The Stimulating Effect of Anthroposophy on the Individual Sciences
GA 76 — 10 April 1921, Dornach
Schlussrede
Obwohl ich heute abend noch einen gewissermaßen außerhalb des Programmes stehenden Vortrag um acht Uhr für alle Kursteilnehmer dieser Woche halten werde, stehen wir doch jetzt am Ende unserer Frühjahrs-Vortragsreihe. Wir konnten in der kurzen Zeit, die uns zur Verfügung stand, wie es ja selbstverständlich ist, nur Andeutungen und Richtlinien geben über das, was uns auf ein gewisses Ziel hin vorschwebt. Und dies Ziel — Sie werden es gerade an diesen Vorträgen haben fühlen können - ist kein anderes als dieses: zu zeigen, wie das, was hier anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft genannt wird, befruchtend wirken soll auf die verschiedenen einzelnen Fachwissenschaften und auch auf die verschiedenen Zweige des menschlichen praktischen Lebens in der Gegenwart. Wir haben, um hinweisen zu können, in welcher Art wir uns dieses Ziel vorstellen, zunächst durchgenommen, tageweise, diejenigen Wissenschaften, welche hineinführen in das Leben der äußeren Welt, der äußeren Natur. Wir haben zu zeigen versucht, wie da von den Erkenntnisbestrebungen der Gegenwart überall! Schranken und Grenzen aufgerichtet werden, welche aber keine wirklichen Schranken und Grenzen menschlicher Seelentätigkeit überhaupt sein können, weil, wenn sie gelten könnten, dasjenige, was dem Menschen das wesentlichste Ziel der Erkenntnis sein muß, das Durchschauen der menschlichen Wesenheit selber, niemals erreichbar sein würde. Und vor allen Dingen fehlen müßte eine Erkenntnis, welche Antrieb werden kann des menschlichen Willens, der menschlichen Tat. Der menschliche Wille und die menschliche Tat müßten verurteilt sein, weiterhin nur aus den Instinkten und Trieben heraus das soziale Leben zu gestalten, während ein menschenwürdiges Dasein nur begründer werden kann, wenn geistige Einsicht die Kraft hat, über die bloße Naturanschauung hinaus in das rein geistige Leben einzutauchen und von daher die sittlichen und die sozialen Ideale zu holen, die mächtig genug sind, um in den Willen impulsierend hineinzuwirken.
So mußten wir auf der einen Seite darauf hinweisen, wie Geisteswissenschaft über die Schranken hinauskommen will, die der äußeren Wissenschaft, insofern sie sich auf die äußere Natur und auf die äußere Welt bezieht, gesteckt sein sollen, nach dem Willen gerade und nach der Meinung und dem Glauben unserer Zeit. Und wir mußten auf der anderen Seite hinweisen auf die andere Richtung des menschlichen Erkennens: die nach innen geht, die darauf geht, den Menschen und sich selber zu erfassen, so daß man hinuntersteigen kann in das, was im Menschen als sein eigentlicher Wesenskern lebt. Und wir haben gezeigt, daß allein, wenn dieser Impuls wirklich in das Innere des Menschen eindringt, in der Erkenntnis lebt, daß dann allein zustande kommen könne zum Beispiel eine wirkliche Sprachwissenschaft, eine wirkliche Geschichtswissenschaft auch, und daß dieser Impuls der Innenerkenntnis notwendig ist, um die sprachlichen, die geschichtlichen Wissenschaften zu durchdringen und zu befruchten.
So haben wir nach zwei Richtungen hingewiesen, in denen hinweggeschritten werden muß über die Grenzen, welche die gegenwärtige Fachwissenschaft setzen will: in die Richtung nach außen, in die Richtung nach innen. Und wir haben darauf hingewiesen in diesen Tagen, wie der Appell an eine solche Geist-Erkenntnis uns ja hervortönt aus den wichtigsten Zeichen der Zeit.
Da haben wir auf der einen Seite die zahlreichen Anzeichen, wie die Menschen in weitesten Kreisen bestrebt sind, immer tiefer und tiefer hineinzukommen in die Rätsel des menschlichen Inneren, um da, in diesem menschlichen Inneren, einen sicheren Halt zu bekommen, ein richtiges Gleichgewicht zum äußeren sozialen Leben zu erhalten. Und wenn wir vernehmen die wichtigsten Stimmen des menschlichen Herzens, des menschlichen Gemütes, so müssen wir sagen: es tönt überall aus den Anforderungen der Gegenwart heraus, daß wissenschaftliche Erkenntnis ausmünden müsse in das, was so für die innere Sicherung der menschlichen Seele gefunden werden muß. Kein Ausblick nach einem solchen Ziele ist in der gegenwärtigen landläufigen Wissenschaft zu finden. Weil er darinnen nicht zu finden ist, glaubt Geisteswissenschaft den Schritt tun zu müssen, diesen anderen Wissenschaften zu zeigen, wie sie durch wahre geisteswissenschaftliche Forschung befruchtet werden können.
Von der anderen Seite her tönen die Klänge aus der sozialen Verwirrung. Große, gewaltige soziale Aufgaben stehen vor den Menschen unseres Zeitalters. Wir werden mit ihnen nur zurechtkommen, wenn wir einsehen, daß ja doch nur das, was wir uns an Einsicht in das Menschenleben, an Erkenntnis der menschlichen Wesenheit erwerben können, uns die Kraft geben kann, an die großen sozialen Aufgaben der Gegenwart heranzutreten. Führend müssen wieder werden die Einsichten, führend muß das werden, was aus echter, wahrer geisteswissenschaftlicher Forschung hervorgeht, denn das allein kann auch richtunggebend sein für die sozial so notwendigen Bestrebungen.
Es wird das gerade unseren Absichten übelgenommen, daß wir die Frage, auf die hiermit gedeutet ist, in einer etwas anderen Weise auffassen müssen als viele unserer Zeitgenossen. Ich habe auf dieses Anderssein schon bei den verschiedensten Gelegenheiten hinweisen müssen. Aber das ist etwas, was immer wiederum gesagt werden muß. Daher will ich es auch heute, am Schlusse unserer Veranstaltung, hier sagen. Gewiß, es gibt schon viele Leute, die sagen: Über die weitesten Kreise der Bevölkerung hinaus muß Einsicht, muß Wissen sein; Wissen muß popularisiert werden, denn es muß leben in einer genügend großen Anzahl von Menschen; nur wenn es in ihnen lebt, werden sich auch die sozialen Einsichten entwickeln. — Und aus dem guten Willen, der zweifellos dem zugrunde liegt, geht hervor alles, was man unternimmt in der Richtung der Einsetzung von Volkshochschulen, Volksbibliotheken, Popularisierung der Wissenschaft, wie sie an unseren heutigen Bildungsanstalten gepflegt wird. Man ist der Meinung, wenn man nur hinausträgt, was an unseren Bildungsanstalten gepflegt wird, in die weitesten Kreise, dann müsse es in der Zukunft verhindern, daß wir in solche katastrophalen Epochen hineinkommen, wie die unsrige es ist.
Aber kann man denn glauben, daß dasjenige, was ja da war für die Menschen, die unmittelbar zu tun hatten mit den Ursachen dieser jetzigen katastrophalen Zeit, daß das, was also von unseren Bildungsanstalten ausgestrahlt ist auf die führenden Kreise und nichts gefruchtet hat, sie zu besserem Tun zu bringen als zu dem, wozu sie gekommen sind, kann man hoffen, daß dasselbe «Geistesgut», wie man es eben auch nennt, nun wirken werde, wenn es in die große Menge hinausgestreut wird? Man kann solches nur glauben, wenn man sich selber Sand in die Augen streuen will. Weil wir das nicht wollen, die wir uns hier verbunden fühlen mit den Bestrebungen des Goetheanismus, deshalb müssen wir sagen, trotz alledem, was da gleich aufgerufen wird an allen möglichen Feindund Gegnerschaften: Nein, anderes ist noch notwendig! — Nicht bloß hinausgetragen werden soll etwas aus unseren Bildungsanstalten, hineingetragen werden muß etwas. Es muß das hineingetragen werden, was erst hineingetragen werden kann, wenn man die geistige Forschung neben der äußeren sinnlichen und verstandesmäßigen anerkennen will. Was dann in unsere Bildungsanstalten hineingetragen wird, das wird schon ergreifen die Herzen und die Gemüter der Menschen, weil es hervorgeholt ist aus dem Wesen der Herzen und der Gemüter der Menschen, weil dasjenige, was unbewußt in der Menschen Tiefen schlummert, auf diese Weise zutage gefördert wird als Richtungskräfte für menschliches Wirken. Wir sind schon einmal in der für viele unsympathischen Lage, uns zu der Ansicht bekennen zu müssen, daß nicht nur etwas herausgetragen werden müßte aus unseren Bildungsanstalten, sondern vor allen Dingen viel, viel hineingetragen werden müsse. Und daß wir uns vermessen, hinzuweisen auf solche Dinge, das ist es, was uns so viele Feindschaft einträgt.
Nun, Sie dürfen es mir glauben: persönlich wäre es mir das allerliebste, wenn der Drang nach solcher Geistesberufung der Wissenschaften vor allen Dingen sich erheben würde aus den Stätten unserer bisherigen Bildung selber, wenn da sich diejenigen finden würden, die hinweisen möchten darauf, was nötig ist. Über nichts würde ich mich mehr freuen, nichts würde mich mehr befriedigen, als wenn ich solches Streben sehen könnte. Ja, deshalb hatte ich wirklich — verzeihen Sie diese einzuschiebende Episode — einige Freude, als ich jüngst in Basel drinnen war und im Schaufenster eine Schrift entdeckte, die den Titel trägt «Universitätsreform», geschrieben von einem Uhiversitätsprofessor selber, wie sich gleich herausstellte. Das, dachte ich mir, macht vielleicht ganz unnötig das Streben nach einer Begründung des Weltschulvereins, wenn solche Stimmen von solcher Seite herkommen. Und die Schrift beginnt auch gleich außerordentlich verheißungsvoll. Man hat so das Gefühl, daß mit solchen Sätzen etwas angeschlagen werden müsse, was die Zeichen der Zeit nach einer gewissen Richtung hin versteht: «Die Organisation unserer Universitäten leidet an großen Mängeln. Ein Reformwerk tut hier dringend not. An diesem Werk soll aber allein teilnehmen, wer das Universitätswesen von Grund aus kennt.»
Auch darüber könnte man erfreut sein, wenn solche teilnehmen würden, die das Universtätswesen von Grund auf kennen. Weil ich aber in dem, was ich weiter in dieser Schrift erfahren habe, ein Symptom charakterisieren möchte, so müssen Sie mir schon gestatten, daß ich in aller Kürze über das Erlebnis an dieser Schrift etwas spreche. Auf Seite 4 findet man ausgedrückt, was der Verfasser nun ausschließt von seiner Betrachtung über dieses Reformwerk bezüglich der Universitäten: «So werde ich zum Beispiel mich über die Frage der Semestereinteilung und der Universitätsferien nicht äußern. Denn diese Dinge sind noch nicht spruchreif.»
Ein Weiteres, das ausgeschlossen werden soll von dieser Betrachtung: «So werde ich ferner die Rechtsverhältnisse der Assistenten unserer Kliniken oder unserer naturwissenschaftlichen Institute unerörtert lassen. Denn ich traue mir ein sachverständiges Urteil darüber nicht zu.»
Nun, man könnte ja ganz zufrieden sein, wenn diese zwei Punkte ausgeschlossen bleiben würden von einer Betrachtung darüber, wie notwendig ein Reformwerk an unseren Universitäten ist.
Dann wird dasjenige, was nun zu reformieren ist, in einzelnen Kapiteln abgehandelt. Das erste Kapitel heißt: «Die Einteilung der Universitätslehrer in verschiedene Klassen.» Man erfährt daraus, daß es ordentliche, außerordentliche Professoren gibt, Privatdozenten, Honorarprofessoren, Lektoren und Assistenten. Man erfährt daraus, daß es notwendig ist, hier mit einem großen Reformwerk einzusetzen, daß es zum Beispiel notwendig ist, daß gewisse Leute, die nach dem gegenwärtigen Usus ihr ganzes Leben lang außerordentliche Professoren geblieben sind, weil sie zum Beispiel nur ein Nebenfach — die Ohrenheilkunde oder die Ägyptologie — zu vertreten hatten, daß die nun zu, nun, auch zu ordentlichen Professoren ernannt werden müssen; nur daß man doch nicht gleich über die Schnur hauen soll, erfährt man, daß man bei all denen, die vom außerordentlichen Professor zum ordentlichen Professor zu ernennen sind, das Gehalt doch ein geringeres wird sein lassen müssen, als dasjenige, welches die richtigen ordentlichen Professoren bekommen.
Dann schreiten wir weiter zum nächsten Kapitel über die Bestellung der Universitätslehrer. Da wird unter anderem auf das Außerordentliche, Bedeutsame hingewiesen, daß sich ja Diskrepanzen ergeben haben zwischen den Regierungen und den Fakultäten oder den Professorenkollegien, und daß es etwas Bedenkliches hätte, wenn man etwa gar zu stark darauf rechnen würde, daß aus den Professorenkollegien selber einzig und allein die Ernennung hervorgehen könnte. Die Regierungen haben da manchmal Besseres getan als die Professorenkollegien.
Man muß nach einem Ausweg suchen. Es ist allerdings die Schrift für deutsche Verhältnisse geschrieben, allein ich glaube, sie ist für Weltverhältnisse zum mindesten symptomatisch und darf daher hier angeführt werden. Da wird nach einem Ausweg gesucht, wie man darüber hinauskommen könne, daß die Diskrepanzen zwischen den Kollegien und den Regierungen verschwinden, und da wird hingewiesen darauf, daß man die wichtige Einrichtung ins Leben rufen müsse eines «Reichsuniversitätsrates»!
Wir kommen - ich will recht schnell über die Dinge hinweggehen — zum dritten Kapitel: Das Gehalt der Universitätslehrer. Nun, da wird eben auseinandergesetzt, welche Wünsche vorliegen über die Gehaltsregulierungen. Ein Kleines habe ich Ihnen schon davon mitgeteilt.
Wir kommen zum vierten Kapitel: Die Überweisung der Vorlesungsgebühren an die Universitätslehrer. Da wird darauf hingewiesen, daß mancher, der ein sehr tüchtiger Mann ist, nur ein ganz kleines Kolleg hat, ein anderer, der gerade etwas Beliebtes liest, hat ein großes Kolleg, bekommt also viele Kolleggelder. Es wird darauf hingewiesen, daß zum Beispiel derjenige, der nur drei Stunden zu lesen hätte über seinen Gegenstand, daß der fünf oder sechs Stunden erhält, damit das Kolleggeld höher werde. Kurz, es sei nicht anders hinauszukommen, als daß man diese Sache einer gründlichen Reform unterziehe.
Dann, im fünften Kapitel, wird von der Verleihung von Auszeichnungen an die Universitätslehrer gesprochen, was auch eine Angelegenheit ist, die eine gründliche Reform erfordert.
In einem sechsten Kapitel wird gesprochen über die Art des Ausscheidens der Universitätslehrer aus ihrer Lehrstellung. Da wird darauf hingewiesen, daß da viele Ungerechtigkeiten geschehen könnten. Allein wenn ein «Universitätsdienstgericht» eingerichtet wird, welches zum Teil besteht aus den würdigsten Mitgliedern des «Reichsuniversitätsrates», dann wird es mit diesen Dingen schon gehen.
Dann wird darauf hingewiesen, wie durch solche Instanzen, wie den «Reichsuniversitätsrat» und das «Universitätsdienstgericht», nun auch einmal Ordnung hineinkommen könne in dasjenige, was im siebenten Kapitel angeführt wird, das «Dienststrafrecht der Universitätslehrer», was zu geschehen hat, wenn man sie entlassen will oder wenn sie nur einen Verweis oder so etwas bekommen sollen.
Dann finden wir ein besonderes Kapitel über «Besondere Dienstaufträge der Universitätslehrer». Wir finden ein Kapitel über die «Verwaltung der Universitätsangelegenheiten», worinnen aber nur über solche Dinge gesprochen wird, die eben Besprechungen dahin notwendig machen, ob nun auch die außerordentlichen Professoren und die Privatdozenten vielleicht durch einen Vertreter teilnehmen sollen, und in welcher Weise das geschehen soll, an dem, was man ausmacht.
In einem elften Kapitel wird über das «Universitätsvermögen» gesprochen. In einem zwölften Kapitel davon, wie man zurechtkommen soll, wenn sich Leute melden, die nicht ganz ihre Vorprüfung gemacht haben. In einem dreizehnten Kapitel wird darauf aufmerksam gemacht, daß das Doktorsein durch verschiedene Umstände ein Unfug ist, und daß man daher künftig nicht doktorieren soll durch Prüfungen, sondern daß derjenige, der die Staatsprüfung, die Assessorprüfung, die philologische Schulamtsprüfung und ähnliches absolviert hat, berechtigt sein soll, sich in Zukunft selber Doktor zu nennen. Aber das führt doch wiederum zu Schwierigkeiten, nämlich, wenn sich diejenigen, die vom Staat angestellt sind, Doktor nennen können — ich weiß nicht den inneren logischen Zusammenhang, ich habe ihn nicht begriffen -—, dann wären doch keine Garantien dafür geboten, daß das auch Gelehrte jetzt wären, und deshalb müsse noch extra eine Gelehrtenprüfung eingeführt werden. Man könne allerdings nicht hoffen, daß die Leute große Lust haben, diese Gelehrtenprüfung noch extra abzulegen; allein, man könne dafür noch extra einen Ersatz eintreten lassen, zum Beispiel den, daß dem, der sie abgelegt hat und nachher promoviert wird, daß dem das Jahr, in dem er diese Gelehrtenprüfung abgelegt hat, doppelt angerechnet werde zu seiner Dienstzeit.
Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, ich rede von einer sehr ernsten Angelegenheit, ich rede von einem Buch über Universitätsreform, das damit beginnt: Die Organisation an unseren Universitäten leide an großen Mängeln, ein Reformwerk tue dringend not, und ich habe, als ich dreizehn Kapitel durchgemacht hatte, gesehen, ich war schon auf Seite 43 angekommen, nun gab es noch anderthalb Seiten; ich hoffte, nun wird es kommen! Aber siehe da, jetzt kommt ein vierzehntes Kapitel: «Wissenschaftliche Forschungsanstalten.» Da wird gesagt, daß ja allerdings auch für diese einiges zu tun wäre, daß als richtige Forscher zum Beispiel nur diejenigen angestellt werden dürften, die zuerst Universitätsprofessoren gewesen sind, denn nur die seien wirkliche Forscher. Und dann schließt auf Seite 44 diese Schrift damit: «Es empfiehlt sich deshalb, das Gehalt von Mitgliedern von Forschungsanstalten nicht ganz so hoch zu bemessen wie das von ordentlichen Universitätsprofessoren des gleichen Dienstalters; sie können sich ja darüber auch nicht beklagen, da sie ja von der schweren Uhterrichtslast ganz befreit sind. Auch ist irgendwie Vorsorge dahin zu treffen, daß die Mitglieder der Forschungsinstitute ihre Stellung als Honorarprofessoren nicht dazu benutzen, um sich übermäßige Vorlesungsgebühren zu sichern.»
Ja, damit ist die Schrift wirklich zu Ende. Und ich habe eigentlich ganz unvermerkt einiges ausgelassen. Ich hatte allerdings, als ich die Schrift zu Ende gelesen hatte, so das Gefühl: Also die Universitäten bestehen aus Professoren, ordentlichen und außerordentlichen Professoren, Privatdozenten, Lektoren und Assistenten. Aber da fiel mir ein: an der Universität, da sind ja auch Studenten, und ich fragte mich, hängen vielleicht diese Studenten doch auch etwas zusammen mit dem Zwecke der Universitäten? Da konnte ich denn konstatieren, daß sieben und zehn, gleich siebzehn Zeilen den Studenten gewidmet sind in dieser Schrift, welche nahezu vierundvierzig Seiten umfaßt. Aber die ersten sieben Zeilen auf Seite 5 — aus denen konnte ich nichts Besonderes machen. Denn die sagen eigentlich so furchtbar wenig Positives: «Deshalb gehe ich nicht weiter darauf ein, ob sich nicht das Verhältnis zwischen Universitätslehrern und Studenten inniger gestalten und vor allem die Sprechstunde der Universitätslehrer fruchtbarer einrichten ließe, als das jetzt im großen und ganzen der Fall ist. Denn hier wäre mit Verwaltungsvorschriften gar nichts auszurichten. Hier wäre jeder Zwang, der nur von außen käme, hoffnungslos.»
Dann wollte ich mich noch halten bezüglich der Studentenschaft an die Seite, welche in zehn Zeilen über die Studenten handelt. Aber da konnte ich auch nichts machen, denn die handeln bloß über das «Ordnungsstrafrecht der Studenten».
Nun, ich habe das, was ich mitgeteilt habe, eigentlich nicht mitgeteilt, um ironisch zu werden, um Lachen zu erregen oder dergleichen, sondern ich habe es mitgeteilt als auch ein Zeichen der Zeit, und ich bemerke ausdrücklich, daß ich den Mann, der das geschrieben hat, für einen außerordentlich guten, einen außerordentlich gescheiten Menschen halte, der sich nur nicht entschließen kann, bezüglich seines Reformwerkes auf etwas anderes zu reflektieren als auf dasjenige — er sagt es selbst —, was sich durch Verwaltungsmaßregeln durchführen läßt. Nun, ich denke, wir haben heute noch andere Dinge notwendig als diejenigen, die sich durch Verwaltungsmaßregeln durchführen lassen. Die Zeichen der Zeit fordern durchaus anderes.
Aber nicht nur ein gutwilliger, ein gescheiter Mensch ist der Verfasser dieser Schrift über «Universitätsreform», sondern er ist auch ein sich selbst gut kennender Mensch, und er verrät, warum er eigentlich über solche Dinge nicht hinausgeht. Und da finden wir denn etwas sehr Merkwürdiges auf Seite 4: «So werde ich weiter die Reform des Universitätsunterrichts im engeren Sinne schweigend übergehen. Sie liegt mir freilich sehr am Herzen und ist mindestens so wichtig wie sämtliche übrigen Reformen, die ich demnächst mehr oder weniger ausführlich behandeln werde. Mein Schweigen fällt mir deshalb schwer. Allein was ich darüber sachkundig zu sagen hätte, würde im wesentlichen bloß für den Unterricht in der Rechtswissenschaft und der Volkswirtschaft gelten, hätte dagegen für den Unterricht in der Philologie, der Medizin, den Naturwissenschaften nur geringe Bedeutung. Eine auf den rechtswissenschaftlichen und volkswirtschaftlichen Unterricht beschränkte Untersuchung würde aber nicht in den Rahmen einer Abhandlung passen, die sich mit der Reform der Gesamtuniversität befaßt.»
Ja, denken wir uns, die Sache hätte nicht ein Jurist geschrieben, dann könnte hier stehen: «Mein Schweigen fällt mir deshalb schwer. Allein was ich darüber sachkundig zu sagen hätte, würde im wesentlichen bloß für den Unterricht in der Medizin gelten, hätte daher für den Unterricht in der Rechtswissenschaft und Volkswirtschaft nur geringe Bedeutung. Eine auf den medizinischen Unterricht beschränkte Untersuchung würde aber nicht in den Rahmen einer Abhandlung passen, die sich mit der Reform der Gesamtuniversität befaßt.»
Und nun könnte ich Ihnen mit Abänderung des Subjekts diesen Satz recht oft vorlesen und Sie würden daraus sehen — wenn Sie sich das dahinterliegende Faktum vor die Seele rufen -, wozu namentlich das Spezialistentum, wie es wuchernd geworden ist, geführt hat. Zur Tatlosigkeit hat es den Wissenschafter verurteilt. Niemand weiß über dasjenige, was im Großen zu geschehen hat, zu reden, weil er Jurist, weil er Volkswirtschafter, Mediziner, Philologe ist und so weiter. Man wird gewissermaßen heute Wissenschafter, um über die eigentlichen Angelegenheiten des menschlichen Wissens bekennen zu müssen, daß man über sie nichts weiß. Solch ein Symptom ist deshalb von Bedeutung, weil es nun wirklich von einem gescheiten, gutwilligen Menschen, der außerdem noch die nötige Bescheidenheit hat, kommt. Aber ich denke, es weist um so mehr auf die Notwendigkeit hin, daß in die Stätten, um die es sich handelt, etwas hineingetragen werden muß, nicht bloß, daß etwas herausgeholt werden könne zu den Zielen, von denen ich vorhin geredet habe.
Deshalb, glaube ich, mußten wir, durften nicht nur, mußten und müssen es immer wiederum, hinweisen auf das, was von seiten der Geisteswissenschaft befruchtend hineinwirken soll in die einzelnen Zweige des Fachwissens, aber schließlich auch in die einzelnen Zweige des praktischen Denkens. Denn die Art und Weise, wie wir allmählich zu den Abstraktionen in den Wissenschaften gekommen sind, die haben hervorgerufen eine Stellung von Wissenschaftlichkeit in einer trockenen, unpraktischen, lebensfremden Daseinszone. Und man kann es selbst für das soziale Gebiet erleben, daß ein Mann wie Schumpeter, der wiederum ein außerordentlicher, kluger, gescheiter Mann ist und eine gescheite Abhandlung über Imperialismen geschrieben hat, mit den Worten schließt: «Eine ethische, ästhetische, politische oder kulturelle Wertung dieses Prozesses liegt den Zielen dieser Studien fern. Ob dieser Prozeß Geschwüre heilt oder Sonnen verlöscht, ist von ihrem Standpunkte (nämlich vom wissenschaftlichen Standpunkte) aus völlig gleichgültig. Das zu beurteilen ist nicht Sache der Wissenschaft.»
Das heißt, Sache der Wissenschaft ist es, etwas hervorzubringen, was vor dem Leben halt macht, was nicht zu Wertungen führt im ethischen, ästhetischen, im kulturellen Leben. Wir haben es im Laufe dieser Vortragsreihe gesehen, welche merkwürdige Tatsache aufgetreten ist infolge dieses abstrakten Gestaltens der Wissenschaftsbestimmung. Wir haben gesehen, wie die Wertphilosophie, die Rickertsche, Windelbandsche und so weiter Wertphilosophie heraufgezogen ist. Ich glaube, aus den Ausführungen des Dr. Stein ging Ihnen klar hervor, um was es sich gehandelt hat. Da hat es sich darum gehandelt, daß nun zunächst auf naturwissenschaftlicher Seite das Sein beansprucht wird, aber daß man sich auf der naturwissenschaftlichen Seite, wo man das Sein in seiner Totalität beansprucht, durchaus nicht darauf einlassen will, noch irgend etwas philosophisch zu treiben. Man will sich auf den Stuhl der Wissenschaft setzen, der das Sein darstellt, und man will alles, was über das Sein auszumachen ist, von naturwissenschaftlicher Seite ausmachen. Auf philosophischer Seite macht man keine Anstalten — verzeihen Sie, das Bild ist nicht so schlimm gemeint, als ich es ausspreche —, den Stuhl zur Bank zu machen, den anderen etwas zur Seite zu rücken und sich selber auf den Stuhl des Seins zu setzen. Nein, weil einem die Wertung überlassen ist, weil die Wissenschafter sagen: ethische, ästhetische, kulturelle Wertungen liegen der Wissenschaft fern, seien nicht Sache der Wissenschaft, setzt man sich auf den Stuhl der Wertungen, damit man eine reine Abgrenzung hat. Man spezialisiert bis in die Geistigkeit hinein und verliert die Möglichkeit, wirklich an den Menschen heranzukommen, der gewiß nicht anders kann, als, indem er im Sein lebt, etwas darzuleben, was für ihn selber eine ethische, ästhetische, kulturelle Wertung darstellen muß.
Die Dinge, um die es sich heute handelt, gehen wirklich in die Tiefen. Und deshalb sollte die Mitwelt schon die Geneigtheit entwickeln, die Grundfrage zu beantworten: Ist diese Geisteswissenschaft, welche von sich behauptet, daß sie die einzelnen Fachwissenschaften und auch Zweige des praktischen Lebens befruchten könne, ist diese Geisteswissenschaft selber wissenschaftlich? — Und in dieser Beziehung wird die Geisteswissenschaft sich auf den Standpunkt stellen, daß ihr jedes Eingehen auf sie mit voller wissenschaftlicher Gründlichkeit und mit guten wissenschaftlichen Vorkenntnissen aus den einzelnen Wissenschaften der Gegenwart heraus — aber natürlich nicht aus Dilettantismus heraus —, daß ihr jedes Eingehen auf sie mit guter Wissenschaftlichkeit willkommen ist. Sie schreckt nicht vor den Prüfungen derer zurück, die etwas wissen, und sie wird um so froher sein, je mehr diejenigen wissen, welche sie vom Standpunkte der einzelnen Wissenschaften heraus prüfen wollen.
Das ist das erste, was ich Ihnen heute am Schlusse unserer Frühjahrskurse sagen möchte.
Das zweite ist aber das, was viele uns vorwerfen, daß wir in unerlaubter Weise nach dem Übersinnlichen streben, daß wir zu den Menschen reden von einer Erforschung des Übersinnlichen, daß aber das schon von vorneherein unwissenschaftlich sei, denn vom Übersinnlichen könne man ja nichts wissen.
Nun, der Nerv der Ausführungen dieser Woche, der war, ich möchte sagen, wie von selbst dahin gerichtet, zu zeigen, daß wir zu dem übersinnlichen Forschen gehen wollen nicht aus dem Grunde, weil wir über die Wissenschaft hinauswollen zu irgendeinem nebulosen Zeug, daß wir nicht nach dem Übersinnlichen streben, weil wir unwissenschaftlich sein wollen, sondern daß wir uns auf den Boden der Wissenschaft stellen, so wie sie jetzt ist, daß wir uns aber ehrlich auf diesen Boden stellen. Und indem wir uns ehrlich auf diesen Boden stellen, finden wir, wo in diesen Wissenschaften überall die Tore sind aus ihnen selbst heraus und in die übersinnliche Welt hinein. Nicht weil wir uns neben die Wissenschaften hinbegeben wollen, nicht aus Unwissenschaftlichkeit reden wir von dem Übersinnlichen, sondern weil wir aus der Wissenschaft selbst mit wissenschaftlichen Gründen in das Übersinnliche hineingeführt werden.
Wir sind Bekenner einer Erkenntnis des Übersinnlichen aus Wissenschaftlichkeit. Nicht nur ist unsere übersinnliche Erkenntnis wissenschaftlich und läßt sich prüfen von jeder Wissenschaftlichkeit, sondern weil wir das erkennen, was die anderen Wissenschaften erkennen sollten in ihren Gebieten, streben wir — aus Wissenschaftlichkeit, da wir es müssen aus dieser Wissenschaftlichkeit heraus — zu der Erkenntnis des Übersinnlichen.
Dadurch aber werden wir wirklich geführt zur Erfassung des Gesamtmenschen. Denn dasjenige, was ich gerade vorhin angedeutet habe als den Weg nach außen, das führt dazu, Klarheit zu haben über die sogenannten Grenzen des Naturerkennens. Es führt aber auch dazu, eine Anschauung zu gewinnen, was der Gesamtmensch wird, wenn er sich hineinlebt in ein Erkennen, das solche Grenzen annimmt. Es ist ja nicht bloß, daß wir Wissenschaft treiben, sondern indem wir Wissenschaft treiben, sind wir — wenn wir es auch nicht berücksichtigen — Menschen. Wir werden als Menschen etwas durch den Wissenschaftsbetrieb. Wir können aus unserem Bewußtsein herausstreichen die Begriffe über die menschliche Wesenheit, aber wir können uns doch nicht in Wahrheit in den Hintergründen gewissermaßen entmenschen innerhalb der Wissenschaft. Wir müssen zum menschlichen Wesen vordringen. Das können wir nicht, wenn wir uns diejenigen Schranken und Grenzen setzen, von denen heute in der landläufigen Wissenschaft gesprochen wird, und die auch im praktischen Wissenschaftsbetrieb gefordert werden. Wir werden zurückgeworfen, so daß wir Fähigkeiten verlieren. Wenn man die Muskeln einer Hand nicht gebraucht, so werden sie schwach. Wenn man gewisse Fähigkeiten nicht gebraucht, weil man sich einbildet, Grenzen seien da und die Fähigkeiten dürften nicht angewandt werden, weil sie sonst die Grenzen überschreiten, so verliert man diese Fähigkeiten.
Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, aus dem, was Ihnen hier in diesen acht Tagen vorgeführt worden ist, werden Sie ersehen haben, welch ein Zusammenhang besteht zwischen der Entwickelung dieser Fähigkeiten, die sich nicht an die gewöhnlich angenommenen Grenzen der Natur binden, und demjenigen, was in der Natur draußen lebt, selber. Dasjenige nämlich, was immer nur hin will bis an die Grenze der Sinneswelt in der äußeren Natur, das kann nicht entfalten jene Kräfte, welche unter die Oberfläche des Sinneswesens hinunterführen und aus dem heraus auch etwas für das menschliche Leben gewonnen werden muß.
Auf dieses, was da gewonnen werden muß, deutet Goethe hin in seinem so bedeutungsvollen, ich möchte sagen, gewichtigen Ausspruche: «Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen anfängt, der empfindet eine unwiderstehliche Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst.» Hier haben wir den Weg, wo dasjenige, was lebendiges Wissen ist, nicht das Künstlerische abtötet, sondern direkt hineinführt in das Künstlerische.
Als die letzten Hochschulkurse im Herbst hier gehalten worden sind, wies ich darauf hin, wie durch dasjenige, was hier gesagt wird, gefunden werden soll, was in uralten Zeiten der Menschheit instinktiv vorhanden war: ein Vereinen von Wissenschaft, Kunst und Religion. Das wird gefunden. Denn wenn man nicht sich selber die Fähigkeiten abschneidet, ablähmt dadurch, daß man wissenschaftlich «Grenzen des Naturerkennens» annimmt, dann wird man bemerken, wie man allmählich das, was man an der Natur begreift an Bildungsgesetzen, übergehen lassen muß in das, was aus diesem Begreifen der Bildungsgesetze von selber sich künstlerisch gestaltet. Man kann die menschliche Gestalt, die auch aus der Natur heraus gebildet ist, nicht verstehen, wenn man nicht in der eigenen Erkenntnis umwandelt, was sonst nur allgemeine Regeln sind, in künstlerische Anschauung. Wenn dann die Leute kommen und einem sagen: Ja, aber eine Analyse des Erkenntnisvermögens ergibt, daß wir nicht über die Logik hinausgehen dürfen in der Erkenntnis, sondern daß wir alles mit den abstrakten logischen Regeln erfassen müssen, und mit der Beobachtung, mit dem Experiment -, dann muß man ihnen erwidern: Aber eine Einsicht, eine geisteswissenschaftliche Einsicht in die Tatsachen der Welt zeigt etwas anderes. — Die zeigt, daß wir lange reden können, wie Erkenntnis sein muß, wie wir die Erkenntnis gestalten müssen; die Natur aber, sie ergibt sich nicht solchen Erkenntnissen. Denn sie schafft selber künstlerisch, und sie will von einem bestimmten Punkte an künstlerisch aufgefaßt sein.
Es gibt einen kontinuierlichen Weg von Wissenschaft in Kunst hinein. Und die Brücke ist keine unnatürliche, die Brücke ist eine selbstverständliche. Und der andere Weg soll über die Grenzen hinwegführen, welche im Inneren des Menschen aufgerichtet werden. Angedeutet wurde es im Laufe dieser Woche, daß man nicht zu irgendeiner nebulosen, schwammigen mystischen Tiefe kommt, sondern daß man zu einer klaren Erkenntnis der menschlichen Organisation kommt. Aber man kommt, indem man diesen anderen Weg geht — Geisteswissenschaft zeigt das, indem sie auf diesem anderen Weg auch wiederum zu Erkenntnissen aufsteigt —, zu etwas, was man nun aussprechen möchte mit einem dem eben zitierten Goetheschen Wort ähnlichen Wort. Goethe sagt: «Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen anfängt, der empfindet eine unwiderstehliche Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst.» Mit Rücksicht auf dasjenige, was man nach innengehend wirklich erkennen kann, wenn man wissenschaftliche Gedankenwahrheit entwickelt, kann man sagen: Wem das menschliche Innere sein geheimnisvolles Wesen zu offenbaren beginnt, der empfindet eine tiefe Sehnsucht nach dem würdigsten sich daranschließenden Gefühl der religiösen Verehrung des schöpferischen Daseins.
Und so finden wir nach außen in die Natur hineinschreitend den Weg zur Kunst, nach innen in den Menschen hineinschreitend durch Erkenntnis den Weg zur Religion. Was sich spezialisiert hat in diesen drei Gebieten, in der menschlichen Seele muß es doch einheitlich zusammenwirken. Es muß gefunden werden die Möglichkeit dieses einheitlichen Zusammenwirkens. Wird also die Erkenntnis wiederum fähig gemacht, unterzutauchen in die Geheimnisse der Dinge, was, wie Sie gesehen haben, in diesen acht Tagen hier angestrebt wurde, dann wird sie erst herantreten können an das, was aus der menschlichen Wesenheit herausquillt: die soziale Frage. Hier werden — weil der Mensch die äußere Verkörperung eines Geistig-Seelischen ist — helfen müssen die Impulse, die wir aus einer Erkenntnis des Geistig-Seelischen gewinnen können. Die so brennende, drängende soziale Frage, die uns so zu Herzen gehen muß heute, insbesondere, wenn wir der heutigen Jugend angehören, sie wird, soweit sie bewältigt werden muß, nur bewältigt werden können, wenn wir gewissermaßen in das Objekt der sozialen Frage, in den denkenden, fühlenden, begehrenden, nach einem menschenwürdigen Dasein drängenden Menschen den Weg finden. Daß Geisteswissenschaft nach dieser Richtung hin bestrebt ist, das gehört zu ihrem Wesen.
Und wenn man einsieht, was sie über den Menschen zu sagen hat, dann wird man nicht mehr sagen können: Eine ethische, ästhetische, politische oder kulturelle Wertung des sozialen Prozesses liege dem Ziele einer solchen Studie fern. Ob dieser Prozeß Geschwüre heile oder Sonnen verlösche, sei vom Standpunkte der Wissenschaft aus völlig gleichgültig. — Es fehlt nur noch, daß man sagt: Medizin habe die Aufgabe, den menschlichen Organismus zu erkennen; ob es der Medizin auch gelinge, Kranke zu heilen, sei vom Standpunkte der Wissenschaft aus völlig gleichgültig. — Die Denkweise, die in solchen Sätzen lebt wie dem erst angeführten, und die Denkweise in einem solchen absurden Satz, den ich Ihnen eben jetzt angeführt habe, ist im Grunde genommen eine und dieselbe. Wir sind so weit gekommen, daß man Absurditäten als solche nicht mehr erkennt, wenn sie sich in landläufige wissenschaftliche Formeln kleiden, wenn sie von Autoritäten geformt in die Menge hinaustönen.
Das ist es, was uns hier im Goetheanum die Zunge löst, daß wir sprechen müssen. Wir können nicht anders — und wenn es noch so viele Feinde und Gegnerschaften gäbe -, als zusammenarbeiten in einer solchen Richtung auch mit der Studentenschaft.
Wir wissen, was es heißt, Student zu sein. Das heißt, in seinem Herzen zu tragen, was als Kraft hinüberfließen muß in die Zukunft, Ja, diese Zukunft, die jetzt die Menschheit erwartet, sie wird kraftvolle Seelen brauchen, in deren Wille und Emotionen hineinspielt eine klare Einsicht in Weltwesen und Menschenleben. Weil wir wissen, daß Sie so etwas brauchen werden, deshalb sprechen wir zu Ihnen, insofern Sie uns mit Verständnis entgegenkommen wollen. Wir haben Sie wahrhaftig mit hierher gerufen — obwohl wir Sie alle, wie Sie mir glauben können, persönlich sehr gerne sehen —, wir haben Sie mit hierher gerufen, weil wir hoffen, daß Sie Mitarbeiter werden auf einem Wege, den wir als einen notwendigen für die Gegenwart und für die nächste Zukunft ansehen, und weil wir die Probe machen wollen - und wir werden sie immer mehr und mehr machen, ich hoffe, sie wird sich trotz aller Widerstände machen lassen -, weil wir die Probe daraufhin machen wollten, wie viele sich finden können, in deren Herzen das ein Echo findet, was wir glauben als eine Notwendigkeit dieser unserer Zeit zu erhärten.
Wir müssen uns nun wiederum trennen, meine sehr verehrten Kursbesucher. Allein ich glaube, in einem können wir beisammen sein, beisammen bleiben, trotz aller Raumesentfernung beisammen bleiben: in der Erkenntnis, daß nach der Richtung, die hier angedeutet wurde, doch fortgeschritten werden müsse, daß gearbeitet werden müsse, daß Wille in dieser Richtung entwickelt werden müsse, soviel jeder nur kann. Er wird, wenn er die nötige Einsicht gewinnt, diesen Willen entwickeln.
Wir sind heute noch nicht in der Lage — das spreche ich zu Ihnen, meine lieben Kommilitonen —, das, was wir Ihnen hier bieten können, zum Abschlusse dadurch zu bringen, daß wir Ihnen Abschlußprüfungen ermöglichen, die Ihnen Lebensstellungen geben. Wir sind in dieser Beziehung arme Leute, die lediglich an das appellieren können, was als Wahrheitssinn, als Erkenntnisenthusiasmus in Menschenseelen und Menschenherzen waltet. Wir können uns nur der Hoffnung hingeben, daß neben alledem, was in ungesunder Weise in die Prüfungen und Lebensstellen hineinläuft, auch noch in einer genügend großen Anzahl Jugend sich Herzen und Seelen finden, die hinwollen zu der Wahrheit, um der Wahrheit willen zu dem, wovon man glauben kann, daß es nach den Zeichen dieser Zeit notwendig sei, um dieser rein menschlichen Notwendigkeit willen. Wir glauben, daß noch so viel freies Gefühl vorhanden ist, daß aus diesem reinen Freiheitsdrang heraus diese beiden Bestrebungen entstehen können.
Weil wir dieses glauben müssen, stehen wir, die wir diese Vorträge gehalten, diese Veranstaltungen gemacht haben im Laufe der letzten Woche, stehen wir alle hier, Ihnen, die Sie nun wieder zurückkehren in das übrige Leben, ein Lebewohl zuzurufen. Aber wir stehen hier, hoffend darauf, daß Sie unsere Helfer sein werden, Sie begleitend mit den Gedanken, die wir gemeinsam durch unsere Seelen haben ziehen lassen, Sie begleitend mit den besten Wünschen dazu, daß Ihr Wille zur Klarheit, Ihr Wille zum entsprechenden Tun stark sei. In dieser Hoffnung und mit diesen Wünschen trennen wir uns, um uns hoffentlich wiederzusehen, und sagen Ihnen von dieser Stätte aus ein herzliches Lebewohl und auf Wiedersehen!