The Relationship between Anthroposophy and the Natural Sciences
GA 75 — 4 June 1921, Zurich
3. Naturwissenschaft und Anthroposophie
Jakob Hugentobler: Sehr geehrte Damen und Herren! Ich heiße Sie zu unserer Vortragsveranstaltung herzlich willkommen. Es ist beabsichtigt, mit diesem Vortrag wiederum etwas Positives aus der anthroposophischen Geisteswissenschaft heraus vor Sie hinzustellen gegenüber dem, was sich als doch meist negative Kritik heute so breitmacht.
Wer heute die Augen offenhält, wer sich mit etwas tieferem Verständnis seiner Umwelt öffnet, der sieht auf allen kulturellen Gebieten - auf dem Gebiete der Wissenschaft, der Religion und der Kunst- neuere Erscheinungen auftreten. Er sieht Anfänge, die aussehen wie etwas, was sich hindurchringen will, was noch nicht den eigentlichen Weg für dieses Durchringen gefunden hat. In der anthroposophischen Geisteswissenschaft wird nun versucht, für alles, was sich als ein gesundes Neues hier in den Anfängen zeigt, die Wurzeln aufzuzeigen - zu zeigen, wie man durchstoßen kann auf ein tieferes geistiges Gebiet und wie aus diesem geistigen Gebiet heraus etwas erwachsen kann, was wieder Zusammenschluß werden muß all dessen, was sich heute in so vielen getrennten Bewegungen bemerkbar macht. Es ist auf diese Möglichkeit einer tieferen Erkenntnis zurückzuführen, daß die anthroposophische Geisteswissenschaft den Anspruch erhebt, sich auf alle Gebiete des Lebens zu erstrecken, in alle Gebiete des Lebens mit ihrer neuen Erkenntnis hineinzudringen. Von diesem Geiste, der als eine Befruchtung des gesamten kulturellen Lebens von heute tätig sein will und muß, soll hier gesprochen werden. Es darf also nicht mehr in der Art, wie es früher so häufig geschehen ist, mit Entrüstung, mit Verwunderung, mit Erstaunen davon gesprochen werden, daß die anthroposophische Geisteswissenschaft eine Anmaßung an den Tag lege, indem sie sich auf alle Gebiete des Lebens verbreite. Es ist so, daß sie den Anspruch machen will, eine wirklich umfassende Weltanschauung zu sein. Aus einer solchen wirklichen Weltanschauung heraus wird in diesem Vortrage zu Ihnen gesprochen werden.
Es ist Gelegenheit geboten, hier an Eurythmie-Fachkursen teilzunehmen — Eurythmie, diese neue Bewegungskunst, die von Dr. Rudolf Steiner inauguriert worden ist. Sie stützt sich auf die anthroposophische Geisteswissenschaft, und es wird also diese neue Kunst der Eurythmie in einzelnen Kursen unterrichtet werden. Ebenso ist Gelegenheit, in die anthroposophische Geisteswissenschaft in der Weise tiefer einzudringen, daß man Einführungskurse besuchen kann, die ebenfalls hier in Zürich gehalten werden. Man kann, wenn man sich interessiert, seinen Namen und die Adresse aufschreiben. Das übrige sehen Sie aus den Programmen, die Ihnen ausgeteilt worden sind.
Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn von Anthroposophie so oft ein Zerrbild entworfen wird und dieses Zerrbild dann bekämpft wird, so daß man in diesem Kampf eigentlich wenig von dem trifft, was Anthroposophie wirklich darstellt, so liegt das wohl daran, daß heute noch sehr viele Persönlichkeiten diese Anthroposophie auffassen wie etwas, was gewissermaßen in der Mitte steht zwischen Wissenschaft im strengen Sinne des Wortes auf der einen Seite und den verschiedenen religiösen Anschauungen auf der anderen Seite.
Um in einer gewissen Weise darauf aufmerksam zu machen, wie wenig die Urteile zutreffend sind, welche der Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, eine solche schwankende Stellung zuweisen, möchte ich heute in diesem einleitenden Vortrag vor allen Dingen die Quellen besprechen, die eigentlichen Ursprünge des anthroposophischen Forschens. Und da muß ich vor allen Dingen zunächst auf folgendes aufmerksam machen. So sehr es auch der Fall ist, daß dasjenige, was durch Anthroposophie zutage tritt, die religiösen Gefühle und religiösen Empfindungen der Menschen berührt, so ist doch diese Anthroposophie selbst zunächst nicht aus irgendeinem religiösen Impuls entsprungen, sondern sie ist durchaus hervorgegangen aus der Naturwissenschaft unserer Zeit, aus einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Man kann das vielleicht von manchen Seiten zunächst sogar paradox finden, allein, gerade um den wissenschaftlichen Geist der Anthroposophie in der richtigen Art zu kennzeichnen, muß auf dieses Hervorgehen aus naturwissenschaftlicher Grundlage ganz besonders stark hingewiesen werden.
Man ist dabei, indem man sich zur Anthroposophie wendet, durchaus davon durchdrungen, daß die neuere Entwicklung der Menschheit ihr Größtes, ihre stärksten Kräfte dem verdankt, was man heute naturwissenschaftliche Einsichten nennt. Und ich möchte selbst durchaus bekennen, daß meiner Auffassung nach in der Anthroposophie kein anderer Geist herrschen darf als allein derjenige, der sich herangeschult hat am naturwissenschaftlichen Forschen der neueren Zeit, der vor allem kennengelernt hat die gewissenhaften, exakten Methoden des Beobachtens, des Experimentierens und des naturwissenschaftlichen Denkens der Gegenwart. Dabei wird allerdings, wenn man also von einer Art von naturwissenschaftlicher Vorbereitung zur Anthroposophie spricht, weniger in Betracht gezogen, was als Ergebnisse - als triumphale Ergebnisse möchte ich sagen - der neueren Naturwissenschaft aufgetreten ist, als vielmehr gerade dieser Geist der Schulung, den sich der Mensch erwirbt, wenn er lernt, naturwissenschaftlich, das heißt experimentierend und beobachtend, ernst zu arbeiten, in ernster Art sich eine wissenschaftliche Anschauung von den Wesenheiten der Welt und von den Tatsachen der Welt zu erringen.
Nun ist es ja so gekommen, daß im Laufe der naturwissenschaftlichen Entwicklung der neueren Zeit gewissermaßen immer mehr heraufgezogen ist innerhalb dieser Forschung der Sinn für die ausschließliche Bedeutung der sinnlichen Tatsachenwelt — dessen, was sich auf sichere Tatsachen gründet, die durch die Sinne beobachtet werden können und deren Beobachtung durch Instrumente verschärft werden kann. Nur was auf diese Art zugrunde gelegt werden kann, das gilt als eine wahrhaftige Grundlage der neueren wissenschaftlichen Forschung. Und je mehr man fortgeschritten ist, desto mehr kam man ab davon, im Denken, im methodischen Sinnen sich zu erheben über diese Tatsachenwelt. Man ist immer mehr und mehr dazu übergegangen, die Tatsachen gewissermaßen experimentierend so anzusehen, daß sie sich durch sich selbst in ihren gegenseitigen Beziehungen aussprechen und man auf diese Weise zu Naturgesetzen, wie man sie nennt, kommt.
Gewiß, es ist noch nicht lange her, da hat man bei der Bearbeitung der Tatsachen den Weg von diesen Tatsachen zu mehr oder weniger kühnen Hypothesen nicht gescheut. Diese haben sich in der neueren Zeit weiter entwickelt zu Begriffssystemen. Und so ist man zu Erkenntnissen gekommen, zum Beispiel über das Weltenall. Wir leben jetzt allerdings in einer Zeit, in der man über die in ihrer Art so plausibel erscheinenden Hypothesen etwas in Zweifel gekommen ist, so zum Beispiel über die Kant-Laplacesche Weltentstehungshypothese. Sie gilt durchaus als etwas Unsicheres, obwohl man auf der anderen Seite wohl zugeben wird, daß man, wenn man überhaupt zu einer befriedigenden Überschau über die Erscheinungswelt kommen will, solche Hypothesen nicht recht entbehren kann. Dies charakterisiert ungefähr das eine. Also, ich konnte ja nur in kurzen Strichen andeuten, was demjenigen entgegentritt, der sich heute nun wirklich forschend in das naturwissenschaftliche Gebiet hineinbegibt.
Das zweite ist aber vielleicht heute noch wichtiger. Es ist dies, daß man ja heute angesichts der Exaktheit, die man in der Naturwissenschaft einmal angenommen hat, nicht mehr wird auskommen können - selbst in den beschreibenden Naturwissenschaften nicht mehr - ohne eine gewisse mathematische Grundbildung. Es ist ja in der Naturanschauung der neuesten Zeit eine Definition aufgetreten, die sich allerdings etwas paradox, etwas extrem ausnimmt, die aber zeigt, von welchem Sinne man eigentlich beseelt ist in diesem naturwissenschaftlichen Denken. Es ist die Definition aufgekommen: Seiend ist dasjenige, was man messen kann. - Durch eine solche Definition wird darauf hingewiesen, wie sehr sich der naturwissenschaftlich Denkende heute in seinem Elemente fühlt, wenn er sich angeeignet hat die Kunst, die in der Geometrie und in der von der Geometrie ausgehenden exakten Messung liegt, in der Arithmetik und in den anderen Zweigen der Mathematik. Diese mathematische Schulung ist sozusagen etwas, was heute als eine Grundbedingung mitgebracht werden muß für ein ersprießliches wissenschaftliches Forschen.
Nun kommt für das, was ich heute über Anthroposophie sagen will, weniger in Betracht, was man als einzelne Ergebnisse des naturwissenschaftlichen Forschens durch Messen, Zählen und so weiter erreichen kann, sondern es kommt in Betracht jene eigentümliche Seelenverfassung, in die der Forscher kommt, wenn er — ausgerüstet mit dem durchschaubaren Gewebe arithmetischer, geometrischer oder algebraischer Vorstellungen, Vorstellungen aus der Welt der Differential- oder Intergralrechnung oder selbst der synthetischen Geometrie und so weiter —, wenn er, ausgerüstet mit dem ganzen Gewebe dieser Vorstellungen, die ja durchaus in der menschlichen Persönlichkeit selbst erzeugte Vorstellungen sind, herantritt an die äußere Erscheinungswelt und dann findet: Mit dem, was du im Grunde genommen aus deinem eigenen inneren Wesen heraus gewonnen hast, was du in Formeln, in Gebilde, was du in Gestalt gebracht hast aus deinem inneren Wesen heraus, damit kannst du eintauchen in das, was dir die Sinne darbieten. - Und er fühlt: Mit dem, was du gewissermaßen aus dir heraus gesponnen hast, kannst du umfassen und durchweben all das, was dir als ein ganz Fremdes entgegentritt aus der äußeren Tatsachenwelt. — Dieses Zusammenfließen des Mathematischen, das in voller Überschaubarkeit, mit freier, über alles sich hinziehender innerer Willensbetätigung als Gebilde, als Formeln gewonnen wird, dieses Zusammenfließen des Mathematischen mit dem, was uns äußerlich entgegentritt, uns gewissermaßen von außen zufällt, das macht die besondere Seelenstimmung desjenigen aus, der eben im Sinne heutiger exakter Naturforschung an die Natur herangeht.
Nun möchte ich, meine sehr verehrten Anwesenden, gerade auf das aufmerksam machen, was man auf diese Weise beim Mathematisieren lernt, das heißt beim Ausbilden algebraischer oder sonstiger Formeln oder geometrischer Gebilde. Ich möchte hinweisen darauf, daß es ja dem Menschen durchaus möglich ist, gewissermaßen mit nach rückwärts gerichtetem Blicke sich selber zu beobachten, wie er sich verhält in diesem Mathematisieren, wie er in diesem Mathematisieren zu einer zunächst allerdings formellen Gewißheit kommt von der inneren Wahrheit dieser Formeln und Gebilde. Das kann er auf der einen Seite tun, und er gelangt dadurch zu einer Art von Einsicht in jenen psychologischen Prozeß, der sich da abspielt, indem man mathematisiert. Gewiß, in dem Heraufkommen der Naturwissenschaft hat man sich, ich möchte sagen zufriedengegeben mit der Anwendung des Mathematischen. Man hat wenig hingeschaut auf diesen psychologischen Prozeß. Aber gerade wenn man zur Natur kommen will, wenn man nun weiterkommen will vom bloßen naturwissenschaftlichen Forschen aus, so wird es schon notwendig sein, wirklich streng hinzuschauen auf die eigentlich in der Seele vorgehenden Prozesse, auf das, was vorgeht, indem man das Mathematische ausbildet. Denn warum? Wenn man wiederum denjenigen Prozeß betrachtet, der sich abspielt in der Beobachtung oder in der geregelten experimentierenden Beobachtung, wenn man mit dem Mathematischen das Äußere durchdringt dadurch, daß man diesen naturwissenschaftlichen Forschungsprozeß sozusagen an der eigenen Persönlichkeit beobachtet, kommt man dazu, nicht nur naturwissenschaftlich zu forschen, sondern sich auch in bewußter Weise erziehen zu können zu jener Art, die Wahrheit zu ergreifen, wie sie eben ergriffen werden kann durch solches Forschen. Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, sehen Sie, von solchen Studien - zuerst von einer solchen naturwissenschaftlichen Forschungsweise und von einer solchen Anschauung der Forschertätigkeit, der inneren Forschertätigkeit — ist im Grunde genommen dasjenige ausgegangen, was in Wahrheit Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, genannt werden kann. Und an dieser Anschauung, dieser inneren Anschauung, soll auch all das gemessen werden, was als Anthroposophie auftritt. Ich gestehe es frei und offen, meine sehr verehrten Anwesenden: Es liegt im Menschen ein ursprüngliches Wahrheitsgefühl, so daß zahlreiche Persönlichkeiten, die, wenn sie von dem hören, was auf dem Gebiete der Anthroposophie als Ergebnis auftritt, bis zu einem gewissen Grade innerlich überzeugt werden. Allein, so wahr dies geschieht durch ein gewisses elementares Wahrheitsgefühl, so wahr ist es doch auf der anderen Seite, daß urteilsfähig und - wenn ich das Wort bilden darf - «forschungsfähig» auf anthroposophischem Gebiete nur derjenige ist, der die eben angedeutete Schulung und Selbstbeobachtung aus naturwissenschaftlichem Forschen heraus durchgemacht hat. Es ist ja so leicht, durch das Ansprechende der anthroposophischen Resultate in einen gewissen Dilettantismus zu verfallen, der wiederum Dilettanten anzieht. Allein, dieser Dilettantismus liegt eben durchaus nicht am Ursprunge desjenigen, was als Anthroposophie ja in der Gegenwart vor die Welt hintreten soll, sondern diese Anthroposophie sieht darauf, daß ihr jeder Dilettantismus durchaus fernbleibt und daß sie gewissermaßen über ihre Ergebnisse, namentlich über die Art, wie sie zu ihren Ergebnissen gelangt, vor der strengsten wissenschaftlichen Gesinnung der heutigen Zeit Rechenschaft ablegen kann. Deshalb nenne ich das, was in der Anthroposophie auftritt, zunächst nicht irgendeinen Glaubensinhalt, sondern etwas, was sich durchaus neben die Wissenschaft der Gegenwart - und diese durchdringend - hinstellen kann. Der Geist, der sich geschult hat an dem, was man heute von der Wissenschaft fordert, der der heute anerkannten Wissenschaft zugrunde liegt, ist derselbe wissenschaftliche Geist, der auch der Anthroposophie zugrunde liegt.
Aber gerade dann, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man mit diesem wissenschaftlichen Geiste durchdrungen ist, wenn man von dem bloßen mathematisierenden Sich-Ergehen in den äußeren Tatsachen zurückschaut auf das lebendige Forschen, auf das, was da wird, wenn man in der Seele - die äußeren Tatsachen hinter sich lassend - diese Wissenschaft gewissermaßen weiterträgt, gerade dann, wenn man auf das zurückblickt, was einem als Mensch von dieser Wissenschaft bleibt, dann tritt einem zunächst ein Problem wie ein großes Zentralproblem entgegen, das in seiner ganzen gigantischen Größe eigentlich nur derjenige fühlen kann, der sich gerade an der Wissenschaftlichkeit heranerzogen hat: Das ist das Problem der menschlichen Freiheit.
Naturwissenschaft und die von ihr abhängige Philosophie - die heute abhängige Philosophie -, sie können gar nicht anders als zunächst ausgehen von dem, was so in die Dinge verwoben ist, daß wir von Notwendigkeit sprechen müssen. Es ist unmöglich, daß wir mit dem Geiste, der heute in der Naturwissenschaft waltet, von etwas anderem ausgehen als von der Notwendigkeit. Und es ist geradezu das Ideal der Wissenschaft, das, was uns in der Außenwelt entgegentritt, als ein System innerlich notwendig zusammenhängender Wesenheiten und Tatsachen zu durchschauen. Man kommt, indem man sich so naturwissenschaftlich forschend ergeht, gerade nicht an das heran, was einem in der inneren Tatsache der menschlichen Freiheit entgegentritt als ein unmittelbares Erlebnis. Man kommt an das eben nicht heran. Und so steht man vor der bedeutungsvollen Frage, die einen wie an einen Erkenntnisabgrund heranführt: Freiheit als unmittelbares Erlebnis ist dir doch gegeben! Warum kannst du dann, indem du gewissermaßen dein mathematisierendes Erkenntnisnetz ausspannst über die naturwissenschaftlichen Tatsachen und dir auf diese Weise ein Weltbild entwirfst, nicht herankommen an das, was doch eben nicht hinweggeleugnet werden kann als ein unmittelbares Erlebnis: die Freiheit!
Wenn ich hier Persönliches einflechten darf, so möchte ich darauf hinweisen, daß mir selbst gerade aus meinen geisteswissenschaftlichen Forschungen schon in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entgegengetreten ist auf der einen Seite die naturwissenschaftliche Notwendigkeit, deren Bedeutung für die objektive Forschung zunächst gar nicht im mindesten geleugnet, sondern voll anerkannt werden soll, und auf der anderen Seite das Problem der Freiheit. Und ich habe versucht, in meiner 1893 erschienenen «Philosophie der Freiheit» mich so mit der Philosophie auseinanderzusetzen, wie das ein naturwissenschaftlich denkender Mensch der damaligen Gegenwart tun mußte.
Nun, hätten wir heute schon eine ausgebildete, unseren wissenschaftlichen Bedürfnissen entsprechende Psychologie oder Seelenlehre - wir haben sie ja nicht -, wäre es leichter, über das zu sprechen, worüber ich in diesem Augenblicke zu sprechen habe. Mit der Seelenlehre ist es ja in der neuesten Zeit eigentümlich gegangen. Ich muß da immer wiederum, wenn ich das Schicksal der Psychologie, der Seelenlehre, charakterisieren will, hinweisen auf einen ausgezeichneten Denker der neuesten Zeit, der ja hier vor einem Jahre auf dem Zürichberg gestorben ist, auf Franz Brentano.
Franz Brentano war im Beginne der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz drinnen im naturwissenschaftlichen Denken, und er hat, als er zuerst in Würzburg seine Thesen formte für seine Privatdozentur, unter seinen Thesen als Hauptthese diese, daß in der Seelenkunde keine andere Methode angewandt werden darf als diejenige, die in der äußeren Wissenschaft angewandt wird. 1874 hat dann Franz Brentano den ersten Band seiner «Psychologie auf empirischer Grundlage» veröffentlicht, und er hat versprochen, als dieser Band der «Psychologie» im Frühling des genannten Jahres erschienen ist, im Herbst den zweiten Band zu liefern und rasch hintereinander in den folgenden Jahren die nächsten vier Bände. Franz Brentano ist mittlerweile gestorben - es ist keine Fortsetzung des ersten Bandes erschienen!
Wer diesen ersten Band der Brentanoschen Seelenlehre unbefangen liest, der versteht, ich möchte sagen aus der Art und Weise, wie diese Seelenlehre auftritt, durchaus, warum eine solche Fortsetzung nicht erschienen ist. Franz Brentano sagt ja in diesem seinem ersten Band frank und frei, daß man, wenn man dabei stehenbliebe, wo er stehenblieb, sich zuerst würde eingestehen müssen, eigentlich nichts zu wissen. Wenn man das Verbinden der Vorstellungen betrachtet und ihre Beziehungen zum Gedächtnis, die Vergesellschaftung der Vorstellungen, wie man das gewöhnlich nennt und so weiter, wenn man darauf die bloß naturwissenschaftlichen Methode anwendet, dann ist das kein Ersatz für eine solche Psychologie, wie sie Plato und Aristoteles sich erhofft hatten. Das wäre kein Ersatz für eine Psychologie, die sich auch befassen kann mit dem, was im Menschen als das Ewige zu bezeichnen ist, oder - wie sich Franz Brentano ausdrückt — die sich befassen kann mit dem vom Menschen, was bleibt, wenn das zeitliche Leben als Leib von ihm abfällt. Franz Brentano wollte dieses Problem, welches man im populären Sinne das Unsterblichkeitsproblem nennen kann, im naturwissenschaftlich-psychologischen Sinne lösen. Darum hat er gerungen. Er wollte - das möchte ich bestimmt sagen — nicht in jenes Gebiet eintreten, das ich hier als Anthroposophie bezeichnen muß; das erschien ihm nicht wissenschaftlich genug. Daher konnte er aber auch, weil er ein ehrlicher Forscher war, einfach nicht weiterschreiben. Ehrlichkeit auf dem Gebiet der Seelenlehre zu verbinden mit wissenschaftlichem Forschergeiste ist nur möglich, wenn man in der Lage ist, auf dem Wege jene Fortsetzung des naturwissenschaftlichen Denkens zu entwickeln, welches eben die anthroposophische Geisteswissenschaft fordert.
Ich möchte sagen, es ist ein lebendiger Beweis, dieses Nicht-zu-Ende-Kommen Franz Brentanos mit seiner Psychologie, es ist ein lebendiger Beweis dafür, daß wir eben heute keine eigentliche Psychologie haben. Hätten wir eine Psychologie, eine eigentliche Psychologie, so würde man gewisse Dinge schon anders anschauen können, als sie heute gewöhnlich angeschaut werden. Und da möchte ich vor allen Dingen auf eines hinweisen. Wenn wir uns naturwissenschaftlich ergehen, die naturwissenschaftlichen Tatsachen in Gesetze bringen, diese Gesetze dann unserem Intellekt einverleiben, so daß wir gewissermaßen das in unserer Person mit forttragen, was sich uns, indem wir äußerlich beobachten und experimentieren, ergeben hat, so bemerken wir: Je mehr wir uns von den äußeren Tatsachen entfernen, je mehr wir gewissermaßen bloß innerlich arbeiten mit dem Verstande, der sich so vorzüglich erweist, wenn Experiment und Beobachtung ihm Führer sind, je mehr wir mit diesem Verstande weiterarbeiten, je mehr wir - mit anderen Worten - ins hypothetische Gebiet hineinkommen, in dasjenige Gebiet, wo man durch den Verstand etwas ausgestalten will, was hinter diesen Erscheinungen steht, desto deutlicher fühlt man: Man kommt in ein Gebiet hinein, dem gegenüber man sich auf die Dauer nicht befriedigt erklären kann. Je mehr man, ich möchte sagen frei sich ergehend zunächst in demjenigen Denken, das man ganz gut im naturwissenschaftlichen Forschen anwenden kann, je mehr man sich ergeht in diesem Denken, in diesem Bilden von Gedankenhypothesen, desto mehr kommt man zu etwas Unbefriedigendem. Und dieses Unbefriedigende zeigt sich im Grunde genommen im ganzen Verlauf der wissenschaftlichen Entwicklung.
Es zeigt sich dadurch, daß wir sehen, wie die mannigfaltigsten Hypothesen aufgestellt worden sind - Hypothesen über das Licht, über die Elektrizitätserscheinungen, über die Schwerkraft und so weiter -, wir sehen, wie diese Hypothesen immer wiederum durch andere abgelöst werden. Und wer sich nicht durchaus auf den Standpunkt stellen will, daß wir es heute «so herrlich weit gebracht» haben, der muß aus diesen Empfindungen, die er gegenüber diesem Aufbauen von Hypothesen haben kann, doch sagen: Die Hypothesen, die in der letzten Zeit ausgebildet worden sind, werden wiederum durch andere abgelöst werden. - Wir sind da gewissermaßen mitten drin, die alte Lichthypothese durch eine andere - von den elektrischen Erscheinungen hergenommene - zu ersetzen. Und wir müssen uns sagen: Wir kommen eben in ein Gebiet hinein, wo wir uns Hypothesen bilden aufgrund dessen, was sich der Verstand gegenüber der sinnlichen Außenwelt aus der äußeren Beobachtung und durch das äußere Experimentieren an Naturgesetzen erringen kann. Wir kommen in ein Gebiet hinein, wo dieser Verstand gewissermaßen an ein Flüssiges gerät, an ein Etwas, das in uns durchaus nicht das Gefühl hervorrufen kann, daß wir mit diesen Verstandesgebilden, die wir da hypothetisch ausbilden und die doch, wenn sie einen Wert haben sollen, diesen Wert nur dann haben, wenn sie auf irgend etwas Reales, auf irgend etwas Seiendes hinweisen, eigentlich doch nicht herankommen können an ein Seiendes.
Und wer nun in wirklicher innerer Empirie, also ausgerüstet mit unbefangener Beobachtung der inneren Seelentatsachen, namentlich des Willens, dasjenige Element in der Seele betrachtet, das die Tatsache der Freiheit einschließt, der findet dies in einem wunderbaren Einklang mit der Unmöglichkeit, zu Hypothesen zu kommen, in welchen noch dieselbe Notwendigkeit steckt, die wir haben, wenn wir mit unserem Denken die Naturerscheinungen klassifizieren und systematisieren. Man empfindet dann: Kommt man mit diesem Denken heran an das Seelenleben und will im Seelenleben nur Hypothesen ausbilden, so schwimmt man gleichsam in einer Flüssigkeit. Man stößt im Seelenleben an nichts Festes. Und das stimmt wunderbar damit überein, daß im Seelenleben derjenige Impuls wurzelt, der sich betätigen kann, ohne daß eine Notwendigkeit in ihm waltet, der sich also frei bewegen kann.
Ich möchte sagen, durch äußere naturwissenschaftliche Forschungen kommen wir zu einer Region unseres Seelenlebens, die uns zeigt: Wenn wir dahinein das Gebiet der Notwendigkeit fortsetzen wollen, so versagt das auch theoretisch; es befriedigt uns auch theoretisch nicht. Wir stoßen auf etwas in unserem Seelenleben, wo Freiheit wurzelt, wo Freiheit durchaus erlebt werden kann. Und wir werden dieses Gebiet der Freiheit nur dann richtig abgrenzen können von dem übrigen Gebiete der uns überschaubaren Welt, wenn wir sehen, daß wir gerade nicht, solange wir in der Notwendigkeit der überschaubaren Welt wandeln, mit dieser Notwendigkeit herankommen können an das, was innerlich erlebt wird, wenn wir im Gebiete der Freiheit sind. Gerade eine Psychologie, meine ich, die der heutigen wissenschaftlichen Exaktheit gewachsen ist, würde hinweisen auf die besondere Art von innerer Befriedigung, die man hat bei dem Hypothesenspiel und bei dem Zusammenklang mit dem, was man nun innerlich, seelisch erlebt, indem man die Tatsache der inneren Freiheit erlebt.
Ich mache ausdrücklich darauf aufmerksam: Ich spreche hier nicht von irgendwelchen Methoden oder irgendwelchen Theorien über die Freiheit, sondern von der Tatsache der Freiheit, die wir einfach auffinden, indem wir uns unbefangen in unser Seelenleben selber vertiefen. Und dann, wenn wir dazu in der Lage sind, wenn wir so, mit echtem naturwissenschaftlichem Geist ausgerüstet, gewissermaßen gegen uns zugehend - nicht nach außen hingehend, sondern gegen uns zugehend - an die Grenze kommen, wo man mit wissenschaftlichem Denken noch ausreicht und wo wir übergehen können zu dem, was in uns erlebbar ist als Freiheit, dann kommen wir heran an die Möglichkeit, die Berechtigung der Anthroposophie zu empfinden. Denn Anthroposophie muß zunächst, indem sie ihren wissenschaftlichen Charakter darlegt, ausgehen von diesem Erlebnis des Nicht-Herankommens an die Freiheit mit dem, was äußerlich zu solch großen theoretischen und praktischen Triumphen geführt hat - mit der Naturwissenschaft.
Nun steht man in diesem Freiheitserlebnis. Steht man aber darinnen nicht mit abstrakten Begriffen, sondern steht man eben innerlich davor, wie vor einer intimer erlebten inneren Tatsache, dann weiß man auch, indem man gewissermaßen die Seele innerlich erlebt, durchströmt, durchpulst mit dem, was als Freiheit erlebt wird: Man kann da zwar nicht hinein mit den Gedanken, die uns die äußeren Naturgesetze geben, aber wir stehen, wenn wir als Mensch uns nun wirklich in das Leben hineinstellen wollen, wenn wir zum Beispiel Ideale haben, wenn wir bekannt sind mit den wahren Anforderungen des Lebens, um da oder dort zuzugreifen im Leben - wir stehen in dieser Sphäre der Freiheit nicht gedankenlos drinnen. Wir stehen drinnen in der Sphäre der Freiheit, indem wir ein freies Denken entwickeln, und wir können kennenlernen das sich im Elemente der Freiheit bewegende Denken, das freie Denken, das zunächst nur eine innere Seelentätigkeit ist, das nicht zum Führer hat äußere Beobachtung, nicht zum Führer hat äußeres Experiment. Das ist als fortschreitender innerer Impuls gewissermaßen selbstschöpferisch in der Seele angelegt. Dieses Denken habe ich in meiner «Philosophie der Freiheit» das reine Denken genannt.
Dieses Denken bildet gewissermaßen den Inhalt des Bewußtseins, wenn wir dieses Bewußtsein so geschult haben, wie ich es eben jetzt angedeutet habe. Dann aber, wenn wir uns in diesem Denken bewegen, können wir uns erinnern an den Seinsbegriff, an den Begriff der Wirklichkeit, den wir uns angeeignet haben an der äußeren Welt, insbesondere an der wissenschaftlich durchforschten äußeren Welt, wie sie uns die Naturwissenschaft gibt. Nehmen wir auf der einen Seite diesen Realitätsbegriff er braucht zunächst nicht ein besonders klarer zu sein, er kann einfach die Vorstellung sein, die sich in uns festsetzt im unmittelbaren äußeren und auch im wissenschaftlichen Verkehre mit der Außenwelt -, nehmen wir diesen Begriff, diese Vorstellung von der Realität auf der einen Seite, und nehmen wir dasjenige, was wir bewußt erleben, indem wir im freien Denken uns betätigen, dann tritt in unserer Seele etwas auf - ja, ich könnte es Grundgesetz nennen, ich könnte es Erlebnis nennen -, es tritt etwas auf, zu dem man sich innerlich vor sich selbst bekennen muß, indem man sich sagt: Ich denke, im Denken bin ich aber nicht, das heißt, ich bin nicht so, wie ich das Sein an der äußeren Welt kennengelernt habe. Und der bedeutungsvolle Satz tritt vor uns hin: Ich denke, also bin ich nicht.
Das hat man zunächst für sein Bewußtsein zu gewinnen, meine sehr verehrten Anwesenden. Und deshalb ist es so schwierig, der Gegenwart auseinanderzusetzen, welches eigentlich der Ausgangspunkt ist für die Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie, weil ja, wie vielleicht die meisten von Ihnen wissen, die neuere Philosophie noch immer mehr oder weniger bewußt oder unbewußt ausgeht von dem Satze des Descartes: Cogito ergo sum — ich denke, also bin ich. Man geht also aus von dem großen Irrtum, daß man im Denken irgend etwas erfaßt von einer Realität, von einer solchen Realität, wie man sie sich zunächst als Realität vorstellungsgemäß ausgebildet hat. Gestehen muß man sich zunächst: Was auftritt, indem ich denke, denke ich in Freiheit. Das ist das Erlebnis der Nicht-Realität, das ist ein Erlebnis, das zu gleicher Zeit ein Denkerlebnis und ein Willenserlebnis, ein reines Willenserlebnis, ein Begehrenserlebnis ist.
Meine sehr verehrten Anwesenden, dieses Erlebnis ist von einer ungeheuren Bedeutung für das Seelenleben. Es ist so, daß man sich eigentlich lange meditierend ergehen sollte in diesem Erlebnis, bis wir gewissermaßen unser Ich ausgehöhlt empfinden, wenn wir uns vor uns selbst gestehen: Ich denke, und in diesem Denken lebt mein Ich. Es ist so, wie wenn ich hinschaue auf eine farbige Wand, in deren Mitte ein schwarzer Kreis ist. Da ist Dunkelheit, da ist kein Licht. Ich sehe dennoch den schwarzen Kreis. Ich sehe innerhalb des Lichtes den schwarzen Kreis. Wenn ich zum Selbstbewußtsein komme im gewöhnlichen Leben und mir im Selbstbewußtsein gestehe: Indem ich denke, blicke ich nicht in eine Realität, ich blicke, wenn ich mich so ausdrücken darf, in den schwarzen Kreis hinein; in das Nicht-Licht blicke ich hinein, das die Dunkelheit ist. Ich glaube, daß ich eigentlich mich erblicke, weil innerhalb meines Bewußtseinsinhaltes das Ich ausgespart ist. Eben weil innerhalb meines Bewußtseinsinhaltes ein Nichts ist und ich dieses Nicht-Sein in dem Sein erblicke, deshalb halte ich mich zunächst in dem gewöhnlichen Denken für ein Ich. Dieses ist eine fundamentale Tatsache der Psychologie und Philosophie. Daß allerdings vielleicht noch mancherlei Wasser den Rhein hinunterrinnen wird, bevor die Philosophen sich einlassen auf diese Analyse, die dazu notwendig ist, um- nun, ich kann die Sache hier nur andeuten, ich kann nur hinweisen auf das, was da ist. Es kann noch manches in ganz langen psychologisch-philosophischen Darlegungen auseinandergesetzt werden, bis endlich eine solche Analyse gemacht wird.
Sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, ist man einmal darauf gekommen, daß man eigentlich in dem «Ich denke» zunächst in das Leere der Innenwelt blickt, ist man darauf gekommen, daß sich da etwas betätigt von dem, was willensartiger Natur ist, dann ist man an dem rechten Ausgangspunkte dessen, was nun an innerlichem methodisch-anthroposophischem Forschen auftreten kann. Und diese innerlichen methodisch-anthroposophischen Forschungen bestehen darin: Ausgehend von dem, was man an der Natur des Denkens in der Freiheitssphäre innerlich erlebt hat, was man dann erforscht hat an dem «Ich denke, also bin ich nicht» im Sinne des Seins der Wesen außen, indem man das hat auf sich wirken lassen, indem man, ich möchte sagen dieses Atom des Willensseins innerlich erfaßt hat, kann man dann in der Seelenstimmung sein, von der jene Meditation ausgeht, die man braucht, um zu einer wirklichen inneren Anschauung zu kommen.
Mögen die Menschen das, was da als anthroposophische Methode auftritt, verketzern und in einer gewissen Weise vor der Menschheit dadurch entstellen, daß sie es so darstellen, als ob es im schlechten Sinne irgend etwas Minderwertiges wäre, wie man das oftmals so «minderwertig» nennt auf dem Gebiete der Experimente, des Pragmatismus und so weiter - auf all den Gebieten des mannigfaltigen Aberglaubens mögen die Menschen, wie gesagt, all das entstellen, was der Geistesforscher sich da ausbildet, indem er von einem feststehenden philosophischen Untergrund ausgeht das, was da an Methode, an meditativen Methoden entwickelt wird, das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist nichts anderes als eine Fortbildung derjenigen inneren Seelenkräfte, die wir haben, wenn wir mathematisieren, und deren Anwendung in der äußeren Naturforschung so große, so bedeutsame Resultate zeitigte. Hat man das gelernt, was im Mathematisieren in der Seele als Tätigkeit da ist, hat man sich in diese eigentümliche, wissenschaftlich gebildete Schaffensform hineingelebt, dann kann man sie weiter ausbilden, indem man gewissermaßen das nachbildet, was in unserem Gedächtnis auftritt, so daß wir an diesem Gedächtnis zunächst eine Art Leitimpuls für unser Leben haben. Wir haben diese Leitimpulse für unser Leben deshalb als Leitimpulse, weil ja das, was von einem bestimmten Punkte des Erlebens in unserer Kindheit als äußere Erlebnisse aufgetreten sind, sich verwandelt in innere Erlebnisse. Wir können gewissermaßen immer aus den unergründlichen Seelentiefen Partien dessen, was wir erlebt haben, in Bildern heraufholen. Wir können aber auch unterscheiden zwischen dem lebendigen Drinnenstehen im Erlebnisse, wie wir es etwa vor zehn Jahren gehabt haben, und dem Heraufholen dessen, was damals erlebt worden ist. Und seien die Bilder noch so lebendig - das Wesentliche in diesem Gedächtnisleben ist doch, daß wir das, was wir vorübergehend erleben, vorstellungsgemäß zu einem Dauernden in uns machen, allerdings zu einem solchen Dauernden, daß wir zunächst nicht bestimmen können, was da unten im Seelenleben - oder vielleicht auch im organischen Leben - vor sich geht. Wir können aber wieder bestimmen, was wir vor uns haben, wenn wir aus diesen Tiefen dasjenige im Bilde heraufholen, was wir erlebt haben.
Leben wir uns nun ein in die Art und Weise, wie wir ein Gedächtnisbild haben, wie wir recht anschaulich ein Gedächtnisbild in uns haben, wenn wir uns durch längere Zeit an etwas erinnern, was wir erlebt haben, so lernen wir an diesem «Haben» eines Gedächtnisbildes das, was zur Meditation, zur grundlegenden Meditation der anthroposophischen Forschungsmethode notwendig ist. Da ist notwendig, daß wir eine leicht überschaubare Vorstellung in den Mittelpunkt unseres Bewußtseins stellen, und es ist ganz gleichgültig, ob sie sich auf irgend etwas Äußerliches bezieht oder ob sie nur innerlich geformt ist, meinetwillen selbst aus der Phantasie heraus. Es kommt auf den Wahrheitsgehalt der Vorstellung zunächst nicht an, es kommt aber darauf an, daß wir sie leicht überschauen können. Das alles habe ich beschrieben in Bezug auf diese anthroposophische Forschungsmethode in meinen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», in der «Geheimwissenschaft» und in anderen Büchern; da habe ich beschrieben die Art und Weise, wie man sich genau so, wie man das im Mathematisieren macht, hineinbegibt in diese Form der meditativen Vorstellung, in diese Art der meditativen Vorstellung in der Seele.
Da werden Sie es dann absurd finden, wenn jemand diese über das Mathematisieren noch hinausgehende, durch und durch von Willen durchzogene Seelentätigkeit mit irgend etwas Halluzinatorischem oder mit irgend etwas Unterbewußtem vergleicht. Das ist ja gerade der Grund, warum so viel gegeben wird auf eine mathematische Vorbereitung für die Anthroposophie, weil man dadurch erkennen lernt, wie man freie Hand hat im Hervorbringen von Vorstellungen und dem Festhalten der Vorstellungen im Bewußtsein. Und wer da sagt, das, was Anthroposophie bezwecke an innerem Willen, könne Halluzination sein, der geht - entweder absichtlich oder weil er nicht kann - nicht ein auf die ganze Art und Weise, wie nun dieses meditative Leben eigentlich besorgt wird, wie darauf gehalten wird, daß man zunächst, um ja nicht irgendwie Reminiszenzen aus dem Unterbewußtsein heraufzuholen, leicht überschaubare Vorstellungen in sein Bewußtsein hineinversetzt. Dadurch aber übt man eine Tätigkeit aus- durch innere Kraft, mit Anstrengung des Willens —, die man sonst nur anhand der äußeren Tatsachen ausübt, denn sonst geht man anhand der äußeren Tatsachen und Erlebnisse weiter und läßt anhand dieser äußeren Tatsachen und Erlebnisse das Vorstellungsleben verlaufen. Jetzt aber macht man sich von jenen äußeren Tatsachen und Erlebnissen frei - ich kann hier nur das Prinzipielle andeuten, das Genauere finden Sie in den genannten Büchern -, jetzt kommt es darauf an, die Vorstellungen durch inneren Willen festzuhalten und so dauernd eine Seelentätigkeit hervorzurufen, die sich sonst nur an äußeren Tatsachen entzündet und im Inneren des Menschen, gebunden an das äußere Dasein, verläuft. Dadurch aber, daß man ein solches Meditieren immer weiter und weiter ausbildet, dadurch, daß man jahrelang sich darin übt, Vorstellungen, die leicht überschaubar sind, zu dauernden zu machen, dadurch, daß man auf diese Weise kennenlernt jene Seelentätigkeit, die das über das gewöhnliche Sein hinausgehobene Denken losreißt von dem Leiblichen, dadurch erhebt man sich zu dem, was ich in den genannten Büchern dargestellt habe als imaginatives Erkennen.
Keine phantasievollen Vorstellungen, keine phantastischen Vorstellungen! Imaginatives Erkennen ist ein Erfülltsein des Bewußtseins mit Bildern, die in derselben Weise in der Seele anwesend sind wie die mathematischen Gestaltungen und Formeln. Und in diesem freien Handhaben der übersinnlichen Wirklichkeit, die man von jeder [physischen] Realität ebenso unterscheidet, wie man das Dreieck, welches man mit der Kreide auf die Tafel aufgezeichnet hat, als ein bloßes Symbolum mit vollem inneren Bewußtsein [von dem rein geistigen Begriff des Dreiecks] unterscheidet. Indem man in diesem imaginativen Leben der Seele nun selber etwas verharren kann, kommt man dazu, tatsächlich das Seelenleben kennenzulernen als etwas, was sich losreißen kann vom Leibe. Wir sind im gewöhnlichen Leben so - das lernt man erst dann recht erkennen, wenn man solche Übungen macht -, daß unser Leben gebunden ist an das Nervensystem und an den sonstigen Organismus. Wir sehen, daß, unabhängig vom Organismus, das Seelisch-Geistige in sich selber verläuft, und daß sich das Seelisch-Geistige mit Bildern erfüllen kann. Dadurch erst lernt man das meditative Leben kennen. Diese Bilder sind durchaus so wie die Gedächtnisbilder - nicht wie die Halluzinationen. Es ist nicht wahr, daß man mit so etwas wie Halluzinationen oder Visionen erfüllt ist, wenn man anthroposophisch forscht, sondern man lernt gerade an dem Dasein des Gedächtniswesens das Neuartige, die neue Art des Inhaltes kennen, in welcher die Bilder des imaginativen Erkennens oder imaginativen Bewußtseins auftreten. Aber man weiß auch, daß man jetzt nicht mehr sagen kann, wenn diese Bilder auftreten: Ich imaginiere, also bin ich nicht - wie man es beim Denken sagen kann.
Jetzt begegne ich, indem ich zum Imaginieren aufsteige, in einer merkwürdigen Weise dem, was ich zuerst in der Außenwelt kennengelernt habe - ich begegne der Notwendigkeit. Ich kann im Imaginieren meine Bilder bilden, aber ich kann sie nicht gegenüber einer neuen Welt, die jetzt auftritt, in einer beliebigen Weise hin- und herwürfeln. Ich sehe mich nach und nach gedrängt, diese Bilder, die da bei mir auftreten im imaginativen Leben, auf eine neue Welt, die ich da kennenlerne, auf eine geistige Welt zu beziehen. Ich lerne erkennen: Ich muß dieses Bild, das ich zunächst vorbereitet habe, als eine Frage irgendeiner Tatsache der geistigen Welt gegenüberstellen und komme durch dieses Bild, das ich mir ja aufgebaut habe, in einen Zusammenhang mit dieser Welt hinein. Ich gelange durch die bewußt hergestellten Bilder des Imaginierens an eine geistige Welt heran, wie ich durch die Bilder, die meine Augen erzeugen, oder die Tonbilder, die meine Ohren herstellen, zum Wechselverkehr mit der sinnlichen Außenwelt komme. Diese letzteren Bilder, die ja erzeugt werden in Auge und Ohr, werden ohne meine Willkür erzeugt. Was in der Imagination als Bildwelt erzeugt wird, das wird allerdings nach einer solch eingehenden Schulung erlangt, wie ich es eben in den genannten Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und so weiter dargestellt habe. Aber man erlangt dadurch eine Möglichkeit, der geistigen Welt etwas entgegenzuhalten an innerer Betätigung, genauso wie unsere Sinne in der Augentätigkeit, in der Ohrentätigkeit der äußeren, natürlichen Welt etwas entgegenhalten können, damit wir von ihr Bilder erhalten. Was uns also die geistigen Welterkenntnisse erschließen soll, das muß erst in uns entwickelt werden, das muß erst aus den Tiefen der Seele heraufgeholt werden. Und das geschieht in der ersten Stufe des übersinnlichen Erkennens, in dem imaginativen Bewußtsein. Aber es ist bedeutsam, daß wir da eben hineinkommen in eine Art von Notwendigkeit. Und wir lernen jetzt erst um so mehr dasjenige erkennen, was eigentlich Freiheit ist.
Sehen Sie, wer halluziniert oder Visionen hat, der erzeugt aus seinem Leibe heraus Bilder. Er folgt nur einer inneren Notwendigkeit, einer inneren Nötigung. Wer in der Phantasie lebt, erzeugt aus seiner Seele heraus Bilder. Er ist sich mehr oder weniger bewußt, wie er diese Bilder erzeugt. Und wenn er ein gesund veranlagter Mensch ist und kein Wahnsinniger, dann weiß er, daß er in einer unwirklichen Phantasiewelt lebt. Was man im imaginativen Bewußtsein erzeugt, von dem weiß man - weil das gewöhnliche, normale Bewußtsein, das Bewußtsein, das sich in Freiheit erlebt, vorhanden bleibt -, daß man im imaginativen Bewußtsein die Bilder selber gestaltet, wie man in der Mathematik die Formel selber gestaltet, durch die man die Wirklichkeit begreift. Aber man weiß auch, daß man, wenn man hineinkommt in die geistige Welt, durch diese Bilder eine geistige Welt ergreift. Man sieht also, daß man als Mensch mit dem gewöhnlichen äußeren Bewußtsein diesen Vorgang begreifen kann. Wir haben in dem gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft die Möglichkeit, uns die Freiheit zu erringen - und das, weil man sich ja mit dem bloß bildlichen Vorstellen, das nicht in der Realität ist, sagen muß: Ich denke, also bin ich nicht - cogito ergo non sum. Wenn man mit diesem Denken seine Freiheit ausbildet und wiederum zurückblickt in die geistige Welt, so blickt man zurück in eine Welt, in der jene Notwendigkeit herrscht, die man zuerst an der Außenwelt kennengelernt hat. In der Außenwelt geht man von der Notwendigkeit der Tatsachen aus. Man rückt auf in ein Denken, wo gewissermaßen die Freiheit zurückstößt die Sicherheit des inneren Denkens.
Man geht aus von diesem freien Denken zum Imaginieren, das aber auch Anspruch darauf macht, ein Sein zu haben, und kommt so wieder in eine Welt der Notwendigkeit. Man kommt allerdings auf eine innere Weise wieder in diese Notwendigkeit hinein. Man lernt auf diese Art vor allen Dingen dasjenige wirklich durchschauen, von dem so vielfach gesprochen wird, was einem aber eigentlich immer in einer gewissen nebulosen, schlecht mystischen Weise entgegentritt. Lernt man nämlich dieses imaginative Bewußtsein erkennen, von dem ich gesprochen habe, dann ist Selbstbeobachtung überhaupt erst möglich. Ich möchte sagen, dasjenige, was früher vom Ich aus Stützpunkt war, wenn man ins Nicht-Ich sah, das beginnt sich etwas zu erhellen. Da dringt Wille hinein und beginnt etwas zu erfassen. Und man fühlt sich auch wieder in einer Welt der Notwendigkeit. So gelangt man zum Selbstbewußtsein.
Setzt man seine Übungen fort, so kommt man namentlich zu einer solchen Übung, wo man die Bilder ebenso, wie man sie heraufkommen fühlt, wiederum verschwinden machen kann. Und das muß man, sonst bleibt man eben nicht Herr darüber, sondern man wird Visionär und nicht Geistesforscher. Kommt man dazu, die Bilder wieder aus dem Bewußtsein tilgen zu können, kommt man zur völligen inneren Willensbetätigung in dieser Bilderwelt, so daß man das Bild auch wiederum austilgen kann, dessen Werden man in der Seele erlebt hat, tritt ein, was ich die zweite Stufe - das inspirierte Bewußtsein - genannt habe. Bitte stoßen Sie sich nicht an dem Ausdruck - man muß ja Ausdrücke als technische Hilfsmittel gebrauchen. Er wurde eben gebraucht im analogen Sinne, in Anlehnung an alte Ausdrücke, aber es ist durchaus eine neue Tatsache, eine selbsterforschte Tatsache damit gemeint; das neue, das inspirierte Bewußtsein ist damit gemeint. Und mit diesem steht man jetzt drinnen in der geistigen Realität. Und steht man in der geistigen Realität so drinnen, daß man sie wie um sich hat, wirklich jetzt um sich hat eine Welt von geistigen Wesenheiten, dann erblickt man auch die eigene Seele in ihrer wahren Wesenheit. Dann wird einem das, was die Anthroposophie schildert als wiederholte Erdenleben, eine unmittelbare Tatsache. Und man schaut immer mehr die Seele, wie sie von Leben zu Leben geht, mit dem dazwischen befindlichen Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt — man sieht diesen Gang der Seele. Man hat das Vorstellen gewissermaßen erweitert, so daß es sich im Grunde genommen, nach innen gerichtet, umgekehrt bewegen kann, wie sich sonst das gedächtnismäßige Vorstellen bewegt.
Fragen wir uns: Wie bewegt sich das gedächtnismäßige Vorstellen? - Wie gesagt, da haben wir zuerst das Erlebnis: Wir sind mit der Außenwelt im Zusammenhange; wir leben uns mit unserem ganzen Menschen hinein in irgendein Ereignis der Außenwelt. Das spricht zu unseren Willensimpulsen, also besser gesagt, das spricht zu unserem Gefühl; das spricht auch zu unseren Vorstellungen. Wir leben mit unserem ganzen Menschen darinnen. Wir strengen uns vielleicht sogar physisch an, indem wir das Erlebnis haben. Kurz, mit dem ganzen Menschen leben wir darinnen. Dadurch taucht diese Seele, indem wir unsere Vorstellungen haben, in die Tiefe hinunter, und im Bilde können wir es wiederum hervorholen. Wir können sagen: Im gewöhnlichen Erleben schreiten wir vor vom äußeren Erlebnis zum gewöhnlichen Gedächtnis dadurch, daß die äußeren Bilder eine gewisse innere Metamorphose durchmachen. Im Meditieren, welches in anthroposophischer Forschung vorliegt, gehen wir den umgekehrten Weg. Wir lernen zuerst das Bild haben, das nicht an ein äußeres Erlebnis, nicht an unterbewußte Reminiszenzen anknüpfen darf, und lernen fortschreiten — jetzt nicht zu einem äußeren Erlebnis, sondern zu einem übersinnlichen Erlebnis, auch zu denjenigen Erlebnissen, die da liegen vor unserer Geburt beziehungsweise vor unserer Empfängnis. Wir lernen auf diese Weise die Präexistenz der Seele, das geistige Sein der Seele, kennen, wie wir sonst nur das kennenlernen, was uns die äußeren Erlebnisse gebracht haben bis zu einem gewissen Punkte in unserer Kindheit. Es ist das umgekehrte Erlebnis, das uns aber zu geistigem Erleben führt, wo wir vom Bilde ausgehen und zu dem Erlebnis aufsteigen. Und wenn wir zu gleicher Zeit eine gewisse Selbstzucht üben, namentlich eine solche Selbstzucht, die immer mehr und mehr sich hineinlebt in äußeres Handeln aus dem heraus, was wir im gewöhnlichen Leben als das Liebesgefühl kennen, dann lernen wir in objektiver Weise erkennen, wo wir aus den Aufgaben, die uns die Außenwelt gibt, in Liebe unsere Tätigkeit entwickeln können. Lernen wir dieses Leben kennen in der Außenwelt, dann wird auch das Fortschreiten vom Bild zur Wirklichkeit nach langer Übung allmählich so sein, daß wir von dem imaginativen durch das inspirierte zu dem intuitiven Bewußtsein vorschreiten, das heißt wir lernen, in der inneren Objektivität, in der inneren Notwendigkeit der geistigen Welt drinnenstehen.
Sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, in der Naturforschung geht man von der Notwendigkeit aus. Man geht gewissermaßen so an den Menschen heran, daß man im Denken nur insofern etwas beitragen kann, als man das, was man äußerlich naturwissenschaftlich erforscht hat, innerlich bewahrt und sich sagen kann, um im rechten Sinne Mensch zu sein: Du trägst etwas in dir, das mit dem Wesen der ganzen Welt zusammenhängt. — Aber man kommt, indem man den Versuch macht, mit jenem Denken an den Menschen heranzukommen, das ganz außerordentlich gut anzuwenden ist draußen in der Naturforschung, im äußeren Leben, in ein Gebiet - ich habe das charakterisiert, lesen Sie es nach in meiner «Philosophie der Freiheit» —-, wo man nicht mehr weiterkann. Die Hypothesen werden unsicher.
Aber wenn man das ausbildet, was auf dem Gebiete der Freiheit erlebt werden kann, dringt man auf einem umgekehrten Wege ein in die Objektivität des Geistes. Und da kann einem so recht zu Hilfe kommen, wenn man im Goetheschen Sinne - wie das in seinen naturwissenschaftlichen Schriften ausgeführt ist - das Denken nicht dazu verwendet, Hypothesen auszuspinnen, sondern nur die Phänomene zusammenzustellen.
Wenn man Phänomene zusammenstellt, lernt man erkennen, wie man heranzutreten hat an diese Welt. Man kommt so nicht zum Gebiet der Atome - nicht zu Atomen, nicht zu Elektronen und so weiter, die bis zu einem gewissen Grade berechtigt sind, soweit eben die äußere Erscheinung in Betracht kommt. Man kommt auf diese physikalisch-naturwissenschaftliche Betrachtungs- und Forschungsart eben nur an die äußeren Erscheinungen heran. Wenn man diese dagegen rein als Phänomene darstellt, dann kann man so zu dem hinter dem Phänomen Stehenden vordringen - zu dem wir selbst in unserem ewigen Wesenskern gehören -, daß man in das Imaginative, Inspirative, Intuitive aufsteigt. Und dadurch, meine sehr verehrten Anwesenden, gelangt man im Grunde genommen auch dazu, eine gewisse Selbsterkenntnis zu gewinnen, das zu realisieren, was man in der Selbstbeobachtung fordert. Man lernt, indem man das imaginative Bewußtsein entwickelt, in sich hineinzuschauen. Worauf beruht denn das Gedächtnis? Es beruht gewissermaßen darauf, daß wir das, was wir an der Außenwelt erleben, auffangen im Bilde - nicht so, wie es zum Beispiel in den ersten Tagen unserer Kindheit der Fall ist - da ist es in die Organisation hinunterversetzt —, sondern so, daß es sich spiegelt, daß es gewissermaßen an unserer Organisation eine Spiegelwand hat und daß wir es auffangen, indem wir uns erinnern, in dem Gedächtnisbilde des Erlebnisses. Indem wir so das Gedächtnis entwickeln, das wir brauchen zum gesunden sozialen und wissenschaftlichen Leben, überwinden wir auf der anderen Seite durch anthroposophische Forschung die Bindung an die physische Organisation. Allerdings muß dabei immer das gewöhnliche Bewußtsein dasein; nicht wie beim Halluzinieren darf es sein, sondern wer zum imaginativen Bewußtsein aufsteigt, der ist immer zu gleicher Zeit ein vernünftiger Mensch, der hat daneben immer das gewöhnliche Bewußtsein. Das ist es eben, was das imaginative Vorstellen, das inspirierte Vorstellen durchaus vom Halluzinieren unterscheidet. In dem, was der Körper hervorbringt, leben Halluzinationen, leben Visionen, so daß wir es, wenn wir aus dem Körper heraus körperliche Bilder entwickeln, mit Visionen, Halluzinationen zu tun haben. Wenn wir aus der Seele heraus Bilder komponieren, haben wir es mit Phantasiegestaltungen zu tun; wenn wir aus dem Geiste heraus, den wir ergreifen, indem wir uns frei vom Leib, rein geistig-seelisch betätigen lernen, Bilder komponieren, die wir uns vorstellen, dann ist das eine geistige Realität. Also, der Körper ist es, der die Bilder hervorbringt, indem er zu Halluzinationen und Visionen kommt. Die Seele komponiert Bilder, indem sie zu Phantasien, nicht zu visionären Bildern, gelangt. Der Geist in uns komponiert Bilder, indem er herantritt an die geistigen Realitäten.
Wenn wir aber in uns den Blick zurückrichten, so sehen wir jetzt gewissermaßen durch den Spiegel hindurch, so wie wir, wenn wir einen realen Spiegel hätten und ihn durchstoßen oder etwas von dem Belag wegnehmen würden, durch den Spiegel hindurchsehen könnten. Und da tritt uns im Inneren nicht das entgegen, wovon die nebulosen Mystiker schwätzen; da tritt uns etwas ganz anderes entgegen, denn die Seele hat mancherlei erlebt, bis sie sich da in dem Innern mit irgendeiner Gottheit zu vereinen glaubt. Sie sprechen von den göttlichen Manifestationen im Ich. Sie sprechen von irgend etwas, was sie da erträumen. Wer aber mit wirklicher Geisteswissenschaft in sein Inneres eindringt, kommt zu etwas ganz anderem. Er kommt dazu, gerade dasjenige materiell zu sehen, was ihm sonst seelisch gegeben ist. Sonst ist ihm seelisch gegeben sein Denken, sein Fühlen, sein Wollen, sein Wünschen, seine Begehrungen; jetzt sieht er durch alles das hindurch, was er doch mehr oder weniger mit dem Gedächtnis zusammenhängend empfindet, und er sieht in die eigentliche innere Gesetzmäßigkeit seines Organismus hinein. Er lernt seinen Organismus kennen. Er wird nicht faseln und schwafeln von dem, wovon nebulose Mystiker faseln und schwafeln, sondern er redet von der eigentlichen Natur der Leber, der Lunge, des Magens, die er durch inneres Schauen kennenlernt. Er kann sein inneres Schauen hinzufügen zu dem, was die gewissenhafte äußerlich-physikalische Anatomie gibt. Da sehen Sie die Möglichkeit, zu einer wirklichen Wissenschaft der Pathologie aufzusteigen. Da sehen Sie, wie diejenige Geisteswissenschaft, die sich nicht zu nebuloser, zu faseliger Mystik hinwendet, sondern die von exakten Methoden ausgeht, wirklich sich hineinbegeben kann in das ganze Gebiet der Wissenschaften. Ja, man lernt noch viel mehr kennen. Vor allen Dingen erkennt man, daß selbst bei den ja selbstverständlich so großartig klingenden Mystikern, selbst bei der heiligen Therese oder bei Mechthild von Magdeburg, daß da eben im Grunde genommen körperlich abnorme Zustände mitspielen. Man lernt erkennen, wie abnorme, sagen wir Leber-, Milzfunktionen und so weiter dasein können, aus denen aufsteigen aus einem unvollkommenen, unharmonischen Funktionieren diejenigen Bilder, die wir in der Mystik sonst so bewundern.
Meine sehr verehrten Anwesenden! Erkenntnis ist eine Sache, der gegenüber man nicht zurechtkommt mit Lebensvorurteilen, und wären sie noch so schön. Ich glaube, für den, der sich unbefangen in die Erkenntnis einleben kann, gibt es ein tieferes Hineinschauen in die Untergründe des Daseins, denn er weiß, wie der menschliche Organismus «auskocht» solch Schönes, wie es einem entgegentritt in den edelsten Gestalten, nämlich in einer heiligen Therese oder eben der Mechthild von Magdeburg, wenn sie sich mystisch schwärmend in Nebel ergehen und von allerlei träumen, was da aus dem Inneren rein seelisch-geistig aufsteigen soll. Das ist das Merkwürdige: daß wir durch Selbstbeobachtung zu der Materialität des menschlichen Organismus vorwärtsschreiten. Das wird immer mehr unterscheiden die exakte Anthroposophie von allem Faseln und Schwafeln von innerer Mystik, nämlich daß sie nicht ins Nebulose hineinführt, sondern in Wirklichkeiten. Sie lehrt das, was nicht durch die äußere Anatomie entwickelt werden kann, denn was man aus der äußeren Physiologie und Anatomie kennenlernen kann, ist nur die eine Seite; sie zeigt in dieser Weise, daß die Seele präexistent ist. Sie zeigt, wie diese Seele aus ihrem umfassenderen Sein herunterwirkt, um das, was im Mutterleibe geformt wird, aus dem Geistigen heraus zu gestalten. So entsteht aus der geistigen Welt heraus das Reale. Wir tauchen unter in das Gebiet der Wirklichkeit, indem wir meditativ vorwärtsdringen.
Indem wir in der Naturwissenschaft von der Außenwelt an den Menschen herantreten und indem die geisteswissenschaftlich-anthroposophische, die volle Menschenerkenntnis gegen das Naturgebiet hin geht, ergibt sich uns das, was den Menschen erleben läßt jenen Zusammenklang von Geist und Materie, den er erleben muß, wenn er voll im entsprechenden Sinne Mensch sein will. Er kommt an den Punkt, wo er aus einem inneren Drange heraus - eigentlich vom inneren Fühlen und Wollen aus- unmittelbar hinüberschreitet zum Erkennen. Es geht daraus hervor, daß wir ohne dieses Erkennen uns immer genötigt sehen, zu appellieren an eine atomistische Welt, und daß wir so nicht wirklich an das Innere des Materiellen herankommen. Lernen wir immer mehr das Materielle erkennen, dann lernen wir auch die Natur des Geistigen äußerlich erkennen. Wir lernen wirklich, jene Brücke zu schlagen, welche uns erkennend führt vom Geist zur Materie, von der Materie zum Geist. Wir brauchen nicht zu glauben, daß es damit möglich sei, auf einmal alle Weltenrätsel zu lösen. Schwachmütige Naturen mögen vielleicht sagen: Das Leben des heutigen Menschen muß ein tragisches sein, kommt er doch unweigerlich an Grenzen des Erkennens, die ihn die Weltenrätsel als unlösbar erscheinen lassen. — So ist es nicht. Wenn wir in dieser Weise aufsteigen und das geistige Leben kennenlernen, wie es wirklich ist, wie es gewissermaßen blitzartig in uns hineinschießt und wie auf der anderen Seite die materielle Welt uns wieder entgegentritt, wenn wir mit wirklichem Erkenntnisvermögen der Welt entgegentreten, dann lernen wir im Grunde genommen, indem wir aufsteigen zu einer solchen Erkenntnis, nicht etwas erleben, was uns von vornherein ins Faulbett trägt gegenüber dem Erkennen, sondern wir lernen den Kampf erkennen, in den wir hineinverwoben sind als Menschen. Der Mensch sieht, wie er draußen lebt in den Kämpfen geistiger Welten und Wesenheiten, wie er durch die sittliche Welt, die religiöse Welt an diesem Kampf teilnimmt, wie er das soziale Leben herausholt aus diesem Kampf. Er lernt etwas kennen, was die innere Seelenverfassung nicht sozusagen veroberflächlicht im Lösen der Weltenrätsel, was sie im Gegenteil vertieft.
Und das, meine sehr verehrten Anwesenden, will im Grunde genommen Anthroposophie. Sie ist der Weg, der Naturwissenschaft entgegenzukommen. Wer vom naturwissenschaftlichen Standpunkte aus oder - an die Naturwissenschaft anschließend - vom philosophischen Standpunkte aus Anthroposophie bekämpfen will, kämpft gegen Windmühlen, denn auf all das, was von Naturwissenschaft in berechtigter Weise vorgebracht wird, geht Anthroposophie ein; da kann sie dem, was durch eine solche Naturwissenschaft und eine solche Philosophie errungen werden kann, durch volle Erkenntnis nur entgegenkommen. Man hat diese volle Erkenntnis aber nicht gewollt. Durch lange Zeiten hindurch hat es das neuere Geistesleben, das neuere Zivilisationsleben zu dem gebracht, was da bekannt geworden ist in der letzten Zeit als Agnostizismus. Immer wieder und wieder haben diejenigen Denker, die nicht zu einer Fortbildung des Denkens kommen wollten, die sich nicht in die Welt des Imaginativen, Inspirierten und Intuitiven begeben wollten, von einem Ignorabimus geredet und damit etwas vor die Menschen so hingestellt - was eben bezeichnend ist -, daß es als ein Nicht-Erkennbares, Nicht-Durchschaubares gelten muß. Weil aber der Mensch immerfort weiß, ich bin Geist, ich bin Seele, so müßte er eigentlich in der Lage sein, den geistigen Ursprung zu unterscheiden von der nebulosen Mystik und dergleichen. Von alledem, was im wahrsten Sinne des Wortes Aberglaube ist auf den verschiedenen Gebieten des Lebens, von alledem liegt die Ursache nicht in der nach Klarheit trachtenden, nach exakter Naturwissenschaft trachtenden Anthroposophie, sondern der Ursprung von dem liegt bei dem Ignorabimus, in dem Agnostizismus. Diese schufen den «faseligen» Mystizismus. Gerade das Ignorabimus führt zum Agnostizismus, weil der Mensch den Geist immerfort suchen muß. Vom Ignorabimus und vom Agnostizismus gehen alle nebulosen Bewegungen aus.
Anthroposophie will nicht Nebel, Anthroposophie will Licht sein, Anthroposophie will die Fortsetzung desjenigen Lichtes sein, das sie selber als ein die Menschheit forttragendes, wirklich geistiges Licht auch anerkennt in der modernen Naturwissenschaft. So sieht sie selber die Beziehungen zwischen moderner Naturwissenschaft, moderner Philosophie und ihr selbst als Anthroposophie.