alle möglichen Dinge, die man sich einbilden müsse; man werde dann stark und gesund, wenn man an sie glaube. Man werde abgehärtet, sagte sie. Aber ich habe niemals eine Person geschen, die so jämmerlich dreingesehen hat wie diese Gesundbeterin, die sehr darauf gesehen hat, daß nicht das geringste Lüftchen sei, denn jeder noch so kleine Zugwind hat bei ihr die furchtbarsten Zustände hervorgerufen.

Nicht wahr, das sind schon manchmal Dinge, die durchaus in ihrer Wirklichkeit angesehen werden müssen und nicht bloß von einem gewissen, ich möchte sagen Schablonenstandpunkt aus zu betrachten sind. Es ist ja durchaus richtig auf der anderen Seite, daß man nach der körperlichen Gesundheit so viel als möglich hinarbeiten muß; aber das Durchschauen dessen, was gesund ist, muß aus den geistigen Erkenntnissen hervorgehen. Der Mensch muß nicht so sehr nur auf seine Gesundheit selber achten, vielmehr muß er auch wissen: Ich bin eigentlich ein Glied des Kosmos. Und nicht wahr, die Luft, die jetzt in mir ist, die war vor kurzer Zeit draußen, im Kosmos. - Und so ist es auch in bezug auf alles andere. Als ein Glied des Kosmos - als das muß tatsächlich der Mensch hinschauen auf die Welt.

Man kann ja solch allgemeine Dinge in dieser Art nur interpretieren, und ich möchte mit diesen Ausführungen auch nur darauf hingedeutet haben.

Jakob Hugentobler spricht seinen Dank aus und schließt die Veranstaltung.

German original of Disputations on Scientific Questions · ← Previous · Next →