The Stimulating Effect of Anthroposophy on the Individual Sciences
GA 76 — 3 April 1921, Dornach
Eroffnungsrede
Meine sehr verehrten Anwesenden! Unsere Zeit ist eine Zeit der Zweifel und Rätsel, die der Menschheit aufgegeben sind. Und man kann sagen, wohl dem, der sich in seinem Inneren ehrlich und mit Kraft gegenüber den Geschehnissen der Gegenwart sagen kann: Ja, für mich ist diese Zeit eine Zeit der Zweifel, der Rätsel und der Fragen, die gelöst werden müssen. — Denn könnte er sich dies nicht sagen und würde er doch mit wacher Seele hinblicken auf die Geschehnisse der Zeit, so gäbe es für ihn eigentlich nur den anderen Pol: die Verzweiflung an dem Fortgange der menschlichen Zivilisation im Abendlande. Und wenn in unserer Zeit Zweifel, Fragen, Rätsel verborgen sind, die gelöst werden müssen, dann bedarf es dazu der starken Kraft der Menschen, die sich zurechtfinden können in dem gegenwärtigen Zivilisationschaos, und die aus der Flut der Fragen und Rätsel das aufsprießen lassen können, was zu einem neuen Fortgang, zu einem Aufbau unserer abendländischen Zivilisation führen kann. Etwas dazu beitragen, daß die Kräfte, welche die Zeit also braucht, damit die Zweifel und Rätsel aus den menschlichen Seelen heraus gelöst werden können, das möchte alles, was von diesem Goetheanum aus unternommen wird.
In einer solchen Zeit der Fragen und Rätsel wird sich auch für manches, was Inhalt alter Überlieferung ist, die Notwendigkeit zeigen, in einem neuen Lichte zu erscheinen. Nun leuchtet uns herauf — gewissermaßen wie ein uralt heiliges Vermächtnis der Griechenkultur — das oft und oft wiederholte apollinisshe Wort: Mensch, erkenne dich selbst! — Und vieles in der abendländischen Zivilisation seit der alten Griechenzeit hat gestanden im Zeichen dieses Wortes. Mir scheint aber, daß selbst ein solches, wie es schien, felsenfest in der Menschheitsentwickelung drinnenstehendes Zauberwort heute, in unseren Zeiten der großen Verwandlungen, nur mehr Bestand haben kann, wenn es, aufnehmend die Kräfte unserer Zeit, selbst eine Art Verwandlung durchmacht. Und so scheint mir, daß das uralte Delphiwort heute also zu den Menschen klingen müsse: Mensch, erkenne dich selbst und werde ein freies Wesen! — Wir müssen das Weltgeschehen, insofern es sich auf den Menschen bezieht, hin- und herschwingend schauen können zwischen den beiden Polen der Selbsterkenntnis und der wahren menschlichen Freiheit.
Warum schrieb griechische Weisheit auf den Tempel zu Delphi das bedeutungsvolle Wort: Erkenne dich selbst? Zu diesem Griechentum leuchtete herauf, aus uralten, historisch ihrem Anfange nach unbestimmbaren Zeiten, eine uralte geheiliste Weisheit und Wissenschaft. Die Ursprünge dieser Wissenschaft gehen in das Dunkel der vorgeschichtlichen Zeiten zurück. In Ägypten hatte man noch ein unmittelbares Drinnenstehen in dieser Urweisheit. In Griechenland hatte man nur noch ein, allerdings in die edle griechische Menschlichkeit getauchtes Gefühl davon, und man fühlte: aus der Welt, aus der weisheitsvollen Welt selbst heraus war den Menschen diese Weisheit gekommen. Der Mensch hatte sich innerhalb der Welt der Weisheit gefühlt wie ein mehr oder weniger nur instinktiv lebendes, mehr oder weniger unbewußtes Glied des Weltenganzen. Da dämmerte herauf im griechischen Fühlen die Empfindung der Selbständigkeit der Menschenseele. Zu dem alten Welterkennen hinzu sollte erstrebt werden die Selbsterkenntnis des Menschen. Im Grunde genommen war der uralten Weisheit Devise: Erkenne die Welt und in der Welt den Menschen! — Diese Devise uralter Weisheit strahlte in das Griechentum herein. Aber geltend machte sich jetzt der Drang, zu dieser Welterkenntnis mit dem Menschen darinnen, die selbständige menschliche Selbsterkenntnis zu erstreben. Zu dem: Erkenne die Welt! - trat hinzu das: Erkenne dich selbst! — Der Grieche stand wie am Ufer der Vergangenheit, hereinnehmend mit ihrem vollen Inhalt der Vergangenheit Weisheitsschätze. Wir-und ich glaube, jeder Unbefangene kann das fühlen — stehen an einem anderen Ufer. Wir stehen an dem Ufer einer unbestimmten Zukunft, aber einer Zukunft, welche die Menschheit in geistiger Beziehung selbst schaffen muß. Und wir fühlen, wir brauchen ein neues Wahrwort, um uns mit voller menschlicher Kraft zu besinnen auf das, was aus unserem Inneren als Schaffendes hinüberwirken kann in die unbestimmte Zukunft. Am Ufer der Vergangenheit richtete der Grieche das Wahrwort auf: Erkenne dich selbst! — Am Ufer einer unbestimmten Zukunft müssen wir das Wahrwort aufrichten: Werde ein freies Wesen! Das, was in dem Hinundherschwingen zwischen den beiden Polen der menschlichen Gegenwartsaufgaben liegt, davon möchte dieser Bau und alles, was in ihm gewirkt wird, sprechen. Davon möchte auch wiederum die kurze Reihe von Erkenntnis- und künstlerischen Darbietungen, die in den nächsten Tagen stattfinden sollen, sprechen. Wir stehen am Ausgangspunkt des großen naturwissenschaftlichen Rätsels. Die Menschheit hat noch nicht den vollen Mut in sich erlebt, dieses große, gewaltige naturwissenschaftliche Rätsel ins Auge zu fassen. Naturwissenschaft hat Gewaltiges und Großes geleistet. Sie hat eine Anschauungsweise angenommen, durch die in der Kette der Ursachen und Wirkungen sich immer eines der Ereignisse, die unsere Seelen schauen, an das andere der Ereignisse mit Notwendigkeit schließt. Und es ist der Naturwissenschaft natürlichstes Bestreben, den Menschen einzubeziehen in diese Kette natürlicher Notwendigkeit. Es ist das große Ideal naturwissenschaftlicher Erkenntnis, die Naturerscheinungen mit diesem Ursachengesetz zu studieren, sie — als ihrer Wesenheit entsprechend — gemäß diesem Ursachengesetze zu empfinden und so auch vom Menschen zu verstehen, was nach diesem Ursachengesetze von ihm zu verstehen ist. Man durchdringt nur nicht heute schon mit vollem lebendigem Gefühl, was in diesem Bestreben, in diesem Ideal für das menschliche Leben eigentlich liegt.
Leben wir uns ganz in das ein, was wir in rechter Naturerkenntnis als die Weltnotwendigkeit aufnehmen, dann stehen wir selbst mit unserem Bewußtsein in dieser Weltnotwendigkeit darinnen, dann müssen wir uns sagen: Alles, was in uns selber erlebt wird, ist nur ein Glied in der Kette der Notwendigkeiten. Wenn wir aber aus einer rechten Vertiefung in die naturwissenschaftliche Lebensauffassung uns ein solches Bewußtsein angeeignet haben, dann revoltiert unser Innerstes gegen diese Empfindung, dann spricht ein unsere Seele durchleuchtendes Erlebnis gegen diese Empfindung, dann sagen wir uns: Als Mensch bin ich frei und meine Freiheit muß ich begreifen, mit meiner Erkenntnis muß ich eindringen ebenso wie in das Gewebe der Naturerscheinungen so in das Leben meiner Freiheit.
Faßt man im vollen Sinne des Wortes dieses innere Freiheitsrätsel auf, dann kommt man dazu, sich zu sagen: Das bedeutsame Wissen, dessen Entwickelung sich durch die letzten drei bis vier Jahrhunderte zieht und das in die Natur so bedeutsam hineingeleuchtet hat, das braucht eine Erweiterung, um hineinzuleuchten auch in das Erlebnis der menschlichen Freiheit. - Denn immerzu gerechtfertigt würden diejenigen erscheinen, die aus dem naturwissenschaftlichen Bewußtsein der Gegenwart heraus gesagt haben und immer wieder sagen: Wir können nur die Natur begreifen; wir können nicht anders, als haltmachen vor dem Begreifen der menschlichen Freiheit. Wir müssen das alte Kantische Wort wiederholen: Um für den Glauben Platz zu bekommen, müssen wir das Wissen vernichten. — Jawohl, solange wir im bloßen Naturwissen drinnenstehen, so lange gilt dieses Wort. Dann aber kommt dagegen die Aufbäumung, die Revolte des menschlichen Bewußtseins. Und gerade im richtigen Würdigen der größten naturwissenschaftlichen Errungenschaften der neueren Zeit muß der Drang entstehen nach dem Wissen, nach dem Erkennen des Erlebnisses der menschlichen Freiheit. Und ein Erlebnismuß zugleich diese Erkenntnis sein. Denn von ihr ausgehend müssen wir die Kraft, die wir aus ihr gewinnen, hinaustragen in das soziale Leben, das uns heute nicht weniger Rätsel und Fragen aufgibt als das Erkenntnis- und Glaubensleben. Wie sich die Rätsel und Fragen des Erkennens und des Glaubenslebens in der einsamen Stube in innerlichen Seelenkämpfen ausleben, so wirken die anderen, die sozialen Rätsel und Fragen tumultuarisch durch die Welt: weil nicht Menschenkräfte in ihnen wirken, die aus klarem Freiheitsbewußtsein, aus erkenntnismäßig erlebtem Freiheitsbewußtsein sich einzusetzen wissen gegen das, was uns als soziales Chaos heute umgibt.
Wer das Freiheitsrätsel mit lebendigem Wissen durchdringt, der allein ist imstande, in das soziale Leben die Kraft harmonischen menschlichen Zusammenlebens hinauszutragen. Weil uns in den letzten Jahrhunderten gerade dadurch, daß wir in die Tiefe des äußeren Geschehens eingedrungen sind, diese Kraft genommen worden ist, leben wir heute in dem sozialen Chaos. Licht wird es in diesem Chaos erst werden, wenn wir hineintreten mit der inneren Kraft, die uns das wissende Durchschauen des Freiheitsrätsels gibt. So wie einstmals der alte Grieche fragend gestanden hat vor alledem, was ihm eine alte Weisheit überlieferte, fragend gestanden hat vor dem: Erkenne die Welt! — und übergegangen ist zu dem: Erkenne dich selbst! —, so müssen wir fragend stehen heute vor dem: Mensch, werde ein freies Wesen!
Zwischen diesen beiden Polen menschlichen Geschehens, zwischen dem Pol, wo der griechische Weise hineinwarf in die Menge der Denkenden und Unbefangenen das Wort: Frkenne dich selbst! -, und dem anderen Pole, der sich ausspricht in den Worten: Mensch, werde ein freies Wesen! — liegt im Grunde genommen eine Episode menschheitlicher Entwickelung.
Es ist mit Händen zu greifen, wie zwischen diesen beiden Polen eine Episode menschheitlicher Entwickelung liegt. Nehmen wir den modernsten Menschen, von dem diese Freie Hochschule für Geisteswissenschaft ihren Namen leihend trägt, Goethe. Er fand sich hinein in das damals schon dämmernde und drängende neuzeitliche Leben, es vorempfindend in einer Zeit, in der die meisten noch voll in den Traditionen des Alten lebten. Wie wirkte es in Goethes Seele auf der einen Seite nach wahrer Erkenntnis, auf der anderen Seite nach wahrer Kunst hin, und in der Kunst bei ihm auch nach religiöser Vertiefung, nach religiöser Innerlichkeit. Es durchwogten seine Seele alle die Impulse — welche eigentlich damals von ihm allein bemerkt wurden, höchstens noch von einigen seiner Freunde, welche aber mittlerweile in das allgemeine Menschenleben heraufgestiegen sind —, alle die Impulse, die hinneigen, hinzielen nach dem in Freiheit ergriffenen sozialen Leben. Und als er stark genug gefühlt hat, was wie die Morgendämmerung einer neuen Zeit in ihm lebte, da wandte er der nordischen Welt den Rücken und ging hin nach dem Süden, um aus dem, was übriggeblieben war von der alten Griechenkultur herauszuempfinden, was dieser Griechenkultur tiefstes Wesen war. Dieser moderne Mensch, Goethe, hatte in seiner eigenen Seele die weitgespannte Brücke schlagen wollen über die Episode hin zwischen den Zukunftsaufgaben der modernen Menschheit und dem weltumfassenden Resümee der Vergangenheit, wie es im Griechentum gezogen worden ist.
Und lebt denn nicht das, was Goethe so an seiner eigenen Persönlichkeit dargestellt hat, im Grunde genommen heute in jedem Menschen, der hinaufstreben will nach jener Sphäre, wo ihm entgegentreten können in ihren wahren Gestalten die großen Weltenfragen? Schöpfen denn diejenigen, die sich unserer Bildung widmen, nicht noch immer das, was dieser Bildung den formalen Untergrund geben soll, aus dem Griechentum? Wird nicht das Herz und der Verstand derer, die für diese Bildung heranerzogen werden, in unserer Gymnasialbildung noch immer vom Griechentum durchdrungen? — Wir müssen diese Episode empfinden, wie sie erst tragisch und dann erlösend Goethe der Menschheit vorempfunden hat. Dann aber werden wir auch verstehen, wie wir uns in einer neuen Weise zuwenden müssen auch dem anderen Pole, dem Pole menschlicher Selbsterkenntnis, wie wir uns in dem Augenblicke weltgeschichtlicher Entwickelung, in dem aus unserem tiefsten Inneren das Wort herauftönt: Mensch, werde ein freies Wesen! — auch dem: Erkenne dich selbst! — anders nähern müssen, als der Grieche sich ihm genähert hat.
Sehen wir uns um gerade unter denjenigen, die sich mit ihrer ganzen Seelenverfassung hineingelebt haben in die moderne naturwissenschaftliche Weltanschauung, die auf ihrem Boden so groß geworden ist. Wir sehen, wie sich da der Mensch in der Beobachtung sowohl wie im Experiment, durch die ja so viele Rätsel für den modernen Menschen gelöst worden sind, vertieft in das materielle Dasein. Und man sollte genauer, als man das gewohnt ist, hinhorchen auf ein solches Wort, wie es aus diesem neuzeitlichen Bewußtsein heraus etwa ein Du Bois-Reymond gesprochen hat: Da, wo Materie spukt, kann die menschliche Erkenntnis nichts anfangen! — Das materielle Dasein zu durchdringen, daran hat sich die moderne Erkenntnis gewöhnt. Sie hat Großartiges auf diesem Gebiete geleistet. Überall verfolgt sie, wie die materielle Welt sich in den materiellen Erscheinungen gliedert. Aber indem sie das Gewebe der materiellen Erscheinungen entziffern will, muß sie dasjenige voraussetzen, in das sie niemals hineindringen kann, wenn sie auf ihrem eigenen Boden bleibt: die Welt der Materie selber.
Es ist eine lange Geschichte, was sich da abgespielt hat zwischen dem Streben menschlicher Erkenntnis und dem Materierätsel. Was sich auf theoretischem Gebiete da abgespielt hat, kann uns in diesem Augenblicke weniger interessieren. Auf das aber, was als Rückstand geblieben ist im menschlichen Gemüte, im ganzen menschlichen Leben, darauf muß aufmerksam gemacht werden. So sehr man glaubte, auf bloßen Erkenntniswegen zu wandeln bei der Beschäftigung mit den materiellen Erscheinungen, so sehr begründete man, indem man die Materie als solche voraussetzte, in der Seelentiefe eine Empfindungsgrundlage, die das ganze menschliche Leben durchsetzt. Und eine solche Empfindungsgrundlage haben wir. Bei den besten unserer Zeitgenossen können wir sie bemerken. Sie mühen sich ab an dem Materierätsel; sie ringen mit diesem Materierätsel. Und eine ganze Anzahl von ihnen konnte nicht anders, als aus diesem Ringen sich herausheben und zugeben, daß das Menschenrätsel doch auf diesem Wege nicht gefunden, nicht gelöst werden könne, auch nicht im relativen Sinne. Und doch ist diese Lösung für die Sicherheit der menschlichen Seele notwendig. Man möchte nun «im Inneren des Menschen» dem wahren Wesen des Menschen beikommen, aber man hat seinen Geist an der Außenwelt, «die nicht zu durchschauen ist», an den «Voraussetzungen des materiellen Daseins» zu denken, zu empfinden gewöhnt. Was man sich da angewöhnt hat, es verzichtet auf das Durchschauen. Und wendet man diesen Geist, der auf das Durchschauen verzichtet, nach innen, so wird man im modernen schlechten Sinne Mystiker.
Das bemerken heute leider nur allzuwenige: daß die Besten, die von unserer Naturerkenntnis sich abwenden und zu einem Streben nach Erkenntnis des menschlichen Inneren kommen, sich ihre Denk- und Empfindungsgewohnheiten an dem Betrachten der Materie, «die undurchschaubar ist», angeeignet haben, und nun in das menschliche Innere das, was sie sich als Denk- und Empfindungsgewohnheiten am Betrachten der Außenwelt angeeignet haben, hineintragen. Wenn man aber den Blick, den man zuerst an der dunklen, finsteren «Materie» geschult hat, nach innen wendet, dann wird nebulose Mystik daraus, und die nebulose Mystik verriegelt das Tor zu dem: Erkenne dich selbst!
Das ist es, worauf mit starker Betonung alles hinweisen möchte, was innerhalb dieser Freien Hochschule für Geisteswissenschaft gewirkt wird. Vermieden muß werden der Weg nebuloser Mystik ebenso wie der Weg, der einzig und allein in äußere naturwissenschaftliche Notwendigkeit und damit in Vernichtung der Freiheitserkenntnis hineinführt. Vermeiden können wir diese Wege nur, wenn wir wirkliche Geisteswissenschaft suchen, nicht jene Geisteswissenschaft, die nicht haltmachen darf vor dem menschlichen Inneren, welche dann, nachdem sie haltgemacht hat, den Weg doch weiter fortsetzt, indem sie mystische Nebel in dieses menschliche Innere hineinstrahlt. Nicht darf dieses die hier gemeinte Geisteswissenschaft tun! Mit jener Schulung, die gewonnen worden ist in heller, klarer, lichtvoller Erkenntnis an den äußeren Tatsachen, muß mystikfrei, aber geisteswissenschaftlich hineingeleuchter werden können in das menschliche Innere. Das: Erkenne dich selbst! — darf nicht in mystischem Leben, dunkel, es muß in heller, lichter Klarheit erfaßt werden. Dann wird sich zusammenschließen das, was dem Menschen ersprießt aus der Innenerkenntnis, aus der Erfüllung des Wortes: Erkenne dich selbst! — und was ihm ersprießt aus dem sich zur äußeren Natur Erkennendverhalten unter dem Wahrworte: Mensch, werde ein freies Wesen!
Wie zwei Säulen, die ideell im Geiste dastehen, wenn man diesen Bau betritt, möchten angesehen werden diese zwei Wahrworte: die Säule wahrhaftiger, lichtvoller menschlicher Selbsterkenntnis und die Säule der menschlichen Freiheit. Die erste ist geeignet, an dasjenige den Menschen zu mahnen, was ihm Sicherheit und Halt, künstlerische Betätigung und religiöse Befriedigung gewähren kann. Die andere ist geeignet, ihn mit Kraft auszustatten, mitzuwirken bei den drängenden sozialen Fragen der Gegenwart und der nächsten Zukunft. Von alledem, was hier in der Befruchtung der einzelnen Fachwissenschaften angestrebt wird, wie sich insbesondere in den nächsten Tagen zeigen soll, möchte der weltgeschichtliche Moment erfaßt sein, so gut er eben in aller Bescheidenheit erfaßt werden kann, der uns ebenso an das Ufer einer unbestimmten Zukunft stellt, wie der Grieche an das Ufer einer erfüllten, überwältigend wirkenden Vergangenheit gestellt war.
Dazu aber müssen wir kommen, daß wir das lichtvolle Erfassen des menschlichen Inneren in dem Wissen selber fühlen, daß wir das Wissen nicht mehr bloß hinschleppen am äußeren Beobachten und am äußeren Experimente, sondern daß wir es frei erheben und, indem wir es durchkraften mit dem inneren Wesen des Menschen, uns mit diesem Wissen hineinversetzen in das Leben der Freiheit, in das uns die bloße naturwissenschaftliche Betrachtung niemals hineinversetzen kann. Naturwissenschaftlich ist es ehrlich, die Freiheit zu leugnen, menschlich ist es, gegen diese Leugnung zu protestieren und in diesem Protest den Ausgangspunkt einer freien, aus dem menschlichen Inneren — ihren Organen nach — geborenen Geisteswissenschaft zu sehen.
Dieser Geisteswissenschaft gegenüber braucht man, weil sie eindringt nicht in das Tote, sondern in das Leben, nicht zu fürchten, daß sie wie die tote Verstandeswissenschaft ertötend wirken werde auf die Kunst. Sie wird aus dem, was sie aus dem Geiste herausholt, die Kunst befruchten können. Es wird dieses Erkennen selbst nach außen künstlerisch wirken können, weil es in lichtvoller Klarheit hinuntertaucht in menschliche Tiefen. Es wird einlaufen aus dem wahren Erkennen in das Verehren desjenigen, was sich im menschlichen Inneren offenbaren kann. Und es wird eine solche, nur mehr die Form der Mystik festhaltende Erkenntnis, die aber zum Lichte strebt, zu gleicher Zeit auslaufen lassen das menschliche Wissen in religiöse
Verehrung des Höchsten, was durch die Welt hindurch lebt und webt. Neue künstlerische Kräfte, neue religiöse Vertiefungen werden aus einem solchen, das Innere des Menschen erfassenden Wissen kommen können. Und das Leben, in das ein solches Wissen untertauchen darf, wird ein Leben in Freiheit sein. Es wird dem Menschen zunächst das Bewußtsein der Freiheit sicherstellen. Der Mensch wird sich nicht zu verlieren brauchen an die äußere Naturnotwendigkeit, an die er sich mit dem bloßen naturwissenschaftlichen Bewußtsein verliert, weil diesem nur Notwendigkeit und nicht Freiheit vorliegt.
Und frei wird der Künstler werden von dem bloßen Modell in der Nachahmung der äußeren Natur, die er doch niemals erreichen kann. Aus geistigen Höhen herunter wird er holen, was er der Materie einprägen will. Ein schwacher Anfang zu solchem Herunterholen von Formen, die dem freien Geiste sich offenbaren, die sich nicht knüpfen an Nachahmung im Modell, soll sein, was aus den Formen und dem Bildnerischen und dem sonstigen Künstlerischen dieses Baues spricht.
Und frei von allem bloß Traditionellen, das an den Menschen als ein Äußeres, als ein Unfreies herantritt, soll das religiöse Erleben werden: frei ergreifend, was sich als das Göttliche im Inneren des Menschen selber enthüllt, frei im Inneren sich verbindend mit derjenigen Kraft, die sich ihrer wahren Wesenheit nach doch nur in Freiheit mit diesem menschlichen Inneren wahrhaftig verbinden will: der Christus-Kraft.
Wissen nach den verschiedensten Gebieten hin — nach dem äußeren Natürlichen, nach dem Inneren des Menschen, nach dem beides umfassenden Einheitlichen —, das ist das neue Streben nach Erfüllung des Wortes: Erkenne dich selbst! — Dreifacher Schritt der Freiheit: Freiheit im inneren Erleben des Menschlichsten, Freiheit im Schaffen, auch im künstlerischen Schaffen, Freiheit im religiösen Erleben, das ist das andere.
Dazu soll führen die Befruchtung der einzelnen Wissenschaften und menschlichen Lebenszweige und des ganzen sozialen Lebens, wovon in den nächsten Tagen hier gesprochen werden soll. Gezeigt werden soll, daß aus den einzelnen Wissenschaften heraus nicht nur — wie es eine moderne, in den Tod gehende Philosophie tun will — gewisse Sätze gewonnen werden können, aus denen man dann eine abstrakte Weltanschauung zusammenzimmert, sondern daß durch Geistbeobachtung eine Weltanschauung über allem Sinnlichen gewonnen werden kann, und daß in die einzelnen Fachwissenschaften diese allgemeine, lichtvoll erfaßte Weltanschauung hineinleuchten kann.
Man hat auch verlangt, daß die Weltanschauung sich nähre aus dem, was ihr die einzelnen Wissenschaften und ihre Ergebnisse abgeben. Die Zeit ist gekommen, wo aus einer im Geiste erlebten Weltanschauung die Ergebnisse herunterstrahlen in die einzelnen Wissenschaften. Mag das die Welt heute noch wenig erkennen, das, was hier an diesem Orte geschieht, das soll niemals aus einem anderen Ton als aus dem heraus kommen, der selber impulsiert ist auf der einen Seite von dem wahrhaftigen: Erkenne dich selbst! - auf der anderen Seite von dem: Mensch, werde ein freies Wesen! — Das ruft uns aber nicht nur die einsame Wissenschaftsbetrachtung im menschlichen Inneren zu. Das ruft uns zu unsere ganze katastrophale Zeit von heute. Und wenn wir zusammenfassen, was im Tiefsten ruht in den Zeitenrätseln und Zeitenfragen, so ist es das, was ich versuchte heute anzutönen.
Von dem, was uns so aufgegeben ist von den Zeichen der Zeit wie von dem fühlenden Menschenwesen, das innerhalb dieser Zeit steht, darf man so sprechen zum Alter. Diese älteren Menschen haben es erfahren, was es heißt, in einer katastrophalen Zeit zu leben. Sie fühlen, wie abgetaut sind die Ideale ihrer Jugend. Sie fühlen, wie ausgeflossen ist in ein Zivilisationschaos, was sie glaubten in ihrer Jugend hinauszutragen in die moderne abendländische Zivilisation. Zu ihnen, die solches erfahren haben, darf so gesprochen werden, wie heute gesprochen worden ist. Denn es muß solches Wort die Seite im menschlichen Seelenleben finden, die da sagt: Wir müssen noch benützen des Lebens Rest, um die Menschheit hinzuweisen auf Stärkeres, als dasjenige war, was durch uns gewirkt hat.
Und auch zur Jugend darf mit solchen Worten gesprochen werden. Denn sie schaut noch in voller Kraft, was im Zusammensturz ist, was in der Katastrophe lebt. Sie kann fühlen, innehabend ihre volle Menschenkraft und volle Menschenbegeisterung, daß etwas Neues, etwas Kraftvolles geschehen muß. Und der rechte Alte von heute wird suchen das Wort, das zünden kann in der Jugend, auf daß andere Zeiten sehen die Seelen, die aus den Augen der heutigen Jugend in die Welt blicken, als sehen müssen die Seelen, die durch heute alte Augen in die Welt blicken.
Und so darf man wohl zu jedem Lebensalter sprechen. So darf man sprechen zu denen, die man in einer gewissen Sprache die «alten Häuser» aller Sorten nennt, so darf man sprechen zu den jungen Kommilitonen. Denn so darf man sprechen nicht nur aus den Zeitenaufgaben heraus, sondern aus den größten Aufgaben des menschlichen Wesens selbst. Und wir leben in einer Zeit, wo des Menschen größte Lebensfragen Zeitaufgaben geworden sind. Wir leben in einer Zeit, in der wir hineinschauen können in der Menschen tiefstes Innere. Und wir werden da geschrieben sehen die Aufforderung zu handeln, zu handeln in einer Richtung, die wir zugleich angegeben finden, wenn wir hinschauen auf die äußeren Zeichen der Zeit mit ihrer deutlichen Sprache.
Von dem, was in dieser zweifachen Blickrichtung liegt, möchte in den nächsten Tagen gesprochen werden. Möchte das Gesprochene Aufmerksamkeit finden. Denn in der heutigen Zeit den Menschen verstehen, heißt, ein Wichtigstes im Menschenleben selber empfinden und fühlen. Der allein stellt sich heute recht und gerecht in das menschliche Wirken der Zeit hinein, der sich zu sagen versteht: in den Zeichen der Zeit liegt die Aufforderung ausgesprochen, ins tiefste menschliche Innere erkennend, geist-erkennend hineinzuschauen. Und was der Mensch nur in seinem Inneren heute ergründen kann, ist zu gleicher Zeit das, was zu erkennen, zu fühlen, zu wollen, zu vollbringen uns auf fordern die deutlich sprechenden Zeichen der Zeit.
Auf die Eröffnungsrede Rudolf Steiners folgte ein Vortrag Albert Steffens über «Das Werden des Kunstwerk».
Darauf sprach Frau Marie Steiner die von Rudolf Steiner schon für die Eröffnungsfeier des Ersten Hochschulkurses umgestalteten Worte des Hilarius aus: «Der Hüter der Schwelle»:
In jenes Geistes Namen, der den Seelen
In unsrem Strebensorte sich verkündet,
Erscheine ich in diesem Augenblicke
Vor Menschen, die von jetzt an hören wollen
Das Wort, das hier den Seelen ernst erklingt.
Nicht frühern Zeiten konnten jene Mächte,
Die unsres Erdenwerdens Ziele lenken,
In vollbewußter Art sich offenbaren.
Denn wie im Kinderleibe erst allmählich
Die Kräfte reifen müssen und erstarken,
Die zu des Wissens Trägern sind bestimmt,
So mußte sich als Ganzes auch entfalten
Das Menschentum in seinem Erdenlauf.
In Dumpfheit lebten erst die Seelentriebe,
Die später würdig sich erweisen sollten,
Aus hohen Welten Geisteslicht zu schauen.
Doch wurden als der Menschen weise Führer
Im Erdbeginn dem Geist ergebne Seelen
Von höhren Daseinsmächten auserwählt.
Sie pflegten in des Wissens Strebeorten
Die Geisteskräfte, die Erkenntnisstrahlen
In Seelen sandten, die nur dumpf bewußt
Von ihrem Schauen sich durchdringen konnten.
Erst später konnten aus der Menschen Reihen
Die Geistesforscher sich die Schüler holen,
Die durch das willensstarke Prüfungsleben
Sich reif erwiesen, in Bewußtheits Helle
Zum Geisteswissen zielvoll hinzustreben.
Und als der ersten Führer Schüler später
Das edle Gut in Würde pflegen konnten,
Verschwand die unbewußte Führerschaft,
Daß freie Seelen wissend streben durften.
Und freie Seelen wählten sich dann Menschen,
Die ihnen folgen durften in der Pflege
Des Geistesschatzes; und so ging es weiter
Von einem Menschenalter hin zum andern.
Es sind bis jetzt ja alle Wissensstätten,
Die dies in Wahrheit sind, gerecht entsprungen
Der höchsten, die in Geistessphären steht.
In ernstem Suchen streben wir allhier
Nach wahrem Geistes-Menschenerbe hin.
Wir werden niemals von Erkenntnis sprechen,
Die nicht des Geistes eignes Siegel trägt,
Allein vom Lichte aus den Geisteswelten,
Das schauend Menschen sich erschließen kann,
Die sich ihm strebend anvertrauen wollen,
Um ihrer Seele Tiefen zu ergründen.
Zu diesem Lichte würdig hinzustreben,
Das weiset uns der Zeitenwende Ernst
Und ihre Not; die Zeichen sind fürwahr
Bedeutungsschwer, die sich im Weltenplane
Jetzt Geistesaugen deutlich offenbaren.