The Tension Between East and West

GA 83 — 7 June 1922, Vienna

Die Zeit und Ihre Sozialen Forderungen

Meine sehr verehrten Anwesenden! Die Vorträge, die ich im folgenden halten werde, sollen durchaus auf dem Boden der Betrachtungen stehen, die von mir hier schon angestellt worden sind: nicht, als ob über das soziale Leben der Gegenwart dadurch etwas Erhebliches gesagt werden könnte, daß man sich in irgendeiner abstrakten utopistischen Weise aus Ideen soziale Reformen ausdenkt, sondern in dem Sinne, daß ich meine, die geistige Weltanschauung, die hier entwickelt worden ist, könne, wenn sie sich in Impulse des ganzen Menschen, in menschliche Gesinnung verwandelt, Richtlinien und Orientierungen abgeben zum Verständnis des sozialen Lebens und auch zur Ausgestaltung sozialer Triebkräfte. Die nächsten Vorträge werden uns allerdings zu zeigen haben, wie eine solche auf das Geistige ausgehende Weltanschauung nicht im Abstrakten und Utopistischen stehenbleibt, sondern wie sie gerade dazu veranlagt ist, in die unmittelbare konkrete Wirklichkeit einzugehen. Heute möchte ich aber die Brücke schlagen zwischen den Vorträgen, die ich schon gehalten habe, und denen, die ich noch gedenke, hier zu halten.

Wer den ganzen Sinn der bisherigen Vorträge ins Auge faßt, der wird sich schon sagen müssen, daß mit dem, was hier ausgeführt worden ist, nicht irgendeine Lebensauffassung für die Einsiedelei, für ein beschauliches Leben im stillen Kämmerlein gemeint war, sondern daß eine Auffassung des Lebens, die auch ihre soziale Seite hat, angedeutet werden sollte, die gewissermaßen hineinführen kann nicht nur in die geistigen Welten als solche, sondern auch in die Geistes- und Seelenwelt, die uns unmittelbar in unseren Mitmenschen umgibt. Es ist heute allerdings leichter, über soziale Fragen zu sprechen, wenn man sich irgendeiner Parteirichtung angehörig fühlt. Da hat man gewissermaßen seine Programme, da hat man die festgeprägten Ideen und kann sagen: Das ist die Zeit! Das sind die Forderungen der Zeit! - Aber von einer solchen festgeprägten Parteischablone kann hier ganz gewiß nicht ausgegangen werden. Denn erstens bin ich voll davon überzeugt, daß es.eigentlich — es ist das etwas radikal gesprochen - keine Partei gibt, die nicht in irgendeiner Weise mit dem, was sie behauptet, recht hat. Es handelt sich nur darum, daß die Parteien gewöhnlich nicht die Grenzen desjenigen erkennen, bis zu dem hin sie eben irgend etwas behaupten können. Andererseits glaube ich auch nicht, daß irgendeine Parteirichtung wiederum vollständig recht hat, vielmehr muß sie in einem gewissen Sinne wieder unrecht haben. Nur handelt es sich auch da wiederum darum, daß man dieses Unrecht ganz gut verstehen kann, eben aus der besonderen Natur menschlicher Weltbetrachtung heraus. Man kann ja auch einen Baum nur von verschiedenen Seiten aus richtig photographieren, Alles was gewöhnlich als Parteirichtungen geltend gemacht wird, kann einem doch vorkommen wie Photographien des Lebens von verschiedenen Seiten aus. Dann kommen die Menschen zusammen und benehmen sich eigentlich so mit ihren verschiedenen Standpunkten, wie sich andere benehmen würden — allerdings auf diesem Gebiete gibt es das nicht —, die die Photographie eines Baumes von rechts sehen würden und sagten: Ja, das ist eine ganz falsche Aufnahme. - Sie kennen nämlich nur die Aufnahme von links. So ist mir auch alles, was von einem gewissen Gesichtspunkt aus gegen die hier vorgebrachten Anschauungen eingewendet werden kann, voll bewußt; und wenn es darauf ankäme, alles Gegnerische auszuführen, so würde das gerade vom Gesichtspunkt der hier vertretenen Weltanschauung aus gar nicht so außerordentlich schwerfallen..

Das muß ich vorausschicken, damit eingesehen werden kann, wie man nur dadurch, daß in den folgenden Vorträgen versucht werden wird, von den verschiedensten Gesichtspunkten aus dem sozialen Leben und den sozialen Problemen näherzukommen, zu einer lebensvollen Auffassung in dieser Richtung kommen kann.

Von sozialen Forderungen wird in unserer Zeit sehr viel geredet. Aber wenn wir unbefangen das geschichtliche Leben der Menschheit betrachten, dann finden wir, daß das im Entwickelungsgang der Menschheit erst seit einer verhältnismäßig kurzen Zeit der Fall ist. Gewiß, soziale Forderungen, soziale Bestrebungen hat es immer gegeben; daß sie in einer formulierten Weise, ich möchte sagen, zur abstrakten Theorie formuliert, auftreten, das ist im Grunde genommen ein Charakteristikon erst der allerneuesten Zeit. Und wenn man versucht dahinterzukommen, warum eigentlich heute fast jeder Mensch von sozialen Forderungen redet, so sieht man, daß vielleicht keine Zeit so starke antisoziale Triebe hatte als gerade die unsrige.

Gewiß, wenn die unmittelbare Not des Lebens drängt, wenn das Elend an unsere Türen pocht, dann finden wir uns aufgefordert zu sozialen Impulsen. Aber wenn von sozialen Forderungen die Rede ist, meint man doch eigentlich noch etwas anderes, meint man die Gefühle, die Empfindungen, die in dem Menschen leben können in bezug darauf, daß er nicht nur ein abgesondertes Wesen ist, sondern daß er sich bewegen muß unter anderen Menschen, daß er unter und mit anderen Menschen arbeiten muß, daß er sich selbst zur Befriedigung und anderen Menschen zum Heil da sei. Und in bezug darauf standen sich eigentlich die Menschen verflossener Zeitepochen, so paradox das heute klingt, im Grunde genommen näher, als sie sich heute stehen. Und das im Grunde genommen mit Recht! Mit Recht deshalb, weil wir in unserer Zeit in einer geschichtlichen Epoche leben, die — das haben die vergangenen Vorträge schon angedeutet —- besondere Kräfte herausgeholt hat aus den Untergründen der menschlichen Natur, insbesondere innerhalb der zivilisierten Welt, Kräfte, die nach der dargestellten Seite hin besonders tauglich sind, die aber weniger dazu tauglich sind, innerlich im Menschen die sozialen Instinkte, die sozialen Impulse lebendig anzuregen, die doch, wenn auch in einer für die heutige Zeit nicht mehr angemessenen Art, für frühere Zeitepochen vorhanden waren.

Wir schauen auf eine menschliche Entwickelung zurück, die hinter uns liegt: in drei bis vier Jahrhunderten hat sich die menschliche Fähigkeit, die menschliche Seelenkraft aus dem Innern der menschlichen Seele heraufgerungen, welche man als die intellektuelle, als die Kraft des Verstandes, der mehr oder weniger vernünftigen Weltenbetrachtung ansehen kann. Diese Weltenbetrachtung hat ihr Großartiges geleistet auf dem Gebiete der Naturanschauung. Sie kann den Menschen ungeheuer weit führen, wenn es sich darum handelt, seinen Umgang, seinen Vekehr mit der äußeren Natur zu entwickeln. Aber die Frage entsteht, ob es denn möglich sei, daß diese Kraft, die, ich möchte sagen, den Glanz, den Triumph der neuesten Zeit bildet, unmittelbar auch geeignet sei, den Verkehr des Menschen mit dem Menschen zu vermitteln. Eine klare Einsicht in diese Frage kann im Grunde genommen allein auch über die sozialen Forderungen der neuesten Zeit aufklären. Diese sozialen Forderungen könnten nämlich so, wie sie gewöhnlich formuliert werden, nur eine Art Oberflächenanschauung, gewissermaßen nur das Symptom sein für etwas viel tiefer im Menschen Liegendes. Das kommt insbesondere für eine geisteswissenschaftliche Betrachtung in Frage.

Wenn wir aber wiederum mit unbefangenem Blick hinschauen auf die Art und Weise, wie soziale Gestaltungen, soziale Menschenzusammenhänge in älteren Zeitepochen entstanden sind, ja, wie sie im Grunde genommen vielfach noch heute entstehen, bis zu den Kartellen, bis zu den Trusts hin, so müssen wir doch sagen: die beherrschenden Kräfte sind darinnen im Grunde nicht die intellektualistischen, nicht die der vernünftigen Betrachtung des Lebens, sondern sind Lebensinstinkte, sind innere, unbewußte Empfindungen. Und sollten wir aus dem, was sich so großartig als die intellektualistische Kraft in der Naturanschauung erweist, soziale Gestaltungen vollziehen, so würden sie wahrscheinlich nur eine sehr geringe Lebensfähigkeit haben. Denn es ist doch nicht bedeutungslos, daß diese Kraft des Intellekts sich besonders bedeutsam erwiesen hat in der Betrachtung der leblosen Natur und daß der Mensch, der nur Naturanschauung haben will, der nicht bis zu einer geistgemäßen Betrachtung der Dinge heraufrücken will, vor einem ihm unlösbaren Rätsel steht, wenn es sich darum handelt, mit seiner Anschauung aus dem Leblosen in das Lebendige heraufzudringen. Von dem, was geradezu durch seine innere Artung für das Unlebendige, für das Tote, seine große Bedeutung hat, darf es nicht verwunderlich sein, wenn es nicht dieselbe Tragkraft, dieselbe Fruchtbarkeit haben kann für das, was nicht nur lebendig ist, sondern was sich als seelenhafte soziale Menschengestaltungen herausbilden soll.

Und so können wir sagen: In gewissen unterbewußten Seelenregionen walten die Kräfte, die wirksam waren in den sozialen Gestaltungen; aber auf der anderen Seite verdankt der Mensch der heutigen Zeitepoche mit ihren besonderen Eigentümlichkeiten zwei der stärksten sozial wirksamen Impulse. Und gerade für diese zwei starken sozial wirkenden Impulse muß er die Eingliederung, die Orientierung suchen innerhalb des ganzen sozialen Lebens.

Mir trat eine der bedeutsamsten sozialen Fragen der Gegenwart vor die Seele, als ich vor dreißig Jahren den Versuch unternahm, das Problem der Freiheit des Menschen innerhalb des ganzen gesellschaftlichen Lebens der Menschen ins Auge zu fassen. Dieses Freiheitserlebnis ist eigentlich im Grunde genommen so alt wie das intellektuelle Leben. Indem das intellektuelle Leben den Menschen heraufhob bis zum Ergreifen des reinen Gedankens, durch den er dann auch die Naturerscheinungen erfaßt, wird er sich erst seiner Freiheit bewußt. Ältere Zeiten haben in alles Gedankenleben noch irgend etwas hineingemischt, was nur Ergebnis organischer Vorgänge war, was in den unbewußten Willensregionen instinktiv oder auch im Gefühlsleben unbewußt wurzelte. So klar, so durchsichtig hell etwas zu durchschauen, wie das im Denken der Fall ist, wenn das Denken sich aufschwingt zu klar erfaßten, mathematisch formulierten Naturgesetzen, etwas so klar zu erfassen, zu ergreifen, daß man mit seiner ganzen Wesenheit darinnensteckt, ist dem Menschen erst möglich geworden in der Zeit, als er sich zu dem reinen Denken erhoben hat, das Kopernikus, Galilei und ihre Nachfolger zu der neueren naturwissenschaftlichen Forschung inspiriert hat. So hängt gerade das Freiheitserlebnis zusammen mit dem, was herausführt aus den instinktiven Mächten, die früher sozial gestaltend waren.

Damit aber ist man, wenn man nun im vollen Ernste an das Freiheitsproblem herandringt, für eine Weile wie in eine Art Leerheit geworfen, die man empfindet, wenn man eben damit ernst macht — mit allen Schauern, die das Leere, ich möchte sagen, das Nichts überhaupt nur dem Menschen einflößen kann. Man kommt namentlich auf folgendes: In früheren Zeitepochen, wo die Menschheit in bezug auf das Seelenleben naiver, wo sie nicht bis zu der Bewußtheit heraufgekommen war, die in der neueren Zeit waltet, da konnten Anschauungen leben, die mehr bildhaft waren, die nicht im reinen, abstrakten Gedanken verliefen. Solche bildhaften Gedanken aber braucht man, wenn man sich hineinstellen will in das komplizierte soziale Menschenleben. Niemals kann das, was uns dazu führt, zu verstehen, wie wir unseren Platz in der Welt finden sollen, ausgemacht werden durch einen abstrakten Gedanken.

Nun habe ich in den Vorträgen der letzten Tage auseinandergesetzt, wie die geisteswissenschaftliche Entwickelung von dem abstrakten, toten Gedanken wiederum hinführt zu dem lebendigen Gedanken, durch den man ja tatsächlich nicht nur in die unorganische, leblose Natur eindringen kann, sondern in die Gestaltungen der lebendigen Natur, in das Innerliche auch der seelischen Welten. Damit aber nähert sich der Mensch, indem er diese allermodernste Entwickelung ins Auge faßt, mit seinem Bewußtsein wiederum dem, was einstmals, in früheren Zeitepochen, in instinktiver Art vorhanden war. Ich weiß, daß heute noch viele Menschen davor zurückschaudern, wenn man ihnen sagt: was unbewußt gewaltet hat in früheren Zeitepochen, was aus dem Unbewußten heraus die Phantasie befruchtet hat und so weiter, das kann durch solche Seelenentwickelung, wie ich sie geschildert habe, ins Bewußtsein heraufgehoben werden. Und gleich wittert man, daß dann hinter einer solchen Forderung etwas stecke wie eine Art Philistrosität, eine Art Schulmeisterei, welche die Naivität überführen will in Bewußtheit. Man wird nur so lange vor einem solchen Wege in die Bewußtheit zurückschaudern, so lange man eben nicht weiß, daß jenes Erleben in der Naivität, das zunächst den Menschen instinktiv eignete, wiederum hergestellt wird, trotz der Bewußtheit des lebendigen Denkens. Aber dieses lebendige Denken führt uns dann auch hinein in die fluktuierenden Begriffe, die sich im sozialen Leben abspielen.

Dafür möchte ich zunächst heute nur einleitungsweise auf eines hinweisen. Man redet zum Beispiel in der Gegenwart außerordentlich viel von Kapitalismus, von der Funktion des Kapitals in der sozialen Ordnung. Es gibt unzählige Definitionen von dem, was Kapital ist. Oftmals sind diese Definitionen sehr parteimäßig gefärbt. Aber hinter dieser Verschiedenheit der Definitionen des Kapitals steckt noch etwas ganz anderes. Man muß sich nur klar sein darüber, daß auch das, was so in der sozialen Struktur der Menschheit lebt wie zum Beispiel der Kapitalismus, in seiner Funktion eben nicht mit scharf konturierten Begriffen erfaßt werden kann, sondern daß man gerade dazu jene lebendigen Begriffe braucht, die einstmals das instinktive naive Seelenleben hatte und die heute wiederum das bewußte Seelenleben bekommen kann. Es sollen sich die Menschen nur einmal umsehen, was zum Beispiel Kapital in Mitteleuropa, in Deutschland bedeutete, wo eine gewisse soziale Entwickelung später eingesetzt hatte als in England, und was Kapital in England bedeutet, wo, als eine gewisse soziale Entwickelung einsetzte, einfach durch die vorherigen Stadien des ökonomischen Lebens Handelskapital da war zur Begründung desjenigen, was in Deutschland ohne Handelskapital, durch andere Kapitalschöpfungen geleistet werden mußte. Schaut man auf das hin, was die Rolle des Kapitals in Mitteleuropa war und was sie in England war, dann findet man sehr bald, daß man mit seinen Begriffen, die das soziale Leben, auch in seinen einzelnen Gestaltungen, umfassen sollen, nichts scharf Konturiertes haben kann, sondern daß man etwas haben muß, was die unmittelbare Wirklichkeit angreift an einer Stelle, welche in der Idee selber innerlich elastisch ist, so daß es sich fortbewegen kann zu anderen Gestaltungen derselben sozialen Struktur. Und weil wir in einem Zeitalter leben, das geradezu auf den Intellektualismus hin erzogen ist, der nur in scharf konturierten Begriffen leben kann, ist notwendig, daß wir, um zum Verständnis der sozialen Forderungen zu kommen, uns aus dem Intellektualismus heraus zur lebendigen Gedankenwelt finden, die sich dann wiederum in solche sozialen Impulse umsetzen kann, wie sie in älteren Epochen der Menschheitsentwickelung aus den Instinkten kamen.

Die Weltauffassung, die hier gemeint ist, soll eben nicht irgend etwas Theoretisches sein. Man wirft gerade ihr oftmals Dogmatismus vor, wirft ihr auch, wo sie über soziales Leben reden soll, vor, daß sie nach Utopien ausschaue, also nach Dogmatischem. Alles das ist unbegründet. Denn worauf es ankommt, ist gar nicht das, was man in den einen oder anderen Begriff faßt, es ist eine bestimmte Einstellung auf das Gesamtleben, auf das physische, das seelische, das geistige Gesamtleben, eine Einstellung auf die Fähigkeit, dieses Gesamtleben in seinen einzelnen konkreten Gestaltungen wirklichkeitsgemäß zu erfassen.

Dadurch aber eröffnet sich auf wichtigste soziale Forderungen unserer Zeit eine gewisse Perspektive: Wenn man mit den Mitteln einer geistigen Anschauung, wie ich sie entwickelt habe, das menschliche Leben selber betrachtet, dann findet man, daß auch das einzelne individuelle Menschenleben, wie die Entwickelung der Gesamtmenschheit in der Geschichte gewissen Phasen unterworfen ist. Und diese Phasen, die auch einer Oberflächenbetrachtung vor Augen liegen, enthüllen sich in ihrem Wesen erst, wenn man in die geistigen Zusammenhänge hineinschaut. Da zeigt sich zum Beispiel, wie weder das Kind in den ersten Lebensjahren, noch auch das Kind im volksschulpflichtigen Lebensalter, noch auch eigentlich der junge Mensch vor dem zwanzigsten Lebensjahr mit innerer Hingabe voll in dem lebt, was als intellektualistische Denkweise heraufgekommen ist in der Entwickelung der Menschheit. Im Grunde genommen erfassen wir in uns den Intellektualismus erst aus einer inneren Sympathie, wenn wir in das reifere Lebensalter der Zwanzigerjahre getreten sind. Da beginnen wir, den Intellektualismus wie ein inneres seelisches Knochensystem zu empfinden. Bis dahin fühlen wir eigentlich unser Leben so, wenn auch instinktiv, als ob es sich erst innerlich in einer gewissen Weise erhärten sollte nach solchen Richtlinien, die dann als dieses seelische Knochensystem auftreten. Aber unser ganzes soziales Leben, das in begreiflicher Weise von den Erwachsenen gestaltet ist, ist durchdrungen von dem, was nun doch in einer gewissen Weise von diesem Intellektualismus beeinflußt ist, wenn auch der Intellektualismus selber nicht sozial schaffend sein kann. Er strömt hinein in das, was unsicher geworden ist in den Instinkten. Und so haben wir in unserer heutigen sozialen Gestaltung ein unorganisches Zusammenwirken der unsicher gewordenen Instinkte und desjenigen, was an Intellektualismus in das soziale Leben hineinwill und doch eigentlich nicht hineinpaßt.

Aber das bedingt, daß wir uns im Grunde genommen von dem, was eigentlich vorgeht im sozialen Leben, Ideen machen, die ganz anders sind als das, was als Kräfte in der Wirklichkeit vorhanden ist. Wir sprechen heute zumeist in ziemlich uneigentlichem Sinn von dem, was sozial unter den Menschen waltet. Wir haben uns als Menschheit in den drei bis vier letzten Jahrhunderten dazu erzogen, alles in intellektualistische Formen zu prägen. Das können wir als erwachsene Menschen, aber das können wir nicht, solange wir Kinder, solange wir Jugend sind.

Die Jugend entwickelt ganz andere als die intellektualistischen Kräfte. Das Kind entwickelt zunächst die Kräfte, ich möchte sagen, durch die es ein einziges Sinnesorgan ist, ganz ähnlich dem Sinnesorgan, das ich als Geistorgan geschildert habe; nur ist es das Kind auf mehr materielle Weise, Es nimmt als ganzer Mensch seine Umgebung wahr und prägt, was es wahrnimmt, in seine eigene Bewegung um. Es ist ein Nachahmer. Diese Nachahmung, die das ganze seelische Leben des Kindes durchpulst, ist ganz gewiß nichts Intellektualistisches. Dann tritt das Kind ein in das Lebensalter, etwa vom Zahnwechsel an bis zur Geschlechtsreife reichend, in dem es angewiesen ist, nicht mehr nachzuahmen, wohl aber das aufzunehmen, was als Meinung, als Überzeugung ihm von seiner erwachsenen Umgebung gegeben wird.

Glauben Sie nicht, meine sehr verehrten Anwesenden, daß derjenige, der die «Philosophie der Freiheit» geschrieben hat, vor Ihnen aus irgendeinem reaktionären Instinkt heraus das sagen wird, was er jetzt zu sagen hat. Was ich zu sagen habe, entspricht einem Gesetz der Menschheitsentwickelung. Von dem Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife entwickelt der junge Mensch aus dem Innern seines Wesens heraus das Bedürfnis, hinzuhören auf das, was ihm selbstverständliche Autorität sein kann und was ihm durch die selbstverständliche Autorität gegeben wird. Wer das Leben unbefangen zu betrachten weiß, kann sich schon sagen, welches Glück es für seine innere Seelenharmonie durch das ganze Leben hindurch ist, wenn er gerade in dem eben angedeuteten Lebensalter so recht verehrungsvoll zu dieser oder jener Autorität hinaufsehen konnte, die er jetzt nicht nachahmte, die ihm aber so gegenüberstand, daß er sich sagte: Durch diese menschliche Individualität offenbart sich mir das, was ich selber sein soll, was ich selber sein will; ich höre hin auf das, was der oder die meint, und nehme die Meinung in meine Seele auf.

Für einen wirklichen Psychologen stellt sich sogar das Folgende heraus: Man kann lange wettern, daß das Kind in diesem volksschulpflichtigen Lebensalter nur aufnehmen solle, was es schon versteht. Dann sorgt man eigentlich nur für dieses eine Lebensalter des Kindes, abgesehen davon, daß unendliche Trivialitäten aufgehäuft worden sind in dem Bestreben, an das Kind immer nur das heranzubringen, von dem man glaubt, daß das Kind «es schon versteht». Das Kind versteht zwar mehr, als mancher glaubt, aber es versteht nicht aus der Intellektualität heraus, sondern aus dem ganzen Sein heraus. Und da kommt das andere noch vor: daß man dreißig, vierzig, fünfzig, sechzig Jahre alt ist und irgend etwas aus den Untergründen der Seele heraufdringt, was eine Reminiszenz ist aus dem, sagen wir, achten Lebensjahr. Da hat man es geholt von einer Autorität; man hat es aufgenommen aus der Verehrung heraus, man hat es damals nicht im intellektualistischen Sinn verstanden, man hat sich aber eingelebt in das, was man so mit seinem ganzen Menschen aufgenommen hat. Dasjenige, in das man sich so eingelebt hat, ist in die Tiefen der Seele hinuntergezogen. Nach Jahrzehnten taucht es auf. Man ist reifer geworden. Jetzt versteht man es, jetzt belebt man es erst! Es bedeutet ungeheuer viel für das Leben im späteren Alter, wenn man in dieser Weise das, was man seit seiner Kindheit in sich trägt, zu neuem Leben heraufholen kann. Das ist etwas ganz anderes, als in bloßen unverwandelten Erinnerungen leben.

Dieses andere nun kann begründet sein auf einer lebendigen Erziehungskunst. Auf einer Erziehungskunst, die dem Kind in jenem Lebensalter nicht scharfkonturierte Begriffe geben will, sondern lebendige. Jene sind ja für gewisse Zwecke des Lebens gut. Dem Kinde gegenüber nehmen sie sich aber so aus, wie wenn wir seine Hand ergreifen und sie einpressen würden, daß sie nicht wachsen kann, daß sie klein bleiben muß, daß sie nicht verwandelte Formen annehmen kann. Erst dann, wenn wir zu einer Erziehungskunst vordringen, die lebendige Begriffe übermittelt, die mit dem Kinde weiterleben, wie seine Glieder mit ihm weiterleben, die also nicht scharf konturiert sind, sondern die innerliches Wachstum haben - erst dann geben wir dem Kinde nicht nur die rechte Lebensfreude, sondern auch die richtige Lebenskraft. Wenn das Kind solches erlebt, wie ich es eben angedeutet habe, als etwas ganz Naives im Seelenleben, so ist das nicht das intellektualistische Verstehen und Begreifen. Es ist das Hinnehmen von einer verehrten Autorität, was uns Lebenskräfte bringt.

Und dann beginnt nach dieser Zeit das Alter, wo wir im Grunde genommen nicht anders können, als so an die Welt herantreten, daß, ohne sogleich in scharf konturierte Begriffe zu gehen, darin Liebefähigkeit lebt, daß ein Eintauchen in die Dinge so lebt, daß wir uns manchmal recht illusionäre, aber um so kraftvollere Ideale herausholen, die unsere Liebe befeuern.

Erst wenn wir das alles durchgemacht haben, gehen wir ohne Schaden, möchte ich sagen, für unsere volle Menschheit in das intellektualistische Lebensalter. Aber was heute vielfach die älteren Generationen der Jugend als Lehrgut überbringen, das ist eigentlich etwas, was erst einem späteren Alter angemessen ist. Und so stehen wir heute als Lehrer der Jugend oftmals so gegenüber, daß sie uns nicht bloß aus irgendwelchen zufälligen Anlässen, sondern aus dem Innern ihres Wesens heraus nicht verstehen kann.

Ältere Zeitalter entwickelten im sozialen Leben Kräfte, durch die der Alte den Jungen in einer ganz anderen Weise verständlich war, als das heute der Fall ist. Daher hat sich diese soziale Kluft aufgetan zwischen dem Alter und der Jungend. Derjenige begreift sie, der unsere Zeit so erfaßt, wie sie erfaßt werden muß, wenn man auf das Werden in den letzten drei bis vier Jahrhunderten hinsieht. Und nicht nur durch eine geistige Vertiefung, sondern durch Verlebendigung unseres Geisteslebens müssen wir wiederum jene Fähigkeit erlangen, durch die sich der erwachsene Mensch mit der Jugend voll verstehen kann.

Das aber ist nur eine Seite, nur ein ganz kleines Glied sogar innerhalb der sozialen Forderungen der Gegenwart: daß die Kluft zwischen den Generationen überbrückt werde. Sie kann es nur durch eine Erweiterung des ganzen inneren menschlichen Erlebens. Erst derjenige, der das heutige intellektualistische Seelenleben innerlich zu dem lebendigen Denken und zu dem geistigen Schauen erkraftet, oder wenigstens die Ergebnisse dieses Denkens und Schauens hinnimmt, denn sie beleben auch die ganze Seele, erst der findet wieder die Möglichkeit, voll in das kindliche Leben hineinzuschauen, um aus diesem kindlichen Leben selbst heraus die Kräfte zu suchen, durch die man sich mit ihm verständigen kann. Aber wenn man auf so etwas hinweist wie auf die Kluft, die sich zwischen Alter und Jugend in unserer Zeit aufgetan hat, weist man zugleich auf das hin, was überhaupt an Klüften waltet zwischen Mensch und Mensch, zwischen Mann und Frau, zwischen Klasse und Klasse in unserer Zeit. Denn ebenso wie uns das bloße intellektualistische Leben trennt von dem Kinde, So trennt es uns im Grunde genommen auch von dem anderen Menschen. Man sieht erst, wenn man das lebendige Denken entwickelt hat, das wiederum gewissen instinktiven Erfassungen des Weltendaseins ähnlich wird, daß man durch dieses lebendige Denken wiederum so fest seinen Standpunkt in der sozialen Ordnung finden kann, wie ihn einstmals der instinktive Mensch gefunden hat, so daß die sozialen Organismen möglich waren. Man findet auch, daß man erst durch das, was man erringt, indem das Bewußtsein leer wird, indem man also hereininspiriert erhält aus der geistigen Welt, was geistige Wesenheiten offenbaren, in die Lage kommt, den anderen Menschen wirklich zu verstehen, hinüberzusehen über die Klüfte der Klasse, über die Klüfte der Geschlechter.

Das ist die zweite Stufe des sozialen Zusammenlebens. Die erste Stufe ist, daß durch das Imaginative — wie es früher das instinktive Sich-Hineinstellen in die Umwelt war — der eigene Standpunkt gefunden wird. Die zweite Stufe ist, daß man die Brücke hinüber findet zum anderen Menschen, zu dem Menschen, der in einem anderen sozialen Zusammenhang drinnen lebt. Heute ist das der Menschheit außerordentlich schwer gemacht; denn im Grunde genommen urteilt man nicht aus der Wirklichkeit heraus, wenn man sich aus seinen Empfindungen heraus hineinstellt ins soziale Leben. Man urteilt im Grunde genommen gerade dann, wenn man glaubt, am wirklichkeitsgemäßesten zu urteilen, am wirklichkeitsfremdesten. Man muß nur einmal gesehen haben, wie sich heute selbst führende Persönlichkeiten ins Leben hineinstellen, dieses Leben meistern möchten, aber im Grunde genommen doch an die Wirklichkeit dieses Lebens nicht heranreichen.

Ich möchte ein Beispiel anführen, weder um für, noch um gegen die Persönlichkeit, die ich anführen will, Stellung zu nehmen; nichts soll für oder gegen gesagt werden, nur die Erscheinung soll charakterisiert werden. Ich möchte hinweisen auf eine besonders markante, radikal wirkende Persönlichkeit des sozialen Wirkens in der neuesten Zeit, auf Rosa Luxemburg. Lernte man sie als Persönlichkeit kennen, so hatte man einen Menschen vor sich, der einem eigentlich vollständig mit bürgerlichen Allüren entgegentrat: gemessen in der Bewegung, gemessen in der Redeweise, durchaus in jeder einzelnen Bewegung, in jedem einzelnen Worte maßhaltend. Es waltete sogar eine gewisse Milde, nicht irgend etwas Stürmisches, in dieser Individualität. Hörte man sie aber vom Podium aus reden, dann sprach sie so - nun, ich will ein konkretes Beispiel anführen —, daß sie etwa sagte: Ja, da hat es Zeitalter gegeben, in denen der Mensch glaubte, er stamme aus irgendwelchen geistigen Welten her, diese geistigen Welten hätten ihn in das soziale Leben hereingestellt. Heute weiß man von dem Menschen, so sagte sie, daß er einstmals in höchst unanständiger Weise, unbekleidet, wie ein Affe auf den Bäumen herumgeklettert ist und daß sich aus diesem Affenmenschen heraus diejenigen entwickelt haben, die heute in den verschiedensten Positionen des sozialen Lebens drinnenstehen. Und das wurde vorgebracht in einer Weise, die, ich möchte sagen, von einem gewissen religiösen Impuls durchglüht war, allerdings nicht mit dem Feuer der unmittelbaren individuellen Wirksamkeit, aber so, wie gerade große proletarische Massen das am besten verstehen konnten: mit einer gewissen gemessenen Trockenheit, so daß es auch aufgefaßt werden konnte mit einer gewissen Trockenheit der Empfindung und daß es trotz der Trockenheit dieser Empfindung eine gewisse Begeisterung hervorrief, aus dem Grunde, weil gefühlt wurde: Da sind ja im Grunde genommen alle Menschen gleich und alle sozialen Unterschiede sind hinweggefegt! — Aber das, was so gesprochen worden ist, ist nicht aus einem Drinnenstehen im sozialen Leben gesprochen worden. Es ist gesprochen worden aus der Theorie heraus, die allerdings glaubte, lebensvoll zu sein. Es erzeugte, möchte ich sagen, eine Wirklichkeit, die doch im Grunde genommen keine Wirklichkeit, namentlich keine fruchtbringende Wirklichkeit sein kann.

Wie diese markante Persönlichkeit Rosa Luxemburg stehen im Grunde genommen die meisten Menschen heute im sozialen Leben: sie reden über das soziale Leben, ohne daß in ihren Worten die Kraft pulsiert, die aus dem unmittelbaren Leben heraus kommt, aus dem Miterleben des Sozialen im Menschen. Das kann man, wenn man mit der alten instinktiven Kraft des Anschauens der sozialen Gestaltungen seinen Platz im Leben und weiterhin die Brücke zu den Menschen anderer Stände, anderer Klassen, auch anderen Lebensalters hinüber und zu den einzelnen Menschen, den menschlichen Individualitäten findet. Das war in älteren Epochen durch außerordentlich tiefliegende menschliche Instinkte gefunden worden.

Sie werden Erkenntniskräfte, bewußte Erkenntniskräfte, indem sich der Mensch hinentwickelt zum Geistorganismus, zum «Sinnesorgan», das er als menschliche Totalität wird, wie ich es geschildert habe, wodurch er dann mit seinem Willen selber in der geistigen Welt leibfrei darinnenlebt.

Denn das Hinüberleben zum anderen Menschen ist immer ein unbewußtes oder bewußtes leibfreies Erfühlen dessen, was der andere ist. Es ist eine graue Theorie, wenn man glaubt: wir schauen den Menschen an, schauen, wie er ein so geformtes Ohr, eine so geformte Nase, ein so geformtes Gesicht hat, und weil wir wissen, daß wir auch so eine Nase und eine so und so geformte Stirne und so weiter, daß wir ein Ich haben, so schließen wir durch einen unbewußten Schluß, daß der andere auch ein Ich habe. Das tun wir nicht. Wer den Tatbestand seelisch überschauen kann, der weiß, daß es sich, wenn wir einem anderen Menschen gegenüberstehen, um ein unmittelbares Wahrnehmen dessen handelt, was in dem anderen Menschen lebt. Man möchte sagen: die unmittelbare Wahrnehmung des anderen ist nur der Sehakt, ins Geistig-Seelische hineingesteigert.

Darauf kommen sogar gewisse Gestaltungen der heutigen Philosophie. Geisteswissenschaft zeigt, daß, indem in bewußter Weise die unbewußt, instinktiv wirkende Kraft aufgefunden wird, der Mensch sich hinüberlebt in die andere menschliche Individualität und sich erst dadurch voll in das soziale Leben hineinstellen kann. Dann aber, wenn wir einmal mit dem auf der Erziehungsstufe der menschlichen Entwickelung, auf die wir gehoben sind, erreichten Intellektualismus, oder vielmehr durch das, was aus ihm herauswachsen kann, auf eine solche sich vergeistigende Seelenentwickelung des Menschen hinweisen können, dann können auch soziale Perspektiven gefunden werden. Allerdings, erst wenn man in dieser Weise das Geistige erfassen kann, kommt man mit einer Kraft, die den früheren Schauder hinwegschafft, zu einem unmittelbaren Erleben des Freiheitsimpulses im Menschen.

Nun ist dieser Freiheitsimpuls auch nur aus dem vollen Menschenleben heraus von der Seele wirklich zu ergreifen. Daß er nur aus dem vollen Erleben heraus zu ergreifen ist, möchte ich an dem einen Beispiel der Erziehungskunst wiederum veranschaulichen.

Worauf ist denn eigentlich die Waldorfschule in Stuttgart, die aus einer geistgemäßen Welt- und Lebensanschauung heraus geschaffen ist, gebaut? Sie will gerade als eine soziale Einrichtung in das gegenwärtige soziale Leben sich so hineinstellen, wie es die Kräfte der Gegenwart selber erfordern. Daher ist sie durchaus nicht darauf gebaut, in irgendeiner Beziehung eine Weltanschauungsschule zu sein. Das wäre eine ganz falsche Auffassung des Prinzips der Waldorfschule, wenn man glauben wollte, daß den Kindern dort irgendeine Weltanschauung beigebracht werden solle. Eine Welt- und Lebensauffassung, die als eine geistgemäße vertreten wird, ist eigentlich für die Lehrerschaft da. Und das, was an dieser Welt- und Lebensauffassung nicht Theorie, sondern volles Leben ist, kann sich auch ausleben in der pädagogischen Geschicklichkeit, in dem didaktischen Takt, in all dem, was der Lehrer ausführt, in dem ganzen Wirken des Unterrichtens und des Erziehens.

Auf das, was oftmals in einzelnen Sätzen über die Waldorfpädagogik gesagt wird, kommt es gar nicht an. Diesen einzelnen Sätzen gegenüber können einzelne Menschen ganz gut sagen: Ja, das wollen diese und jene Unterrichts- und Erziehungsmethoden auch. Es ist auch im Grunde genommen, wenn man auf abstrakte Prinzipien sieht, so, daß man sagen kann: Das, was man in abstrakten Sätzen in bezug auf Unterrichts- und Erziehungsmethoden der Waldorfschule sagen kann, findet man sonst auch. Worauf es hier ankommt, ist das unmittelbare Leben, das aus einer Leben erzeugenden Weltauffassung herausfließt und nicht aus einer bloß Begriffe erzeugenden Lebensauffassung.

Was wird dadurch erlangt? Nun, es ist schwer, scharfumrissene Begriffe hinzustellen, wenn man Leben schildern will. Daher will ich mich durch das Folgende ausdrücken: Es kommt auch ganz gewiß unter den Personen der Lehrerschaft der Waldorfschule vor, daß solche darunter sind, die nicht immer außerordentlich genial sind — man kann das sagen, ohne irgend jemandem nahezutreten. Aber wenn auch die verschiedensten Stufen der körperlichen, seelischen, geistigen Fähigkeiten im Lehrer vorhanden sind, so muß man doch wiederum sagen: Unter diesen Schulkindern, die der Lehrer da vor sich hat, könnten doch solche sein, die einmal Fähigkeiten im Leben entwickeln werden, welche weit über das hinausgehen, was der Lehrer selber an Fähigkeiten hat.

Man muß also eine Pädagogik ermöglichen, durch die man nicht nur die Kinder in jedem Lebensalter so behandeln kann, daß sie einmal zu den Fähigkeiten kommen, die man selber hat, sondern daß sie eventuell ungehindert Fah1gkelten entwickeln, die man selber gar nicht hat, die in ihnen veranlagt sind. Man muß also, wenn man selbst auch nicht genial ist, der Entwickelung des Kindes zur Genialität kein Hindernis entgegensetzen. Man kann lange deklamieren, man solle die Individualität eines Kindes entwickeln, nicht irgend etwas in es hineinpfropfen, sondern alles aus dem Kinde herausholen - man kann das sagen, und wenn man bloß auf das Begriffliche hinsieht, so klingt es wunderschön, und man glaubt, es sei etwas Fruchtbares im Leben. Allein oftmals meint man doch mit dem, was man so sagt, nichts anderes als: man entwickelt das im Kinde, wovon man meint, daß es seine Individualität sein könne, und das werde keine über die Individualität des Lehrers hinausreichende Individualität sein.

In der Waldorfschule ist alles auf Erziehung in der Freiheit veranlagt. Das, was das innerste Geistig-Seelische im Menschen ist, wird im Grunde genommen überhaupt durch die Waldorfschulmethode gar nicht angetastet. Das wird ebensowenig angetastet, wie man etwa bei einer Pflanze, die man in den Boden setzt und durch Licht und Luft sich dann frei entwickeln läßt, allerlei Stöckchen anbringt und sie hineinschnürt in die Schablone. Die geistig-seelische Individualität des Kindes ist ein Heiligstes, von dem derjenige, der die wahre Menschennatur erkennt, weiß, daß es ganz von selber den Impulsen folgt, die die Umgebung, die alle Welt auf es ausübt. Daher hat der Lehrer hinwegzuräumen, was diese mit heiliger Scheu behütete Individualität in ihrer Entwickelung hindern kann. Die Hindernisse, die vom Physischen, vom Seelischen und auch vom Geistigen ausgehen können, kann man in einer echten Menschenkunde durchschauen, wenn man diese Menschenkunde nach der pädagogischen und psychologischen Seite hin entwickelt. Und gerade wenn man eine solche Menschenkunde entwickelt, lernt man mit feinem Sinn beobachten, wo irgendein Hindernis der freien Entwickelung der Individualität da ist. Man braucht da nicht grob hineinzugreifen. Man vermeidet eine fremdartige Gestaltung dieser Individualität. Indem man sieht: da ist ein Hindernis, das muß man hinwegräumen, räumt man es hinweg. Dann weiß die Individualität sich durch ihre eigene Kraft zu entwickeln in einer Weise, die in ihren Fähigkeiten weit über das hinausgehen kann, was der Lehrer in sich hat.

Das heißt aber wirkliche Achtung gegenüber der menschlichen Freiheit haben! Diese menschliche Freiheit bedingt, daß der Mensch die Impulse, die ihn leiten und treiben im Leben, in sich selber findet. In älteren Zeiten hat der Mensch, indem er sich instinktiv in die soziale Umgebung hineingelebt hat, aus seiner Umgebung etwas aufgenommen, das dann in ihm als moralische, als religiöse Impulse gewirkt hat. Das ist, ich möchte sagen, herabgelähmt in seiner Tragkraft durch den Intellektualismus, Was in Bewußtheit wiederum zu denselben sozialen Impulsen hinführt, die einstmals auf instinktive Weise erlangt worden sind, das muß erst entwickelt werden.

Dadurch aber sieht sich der moderne Mensch vor zwei Dinge gestellt: auf der einen Seite davor, daß er nunmehr seine sittlichen, seine religiösen Impulse in seiner eigenen Individualität suchen muß, daß er sie nur da finden kann, wo seine Seele ihre ursprünglichsten eigenen Kräfte entwickelt; auf der anderen Seite, daß im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte gerade der Intellektualismus großgezogen worden ist, so großgezogen, daß er als die einzige Autorität gilt, der nun nimmermehr ein solches unmittelbares geistiges Erleben geben, sondern nur auf das natürliche Leben hinschauen und es ordnen kann.

So stehen wir auf der einen Seite vor dem, was wir als Menschheit - allerdings in großartiger Weise — innerhalb des Naturgeschehens mit unserem Verstand vermögen. Da ist die Menschheit als Ganzes auch produktiv. Wir sehen dieses Produktive der Menschheit seit drei bis vier Jahrhunderten herauftauchen in den großartigen Übergängen, die gefunden worden sind zwischen der Naturanschauung und der Technik. Wer da verfolgen kann, was der Mensch durch die Fähigkeit der Naturerkenntnis erlangt, der sieht auch, wie die Menschheit in technischer Beziehung vorwärtsgekommen ist. Studieren Sie einmal ein einfaches Beispiel, sagen wir, wie der in gewisser Beziehung geniale He/mholtz seinen Augenspiegel gefunden hat.

Wenn sie das verstehen wollen, müssen Sie berücksichtigen, wie seine Vorgänger schon nahe daran gewesen waren — wie gestoßen durch den naturwissenschaftlichen Fortschritt —, wie er nur den allerletzten Schritt zu tun brauchte. Man möchte sagen, das naturwissenschaftliche Denken als solches hält seinen Einzug in den Menschen und führt ihn weiter. Dann ist der Mensch auf dem Gebiet der Technik produktiv. Denn es lebt in ihm, was er aus der Natur heraussaugt, selber als eine inspirierende Gabe. Man kann bis in die jüngsten Entdeckungen hinein verfolgen, wie, wenn jemand Naturwissenschafter wird, dann das, was er aufnimmt, gewissermaßen seinen Geist stößt von Technizismus zu Technizismus, so daß die Inspiration der Natur nun weiterwirkt. Da ist eine Inspirationskraft!

Diese Inspirationskraft fehlt dem modernen Menschen da, wo das Ethische, das Willensgemäße, das Religiöse, kurz, alles das, was, von der Menschenseele ausgehend, zuletzt doch zum sozialen Gestalten und sozialen Leben führt, in Betracht kommt. Hier brauchen wir wiederum eine Kraft, die auf geistig-seelischem Gebiete geradeso wirkt wie die rein natürliche inspirierende Kraft in unserer äußeren Technik. In unserer äußeren Technik haben wir es außerordentlich weit gebracht. Was wir da errungen haben, das müssen wir als Menschheit der modernen Zeit damit bezahlen, daß eine Weile zurückgeblieben ist das rein geistige Leben, sich genährt hat von alten Traditionen sowohl in religiöser wie in moralischer und sozialer Beziehung. Wir brauchen aber heute die Möglichkeit, aus der menschlichen Individualität heraus in vollem Freiheitserlebnis zu unmittelbaren moralischen Impulsen zu kommen. Weil wir vor dieser sozialen Notwendigkeit stehen, war es mir auch möglich, in meiner «Philosophie der Freiheit» darauf hinzuweisen, daß es so etwas geben müsse wie eine moralische Intuition. Und ich habe dazumal schon angedeutet, daß das, was der Mensch an wirklichen, nunmehr im modernen Leben nur individueller wirkenden, moralischen Impulsen finden kann, die ihn sittlich und moralisch erkraften, nur aus einer geistigen Welt heraus kommen könne. So also stehen wir gerade dadurch vor der Notwendigkeit, zu geistigen Intuitionen aufzusteigen, daß wir in unseren Betrachtungen der Außenwelt zu etwas geistig Produzierendem gar nicht kommen.

Wer sich in bewußter Weise gerade in das innere Erleben des technischen Zeitalters hineinzustellen vermag, ist vielleicht am allermeisten geneigt, auf der anderen Seite zu sagen: Indem wir in die Notwendigkeit gestellt sind, um das Unlebendige der Technik zu überschauen, am Boden dieses Technischen zu kleben, können wir aus dem, was uns Technik gibt, nicht so moralische Impulse holen, wie es der ältere Mensch konnte, der in Sturm und Wind und Fluß und Stern ein Geistig-Seelisches sah, das er wie Naturkräfte empfand. Wir können das nicht, weil wir eine von alledem gereinigte Naturerkenntnis haben. Wir können daher unsere moralische Welt nur gewinnen, wenn wir sie in freier Intuition unmittelbar geistigindividuell erfassen.

Dazu aber brauchen wir eine innere lebensvolle Kraft des Geistigen. Und diese lebensvolle Kraft des Geistigen, ich glaube, sie kann gegeben werden durch das Versenken in die Ergebnisse jener Welt- und Lebensauffassung, die ich hier entwickelt habe. Diese Welt- und Lebensauffassung will eben durchaus nicht sagen: das ist so und das ist so in Ideen und Begriffen, sondern will Ideen und Begriffe nur bringen, damit diese etwas so Lebendiges in uns werden, auf geistige Art, wie das Lebensblut selber, so daß die Tätigkeit des Menschen angeregt wird, nicht bloß sein Denken. So erscheint das, was als solche geistgemäße Welt- und Lebensauffassung entwickelt werden kann, durchaus zugleich als ein sozialer Impuls neben einem Erkenntnisimpuls.

Das wird vielleicht dazu berechtigen, zu sagen: Die sozialen Forderungen der Gegenwart, wie sie im öffentlichen Leben heute vielfach formuliert werden, nehmen sich für den, der die ganze Signatur unserer Zeit unbefangen ins Seelenauge zu fassen weiß, so aus, daß sie eigentlich Symptome sind, Symptome dafür, daß die alten Instinktsicherheiten des sozialen Lebens verloren sind und daß wir vor der Notwendigkeit stehen, ein geistiges Leben in bewußter Weise zu begründen, das wiederum dieselben Impulse gibt, die einstmals das instinktive Leben alter Zeitalter gegeben hat. Weil man glauben kann, daß ein solches Anregen der innerlichsten seelischen Lebenskräfte des Menschen wirklich den sozialen Forderungen unserer Zeit entspricht, deshalb möchte man auch in dieser Zeit der schweren sozialen Prüfungen von der Zeit und ihren sozialen Forderungen in diesem Sinne sprechen.

Manchmal hat man schon in der Gegenwart das Gefühl: Ach, die unmittelbare Not des Tages, das Elend des Augenblicks ist so groß, daß man im Grunde genommen sich einzig und allein diesem widmen, und erst dann, wenn in dieser Beziehung ein wenig Abhilfe geschehen ist, nach weiteren Perspektiven ausschauen sollte. Von all den Einwendungen, die mir gemacht worden sind, seit ich auf die Aufforderungen eines gewissen Freundeskreises wiederum versucht habe, über das soziale Leben zu sprechen, mich an allerlei zu beteiligen, was mit diesem sozialen Leben zusammenhängt, habe ich am besten die zahlreichen Briefe verstanden, die immer wieder und wiederum, insbesondere vor zwei Jahren, an mich gekommen sind, des Inhalts: Was wollen eigentlich alle diese sozialen Ideen? Hier in Mitteleuropa handelt es sich zunächst um das nackte Brot! Immer wieder war dieser Einwand da. Man kann ihn verstehen. Aber in anderer Beziehung muß man auch das begreiflich finden, daß ja die Erde an Fruchtbarkeit in keinem Zeitalter den Menschen das, was sie geben kann, vorzuenthalten in der Lage ist, wenn die Menschen nur jene sozialen Gestaltungen finden, durch die das, was die Erde geben kann, in der richtigen Weise in diese sozialen Gestaltungen hineinfließen und innerhalb dieser sozialen Gestaltungen erarbeitet werden kann.

Deshalb erscheint mir auch die Meinung berechtigt, daß es gewiß ein außerordentlich Liebes und Gutes ist, wenn man sich der unmittelbaren Lage des Augenblicks widmet, und daran wird niemand durch solche Betrachtungen gehindert, wie sie hier angestellt worden sind. Aber ebenso wie das gut ist, muß gesagt werden: Für den Augenblick mag gut sein, was da getan werden kann, aber es muß auf der anderen Seite so schnell als möglich dazu kommen, daß man soziales Verständnis habe, damit nicht wiederum die Bedingungen sich neu erzeugen, durch die die Menschen in solche Not und in solches Elend hineinkommen.

Daß da mit den alten utopistischen und intellektualistischen Formulierungen des Sozialen nicht ausgekommen werden kann, das hätte sich den Menschen zeigen sollen, als manche von denjenigen, die vor kurzem noch mit einer unglaublichen Sicherheit von dem sprachen, was da sein sollte im sozialen Leben, dann hingestellt worden sind vor das, was sie nun tun sollten. Wahrhaftig, eine größere Ratlosigkeit im sozialen Leben war kaum jemals vorhanden als unter denen, die scheinbar am allergewissesten gewußt haben, wie die sozialen Gestaltungen zu formulieren wären, wenn man nur das Alte so schnell als möglich hinwegräumen könnte.

Das Experiment, das in dieser Richtung liegt, hat ja im Osten von Europa in die furchtbarsten Zerstörungskräfte hineingeführt. Und es ist Illusion, wenn die Menschheit heute glaubt, daß sie ohne ein gründliches soziales Denken und Fühlen und Erleben, durch bloße Fortsetzung der alten Formulierungen, in etwas anderes hineinkommen könnte als in Zerstörungskräfte. Das Gespenst des europäischen Ostens ist das, was drohend herüberschaut nach dem Westen. Aber dieses Schauen sollte uns nicht untätig sein lassen, sondern uns auffordern, in jeder Stunde nach lebendigen sozialen Kräften, nach einer lebendigen Formulierung der sozialen Forderungen zu suchen, da ja die abstrakten und utopistischen sich in ihrer Unfruchtbarkeit erwiesen haben.

Wie das im einzelnen geschehen kann, das werden die nächsten Vorträge zeigen. Heute wollte ich nur eine Art Einleitung geben, die zeigen soll, daß hinter dem, was in ausgesprochenen Worten als soziale Ideen charakterisiert wird, etwas Tieferes liegt, etwas, was zusammenhängt mit einer Umgestaltung des ganzen Seelenlebens.

Das hat man in der allerneuesten Zeit bis weit in die Proletarierkreise hinein zu begreifen begonnen. Und wer sich umsieht, der weiß, daß die sozialen Forderungen, und namentlich die Empfindungen ihnen gegenüber, in einem ganz wesentlichen Umgestaltungsprozeß sind. Die alten Schlagworte werden schon mehr oder weniger in ihrer Unfruchtbarkeit erkannt. Und vielfach betont man es jetzt schon, daß zu Seelischem übergegangen werden müsse, daß wiederum moralische und religiöse Impulse das soziale Leben durchpulsen müßten. Aber man hat noch nicht das Leben, das man wirklich braucht.

Unsere Zeit glaubt, recht wirklich und realistisch zu sein, und weiß gar nicht, wie theoretisch sie im Grunde genommen ist, theoretisch ganz besonders dann, wenn es sich um die Aufstellung der sozialen Forderungen handelt. Das — es darf vielleicht zum Schlusse ausgesprochen werden — kann heute eigentlich nicht die Aufgabe sein, unmittelbar neue soziale oder überhaupt andere Ideale aufzustellen. An abstraktem Aussprechen von Idealen haben wir keine Not. Was uns fehlt, ist nicht dieses abstrakte Hinneigen zum Idealismus. Was wir brauchen, ist etwas anderes: das Erleben des Geistigen, nicht bloß das Erdenken des Ideellen. Was wir brauchen, ist, daß wir den Geist nicht bloß in Begriffen haben, sondern in solcher Lebendigkeit, daß er, ich möchte sagen, wie menschliche Wesen unter uns in all unserem Tun herumwandelt.

Wenn wir so den Geist als etwas Lebendiges begreifen, dann werden wir auch aufsteigen können zu ihm als einem sozial Wirksamen. Demgegenüber dürfen wir sagen: Wir brauchen heute nicht bloße Formulierung von Idealen und sozialen Forderungen. Wir brauchen etwas, was uns Kraft gibt, den Idealen zu folgen, was uns inneres Leben gibt, diese Ideale zum Glühen zu bringen, etwas, was unseren Willen erregt zum vollen, für die Welt fruchtbaren Enthusiasmus für die Ideale, für das geistige Leben.

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