The Tension Between East and West

GA 83 — 8 June 1922, Vienna

Die Zeit und Ihre Soziale Gestaltung

Atlantische und Pazifische Kultur

Meine sehr verehrten Anwesenden! Als vor einigen Monaten ein englischer Kolonialminister die Worte ausgesprochen hat, der Schwerpunkt der Welt habe sich verschoben von der Ostsee und dem Atlantischen Ozean nach dem Stillen Ozean, hat er damit allerdings ein für die gegenwärtige Umgestaltung der sozialen Situation der ganzen Erde bedeutsames Wort gesprochen. Erst jetzt beginnt in der Tat die Welt nach und nach aus den Verhältnissen, wie sie sich seit Jahrzehnten herausgebildet, wie sie sich so bedeutsam gewandelt haben durch den grausamsten der Kriege, die Konsequenzen zu ziehen dessen, was sich lange vorbereitet hat: die Konsequenzen daraus, daß nicht nur die wirtschaftlichen und sozialen, sondern die gesamten gegenseitigen Menschheitsverhältnisse der ganzen Erde sich zu einer Totalität, zu einem einheitlichen Wesen umbilden wollen.

Wenn das aber der Fall ist, dann ist es auch notwendig, daß den äußerlichen wirtschaftlichen Gestaltungen, die in der Umwandlung des Welthandels zur Weltwirtschaft seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts einfach gegeben sind, auch eine tiefgehende geistige Umwandlung über die ganze Erde hin folgt, von der man allerdings heute vielleicht nur erst die Anfänge ahnen kann.

Aber dann muß berücksichtigt werden, daß, wie auch immer sich die sozialen Gestaltungen über die Erde hin umwandeln, in diesen sozialen Gestaltungen Menschen leben, die sich als Menschen verständigen müssen, wenn sie miteinander in ein Wechselverhältnis treten wollen. Zur Menschenverständigung gehört aber Vertrauen. Und zum Vertrauen gehört in einem gewissen Sinne wirklich eine Art Hineinsehen in die Seelen der anderen. Es ist aber der abendländischen Zivilisation bisher mehr oder weniger nur möglich gewesen, einen etwas weiteren Gesichstkreis zu gewinnen über den europäischen Kontinent und seine unmittelbaren kolonialen Anhänge. Es wird die Perspektive über die ganze Erde hin gefunden werden müssen.

Am heutigen Abend soll nun aus einigen historischen Untergründen heraus, die sich aber unmittelbar in das gegenwärtige Dasein der Menschheit hineinleben, darauf hingedeutet werden, was eigentlich in dieser Richtung vorgeht. Dazu wird notwendig sein, zuerst über Verständnis und Verständigungsversuche innerhalb der abendländischen Zivilisation selbst einiges zu sprechen,

Wenn man gebildete Engländer vernimmt über die Art und Weise, wie sie über Europa, über Mitteleuropa, insbesondere über das so lange in Mitteleuropa nach gewissen Richtungen hin tonangebend gewesene Deutschland sprechen, so sagen sie gewöhnlich — mündlich und auch in der Literatur - etwa das Folgende: Bei uns ruht alles auf einer gewissen demokratischen Grundlage. Der einzelne Mensch ist in einem hohen Grade maßgebend für das, was im geistigen, aber auch im wirtschaftlichen Leben geschieht. Der Initiative dieses einzelnen ist der größte Teil der öffentlichen Angelegenheiten anheimgestellt. Schaut man aber nach Mitteleuropa hinüber — ich will jetzt gar nicht behaupten, daß diese Dinge absolut richtig sind, sondern will nur charakterisieren, was eben eine allgemeine Meinung ist -, dann macht sich eine gewisse Autokratie bemerkbar, ein gewisses Verwaltungsprinzip durch allerdings tüchtige Verwaltungsfunktionäre, die vom Zentrum des staatlichen Lebens aus bestimmen, wie die einzelnen menschlichen Verhältnisse sich abspielen sollen. Es wird da in scharfer Weise immer hingedeutet, vor dem Kriege wenigstens, auf das zentralistische, auf das mehr oder weniger autokratische Prinzip. Würde dann der Blick weiter ausgedehnt nach dem Osten hinüber, so müßte eigentlich, unter Festhaltung derselben Denkweise, gesagt werden: Weiter nach Osten hinüber findet sich nicht nur Autokratie, sondern es findet sich eine Art patriarchalischer Autokratie, die durchsetzt ist nicht nur von dem, was Menschen anordnen, die verwalten, sondern die durchsetzt ist von einem religiösen Impuls, so daß Menschen das, was sie auf Erden tun, sogar angeordnet empfinden von geistigen, außerirdischen Mächten und Wesenheiten, deren Impulse sie aufnehmen in ihre Empfindungen.

Hinter einer solchen Betrachtungsweise verbirgt sich allerdings sehr Wichtiges, das hereinspielt in alle sozialen Gestaltungen der Gegenwart. Man kann sagen, je weiter man gegen Westen vorschreitet, desto mehr ist der Mensch mit seinem ganzen Denken und Empfinden verbunden mit den Angelegenheiten, die er zu besorgen hat. Und sieht man auf die wirtschaftlichen Angelegenheiten, so tritt das am allerdeutlichsten hervor. Im Westen vollzieht der Mensch das, was er im wirtschaftlichen Leben vollziehen will, dadurch, daß er wirklich bis in die Details dessen, was ihm obliegt, einzudringen versucht. Ein persönliches, ein unmittelbar persönliches Verhältnis hat er zu den äußerlichsten Angelegenheiten des Lebens. In der europäischen Mitte ist das allerdings in einem gewissen Sinn - für den psychologischen Weltenbetrachter muß sich das so herausstellen - anders. Da herrscht der Sinn dafür, daß eintritt, was der Engländer von seinem Gesichtspunkt aus «wissenschaftliche Verwaltung des Staates» nennt, daß gewisse Ideen vorwalten, die man als die richtigen ansieht, die Gesetze formen und in Verwaltungsprinzipien sich einleben sollen, die zunächst überschaut werden in einem Verwaltungssystem, in einem Staatssystem. Und der einzelne, der dann herangeht an die Angelegenheiten des unmittelbaren Lebens, auch an die wirtschaftlichen Angelegenheiten, der hat zunächst allerdings seine wirtschaftliche Praxis im Auge; aber er blickt doch von ihr immer hinweg zu dem, was in gewissem Sinn einen juristisch-staatlichen Charakter trägt, was in eines dieser Systeme einzuordnen ist. Und er betrachtet das einzelne, was er tut, als ein Glied in einem solchen System. Der Engländer hat nicht die Neigung, ein solches System auszudenken, er hat nur das im Auge, was sich für die Einzelheiten des Lebens konkret ergibt, nicht das, was sich wie ein Gesamtsystem über das Ganze gleichsam hinüberlegt.

Damit aber ist auch hingedeutet auf eine historische Erscheinung, die in der neuesten Zeit ganz besonders wichtig geworden ist. Für Millionen und aber Millionen von Menschen bedeutet ja der Name Karl Marx etwas Außerordentliches. Wenn auch vielfach Modifikationen eingetreten sind in bezug auf den einstigen dogmatischstarren, formelhaften Marxismus, der noch vor Jahrzehnten in vielen Millionen Menschenseelen wie eine Art von Religion gelebt hat, so bedeutet für die breiten Massen des europäischen Proletariats doch der Name Marx noch den Namen eines Propheten der sozialen Neugestaltung. Es kann sich mir nicht darum handeln, jetzt irgendwie auf die Irrtümer des Marxismus hinzuweisen. Dagegen möchte ich auf das historische Phänomen Marx von einer gewissen Seite aus hinweisen.

Marx hat seine Bildung genossen innerhalb Mitteleuropas, innerhalb Deutschlands, hat dort aufgenommen, was die Anlage ist zu jenem Systematisieren, zu jenem Ordnen der Ideen, wie ich es eben charakterisiert habe. Dann aber ging er nach dem Westen, ging nach Frankreich, ging insbesondere nach England, um dort die konkreten Einzelheiten der sozialen, der wirtschaftlichen Entwickelung der neueren Zeit zu studieren. Was er studiert hat, waren konkrete Einzelheiten, denn nur die allein leben auch in der englischen Arbeiterklasse. Was er daraus gebildet hat, ist ein System eines sozialen Organismus, wie es auszugestalten nur einem mitteleuropäischen Gemüt möglich ist. Und dieses System hat Wurzeln geschlagen nicht etwa in erster Linie im Westen. Es hat wiederum Wurzeln geschlagen in Mitteleuropa. Und man darf sagen: Was Marx im Westen beobachtet hat in konkreten Einzelheiten, hat er zu einem großen systematischen Ideengebäude geformt, und es ist durch seine Anhänger immer noch dogmatischer und dogmatischer, theoretischer und theoretischer gemacht worden. Es wurde das Ideal einer allgemeinen Organisation der ganzen menschlichen Gesellschaft vom wirtschaftlichen Standpunkt aus. Es wurde in gewisser Beziehung das Ideal wirtschaftlicher, staatlicher Organisation, als die entsprechenden Kreise die Möglichkeit hatten, das im Osten auszuführen, allerdings zu einem sehr, sehr geringen Grad, der sich auch nach und nach ad absurdum führt. Das Wesentliche ist aber, daß einem auch an einer solchen Erscheinung in ganz klarer Weise entgegentritt, wie grundverschieden schon die Denkweise Mitteleuropas von der Denkweise des europäischen Westens ist. Daraus aber muß geahnt werden, daß die Differenzierungen über die Erde noch weit größere sein müssen, und daß wirklich eine Unbefangenheit, die sich nicht beirren läßt durch vorgefaßte Meinungen, allein zu einer Anschauung über diese Differenzierungen kommen kann.

Heute muß das, was einem als die Mannigfaltigkeit in dem kleinen Kreis der abendländischen Zivilisation erscheint, auf dem Hintergrund der großen Weltordnung betrachtet werden. Denn in unsere Gestaltungen, auch in die sozialen Gestaltungen, spielen die Weltverhältnisse, wie sie sich im Osten und Westen historisch entwickelt haben, in die unmittelbare Gegenwart herein. Geradeso spielen sie herein, wie die Weltanschauungsimpulse hereinspielen, in dem Sinne, wie ich das in den vergangenen Tagen hier geschildert habe. Und eine ähnliche Betrachtung wird auch angemessen sein, wenn die Darstellung der sozialen Gestaltungen der Gegenwart versucht wird.

In so manchem, was als soziale Gestaltungen in der unmittelbaren Gegenwart da ist, lebt noch vieles, was heute maskiert ist, so daß sein Ursprung nur in geringem Maße sichtbar ist. Was im Osten vor langer Zeit entstanden ist, lebt mit dem zusammen, was das spezifisch Mitteleuropäische ist, und mit dem, was im Westen als eine ganz neue Gestaltung sich zu ergeben anfängt. In ähnlicher Weise muß das für die sozialen Gestaltungen gesagt werden, wie es ausgeführt werden mußte für die Weltanschauungsverhältnisse über die Erde hin.

Gehen wir aber nach dem Osten hinüber, nach jenem Osten, den die abendländischen Gestaltungen in der Zukunft werden mit umfassen müssen, so sehen wir heute in den Denkweisen, in den sozialen Empfindungen der Menschen durchaus die Überreste uralter Einrichtungen und uralter Impulse, aus denen sie hervorgegangen sind. Alles, was auch heute noch beobachtet werden kann, obwohl es im Osten durchaus in die Dekadenz gekommen ist, weist zurück in jene Zeiten, in denen der Osten, der Orient, beherrscht war von Priestertheokratien der mannigfaltigsten Art, Priestertheokratien, die in der Art, wie es dazumal möglich und der menschlichen Kultur angemessen war, den sozialen Gestaltungen einverleibt haben, was sie im Sinn der alten instinktiven Geistesschau aus den geistigen Welten heraus glaubten erkunden zu müssen, eben in der Art, wie ich es in diesen Tagen geschildert habe. Wenn allerdings heute die Menschen aus den historischen Dokumenten heraus schildern, wie im Orient einmal die Priesterhierarchien in der Art geherrscht haben, daß sie das Volk lehrten, wie gewissermaßen in allen Naturerscheinungen göttlich-geistige Wesenheiten wohnen und wie man sogar durch gewisse menschliche magische Verrichtungen die Gnade dieser Götter oder die Liebe dieser Götter sich erwerben könne, so ist das zwar für eine gewisse spätere Epoche der orientalischen Priestertheokratien richtig, aber eben für eine spätere Epoche, wo das Ursprüngliche des Orients schon im Niedergang begriffen war.

Wahr ist es, daß in den Zeiten der alten orientalischen Zivilisation gewisse auserlesene Individuen eine Art Verbindung suchten mit der geistigen Welt, eine Verbindung, die auf Dingen beruhte, für die wir heute allerdings nicht im geringsten mehr eine Neigung haben können. Sie beruhte auf gewissen Maßregeln, die sogar in sehr materieller Art mit dem menschlichen Körper vorgenommen wurden, gewissen Tränken, die gebraut, gewissen Stoffen, die genossen wurden. Man betrachtete es als ein Geheimnis, daß durch den Genuß dieser Tränke und Stoffe die gewöhnliche Art der Sinnestätigkeit des Menschen ausgeschaltet und der Mensch zurückgeführt werde in Zeiten, in denen die bloß äußere Naturgesetzlichkeit noch nicht so da war wie später, und in denen auch das geistige Leben nicht in solch abstrakter Weise vorhanden war wie eben später, sondern in Zeiten, in denen das Moralisch-Geistige noch ein Einheitliches war mit dem Physisch-Natürlichen. In Urzeiten der Erdenentwickelung selber wollten sich jene Priestergelehrten dadurch zurückversetzen, daß sie ihren Stoffwechsel in eine Beziehung brachten zu gewissen Essenzen stofflicher Natur der Außenwelt.

Was sie eigentlich behaupteten, kann wieder verstanden werden, wenn - jetzt in einer ganz anderen Art durch den modernen Weg in die übersinnlichen Welten hinein wiederum das erkannt werden kann, was ich in meinem letzten Vortrag der ersten Serie ausgeführt habe: daß durch ein gewisses geistiges Hineinschauen in die eigene Menschennatur der Mensch in sich etwas erlebt wie ein Weltengedächtnis und dadurch allerdings in seiner Geistschau zurückdringt bis in die Zeiten, wo für die Menschen die Naturgesetze nicht so waren wie heute, daß sie sich mehr oder weniger durch den Zufall äußerten, und die geistigen Gesetze nicht so abstrakt, wie sie heute sind, bis in die Zeiten, in denen das Moralisch-Geistige noch eine Einheit war mit dem Physisch-Natürlichen. So daß eine solche Geistschau nicht zu dem bloß mechanistischen Kant-Laplaceschen Urnebel kommt, sondern zu einem Ursprung der Erdenentwickelung, der geistig-seelisch-physisch aufzufassen ist. Was in dieser Weise heute als ein Weltgedächtnis von den Menschen erworben werden kann, das wird durchaus, ohne daß man das Physische bearbeitet - ich habe das ja ausgeführt in diesen Tagen —, auf geistig-seelische Art durch geistig-seelische Übungen errungen. Das war in jenen älteren orientalischen Zeiten nicht der Fall. Da setzten sich die Menschen mit der geistigen Welt dadurch in Beziehung, daß sie ihre unbewußten Instinkte durch das Verbinden ihres Stoffwechsels mit Essenzen dieser oder jener Art aufstachelten. Sie wußten gewissermaßen, was aus ihrem Instinktleben heraus in einer Art traumhafter Vergeistigung entwickelt werden konnte aus jeder Pflanze, aus der Natur; sie wußten, wenn diese oder jene Pflanze genossen wird, so wird ihr Organismus so beeindruckt, daß sie sich in ein gewisses geistiges Geschehen versetzen können. Das war eigentlich die ursprüngliche Form, in der sich die führenden Priester der orientalischen Theokratien, die aber zu gleicher Zeit die volle Macht auch über die sozialen und politischen Gestaltungen hatten, mit der geistigen Welt in Verbindung setzten. Und sie vermeinten, daß sie dadurch die Impulse bekämen, die sich als die eigentlichen Richtimpulse für das soziale Leben ergaben.

Man darf sagen: Was dann späterer Glaube wurde, Aberglaube wurde, daß an dieses oder jenes Naturwesen dieser oder jener «Geist» sich kette, das ist schon ein dekadentes Kulturprodukt. In Wahrheit wollte ursprünglich gesagt werden: Wenn man diese Naturwesen auf sich in gewisser Weise wirken läßt, so wird man zu einer bestimmten Art von Geistwesen geführt, von denen man diese oder jene, auch sozialen, Impulse empfangen könne. Und das Orakelwesen, das Sterndeutewesen, alles Astrologische war im Grunde genommen schon ein Produkt des Niedergangs älterer Anschauungen, worauf heute die äußere Wissenschaft im Grunde genommen auch schon, wenn auch nur andeutend, geführt wird. Geradeso wie diese äußere Wissenschaft abgekommen ist davon, den krassen Polytheismus auf dem Grund aller Urvölker zu sehen, und heute schon hinschaut auf einen gewissen urmenschlichen Monotheismus, so wird sie auch zu der Anschauung kommen, die jetzt aus den Untergründen heraus entwickelt worden ist, die sich ergibt durch solche geisteswissenschaftlichen Forschungen, wie sie charakterisiert worden sind.

War aber ein volles Bewußtsein von dem vorhanden, wie die Impulse außerirdischer Natur, geistiger Wesenheiten, sich in der menschlichen Natur selber äußern — hatte man sie doch gefunden durch Aufstachelung der Instinkte, durch eine gewisse Art von Vergeistigung der Instinkte —, so mußte man auch auf das etwas geben, was sich in diesen Instinkten auslebte, in den Instinkten, die man der besonderen Beschaffenheit des Blutes, sagen wir, in einer besonders gearteten Familie zuschrieb. Auch in den Äußerungen dieses Instinktlebens sah man etwas von dem, was aus außerirdischen Sphären in die Erde als gewisse soziale Impulse hereingeschickt wird. Es war dann natürlich, daß, als dies in die Dekadenz kam, die Menschen, die nach Macht strebten, sich in ihrer Willkür der allgemeinen Anschauung bemächtigten, die nach dieser Äußerung des Instinktlebens hinblickte, die man im Blut suchte und in dem, was durch Vergeistigung dieses Blutes gefunden werden konnte. Dadurch aber kam etwas Ungeistiges und, dem Blute nach, Patriarchalisches in das ganze morgenländische Leben hinein. Dieses Patriarchalische kann man allerdings nur besprechen, indem man auf Bekanntes hinweist; aber sein Ausgangspunkt liegt in den Beziehungen, welche die alten Priesterherrschaften des Orients zur geistigen Welt gesucht haben. Deshalb ist auch über alle sozialen Gestaltungen des Orients dieses religiöse Element ausgegpssen, dieses Bewußtsein, daß es eigentlich göttlich-geistige Mächte sind, die in allem Irdischen walten müssen, und daß kein Mensch im Grunde Befehle anders geben sollte als dadurch, daß er erst in den Geist, in die Seele, welche diese Befehle geben soll, die Kraft des göttlichen Wortes einfließen läßt. Dadurch nahmen die Impulse, die zunächst als religiöse, als Gnadenimpulse von außerirdischen Mächten empfunden wurden, in bezug auf das soziale Leben den Charakter von Geboten an. Selbst dann, wenn es in gewissen morgenländischen Kulturen so erscheint, als ob wir es mit Gesetzen im späteren Sinn des Wortes zu tun hätten, findet man leicht, wenn man auf den Geist solcher Gesetzgebung, wie etwa die des Hammurabi, zurückgeht, daß da gebothafte Impulse zugrunde liegen, die auf das zurückführen, was man als den Verkehr auserlesener Menschen mit der geistigen Welt ansah.

Das aber hat sich dann, in immer mehr und mehr abgeschwächter Form, in all den sozialen Gestaltungen erhalten, die auf kirchlich-religiösen Grundlagen beruhen. Und so sehr heute diese Dinge oft in sozialen Gestaltungen maskiert sind: selbst bei den auf religiöser Grundlage beruhenden, genossenschaftlichen Vereinigungen kann es noch gesehen werden, wie sich in abgeschwächter Form die geschilderten Impulse des alten Orients noch wirksam erweisen. Und man versteht manches in den gegenwärtigen sozialen Gestaltungen gar nicht, wenn man nicht in der Lage ist, zu fragen: Inwiefern hängen die Menschenseelen an solchen Gestaltungen? Sie hängen daran, weil tief in den unterbewußten Untergründen dieser Seelen noch die Erbstücke der religiösen Neigungen des Orients sind, auch da, wo die religiösen Anschauungen selbst schon ganz andere Formen angenommen haben, Formen, die von dem wirtschaftlichen Leben sich losgelöst haben, wie das bei den Religionen des Abendlandes der Fall ist. Daß die orientalischen Religionen ihre wirksamen Kräfte bis in die Einzelheiten des wirtschaftlichen Lebens hineinsenden, das konnte im Grunde genommen in seinen Nachwirkungen im europäischen Osten noch bis zu dem Kriege hin bemerkt werden.

Man muß von diesen geistigen Impulsen, welche die sozialen Gestaltungen durchdringen, sprechen, wenn man sie verstehen will. Denn das, was man heute oftmals als soziale Gestaltungen schildert, ist eigentlich nur die Außenseite. Daß es das ist, kann man sich an solchen Beispielen sehr deutlich machen, wie etwa das folgende ist.

Wir können heute gewiß nur mit Entsetzen auf das hinschauen, was sich im europäischen Osten als ein sozialer Organismus geltend machen will. Aber indem man das, was da im europäischen Osten geschieht, heute anschaut, muß man sich erinnern an das, was vor etwa acht Jahrhunderten in Asien drüben, in China, geschehen ist. Wenn man dann schildert, wie vor diesen acht Jahrhunderten in China mit einer gewissen Plötzlichkeit eine Staatseinrichtung gesucht und auch in sehr hohem Grade verwirklicht wurde, die darauf ausging, alle Angelegenheiten des Menschen, auch diejenigen, die wirtschaftlicher Art sind, in allen Einzelheiten von Staats wegen aus zu ordnen, wenn man schildert, daß es Staatsbehörden in dieser Zeit in China gab, welche die Preise von Woche zu Woche festsetzten, daß es Staatsbehörden gab, welche die Art und Weise angaben, wie da, wie dort, wie an dem dritten Ort der Boden bebaut werden mußte, daß es Staatsbehörden gab, welche der Landbevölkerung das Saatgut für die Saat des Jahres zur Verausgabung brachten, daß in dieser Zeit in China versucht wurde, die Leute, die besonders reich waren, in hohem Grade zu besteuern, so daß allmählich ihre Vermögen in die Allgemeinheit übergingen, wenn man an all das erinnert, dann kann man sagen: Was in unserer Zeit von gewissen Kreisen als eine soziale Gestaltung in Europa gesucht wird, das war vor achthundert Jahren in einem hohen Grad durch dreißig Jahre hindurch verwirklicht, bis die betreffende sozialistische Regierung gestürzt und ihre Anhänger aus China ausgetrieben worden waren. Dreißig Jahre lang hat eine Gestaltung dort gedauert, von der man sagen kann: Wenn man sie schilderte und dabei gar nicht sagte, daß sie sich auf China bezieht, dann könnte man glauben, daß sie sich auf das heutige Rußland bezieht.

Auf solche Dinge kann man weisen, wenn man auf die Außenseite der sozialen Gestaltungen hinweisen will. Denn dann sieht man, daß das, was im landläufigen Sinn als Sozialismus aufgefaßt wird, nicht bloß ein Produkt unserer Zeit sein muß, sondern daß es vor acht Jahrhunderten im Fernen Osten drüben aus ganz anderen kulturellen Untergründen heraus hat auftreten können.

Aber wenn man auf die Seele dessen eingeht, was sich da sozial gestaltet hat und heute sozial gestalten will, dann merkt man als bedeutsamen Unterschied, daß in jenem chinesischen Sozialismus die deutlichen Nachwirkungen der Theokratie vorhanden waren, die immer über China geherrscht hatte und heute noch herrscht, und daß das abstrakte, an der Naturwissenschaft erlernte Denken, das gar nichts zu tun hat mit einem Bewußtsein des Menschen von einem Zusammenhang mit geistigen Welten, dem heutigen russischen Sozialismus einverleibt ist. Was seiner äußeren Gestalt nach scheinbar dasselbe ist, ist nicht dasselbe, wenn man es im geistigen Sinn anschaut.

Wenn man gerade von einem solchen Gesichtspunkte ausgeht, dann wird man finden, daß die besondere Form des theokratischen Staatswesens, besser gesagt der theokratischen sozialen Gestaltungen, eben eine gewisse Epoche der Menschheit hindurch dauerte. Die westlichen und mitteleuropäischen Völker waren, als diese asiatischen Theokratien ihre Höhepunkte erreicht hatten, durchaus noch in einem Punkt der Nichtkultur, der Nichtzivilisation. Aber indem sich das, was in Asien die theokratische Form hatte, nach Europa herüberlebt, nimmt es allmählich eine ganz besondere Gestalt an.

Man kann, wenn man unbefangen genug dazu sein will, die Übergangsform in der platonischen Staatsutopie suchen. In dieser ist durchaus etwas, was, ich möchte sagen, in abgeblaßter Art an die orientalischen Priesterhierarchien erinnert. Plato hat wohl aus diesem Grunde auch zu den dirigierenden Führern seines Staates diejenigen erkiesen wollen, die — allerdings jetzt im griechischen Sinn - Weise, Philosophen geworden waren. In der Tat war ja innerhalb der griechischen Zivilisation der Philosoph der Nachfolger dessen, was der orientalische Priester gewesen war. Aber in dem platonischen utopistischen Staat, der doch aus den Anschauungen des sozialen Lebens der Plato-Zeit insofern herrührt, als er in einer gewissen Weise das wiedergibt, was man von dem sozialen Leben jener Zeit empfand, kann man schon eine Form erkennen, in die sich das orientalische soziale Leben umgewandelt hat. Es wurde nicht mehr das Verhältnis des Menschen zu außersinnlichen Mächten gesucht. Was über dieses Verhältnis religiös empfunden werden sollte, übernahm man mehr oder weniger aus dem Altertum des Orients; das aber, was man selbständig ausbildete, war etwas, was im alten Orient noch gar keine besondere Rolle gespielt hatte, was im Grunde genommen selbst noch keine besondere Rolle spielt in jenen sozialen Gestaltungen, die uns aus dem Alten Testament heraus sprechen. Was man jetzt selbständig ausgestaltete, war das Verhältnis von Mensch zu Mensch.

Dieses Verhältnis von Mensch zu Mensch tritt uns eigentlich in seiner ureigenen Artung ganz besonders entgegen, wenn wir in das griechische Seelenleben innerlich hineinschauen. Dieses Seelenleben war so, daß der Mensch noch in einer gewissen Weise einen innigen Zusammenhang des Geistig-Seelischen und des Natürlich-Physischen seiner Körperlichkeit fühlte. Es war im inneren Bewußtseinsleben für den Griechen noch nicht eine solche Scheidung des Körperlichen und des Geistigen, wie es für uns nunmehr geworden ist. Wir schauen nach innen und fühlen, ich möchte sagen, in einer sehr dünnen - bildlich gesprochen - Weise das Seelische, fühlen dieses Seelische so, daß wir von ihm, wenn wir es im gewöhnlichen Bewußtsein auffassen, gar keine Vorstellung haben können, wie es den robusten Körper bewegt oder sich von ihm beeinflussen läßt. Das war bei dem Griechen anders. Und weil es so war, ersehnte es ja Goethe eigentlich für sich, für sein eigenes Erleben. Der Grieche hatte gar nicht einen solchen Körper- und Geistesbegriff wie wir. Bei ihm waren Geist und Physis eins. Erst bei Aristoteles, dem Spätgriechen, tritt das in gewisser Weise herein. Plato sprach noch durchaus aus einem Geiste, dem man bald anmerkt, obwohl seine Anschauung oft abstrakt geschildert wird, daß er doch von dem Gesichtspunkt aus spricht, wo der Körper noch eigentlich überall, auch in seinen organischen Funktionen, durchseelt ist, und wo die Seele noch innerlich als so kraftvoll empfunden wird, daß sie gewissermaßen überall ihre Fühlhörner nach den körperlichen Organen hin erstreckt. Die Seele ist noch körperlicher, der Körper noch seelischer vorgestellt. Eine solche Anschauung ist aber auch mit einer gewissen Empfindung verbunden, die sich zwischen Mensch und Mensch herausstellt. Und aus dieser Anschauung heraus ist dann das Charakteristische der Zivilisation Mitteleuropas entstanden.

Wenn man das gefühlte Verhältnis von Mensch zu Mensch bei den alten Griechen ins Auge, ins empfindende Auge, faßt und erkennt, wie dieses Verhältnis sich aus dem alten Verhältnis des Menschen zu dem Göttlichen herübergeleitet hat, wenn man diese Herüberleitung des Verhältnisses des Menschen zu dem Göttlichen in das Verhältnis von Mensch zu Mensch ins Auge faßt, so kann man sagen: Was vorher eine Anschauung war, die religiös ganz durchsetzt war, das verwandelte sich in die juristische Anschauung, in die staatsgemäße Anschauung. Und daraus - aus dem Zusammenwirken des griechischen und des römisch-lateinischen Wesens — ist dann entstanden das, was sich in sozialen Gestaltungen fortsetzen konnte. Der Priester wird nach und nach nur der Nachfolger des orientalischen Völkerführers, denn der Priester war im Orient doch immer, wenn er sich auch im Hintergrunde hielt, selbst Darius und Xerxes gegenüber, der eigentliche geistige Führer. Eine Denkweise kommt herauf, die Ideen ausbildet, welche auf dieser Grundlage des Verhältnisses zwischen Mensch und Mensch beruhen. Und das geht so weit, daß selbst das religiöse Leben in diese, ich möchte sagen, juristische Strömung untertaucht. In die umfassende Weltanschauung, selbst bis in die damalige Kosmologie, kommt ein juristisches Element hinein, das dann mehr oder weniger durch das ganze Mittelalter hindurch bleibt, das man erfühlen kann, wenn man etwa die Staatsanschauung des Augustinus oder die des Thomas von Aquino studiert. Die religiösen Impulse selbst, obwohl sie religiöse Impulse bleiben, nehmen juristische Formen an.

Ein sprechendes Dokument dieses Einziehens der juristischen Formen in die religiösen kosmologischen Anschauungen der Menschen sieht uns entgegen, wenn wir die Sixtinische Kapelle in Rom betreten: das wunderbare Bild des Jüngsten Gerichts. Hier tritt es einem am monumentalsten entgegen, jenes Bild, in dem der Christus als Weltenrichter erscheint. Indem man in ihm das Richtertum über die Welt sieht, versinnbildlicht das in einer großartigen Weise den Übergang aus dem bloß religiös-kultischen Element in jene Auffassung, die das Religiöse mit einem juristischen Element durchsetzt, das in die Anschauung von der Weltregierung und Weltenlenkung der Menschheit hineingetragen wird.

Dieses juristische Element aber ist drinnen in allen sozialen Gestaltungen des Mittelalters und in vielem, was in unseren sozialen Gestaltungen lebt. Wenn man wiederum die Maske wegnimmt, so schaut man, wie dieses juristische Element da ist, wie es aus uralten Zeiten die religiösen Impulse herübergetragen hat. Und das können wir in den modernen Staatseinrichtungen bis in die Wortbildungen hinein, bis in die Formen der Gesetzesauswirkungen hinein, namentlich derjenigen, die noch aus dem Mittelalter heraufströmten, erkennen: wie in der mittleren Zeit des Menschenerlebens und innerhalb der Zivilisation zwischen Osten und Westen dieses juristisch-logische Element eingetreten ist.

Man könnte sagen: Das Orientalisch-Theosophische wandelt sich um in das Juristisch-Logische, die Sophia des Orients wird der Logos des Okzidents, und aus dem Logos heraus entwickelt sich wieder dasjenige, was juristische Gestaltung wird. Diese pflanzt sich dann weiter £fort.

Das Juristische ist durch das ganze Mittelalter hindurch auch für die sozialen Gestaltungen maßgebend. Man studiere die Wirtschaftsordnungen des Mittelalters: man wird überall finden, daß in die sozialen Gestaltungen formend das eingreift, was von alter orientalischer Religiosität durchsetzt und juristisch ist. Das prägt den sozialen Gestaltungen die Formen auf.

Und sieht man heute in manchem, was in mehr freien menschlichen Vereinigungen vorhanden ist oder in Vereinigungen, die aus religiösen Bekenntnissen hervorgehen, das religiöse Element fortwirken, so sieht man in dem, was die großen sozialen Gestaltungen, die Staatsbildungen, geworden sind, das mehr aus dem Hintergrund drängende juristische Weltendenken wirksam. Man sieht aber auch, wie sich beim Übergang der mittelalterlichen in die neue Geschichte das religiöse Element immer mehr und mehr in den Hintergrund drängen läßt und wie das juristische Element immer mehr und mehr hervorkommt.

Dieses juristische Element drängt sich dann hinein in die wirtschaftlichen Gestaltungen. Was ich jetzt schildere, ist in allen Einzelheiten zu verfolgen, wenn man den Gang des römischen Rechts in der Welt studiert. Da sieht man, wie in den Eigentumsbegriffen, in den Besitzgewohnheiten, in allem, was wirtschaftlich ist, das soziale Gestalten maßgebend war, das auf solchen Untergründen beruhte.

Aber innerhalb des Ganges der Menschheitsentwickelung macht sich dann immer mehr und mehr, je näher wir gegen die moderne Zeit heraufrücken, das selbständige Wirtschaftselement im Westen geltend. Man kann sagen, für ältere Zeiten ist alles Wirtschaften durchaus in religiös-juristischen Formen eingefangen. Das Wirtschaftselement emanzipiert sich zunächst für das menschliche Denken mehr im Westen.

Man versuche nur einmal, solch ein Wirtschaftselement, wie es bei den Phöniziern gelebt hat, zu studieren, und vergleiche das mit dem, was allerdings erst im Anfang ist von Wirtschaftssystemen der neueren Zeit, so wird man den Unterschied merken, wie jenes phönizische Wirtschaftselement aus den Impulsen herausgeboren ist, die ich geschildert habe, wie sich aber im Laufe der Zeit von diesen Impulsen immer mehr und mehr die westlichen Wirtschaftssysteme herausemanzipierten.

Und so sehen wir, wie sich als dritte Strömung zur religiösen und juristischen das hinzugesellt, was, wenigstens zunächst, die Tendenz hat, die wirtschaftlichen Verhältnisse selber einer sozialen Gestaltung selbständiger Art zu unterwerfen. Diese Tendenz geht vom Westen aus, der seinerseits mehr oder weniger das übernimmt, was vom Osten und von der Mitte kommt. Wir sehen zum Beispiel besonders in der amerikanischen Zivilisation, wie dort die wirtschaftlichen Verhältnisse, emanzipiert von anderen Kulturströmungen, aus ihren eigenen Bedingungen heraus sich entwickeln, bis zu den Trusts und Syndikaten hin, und wie aus einer gewissen menschlichen Neigung heraus, die eben eine Neigung des Westens ist, der Mensch getrennt halten will, was Wirtschaftsleben ist, von dem, was religiöses Leben ist, während er es weniger getrennt halten kann von dem, was er sich später von dem juristischen Denken und Fühlen einverleibt hat. Aber wir sehen doch deutlich, wie allmählich die wirtschaftlichen Gestaltungen in ihrer sozialen Beziehung aus den Begriffsschablonen herausstreben, in die sie hineingekommen sind, indem sich das juristische Element über sie ausgedehnt hat. Immer mehr und mehr sehen wir zur Emanzipation streben dasjenige, was bloß wirtschaftliches Leben ist. Es können sich Kategorien herausbilden, die aus dem Wirtschaftsleben selbst genommen sind,

Damit aber ist auf etwas hingewiesen, was besonders gegenseitige Menschheits- und Völkerverhältnisse, aber auch Völkerkonflikte hervorbringen muß, ja Konflikte innerhalb der Volksgemeinschaften. Denn sieht man auf diese Tatsache hin, daß sich im alten Orient das religiöse Element auch über das juristische und wirtschaftliche ausgedehnt hat, daß dann das Juristische sich mehr oder weniger losgelöst hat, aber das Wirtschaftliche noch in sich hat, das Religiöse jedoch selbständiger geworden ist, und daß nun im Westen ein selbständiges Wirtschaftsleben sich bilden will, dann muß man auch betrachten, wie die einzelnen menschlichen Kulturbestrebungen sich zu solchen geistigen Strömungen verhalten.

Und da kann man sagen: Aus jenem theokratischpatriarchalischen Element, das seine Wurzeln im Osten hat, kann eigentlich mit einer gewissen Richtigkeit sich nur das herausbilden, was für die Agrarorganisation, für einen sozialen Organismus, der vorzugsweise auf die Landbebauung, auf die Ackerwirtschaft gestützt ist, passend ist. Und so sehen wir eine gewisse Zusammengehörigkeit des Agrarlebens mit dem theokratischen Element. Das sehen wir aber in alle sozialen Gestaltungen in späteren Zeiten hineinspielen. Indem wir zugeben müssen, daß das Theokratische sich weiter auslebt in den sozialen Gestaltungen bis in unsere Gegenwart herein, müssen wir uns auch sagen: Dadurch, daß andere Zweige menschlicher Betätigung in den Vordergrund getreten sind, kamen diese mit ihm in Konflikt, insofern sich im Agrarwesen, gemäß dem Wesen der menschlichen Landbebauung, das Theokratische immer weiter und weiter fortsetzen will. Diese Zusammengehörigkeit besteht. In dieser Zusammengehörigkeit aber geschieht ein Riß, wenn von anderer Seite her andere menschliche Betätigungen sich geltend machen.

In dieser Beziehung darf auf etwas hingewiesen werden, was für solche Angelegenheiten wie ein welthistorisches Barometer betrachtet werden kann. Ich empfehle Ihnen, studieren Sie einmal die Parlamentsberichte Österreichs aus den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts etwa, studieren Sie, wie da im Parlament die Menschen sitzen, die das Gefühl haben: Mit dem Agrarwesen steht in innigem Zusammenhang jene alte Ordnung, die ihre Wurzeln in Theokratie und Jurisprudenz hat; und nun fühlen Sie leise, was später eine große Strömung geworden ist, das Hereindringen der westlichen Produkte, darunter allerdings auch Landprodukte, die aus einer auf einen anderen Wirtschaftszweig, den Industrialismus, gebauten Denkweise und sozialen Ordnung kommen. Obwohl sich das nur in leisen Andeutungen in den verschiedenen Parlamentsreden ausspricht, kann man gerade hier, wo so vieles zusammengeflossen ist und so vieles studiert werden kann, erkennen, was Klarheit bringen kann über große Weltperspektiven.

Das, was sich da im Westen herausbildet, das ist nun etwas, worauf die theokratische Denkweise weniger als auf irgendeinen anderen Wirtschaftszweig anwendbar ist. Es ist der Industrialismus. Dieser umfaßt selbstverständlich nicht das Landbebauen. Aber das Landbebauen selbst wird dann in soziale Gestaltungen eingefangen, die durchaus an das erinnern, was erst im industrialistischen Denken herangeschult worden ist.

Dieses industrialistische Denken aber hat heute, so sehr es auch technische Formen angenommen hat, so sehr seine technischen Gestaltungen ausgebildet worden sind, noch immer nicht die ihm angemessenen sozialen Gestaltungen angenommen. Denn wenn wir auf der einen Seite sehen, wie eine Zusammengehörigkeit besteht zwischen der theokratischen Denkweise mit ihrem patriarchalischen Wesen und dem Agrarsystem, wenn wir sehen, wie zum Beispiel in Deutschland bis in die Gegenwart herein kein rechter Ausgleich zwischen dem agrarischen Denken und dem industriellen Denken aus dem Grund möglich ist, der auch in dem Angedeuteten liegt, wenn wir also die Zusammengehörigkeit sehen, so können wir auf der anderen Seite sehen, wie alles, was den Handel ausmacht, im Grunde genommen wiederum mit dem staatlich-juristischen Wesen seine Zusammengehörigkeit hat.

Daher ist im alten Orient der Handel etwas wie ein Anhängsel der patriarchalischen Verwaltung der menschlichen Angelegenheiten. Und der Handel entwickelt sich in der Gestalt, die heute für uns soziale Bedeutung hat, im Grunde genommen mit dem juristischen Element. Denn was da spielen muß im Handel zwischen Mensch und Mensch, bildet sich besonders aus in dem juristischen Element. Insofern es sich im Orient ausgebildet hat, haben gewisse ins Juristische umgesetzte, aber durchaus als göttlich angesehene Gebote vorausgespielt. Der Handel gewinnt aber erst seine soziale Gestaltung in der Menschenströmung, die dann die staatlich-juristische ist. So können wir sagen: Das Gebiet des Wirtschaftslebens, das sich vorzugsweise angemessen erwiesen hat den Staatenbildungen, die auf das Recht und auf das Rechtsdenken sich stützen, ist der kommerzielle Teil der Wirtschaft.

Mit dem industriellen Teil aber hat sich zwar, weil sich im ganzen Menschen alles miteinander verbinden muß, auch das staatlich-juristische Element in der neueren Zeit verbunden, so daß wir, wenn wir mehr und mehr gegen Westen gehen, finden, daß der Mensch allerdings sein persönliches Verhältnis zu den Einzelheiten vorzugsweise an dem Industriellen entwickelt und an dem, was mit diesem zusammenhängt, daß er da aber kommerzielle Beziehungen hineinträgt. Denn heute ist es bei den sozialen Gestaltungen des Lebens eben so, daß eigentlich das Unternehmen so gedacht wird, wie es kommerziell in die soziale Ordnung hineingestellt wird. Der Unternehmer sieht sein eigenes Unternehmen in einen kommerziellen Zusammenhang hineingestellt, so daß also auch in dieser Beziehung die zweite, die mittlere Strömung für den Westen im Wirtschaftsleben nachwirkt.

Viel mehr sehen wir in anderen heutigen sozialen Gestaltungen, wie dieses juristisch-staatliche Element aus den Untergründen heraus nachwirkt, die sich als menschheitliche der breiten Volksmassen ergeben haben. Als Begleiterscheinungen des modernen technischen Lebens sind ja allerlei soziale Gestaltungen entstanden. Man braucht nur an die Gewerkschaften zu erinnern. Aber man empfindet das Wesen solcher Gewerkschaften nur richtig, wenn man sich sagt: Wirtschaftliche Verhältnisse haben sie geschaffen; wer diese Dinge lebensvoll anschaut, weiß aber: Wenn sie auch aus wirtschaftlichen Verhältnissen - man denke nur an Metallarbeiterverbände, Buchdruckergewerkschaften und so weiter — heraus geschaffen sind, die Art und Weise, wie die Menschen darin leben, wie sie abstimmen, wie sie die Dinge anschauen und diskutieren, das ist das ParlamentarischStaatlich-Juristische, das Verwaltungsmäßige, das ist das, was von der zweiten Strömung herrührt, die ich heute besprochen habe. Die dritte steht mit ihren eigenen Ideen erst im Anfang und muß noch ihre sozialen Schablonen hernehmen von dem, was alt ist.

Und so sehen wir, wie in unserer Gegenwart drei hauptsächlichste soziale Gestaltungen nebeneinanderstehen, die sich allgemein im weitesten Maße wiederum in das oder jenes differenzieren. Sie stehen so nebeneinander, daß, ich möchte sagen, Geschichte ausgebreitet im Raume lebt. Und indem wir in irgendeine der sozialen Gestaltungen uns einleben, in irgendeine Wirtschaftsvereinigung, in irgendeine staatliche Vereinigung oder in ein religiöses Gemeinschaftsleben, leben wir uns eigentlich überall, weil keine ohne Berührung mit der anderen ist, in ein Zusammensein desjenigen hinein, was in der Geschichte nacheinander entstanden ist, was sich aber im Raum durcheinandergeschoben hat und was heute verstanden sein will, weil heute die Zeit ist, wo die Menschheit auf höherer Stufe jene Naivität wieder erringen muß, die mit vollem Bewußtsein vereinbar ist, jene Naivität, aus der heraus ursprünglich geschaffen worden ist.

Und wie einstmals das primitive Wirtschafts- und Staatsleben in die theokratische Form richtig eingegossen war, wie in einem späteren Zeitalter sich die Zweiheit herausbildete, von den alten Zeiten her übernehmend das religiöse Element und das Staatlich-Juristische mit dem ihm einverleibten Wirtschaftsleben weiterentwikkelnd, so schreit heute das Wirtschaftsleben nach selbständiger Gestaltung, nach menschlichen lebendigen Ideen, die wiederum gestaltend wirken können, wie einst die griechisch-römischen Rechtsformen, als lebendige Impulse, und wie die orientalisch-religiösen Impulse gestaltend gewirkt haben. Da sich aber heute diese drei Menschheitsströmungen auseinanderdifferenzieren, müssen wir sie in ihrer Selbständigkeit betrachten können. Wir müssen die sozialen Gestaltungen betrachten nach der geistigen Seite, die zunächst die allein wirksame war, müssen sie betrachten nach der juristischen Seite, die die maßgebende geworden ist im Mittelalter, müssen sie betrachten nach der wirtschaftlichen Seite, für die auch die geistige Seite gesucht werden muß.

Das sollte nur eine Betrachtung sein über die Grundlagen der sozialen Gestaltungen in unserer Gegenwart. Sie sollte darauf hinweisen, daß wir nötig haben, um diese sozialen Gestaltungen zu verstehen, mit wirklichem Verständnis in die Betrachtung jener Weltperspektiven einzutreten, auf die ich heute im Beginn meines Vortrags hingewiesen habe. Dazu aber wird man brauchen den lebendigen Gedanken. Und daß dieser lebendige Gedanke gebraucht wird, mag auf der einen Seite aus der sozialen Note hervorgehen, die diese Betrachtungen schon hatten; es geht aber auch aus den Betrachtungen des unmittelbaren Lebens der Gegenwart hervor. Überall sehnt man sich danach, zunächst das wirtschaftliche Leben mit ihm angemessenen lebendigen Ideenimpulsen zu durchsetzen.

Und in dieser Beziehung sind gebildete Menschen des Westens ganz besonders interessant. In einer außerordentlich bedeutsamen Abhandlung, die gerade in dem Jahre vor dem grausamen Krieg in England geschrieben worden ist, hat ein bedeutender Engländer darauf hingewiesen, wie grundverschieden die englische Denkweise von der deutschen ist, in der Weise, wie ich das im Beginn der heutigen Betrachtung angedeutet habe. Aber er weist noch auf etwas anderes hin. Ihm fällt auf, wie innerhalb der deutschsprechenden mitteleuropäischen Bevölkerung immerdar gelebt hat: der Gedanke. Und er sagt von dem Gedanken, daß er dennoch das Element in der menschlichen Seele sei, das in intimster Art immer wieder hinweise auf die großen Menschheits- und Weltenrätsel, so daß man durch Kulturen, die so den Gedanken pflegen wie die deutsche, immer wieder auf die tiefsten Welt- und Menschheitsrätsel stößt, wenn auch — und jetzt kommt der Nachsatz dieses Westeuropäers —, wenn auch, so sagt er, einsehend die Vergeblichkeit in bezug auf ihre Lösung.

Nun, man konnte mit Recht sprechen von der «Vergeblichkeit dieser Lösung», wenn man nur auf jenen Gedanken hinweisen konnte, der durch die Abstraktion aus dem juristisch-logischen Wesen hervorgegangen ist, der, wenn er auch als Gedanke zum Höchsten sich schwingt, dennoch eine Art toter Gedanke ist. Wer aber einmal ahnt, daß in unserer Zeit in den Menschenseelen die Geburtsstätte sich bilden kann für den lebendigen Gedanken, der wird vielleicht nicht von einer endgültigen Lösung sprechen, aber von einem Weg, der dahin führen kann, daß wir die jeweilig uns aufgegebenen sozialen Fragen auch jeweilig für das entsprechende Zeitalter lösen können.

Denn wahrscheinlich ist es doch so, daß, nachdem einmal das Denken über die sozialen Gestaltungen in die Menschheitsentwickelung getreten ist, man nicht davon sprechen kann, daß nun die soziale Frage auf einmal gelöst werden könne, sondern daß unter den Entwickelungsimpulsen, die von der Gegenwart in die Zukunft hinein bestehen müssen, auch das Nachdenken über die sozialen Gestaltungen wird sein müssen, so daß man sagen kann: Zwar von Lösungen wird nicht die Rede sein können, aber von einem solchen lebendigen Menschendenken, das in bewußter Weise die Ziele erst sehen wird und sich in bewußter Weise auf den Weg begibt zur Lösung der sozialen Rätsel des Daseins.

German original of The Individual Spirit and the Social Structure · ← Previous · Next →