The Tension Between East and West

GA 83 — 4 June 1922, Vienna

Anthroposophie und Weltentwickelung vom geographischen Standpunkt

Meine sehr verehrten Anwesenden! Wie man die Verhältnisse der Erde schildern kann nach dem Prinzip einer physischen Geographie, so lassen sich wohl auch die in diesen Vorträgen schon mehr oder weniger charakterisierten geistigen Impulse, die über die Erde hin wirken, in einer Art geistiger Geographie schildern - insbesondere das Zusammenwirken der östlichen und westlichen Impulse des geistigen Lebens der Menschheit mit all ihren verschiedenen Differenzierungen. Was in dieser Absicht heute gesagt werden soll‚, kann allerdings nur ganz skizzenhaft geschehen; aber es handelt sich auch mehr darum, einen besonderen Gesichtspunkt für mancherlei zu finden, was hier schon charakterisiert worden ist, als um eine ganz eingehende Schilderung.

Wenn nach dem Osten geschaut wird — von dessen Verhältnis zum Westen so häufig das symbolische Wort gebraucht wird, das Licht komme aus dem Osten —, dann erhält der westliche Mensch, der Mensch der neueren Zivilisation überhaupt, doch den Eindruck eines traumhaften Geisteslebens. Gegenüber der Gewöhnung des modernen Geisteslebens an scharfumrissene, scharfkonturierte Begriffe, an Begriffe, die sich eng anlehnen an das, was äußerliche Beobachtung werden kann, nehmen sich die vielfach beweglichen, fluktuierenden, nicht so unmittelbar an Äußerliches in scharfen Konturen sich anlehnenden Vorstellungen des Ostens traumhaft aus. Wobei man allerdings sagen muß, daß aus diesem traumhaften Geistesleben, das sich ja in den herrlichsten Dichtungen, in den Veden, ausgelebt hat, wiederum die scharfen Begriffe einer umfassenden Philosophie, etwa der Vedantaphilosophie, sich entwickelt haben; Begriffe, die nicht gewonnen sind durch Vergleich äußerer Tatsachen, durch Analyse; Begriffe, die, ich möchte sagen, herausgeboren sind aus dem innerlich erlebten, innerlich ergriffenen Geistesleben.

Wenn dieses traumhafte Geistesleben aber auf uns wirkt, wenn wir uns mit einer gewissen inneren Liebe diesem Geistesleben hingeben und zunächst nicht darauf achten, wie sehr es von dem unsrigen verschieden ist, dann bekommen wir doch einen eigentümlichen Eindruck. Man kann nämlich bei diesem Geistesleben, wenn man es, ich möchte sagen, in seinen verschiedenen Konfigurationen in der Breite auf seine Seele wirken läßt, nicht stehenbleiben. Man kann nicht Vorstellungen, Ideen, die man da empfängt, einfach aufnehmen. Indem man solche Vorstellungen, solche Ideen empfängt, sei es aus der Dichtung, sei es aus der Philosophie des Ostens, auch aus den Gestaltungen dieser Dichtung, dieser Philosophie, die sich als altgewordene im Orient bis heute erhalten haben, dann bekommt man ein inneres geistiges Bedürfnis, über diese Bilder, über diese Ideen, über diese Vorstellungen hinauszugehen; und es taucht vor dem Seelenblick dann etwas auf. Wir können oftmals gar nicht anders, wenn solch eine orientalische Idee auftaucht von dem Verhältnis, wie sich der Mensch nähert dem Geheimnis und dem geheimnisvollen Schaffen der Natur und der Welt, wir können nicht anders, wenn wir dieses Bild auf uns wirken lassen, als vor uns im Geiste das erwachsen zu lassen, was auch dem Orient Symbolum ist für einen solchen Begriff: die Lotusblume, wie sie ihre Blätter herumschlingt um das, was geheimnisvoll verborgen sein soll. Und wenn wir uns mit einiger Liebe hineinversenken in die vielfach beweglichen Begriffe, in die Begriffe, welche mehr geeignet sind, die äußeren Dinge zart zu berühren und wie mit einem Nebelhauch zu umgeben, als sie in scharfen Konturen zu fassen, können wir nicht anders, wenn wir uns in die Verzweigungen dieser Begriffe, in dieses sich Verschlingende hineinversetzen, als vor unserer Seele auftauchen zu sehen die ganze sich verschlingende, verästelnde Vegetation des Orients und auch alles das, was dann die menschliche Hand, der menschliche Geist und die Kultur aus Steinen und anderen Arbeitsprodukten hervorgebracht hat im Sinne dieser verfließenden, sich verzweigenden Begriffe. Man darf sagen: die Seele kann gar nicht anders, wenn sie sich in diese Vorstellungen, in diese Begriffe vertieft, als vor sich eine Natur aufgehen zu sehen, die in ihrem Leben, in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit, in ihrem phantasievollen Wirken dem ähnlich ist, was von der Seele in den Begriffen, in den Vorstellungen dieses orientalischen Geistesschaffens erlebt wird.

Mir scheint kein äußerer Anlaß vorhanden zu sein, von diesem Geistesschaffen zu einer «getreulichen Naturbeobachtung» überzugehen, sondern es scheint mir, daß in den orientalischen Vorstellungen und Begriffen selber die Impulse liegen dafür, sie nicht einfach hinzunehmen, sondern sie anzuwenden auf die äußere Welt. Und wenn vielleicht die Europäer das Gefühl haben: das läßt sich nicht alles auf die äußere Welt anwenden - eben wegen seiner Verschwommenheit, wegen seines ihnen oftmals phantastisch erscheinenden Charakters —, dann darf man fragen: Ja, wie soll man denn mit scharfkonturierten Begriffen den fluktuierenden, in den mannigfaltigsten Formen schnell wechselnd erscheinenden Wolkengebilden folgen? Solchen Gebilden aber muß man auch folgen in bezug auf das Schaffen der Natur, wenn man dieses Schaffen im unmittelbaren Offenbaren, wie es sich hinstellt vor die menschlichen Sinne und die menschliche Seele, beobachten will.

Warum ist dies so? Mir scheint, es kann keinen anderen Grund dafür geben als den, daß einfach in dem, was da von diesem östlichen Geistesschaffen zu uns herübertönt, ein Element lebt, aus dem es einstmals unmittelbar geschaffen wurde.

In der Zeit, als der Orientale gerade das Großartigste seiner Weltanschauung ausbildete, das sich dann auf die Nachkommen vielfach in dekadentem Zustand übertragen hat, schuf der Osten alles mit hingebender Liebe. In jeder seiner Ideen, in jedem seiner Begriffe und seiner Bilder lebt die Liebe, und die Liebe verspüren wir in diesen Ideen, in diesen Begriffen und Bildern. Die Liebe will. ausfließen in die Objekte. Und sie fließt naturgemäßerweise aus und zaubert das vor unser Seelenauge hin, was der Orientale auch an Symbolen hinstellte — mit innigem Verständnis von manchem, was übersinnlich wirkt —, wenn er hinstellen wollte, was er als Geistiges in den Dingen empfand. Selbstverständlich soll damit nicht behauptet werden, daß eine solche Geisteskonfiguration, etwa über die ganze Erde ausgebreitet, der Weltentwickelung zum vollen Segen gereichen könne. Aber da sie einmal an einem Fleck der Erde aufgetaucht ist und vielfach ihre Wirkung ausgegossen hat über andere Gebiete des Erdenlebens, so muß sie eben gerade in einem Zeitalter, wo Verständigung unter den Menschen herbeigeführt werden soll, unbefangen ins Auge gefaßt werden.

Stellen wir dagegen dasjenige, was ganz gewiß nicht mit minderer Berechtigung, aber in ganz anderer Gestalt, mehr nach dem Westen hin - und wir leben auch in dieser Beziehung durchaus vielfach in diesem Westen drinnen — als eine besondere Anschauung sich entwickelt hat. Da sehen wir, wie als ein Ideal betrachtet wird und betrachtet werden muß, daß man sich gerade zurückzieht vor dem, was unmittelbar die Sinne beobachten, was ausgebreitet da draußen im Raum und in der Zeit liegt, und daß man das, was die Natur darbietet, was zum Weltgeheimnis führen soll, nach räumlicher Lage, nach Bewegung, nach Maß und Gewicht prüft, daß man das, was sich unmittelbar dem Auge darstellt, zerschneidet, unter das Mikroskop nimmt und dann sich Vorstellungen bildet, die sich eben nur unter dem Mikroskop ergeben können.

Versetzen wir uns nur einmal recht in unsere Laboratorien: wie wir dann ausgerüstet sind mit diesen Begriffen, die im Grunde genommen ganz abseits von der unmittelbaren Beobachtung gewonnen werden. Wie betrachten wir heute das durch die Welt flutende Licht! Wie betrachten wir es mit abgezogenen Begriffen! Sie müssen ja sein, sonst würden wir nicht zum Verständnis kommen. Aber wie weit ist das entfernt, was wir in unserem geistigen Schaffen von dem Licht und den Farben vielfach verzeichnet finden, von dem, was uns entgegentritt in Wald und Wiese, in Wolkengebilden, bei der Sonne. Wir können sagen, das, was wir ausbilden in unseren scharfkonturierten Begriffen mit der Waage, mit dem Maßstab, mit den verschiedensten Arten von Zählapparaten und so weiter, was uns in gewisse Untiefen des Naturdaseins hineinführt und manches Rätsel löst, das bringt uns zunächst nicht an die unmittelbare Naturbeobachtung heran. Man kann gut sagen, der Mensch wende seine Aufmerksamkeit der Sinnesbeobachtung zu und versuche dann, aus der Sinnesbeobachtung seine Weltanschauung zu gewinnen. Das ist ja im Grunde genommen gar nicht der Fall. Weit entfernt ist das, was wir als wissenschaftliche Weltanschauung begründen, von dem, was die Sinne beobachten.

Wir müssen eigentlich sagen: Wenn wir, mit dem Rüstzeug unserer Wissenschaft - mit dem wir vielleicht gerade die schönsten Früchte unserer gegenwärtigen Naturwissenschaft gewonnen haben — ausgestattet, unsere Erkenntnis begründen, dann müssen wir, wenn wir wiederum an die Natur herankommen wollen, erst etwas in unserer Seele umschalten. Sind wir Botaniker, haben wir viel mikroskopiert, haben wir das Leben der Zellen kennengelernt, haben wir uns Vorstellungen gemacht aus der atomisierenden Art von heute, dann müssen wir in der Seele etwas umschalten, um wiederum Liebe zu haben zu der unmittelbaten blühenden und grünenden Pflanzenwelt. Wir müssen, wenn wir uns eine naturwissenschaftliche Vorstellung gemacht haben vom Bau des Tieres und des Menschen, etwas in uns wiederum umschalten, wenn wir vordringen wollen zur unmittelbaren Beobachtung der tierischen Gestalt und Tätigkeit, wenn wir uns freuen sollen, wie sich das Tier auf der Wiese tummelt, oder wenn es uns seinen melancholischen oder stieren Blick zuwendet oder uns zutraulich anschaut. Ebenso müssen wir etwas in unserer Seele umschalten, wenn wir uns hineinversetzen wollen in das, was das Auge schauen kann, indem es den Blick richtet auf die menschliche Gestalt, die Flächengestaltung verfolgt mit künstlerischem Blick und so weiter. Der Orientale braucht nicht umzuschalten. Das was er seine Wissenschaft nannte, führte ihn, indem er es von Liebe durchseelt erlebte, hinaus zu der unmittelbaren Anschauung. Die war ganz unmittelbar das Echo dessen, was er in der Seele erlebte.

Das sind Stimmungsunterschiede in der Welt- und Lebensauffassung in Ost und West. Und diese Stimmungsunterschiede wirken in dem Menschen der Mitte in der mannigfaltigsten Weise zusammen. Denn in dem, was wir in unserer Seele wissenschaftlich, künstlerisch, religiös erleben, da flutet vieles von jener Stimmung, die ich eben ein wenig zu charakterisieren versuchte als die aus dem Orient herüberwehende. In anderer Beziehung waltet aber in uns wiederum etwas von dem Welterleben, das entzündet ist von jener Wissenschaftlichkeit, die der Westen ausgebildet hat, die, ich möchte sagen, eine junge Wissenschaftlichkeit und Erkenntnis ist gegenüber der altgewordenen des Ostens. Und in jeder Seele der mittleren Zivilisation fluten diese beiden Strömungen zusammen. Im Grunde genommen ist das Leben, das uns gerade in Europa umgibt, ein Zusammenfluten, ein solches Zusammenfluten, daß wir heute gar sehr nötig haben, mit vollem Verständnis hineinzuschauen in das, was da zusammenflutet.

Man kann noch in anderer Weise charakterisieren, wie die Stimmungen des Ostens und des Westens einander in unserem gegenwärtigen Geistesleben berühren.

Aus dem eben für den Osten Geschilderten geht für den Orientalen eines hervor. Indem er sich in sein Geistesleben einlebt, erlebt er dieses Geistesleben als unmittelbare Realität, er trägt es unmittelbar in seiner Seele als die ihm selbstverständliche Wirklichkeit. Dann erscheint ihm die äußere Natur, überhaupt die ganze äußere Welt bis zu den Sternengebilden hinauf, wie ein Echo, das aber im Grunde genommen dasselbe ist wie das, was er in seinem Innern trägt. Allein was ihm da wie ein Echo entgegentönt, was ihm wie ein Widerschein vorkommt, das kann er nicht in demselben Sinn als Wirklichkeit ansprechen, wie er das, was er unmittelbar in seinem Seelischen erlebt, als Wirklichkeit ansprechen kann. Was er im Seelischen erlebt, mit dem ist er verbunden, zu dem sagt er: es Zs£, weil er dessen Sein wie sein eigenes Sein empfindet, weil er daher weiß, welche Art des Seins ihm zukommt. Schaut er hinaus, wo ihm der Widerschein dieses Seienden entgegenleuchtet, dann weiß er in seiner Art: Das hat nicht in demselben Sinn Realität, das ist nicht in demselben Sinn Wirklichkeit. Würde ich es nicht durchleuchten mit dem Licht, das aus meinem eigenen Innern strömt, so wäre es stumm und dunkel. Und indem er dies immer mehr und mehr empfindet, kommt er zu der Seelenstimmung, die da sagt: Wahrheit, Wirklichkeit, sie lebt in dem, was die Seele unmittelbar erfährt. Was ihr da draußen als Widerschein entgegenleuchtet, das ist eben der Schein, das ist die Maja, das ist keine volle Wirklichkeit, das wird erst Wirklichkeit, wenn es von dem berührt wird, was sich durch das eigene menschliche Seeleninnere erst offenbaren muß.

So sehen wir denn, wie da im Osten die Anschauung sich heranbildet, daß die geistige Welt die Wirklichkeit ist, daß die äußere Welt, die äußere sinnliche Welt, die scheinende Welt ist, die große Täuschung, die Maja. Man darf deshalb aber nicht glauben, daß der Orientale etwa seinen Blick —- so in der vorbuddhistischen Zeit durchaus abwendet von dieser äußeren Welt. Er nimmt sie hin, wenn er auch in einem höheren Sinn sich eben in seiner Art gestehen muß, er habe es in dem, was ausgebreitet in Raum und Zeit liegt, nicht mit der vollen Wirklichkeit, sondern mit einem Schein zu tun, mit dem großen Nichtsein, mit der Maja. Das aber gießt wiederum eine besondere Stimmung aus über das Seelenleben des Orients, die Stimmung, durch die sich die Seele verbunden fühlt mit einer geistigen Welt und durch die sie dazu kommt, in all dem, was da lebt in der äußeren Sinneswelt, gewissermaßen ein Abbild zu sehen der wahren Urgestalt der Welt, die im Geiste vorhanden ist. Das aber dehnt sich zuletzt zu der Anschauung aus, daß auch die eigene menschliche Sinneswesenheit ein Abbild ist eines Menschenwesens, das in der geistigen Welt urständet. Und da möchte man sagen: In einer durchaus einheitlichen Weise schaut der Orientale die äußere Welt an als Welt von Abbildern einer geistigen Welt, ebenso wie er sich selbst als Abbild dessen ansieht, was er war, bevor er heruntergestiegen ist in die physisch-sinnliche Welt. Beide, Menschenanschauung und Naturanschauung, stehen von seinem Gesichtspunkt aus durchaus im Einklang.

Wie aber dieser Einklang möglich ist, wie er zwar nicht mehr unseren Anschauungen angemessen ist, wie er aber doch, wenn auch in einer gewissen einseitigen Weise, eine Wahrheit zum Ausdruck bringt, das kann sich uns wiederum zeigen, wenn wir mit den Methoden geisteswissenschaftlicher Forschung, die ich in diesen Tagen hier geschildert habe, selber an die Betrachtung dieser orientalischen Erkenntnisstimmung herantreten.

Ich habe ja auseinandergesetzt, wie man durch das Erwecken in der Seele schlummernder Kräfte zu einer Anschauung der geistigen Welt auch in einem Sinne kommen kann, der dem heutigen, dem modernen Menschen angemessen ist, wie man da wiederum hineinschauen kann in eine geistige Welt, wie sich eine geistige Welt für den Menschen, für sein Geistesauge ebenso auszubreiten beginnt, wie sich für das Sinnesauge die physisch-sinnliche Welt ausbreitet. Bildet man aber diese Anschauung weiter aus, dann bleibt die geistige Welt nicht etwa bloß das pantheistische, nebulose Gebilde eines allgemein Geistigen, sondern dann wird die geistige Welt in den einzelnen Gebilden so konkret, wie die sinnliche Welt in den einzelnen Gebilden der Naturreiche konkret ist. Dann aber ergibt sich eine Anschauung über den Menschen, die ich heute zunächst vergleichsweise charakterisieren will.

Nehmen wir einmal die Tatsache, die sich für uns in jedem Augenblick unseres Lebens ergibt: daß wir eine äußere Erfahrung, ein äußeres Erlebnis haben. Wir stehen zunächst in dieser äußeren Erfahrung, diesem äußeren Erlebnis drinnen, wir stehen mit unserer Sinneswahrnehmung drinnen, wir erleben es vielleicht auch, indem wir unseren Willen in Bewegung bringen, indem wir uns betätigen. Wir leben uns mit den Tatsachen der Außenwelt zusammen. Das ist für uns ein unmittelbar gegenwärtiges Erlebnis. Aus solchen Erlebnissen setzt sich im Grunde genommen das menschliche Erdendasein zusammen. Wir behalten von solchen Erlebnissen die Gedankenbilder, die dann unsere Erinnerungen sind. Wir blicken auf unsere Erlebnisse zurück, indem wir die abgeblaßten, die schattenhaften, eben die gedankenhaften Bilder der Erlebnisse in uns tragen.

Man sei in dieser Beziehung nur ganz ehrlich mit sich selber und frage einmal das gegenwärtige Bewußtsein, ob inhaltlich in ihm in irgendeinem Lebensaugenblicke viel mehr darinnen ist als die Erinnerungen an äußere tatsächliche Sinneserlebnisse. Gewiß, mancher nebulose Mystiker vermeint, daß er aus den Tiefen seiner Seele allerlei Ewiges heraufhole. Wenn er genauer zusehen würde, wenn er in der Lage wäre, diese Seelengebilde, die er da heraufholt, wirklich zu prüfen, würde er finden, daß sie in der Regel nichts weiter sind als umgebildete äußere Wahrnehmungen. Im Innern des Menschen werden die Erinnerungen nicht nur treulich bewahrt, sie werden vielfach umgestaltet, und dann erkennt sie der Mensch nicht wieder, er glaubt als Mystiker irgend etwas aus den Tiefen seiner Seele hervorzuholen, während er nur ein umgestaltetes äußeres Erlebnis aus der Erinnerung heraufgeholt hat.

Gewiß, wir brauchen uns nur an die mathematischen Wahrheiten zu erinnern, so werden wir wissen, daß sich allerlei innere Strukturen hineinleben in das, was Seelenleben ist. Allein diese inneren Strukturen sucht in der Regel der Mystiker nicht. Derjenige aber, der das alltägliche Seelenleben unbefangen hinnehmen will, wie es sich im gewöhnlichen Bewußtsein darstellt, muß sagen: Dieses Seelenleben ist die Summe von Bildern, die die Reste sind unserer Erlebnisse, die zustande gekommen ‘ sind durch Wahrnehmungen, und anderer Erlebnisse innerhalb der äußeren sinnlichen Tatsachenwelt; so daß wir, wenn wir auf unser Seelisches hinblicken und auch auf das dieses Seelische durchdringende Geistige, wie wir es zunächst im physischen Erdenleben haben, dann sagen können: Da draußen ist die physische Welt im Raume ausgebreitet, die Welt, die in der Zeit ihre Ursachen und Wirkungen entfaltet, die Welt der Tatsachen also. Hier drinnen ist die Welt der Seelenschatten, die wir zwar im ganzen als ein Seelisch-Lebendiges erleben, ihrem Inhalte nach aber eben durchaus nur als Abbild einer Tatsachenwelt, einer Sinneswelt. Nun, so paradox es für heutige Anschauung noch vielfach klingt: für die Anschauung, die ich in diesen Tagen hier entwickelt habe, stellt sich auch das Umgekehrte ein. Wenn Geistiges in der Welt wirklich erlebt wird, Geistiges innerhalb der Naturerscheinungen, wie es sich dem leeren Bewußtsein aus der Meditation heraus ergibt, wenn Geistiges beobachtet wird als das Geistig-Seelische des Menschen selber, wie er ist, bevor er heruntergestiegen ist in sein leibliches Dasein aus einer geistigen Welt, wenn so das konkrete Geistige wirklich durch das erschlossene Geistesorgan beobachtet wird, wenn die Welt um uns herum ebenso zu einer geistigen wird, wie sie für unsere Sinne eine sinnliche, eine physische ist, dann beginnen wir auch, wie in einer Erinnerung an die Zeiten, wo wir als geistig-seelische Wesen in den rein geistig-seelischen Welten gelebt haben, unsere physische Organisation zu erschauen: wie sie in ihren Einzelheiten ein Abbild dessen ist, was als geistige Welt um uns herum ist. Wir können ja mit Physiologie und Anatomie unsere Lunge, unser Herz, unsere übrigen Organe nur als Außendinge betrachten; dann aber, wenn wir in der Lage sind, die geistige Umwelt um uns herum zu schauen, dann wird uns das, was nun tatsächlich in unserem Innern ist als Lunge, als Herz, zum im Physischen bestehenden Abbild desjenigen, was geistig vorgebildet ist. So wie in unserem gewöhnlichen Bewußtsein die Welt draußen physisch ist und unser Seelisches sich die Abbilder schafft und sie als Erlebnisse hat, so erfahren wir, daß da draußen eine geistige Welt ist und daß die Abbilder dieser geistigen Welt in unseren eigenen Organen vorhanden sind. Wir lernen jetzt den Menschen erst in seiner Gliederung kennen, wenn wir die geistige Welt kennenlernen. Und dann hört auch das, was man gewöhnlich Stoff nennt, auf, dieselbe Bedeutung zu haben, die es angenommen hat in der neueren Zivilisation, ebenso wie der Geist aufhört, die Bedeutung des Abstrakten zu haben, desjenigen, was er eben innerhalb der neueren Zivilisation geworden ist. Dann sehen wir, wie in der Tat in dem, was in uns organisch arbeitet, ein Abbild dessen vorhanden ist, was wir waren, bevor wir zum Erdendasein heruntergestiegen sind.

Und jetzt tritt das ein, daß uns sogar der Materialismus, insofern er berechtigt ist - und auch er hat ja sein Gutes gebracht, hat uns unzählige Erkenntnisse gebracht —, nicht mehr erschreckt. Wir schauen hin auf das menschliche Gehirn, auf das menschliche Nervensystem in seiner physischen Arbeit. Wir gestehen uns zwar, daß das gewöhnliche, alltägliche Denken eine Funktion dieser physischen Organe ist. Wir sind durchaus im Einklang mit dem, was eine strenge Wissenschaft heute in bezug auf diese Dinge behaupten muß. Aber wir wissen auf der anderen Seite, daß das, was da in materiellen Formen in uns arbeitet, eben das umgewandelte Nachbild von Geistigem ist. Es darf materiell sein, weil das Materielle eine Umwandlung des Geistigen ist, weil das Geistige sich, indem es sich in den Erdenmenschen verwandelt hat, die materielle Fähigkeit des Gehirns, der Nerven gesucht hat, um im materiellen Abbild das zu vollziehen, was geistig vorgebildet ist.

Das tritt vor das geistige Auge des modernen Menschen durch die Entwickelung jener Erkenntniskräfte, von denen ich in diesen Tagen gesprochen habe. Aber ich möchte sagen, eben ein traumhaftes Vorbild davon ist vorhanden in jener orientalischen Weltanschauung, die ich in ein paar Strichen skizzieren konnte, die heute alt und greisenhaft geworden ist, die aber noch immer mit gewissen Eigentümlichkeiten in unsere Herzens- und Seelenbildung hereinwirkt. Geahnt hat dieser alte Orient in seiner instinktiven Hellsichtigkeit, daß die geistige Welt eine Realität ist, mit der er sich verbunden fühlte, und daß die Natur mit dem, was am Menschen selber Natur ist, ein Abbild des Geistigen ist, daß durch sie als äußerer Schein das zur Offenbarung kommt, was innerlich geistig ist.

Man sage nur nicht, daß der Orientale nicht die Natur beobachtet habe. Er hat feine Organe für die Naturbeobachtung gehabt. Aber ihm leuchtete aus all dem, was er als Abbild treulich beobachtete, in Liebe verehrte, eben ein Geistiges entgegen. Natur enthüllte für ihn Geist, strahlte ihm überall Geist entgegen. Und diesen Geist nannte er seine Wirklichkeit. Das aber, was sich äußerlich ausbreitete, das war ihm Maja.

Man sieht aber schon am Buddhismus, der ja einen viel größeren Einfluss auf das orientalische Leben gewonnen hat, als man gewöhnlich glaubt, denn er hat die mannigfaltigsten Formen im späteren Leben angenommen, wie das unmittelbare Drinnenstehen in der geistigen Welt im Verlaufe der weiteren Menschheits- und Erdenentwickelung abgedämpft worden ist, wie gewissermaßen der Blick immer weiter und weiter auf die Maja gerichtet worden ist und wie die Empfindung von der großen Täuschung, von dem großen Nichtsein, von der Maja nach und nach die Hauptsache wurde, wie daraus die Stimmung des Erlösungsbedürfnisses von dem, was innerhalb dieser Maja erlebt werden kann, entstand, erlebt insbesondere im Sinne des Buddha, der ja die unmittelbaren Erlebnisse dieser Maja ansah wie eine Summe von Leiden, die auf den Menschen einströmen.

Diese Abdämpfung aber des Drinnenstehens in der geistigen Welt rechtfertigt für uns, wenn wir wiederum zur modernen Geist-Erkenntnis kommen, die altorientalische Weltanschauung als etwas Instinktives, auch Einseitiges zu betrachten, zu dem wir aber mit voller Besonnenheit, mit hellem Bewußtsein wieder kommen müssen. Denn es darf nicht ein zweites Mal in der Weltentwickelung geschehen, daß eine Lähmung eintritt der menschlichen Aktivität gegenüber den Forderungen der irdischen Außenwelt. Der Mensch darf nicht ein zweites Mal eine Flucht in das Geistesleben so anstellen, daß ihn seine Flucht hindert, mit voller Kraft einzugreifen in die Erdenaufgabe, in alles das, was der Orientale vielfach sogar, wenn er es auch aus seiner Konzession an moderne Begriffe heraus nicht so nennt, als die Maja empfindet, während er als die Wirklichkeit das empfindet, was sich in seinem Innern offenbart. Da ist ihm das Licht darinnen, das ihm unmittelbarer Widerglanz des Göttlich-Geistigen in der Welt ist.

Nun, dem, was ich da geschildert habe als geistig-geographisch hereinflutend in unser modernes Leben, möchte ich ein anderes Bild gegenüberstellen, ein Bild, das ebenso der menschlichen Geistesentwickelung, der Weltentwickelung entnommen ist, das aber unserer unmittelbaren Gegenwart angehört. Wer sich viel herumbewegt hat in den Sphären, aus denen heute so vieles aufsteigt in unsere auch für Europa in gewisser Beziehung altgewordene Zivilisation, in den Sphären, aus denen Sehnsüchte in sozialer Beziehung, auch soziale Kämpfe aufsteigen, der wird etwas gefunden haben, was ich in der folgenden Art charakterisieren will.

Ich war lange Zeit, ohne daß man mich deshalb, weil das unwahr wäre, sozialistischer Gesinnung anklagen dürfte, Lehrer in sozialistischen Kreisen. Ich war es gerade, um innerhalb dieser Kreise — die Zeit dafür war dazumal noch nicht da, es ist über zwanzig Jahre her - ein Geistesleben zu verbreiten, das zu wirklichkeitsgemäßeren Gestaltungen führen könnte, als diejenigen sind, die aus abstraktem Marxismus oder aus modifiziertem Marxismus und so weiter angestrebt werden und die eben doch in vieler Beziehung unwirklichkeitsgemäß sind. Aber wenn man in diesen Kreisen etwas beobachtet, was als eine Grundstimmung da vorhanden ist — was man erkennen kann als einen Anfang, der aber so tief sitzt in den Seelen, wie die orientalische Majastimmung als ein Ende im Osten drüben in den Seelen sitzt —, dann fällt einem ein Wort schwer auf die Seele, ein Wort, das vieles von unbewußten Empfindungen, unbewußten Ideen und Begriffen, unbewußten Sehnsüchten auch ausdrückt, ein Wort, das man immer wieder und wiederum hören kann, das man seit Jahrzehnten als das Charakteristische empfinden muß innerhalb weiter Kreise der Menschheit. Über Millionen von Menschen ausgebreitet findet sich eine Stimmung, die durch dieses Wort ausgedrückt wird: es ist das Wort Ideologie. Dies Wort hat sich herausgebildet aus jener Anschauung, die gerade die proletarische Klasse in ihre Bildung aufgenommen hat. Da hat sich aus der sich immer mehr und mehr vermaterialisierenden Wissenschaftlichkeit die Anschauung herausgebildet, daß eigentlich die geschichtliche Wirklichkeit nur in Wirtschaftskämpfen, in Wirtschaftsgestaltungen bestehe, in Klassenkämpfen, kurz, in dem, was das unmittelbare äußerlich sinnlich-physisch Materielle am Menschenleben, am geschichtlichen Leben ist, daß also die wirtschaftlichen Kräfte das eigentlich Reale, das Wirkliche sind.

Dieser wirtschaftliche Materialismus, der eine viel größere Ausbreitung hat, als viele Menschen der höheren Klassen heute noch meinen, ist in gewissem Sinne ein Ergebnis der allgemeinen materialistischen Anschauung, die heute sogar wissenschaftlich überwunden geglaubt wird, die aber dennoch gerade in den Stimmungen und Gesinnungen der Seelen des Abendlandes die weitesten Kreise zieht.

Und Ideologie, was heißt das? Das heißt: das Rechtsleben, die Sittlichkeit, das, was im Schönen liegt, die religiösen Begriffe, die Staatsbegriffe, kurz, alles was geistiges Leben ist, das ist keine wahre Wirklichkeit, das ist ein aus der wahren Wirklichkeit, die in den materiellen Kämpfen und Gestaltungen liegt, aufsteigender Schaum und Schein. Ideologie, das soll bezeichnen, daß das, was der Mensch in seinem Innern erlebt, sei es Kunst, sei es Wissenschaft, sei es Recht, seien es Staatsmaximen, seien es religiöse Impulse, eine Maja ist, wenn ich mich jetzt des orientalischen Ausdrucks bedienen darf.

Mit dem Wort Ideologie wird etwas bezeichnet, wenn man es nicht äußerlich, abstrakt nimmt, wenn man empfinden kann, was Millionen von Menschen denken, was die furchtbarsten Dimensionen annehmen muß, wenn es nicht rechtzeitig in ein gutes Fahrwasser hineingebracht wird. Was die Seele innerlich erlebt und gestaltet, ist keine Wirklichkeit, wahre Wirklichkeit ist nur das, was äußerlich in sinnenfälligen Tatsachen lebt!

Und so hat sich innerhalb der abendländischen, der westlichen Zivilisation genau die polarisch entgegengesetzte Stimmung gegenüber derjenigen herausgebildet, die den Orient lange Zeit beherrscht hat und die heute eben greisenhaft, mehr als äußerer Aufputz noch vorhanden ist. Dort: wahre Wirklichkeit, was im Geist erlebt wird — Maja, was äußerlich in physischer Tatsächlichkeit vor sich geht; hier: Maja, Ideologie, was eigentlich die Übersetzung des Wortes Maja, aber jetzt für das geistige Gebiet ist, was im Geist erlebt wird — Wirklichkeit, was sinnenfällig ausgebreitet, als sinnenfällige Tatsächlichkeit in der Welt vorhanden ist.

Die Welt strebt in ihrer Entwickelung nach voller Ausgestaltung ihrer einzelnen Möglichkeiten. Wie die eine Einseitigkeit sich im Orient ausgebildet hat, so mußte die andere Einseitigkeit auch einmal die Menschheit ergreifen. Aber man muß sich, wenn man Entwickelung der Menschheit, wenn man Weltentwickelung in einem fruchtbaren Sinn, in einem solchen Sinn schaffen will, daß wir wiederum aus den Niedergangskräften zu Aufgangskräften kommen, man muß sich nur einmal vor die Seele stellen, was diese Stimmung in der Ideologie eigentlich bedeuten kann. Sie ist Jung, sie ist also ein Anfang.

Wenden wir uns wiederum an das, was uns gerade die moderne geisteswissenschaftliche Anschauung sagen kann, dann werden wir finden: im Orient war instinktiv, dunkel, träumerisch die Erkenntnis vorhanden, daß es eine geistige Wirklichkeit gibt, daß hier im Physischen das Sinnenabbild vorhanden ist von dieser geistigen Wirklichkeit. Weil man vorzugsweise die Aufmerksamkeit der Seele auf die geistige Wirklichkeit richtete, wurde die sinnliche Wirklichkeit eben zur Unwirklichkeit, zum äußeren Schein, zur Maja. Aber diese Maja hat nicht nur für unser äußeres Arbeiten ihre Bedeutung - die Welt mag Maja sein, unsere Arbeit müssen wir ja doch als eine Wirklichkeit für uns Menschen zunächst an diese Maja wenden -, sie hat auch eine Bedeutung für das «Erkenne dich selbst», für eine wahrhaft menschliche Anschauung. Warum? Nun, wir können uns allerdings hinauferheben zu einem Leben in der geistigen Welt, wie ich es geschildert habe, können mit scharfkonturierten Begriffen erschauen und dadurch verstehen, was dem Orient traumhaft erschien. Aber niemals hätten wir innerhalb der Menschheitsentwickelung in dem Erleben einer solchen Welt zu dem Impuls der Freiheit kommen können.

Der Mensch mußte sich aus der geistigen Welt, mit der er sich innerlich verbunden fühlt, aber zu gleicher Zeit von ihr innerlich bestimmt und abhängig, mit seinem Bewußtsein herausentwickeln und sich für eine vorübergehende Epoche geschichtlicher Entwickelung, in der wir ganz drinnenstehen, einer Welt der bloßen Tatsächlichkeit zuwenden. Wenn der Mensch dieser äußeren Tatsächlichkeit gegenübersteht, wird sein Seelenleben zum Bild dieser Tatsächlichkeit. Das, was als Geist dieses Seelenleben durchzieht, das wird zu abstrakten Begriffen, das wird allmählich zu etwas, was bloßes Bild sein muß, was erkannt werden muß in seiner Abbildlichkeit.

Ich habe es schon angedeutet: wenn wir Bilder in uns tragen, können wir frei sein. Spiegelbilder bestimmen uns nicht. Wenn wir uns nach Spiegelbildern richten wollen, die in sich kraftlos sind, so müssen wir uns selbst die Impulse geben. So ist es auch mit dem, was in uns zu abstrakten Begriffen wird. Und indem in uns im reinen Denken das Edelste auftritt, was wir in uns tragen, das Moralisch-Religiöse, wird es für uns zu einem Impuls der Freiheit. Es ist ein wertvollster Inhalt für das menschliche Leben. Aber es tritt in der Epoche, wo der Mensch sich unmittelbar in seiner Anschauung der physischen Tatsächlichkeit gegenübergestellt findet, im abstrakten Denken auf.

Und in dem Moment, wo das Moralische als moralische Intuition im reinen Denken auftritt, da ist die Aufgabe der Epoche erfüllt, die sich aus dem Geistig-Realen herausentwickelt hat zu dem Geist des Abstrakten und die, ich möchte sagen, radikalisierend diese Seelenstimmung, nun alles Geistige als eine Maja, als einen bloßen Schein, als Ideologie auffaßt. Wir haben ein gewisses Recht, das alles als eine Ideologie aufzufassen, was Spiegelbild des äußeren natürlichen Daseins ist. In dem Augenblick, wo das Moralische als moralische Intuition seinen Einschlag übt in dieses Majadenken, in diese Ideologie, da ist die erste Stufe erreicht, wo wir wiederum erkennen: diese Ideologie, die in uns erlebt wird als bloßes Bilddasein, muß, indem wir uns selbst energisieren, indem wir inneres Leben, das in uns verborgen ist, hervorsprießen lassen, zu innerlichem Leben erweckt werden. Der Weltinhalt mußte erst für die Menschheit Ideologie werden, damit der Mensch seine Realität in diesen Weltinhalt hineingießen konnte.

Das war notwendig zum Freiheitserlebnis der Menschheit, das ja doch erst ein Erlebnis des Westens, der neueren Zivilisation ist. Das war notwendig in der Weise, daß sich der Mensch zunächst mit all dem, was ihm das Wertvollste ist, mit seiner Kunst, seiner Wissenschaft, seinen Moralbegriffen, kurz, mit all dem, was sein geistiges Leben ist, wie in einem Unrealen erfühlte und daß ihm alles das, was ihm entgegenleuchtet als ein Vergängliches, als die einzige Wirklichkeit erscheint, weil diese Wirklichkeit, wenn sie richtig durchschaut wird, seine Freiheit gar nicht beeinträchtigen kann, insofern er ja doch ein geistiges Wesen ist, das sich in der physisch-sinnlichen Tatsächlichkeit nur ein Abbild des Geistes selbst erschafft.

So können wir fühlen, wie in dem, was als Ideologie auftritt, radikalisiert eine Stimmung da ist, die wir eigentlich haben müssen gegenüber den Begriffen über die Natur, die in Lageverhältnissen, in Bewegung, in Maß und Zahl lebt. Würde die Natur uns etwas anderes überliefern als Begriffe, sie würde uns niemals zu freien Menschen werden lassen. Nur dadurch, daß wir uns zu Begriffen aufschwingen, die dann dem, der zunächst auf dieser Stufe befangen bleibt, nur wie Ideologie erscheinen, kann sich in diese zunächst unrealen Begriffe eine neue real-geistige Form der höheren Welt ergießen. Das ist der Anfang, aus dem sich eine neue Form der geistigen Welt für den Menschen herausgebärten muß. Und wenn uns einseitig das Erlebnis der Ideologie entgegentritt, so muß derjenige, der heute nicht befangen bleibt in den unmittelbaren Tagesanschauungen, sondern der hinzuschauen vermag auf Weltentwickelung, sich sagen: Da es notwendig war, daß der Mensch zu einer solchen Stufe der Entwickelung kommen konnte, wo er, einseitig die Welt und sich anschauend, von Ideologie reden kann, so muß er wiederum zu der Meinung, zu der Überzeugung, zu der Kraft, zu dem Mut kommen, in diese Ideologie hineinzugießen eine geistig geschaute, geistig erlebte Welt. Sonst bleibt, wenn es auch vielleicht philosophisch abdiskutiert wird, die Ideologie eben Ideologie. Und die Niedergangskräfte werden sich - wir werden es im zweiten Teil dieser Vorträge sehen, die über «Anthroposophie und Soziologie» handeln werden - in einem sehr wirklichen Sinn ausbilden.

So stehen zwei Bilder vor uns: die Geisteswelt als Wirklichkeit und die Sinnenwelt als Maja, die Sinnenwelt als Wirklichkeit und die Geisteswelt als Maja. Einzig und allein eine Welt- und Lebensanschauung, die in die ideologisch geschaute Geisteswelt geistige Intuition, geistige Imagination und Inspiration hineinzutragen vermag, so daß das, was heute unsäglich leer erscheint, wiederum erfüllt wird mit geistigem Inhalt, und die zu gleicher Zeit einzusehen vermag, in welchem Sinne doch eine Realität ist, was das Morgenland als einen Schein, als eine Maja empfindet, eine Realität in dem Sinne, daß es ja ein wahres, treues Abbild ist, eine Umwandlung der geistigen Welt, die notwendig war zur Entwickelung der Menschheit in der Freiheit, einzig und allein eine solche Welt- und Lebensauffassung, die so nach diesen beiden Bildern hinblickt, daß sie sie gewissermaßen ineinanderzuschieben vermag, die nicht nur eine trockene, äußere Summe herstellt, sondern die sich durch eigenes inneres Leben weder aus dem einen noch dem anderen, sondern aus der unmittelbaren menschlichen Wesenheit im geistigen Aufschwung herausentwickelt, kann Verständigung für das bringen, was uns als zwei einander so polarisch entgegengesetzte Welttableaus entgegentritt.

Und diese Welttableaus spielen im Grunde genommen in alles das hinein, was wir geistig durchleben. Es ist durchaus so, daß in die Einzelheiten des Lebens, die Einzelheiten der menschlichen Anschauungen diese Stimmungen hineinspielen. Ich möchte es vermeiden, hier als Mitteleuropäer in Mitteleuropa gerade über diesen Punkt ein eigenes Urteil abzugeben. Ich möchte das Urteil mitteilen, das vor einigen Jahren ein Engländer ausgesprochen hat, der West- und Mitteleuropa in bezug auf eine gewisse Seite des geistigen Lebens verglich. Dieser Engländer wollte charakterisieren, wie das geistige Leben in einzelnen Erscheinungen sich präsentiert hat. Er wies darauf hin, wie Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre das bedeutsame Werk von Buckle erschienen ist, «Die Geschichte der Zivilisation», und wie dieser Buckle das geschichtliche Leben zum großen Teil aus wirtschaftlichen Impulsen heraus betrachtet, noch nicht so radikal wie zum Beispiel die Marxisten, aber doch aus solchen Impulsen heraus, so daß im Grunde genommen das geistige Leben aufsteigt aus den wirtschaftlichen Kräften in ihrem Zusammen- und Auseinanderwirken. Man muß ja nicht durchaus Kritik an so etwas anlegen, man kann sich zu so etwas positiv verhalten; man kann sagen: Es ist eben einmal, da der Mensch auch ein wirtschaftliches Wesen ist, notwendig geworden in der Menschheitsentwickelung, das Menschenleben geschichtlich auch in diesem Lichte zu sehen. Dann aber weist dieser Engländer hin auf ein anderes Werk, das in Mitteleuropa zu derselben Zeit entstanden ist, als Buckle seine Geschichte der Zivilisation geschrieben hat, das Werk «Die Geschichte der Renaissance in Italien» von Jacob Burckhardt. Der Engländer weist selber darauf hin, wie da ein ganz anderer Geist drinnen waltet; denn Jacob Burckhardt schildert, wie die Menschen fühlen, wie sie gegeneinander gesinnt sind, wie sie durch die Anschauungen, die sie voneinander haben, in gewisse Verhältnisse kommen, wodurch wieder die anderen unter ihnen sich abspielenden Ereignisse bestimmt werden. Und der Engländer faßt dann sein Urteil so zusammen, daß er sagt — ich urteile nicht selbst, ich führe das Urteil des Engländers an —: Buckle schildert den Menschen, wie er ißt und trinkt, Burckhardt schildert den Menschen, wie er denkt und fühlt.

Und jetzt möchte ich etwas hinzu sagen: Wenn wir gehört haben, wie der Westen die äußere Tatsächlichkeit ins Auge faßt und das geistige Leben als Ergebnis daraus entspringen läßt, wie der Mitteleuropäer das, was lebt innerhalb des Seelischen, aber als Seelisches im irdischen Dasein, ins Auge faßt, so wäre als drittes hinzuzufügen: der östliche Mensch, in vieler Beziehung schon der europäisch östliche Mensch, schildert den Menschen, wie er predigt und opfert.

Und so könnten wir sagen, das Urteil des Engländers ergänzend: Im Westen wird der Mensch geschildert, wie er ißt und trinkt — ich sage das nicht in abfälligem Sinne; in der mittleren Welt, wie er denkt und fühlt; in der östlichen, wie er predigt und opfert. Da spielt hinein, in das Predigen und Opfern, was ich als östliche Stimmung mir zu schildern erlaubte. Da spielt hinein, in die Geschichtsbetrachtung, die heute den weitesten Kreisen geläufig geworden ist, die sich auch widerspiegelt in der Empfindung der Ideologie, was ich als westliche Stimmung geschildert habe. Aber wir müssen auch schauen, wie in dem, was in der Mitte geschildert wird, wo der Mensch dargestellt wird, wie er denkt und fühlt, wie da die beiden Strömungen zusammenfließen, wie man heute veranlaßt ist, dieses Zusammenströmen in der richtigen Weise zu verstehen, aus einem Anfang heraus, der sich hinaufarbeiten muß zur Geistigkeit.

Und in ein Bild möchte ich zusammenfassen, was ich als zwei Stimmungen habe darstellen wollen, um zu zeigen, was sich eigentlich verständigen muß zwischen Osten und Westen. Ich möchte das zusammenfassen in einem weiteren Bild, indem ich darauf hinweise, wie in der Zeit, wo schon im Morgenlande die physisch-sinnliche Welt, aber auch das menschliche Leben als Maja empfunden worden ist, wie da derjenige, der der Buddha genannt worden ist, auf seinen Wanderungen die verschiedensten Offenbarungen menschlichen Erdenleids fand, wie unter diesen Offenbarungen auch ein Leichnam ist, wie dem Buddha der Tod gegenübertritt und wie er aus dieser Anschauung des menschlichen Todes zu seiner Folgerung kommt: Leben ist Leiden.

Das ist die Art und Weise, wie sich orientalische Kultur abspielt sechshundert Jahre vor der Begründung des Christentums. Sechshundert Jahre später wird das Christentum begründet und ein bedeutsames Symbolum steht danach da: das des Kruzifixus, das erhobene Kreuz mit dem Erlöser, mit dem toten Menschenkörper darauf. Und unzählige Menschen schauen zu dem Leichnam, zu dem Bild des Leichnams hin im Westen, wie unzählige Menschen, die Anhänger Buddhas geworden sind, nach dem Leichnam hinschauten, von dem Buddha seine Lehre genommen hat. Wie der Osten bekannte: Das Leben ist Leid, wir sehnen uns nach Erlösung — so schauten die westlichen Menschen das Bild des Leichnams, sie aber sprachen nicht aus dem Anblick dieses Leichnams heraus bloß die Worte: Das Leben ist Leid! - Nein, der Anblick des Todes wurde ihnen das Symbolum für eine Auferstehung, für eine Auferstehung des Geistes aus innerer Menschenkraft, das Symbolum dafür, daß das Leid gerade dadurch erlöst werden kann, daß das Physische überwunden wird und daß es nicht etwa überwunden wird in dem Sinne, daß man sich asketisch von ihm abwendet, sondern indem man es voll im Auge behält, gerade nicht als Maja ansieht, aber es überwindet durch Arbeit, durch Tätigkeit, durch die Regsamkeit des Willens. Aus dem beschaulichen Leben des Orients heraus ist entsprungen die Anschauung des Leichnams mit der Folgerung: Leben ist Leid; der Mensch muß erlöst werden von dem Leben. Aus dem nach Tätigkeit hinstrebenden Leben des Abendlandes ist aus dem Anblick des Leichnams hervorgesproßt: Leben muß Kraft in sich entwickeln, damit auch die Kräfte des Todes überwunden werden können und die menschliche Arbeit in der Weltentwickelung ihre Aufgabe verrichten kann.

Die eine Weltanschauung ist alt und greisenhaft. Aber sie trägt so Großes in sich, daß, wenn man sie auch als greisenhaft anspricht, man vor ihr steht als vor etwas Altehrwürdigem. Den Greis verehrt man. Aber man mutet ihm nicht zu, daß er sich zu den Anschauungen der Jugend bekenne. Das aber, was uns im Westen entgegentritt, trägt den Charakter des Anfangs. Wir zeigten, was werden muß aus dem, was als Ideologie in der Stimmung auftritt. Das ist jung, das ist das, was jugendliche Kraft in sich entwickeln muß, damit es auf seine Art zum Geiste gelangt, wie auf seine selbstverständliche Art der Orient zum Geiste gelangt ist.

Verehren wir den Orient wegen seiner Geistigkeit, so müssen wir uns dennoch klar darüber sein: wir müssen unsere eigene Geistigkeit aus unserem abendländischen Anfang heraus bilden. Wir müssen sie aber so gestalten, daß wir uns über die ganze Erde hin mit jeglicher Anschauung, die vorhanden ist, insbesondere mit altehrwürdigen Anschauungen, verständigen können. Das wird der Fall sein können, wenn wir als mittlere und westliche Menschen uns bewußt werden, was es bedeutet: unsere Welt- und Lebensanschauung hat Mängel, aber es sind Mängel der Jugend.

Verstehen wir das, so ist es eine Aufforderung, den Mut zu haben zur Kraft. Stellen wir dem, was wir vom Osten haben müssen, der Ehrfurcht, der Liebe, der Bewunderung vor seiner Geistigkeit, stellen wir dem nicht ein passives Empfangen gegenüber, sondern ein emsiges Arbeiten aus dem, was heute vielleicht noch ungeistig ist im Westen, was aber den Keim der Geistigkeit in sich trägt, stellen wir zu der Ehrfurcht die Kraft hin, dann werden wir das Richtige tun für die Menschheitsentwickelung.

German original of Anthroposophy and Geography · ← Previous · Next →