The Tension Between East and West
GA 83 — 5 June 1922, Vienna
Anthroposophie und Kosmologie
Meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn man heute mit jemandem, der an solchen Dingen Interesse hat, zu diskutieren beginnt über die Möglichkeit einer Erkenntnis des geistigen Lebens in Verbindung mit der sinnlich-physischen Welt, so findet man im allgemeinen Entgegenkommen, so daß wenigstens die Frage aufgeworfen wird: Kann der Mensch durch irgendwelche Wege zu einer Art geistiger Erkenntnis kommen? - wenn es sich auch oftmals im weiteren VerJaufe zeigt, daß man nicht mehr zulassen will als eine Erkenntnis einer geistigen Welt ganz in allgemeinen Begriffen und Ideen, vielleicht in irgendeiner Form eines verschwommenen Pantheismus oder auch einer mehr oder weniger an das Mystische anklingenden Lebensauffassung. Wenn man dagegen dann so weit geht, wie mir das in meiner «Geheimwissenschaft» notwendig geworden ist, daß man zu schildern versucht eine wirkliche Kosmologie, eine Wissenschaft von Weltenwerden und Weltenentwickelung in einzelnen konkreten Gestaltungen, dann hört heute zumeist dem aufgeklärten Menschen gegenüber die Diskussion auf, Daß irgend jemand in unserer Zeit imstande sein könnte, aus irgendwelchen Erkenntnisuntergründen heraus etwas zu sagen über einen geistigen Ursprung der Welt, über geistig wirksame Kräfte in der Weltentwickelung, über die Möglichkeit, daß die Weltentwickelung wiederum in eine geistige Form des Daseins zurückkehre, nachdem sie ihre sinnlich-physische Phase durchgemacht hat, das wird, wenn es zum Beispiel in meiner «Geheimwissenschaft» in einzelnen konkreten Schilderungen auftritt, mehr oder weniger so angesehen, daß man dann mit dem, der so etwas behauptet, als aufgeklärter Mensch nicht mehr viel zu tun haben will. Denn man denkt ja wohl: Wenn sich jemand anheischig macht, über solche Dinge im einzelnen etwas zu sagen, dann ist er wohl im Grunde nahe daran, den Verstand zu verlieren; mindestens kann man sich nicht so kompromittieren, in die Diskussion solcher Einzelheiten sich einzulassen.
Es kann natürlich nicht die Aufgabe eines einzelnen Vortrags sein, irgendwelche Einzelheiten der Kosmologie darzustellen, wie sie vom Gesichtspunkte der hier vertretenen Weltanschauung aus gewonnen werden kann. Dagegen möchte ich in meinem heutigen Vortrag zu zeigen versuchen, wie man zu einer solchen geisteswissenschaftlichen Kosmologie, zu einer Erkenntnis der geistigen Impulse, die der Weltentwickelung zugrunde liegen, kommen kann. Es wird einem zumeist heute noch vorgeworfen, wenn man so etwas unternimmt, man treibe Anthropomorphismus, das heißt, man suche dasjenige auf, was sich im Menschen selber abspielt, was im menschlichen Seelenleben vorhanden ist, und man versetze dann das - etwa in Angemessenheit seiner Wünsche oder irgendwelcher anderer Vorempfindungen und Vorurteile - hinaus in das Weltendasein. Gerade ein genaueres Hinschauen auf die Art und Weise, wie die hier dargestellte Welt- und Lebensauffassung zu ihren kosmischen Resultaten kommt, sollte eigentlich erkennen lassen, daß es sich durchaus nicht im entferntesten darum handeln kann, solchen Anthropomorphismus zu treiben, sondern daß es sich darum handelt, wirklich in ebenso objektiver Weise Ergebnisse über Welt und Weltentwickelung durch Geist-Erkenntnis aufzusuchen, wie das auf dem Felde der Naturerkenntnis geschieht.
Nun werden Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, aus den Vorträgen, die ich bisher hier gehalten habe, entnommen haben, welche Absichten in bezug auf ihre Forschungsmethoden die hier vertretene Weltauffassung hat: daß sie auf der einen Seite in sorgfältiger Weise einhalten will alles, was sich die Menschheit im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte angeeignet hat an wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit und an einer gewissen sicheren, vorsichtigen Methode im Aufsuchen von Wahrheiten. Namentlich möchte diese Weltauffassung die Grenzen der Naturerkenntnis, insoweit von berechtigter Naturerkenntnis die Rede sein kann, durchaus nicht überschreiten, möchte durchaus sorgfältig beobachten, wo die Grenzen der bloßen Naturerkenntnis liegen. Daß solche Grenzen vorhanden sind, wird heute und wird seit langem vielfach besprochen. Und man kann sagen, dasjenige, was heute gerade naturwissenschaftlich Gebildete auf diesem Felde sagen, baut sich auf auf dem, was für gewisse mehr philosophisch geartete Gemüter von Kam# herrührt, und für diejenigen, die mehr eine populäre Darstellung lieben, von Schopenhauer und so weiter. Es könnte vieles nach dieser Richtung angeführt werden.
Nun aber darf wohl gesagt werden, daß sowohl Kant wie Schopenhauer und alle, die sich in ihrer Gedankenströmung bewegen, deshalb für die entsprechende Beurteilung der natürlichen Erkenntnisgrenzen gefährlich werden, weil diese Geister in einer, ich möchte sagen, sehr verführerischen Weise bis zu einer gewissen Grenze gegangen sind in der Betrachtung des menschlichen Erkenntnisvermögens, in der Betrachtung der menschlichen Seelenfähigkeiten. Bis zu einer gewissen Grenze sind sie gekommen. Und die Art und Weise, wie sie sich dieser Grenze genähert haben, ist eine außerordentlich scharfsinnige. Doch muß man sagen: In dem Augenblick, wo man gewahr wird, daß man den Menschen als ein Ganzes zu betrachten hat, daß man alles, was aus der leiblich-seelischen und geistigen Organisation des Menschen an Erkenntnisbetätigung und an innerem Erleben kommen kann, in Betracht ziehen muß, dann überschaut man auch, wie eine einseitige Kritik des Erkenntnisvermögens eben auch nur zu Einseitigkeiten führen kann. Wenn man das Verhältnis des Menschen zur Welt ins Auge fassen will, um dadurch festzustellen, ob es vom Menschen aus einen Weg zur Welterkenntnis gibt, dann muß man schon den ganzen Menschen hinnehmen und diesen ganzen Menschen in seiner Wesenheit betrachten.
Und von solch einem Gesichtspunkt aus möchte ich heute zunächst die Frage aufwerfen: Nehmen wir einmal an, jene Grenzen der Naturerkenntnis, von denen seit Dw Bois-Reymond auch in naturwissenschaftlichem Sinn gesprochen wird, die heute allerdings anders angesehen werden, als sie Du Bois-Reymond vor einem halben Jahrhundert angesehen hat, wären nicht vorhanden: wie würde der Mensch der Welt gegenüberstehen? Nehmen wir an, daß das theoretische Erkenntnisvermögen, das sich im Menschen dadurch auslebt, daß er seine Begriffe mit den Beobachtungen und den Ergebnissen der Experimente verbindet, um dadurch zu einer Weltgesetzlichkeit zu kommen, ohne weiteres auch in das Reich des Organischen eindringen könnte, so würde es dann, wenn es bis zum Leben vordringen könnte, kaum haltzumachen brauchen vor den weiteren Steigerungen des Daseins, vor dem Seelischen, dem Geistigen. Nehmen wir also an, das gewöhnliche Bewußtsein, das wir in den Wissenschaften anwenden, mit dem wir uns im gewöhnlichen Leben in unserer Arbeit bewegen, wäre jederzeit imstande, nicht nur gewissermaßen an die Außenseite der Welt heranzutreten, sondern es würde unter die Oberfläche der Dinge, hindurch zu dem inneren Wesen der Dinge jederzeit vordringen können, wie müßte, wenn also eine solche Erkenntnisgrenze nicht vorhanden wäre, der Mensch geartet sein? Nun, er würde der Welt so gegenüberstehen, daß gewissermaßen sein ganzes Wesen, das er in sich erlebt, stets wie mit seelisch-geistigen Fühlhörnern überall untertauchen würde. Vielleicht wird es heute noch manchem paradox erscheinen, aber eine unbefangene Weltanschauung und eine Anschauung des Verhältnisses des Menschen zur Welt wird besagen können: Ein Wesen, das in dieser Weise für sein gewöhnliches Erdenbewußtsein keine Grenze hätte, das müßte entbehren der Liebefähigkeit.
Und wenn wir bedenken, was für unser ganzes Leben die Liebefähigkeit bedeutet, was wir im Leben dadurch sind, daß wir lieben können, dann werden wir uns auch sagen: wir wären für diese Erde zwischen Geburt und Tod nicht Menschen in dem Sinn, wie wir es eben sein müssen, wenn wir die Liebe nicht hätten. Aber die Liebe fordert ja, daß wir als eine in uns abgeschlossene Individualität der anderen Individualität, gehöre sie welchem Reiche der Natur auch immer an, gegenüberstehen, daß wir nicht mit unserem hellen, klaren Denken untertauchen in die andere Individualität, sondern daß gerade in dem Moment, wo wir die Liebe entfalten, unser Sein rege wird: dasjenige, was nicht aufgeht in den durchsichtigen, klaren Begriffen. In jenem Augenblick würde die Liebe aufhören, wo wir mit hellen, klaren Begriffen untertauchen könnten in die andere Individualität. Da der Mensch eben ein liebendes Wesen sein muß nach seiner Erdenaufgabe und da beim Menschen, indem er eine Fähigkeit hat, durch diese sein ganzes Wesen konstituiert wird, so muß man sagen: Der Mensch muß eben so sein, daß er die Grenzen gegenüber der Außenwelt haben muß für seine Erkenntnis, daß er nicht untertauchen kann unter diese Grenzen der Erkenntnis, um hier auf der Erde seine Aufgabe zu erfüllen in seinem gewöhnlichen Bewußtsein. Was ihm eignet, damit er ein liebendes Wesen sein kann, zeigt sich auf der anderen Seite in seiner gewöhnlichen Erkenntnis, die stillehalten muß an der Grenze, die uns gezogen werden muß, damit wir liebefähige Wesen sein können.
Das ist etwas, was - skizzenhaft allerdings nur, aber die Skizze kann ja von jedem einzelnen weiterverfolgt werden - gewisse Konsequenzen ergibt, was zeigen kann, wie von den Ausgangspunkten, die etwa die Kantsche Philosophie gehabt hat, weitergeschritten werden muß, indem der ganze Mensch ins Auge gefaßt werden muß, also insofern, als er im Leben drinnen als ein lebendiges Wesen stehen muß. Dies hat zunächst — und wir werden darüber noch weiteres hören — jene Weltauffassung, die hier vertreten wird, zu sagen über die naturwissenschaftlichen Erkenntnisgrenzen.
Das ist die eine Richtschnur, an die sich jede heute ernst zu nehmende Welt- und Lebensauffassung zu halten hat. Die andere kann damit bezeichnet werden, und es ist in diesen Tagen auch schon auf sie aufmerksam gemacht worden, daß man sagt: Eine heute ernst zu nehmende Welt- und Lebensauffassung darf sich nicht verlieren an eine nebulose Mystik. Es ist schon einmal so, daß auch edle Geister der heutigen Zeit, indem sie sehen, wie der Naturwissenschaft Grenzen gezogen sind und von ihr aus nicht der Aufschwung in die geistige Welt zu erhalten ist, sich der Mystik, besonders älteren Formen des mystischen Strebens der Menschheit, in die Arme werfen. Das kann aber gegenüber den anderen Erkenntnisanforderungen, die der Mensch heute haben muß, durchaus nicht der rechte Weg sein. Denn Mystik will durch Hineinschauen in das menschliche Innere zu den eigentlichen Untergründen des Daseins kommen. Aber gerade in bezug auf dieses Hineinschauen in das menschliche Innere sind nun wiederum der menschlichen Erkenntnis Grenzen gezogen. Nehmen wir an, der Mensch wäre in der Lage, in sein Inneres ohne Grenze einfach hineinzuschauen, hineinzuschauen bis dahin, wo sich das tiefste Wesen der menschlichen Natur offenbart, wo der Mensch in Verbindung steht mit den ewigen Quellen des Daseins, wo er sein eigenes individuelles Dasein an das kosmische angliedert. Was könnte dann der Mensch wiederum nicht haben? Nun, diejenigen, die gerade eine oftmals große innere Befriedigung an der Mystik haben, holen ja aus ihrem Innern das Mannigfaltigste heraus. Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, daß dasjenige, was so aus dem menschlichen Innern herausgeholt wird, sich bei einem genaueren Zusehen für den wirklichen Seelenkenner doch zuletzt entpuppt als etwas, was auf irgendeiner Außenbeobachtung beruht, dann in unterbewußte Untergründe untergetaucht ist, von Gefühl und Wille und organischem Geschehen durchsetzt worden ist und dann in veränderter Gestalt wieder heraufkommt. Irgend etwas, was wir beobachten, kann eine solche Umwandlung, eine solche Metamorphose erfahren, daß der Mystiker glaubt, er hole aus den Tiefen seiner Seele etwas herauf, was zeigen muß, wie die ewigen Gründe der Seele selber sind. Selbst solche bedeutsamen Mystiker wie der Meister Eckhardt oder Johannes Tauler sind nicht im vollen Sinne freizusprechen von dem Irrtum, der unterläuft, indem man veränderte Vorstellungen des gewöhnlichen Bewußtseins für selbständige Offenbarungen der menschlichen Seele hält.
Dadurch aber, daß man diesen Tatbestand unbefangen beobachtet, wird man darauf geführt, die Frage beantworten zu können: Was könnte der Mensch nicht haben, wenn er restlos für das gewöhnliche Bewußtsein in jedem Augenblick in sein Inneres hineinschauen könnte? Er könnte nicht haben, was wir zum vollen, zum geordneten Bestand unseres seelischen Innenwesens brauchen: ein innerlich gesetzmäßiges Erinnerungsvermögen.
Denn wie stellt sich gerade gegenüber den mystischen Ansprüchen dieses Erinnerungsvermögen dar? Ich könnte das, was ich jetzt mit ein paar populären Strichen gebe, auch in sehr wissenschaftlicher Form geben. Allein es ist nur eine Verständigung darüber notwendig, und die kann auch in der populären Form gegeben werden. Indem wir die Außenwelt beobachten und dasjenige, was wir zunächst als ganzer Mensch erleben, innerlich so verwandeln, daß es später wieder als Erinnerungsvorstellungen in uns auftauchen kann, treffen wir eigentlich mit dem seelischen Ergebnis unserer Außenbeobachtung in unserem Innern auf so etwas wie eine Art inneren Spiegel. Es ist ein Vergleich, aber es ist zugleich mehr als ein Vergleich. Was von außen Eindrücke auf uns macht, das darf uns nicht so anregen, daß wir mit diesen Eindrücken restlos untertauchen in unser tiefstes Innere. Es muß möglich sein, daß das, was uns von außen erregt, zurückgeworfen werden kann. Unser Organismus, unser menschliches Wesen muß sich wie ein Spiegelungsapparat verhalten. Und sollen wir diesen Spiegelungsapparat durchstoßen, um zu dem zu kommen, was hinter dem Spiegel ist?
Das strebt eigentlich, ohne daß er es weiß, der Mystiker an. Aber wir brauchen unser regelmäßiges, geordnetes Gedächtnis. Wenn es nur irgendwie unterbrochen ist bis zu dem Zeitpunkt, bis zu dem wir uns zurückerinnern in unserer Kindheit, dann verfallen wir in seelisch krankhafte Zustände. Der Mensch muß so veranlagt sein, daß er das, was er von außen her erlebt, aufhalten kann. Er kann also nicht so veranlagt sein, daß er unmittelbar hinuntertaucht in sein tiefstes Inneres. Wenn wir den mystischen Versuch unternehmen, ohne weiteres mit dem gewöhnlichen Bewußtsein in unser tiefstes Inneres hinunterzutauchen, so tauchen wir eben nur bis zu dem Spiegelungsapparat. Und es ist mit Recht, um unserer Menschheit willen mit Recht, daß das die Vorstellungen heraufleuchten, die wir von außen aufgenommen haben. Wiederum müssen wir den ganzen Menschen ins Auge fassen, wie er sein muß als erinnerungsfähiges Wesen, wenn wir uns klar darüber sein wollen, daß die Mystik, wie sie erstrebt wird, dem gewöhnlichen Bewußtsein nicht möglich ist.
Gerade aus der klaren Einsicht in diese beiden Grenzen, die dem gewöhnlichen Bewußtsein gezogen sind — in eine natürliche Erkenntnisgrenze gegenüber der Außenwelt des Physisch-Sinnlichen und in die Grenze gegenüber dem mystischen Streben —, quillt dann jenes Streben, das hier als einem modernen Suchen nach der geistigen Welt angemessen charakterisiert worden ist, hervor, jenes Streben, schlummernde Erkenntniskräfte aus der Seele herauszuholen, damit durch das Erringen einer anderen Bewußtseinsform hineingeschaut werden kann in die geistige Welt.
Und schaut man mit den Erkenntnissen, von denen ich in den letzten Tagen hier gesprochen habe, den Menschen nach der Seite hin an, nach der er allein ein liebefähiges Wesen ist und nach der er allein ein erinnerungsfähiges Wesen ist, dann erkennt man, daß das gewöhnliche Bewußtsein, wie es auf Grund der Sinne, des Intellekts und des Denkvermögens arbeitet, aus dem Grunde vor der Außenwelt haltmachen muß, weil es nur dadurch, daß es sich nur als Mittel gebraucht, um die Außenwelt zu ordnen, die Möglichkeit findet, sich weiter auszubilden und jenes belebte Denken herauszubilden, von dem ich in den vorhergehenden Vorträgen gesprochen habe.
Dann aber, wenn wir mit diesem belebten Denken das betrachten, was in uns vorgeht, wenn wir der Natur gegenüberstehen, dann finden wir, daß eben in dem Augenblick, wo wir unser Denkvermögen so weit entwickelt haben, daß es als Mittel dient, um die äußeren Erscheinungen zu ordnen, unser gewöhnliches Bewußtsein im Erkenntnisakte erstirbt, aufhört. Ich möchte sagen: So klar auch unser Bewußtsein bei irgendeinem Vorgang der Naturerkenntnis bis zu einer gewissen Grenze ist — bei dieser Grenze geht es partiell wie in eine Art von Sehlafzustand, in das Unbewußte, über. Warum? Weil dann die Fähigkeit zu wirken beginnen muß, die mehr als das abstrakte Denken ausgießt in die umgebende Welt, die unser Sein hinausträgt in die umgebende Welt. i
Denn indem wir lieben, sind wir zur Umwelt nicht in einem Erkenntnisverhältnis, sondern in einem Realitäts-, in einem wirklichen Seinsverhältnis. Und erst wenn wir das lebendige Denken ausbilden, sind wir wieder in der Lage, uns hinüberzuleben in die Realität der Dinge: Da ergießen wir gewissermaßen die belebten Gedanken hinüber, verfolgen das, was draußen als der Anfang des geistigen Lebens, zunächst als geistigseelischer Weltenrhythmus, als Schein, ist, und dringen immer weiter und weiter vor, indem wir uns das leere Bewußtsein, wie ich es geschildert habe, aneignen, in die geistige Welt, die mit der sinnlich-physischen verbunden ist. Dann fühlen wir uns in einem solchen übersinnlichen Erkenntnisakte wie aufgewacht gegenüber dem gewöhnlichen Bewußtsein. Wir belauschen gewissermaßen unser Sein, indem es ein lebendiges Sein wird.
Das ist sogar etwas, was einen erschütternderen Eindruck auf den geistig Erkennenden machen kann, als alles das, was ihm werden kann durch das Nacherleben auch der tiefsten Mystiker. Erschütternder als dieses sogenannte Hineinsichversenken in das eigene Innere ist der Moment, wo man fühlt, wie der Mensch in einem gewissen Augenblick der höheren Erkenntnis sein Selbst als Seiendes ausgießen muß in die äußere Welt, wie der Erkenntnisakt etwas wird, was die bloße Erkenntnis in reales Leben umwandelt, in ein reales Zusammensein mit der äußeren Welt.
Das aber ist zunächst verbunden mit einer wesentlichen Verstärkung des Ich-Gefühls. Man fühlt etwa dabei so: Wenn man im gewöhnlichen Erkennen der Außenwelt ist, geht man mit seinem Ich bis an die Naturgrenze heran. Das Ich wird da zurückgestoßen. Man fühlt sich überall wie, ich möchte sagen, von seelischen Mauern umgeben. Das wiederum wirkt zurück auf das Ich-Gefühl. Das Ich-Gefühl hat eine gewisse Stärke, und die richtige Nuance erhält dann dieses Ich-Gefühl eben dadurch, daß sich dem, was man so als ein eingeschränktes Gefühl in sich trägt, jenes Hingegebensein an die Welt und die Weltwesen beimischt, das vom Lieben kommt. In dem Erkennen, das übersinnlicher Art ist, wird das Ich sogar verstärkt, und man kann sagen: die Gefahr besteht, daß es dasjenige, was sonst im Erdenleben mit Recht als Liebe lebt, in ein gewisses selbstsüchtiges Untertauchen in die Dinge verwandelt, daß es gewissermaßen sich selber hineinschiebt, hineinströmen läßt in die Dinge. Dadurch wird das Selbst erweitert.
Gerade aus dem Grunde wird in meinem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» ein so großer Wert auf die vorbereitenden Übungen gelegt. Und in diesen vorbereitenden Übungen finden Sie das verzeichnet, was auf eine Selbstzucht in bezug auf das Selbstgefühl geht, daß man die nötige Liebefähigkeit zunächst im gewöhnlichen Leben vor dem gewöhnlichen Bewußtsein stark entwickelt, bevor man den Versuch macht, durch höhere Erkenntnis in die übersinnliche Welt einzudringen. Man muß vorher ein auch in dieser Richtung seelisch, physisch und geistig gesunder Mensch sein, bevor man sich darauf einlassen kann, in gesunder Weise in die geistige Welt einzutreten. Dann aber darf auch nicht der gewöhnliche, doch mehr oder weniger philiströse Einwand gemacht werden, daß es etwas Unbehagliches habe, sich so selbst in seiner Liebefähigkeit zu belauschen. Dieses Belauschen macht allerdings einen erschütternden Eindruck. Man hat sich vor sich, wie sonst im gewöhnlichen Bewußtsein nie. Aber wenn Sie sich erinnern, wie das, was man sich in höherer Erkenntnis erringt, sich selber nicht dem Gedächtnis einverleibt, so daß man dann mit dem Anschauen seiner eigenen Liebefähigkeit durch das Leben schreitet und fortstolziert, was einen zur menschlichen Unfähigkeit führen würde, dann wird man auch das, was von dieser Seite als Anforderungen an die übersinnliche Erkenntnis herandringt, in der richtigen Weise zu würdigen verstehen.
Das also charakterisiert diese übersinnliche Erkenntnis im Verhältnis zur Liebefähigkeit nach der Gedankenseite hin. Was aber lernt man dadurch erkennen?
Nun, es geht schon aus den Ausführungen, die ich gemacht habe, hervor, daß man gewissermaßen sein verstärktes Selbst hineinstößt in die Umgebung, hineinströmen läßt in die Umgebung. Dadurch dringt es vor bis zum Geistigen, so daß einem die merkwürdige Wahrheit entgegentritt, daß man eigentlich dadurch, daß man immer weiter und weiter sich fähig macht, in die Außenwelt einzudringen, gerade zur Erkenntnis seines Seelischen, seines Geistigen selber kommt.
Ich möchte sagen, aus einem gesunden Instinkt heraus hat Goe/he die Selbsterkenntnis abgelehnt, die durch Hineinbrüten in das Innere entsteht. Er hat harte Worte gegen solche Selbsterkenntnis im mystischen Sinne gefunden. Wirkliche Selbsterkenntnis kann der Mensch nur erlangen, wenn er durch Erstarkung seiner sonst schlummernden Erkenntniskräfte die Fähigkeit erlangt, mit seinem Selbst in die Außenwelt unterzutauchen. In der Welt draußen findet der Mensch seine eigentliche Selbsterkenntnis! Man muß sich schon gewöhnen, im modernen Sinn des Wortes zu einer wirklichen Welterkenntnis dadurch zu kommen, daß man manchen Begriff fast bis in sein Gegenteil umkehren muß. Und so ist es mit dem Begriff der Selbsterkenntnis: Schaue in die Welt, suche immer mehr und mehr in den Weiten, indem du die Fähigkeit deines Ichs, unterzutauchen in diese Weiten, durch Entwickelung von Erkenntniskräften verstärkst, dann findest du dein eigentliches Selbst. So daß man sagen kann: Der Kosmos läßt uns für die übersinnliche Erkenntnis in sich eindringen und gibt uns als Ergebnis dieses Eindringens gerade unsere Selbsterkenntnis zurück.
Sehen wir nach der anderen Seite hin, die manchmal auf dem falschen mystischen Wege gesucht wird. Ich habe davon gesprochen, wie der Wille des Menschen entwickelt werden kann, und davon, wie es möglich ist, nach dieser anderen Seite hin schlummernde Kräfte zu entwickeln. Dieser Wille kann so weit entwickelt werden, daß der ganze Mensch eine Art Sinnesorgan, das heißt Geistorgan, das heißt geistig-seelisch innerlich so durchsichtig wird, wie sonst das menschliche Auge durchsichtig ist. Wir brauchen nur daran zu denken, daß das menschliche Auge selbstlos im materiellen Sinn des Wortes sein muß, damit es das Organ des Sehens sein kann. Würde sich das Auge ausfüllen mit sich geltend machendem Materiellem, so würde sich sogleich unser Blickfeld verfinstern. So muß in geistig-seelischem Sinn unser ganzes menschliches Wesen werden. Unser ganzes Wesen muß geistig-seelisch durchsichtig werden. Dann stellen wir uns mit dem, was in unserem Willen lebt, in die geistig-seelische Welt schon in unserem Erdendasein hinein. Dann aber tritt das ein, wovon ich schon gestern andeutungsweise gesprochen habe: daß wir die Möglichkeit erlangen, die geistig-seelische Welt zu schauen, aber dadurch gerade unser Inneres beurteilen. Und ich habe gestern folgendes ausgeführt: Wenn wir als physisch-sinnliches Wesen der Außenwelt gegenüberstehen, so leben wir uns in die sinnlich-physischen Tatsachen der Außenwelt mit unserem ganzen Menschen ein, dann tragen wir davon in uns die seelischen Erinnerungsbilder. Ja, unser Seelisches besteht aus diesen Erinnerungsbildern. Man kann also sagen, das äußerlich Physisch-Sinnliche wird innerlich geschaut als ein Bildhaftes. — Umgekehrt sage ich: Wenn wir die Fähigkeit erlangen, durch uns selbst als Geistorgan in die Außenwelt als in eine geistige, mit geistigen Wesenheiten und geistigen Geschehnissen, hineinzuschauen, dann durchschauen wir dadurch gerade unser physisches Innere. Wir lernen dadurch die Wesenheit unserer Lunge, unseres Herzens und unserer anderen Organe erkennen. Die Geistigkeit der Außenwelt spiegelt sich in unserem Innern durch unsere physische Natur gerade so, wie sich die physische Außenwelt durch unsere geistig-seelische abstrakte Natur in uns spiegelt.
Dieser Weg aber, der uns hier eröffnet wird, durch Anschauen der Außenwelt uns selbst erkennen zu lernen, stellt sich in seinem weiteren Verlauf als ein sehr konkreter dar. Man lernt den Anteil kennen, den die einzelnen menschlichen Organe an der Gesamtwesenheit des Menschen haben. Man lernt die Harmonisierung der einzelnen Vorgänge dieser Organe allmählich durchschauen.
Zunächst stellt sich allerdings das Folgende heraus: Was der im Nebulosen fischende Mystiker sucht, das sind im Grunde genommen verwandelte Erinnerungsvorstellungen; aber oftmals mischt sich in diese verwandelten Erinnerungsvorstellungen etwas hinein von Ergebnissen einer organischen Tätigkeit. Nur weiß er das nicht. Er glaubt, den inneren Spiegel, der der Erinnerung zugrunde liegt, zu durchstoßen. Er durchstößt ihn nicht. Wie Wellen schlagen von der anderen Seite auf diesen Spiegel die Prozesse unseres organischen Wesens an. Er merkt nicht, was da eigentlich geschieht, er merkt nur die Veränderung der sich spiegelnden Erinnerungsvorstellungen. Man muß, ohne sich dadurch etwa der Philistrosität schuldig zu machen, schon manches Schöne, Poetische, Mystische ins Prosaische verzerren und sagen: Gar manches, was dieser oder jener Mystiker auf diese Weise aus seinem Seelischen hervorgeholt hat, ist nicht irgendwie ein Ausdruck geistigen Daseins, sondern es ist nur — auf die Weise, wie ich es geschildert habe —- ein Ergebnis des Wogens der inneren organischen Vorgänge. Wunderbare mystische Darstellungen älterer und neuerer Zeit — die an solchem ein Wohlgefallen haben, können einen außerordentlich poetischen Eindruck haben —sind im Grunde genommen für den, der unbefangen die Dinge zu durchschauen vermag, nichts anderes als der Ausdruck innerer Vorgänge in der Menschennatur selber. Es erscheint philiströs, wenn man sagen muß: Da tritt etwas Mystisches auf, es kommt einem poetisch vor und ist dennoch für den, der die Sache durchschauen kann, die Hineinwirkung gewisser Lebensprozesse in die Erinnerungsvorstellungen. Für den, der im Ernst erkennen will, wird die Sache dadurch nicht etwa wertlos. Denn nicht dadurch, daß irgend etwas für das befangene Gemüt in wohlgefälliger Weise dargestellt ist, ist es eine Wahrheit, sondern dadurch daß man nach und nach versucht, wirklich auf den Grund der Dinge zu kommen.
Derjenige, der aber nun nicht beim gewöhnlichen Bewußtsein stehenbleibt, was der nebulose Mystiker doch tut, sondern, nachdem er zuerst wiederum durch vorbereitende Übungen seine seelische Gesundheit dadurch gesichert hat, daß er auf Ausbildung eines gesunden Erinnerungsvermögens Wert gelegt hat, der dann diesen Erinnerungsspiegel durchstößt und dadurch wirklich in sein Inneres sieht, der sieht in diesem Innern überall die Ergebnisse weitverzweigter, in der geistigen Außenwelt angelegter und in der geistigen Welt vor sich gehender Vorgänge. Und man lernt auf diese Weise den Menschen kennen. Man lernt auf diese Weise sich sagen: Was der abstrakte Idealist vielleicht als das Niedrige im Menschen anspricht, weil er es nur von der physiologischen oder anatomischen Außenseite betrachtet, was innere Organisation des Menschen ist, das ist gerade ein wunderbares Ergebnis des ganzen Kosmos.
Und lernen wir diese innere Organisation des Menschen wirklich kennen, so stellt sich bald folgendes heraus: Wenn wir hineinblicken in unser seelisches Innere, zurückgehen auf manches in der Erinnerung, was wir im Leben erfahren haben, dann können wir aus dem, was wir innerlich in einer dazu geeigneten Stunde in uns auferstehen lassen, diese Erlebnisse vor unser geistiges Auge zaubern, wenn auch in Abschattung. Aus dem, was wir an Bildinhalt in unserer Seele von der Außernwelt aufgenommen haben, können wir wiederum diese Außenwelt in einer uns befriedigenden Weise vor die Seele zaubern. Lernen wir ebenso unser umfassendes Inneres kennen, lernen wir die Art und Weise, wie unser Organismus in seinen einzelnen Gliedern auf geistige Art aus dem Kosmos hervorgeht, kennen, dann stellt sich unser ganzer Mensch, den wir jetzt durchschauen, dar als aufgezeichnete Erinnerungen aus dem Kosmos. Wir schauen jetzt nicht mit den Augen des nebulosen Mystikers in uns hinein, wir schauen mit dem erweckten Seelenauge in unser Inneres, durchschauen das, was unsere Lunge, unser Herz, unser gesamter übriger Organismus geistig-seelisch, innerlich angeschaut, ist. Und das stellt sich uns dar als Weltgedächtnis, im Menschen aufgezeichnet so, wie sonst unser Gedächtnis in der Seele aufgezeichnet ist für das Leben zwischen der Geburt und dem jetzigen Augenblick. Und das tritt in uns auf, was man nennen kann: Erkenntnis des Menschen als Weltengedächtnis, als Abbild der Weltentwickelung, als Abbild des Geschehens im Kosmos.
Meine sehr verehrten Anwesenden, erst muß man sich bekanntmachen mit all den Einzelheiten, die durchzumachen sind, bevor der Mensch zu einer solchen Selbsterkenntnis kommt, nicht zu der brütenden Selbsterkenntnis der sogenannten gewöhnlichen Innenanschauung, sondern zu der Selbsterkenntnis, die in jedem unserer inneren Organe etwas sieht wie ein zusammengelegtes Geistiges, das aus gewissen geistigen Vorgängen im Kosmos hervorgeht. Dann, wenn man begriffen hat, was der Mensch ist in dieser Beziehung, wird man nicht mehr sagen, man versetze in anthropomorphistischer Weise, was man in der Seele hat, in die Welt hinaus, um eine geistgemäße Erklärung zu bekommen, sondern man wird sich sagen: Man sucht erst durch vorsichtiges und ernstes Ringen den Menschen innerlich zu durchdringen, dann enthüllt sich einem in diesem menschlichen Innern ebenso der Kosmos, wie sonst im Hinschauen auf die Erinnerungen die Summe der persönlichen Erlebnisse sich enthüllt.
Wenn solche Dinge auch für das heutige Zeitbewußtsein noch in gewisser Weise paradox erscheinen, so ist dieses heutige Zeitbewußtsein durchaus auf dem Wege, solches zu erfassen. In den Sehnsuchten der Menschen lebt es durchaus, gewisse Gedankengänge, die schon da sind, weiterzuverfolgen. Dann werden die Gedanken, die auf solchem Wege liegen, wenn noch ein bestimmtes Üben dazukommt, immer mehr und mehr zu belebten Gedanken. Und wenn dazu der entwickelte Wille kommt, dann wird man immer mehr und mehr in solche Selbsterkenntnis hineinkommen, und man wird sehen, daß, während auf der einen Seite ein immer Weiter- und Weitergehen mit dem Ich in die Außenwelt gerade zur Selbsterkenntnis führt, das Eindringen in die Tiefen der Menschennatur aus dem Menschen hinaus zur Welterkenntnis führt.
Um allerdings in diesen Dingen immer unbefangener und unbefangener zu werden, dazu gehört, daß man auf die menschliche Natur nicht in der Weise hinsieht, wie das heute gewöhnlich der Fall ist. Man zergliedert heute den Menschen in bezug auf sein Knochensystem, sein Muskelsystem, sein Nervensystem und definiert dann als Wesen des physischen Menschen, was sich so ergibt. Man hat dann den Menschen geradeso vor sich, als ob er ein Wesen wäre aus festen materiellen Grundlagen. Aber es weiß doch jeder heute, daß der Mensch im wesentlichen nicht aus festen Bestandteilen besteht, daß er zum größten Teil, gegen neunzig Prozent, eigentlich eine Wassersäule ist. Es weiß heute jeder, daß das, was ich in diesem Augenblicke als Luft eingesogen habe, vorher draußen in der Welt war, daß das, was ich jetzt in mir drinnen an Luft habe und was in mir arbeitet, dann wieder draußen sein wird und der Welt angehörig sein wird. Und endlich kann sich jeder vorstellen, wie der Mensch in seiner Organisation einen fortwährenden Wärmeumsatz hat. Und wenn wir den Menschen so anschauen, dann entfestigt er sich uns, dann kommen wir allmählich los von der Illusion, von der wir wissen, daß sie eine ist, die wir aber doch vor die Seele hinstellen, als ob der Mensch betrachtet werden könnte, wie wir ihn hinzeichnen in der Anatomie. Wir kommen dahin, ebenso berechtigt das Flüssige im Menschen als zu seinem Wesen gehörig zu betrachten, das, was vibrierend, wellend, gestaltend im Flüssigkeitsmenschen vor sich geht. Wir kommen dazu, einzusehen, daß auch in der Luftgestalt des Menschen etwas vor sich geht, was zu diesem menschlichen Wesen gehört. Und endlich kommen wir vielleicht dazu, zu begreifen, daß die Luft, die in unserem Innern vibriert, wellt, auf und ab wogt, sich hineinergießt in unsere Aderströmungen und so weiter, innerlich arbeitet, in der mannigfaltigsten Weise durchzogen wird von Stellen, die erwärmt, von Stellen, die erkaltet sind.
Wenn man auf der einen Seite das Geistig-Seelische hat, wie man es heute in sich trägt in dieser mehr oder weniger abstrakten Form, dann ist dieses Geistig-Seelische mit einem starken Bildcharakter behaftet, den wir eigentlich nur, wie wir sagen, innerlich anschauen können. Und wir müssen bei dieser inneren Anschauung stehenbleiben, wenn wir das betrachten, was Physiologie und Anatomie uns vom Menschen geben. Wenn wir alle die großartigen Resultate der gewöhnlichen Wissenschaft auf uns wirken lassen, dann haben wir etwas vor uns wie ein festes Gebilde in einer mannigfaltigen Struktur, aber etwas, was seinem Wesen nach grundverschieden ist von dem, was wir im Innern beobachten, wenn wir uns das Denken, Fühlen, Wollen in ihrer Gestaltung vor die Seele rufen, und wir finden nicht die Brücke vom einen zum andern. Wir sehen, wie die Seelenkundigen sich damit abplagen, ein Wechselverhältnis zu suchen zwischen dem, was sie auf der einen Seite auffassen in seiner Abstraktheit, Bildhaftigkeit, in der Art und Weise, die man eben nur innerlich anschauen kann, und dem, was äußerlich da ist. Das steht so weit voneinander ab, daß man eine Verbindungsbrücke mit dem gewöhnlichen Bewußtsein nicht ohne weiteres schlagen kann. Gehen wir aber unbefangen vor, fassen wir nicht die Illusion des festen Menschen ins Auge, sondern fassen wir ins Auge, wie der Mensch ein Flüssigkeitswesen, ein Luft-, ein Wärmewesen ist, dann kommen wir durch Einfühlen in uns selber dazu, das Wogen von Wärme und Kälte in den Strömungen unseres Luftkreislaufes wahrzunehmen, wenn wir uns eine innere Anlage dafür anschaffen.
Und wir schaffen sie uns an durch den Weg der höheren Erkenntnis, wie ich ihn in diesen Tagen zu schildern versuchte. Wenn wir so die in uns vibrierende Luft innerlich erfühlen lernen, so stehen wir dabei noch mehr oder weniger im Physischen; aber wenn wir sie erfühlen und nun das belebte Denken, das innerlich etwas von Realität spürt, hinübertragen, dann stellt sich uns die Brücke her. Und wenn wir den Menschen bis in die Verfeinerungen seiner Wärmedifferenzierungen ins Auge fassen und das Seelische verdichten, bis es aus seiner Abstraktheit heraus in die Realität eingreift, dann finden wir die Brücke.
Das in dieser Art verdichtete Seelenleben kann sich mit dem verdünnten physischen Erfahren, wenn ich so sagen darf, verbinden. Wenn wir beginnen, so in uns einzudringen, daß wir wahrnehmen, wie der belebte Gedanke auf unserem, wenn ich mich so ausdrücken darf, «Luftmenschen» wogt, der in verschiedener Art mit Wärme und Kälte differenziert ist, so sehen wir allmählich ein, wie in der Tat auch die Differenzierungen des Gedankens wirken können in unserer menschlichen Organisation, wie ein Gedanke, der von Sympathie begleitet ist, der etwa das Urteil fällt: Ja, so ist es, der Baum ist grün —, in der Tat einen Wärmezustand auslöst, wie ein Gedanke, der mit Antipathie verwoben, der etwa ein negatives Urteil begründet, erkältend wirkt auf unsere Luft-Wärme-Materialität.
Wir sehen so, wie das Seelische fortvibriert, fortschafft auf dem Umwege durch die feinere Materialität in die dichtere Materialität hinein. Wir finden die Möglichkeit, unseren Erkenntnisweg auch in die menschliche Organisation hinein so zu gestalten, daß wir beim Seelischen beginnen und in das Materielle untertauchen.
Dann aber eröffnet sich uns die Möglichkeit, immer mehr und mehr fortzuschreiten zu dem, was ich eben geschildert habe: zur inneren Erkenntnis der menschlichen Organisation. Denn ehe wir nicht die verschiedenen Stufen der Materialität, Wasser, Luft, Feuer, in den einzelnen Organen verfolgen können, enthüllt sich uns auch nicht das Seelische. Wir müssen das Seelische zuerst verdichten, dann kommen wir erst zur physischen Natur des Menschen, dann aber wiederum, indem wir durch diese hindurchdringen, zu dem, was geistig-seelisch zunächst unserer physischen Organisation zugrunde liegt. Da finden wir dann: Geradeso wie wir, wenn wir mit unserer Gedächtniskraft in uns hineinbohren, die abgelegten Erlebnisse unseres persönlichen Erdendaseins finden, so finden wir, indem wir so untertauchen in den ganzen Menschen, das Geistig-Seelische, das heruntergestiegen ist aus der geistigen Welt durch die Konzeption, Keimentwickelung und so weiter. Indem dieses Geistig-Seelische in uns sich umhüllt hat mit dem, was ihm von der Erde zukommt, wird es zum Weltgedächtnis. Wir finden gewissermaßen den Kosmos erinnerungsmäßig in uns aufgespeichert. Und wir finden dann die Möglichkeit, geradeso wie wir uns sonst im gewöhnlichen Bewußtsein an das einzelne Erlebnis des persönlichen Daseins erinnern, die Möglichkeit, durch innere Anschauung den Kosmos zu überblicken.
Meine sehr verehrten Anwesenden, Sie werden vielleicht fragen: Ja, aber wie kann man, wenn man nun zu sehr frühen Erdenzuständen durch dieses Weltgedächtnis kommt, der Gefahr entgehen, einer allgemeinen Geistesschilderung sich hinzugeben, nicht einem konkreten Welterinnern? — Nun, da brauchen Sie wiederum nur das gewöhnliche Gedächtnis zum Vergleich heranzuziehen. Dadurch, daß unser Gedächtnis geordnet ist, werden wir, indem wir irgendein Erlebnis auftauchen fühlen, wenn dieses Erlebnis vor zehn Jahren abgelaufen ist, es nicht auf Vorgänge beziehen, die erst jetzt abgelaufen sind. Der Inhalt der Erinnerungsvorstellung weist uns von selbst auf die richtige Stelle in der Zeit hin, So ist es auch, wenn wir den Organismus in der richtigen Weise durchschauen, daß jeder einzelne Teil in ihm in der Tat auf die Zeit hinweist, die in irgendeinem Punkte der Weltentwickelung in Betracht kommt. Es gibt im Grunde genommen keine andere Möglichkeit, das, was uns die Naturwissenschaft gibt, indem sie ihre Beobachtungen aus der Gegenwart gedankenhaft in frühere Zustände hinein ausdehnt, in der richtigen Weise zu ergänzen als diese. Selbstschau des Menschen, die zu einer wirklichen Welterinnerung, zu einem Weltgedächtnis wird. Sonst werden wir immerdar in sehr eigentümliche Fehler verfallen müssen, wenn wir hypothetisch Weltentwickelungsideen konstruieren.
Man braucht nur folgendes zu sagen, wenn es sich auch trivial anhört: Es wird sehr häufig die sogenannte Kant-Laplacesche Theorie, die heute allerdings modifiziert ist — die Theorie, wie sich aus einem gasförmigen Weltennebel die einzelnen Glieder des Sonnensystems abgespalten haben —, dadurch illustriert, daß man einen Öltropfen nimmt, ein kreisförmiges Kartenblatt durchsteckt, eine Stecknadel daran befestigt und mittels der Stecknadel den Öltropfen in Drehung bringt. Dann sondern sich die einzelnen Tröpfchen ab, die um den Haupttropfen weiterkreisen. Es bildet sich ein Weltensystem im kleinen, und man kann sagen, wenn man auf dem Standpunkt des gewöhnlichen Wissenschafters steht: Das hat sich auch im großen draußen so abgespielt. Aber es ist dennoch wahr, was dagegen zu sagen ist: Derjenige, der so etwas zur Veranschaulichung der Entstehung unseres Sonnensystems zeigt, müßte auf alle einzelnen Faktoren Rücksicht nehmen, und wenn das der Fall ist, dann müßte er auch Rücksicht nehmen auf den Herrn Lehrer, der da steht und den Öltropfen in Rotation bringt. Und er müßte einen riesigen Lehrer in den Weltenraum hinaussetzen, der dann an dem Weltennebel drehte. Das ist aber bei dem obigen Experiment vergessen worden. Es ist ja sehr schön, wenn man sich selbst vergißt im sonstigen Leben, aber beim Experiment, beim Veranschaulichen wichtiger und ernster Fragen darf man solche Dinge, in diesem Fall sich selbst, nicht vergessen. Nun, die Welt- und Lebensauffassung, die hier vertreten wird, vergißt diese Dinge nicht. Sie sieht hin auf das Berechtigte der Naturwissenschaft, fügt aber hinzu, was im Geist erschaut werden kann. Da findet man allerdings nicht eine Riesenindividualität, aber eine geistig-seelische Welt, die in die materielle Entwickelung hineingesetzt werden muß. Und da durchdringt man das, was vielleicht mit Recht als Kant-Laplacescher Urnebel hingestellt wird, mit den in diesem Nebel wirtkenden geistig-seelischen Wesenheiten und geistig-seelischen Kräften. Und man durchdringt das, was aus der Erde wird bei dem sogenannten Wärmetod, von dem die heutige Wissenschaft spricht, mit geistig-seelischen Wesenheiten und geistig-seelischen Kräften, die dann beim Wärmetod das Geistig-Seelische hinaustragen in andere Welten, wie das Geistig-Seelische des Menschen hinausgetragen wird in andere Welten, wenn der Körper in irdische Elemente zerfällt. Dadurch aber wird ein Wichtigstes für unsere Zeit erreicht.
Bedenken Sie nur, daß ich Ihnen heute dargestellt habe, wie das, was sonst nur im abstrakten Erkennen erfaßt wird, das Geistig-Seelische, das man nicht heranbringen kann an das Materielle, wie das geistig unendlich weit entfernt ist von diesem Materiellen. Was hat sich aber dadurch für unser ganzes Kulturleben herausgestellt? Dadurch, daß wir in der geschilderten Weise nicht in der Lage sind, für unser gewöhnliches Bewußtsein das Geistig-Seelische an das Materielle heranzubringen, haben wir eine rein materielle Anschauung über das Weltengeschehen: wir bilden uns gewisse Vorstellungen über das rein physische Weltengeschehen mit einem Anfang, der rein physisch nach den Gesetzen der Mechanik gedacht ist, und mit einem Ende, das nach der Wärmetheorie gedacht ist als der Wärmetod der Erde. Dabei nehmen wir uns als Menschen wahr, drinnenstehend in diesem Geschehen und uns daraus auf eine für die heutige Naturwissenschaft allerdings unerklärliche Weise herausentwickelnd. Aber wir können nimmermehr, wenn wir ehrlich sind, das was wir im seelischen Erleben erfahren, mit dem verbinden, was da draußen im materiellen Reich vor sich geht. Und in diesem tiefsten Seelischen verwebt sich mit unserem Denken, Fühlen und Wollen das, was moralische Impulse sind, was religiöse Kräfte sind. Sie leben in unserem Innern, im Geistig-Seelischen, das wir nicht heranbringen können an das Materielle.
Und so steht vielleicht heute der Mensch mit seinem Bewußtsein da und sagt sich: Nun, die Naturwissenschaft führt uns nur zu einem materiellen Geschehen, das ist allein exakte Wissenschaft; man muß Glaubensvorstellungen haben über die moralischen Impulse und religiösen Kräfte.
Aber vor einem ernsten seelischen Leben kann das nicht bestehen. Und im Unbewußten ernster Menschen der Gegenwart lebt es deshalb doch, daß sie fühlen, wenn sie es sich auch nicht gestehen: Da ist die Erde aus rein Materiellem heraus entsprungen. Aus diesem Materiellen geht etwas hervor wie ein Schaumgebilde. Da steigen Wolkengebilde heraus, ja Gebilde, die dünner sind als Wolken, die nur Illusionen sind. In diesen leben auch die wertvollsten Inhalte, die wir als Menschen aufnehmen können, alle Kulturinhalte, mit. Dann leben wir weiter, dann kommt einmal der Übergang der Erde in den Wärmetod, der gefunden werden kann auf äußerlich naturwissenschaftlichem Wege. Und dann ist doch alles Leben auf der Erde wie in einem großen Friedhof begraben. Was als das Wertvollste auferstanden ist aus unserem Menschenleben, unsere schönsten, würdigsten Ideale, ist mitbegraben mit dem, was materielle Wesenheit der Erde war. — Man kann sagen, man glaube das nicht. Aber wer es ehrlich nimmt mit dem, wie man heute über diese Dinge oftmals denkt, indem man ein selbständiges geistiges Forschen ablehnt, müßte eigentlich zu jener inneren Zerrissenheit, zu jenem Pessimismus kommen, der sich auftut gegenüber der Frage: Was soll aus unserem geistig-seelischen Schaffen werden, wenn wir die Welt nur im materiellen Sinne betrachten, wie wir das in der sogenannten exakten Wissenschaft gewöhnt sind? — Deshalb klafft in unserer Zeit eine so breite Kluft zwischen dem religiös-moralischen Leben und der natürlichen Anschauung der Dinge.
Dazu scheint mir aber eine wirkliche Seherschaft, eine exakte Seherschaft, wie sie dem modernen Menschen angemessen ist, berufen zu sein: die Brücke zu schlagen zwischen dem, was geistig ist, und dem, was materiell ist, indem sie dem Geistigen eine Wirklichkeit verschafft und dem Materiellen seine, ich möchte sagen, Derbheit nimmt.
Das aber tritt ganz besonders vor unsere Seele, wenn wir die Dinge so anschauen, wie wir sie heute angeschaut haben, wo wir das Geistig-Seelische im Menschen selber nach und nach übergehen sahen in das, was im Menschen Wärme- und Luftdifferenzierungen sind. Indem wir so hinuntersteigen ins derbere Materielle und sehen, wie das Feinere hineinläuft in das belebte Denken, werden wir imstande sein, in den Kosmos hinein denken zu dürfen. Wir kommen in die Lage, so etwas wie den Wärmetod der Erde mit Recht denken zu können, weil wir wissen, wie unsere menschliche Eigenwärme in ihrer Differenzierung vom belebten Denken durchwellt wird, und wir können aus dem Weltengedächtnis, das in uns selber auftritt, hinschauen auf das, was geistig-seelisch in den materiellen Prozessen der Welt sich auslebt. Wir kommen auf diese Weise zu einer wirklichen, realen Versöhnung dessen, was sich uns geistig darbietet, mit dem, was sich uns materiell darbietet.
Allerdings, vieles spricht heute noch in den Herzen gegen eine solche Versöhnung. Denn wir haben uns in den letzten Jahrhunderten gewöhnt, Wahrheiten als exakt nur dann gelten zu lassen, wenn sie auf dem festen Grund einer Sinnenbeobachtung beruhen, in der wir uns passiv der Außenwelt hingeben. Das, was man auf solch einem festen Grund beobachtet hat, baut man dann weiter hinauf bis zu den Naturgesetzen und Naturideen und läßt nur solche Ideen gelten, die gewissermaßen auf einem solchen festen Grund der sinnlichen Beobachtung stehen.
Wer nur solche Erkenntnisse bestehen läßt, gleicht einem Menschen, der im Weltenraum nur die gewöhnliche Schwerkraft gelten lassen wollte, der da sagen wollte: Die Erde hat ihre Schwerkraft, die Körper müssen deshalb zur Erde fallen, eine Unterstützung haben, weil sie nicht frei im Raume schweben können. Das gilt, solange wir auf der Erde stehen und die Schwerkraft der Erde in Betracht ziehen im Verhältnis zur nächsten Erdenumgebung. Schauen wir aber in den Weltenraum hinaus, dann wissen wir, daß wir nicht sagen dürfen: Die Weltenkörper müssen unterstüzt sein; sondern daß wir sagen müssen: Sie tragen sich gegenseitig. Diese Anschauung müssen wir auch in geistgemäßer Weise für unser inneres Weltgebäude der Erkenntnis gewinnen.
Wir müssen imstande sein, Wahrheiten auszubilden, die eben nicht der Stütze der Sinnenanschauung bedürfen, sondern die sich gegenseitig tragen, wie sich im freien Weltenraum die Weltenkörper tragen. Das ist geradezu eine Vorbedingung für die Erlangung einer wirklichen Kosmologie, einer Kosmologie, die nicht bloß eine solche mit materiellen Vorgängen ist, sondern eine solche, wo das Materielle durchseelt und durchgeistigt ist. Und eine solche Kosmologie braucht der moderne Mensch. Wir werden sehen, wie er sie sogar für die nächsten sozialen Aufgaben braucht. Aber nicht eher, als bis man einsehen wird, wie sich die wirklich weltbedeutenden Wahrheiten gegenseitig selbst tragen, wird man begreifen, wie man sich zu einer dergestaltigen Kosmologie durchringt.
Eine solche Kosmologie ergibt sich, wenn man gelten läßt, wie wahre Selbsterkenntnis zu gewinnen ist. Nicht auf anthropomorphistische Weise gewinnen wir sie, nicht dadurch, daß wir mit unserem Ich-Erlebnis hinausgehen in die Weltenweiten. Indem wir in die Außenwelt untertauchen, erfahren wir immer mehr und mehr, was unser Ich ist; dadurch gewinnen wir Selbsterkenntnis. Tauchen wir aber in unser Inneres unter, dann wird unser Inneres zum Weltengedächtnis, dann lernen wir die Welterkenntnis. Gar mancher ahnt es schon, worin eigentlich das Geheimnis in der Welterkenntnis bestehen muß. Ich möchte in zwei Sätzen aussprechen, was diese Menschen ahnen: Gerade die Selbsterkenntnis und die Welterkenntnis müssen Wahrheiten sein, die sich gegenseitig tragen. Und solche, ich möchte sagen, wie in einem Pendelschlag hin und her sich bewegenden Wahrheiten sind diejenigen, die durch die hier geschilderte Welt- und Lebensauffassung gewonnen werden: als Selbsterkenntnis und als Welterkenntnis. Die beiden Sätze, in die ich das zusammenfassen möchte, sind: Willst du dich selbst erkennen, so suche in den Weltenweiten dich selbst; willst du die Welt erkennen, so dringe in deine eigenen Tiefen. Deine eigenen Tiefen werden dir wie in einem Weltgedächtnis die Geheimnisse des Kosmos erschließen.