The Relationship between Anthroposophy and the Natural Sciences

GA 75 — 2 November 1921, Basel

5. Anthroposophie und Wissenschaft

Meine sehr verehrten Anwesenden! Anthroposophie, wie sie gepflegt werden soll im Goetheanum in Dornach, findet heute noch die mannigfaltigsten Gegner - Gegner, die mit ihren Anschauungen auf dem Boden des KirchlichTheologischen stehen, sogar von künstlerischer Seite her hat sich manche Gegnerschaft gezeigt, namentlich auch Gegnerschaften, die nicht immer von durchaus sachlichen Ausgangspunkten ausgehen und aus den verschiedensten Parteirichtungen und aus den verschiedensten Gebieten des sozialen Lebens heraus kommen. Mit all diesen Gegnerschaften werde ich mich, meine sehr verehrten Anwesenden, heute nicht befassen, sondern dasjenige, was ich mir heute zur Aufgabe setzen möchte, soll einzig und allein sein eine Art von Behandlung der Mißverständnisse und Gegnerschaften, die der anthroposophischen Forschung von wissenschaftlicher Seite entgegengebracht werden. Denn es ist meine Überzeugung, daß, obgleich es durchaus notwendig erscheint, sich gegen die verschiedenen anderen Gegnerschaften zu wenden, diese von selbst nach und nach verschwinden, wenn die Auseinandersetzung zwischen Anthroposophie und Wissenschaft einmal in diejenigen Formen gebracht sein wird, welche notwendig sind, damit gegenwärtige offizielle Wissenschaft und Anthroposophie sich wirklich verstehen können. Augenblicklich ist ja die Lage so, daß durchaus gerade von wissenschaftlicher Seite her der anthroposophischen Forschung die größten Mißverständnisse entgegengebracht werden.

Einleitend möchte ich aber betonen, daß die von mir vertretene anthroposophische Forschungsmethode — denn nur so möchte ich sie eigentlich nennen — durchaus auf wissenschaftlichem Boden stehen will und daß sie alle ihre Auseinandersetzungen so einrichten möchte, daß dieser wissenschaftliche Boden mit Ausschluß jeder Art von Dilettantismus und so weiter möglich werde. Der Ausgangspunkt für die anthroposophische Forschungsmethode ist ja ein solcher, daß den wissenschaftlichen Anforderungen und der ganzen wissenschaftlichen Gesinnung der neueren Zeit dabei Rechnung getragen worden ist. Anthroposophie stellt sich eben durchaus nicht von sich aus in irgendeine wirkliche Gegnerschaft zu der heutigen Wissenschaft, sondern sie möchte im Gegenteil das aufgreifen, was seit drei bis vier Jahrhunderten, insbesondere aber im 19. Jahrhundert und bis heute im Laufe der neueren Zivilisationsentwicklung heraufgekommen ist an wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit, an exakten wissenschaftlichen Methoden, wie sie sich namentlich auf dem Boden der Naturwissenschaft ergeben haben. Obzwar sie überall hinausgehen muß über die Ergebnisse und auch über das Gebiet der eigentlichen Naturwissenschaft, so wie sie heute gewöhnlich gemeint wird, möchte sie das, was zugrunde liegt als wissenschaftliche Disziplinierung, als wissenschaftliche Methoden, durchaus auch in die innere Erziehung zur anthroposophischen Methode aufnehmen. Ich werde heute nicht einen grundlegenden Vortrag halten können, sondern werde nur gewisse Punkte berühren, um dann gewissermaßen einige Verbindungslinien zu den heute wissenschaftlich anerkannten Gebieten hinüberziehen zu können.

Was zunächst von der Anthroposophie in Anspruch genommen wird, sind ja besondere Erkenntnismethoden - Erkenntnismethoden, welche abweichen von dem, was heute allgemein als gewöhnliche Erkenntnismethoden gilt, was aber doch ganz organisch aus diesen herauswächst. Man nimmt eben heute durchaus an, daß man wissenschaftlich nur forschen kann, wenn man sich auf den Boden einer Erkenntnis stellt, wie sie sich nun einmal im gewöhnlichen Leben ergibt, nachdem man eine heute normale Schulerziehung durchgemacht hat und sich dann experimentierend, beobachtend und im materialistischen Sinne denkend an die verschiedenen Gebiete des äußeren Naturdaseins mit Einschluß des Menschen heranbegibt.

Auf diesem Boden kann Anthroposophie eben nicht stehen, sondern sie geht davon aus, daß es möglich ist, daß man geradeso, wie man von der frühesten Kindheit an die seelischen Fähigkeiten erst heranbildet bis zu dem, was man heute normale Seelenverfassung nennt oder was man als solche ansieht, weitere Erkenntnisfähigkeiten dadurch ausbildet, daß man von dieser sogenannten normalen Seelenverfassung aus sein Seelenleben - wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf - nun frei, selbständig in die Hand nimmt. Und durch diese Erkenntnisfähigkeiten ist man dann in der Lage, tiefere Einblicke in das Natur- und Menschendasein, in die Welterscheinungen zu gewinnen, als das ohne solche besonders entwickelten Fähigkeiten möglich ist. Solche Fähigkeiten werden nun nicht etwa in einer willkürlichen Handhabung des Seelenlebens entwickelt, sondern sie werden in ganz systematischer Weise entwickelt, nur daß man es nicht zu tun hat mit einer Ausbildung gewisser äußerer Handhabungen, mit der Anwendung der von der gewöhnlichen Logik anerkannten Denkgesetzmäßigkeiten, sondern mit der Entwicklung des intimen Seelenlebens selbst.

Nur andeuten kann ich die Methoden, die da zur Entwicklung solcher übersinnlichen Seelenfähigkeiten angewendet werden. Ich habe in meinen verschiedenen Büchern, namentlich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und im zweiten Teile meiner «Geheimwissenschaft», ausführliche Schilderungen gegeben, wie da der Mensch vorgehen kann, um aus den tiefen Untergründen des Seelenlebens heraus zu solchen Fähigkeiten zu kommen, durch die man eben — wenn ich mich trivial ausdrücken darf - mehr zu sehen vermag, als man mit dem gewöhnlichen, intellektuellen Denken, mit dem Experimentieren und Beobachten erforschen kann.

Die erste Stufe einer solchen Erkenntnis habe ich genannt das imaginative Erkennen. Mit diesem imaginativen Erkennen ist nun nicht etwa gemeint, daß man entwickeln soll die Fähigkeit, sich Einbildungen, Phantasmen in die Seele hereinzuzüchten, sondern es ist gemeint gegenüber dem gewöhnlichen abstrakten Erkennen ein bildhaftes Erkennen, das man eben einfach braucht, um die wirklichen Geheimnisse des Daseins zu erforschen. Dieses bildhafte Erkennen, es wird - wie gesagt, ich kann nur das Prinzipielle andeuten -, so erlangt, daß man in langer Seelenarbeit - allerdings, es hängt von den individuellen Fähigkeiten ab, der eine braucht lange, der andere nur kurze Zeit -, versucht, ein Meditatives bis zur Steigerung der inneren Seelenfähigkeiten anzuwenden. Dieses meditative Leben besteht darin, daß man zum Beispiel — wie gesagt, das weitere ist geschildert in den genannten Büchern -, leicht überschaubare Vorstellungen, Vorstellungen also, die man entweder im Augenblicke bildet, so daß man sie in allen ihren Einzelheiten überschauen kann, oder die man sich von irgend jemandem, der kundig ist in solchen Dingen, geben läßt, daß man solche Vorstellungen mit aller Kraft anwesend sein läßt im gewöhnlichen Bewußtsein, daß man also gewissermaßen alle Seelenfähigkeiten konzentriert auf solche leicht überschaubaren Vorstellungen.

Was wird dadurch erreicht? Nun, ich möchte das, was dadurch erreicht wird, durch einen Vergleich ausdrücken. Wenn jemand die Muskeln seines Armes fortwährend anwendet, namentlich wenn er sie anwendet in einer ganz bestimmten, systematischen Weise, dann werden ihm Kräfte für diese Muskeln zuwachsen. Wenn jemand in einer solchen Weise die Seelenfähigkeiten anwendet, daß er sie konzentriert auf ein selbstzugeteiltes Ziel, auf einen selbst zugeteilten inneren Seeleninhalt, dann werden die Seelenkräfte als solche erstarken, werden erkraften. Und dadurch kommt man in die Lage - wie gesagt, man muß solche Übungen lange machen -, dadurch kommt man in die Lage, innerlich, ohne jetzt Rücksicht zu nehmen auf äußere Sinneseindrücke, eine solche Seelenstärke zu entwickeln, wie sie sonst nur angewendet wird gegenüber den äußeren Sinneseindrücken selbst.

Die äußeren Sinneseindrücke sind konkret, bildhaft. Jeder, der eine gewisse Selbstbesinnung hat, weiß, daß er eine größere Intensität seines Seelenlebens entwickelt, wenn er in den äußeren Sinneseindrücken lebt, als wenn er in abstrakten Vorstellungen oder in Erinnerungen lebt, wenn er also in demjenigen lebt, was ihm bleibt, wenn er seine Wahrnehmungsfähigkeit abwendet von dem äußeren Sinnesleben und sich eben nur auf sein Seelisches als solches beschränkt, so wie es, ich möchte sagen als ein Nachhall, als eine Nachwirkung entsteht durch die lebendigen, gesättigten äußeren Sinneseindrücke. Worauf es ankommt, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist eben, daß das innere Seelenleben so verstärkt wird, daß man in dieser inneren Erkraftung etwas haben kann, was man sonst eigentlich im gegenwärtigen Menschenleben zwischen Geburt und Tod nur haben kann, wenn man der Stärke der äußeren Sinneseindrücke hingegeben ist. Man gelangt dadurch zu einem bildhaften Vorstellen, zu einem Vorstellen, das tatsächlich abweicht von dem gewöhnlichen abstrakten Vorstellen - sagen wir, wenn wir wissenschaftlich reden wollen, von jenem Vorstellen, durch das man sich auf Grundlage von Beobachtung und Experiment Naturgesetze zur Anschauung bringt. Man gelangt dazu, innerlich so zu erstarken, daß man nicht nur ein solches Denken, ein solches inneres Seelenleben hat, wie es zum Beispiel im Erfassen der Naturgesetze ist, sondern wie es im Erfassen äußerer Bildlichkeit ist. Man gelangt zu innerer Bildhaftigkeit des Vorstellens. Man gelangt dazu, nicht bloß in Gedanken abstrakter Art zu denken, sondern in inneren Bildern zu leben.

In dem Augenblicke, wo man nun solch ein entwikkeltes inneres Anschauungsvermögen charakterisiert, wird sogleich geltend gemacht: Ja, Anthroposophie will etwas entwickeln, was man eigentlich kennt als untergeordnete Seelenfähigkeiten, als Seelenfähigkeiten, die halb oder ganz - wie man es nun nehmen will - in das Pathologische hinüberspielen.- Und weiter sagt man: Wer in einer solchen Weise sein inneres Anschauungsvermögen erkraftet, so daß ihm die Fähigkeit erwächst, zu inneren Bildern zu kommen, ohne daß er diese Bilder aus der äußeren Sinneswelt aufnimmt, der gibt sich hin einer Fähigkeit, die gleich ist mit der halluzinatorischen Fähigkeit, mit der Fähigkeit, sich allerlei pathologische Phantasmen einzubilden und dergleichen. - Und es ist ja in der Tat von Vertretern der heutigen Wissenschaften immer wieder eingewendet worden, daß man das, was da die Anthroposophie als ihr inneres Schauen in Bildern behauptet, zurückführen müsse auf unterdrückte Nervenkräfte, die dann in dem entsprechenden Momente durch das intensivierte innere Leben aus dem Inneren aufsteigen, so daß man eigentlich in diesen Bildern nichts anderes habe als ein unterdrücktes Nervenleben. Diejenigen Vertreter der Wissenschaft, die das anthroposophische Schauen in dieser Art verwechseln mit - im trivialen Leben so genannten — Halluzinationen, die haben sich eben doch nicht gründlich beschäftigt mit dem, was eigentlich das anthroposophische Schauen in Wirklichkeit ist. Erstens könnte man ja solchen Einwendungen damit begegnen, daß man aufmerksam macht, wie Anthroposophie überall darauf hält, daß sie in bezug auf das, was die äußere Naturwissenschaft behandelt, genau ebenso streng vorgeht wie diese Naturwissenschaft selbst und zu ihren wichtigsten Vorbereitungen das nimmt, was anerkannte naturwissenschaftliche Methoden sind, daß sie nur von diesen aufsteigt, so daß man also eigentlich nicht davon sprechen dürfte, daß derjenige, der auf dem wahren Boden der Anthroposophie steht, etwa Anzeichen davon an den Tag legen würde, daß er sich einem Schauen hingibt wie irgendein beliebiges Medium oder irgendein beliebiger Phantast. Man wird nicht erleben, daß ein beliebiges Medium oder ein beliebiger Phantast sich streng auf den Boden naturwissenschaftlicher Forschung stellt und diese zum Ausgangspunkte nimmt und das, was dann Schauen werden soll, gerade hervorgehen lassen will aus diesen strengen naturwissenschaftlichen Methoden. Aber davon will ich ja gar nicht einmal reden, sondern ich möchte darauf aufmerksam machen, daß Anthroposophie eine gründlichere, exaktere Denkmethode fordert, als eigentlich gewöhnlich in solchen Einwendungen zutage tritt oder angewendet wird.

Da handelt es sich darum, daß vor allen Dingen solche Einwände doch noch nicht von einer wirklich gründlichen Seelenkunde oder Psychologie ausgehen. Unsere Seelenkunde läßt ja heute noch sehr vieles zu wünschen übrig. Sie ist durchaus nicht angemessen den exakten Methoden der äußeren Naturforschung. Sie ist eigentlich in vieler Beziehung durchaus ein Chaos von altüberlieferten und bis zu bloßen Worten extrahierten Vorstellungen und allerlei Abstraktionen. Sie beruht nicht auf einer wirklichen Beobachtung des Seelenlebens, auf einer exakten Empirie des Seelenlebens. Eine solche exakte psychologische Empirie muß sich ja vor allen Dingen die Frage vorlegen: Wie steht es eigentlich mit demjenigen, was unsere Sinneswahrnehmung ist? Was wirkt denn eigentlich in unserer Sinneswahrnehmung?

In unserem Gesamtseelenleben wirken Vorstellen, Fühlen, Wollen. Aber unser Seelenleben ist nicht so, daß wir anders als in der Abstraktion voneinander trennen können Vorstellen, Fühlen und Wollen, sondern an allem, was unsere Seele irgendwie vermag, sind Vorstellen, Fühlen und Wollen beteiligt. Man kann eigentlich nur sagen: Wenn wir im Vorstellungsleben sind, dann spielen Fühlen und Wollen in das Vorstellungsleben hinein. Wenn wir innerhalb des Vorstellungslebens ein bejahendes oder verneinendes Urteil fällen, dann ist allerdings unser Seelenleben nach außen orientiert, aber die Bejahung oder Verneinung wird durch einen Willensimpuls vollzogen. Es spielt in unser Vorstellungsleben dieser Willensimpuls durchaus hinein. Und nur derjenige kann einen exakten Begriff von dem Seelenleben und seinen verschiedenen Äußerungen bekommen, der sich überall klar ist, welches der Anteil des Fühlens am Wollen ist- oder umgekehrt des Vorstellens am Wollen und so weiter.

Nun ist ja verhältnismäßig leicht einzusehen, daß in unser Vorstellungsleben der Wille hineinspielt. Ich habe eben aufmerksam gemacht auf das Fällen von Urteilen, und derjenige, der das Urteilen wirklich studiert, wird eben schon sehen, wie in das Vorstellen der Wille hineinspielt. Aber auch - und das ist wichtig, meine sehr verehrten Anwesenden - in unser Sinneswahrnehmen spielt der Wille hinein. Und hier muß ich aufmerksam machen auf etwas, was gewöhnlich in der heutigen Psychologie wohl gar nicht gewußt wird, jedenfalls nicht genügend charakterisiert wird. In unser Sinneswahrnehmen, in all unser Sehen, Hören und in die sonstigen Sinneswahrnehmungen spielt durchaus der Wille hinein. Was geht eigentlich in der Sinneswahrnehmung vor sich?

Indem wir wahrnehmen, sind wir ja bei jedem Seelenakt, auch bei all demjenigen, in dem wir uns scheinbar passiv der Außenwelt gegenüberstellen, innerlich aktiv. In dem, was wir durch innerliche Aktivität der äußeren Welt entgegenbringen, uns also irgendeiner Sinneswahrnehmung exponieren, in dem lebt durchaus - allerdings, ich möchte sagen verdünnt, filtriert —, aber es lebt darin der Wille. Und das Wesentliche der Sinneswahrnehmung besteht darinnen, daß dieser Wille- man könnte das durchaus stundenlang im einzelnen ausführen, ich kann es hier nur andeuten -, daß dieser Wille, den wir gewissermaßen von innen nach außen exponieren, zurückgeschlagen wird von den verschiedenen Agenzien. Und wir werden das Wesen des Reizes, das Wesen der Gesamtsinneswahrnehmung nur begreifen, wenn wir dieses Spiel des Willens von innen nach außen und den Gegenschlag der Naturagenzien von außen nach innen ins Auge fassen können, wenn wir gewahr werden, wie in jedem Sinneswahrnehmungsakt ein Zurückschlagen des Willens vorhanden ist und wie alles das, was von der Sinneswahrnehmung an Erinnerungen oder sonstigen Vorstellungen bleibt, eigentlich zurückgenommener Willensimpuls ist. Und so können wir unterscheiden, indem wir uns sinnlich exponieren, dasjenige, was in einer solchen Weise vom Willen aus spielt, von demjenigen, was dann, ausgehend vom ganzen Akt und anschließend an diesen sich fortsetzt in dem Vorstellungsleben.

In dem Vorstellungsleben lebt nun, wie ich schon angedeutet habe, allerdings auch der Wille, aber er lebt so, daß das Innere des Menschen an dieser Willensentfaltung ins Vorstellungsleben hinein einen viel größeren Anteil hat als an der Willensentfaltung in das Sinnenleben hinein. Zunächst bleibt unser Wille vor allen Dingen viel aktiver, viel subjektiver, viel persönlicher im Vorstellen als in der Sinneswahrnehmung. Sehen Sie, sehr verehrte Anwesende, alles das, was ich beschrieben habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» zur Ausbildung des übersinnlichen Erkenntnisvermögens, das zielt darauf hin, daß man sich diesen Willen, der in die Sinneswahrnehmungen hineinspielt, der also angewendet werden muß auch von der exaktesten Naturforschung, zum vollen Bewußtsein erhebt. Und man muß nun sein Vorstellungsleben innerlich zunächst so organisieren, daß in diesem Vorstellungsleben nicht der subjektiv willkürliche Wille - wenn ich mich so ausdrükken darf - lebt, wie er sonst im Vorstellen lebt, sondern derselbe objektive Wille, der in der Sinneswahrnehmung lebt. Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, wie ich sie meine, geht nicht darauf aus, in einer nebulos-mystischen Weise allerlei aus dem Untergrunde des Seelenlebens heraufzuholen, um etwa einen subjektiven Willen hineinzupressen in das Vorstellungsleben. Dieser subjektive Wille ist im gewöhnlichen Leben schon darinnen, aber er muß gerade durch die Übungen zur Erlangung höherer Erkenntnisse aus dem Vorstellungsleben herausgelöst werden, und es muß derjenige Wille, zu dessen Durchschauen man sich sorgfältig heranerzieht und der gerade in der Sinneswahrnehmung - und nur in der Sinneswahrnehmung - lebt, disziplinierend das Vorstellungsleben durchdringen.

Damit ist - wenn ich mich so ausdrücken darf - etwas Ungeheures erreicht. Damit ist erreicht, daß das gesamte Vorstellungsleben den Charakter annimmt, den sonst nur das Sinneswahrnehmen hat. Das ist etwas, was jeder einzelne als seine persönliche Entdeckung machen muß. Der Mensch weiß, vorstellen kann er sich alles mögliche; da kann der Wille hineinspielen, indem er das Urteil so oder so wendet. Was lebt nicht alles im Vorstellen! Wenn aber der Mensch seine Sinne gebraucht, dann zwingt ihm die Außenwelt die Disziplinierung des Willens auf - in solcher Weise, wie man den Willen bei der Sinneswahrnehmung eben anwenden kann -, und dann ist es unmöglich, die innere Subjektivität in willkürlicher Weise zur Geltung zu bringen. Ich erinnere daran, daß man wohl in der anthropologischen Psychologie schon von einer anderen Seite darauf aufmerksam gemacht hat, wie der Wille in den Sinneswahrnehmungen lebt - ich erinnere nur an die Lokalzeichen Lotzes und so weiter. Nur wenn man aber dazu kommt, diesen in die Objektivität überspringenden Willen nun auch in das Vorstellungsleben hereinzubringen, dann gestaltet man das Vorstellungsleben so, daß es zum imaginativen Erkennen wird, daß es ebenso teilhat an der Objektivität, wie sonst nur das Sinneswahrnehmen an der Objektivität teilhat.

Sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, gegenüber dem, was ich jetzt nur in wenigen Strichen andeuten konnte, gegenüber dem, was durchaus im exaktesten Sinne gemeint ist, was aber nicht so gemeint ist, daß man sich allerlei phantastischen Vorstellungen hingibt über innere Seelenentwicklung - wie es bei nebulosen Mystikern auch der Fall ist —, gegenüber dem sind doch all die Einwendungen - auch diejenigen, die heute von offizieller Wissenschaft gemacht werden - für den, der die Sache kennt, im Grunde außerordentlich dilettantisch. Denn gegenüber all dem, was jemals einfließen kann in Halluzinationen, in Träume, in all das, was nur aus der Organisation des Menschen subjektiv aufsteigt, gegenüber dem also, wo der Mensch ohne objektive Orientierung lebt, wo er ganz hingegeben ist nur seinem Inneren, gegenüber dem wird ein Vorstellungsleben entwickelt, das nachgebildet ist dem äußeren Sinnesleben mit seiner Objektivität. Es wird also gewissermaßen die Objektivität der Sinneswahrnehmung ausgedehnt nach innen über das Vorstellungsleben. In alledem, was beim Mediumismus, was irgendwie beim krankhaften Hellsehen vorliegt, wird dagegen das, was zur Bildhaftigkeit, zum halluzinatorischen Leben führt, aus dem Inneren des Menschen heraufgeholt.

Aber das ist ja gar nicht der Fall bei jenen Methoden, die angewendet werden zur anthroposophischen Forschung. Da geht man nicht von innen nach außen, wie es im Grunde bisher noch jede Mystik gemacht hat, sondern da geht man von außen nach innen. Da lernt man nicht an seinem inneren mystischen Gefühl, da lernt man gerade an der äußeren Sinneswahrnehmung, wie man sich objektiv der Welt gegenüber einstellt. Und dann entdeckt man, daß man allerdings, indem man auf diese Weise an der Sinneswahrnehmung gelernt hat, in die Lage kommt, das Vorstellungsleben in einer ebensolchen Weise zu einem Konkreten, zu einem innerlich Gesättigten zu gestalten, wie man es sonst nur bei der Sinneswahrnehmung vor sich hat. Und wenn man zu einem solch innerlich gesättigten Vorstellen kommt, das nun durchaus ebenso wie die Sinneswahrnehmung in etwas Objektives einfließt also nicht bloß subjektiv orientiert ist-, wenn man zu einem solchen imaginativen Vorstellen, wie ich es nenne, kommt, dann erst ist man in der Lage, aufzusteigen von einer gewissen Stufe der Naturerkenntnis zu einer anderen Stufe, die ich gleich charakterisieren will.

Vorerst aber möchte ich sagen, daß die anthroposophische Geisteswissenschaft, so wie ich sie meine, sich durchaus redlich bemüht hat, zunächst Klarheit zu schaffen nach allen Seiten über die Stellung einer solchen imaginativen Erkenntnis. Und gestatten Sie mir, meine sehr verehrten Anwesenden, daß ich, der ich ja diese anthroposophische Geisteswissenschaft vor allen Dingen zu vertreten habe, eine kleine persönliche Einschaltung mache, die durchaus nicht persönlich gemeint ist, sondern ganz objektiv damit zusammenhängt, wie ich selber dazu gekommen bin, nicht nur solche anthroposophischen Methoden auszubilden, sondern es mir auch wahrhaftig sauer genug habe werden lassen, an solche anthroposophischen Methoden zu glauben, in ihnen eine Erkenntnisberechtigung zu sehen. Denn glauben Sie nicht, meine sehr verehrten Anwesenden, daß derjenige, der es mit diesen Dingen ernst nimmt, unkritisch ist, daß er sich nicht durchaus auseinandersetzen will mit den gründlichsten und exaktesten erkenntniskritischen Methoden der Gegenwart. Wie gesagt, gestatten Sie mir eine persönliche Bemerkung.

Ich war etwa dreizehn Jahre alt, da kam ich über eine Abhandlung, die - so war es ja besonders in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts tonangebend -, vor allen Dingen darauf bedacht war, die äußeren Naturerscheinungen in exakter Weise rechnungsmäßig zu erforschen und eigentlich nur dasjenige gelten zu lassen als Naturgesetzmäßigkeit, was man errechnen kann. Diese Abhandlung bemühte sich, selbst die letzten mystischen Begriffe aus der Naturerkenntnis herauszuwerfen. Als einen solchen mystischen Begriff sah diese Abhandlung die Gravitationskraft, die Anziehungskraft im Sinne Newtons, an. Diese Abhandlung hieß «Die Anziehungskraft betrachtet als eine Wirkung der Bewegung». Und es sollte nicht der mystische Begriff der Anziehung verwendet werden, indem zwei materielle Körper sich irgendwie anziehen durch den Raum hindurch, sondern es wurde in einer außerordentlich exakt-mathematischen Weise versucht, die Anziehung so zu erklären: Die ponderable Materie ist in einem Weltengase drinnen, und dadurch kann eine gewisse Anzahl Stöße zwischen - sagen wir - benachbarten materiellen Körpern berechnet werden. Wenn man nun die Zahl der Stöße, die von innen kommen, vergleicht mit der Zahl der Stöße, die von außen kommen, dann kommt man dabei zu einer reinen, mystikfreien Erklärung der Gravitation.

Ich erwähne das aus dem Grunde, weil für mich diese Abhandlung eben - wie gesagt - in mein dreizehntes Lebensjahr hereingefallen ist. Um diese Abhandlung zu verstehen - Sie können sich denken, daß das für einen dreizehnjährigen Knaben nicht gerade ein Leichtes ist -, mußte ich mich bemühen, mit dreizehn Jahren schon Differential- und Integralrechnungen zu bezwingen, denn nur dadurch kann man diese Vorstellungen wirklich beherrschen. Und ich hatte dabei Gelegenheit, einen Ausgangspunkt zu gewinnen für alles folgende, was man eigentlich braucht, um mit solchen Vorstellungen, die in einer unbestimmten Gewißheit immer in mir gelebt haben, erkenntniskritisch zurechtzukommen. Man muß wirklich eine Vorstellung darüber gewinnen, wie man in dem ganzen Sinnesbeobachten eigentlich mathematische Gesetze oder auch Gesetze der Phoronomie verwendet, wie man da eigentlich vorgeht, was man von sich selbst der Außenwelt entgegenbringt und so weiter. Kurz, für mich war das der Ausgangspunkt, danach zu forschen, wie weit dieses merkwürdige innere Seelengebiet, das wir Mathematik nennen, eigentlich die äußere Wirklichkeit beherrschen kann.

Heinrich Schramm, der Verfasser dieser Abhandlung — ich halte sie heute noch für außerordentlich bedeutend -, war durchaus davon überzeugt, daß man mit der Mathematik überall hinkann, daß man also einfach vorauszusetzen hat Materie, Raum, Bewegung und daß man dann mit Mathematik überall hin kann. Er war überzeugt, daß man die verschiedensten Eigenarten des Naturwesens in der gewöhnlichen Mechanik, in der Wärmelehre, in der Optik, in dem Gebiete des Magnetismus und der Elektrizität, daß man all diese verschiedenen Erscheinungen mit der Mathematik erfassen kann, daß man zu all diesen verschiedenen Erscheinungen richtig gelangen kann, wenn man die Mathematik nur richtig anwendet. Wenn man also gewissermaßen diese mathematische Forschung auf einen hypothetischen materiellen Vorgang anwendet, springt einem die magnetische Anwendung entgegen, auf einen anderen Vorgang angewendet die elektrische Anwendung - kurz, man erklärt alle Naturerscheinungen als eine Wirkung der Bewegung. Man wird ganz mystikfrei; man beschränkt sich auf das Anschauliche, das man erfassen kann im rein mathematischen Vorstellen. Dieses Ringen, das muß man einmal durchgemacht haben, dieses Ringen mit einer Erkenntnis, die der Außenwelt gegenüber mathematisch vorgeht und nun mathematisch die Sinneswahrnehmungen erfassen will, denn die Außenwelt muß eben doch irgendwie erfaßt werden, auch wenn man noch so mathematisch vorgeht.

Nun ergab sich mir auf diesem Wege aber noch ein anderes. Ich vertiefte mich in das, was man in der Mathematik das Wahrscheinlichkeitsproblem nennt, wo man zu berechnen versucht, welche Wahrscheinlichkeit besteht, daß man - sagen wir zum Beispiel - mit zwei Würfeln einen bestimmten Wurf macht, wo oben die Eins, die Zwei und so weiter liegt, wo man also Wahrscheinlichkeiten ausrechnet. Dieses mathematische Gebiet, diese Wahrscheinlichkeitsrechnung, spielt ja eine sehr große Rolle im Versicherungswesen. Da findet die Wahrscheinlichkeitsrechnung durchaus eine reale Anwendung. Aus der Zahl der Sterbefälle innerhalb einer größeren Anzahl von Menschen berechnet man, welche Wahrscheinlichkeit besteht, daß irgendein - sagen wir — dreißigjähriger Mensch mit sechzig Jahren noch lebt, und danach bemißt man seine Versicherungsfähigkeit und auch seine Versicherungsprämie. Da berechnet man also etwas, wo man sich in einer sehr merkwürdigen Weise mit dem Rechnen in die Wirklichkeit hineinstellt. Daß man sich in die Wirklichkeit hineinstellt mit dem Rechnen, das werden Sie einfach daraus erkennen, daß ja theoretisch eigentlich jeder seine Lebensdauer so berechnen kann, daß es für das Versicherungswesen voll genügt. Ich hätte also zum Beispiel mit dreißig Jahren mich entschließen können, mein Leben zu versichern. Es wäre durchaus zu berechnen gewesen, wie groß meine wahrscheinliche Lebensdauer sein würde, wieviel ich also zu zahlen gehabt hätte. Kein Mensch wird aber glauben, daß er nun, wenn diese wahrscheinliche Lebensdauer abgelaufen ist, wirklich sterben muß.

Wir haben da durchaus ein Gebiet, wo die Mathematik gültig ist für das, was sie will, wo aber das individuelle Leben als solches sich durchaus nicht einfügt in das mathematische Formelwesen, wo das Leben als solches herausfällt aus dem mathematischen Formelwesen. Wir haben auf diese Weise in gewissen Gebieten der Naturwissenschaft eine innere Erkenntnisbefriedigung, wenn wir davon ausgehen, daß das mathematisch Durchschaute adäquat ist dem, was einem äußerlich in der Sinneswelt entgegentritt. Gerade in den Gebieten aber, in denen die Wahrscheinlichkeitsrechnung spielt, liegt durchaus etwas vor, wo wir uns sagen müssen: Für das äußere Leben, für dasjenige, was da vorgeht im äußeren Beobachten, genügt die Mathematik, aber niemals kann einem die Überzeugung beigebracht werden, daß damit auch das innere Leben gemeistert ist.

Ich müßte sehr viel Zwischenglieder erzählen, wenn ich nun zeigen würde, wie ich, von solchen Vorstellungen ausgehend, zu dem Kapitel in meiner «Philosophie der Freiheit» - sie ist 1893 in erster Auflage erschienen - über den Lebenswert, über den Wert des menschlichen Lebens gekommen bin. Da hatte ich es ja vor allen Dingen zu tun mit einer Bekämpfung des Pessimismus als solchem. Dieser Pessimismus beherrschte dazumal noch viel mehr das philosophische Anschauen gewisser Kreise, als das dann später der Fall gewesen ist. Dieser Pessimismus ging ja prinzipiell von Schopenhauer aus, aber systematisch wurde dieser Pessimismus von Eduard von Hartmann begründet. Eduard von Hartmann ging nun mit Bezug auf das Gebiet des ethischen Lebens, des sozial-ethischen Lebens, vom Rechnen aus. Wenn Sie heute seine Rechnungen noch nachschauen - sie sind außerordentlich interessant. Er versucht nun, wirklich zu rechnen, wie man auf der einen Seite positiv ansetzen kann alles das, was dem Menschen im Leben Lust und Freude, Glück bringt und so weiter, und wie man auf der anderen Seite alles negativ ansetzen kann, was dem Menschen Leid, Schmerz, Unglück und so weiter bringt. Und er subtrahiert und bringt tatsächlich plausibel heraus, daß für die meisten Leute die unglücklichen Dinge, die leidvollen Dinge überwiegen, daß also die negativen Positionen überwiegen.

Sie mögen über solche philosophischen «Kleinigkeiten» denken, wie Sie wollen; für denjenigen, der zu den Grundfesten der Erkenntnis vordringen will, sind das eben keine Kleinigkeiten, und sie dürfen es auch nicht bleiben, wenn wir aus der Misere des heutigen Erkenntnislebens herauskommen wollen. Für mich wurde das ein sehr wichtiges Problem, denn ich sagte mir, das fühlt doch der Mensch nicht so, wie es hier die Rechnung ergibt. Das ist doch Unsinn — das sieht man in dem Augenblicke, wo man den Menschen fragt: Wenn du dein Glück und dein Unglück zusammenzählen würdest, so würdest du auf der negativen Seite eine größere Zahl bekommen. Würdest du deshalb dein Leben für verloren halten? Würdest du dich deshalb zum Selbstmord für reif halten, wie es Eduard von Hartmann meint, daß es eigentlich jede Mensch tun sollte, wenn er vernünftig wäre? Für Eduard von Hartmann sagt die Rechnung ja, aber das Leben s; niemals ja. Warum nicht?

Nun, ich habe in meiner «Philosophie der Freiheit» gezeigt, daß eben einfach diese Subtraktion, die Eduard von Hartmann ausgeführt hat, nicht ausgeführt wi sondern daß, wenn man überhaupt eine Rechenoper: on anwenden will, man eine ganz andere anwenden mi Da muß man anwenden einen Bruch oder eine Divisi: Der Zähler oder Dividend erhält alles Glückliche, a Lustvolle, alles das, was Befriedigung bringt, und i Nenner oder Divisor erhält alles das, was Leid, Unglü Schmerz und so weiter bringt. Wenn Sie die Rechnung Division anwenden, dann müßten Sie einen unendlich Nenner haben, wenn Sie eine Zahl herauskriegen soll die Null als Lebensfazit bedeutet. Haben Sie überhai nur eine endliche Zahl von Leid und Schmerz, durch sie dividieren können, dann kriegen Sie niemals ein . bensfazit heraus, das Null ist. Der Mensch bringt s nämlich nicht um infolge einer Subtraktion. Und ind ich zeigte, daß hier eben nicht subtrahiert, sondern höchstens dividiert werden darf oder ein Bruchansatz gema werden muß, konnte ich zugleich zeigen, daß man für Mathematik in einem gewissen Falle genötigt ist, v Leben auszugehen, daß man also einen Zugang gew nen muß zum Leben, eine unmittelbare Anschauung Lebens gewinnen muß, bevor man den mathematisc. Ansatz macht.

Hier habe ich die drei Punkte beisammen: auf einen Seite in der Naturwissenschaft den mathematische Ansatz, der in der Wahrscheinlichkeitsrechnung adäquat sein kann dem äußeren Tatbestande, der aber der Wirklichkeit gegenüber dennoch nicht genügt, dann die Wirklichkeit, wie sie erfaßt wird in ihrer wirklichen individuellen Gestaltung, und schließlich die Wirklichkeit selbst, die unmittelbar angeschaut wird als Meisterin für den mathematischen Ansatz. Da hat man die Grenze des mathematisch Möglichen, insofern man von der Mathematik selber ausgeht. Und wenn man auf diese Weise erkennt, daß es eine Notwendigkeit gibt, über das Mathematische hinauszugehen, wenn man mit diesem Problem ringt, dann findet man, wenn man auf der anderen Seite jenes Vorstellen gewonnen hat, von dem ich heute gesprochen habe, daß man nun in der Wirklichkeit diesen Sprung gemacht hat, wo man über das abstrakte Denken hinaus, das in der Mathematik uns am reinsten entgegentritt, in die unmittelbare Wirklichkeit hineingekommen ist. Und von da aus erst entstand die Möglichkeit - man möchte sagen in einer erkenntnistheoretischen Weise, die Goethe selber noch nicht hat geben können -, die Goethesche Morphologie erstens zu erfassen und zweitens auch zu vertiefen, weiter auszuführen. Denn nun handelt es sich darum, daß man, wenn man jenes imaginative Vorstellen gewonnen hat, in der Tat anfängt zu begreifen, was Goethe eigentlich gemeint hat, als er seine Urpflanze, also eine innerlich-geistig erfaßte Form, die all den verschiedenen äußerlich mannigfaltigen Pflanzengestalten zugrunde liegt, entwickelte. Wenn man diese Urpflanze gefaßt hat, so sagte er, könne man theoretisch in der verschiedensten Weise Pflanzen mit der Möglichkeit des Wachstums erfinden, das heißt, man könne den Naturprozeß innerlich nachschaffen. Man hat einen innerlichen Seelenprozeß, durch den man- dem Naturprozeß voraus- aus der einen Urpflanze die verschiedensten Pflanzenformen hervorgehen lassen kann, innerlich nachschaffen kann, so wie die Natur aus der einen typischen Urpflanze die mannigfaltigsten Pflanzenformen schafft. Da hat Goethe schon den Übergang gewonnen von dem reinen abstrakten Denken zu demjenigen, was ich nun nennen möchte «Denken in Formen». Deshalb kam Goethe auch zu einer wirklichen Morphologie.

Dieses Denken in Formen - vielleicht darf ich es noch so charakterisieren. Was tun wir eigentlich gewöhnlich in der Geometrie? Da haben wir es mit Formen zu tun, speziell in der ebenen Geometrie wie auch in der Stereometrie. Aber eigentlich versuchen wir, die Formen zu beherrschen durch Zahlen, denn das Messen ist ja auch schließlich zurückzuführen auf etwas Zahlenmäßiges. Wir versuchen also, die Formen in die Abstraktion der Zahlen hereinzuzwingen. Aber das Mathematische ist, wie ich es gerade ausgeführt habe, begrenzt. Wir müssen es, wenn wir in die Wirklichkeit hinauskommen wollen, verlassen. Und wir können auch den Übergang finden von dem bloßen Zurückführen der geometrischen Formen auf Zahlen zu dem unmittelbaren Erfassen der geometrischen Form. Hat man in dieser Weise einmal Ernst gemacht mit einem innerlichen Erfassen der Geometrie, dann findet man den Übergang auch zu anderen Formen - zu denjenigen Formen, die Goethe meinte, als er von der Urpflanze sprach, die sich dann innerlich in der verschiedensten Weise zu mannigfaltigsten Pflanzenformen gestaltet. Geradeso wie ein Dreieck den einen Winkel größer, den anderen Winkel kleiner haben kann, so daß die verschieden speziellen Dreiecke entstehen, so entstehen aus der Urpflanze heraus, wenn ihr Gesetz einmal erfaßt ist, die mannigfaltigsten Pflanzengestalten, dieman in der Seele also überschauen kann. Ich möchte sagen, Goethe ist auf subjektive Weise zu seiner Morphologie gekommen, hat sie auch nur bis zu einem gewissen Grade ausgebildet. Dasjenige aber, was man auf systematische Weise ausbildet, indem man den Willen, der sonst nur in der Sinneswahrnehmung lebt, hineintreibt in das Vorstellungsleben, was man da ausbildet als imaginatives Vorstellen, das ist ein Denken in Formen.

Und wir kommen dazu, jetzt diejenige Stufe der Naturerkenntnis zu überschauen, wo wir in abstrakten Gedanken erfaßbare Naturgesetze haben - dieses Denken können wir anwenden auf die anorganische, auf die leblose Welt. In dem Augenblicke, wo wir heraufkommen wollen in die organische Welt des Pflanzlichen, brauchen wir ein Denken in Formen. Meine sehr verehrten Anwesenden, man mag noch so sehr wettern gegen dieses Denken in Formen, man mag sagen, eine wirkliche Wissenschaft könne nur in diskursiver Weise fortschreiten, könne nur von einem Gedanken zum anderen, also nach der Methode, die man heute als logische Methode anerkennt, vorwärtskommen, man mag sagen, nur das sei wahre Wissenschaft. Ja, man mag lange dekretieren, das sei wahre Wissenschaft- wenn die Natur sich nicht ergibt dieser Wissenschaft, wenn die Natur, zum Beispiel die Pflanzenwelt, sich nicht hineinformen läßt in diese Wissenschaft, dann haben wir eben eine andere Wissenschaft nötig. Wenn das Denken, das rein diskursiv ist, das Denken, das rein abstrakt ist, nicht genügt, so haben wir eben das Denken in Formen, in innerer Bildhaftigkeit nötig. Und dieses Denken in innerer Bildhaftigkeit macht uns nach außen hin die Pflanzenwelt erklärlich, das macht uns nach innen hin die Einheit unseres gesamten Lebens zwischen Geburt und Tod erklärlich.

Ich habe oftmals in meinen Büchern und in Vorträgen dargestellt, daß indem Augenblicke, wo man nun wirklich dieses imaginative Denken ausgebildet hat, es sich ergibt, daß sich das Leben von der Zeit an, wo man gelernt hat, zu sich «ich» zu sagen, wo das Erinnerungsvermögen beginnt, bis zum jetzigen Zeitpunkt wie in einem einzigen Tableau ablaufend zeigt. Ebenso wie man sonst seinen äußeren, physischen Körper als zu sich gehörig betrachtet und ihn in irgendeinem Momente anschaut, ebenso hat man auch sein bisheriges Erdenleben im Zeitverlauf wie in einem Bilderpanorama gleichzeitig vor sich. Das ist die erste Errungenschaft wirklich anthroposophischer Wissenschaft: das innere Leben als ein Tableau zu überschauen bis zur Geburt hin, so daß man nun wirklich diesen Zeitorganismus überschaut. Was in meinen verschiedenen Büchern der Ätherleib des Menschen oder der Bildekräfteleib genannt wird - was ist das nun anderes als dasjenige, was so errungen wird durch das imaginative Vorstellen? Wir kommen dazu, unser Leben zwischen der Geburt und dem gegenwärtigen Augenblicke - als eine Einheit in unmittelbarer Gegenwart sich darstellend - zu überschauen, zu gleicher Zeit mit den Impulsen, die uns über den gegenwärtigen Augenblick in unser weiteres Erdenleben hinaustragen. Und haben wir dieses errungen, dann ergibt sich auch die zweite Stufe des übersinnlichen Erkennens: diejenige, für die heute sogar schwer ein Name zu finden ist; innerlich, als Methode habe ich sie das inspirierte Erkennen genannt. Stoßen Sie sich nicht an dem Ausdrucke. Es soll nicht irgend etwas Althergebrachtes darunter verstanden werden, sondern nur dasjenige, was ich eben in meinen Büchern angedeutet habe, was ich auch hier prinzipiell andeuten will.

Ich habe gesagt, das imaginative Vorstellen werde dadurch errungen, daß wir gewisse leicht überschaubare Vorstellungen in den Mittelpunkt unseres Bewußtseins rücken und daß dadurch dieses Bewußtsein erstarkt. Geradeso wie wir da gewissermaßen das Erinnern nachbilden, wenn wir solche Vorstellungen in den Mittelpunkt unseres Bewußtseins rücken, müssen wir nun auch das Vergessen entwickeln als eine Willenstat unseres Lebens. Ebenso wie wir unsere ganzen Seelenkräfte konzentrieren können auf bestimmte Vorstellungen, die wir so, wie ich es charakterisiert habe, in unser Bewußtsein hereinstellen, ebenso müssen wir fähig werden, auch diese Vorstellungen durch innere Willkür, wann immer wir wollen, aus unserem Bewußtsein heraustreiben zu können. Wir müssen also das Vergessen ebenso nachbilden, wie wir das Erinnern künstlich - wenn ich mich so ausdrücken darf - nachbilden.

Wenn wir auch diese Übungen machen, so werden wir sehen, daß allerdings eine solche Vorstellung, die wir in dieser Weise in den Mittelpunkt unseres Bewußtseins rücken, zunächst alle möglichen anderen Vorstellungen anzieht — wie Bienen kommen sie herein von allen Seiten, diese anderen Vorstellungen. Die müssen wir ausschließen lernen; überhaupt müssen wir alles Vorstellen ausschließen lernen. Wir müssen gewissermaßen lernen, nachdem wir solche Vorstellungen entwickelt haben, das Bewußtsein leer machen zu können, ohne daß wir dabei einschlafen. Man soll nur einmal probieren, was das heißt! Das muß geübt werden, denn sobald der Mensch, wenn er nur die gewöhnliche Bewußtseinsstärke hat, sich bemüht, sein Bewußtsein leer zu machen - namentlich nachdem er sich zunächst stark angestrengt hat, sich konzentriert hat auf eine bestimmte Vorstellung -, schläft er unweigerlich ein. Aber das ist ja gerade das, was herbeigeführt werden muß: leeres Bewußtsein nach imaginativen Vorstellungen, also zunächst ohne einen subjektiven Inhalt. Und in diesem Momente, wo man das errungen hat, da strömt die geistige Welt in das so vorbereitete Seelenleben herein. In diesem Momente gelangt man dazu, eine Welt zu schauen, die nicht für die äußerliche Sinneswahrnehmung da ist, sondern die diejenige Welt ist, die wir jetzt nicht bloß — wie in der imaginativen Erkenntnis, wo wir bis zur Geburt hinsehen - als unserem Erdenleben angehörig erblicken, sondern da sehen wir diejenige Welt, die uns als Wesen enthalten hat, bevor wir zum Erdenleben heruntergestiegen sind. Da lernen wir uns als geistig-seelisches Wesen in einer rein geistigen Welt kennen. Da lernen wir dasjenige in uns kennen, was diesen Organismus, der hier in der Erdenwelt lebt, geschaffen hat. Da lernen wir durch Erkenntnis das Unsterbliche des Menschen kennen.

Und von da aus ist es dann - das will ich nur erwähnen - eine Stufe zum intuitiven Erkennen, um auch die Einsicht zu bekommen, daß die Erdenleben des Menschen sich wiederholen. Aber das werden Sie aus dem, was ich nur andeutungsweise darstellen konnte, ersehen haben, daß es sich darum handelt, durch streng systematische Innenschulung dazu zu kommen, das Bewußtsein bereit zu machen, nicht eine beliebige Welt aus dem Inneren herauszuschöpfen, sondern im Gegenteil: das Bewußtsein nach vorheriger Imagination frei zu machen für das Anschauen der geistigen Welt. Ebenso wie wir mit den äußeren Sinnen der äußeren Welt gegenübertreten, indem in diesen äußeren Sinnen der Wille lebt, der mit der Objektivität in Beziehung, in ein Verhältnis tritt, so machen wir, nachdem wir das innere Seelenleben völlig frei von Körperlichem bekommen haben, die Seele bereit, die geistige Welt zu schauen, wie sie durch die Sinne die physisch-körperliche Welt schaut. Da bekommen wir die Möglichkeit zu sehen, welches Wesen uns aufgebaut hat, insofern wir aus der Individualität heraus, nicht aus dem Kosmos heraus aufgebaut sind, und wie dieses Wesen als präexistentes Wesen in der geistigen Welt gelebt hat, bevor wir aus der Vererbungsströmung durch Generationen hindurch den physischen Leib angenommen haben. Und dann lernen wir dasjenige erkennen, was wiederum, durch die Pforte des Todes tretend, hinausdringt in die geistige Welt, wenn wir diesen physischen Leib ablegen. Wir lernen erkennen, was diesen physischen Leib aufbaut, was in diesem physischen Leib eine gewisse Transformation erlebt durch die Geburt, was durch die Erfahrungen des Lebens neu angefacht wird und dann durch den Tod wiederum eintritt in die geistig-seelische Welt. Es wird also angestrebt durch die Entwicklung bestimmter Seelenkräfte nicht eine Phantasterei, nicht ein Philosophieren, nicht ein Spekulieren über die Unsterblichkeit des Menschen, sondern es wird angestrebt ein wirkliches Schauen dessen, was als Unsterbliches in uns lebt. Und vertiefen wir also das geistige Leben in dieser Weise, dann stehen wir in einer geistigen Objektivität drinnen, und es kann nicht gesagt werden, daß dieses Drinnenstehen in einer geistigen Objektivität in irgendeiner Weise sich vergleichen ließe mit den aus dem bloßen Inneren heraufsteigenden Halluzinationen oder irgendwelchen subjektiv phantastischen Gebilden.

Nun möchte ich - allerdings mehr vergleichsweise andeutend - zeigen, wie man auf diese Weise nicht nur zur Menschenerkenntnis, zu einer Anthropologie, sondern auch zu einer Kosmologie kommen kann. Die Zeit drängt, ich kann es daher nur kurz andeuten.

Wie geht unser gewöhnliches Leben zwischen Geburt und Tod vor sich? Da sehen wir, meine sehr verehrten Anwesenden, wie wir durch die Sinneserfahrungen die äußeren Erlebnisse haben, wie durch die Sinneserfahrungen die Vorstellungen ausgelöst, entwickelt werden und wie dann, nachdem die Vorstellungen entwickelt worden sind, diese Vorstellungen wiederum hervorgerufen werden können durch die Erinnerungskräfte. Wir sehen also, wenn wir unser Seelenleben überschauen, daß wir in dem, was wir in uns tragen, gewissermaßen die Bilder haben von dem, was wir an der Außenwelt erlebt haben. Ich suche aus dem tiefsten Inneren meines Seelenlebens ein bestimmtes Vorstellungsbild. Dieses Vorstellungsbild bringt mir im gegenwärtigen Augenblicke etwas vor die Seele, was ich vielleicht vor fünfzehn Jahren erlebt habe: ein Objektives, vollständig subjektiv erlebt. Aber wenn mein gesamtes inneres Seelenleben gesund ist, wenn das, was ich mir da als Erinnerungsbild vorstelle, in einer gesunden Verbindung mit meinem übrigen Seelenleben steht und namentlich wenn ich in der Lage bin, mich äußerlich durch die Sinne jederzeit ordentlich orientieren zu können, dann bin ich auch imstande, aus dem, was ich gegenwärtig vor mir habe - indem ich äußerlich alles heranziehe, womit dies im Verhältnis steht - mir zu sagen, wie das äußere objektive Erlebnis vor fünfzehn Jahren war.

Durch unsere Seele tragen wir zwischen Geburt und Tod in uns zunächst die Welt unserer Erlebnisse. Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, wir tragen auch noch anderes in uns. Wenn wir nur so unser Leben betrachten, wie wir es gewöhnlich in unserem Seelenleben überschauen, da haben wir nur dasjenige gegenwärtig, was ich eben erwähnt habe. Aber wir tragen anderes in uns, und durch das, was ich Ihnen geschildert habe als übersinnliche Erkenntnis, schauen wir tiefer in uns hinein - nicht durch nebulose Mystik, sondern durch der Mathematik verwandte exakte Methoden. Wir tragen in uns Organe, die Organe unseres Inneren. Sie sind aufgebaut aus unserem präexistenten Wesen; sie sind aufgebaut aus der geistigen Welt.

Wer mit solch exakter Anthroposophie, wie ich sie geschildert habe, nun nicht bloß sein Seelenleben, das er sich zusammengesammelt hat zwischen Geburt und dem heutigen Momente, überblickt, sondern wer erkennen lernt durch exakte Methoden das Wesen der Kräfte, die in den inneren Organen walten, der gelangt dazu - so wie er durch seine subjektiven Seelen-Erinnerungsbilder die Welt seiner Erlebnisse kennenlernt -, aus seinen Organen, die er geistig durchschaut, die Welt in ihrer Entwicklung kennenzulernen. Und es ist nicht, meine sehr verehrten Anwesenden, irgendeine Reminiszenz da an irgendeinen alten Aberglauben, an irgendeinen alten Sternenglauben oder dergleichen, wenn heute die Anthroposophie spricht von einer Weltentwicklung, sondern es ist eine Menschenerkenntnis zugrundeliegend, die den inneren Menschen so erkennt, wie das bloße Seelenleben erkannt wird als ein Abbild der seit der Geburt erlebten Ereignisse, die mit uns im Zusammenhang stehen.

So erleben wir einen Zusammenhang mit der ganzen Welt. Wie unsere Erinnerungen innere Abbilder sind unserer Erlebnisse seit der Geburt, so ist unser ganzer innerer Mensch - wenn wir ihn verstehen lernen - ein Abbild der ganzen Weltentwicklung. Das heißt «Lesen in der Akasha-Chronik» - nicht all die konfusen Vorstellungen, die der Anthroposophie entgegengehalten werden. Das heißt aus Menschenerkenntnis, aus wahrer Menschenerkenntnis Welterkenntnis holen. Nur darf man sich die Sache nicht so einfach machen, wie es heute sehr häufig geschieht, wo man mit ein paar hingepfahlten Begriffen etwas, was nur irgend in einem exakten Erkenntnisringen enthalten ist, glaubt umfassen zu können. Niemand würde sich heute vermessen, das System der Mathematik durch ein paar hingepfahlte Begriffe erfassen oder gar kritisieren zu wollen. Dagegen dasjenige, was auf viel kompliziertere Weise, aber mit wahrem Erkenntnisringen erworben ist, das wird heute mit ein paar hingepfahlten Begriffen leichthin zu charakterisieren versucht. Derjenige, der sich bemüht, alle inneren Vorsichtsmaßregeln zu gebrauchen, um nicht in ein Subjektives zu verfallen, sondern ganz in die Objektivität unterzutauchen — das heißt, das Bewußtsein zuerst so zu gestalten, daß es in die geistige Objektivität untertauchen kann -, der wird in der Weise, ich möchte sagen verleumdet, daß man behauptet, im entsprechenden Momente würde nur unterdrückte Nervenkraft heraufgeholt und dabei würden allerlei halluzinatorische Bilder entwickelt.

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ohne daß ich in eine Gegenkritik verfallen möchte, will ich nur charakterisieren, wie da gegenwärtig vorgegangen wird, und Ihnen das zum Schlusse an einem kleinen Beispiel zeigen. Es erschien vor kurzem eine Schrift, in welcher dargetan werden soll, daß dasjenige, was der Anthroposoph findet, ja bis zu einem gewissen Grade ganz gut zugegeben werden kann - aus dem einfachen Grunde, weil ja heute die andere Wissenschaft auch schon findet, daß die merkwürdigsten Seelenerlebnisse aus dem Unterbewußtsein heraufkommen können. Und so kann man, wie der Verfasser dieser Schrift meint, ganz gut dem Anthroposophen zugeben, daß er allerlei solches erlebt, wie es erlebt wird bei Medien, wie es erlebt wird, wenn man die Leute in Hypnose versetzt oder ihnen Suggestionen beibringt oder auch, wenn man sich selbst Suggestionen schafft. Namentlich wird in dieser Schrift das, was das Wesentlichste an Anthroposophie ist, auf Selbstsuggestion zurückgeführt.

Und nun wird etwas sehr Mehrwürdiges getan. Es wird gezeigt, wie ja die wunderbarsten Wirkungen aus der Seele heraus möglich sind, wie man selbst merkwürdig weitgehende Heilungsprozesse für Tuberkulose, Metritis, Fibrome und so weiter aus dem Seelenleben heraus entwickeln kann, wie selbst tuberkulöse Deformationen der Wirbelsäule ausgeglichen werden können durch das Seelenleben: Warum sollte nicht auch dem Anthroposophen zugegeben werden können, daß er allerlei aus seinem Seelenleben heraufholt, namentlich wenn er sich zuerst in Selbstsuggestion versetzt? Und nun wird gezeigt, daß es solch subjektives Leben gibt, und solch subjektivem Leben, namentlich der Autosuggestion, der Selbstsuggestion, soll auch der Anthroposoph ergeben sein. Und da wird zum Beispiel das folgende behauptet:

Mittels seiner ....

  • also mittels der geistig-seelischen Entwicklung, wie ich sie geschildert habe

... wird das selbstbewußte Handeln, das heißt die Selbstbesinnung in Trance ermöglicht.

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich hatte nicht von Trance gesprochen. Ich hatte Ihnen nur davon gesprochen, daß das Bewußtsein zu klareren, helleren Stufen kommt, nicht daß es zurückgeführt wird in Dunkelheit und Düsternis wie in der Trance!

Und die Selbstbesinnung wiederum ist die Voraussetzung übersinnlichen Schauens. Anders gesagt: Die sogenannten transzendenten Erfahrungen sind Produkte einer methodisch erzeugten Selbstbesinnung im Trancezustand unter gleichzeitiger Wirkung einer systematischen Suggestion. Das eigentliche Agens dabei ist die Selbstsuggestion. Beweis hierfür ist unter anderem die ausdrückliche Versicherung Rudolf Steiners, «man müsse zur Erlangung höherer Erkenntnisse den Willen mit Gewalt in die Vorstellung hineintreiben».

Also, hier wird behauptet, ich hätte am 8. Juli in Bern in einem Vortrag gesagt, man müsse zur Erlangung höherer Erkenntnis den Willen mit Gewalt in die Vorstellung hineintreiben.

Nun, zunächst etwas, wo man sehen kann, wie merkwürdig exakt heute in wissenschaftlichen Abhandlungen vorgegangen wird! Da wird zum Beispiel auf derselben Seite gesagt, wie solche Suggestionen wirklich ausgeführt werden können, wie jemandem etwas suggeriert werden kann, so daß ihm eine Idee beigebracht wird, und wie er dadurch ganz aufgeht in dieser Idee und sogar allerlei aus sich selber macht infolge dieses Aufgehens in dieser Idee. Und nun sagt der Verfasser:

Diese Erfolge beruhen in der Hauptsache darauf, daß Coue einmal die Suggestion als eine selbständige, vom Willen unabhängige (ideo-dynamische) Kraft auffaßt

— «ideo-dynamisch» steht in Klammern, das ist sehr wichtig! —

.... und daß er die Bedeutung dieser unterbewußten Macht erkannt hat.

Also, man hat es zu tun mit einer vom Willen unabhängigen, ideo-dynamischen Kraft. Trotzdem soll diese ideodynamische Kraft, die also vom Willen unabhängig ist, von mir in Anspruch genommen werden, indem ich sage, man muß seinen Willen in die Vorstellung hineintreiben. Nun, nehmen wir zunächst einmal den Satz so, wie der Verfasser behauptet, ich hätte ihn in Bern gesagt: Man muß mit Gewalt seinen Willen in die Vorstellung hineintreiben.

Ich habe auch heute davon gesprochen, wie man den Willen, den man zuerst kennenlernt an der Sinneswahrnehmung, in das Vorstellungsleben hineinentwickeln muß. Dadurch bekämpft man gerade die bloß suggestiven Einflüsse. Damit wirkt man gerade im entgegengesetzten Sinne. Dieses Anwenden des Willens, das macht gerade alle suggestiven Einflußmöglichkeiten zunichte. Es läuft das, was ich geschildert habe, in der entgegengesetzten Richtung des suggestiven Einflusses. Das aber zeigt sich eigentlich schon daran, daß hier genannt werden diese suggestiven Einflüsse «ideo-dynamische Impulse», also nicht Willensimpulse, sondern ideo-dynamische Impulse. Und dennoch, dem Verfasser schwant trotzdem etwas richtig, das er nur noch nicht imstande ist ordentlich auszudrücken: Man muß zwar schon auch Willen aufbringen, wenn man subjektive Ideen gerade in die Vorstellungen hineinbringen will, aber das geschieht, ohne daß derjenige, dem es geschieht, der die Suggestion erfährt, seinen eigenen Willen anwendet.

Überall habe ich geschildert, daß der Betreffende, der anthroposophischer Forscher werden will, seinen Willen anwendet, also sich gerade heraushebt aus den Suggestionsmöglichkeiten. Daher konnte ich nicht sagen - ich las das in dieser Broschüre und sagte mir: Habe ich mir wirklich in Bern am 8. Juli 1920 irgendwie in einem Momente die Zunge lähmen lassen, habe ich wirklich gesagt, man müsse zur Erlangung höherer Erkenntnisse den Willen mit Gewalt in die Vorstellungen hineintreiben? Das kann nämlich ein jeder, denn die Suggestion kann auch geschehen, ohne daß Aktivität da ist von seiten desjenigen, dem etwas suggeriert wird.

Nun habe ich mir die Mühe gegeben, das Stenogramm meines Berner Vortrages vom 8. Juli 1920, das ich glücklicherweise heute gefunden habe, nachzusehen. Und sehen Sie nun dasjenige, was ich dazumal in Bern wirklich gesagt habe. Überall gab ich mir Mühe zu zeigen, wie gerade der zum suggestiven entgegengesetzte Weg eingeschlagen werden soll. Und dann sagte ich:

Da müssen wir immer größere und größere Kraft anwenden. Und auf das Anwenden dieser Kraft kommt es an; es kommt darauf an, daß wir den Willen hineintreiben, mit aller Macht den Willen hineintreiben in das Vorstellungsleben, in das Vorstellen, daß wir in der Tat heranerstarken an diesem Hineintreiben des Willens in das Vorstellungsleben.

Das ist etwas anderes. In die Vorstellungen kann man nur Ideen hineintreiben. Wenn man vom Hineintreiben des Willens in das Vorstellungsleben spricht, so heißt es gerade, sich nicht die Vorstellungen durch Suggestionen beeinflussen zu lassen, sondern das freie, durch den Willen beherrschte Vorstellungsleben und Vorstellungswesen selber in die Hand zu nehmen. Sie sehen, es wird in Anführungszeichen zitiert, und es wird in Anführungszeichen das Gegenteil von dem gesagt, was ich wirklich gesprochen habe.

Das ist aber nur ein Beispiel, meine sehr verehrten Anwesenden, für die Art und Weise, wie heute gerade von wissenschaftlicher Seite vielfach gegen Anthroposophie diskutiert wird, wie die Anthroposophie mißverstanden wird. Denn das ist außerordentlich charakteristisch, und die ganze Broschüre hat eigentlich diese Tendenz. Dasjenige, meine sehr verehrten Anwesenden, was mediumistische Erscheinungen sind, was Halluzinationen sind, was irgendwelche Visionen sind, die aus dem Inneren aufsteigen - ich habe sie immer aus dem Gebiete des anthroposophischen Lebens streng verwiesen und erklärt, daß ich all das für pathologisch halte, daß da unter das Sinnesleben hinuntergegangen wird, nicht über das Sinnesleben hinauf. Und ich habe das überall, an vielen Stellen im einzelnen ausgeführt, wie das, was Anthroposophie will, was Anthroposophie als Schilderungen geistig-seelischer Welten gibt, aus ganz anderen Grundlagen entspringt als dasjenige, was hier geltend gemacht wird. Und nun tritt die merkwürdige Tendenz auf, gerade dasjenige, was ich abweise, was ich als krankhaft, pathologisch betrachte, das wird als das Berechtigte an der Anthroposophie angesehen! Das heißt, man kehrt den Tatbestand um. Man macht die Leute glauben, daß ich irgend etwas schildere, was Halluzinationen oder dergleichen seien. Nun, die gibt es ja, sagt er, das geben wir also dem Anthroposophen ruhig zu, das sei ihm zugestanden. Aber er darf nicht über höhere Welten reden, da komme er in ein philosophisches Gebiet hinein, das sei nur als theosophische Glaubenslehre, als durch theosophische Glaubenslehre bedingte Phantasie zu bewerten.

Aber etwas höchst Charakteristisches, meine sehr verehrten Anwesenden: Der Mann, der sich hier zunächst herauskristallisiert dasjenige, was er haben will von der Anthroposophie - obwohl es das Gegenteil von dem ist, was Anthroposophie wirklich gibt -, der sagt: Was ich der Anthroposophie zugestehe, das kennen wir ja heute; man kennt Telepathie, Hellsehen, Teleplastie und so weiter. - Aber alles das gehört in das pathologische Gebiet, vielleicht auch in das therapeutische Gebiet - die Dinge hängen ja zusammen. Da müßte ich eingehen auf das, was ich in Ärztekursen wiederholt gesagt habe: wie durchaus aus Anthroposophie eine Pathologie und eine Therapie hervorzuholen sind, die in berechtigter Weise hinausgehen über das, was die heutige, bloß materialistische Auffassung geben kann. - Aber indem zuerst dasjenige verkehrt wird, was Anthroposophie geben kann, und indem dann dieses Verkehrte anerkannt wird, wird gesagt: Ja, man kann ja den Leuten allerlei suggerieren, aber das hat man noch nicht erlebt, daß Leute in der Trance so etwas erlebt haben wie astralische oder mentale Märchenländer.

Das ist es aber gerade! Er nennt es Märchenland, weil er es für Phantasien ausgibt. Das, sagt er, kann man nicht erleben auf dem Wege der Suggestion. Dennoch wird es erlebt. Eine merkwürdige Polemik! Erst wird herausgeschält aus den anthroposophischen Ergebnissen dasjenige, was man glaubt verstehen zu können, obwohl man es ganz und gar nicht versteht. Das wird dann zurechtgelegt als Halluzination und so weiter; das läßt man gelten. Das andere aber macht man zum Märchenland, aber man sagt, man könne es nicht suggerieren. Man kann es auch nicht suggerieren, sondern man muß es sich durch exakte innere Methoden erobern als innere Erkenntnis. Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich mache niemandem einen Vorwurf daraus, daß er in einer solch grotesken Weise mißversteht, was Anthroposophie geben kann. Ich mache auch dieser angesehenen - und mit Recht angesehenen Sammlung von wissenschaftlichen, medizinischen und sonstigen Abhandlungen, die in München und Wiesbaden bei J. F. Bergmann erscheint, keinen Vorwurf, daß sie solche groteske Kritik der Anthroposophie aufnimmt, denn eigentlich ist das ganze Büchelchen von Albert Sichler sogar gutgemeint. Er möchte der Sache gerecht werden. Er kann es nicht, weil eben vorläufig noch ein Abgrund besteht zwischen dem, was man heute als offizielle Wissenschaft anerkennt, und dem, was man braucht, um nun wirklich weiterzukommen, denn es ist doch zum Schluß ein innerer Zusammenhang in dem geistigen Leben, zwischen unserem ganzen Zivilisationsleben und dem wissenschaftlichen Leben in der neueren Zeit. Und die Brücke muß gebaut werden hinüber zur Ethik, zum sozialen Leben. Das wird eine Wissenschaft nicht können, die bloß im Materiellen steckenbleibt oder höchstens über das Nichtmaterielle Hypothesen schwingt. Das kann nur eine Wissenschaft, die wirklich ins Geistige eindringt, denn im Sozialen wirkt das Geistige, und soziale Gesetze können nur gefunden werden von dem, der auch in der Natur Gesetze, Formen, Transformationen des Geistigen findet.

Nun, ich konnte in der kurzen Zeit, die mir zur Verfügung stand, heute nur einige Gesichtspunkte angeben, meine sehr verehrten Anwesenden. Ich wollte ihnen zeigen, wie Anthroposophie bestrebt ist, durchaus im Sinne wahrer Wissenschaft zu wirken, wie sie es sich in der Wissenschaftlichkeit und in der Erkenntniskritik durchaus ernst, sauber angelegen sein läßt, zu einer der Mathematik nachgebildeten Methode zu kommen. Auf der anderen Seite aber stehen ihr heute noch viele Vorurteile entgegen, trotzdem sie eigentlich von unserer Zivilisation als etwas ungeheuer Notwendiges gebraucht würde, weil sie allein imstande ist, erkenntnismäßig dem Menschen über sein eigenes Wesen eine wirkliche, eine befriedigende Aufklärung zu geben.

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich glaube, wie gesagt, daß die Gegnerschaften verschwinden werden, wenn einmal ein objektiver Boden gewonnen sein wird, um zwischen der heute gangbaren Wissenschaft und der anthroposophischen Forschungsmethode eine Harmonie, ein gegenseitiges Verständnis zu schaffen. Das muß abgewartet werden. Ehe dieses nicht geschaffen ist, werden allerlei parteimäßige oder religiöse, theologische oder sonstige Gegner kommen, die eben auf unsachlichem Boden sich bewegen. Wer aber drinnensteht in dieser Anthroposophie, wer es ernst meint mit ihr, ernst meint mit all dem, was von Dornach ausgehen will, der sagt sich- weil er weiß, wie ernst geforscht wird innerhalb dieses anthroposophischen Gebietes -, der sagt sich: So groß auch die Mißverständnisse sein mögen, es muß schließlich doch aus dem Ernste der neuzeitlichen wissenschaftlichen Methoden und Gesinnungen zum Schluß ein Ausgleich, eine Harmonie gefunden werden. Und dieses Bewußtsein, das darf man haben, wenn man selbst auf dem Boden steht, daß man zunächst bei allem, was man in der Anthroposophie sucht, sich jene gewissenhaften Prüfungsanforderungen vorlegt, die auch sonst heute in der Wissenschaft angewendet sein wollen. Und das ist es, was einen erwarten läßt den äußeren Ausgleich. Wenn man ernst vorgeht, kann man überzeugt sein, daß aus der heutigen Wissenschaft und aus dem, was Anthroposophie bisher zu leisten bemüht war - wenigstens für den, der beides kennt, gegenwärtige Wissenschaft und Anthroposophie -, heute schon der Ausgleich, die Harmonie durchaus gefunden werden kann, Und dieses Bewußtsein gibt Zuversicht, daß die wissenschaftliche Verständigung erfolgen wird. Und dann werden die anderen Gegnerschaften gegen Anthroposophie von selber verschwinden.

Es gibt keine Wortmeldungen.

Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Es ist ja natürlich in einem Vortrage, der außerdem noch als Einleitungsvortrag zu einer ganzen Reihe von Vorträgen über Anthroposophie gehalten werden soll, immer nur möglich, einige Richtlinien zu berücksichtigen. Und so konnte namentlich dasjenige nicht berücksichtigt werden, das mir ganz besonders am Herzen gelegen hätte: die Brücke zu zeigen, welche hinüberführt von der Erkenntnisseite der Anthroposophie zur sozialen, praktisch-ethischen und religiösen Seite derselben. Und darüber - wir haben ja nur Zeit bis 10 Uhr - gestatten Sie mir ganz wenige Worte zu sagen. Wenn man heute die naturwissenschaftliche Weltanschauung - ich sage nicht die Naturwissenschaft, aber die naturwissenschaftliche Weltanschauung -, wie sie vielfach lebt gerade im Laientum, aber auch in Leuten, die nicht glauben Laien zu sein, die aber doch als Mitglieder verschiedener Monisten- und sonstiger Bünde die naturwissenschaftlichen Ideen von vor dreißig Jahren heute als religiöses Bekenntnis verzapfen, wenn man das, was sich wie eine Art von Weltanschauung doch mehr oder weniger als ein materialistisches Gebilde ergeben hat, ins Auge faßt, dann führt von dem, was heute viele Menschen als für das einzig Mögliche halten im Forschen, keine Brücke zu der Realität der ethischen Ideale und auch der sozialen Ideale hinüber.

Wir stehen heute, indem wir alles sehen, was die Naturwissenschaft uns gibt, vor der Notwendigkeit, für eine Weltanschauung uns Vorstellungen zu bilden zum Beispiel über Erdenanfang und Erdenende. Ich kann auch diese Dinge nur andeuten. Wir haben die von Kant-Laplace begründete Theorie des Erdenanfangs aus dem Urnebel heraus, der vorgestellt wird nach dem Gesetze der Aerodynamik und der Aeromechanik. Man stellt sich vor, wie aus einem Urnebel heraus sich das Planeten-Sonnen-System gebildet hat, wie sich die Erde abgesplittert hat. Es wird, allerdings mit fortwährend kritischer Behandlung der Frage, wie die Lebewesen entstanden sein könnten — wobei man an Erkenntnisgrenzen gelangen wird -, dann behandelt, wie nun auch das organische Leben aufsprießt aus dem, was anfangs nur im Urnebel vorhanden war, wie dann der Mensch aus diesem hervorgegangen ist und wie er sich heute im selbstbewußten Ich erlebt.

Nun habe ich Menschen kennengelernt- und im Grunde genommen ist doch das Leben der größte Lehrmeister, wenn man es nur richtig zu nehmen versteht —, ich habe Menschen kennengelernt, die diese naturwissenschaftliche Weltanschauung ernst nahmen. Ich erinnere mich an eine Persönlichkeit, die aber typisch, repräsentativ für zahlreiche andere ist. Die anderen machen sich das oftmals nicht klar, aber sie richten sich einen Altar des Glaubens, einen Altar der Erkenntnis auf. Das kann derjenige nicht, der es mit den naturwissenschaftlichen Vorstellungen ernst nimmt, der kommt eben zu solchen hypothetischen Vorstellungen über den Erdenanfang und über das Erdenende - zum Beispiel aus der Wärmelehre, aus der Entropielehre heraus, die dazu führt, sich vorzustellen, wie alles zum Schluß in den Wärmetod übergeht. Man lernt nur wenige Menschen kennen, die den innerlichen Mut haben, aus einer Vollmenschlichkeit heraus sich einzugestehen, in welche Lage heute der Mensch mit seinem Inneren versetzt wird, wenn er diese Dinge als einzig geltend ernst nimmt.

Herman Grimm zum Beispiel sagt- verzeihen Sie den etwas drastischen Ausspruch, den ich zitiere -, aus seinem Empfinden heraus, indem er sich klarmacht, was da auf der Erde sich entwickeln soll zwischen dem Kant-Laplaceschen Urnebel und dem Zustand, zu dem uns die Lehre von der Entropie führen soll: Ein Aasknochen, um den ein hungriger Hund seine Kreise zieht, ist ein appetitlicheres Stück als dieses Weltenbild, das heute schon in den Schulen vor die Menschen hingestellt wird. Und künftige Zeitalter werden Mühe haben zu erklären, wie einmal ein besonders pathologisches Zeitalter dazu gekommen ist, solche Vorstellungen über Erdenanfang und Erdenende sich zu bilden. Man wird nicht begreifen können, meint er, daß man so etwas hat ernst nehmen können.

Nun ja, meine sehr verehrten Anwesenden, diese Wissenschaft aber, die heute als Naturwissenschaft vor uns steht- wie gesagt, Anthroposophie wird nicht im geringsten an ihr mäkeln -, sie wird von ihr voll anerkannt auf ihrem Gebiete. Anthroposophie steht auf dem Boden wissenschaftlicher Gesinnung, denn wissenschaftlich gewissenhafte Methodik und innerliche Disziplinierung, wie sie sich herausgebildet haben, müssen als Vorbild anerkannt werden, nur müssen sie weiter ausgebildet werden in dem Sinne, wie ich das heute charakterisiert habe.

Dadurch kommt man aber auch zu einer wirklichen Menschenerkenntnis. Diese Menschenerkenntnis ist allerdings nicht so leicht zu gewinnen wie diejenige, die man heute aus physiologischen, biologischen Anschauungen gewinnt. Diese Menschenerkenntnis zeigt uns schließlich, wie der Mensch eigentlich ein Gebilde ist, das innerlich ganz verschieden organisiert ist nach dem Haupte zu und nach dem Stoffwechsel-Gliedmaßensystem zu - das sind die beiden Pole der menschlichen Wesenheit. Was ich jetzt kurz andeute, habe ich in langen Vortragsreihen bis ins kleinste ausgeführt. Aber ich will gleich zeigen, wie falsch es ist, wenn man zum Beispiel sagt, unser Denken gehe aus Prozessen unseres Gehirns hervor. Das wäre geradeso, wie wenn sich ein Wagen fortbewegt auf einer weich gewordenen Straße und da seine Eindrücke macht: Sie können den Weg an den Eindrücken des Wagens in der weich gewordenen Straße verfolgen. Aber bedenken Sie, jemand kommt und sagt: Du sollst diese Eindrücke erklären durch Kräfte, die da unten in der Erde sind; du mußt diese Konfigurationen erklären aus diesen unterirdischen Kräften! — Geradeso ist es mit den Methoden, die man heute anwendet, um aus leeren Organkräften die Gehirnwindungen, die Nervenstruktur zu erklären. Die Nervenstruktur ist zu erklären aus den Einwirkungen des Geistig-Seelischen, geradeso wie die Furchen in einer weich gewordenen Straße aus dem darüberfahrenden Wagen zu erklären sind.

Es ist nur ein Bild. Aber in vollkommen exakter Wissenschaftlichkeit führt uns Anthroposophie dazu zu erkennen, wie das Denken, das Vorstellen ein geistig-seelischer Vorgang ist, der das Gehirn nur als eine Unterlage hat. Und er hat das Gehirn als eine Unterlage, weil er nicht beruht auf Wachstumsprozessen des Gehirns, auf organischen Prozessen, sondern gerade auf langsamen Sterbeprozessen des Gehirns. Das Nervensystem hat eigentlich nicht ein Leben, sondern das Entgegengesetzte eines Lebens, ein Zurückgehen des Lebens. Es muß erst Platz gemacht werden für die Gedanken. Die Nervenpartien müssen absterben, und ein fortwährendes Sterben, also ein Aus-dem-Wege-Schaffen der materiellen Vorgänge, muß eintreten, damit die geistig-seelischen Vorgänge Platz greifen können. Das muß immer wieder vom Gliedmaßen-Stoffwechselsystem ausgeglichen werden im Schlafe oder in sonstigen Vorgängen. Was so heraufsteigt, die bewußtseinslähmenden Prozesse, diejenigen Prozesse, von denen die Physiologie heute spricht, heben das Vorstellen ja auf, löschen es aus. Gerade wenn diese Prozesse herabgestimmt werden, in eine Art partiellen Sterbens übergehen, dann entsteht das Vorstellen, das Denken, so daß wir fortwährend Leben und Sterben, Geborenwerden und Sterben in uns tragen. Und der Moment des Sterbens, er ist nur, ich möchte sagen das Integral von den Differentialen, aus denen sich das Leben zusammensetzt, aus den Differentialen eines fortwährenden Sterbens, aus dem sich das Dasein des Menschen zusammensetzt.

Führt man diesen Gedankengang fort, dann kommt man dazu, etwas zu erkennen, was heute in der anerkannten Wissenschaft geradezu geleugnet werden muß, was aber doch in der wirklichen Fortsetzung dieser Wissenschaft liegt: daß der Mensch in sich wirkliche Abbauprozesse hat, fortwährend Sterbeprozesse hat. In diese Sterbeprozesse hinein entwickeln sich die ethischen Ideale, so daß diese ethischen Ideale nicht hängen an Fortsetzungen von organischen Prozessen, sondern an zurückgedrängten, sich rückbildenden organischen Prozessen. Das führt aber wiederum zu folgendem: Wenn einstmals unsere Erde bei was auch immer für einem mineralisch-biologischen Zustande angelangt sein wird, wenn die Erde meinetwillen nehmen wir die Hypothese als gültig, sie ist es nicht ganz, aber in einem gewissen Sinne doch -, wenn sie angelangt sein wird beim Wärmetod - wenn also keine anderen Prozesse mehr möglich sind, weil alles nach dem zweiten Hauptsatz der mechanischen Wärmetheorie sich gebildet hat als die Überbleibsel, die immer da sind, wenn Wärme an die Umgebung abgegeben wird, wenn Wärme umgesetzt wird-, wenn dieser Zustand eingetreten ist, dann ist das, was im Menschen gelebt hatals ethische Ideale, zu seiner größten Kraftentfaltung gekommen. Und das trägt das Erdendasein hinaus zu neuer planetarischer Bildung.

Wir entdecken in unseren moralischen Idealen die Keime für spätere Welten, für spätere, durch unsere heutige Moral begründete Welten. Unsere Ideale bekommen dadurch einen realen Wert. Die heutige Philosophie ist genötigt, von bloßen Werten zu sprechen. Aber was gibt es für eine Möglichkeit, wenn man von Werten spricht, die im Menschen aufsteigen als bloße Ideen, die aber keine Keime sind von künftigen Realitäten, was gibt es für eine andere Aussicht, als sich zu sagen: Wir kommen her aus dem Kant-Laplaceschen Weltnebel, und irgendwie tauchen in unserem Selbstbewußtsein die moralischen Ideale auf, aber diese moralischen Ideale leben in uns nur wie Dunst und Nebel. - Das war eben die Persönlichkeit, auf die ich vorhin gedeutet habe, die als Gesetz annahm die moderne naturwissenschaftliche Entwicklung und sich sagte: Der Mensch ist geprellt in der Welt. Die naturwissenschaftliche Entwicklung hat ihn bis hierher gebracht, dann steigen die moralischen Ideale als Schaumgebilde auf, zerfließen wieder, und alles geht in den Wärmetod, in den großen Friedhof ein, denn die moralischen Ideale werden zwar erlebt, haben aber keine Möglichkeit, zur Realität zu werden.

Anthroposophie zeigt uns aus dem Verfolgen der zurückgehenden Prozesse, in die hineingewirkt haben die moralischen Ideale, daß diese moralischen Ideale in uns zwar nur ein ideelles Dasein haben, daß sie aber, indem sie sich im Menschen entwickeln, Keime sind für die Zukunft, daß wir in den moralischen Idealen Realitäten zu sehen haben, die erste Keime von Zukunftswelten sind, hervorgehend aus Idealität. So wie wir in dem Zukunftskeime der Pflanze dasjenige Pflanzenwesen sehen, das sich im nächsten Jahre gestaltet, so gestattet uns Anthroposophie, in den moralischen Idealen Keime von Zukunftswelten zu sehen. Und wir sehen hinter dem Kant-Laplaceschen Urnebel die Idealitäten der Vergangenheit als die Keime der gegenwärtigen Welt. Die gegenwärtige Welt ist die Realisierung, die Verwirklichung dessen, was einstmals nur gedacht worden ist, wie die gegenwärtige Pflanze die Verwirklichung des Keimes vom vorigen Jahr ist. Und was gegenwärtig bloß als moralischer Wert erlebt wird, ist realer Keim von Zukunftswelten.

Wir stehen nicht nur mit unseren natürlichen organischen Prozessen im Kosmos drinnen, wir stehen im Kosmos auch mit dem, was wir als moralische und soziale Werte in uns erleben. Wir erlangen eine Kosmologie, welche nicht allein Naturvorgänge und Naturgesetze zu ihren Agenzien zählt, wir erlangen eine Kosmologie, worinnen auch unsere gesamte moralische Welt als eine reale steht. Durch Anthroposophie wird die Brücke geschaffen von der natürlichen zur ethischen und religiösen Welt.

Das ist das, was mir am Herzen lag, in einem kurzen Schlußwort noch anzudeuten, weil es im Vortrage nicht mehr möglich war.

German original of Anthroposophy and Science · ← Previous · Next →