The Tension Between East and West

GA 83 — 10 June 1922, Vienna

Die Zeit und Ihre Sozialen Hoffnungen: Europa - Amerika

Meine sehr verehrten Anwesenden! Wer heute Kräfte innerhalb der sozialen Ordnung entdecken will, die zu Hoffnungen berechtigen, der muß schon im Verborgenen suchen. Soziale Nöte und Mängel sind ja offenbar. Hoffnungen, namentlich berechtigte Hoffnungen, weniger.

Allerdings gibt es mehr oder weniger große oder kleine Illusionäre, die auch gegenüber den heutigen großen Zeitschwierigkeiten in diesem oder jenem Rezept das Heil suchen, die allerlei soziale Einrichtungen ausdenken, innerhalb welcher die Menschheit oder wenigstens ein Teil der Menschheit besser gedeihen könne, als das bis jetzt der Fall war. Nun aber glaube ich, daß heute tatsächlich, wenn ich mich so ausdrücken darf, unsere Gescheitheit, unsere allgemeine Gescheitheit so vorgeschritten ist, daß es verhältnismäßig leicht ist, aus sogenannten Vernunftgründen heraus irgendein soziales System auszudenken. Und man kann heute schon recht viele soziale Systeme der verschiedensten Parteischattierungen kennen, ohne sie eigentlich irgendwie schlecht zu finden, und dennoch sich eigentlich nicht viel von ihnen versprechen. Jedenfalls kann derjenige, der die heutige soziale Ordnung nicht bloß wahrnimmt von seiten dessen, was man über sie ausdenken kann, sondern vom Gesichtspunkt der Menschenerkenntnis, eigentlich nur davon sprechen, daß soziale Hoffnungen aufkommen können, wenn der Mensch dem Menschen an sich, möchte ich sagen, wiederum näherkommen kann.

Es handelt sich vor allen Dingen wirklich nicht mehr um das Ersinnen von Einrichtungen, sondern um die Möglichkeit, den Menschen zu finden, so daß man mit ihm zuammen in den sozialen Einrichtungen drinnenstehen kann. Und da wird man sogar zugeben müssen, daß, wenn in dieser Weise der Mensch innerhalb der sozialen Ordnung oder auch des heutigen sozialen Chaos gefunden werden kann, daß dann mehr oder weniger auch diese oder jene äußere Einrichtung dem gleichen Ziel dienen könne. Denn es ist schon so, daß der Mensch in sozialer Beziehung doch auch auf die allermannigfaltigste Weise gedeihen kann, unter den mannigfaltigst gestalteten sozialen Einrichtungen.

Es kommt heute auf den Menschen an, nicht auf die Einrichtungen allein. Deshalb hat es auch gerade in denjenigen Kreisen, in denen man noch die soziale Frage mehr empfindet, als daß man über sie denkt, eine gewisse Befriedigung hervorgerufen, daß ich in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» nicht bloß darauf hingewiesen habe, wie das eine oder das andere beispielsweise anders eingerichtet werden könnte, sondern darauf, daß vieles heute darauf ankommt, daß derjenige, der zum Beispiel ein Unternehmen zu führen hat, in der Lage ist, mit seinem ganzen Menschen entweder selbst oder durch Helfer in die Menschenmasse einzugreifen, die in diesem Unternehmen arbeitet, so daß er ihr nahekommt erstens dadurch, daß er in seinem Unternehmen wirklich auf menschliche Art mit denen, die an dem Unternehmen beteiligt sind, alles das durchspricht, was da vorgeht vom Ankauf, von der Erwerbung des Rohprodukts bis zum Hinbringen des fertigen Produkts auf den Markt und bis zu der Art und Weise, wie es in den Konsum übergeht. Wenn man diesen ganzen Weg auf eine aufs Menschliche hinorientierte Weise immer wieder und wiederum durchspricht mit denjenigen, die am Unternehmen beteiligt sind, dann legt man einen Grund, um erst das andere auf diesem Grund erbauen zu können, was sonst in sozialer Beziehung heute wünschenswert und zu erstreben berechtigt ist.

Aber das genügt noch nicht, wenn man gerade in dieser Art fachmännisch zu den Menschen spricht, sondern es ist noch etwas anderes notwendig. Und was da notwendig ist, damit wir wieder soziale Hoffnungen haben können, davon möchte ich eben gerade heute sprechen.

Es ist seit langer Zeit eine verbreitete Anschauung, daß der Mensch, der in sozialer Beziehung führend ist, vor allen Dingen den Weg suchen müsse zu der großen breiten Masse. Nach dieser Richtung sind Bestrebungen gepflogen worden schon durch das ganze 19. Jahrhundert hindurch. Und als die soziale Frage immer brennender und brennender wurde, da konnte man es bemerken, wie der oder jener Monate hindurch sich selbst als Arbeiter in Fabriken betätigte, um das Arbeiterleben kennenzulernen. Es hat Hofräte gegeben, die, nachdem sie selbst schon pensoniert worden waren, also ihre soziale Arbeit eigentlich schon vollendet hatten, unter die Arbeiter sich begaben und dann erstaunt waren, wie es eigentlich in bezug auf das Volk in Wirklichkeit aussieht. Kurz, es bestehen seit langem Bestrebungen, den Menschen der breiten Masse, insbesondere auch den Proletarier kennenzulernen. Und, man kann schon sagen, ein Bedeutsames, ein Großes haben in dieser Beziehung unsere Literatur, unser Schrifttum, unsere Kunst geleistet. Was Malerei und andere Künste, was das Schrifttum geleistet haben in bezug auf die Darstellung, die zuweilen ergreifende Darstellung dessen, was unter Proletariern, was sonst unter den breiten Massen wächst, das muß selbstverständlich durchaus anerkannt werden. Allein bei den großen Fragen der Gegenwart kommt es eigentlich darauf doch nicht an, daß die führenden Menschen vor allen Dingen das kennenlernen, was unter Proletariern oder sonst in der breiten Masse lebt, wenig kommt im Grunde genommen heute eigentlich darauf an, daß man auch mit künstlerischem Sinn aus dem Innern heraus schildert, wie die breiten Massen leben, wie sie vom Elend geplagt werden etwa, von Sorgen geplagt werden, wie sie streben, was sie für Ideen, für Ziele haben und so weiter, Ich möchte sagen: Es kommt heute weniger darauf an, daß wir einen Weg finden, um die breiten Massen zu verstehen, sondern es kommt vielmehr darauf an, daß wir die Möglichkeit finden, von diesen breiten Massen verstanden zu werden, daß wir hineingehen in die Fabrik, in jegliche Unternehmung, und so sprechen können, daß wir nicht als akademisch, daß wir nicht als «gebildet», nicht als theoretisch empfunden werden, sondern daß wir als Menschen empfunden werden, empfunden werden so, daß wir etwas zu sagen haben, was tatsächlich in die Seelen hinein spricht.

Schöne Bestrebungen sind ja seit langem im Gang, allerlei Volkshochschulen, Volksbildungsanstalten und so weiter zu begründen. Was da an das Volk herangebracht wird, interessiert zwar eine Weile durch das Befremdende, das manche wissenschaftliche Resultate haben, es ruft Sensation hervor, wenn wir es etwa mit Lichtbildern begleitet sein lassen, oder wenn wir gar mit den Leuten in Menagerien gehen und dergleichen. Aber man sollte sich keiner Illusion darüber hingeben, daß das nicht wirklich hineinspricht in die Seelen, daß das die Herzen nicht ergreift. In die Seelen hineinsprechen, Herzen ergreifen, das können wir nur, wenn wir etwas zu sagen haben, was davon handelt, wie der Mensch in das ganze Dasein hineingestellt ist. Darüber haben allerdings heute führende Persönlichkeiten noch ganz merkwürdige Ansichten. Sie denken sich, daß der Angehörige der breiten Volksmassen sich ja doch nicht, wie sie das nennen, für «philosophische Fragen» zum Beispiel interessiere. O nein! Wenn man nur die richtige Sprache, in die das gegossen werden muß, findet, dann leuchten die Augen auf, dann schließen sich die Herzen auf. Wenn man zum Beispiel von ganz einfachen wissenschaftlichen Tatsachen ausgehrt, diese einfachen wissenschaftlichen Tatsachen dann so zu behandeln weiß, daß zuletzt aus der Betrachtung Menschenwesen und Menschenbestimmung herausspringt, und man dadurch, daß man den Leuten zeigt: die Dinge sind gut begründet, und auf der anderen Seite zeigt: das ist nicht ein zersplittertes Wissen, das einen höchstens interessieren kann in den Mußestunden, sondern etwas, was der Mensch in seine Seele aufnehmen kann, so daß er Seelennahrung hat - wenn einem das gelingt, dann erst hat man den Anfang damit gemacht, Vertrauen zu schaffen zwischen dem sogenannten Volk und den führenden Persönlichkeiten. Heute können Sie reden vom Parteistandpunkt aus, heute können Sie irgendwie an das Volk Begriffe heranbringen von «Kapitalismus», von «Arbeit», von «Mehrwert» und dergleichen: das Volk wird sich diese Begriffe nach und nach aneignen; dann können Sie parteimäßig sprechen. Aber Sie werden mit diesem parteimäßigen Sprechen die Menschen nicht dazu bringen, nun in solche soziale Gestaltungen einzugehen, in denen sie tatsächlich mit ihrer ganzen Menschlichkeit Anteil nehmen, mitzuarbeiten, auf daß das entsteht, was man erhoffen muß, wenn nicht die Niedergangs-, sondern die Aufgangskräfte siegen sollen.

Nun, wenn man nur den Willen zu solchen Sachen hat, dann kann man das wahrnehmen, was da eigentlich waltet, wo heute noch die Hindernisse und die Hemmungen liegen. Ich selbst war jahrelang Lehrer an einer Arbeiterbildungsschule. Ich habe die verschiedensten Unterrichtszweige dort zu vertreten gehabt. Ich habe mich niemals irgendeinem Parteidogma gefügt; aber ich habe auch niemals ein Hindernis gefunden im Verständnis, das mir entgegengebracht worden ist gerade von seiten des Proletariers, wenn ich die Geschichte zum Beispiel so vorgetragen habe, daß ich überall habe durchleuchten lassen, wie die Geschichte nicht etwas ist, was sich in geschichtsmaterialistische Anschauung fassen läßt, sondern etwas, in dem geistige Kräfte und geistige Impulse wirksam sind. Und ich konnte sogar ein gewisses Verständnis dafür hervorrufen, warum zum Beispiel Marx, den man dazumal in den Kreisen meiner Zuhörer sehr gut innehatte, zu der Anschauung gekommen ist, die man als «geschichtlichen Materialismus» bezeichnet, und die eben dahin geht, daß alles, was als Geistiges vorhanden ist, nur Äußerungen von mechanistischen, von wirtschaftlichen und so weiter Umständen seien. Ich konnte den Leuten begreiflich machen, daß das davon herkommt, daß in der Tat im geschichtlichen Leben seit etwa dem 16. Jahrhundert immer mehr und mehr die Kräfte hervorgetreten sind, durch die das wirtschaftliche Leben so tonangebend, so ausschlaggebend geworden ist, daß tatsächlich Kunst, Wissenschaft und so weiter wie Ergebnisse erscheinen, in gewisser Beziehung es sogar sind, des wirtschaftlichen Lebens, des mechanistischen Lebens. Und weil Marx nur die neuere Geschichte kannte, kam er zu seinem Irrtum.

Ich will aber gar nicht Partei nehmen für das eine oder das andere, sondern nur darauf hinweisen, daß selbst dieses verstanden worden ist. Nicht das mangelnde Vertrauen der Zuhörer hat diese Art der Volksunterweisung unmöglich gemacht, sondern das, daß eines Tages die gebräuchlichen Führer merkten: da wird nicht parteidogmatisch gelehrt, da wird so gelehrt, daß nach bestem Wissen und Ermessen das, was zur Veranschaulichung gebracht wird, aus dem Menschlichen hervorgebracht wird. Und sie bekamen Angst, diese gebräuchlichen Führer, daß sich die Zuhörerschaft immer mehr und mehr vermehre. Und eines Tages erschien ein Abgesandter dieser Führer in einer Versammlung, die zu dem Zwecke einberufen worden war, zu untersuchen, ob ich geeignet wäre zum Lehrer an der Arbeiterbildungsschule. Es erschien ein Arbeiterführer. Und als ich die Bemerkung machte: Ja, wenn ein Prinzip des Fortschritts innerhalb dieser Kreise geltend gemacht werden soll, so muß doch hier wenigstens eine völlige Lehrfreiheit herrschen —, da antwortete dieser Abgesandte: Freiheit, das anerkennen wir nicht! Wir anerkennen nur einen vernünftigen Zwang.

Nun, von dieser Anschauung ging dann mein Ausschließen aus dem Lehrerkollegium jener Arbeiterbildungsschule aus. Aber für mich selbst war das ein wirklich wichtiges Studium — nicht das Hinausgeworfenwerden zuletzt, sondern das Zusammensein mit den breiten Volksmassen vorher, die gerade im modernen Proletariat zu finden sind —, ein Studium aus dem Grunde, weil man sehen konnte: Redet man nur aus dem vollen Menschentum heraus, redet man so, daß die Zuhörer den Eindruck haben: da wird uns etwas gesagt, was uns bis ans Herz herandringt, was mit unserer Menschlichkeit zu tun hat, was mit unserer Menschheit als Erdenwesen zu tun hat, dann betrachten sie dieses aus einer Weltanschauung herauskommende Denken heute als das Wichtigste, was an sie herantreten kann. Ein Gefühl dafür ist vorhanden, daß vor allen Dingen Aufklärung, jetzt nicht im parteimäßigen Sinn, sondern im allgemein menschlichen Sinn, unter die Massen kommen müsse. Die Leute lechzen, mehr oder weniger unbewußt, nach dem, was aus einer wirklichen breiten Weltanschauung heraus kommt.

Und wie sollte es anders sein, meine sehr verehrten Anwesenden! Sehen wir doch, wie breite Menschenmassen heute so an ihre Arbeit hingestellt sind, daß diese Arbeit sie eigentlich unmöglich interessieren kann. Sie verrichten diese Arbeit, als ob sie etwas vor sich hätten, was zu ihrem Menschentum in gar keiner Beziehung stünde, Daher sind auch die Verbindungen, die Genossenschaften, die Gewerkschaften, für die in diesen Kreisen eine Neigung ist, so, daß sie sich zwar gliedern nach den Gewerben - es gibt Metallarbeitergewerkschaften, Buchdruckergewerkschaften und so weiter —, daß sie aber im Grunde genommen mit diesem Momente der Produktion außerordentlich wenig zu tun haben, sondern das meiste zu tun haben mit dem, was auf dem Gebiet des materiellen Lebens allgemein menschlich ist, das ist die Konsumtion, das ist die Geltendmachung der menschlichen Bedürfnisse. In bezug auf Produktion mußte die Menschheit zur Resignation schreiten, in bezug auf die Konsumtion aber durchaus nicht in demselben Grade. Und so steht heute ein großer Teil der modernen Menschheit vor einer Arbeit, die den Menschen ganz zurückweist auf sich selbst. Ihn kann nicht interessieren, was seine Umgebung ist; ihn kann nicht interessieren, was er vom Morgen bis zum Abend tut, wenn man es ihm nicht so beibringt, daß er Interesse haben kann; ihn interessiert vor allen Dingen, deshalb muß damit angefangen werden, was sich ihm darstellt, wenn er mit sich allein ist nach der Arbeit, wenn er einzig und allein ins Auge fassen kann, was er als Mensch ist. Und wir müssen sagen, wenn wir auf das soziale Chaos unserer Tage hinschauen, so finden wir schon deutlich genug, daß viele Menschen, auch der führenden Stände, herausgerissen sind aus dem, was unmittelbares Interesse, was unmittelbarer Zusammenhang mit dem ist, was man tut. Es dürfte ja auch nicht etwa bloß ein offenes Geheimnis sein, sondern etwas, was in weitesten Kreisen bekannt ist, daß heute selbst viele, die einen geistigen Beruf haben, eigentlich auch an diesem geistigen Beruf so wenig Interesse haben, daß sie auch darauf angewiesen sind, erst dann, wenn sie von ihrem Beruf hinweggehen, sich bloß für sich als Menschen zu interessieren. Aber schon daraus geht hervor, daß es nötig ist, daß man Menschliches an die Menschen heute heranbringt, wenn man soziale Hoffnungen begründen will.

In bezug auf Verstandeskultur haben wir ja außerordentlich vieles geleistet. Wir können heute darauf hinweisen, was menschliche Intelligenz alles geleistet hat. Und es kann gewiß außerordentlich viel gelernt werden, wenn man die Ergebnisse der menschlichen Leistungen in Wissenschaft und Kunst und so weiter an die Menschen heranbringt. Aber darum kann es sich doch nicht handeln, sondern es handelt sich darum, daß man in der Lage ist, nicht nur verstandesmäßige Bildung heute zu verbreiten, um soziale Gestaltungen zu begründen, sondern daß man in der Lage ist, den Menschen warm zu machen, den Menschen zu begeistern, zu begeistern nicht dadurch, daß man große und hohe Worte macht, daß man seine Reden schön formt, sondern dadurch, daß man etwas zu sagen hat, bei dem der Mensch erfühlt und empfindet: das rührt an mein Menschentum.

Wenn wir aber heute mit einer Weltanschauung an die Menschen herantreten, die wir herausnehmen aus dem, was heute populär ist, was heute auch schon aus unseren ausgezeichneten, großartigen Wissenschaften als anerkannt gewonnen werden kann, man wird sich alsbald überzeugen, wie es unmöglich ist, damit wirklich ins Herz der Menschen hineinzugreifen, etwas dem Menschen zu geben, was an sein Menschentum rührt. Der Mensch wird das immer als etwas Äußerliches empfinden, was man ihm auf die gewöhnliche Weise geben kann, und er wird es vor allen Dingen:so empfinden, daß er, wenn er sich dann vertrauensvoll ausspricht, weil man durch andere Eigenschaften sein Vertrauen gewinnt, daß er einem dann sagt: Ja, das wäre alles recht schön; aber erstens können wir das gar nicht verstehen, denn da sind so viele Dinge darinnen, zu denen man erst eine besondere Vorbildung haben muß, so daß wir das nicht verstehen können, und dann ist es uns nicht einfach genug; es ist etwas, was uns sagt: Du kannst da nicht hinüber. - Viele Menschen habe ich so reden hören über das, was heute Volkshochschulen, Volksbibliotheken und dergleichen sind. Wenn man aber gerade auf Grund einer solchen Erfahrung sucht, wie man in das soziale Leben hineinkommt, dann muß man eben tiefer suchen, woran das eigentlich liegt. Und da bin ich wieder genötigt, ich möchte sagen, als Episode etwas Weltanschauliches einfließen zu lassen.

Wenn wir hinüberblicken, wie wir das ja in diesen Tagen oftmals getan haben, in die asiatisch-orientalischen Kulturen, von denen so viele Erbstücke bis in unsere Schulen, sogar bis in unsere Mittel- und Hochschulen hinein vorhanden sind, so finden wir, daß da allerdings auf den Höhen der Bildung etwas ist, was uns auch heute noch von einem unsäglichen Wert sein muß. Das aber, was das Charakteristische ist, was einmal auf diesem Gebiet an Welterkenntnissen, Weltanschauungen gefunden worden ist, das ist doch erfaßt worden mit dem menschlichen Geist, der dann in weiterer Entwickelung der Intellekt geworden ist, von dem ich ja als der besonderen Kraft der neueren Zeit in diesen Tagen auch gesprochen habe. Unser neuzeitlicher besonders stark entwickelter Intellekt ist im Grunde genommen ein spätes Entwickelungsprodukt dessen, was im Orient drüben träumerisches Hellsehen war. Dieses träumerische Hellsehen hat abgeworfen, was unmittelbarer Einblick in die Außenwelt war, und hat sich heraufentwickelt zu unserer inneren logischen Ordnung, zu dem, was heute das große Mittel ist, um Naturerkenntnis zu erringen.

Und im Grunde genommen müssen wir auch in dem, was wir heute als das Mittel der Mitteilung für Weltanschauliches in Europa haben, ein Erbstück erkennen, das wir aus dem Orient haben. Nicht nur die mittelalterlichen Scholastiker haben noch so geredet, daß in ihren Wortformen und Begriffsformen und Ideenformen das enthalten war an Kräften der Seele, was herübergekommen ist aus dem Orient, sondern auch wir - wenn wir es auch ableugnen — reden bis in die Chemie und Physik hinein in Worten, in denen wir nicht reden würden, wenn nicht unsere Bildung bis in die höheren Schulen hinauf im Grunde genommen ein Ergebnis dessen wäre, was vom Orient herübergekommen ist.

Aber indem dasjenige, was altes Hellsehen war, Intellekt geworden ist, hat es gleichzeitig wie einen anderen Zweig aus sich das herausgetrieben, was vielfach maßgebend geworden ist für die Weltanschauung breiter Volksmassen, Anschauungen, die eigentlich heute in Europa zum großen Teil schon ausgestorben sind, die ausgemerzt worden sind von der neueren Volksschulbildung, die nur noch in Resten vorhanden sind in den ungebildetsten Klassen. Während sich auf der einen Seite der Intellekt bis zu wunderbaren Höhen entwickelt hat, entwickelte sich viel mehr, als das die heutige Seelengeschichte zeigt, auf dem Grund des Volkstums das, was gewisse subjektive Erlebnisse einfach unwillkürlich hinausprojizierte in den Raum, was zwar die mannigfaltigsten Formen annahm, was aber doch mit dem einheitlichen Wort Gespensteraberglaube benannt werden kann. Dieser Gespensteraberglaube, der darin besteht, daß subjektive Erlebnisse objektiv hinausversetzt werden in den Raum und in die Zeit, spielte im Laufe der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit eine viel größere Rolle, als man heute denkt. Und wenn heute auch jeder halbwegs Gebildete diesen Gespensterglauben als Aberglauben erkennt, so leben doch vielfach noch atavistisch in uns die Gefühle, die sich unter dem Einfluß dieses Gespensterglaubens entwickelt haben. Und vielfach arbeiten wir, insofern wir auch in dieser Beziehung Nachkommen des orientalischen Wesens sind, auch in unserer Kunst und in anderen Lebenszweigen wenigstens mit den Gefühlen, die sich aus dieser Strömung der Menschheitsentwickelung ergeben haben.

Wer nun genauer hinsieht, was da heraufkommt, ich möchte sagen, aus den Tiefen des sozialen Menschentums in der heutigen Zeit, wer hinschauen kann auf den Menschen, der sich durch das technische, durch das maschinelle Wesen in der neueren Zeit herausgebildet hat, wer hineinschauen kann in dessen Herz, in dessen Seelenbeschaffenheit, der sieht, daß im Grunde genommen in diesem Menschen, der nicht durch das hindurchgegangen ist, was uns heute vor allen Dingen den IntelJlekt wertvoll macht, die Mittel- und Hochschulbildung, daß in diesem Menschen ein innerliches, wirkliches, nicht phrasenhaftes Interesse für all das, was innerhalb der Intelligenz werden kann, dennoch nicht vorhanden ist, sondern etwas ganz anderes. Ich möchte sagen: Hier offenbart sich Elementarisches, das heraufkommt aus den Tiefen, die sich nach oben bewegen in unserer Sozialen Ordnung, Elementarisches, das man im allergeringsten Maße heute in Europa noch versteht, weil es im Grunde genommen etwas Neues ist und, wenn es verstanden wird, zeigen kann, wie man vor die breite Masse hintreten muß mit Weltanschaulichem.

Wer heute, ohne verbunden zu sein mit dem, was Erbschaft ist aus dem Orient, in der Menschheit aufwächst und so auf sich zurückgewiesen ist, wie es der Proletarier ist und wie es auch viele, viele Menschen der höheren Stände sind, bei dem ist es nicht in erster Linie der Intellekt, der in den Umkreis seines Interesses tritt, bei dem ist es der Wille vor allen Dingen, dasjenige, was aus den Tiefen heraufdringt in die Seele, was durchaus aus dem Menschen selber kommt. Weil dies immerhin äußerlich gemerkt worden ist, ist heute auch eine gewisse Sehnsucht vorhanden, den Menschen als Willenswesen zu betrachten. Und viele glauben ja, daß sie gerade zu den breiten Massen weltanschaulich nur dann sprechen können, wenn sie vor allen Dingen auf das Willensmäßige im Menschen eingehen. Aus diesen Sehnsuchten ist erwachsen, was man so häufig findet, daß man den breiten Massen die «Urkultur» darstellt, wo der Mensch noch ein Triebwesen ist. Man stellt vor den Proletarier, wie der Mensch in solchen Urzeiten in einfachen Verhältnissen lebte, und will dann Schlüsse ziehen auf das, was heute soziale Ordnung sein soll. Viel Zeit wird gerade heute bei der Volksbildung damit zugebracht, daß man diese primitiven, triebmäßigen Menschenverhältnisse darstellt. Und vieles andere ist noch da, was darauf hinweist: es ist ein gewisser Instinkt dafür vorhanden, das Willensmäßige hinzustellen, wenn es sich darum handelt, Weltanschauung vor den Menschen zu vertreten.

Aus einem gewissen Sensationsbedürfnis heraus nimmt zwar der Mensch heute solche Darstellungen hin, er fühlt gewissermaßen auch in seiner eigenen Wesenheit, die nicht bis zu einer höheren Bildung emporgedrungen ist, etwas Verwandtes mit diesem Triebhaften in der Menschennatur. Aber wenn man die Leute warm machen will, wenn man ihre Seelen nicht veröden lassen will, wenn man an den ganzen Menschen herankommen will, dann kommt man damit doch nicht zurecht.

Und man muß da doch etwas ein Vollmensch sein, wenn man sich die Frage beantworten will: Warum kommt man denn nicht zurecht? - Nun, deshalb nicht, weil man, wenn man heute auf der Höhe der Wissenschaft steht und sich das, was heute wissenschaftlich anerkannt ist, angeeignet hat, gerade dadurch etwas entwickelt, was zwar noch nicht als solcher erkannt ist, was aber dennoch ein moderner Aberglaube ist: Geradeso wie der gebildete Mensch einer späteren Zeit den alten Gespensteraberglauben als einen solchen empfinden gelernt hat, so empfindet gewissermaßen heute die breite Masse der Menschheit, wie prophetisch, wie in die Zukunft blickend, das als eine Art von Aberglauben, was wir gerade als Ideen und Begriffe und Vorstellungen über diese primitiven Verhältnisse in der Menschennatur vorbringen.

Was bringen wir denn da vor? Wir bringen vor, daß die Menschheit ursprünglich von einem Triebleben beherrscht wird. Das ist etwas recht Dunkles, was in den unbewußten Regionen waltet, das man nicht genauer definieren will: das Triebleben, in das die Instinkte, die man auch im Tiere findet, und alles Unbestimmte in den Willensäußerungen und Empfindungen des Menschen hereinscheinen. Man weist auf etwas hin, was wie ein Naturwesenhaftes innerhalb des Menschen waltet. Man betrachtet es vielfach heute als Ideal, den Menschen so darzustellen, daß man das, was im menschlichen Innern ist, möglichst als materielle Vorgänge, nur eben heraufgehoben in die unbestimmten Vorstellungen des Trieb-, des Instinktlebens und so weiter darstellt.

Aber erinnern wir uns an das, was in diesen Tagen hier von mir über das Innere der Menschennatur entwickelt worden ist. Ich habe dargestellt, wie die geisteswissenschaftlichen Übungen durch Entwickelung den Menschen dazu bringen, in Wirklichkeit in sein Innerliches hineinzuschauen. Er kommt dann darauf, seinen inneren Organismus nun nicht wie der moderne Physiologe oder Anatom von außen anzuschauen, sondern so anzuschauen, wie die Dinge in diesem Organismus innerlich erlebt werden können. Hat man den Gedächtnisspiegel durchstoßen, so sieht man hinunter auf Lunge, Herz und so weiter als auf das, was in seiner physischen Gestaltung nur der äußere Ausdruck, die äußere Offenbarung des Geistigen ist, und zwar eines Geistigen, das ich darstellen konnte wie ein Weltengedächtnis, das zusammenhängt mit dem großen Kosmos.

Ahnen kann das gerade der Mensch, der heute zurückgewiesen wird von seiner Arbeit auf sich selbst. Lechzen aber muß er überall, Verständnis dafür zu erlangen. Dann aber erlangen wir nur dies Verständnis, wenn wir durchschauen, was wir eigentlich tun, wenn wir das, was in uns als Geistiges, als Seelisches lebt, was nicht einmal unser Eigenes ist, nicht zu unserer menschlichen Persönlichkeit gehört, sondern was der Golf ist, möchte ich sagen, den der Kosmos in uns als Menschen hereinsendet, wenn wir das in seinem geistig-seelischen Wesen durchschauen. Der Mensch kann den Menschen nur erkennen, wenn er, hineinschauend in sich, auch auf die Grundwesenheit seines Leiblichen als eines Geistig-Seelischen kommt. Dann aber, wenn wir das wissen, dann wissen wir auch, daß, wenn wir nun von «Trieben», «Instinkten», von all dem sprechen, wovon man heute so gerne spricht, es etwas ist, was wir vor die wahre innere Natur so hinstellen, wie einstmals der Aberglaube die Gespenster vor die äußere Natur hingestellt hat. Ja, wenn wir von «Trieben», von «Instinkten» und dergleichen im Menschen reden, so ist das nur, ich möchte sagen, das durch unsere Anschauung dunkelgemachte Seelische. Wenn wir von der Menschennatur in Wahrheit reden, dürfen wir nicht die Gespenster des Trieblebens, der Leidenschaften und dergleichen sehen, sondern wir müssen durch sie auf die Wahrheit hindurchschauen, wir müssen sozusagen das Realgespensterhafte in unserem Innern, das alle Definition von Trieben, Begierden, Leidenschaften, von Willen und dergleichen darstellt, ebenso überwinden, wie wir die Gespenster überwunden haben gegenüber der äußeren Naturordnung. Bei den Gespenstern haben wir das, was in uns entsteht, vor die äußere Natur hingesetzt, das Subjektive hinausprojiziert in das Objektive. Hier stellen wir etwas, was geistigseelischer Natur in seiner Objektivität ist, so hin, als wenn es ein Materielles wäre; unsere Triebe und Instinkte sind in den Definitionen, wie sie gegeben werden, die materialisierten, ins Innere des Menschen verlegten Gespenster, die vor der Wahrheit des Geistig-Seelischen stehen. Das ist etwas, was als ein Erkenntnistatbestand heute wenig durchschaut wird, was aber gefühlt wird, wenn wir heute mit wirklicher Menschenerkenntnis an denjenigen Menschen herankommen wollen, der aus den Tiefen seines Unbewußten heraus, und in diesen Tiefen des Unbewußten ist ja gewissermaßen das Geistig-Seelische, ahnt: Ihr dürft mir nicht kommen mit den materiellen Gespenstern! Ihr sollt mir etwas sagen darüber, wie der Mensch mit dem Kosmos zusammengewachsen ist!

Meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn man heute soziales Gefühl hat, dann jauchzt dieses innere Gefühl auf, wenn einem so etwas passiert, wie mir vor wenigen Wochen passiert ist, wo ich innerhalb einer Arbeiterschaft vorzutragen hatte. Zunächst war meine Aufgabe, über nationalökonomische Begriffe zu sprechen. Aber ich richte die Sache immer so ein, daß ich die Leute die Themen selber wählen lasse, daß ich mir vor Beginn des Vortrags das Thema überreichen oder sagen lasse, so daß eigentlich ganz aus dem Sinn der Leute heraus das geholt wird, was ihnen als Erkenntnis übergeben werden soll. Und siehe, da passierte es, daß einer der Arbeiter ein Heft unserer Zeitschrift «Die Drei» hervorholte und sagte, er hätte da einen Aufsatz von mir gelesen und hätte da nicht gut verstanden, wie der Planet eigentlich war, der der Erde vorangegangen ist, der dann in die Dunkelheit übergegangen ist und aus dem sich dann die Erde ergeben hat. Und ich konnte beginnen, nun wirklich geisteswissenschaftliche Erörterungen in gerader Linie, in einfacher Art vor diese Arbeiter hinzustellen. Und man konnte sehen: während sie, wenn man trocken, in abstrakten Begriffen spricht, etwa empfinden: Das gibt uns nichts Besonderes! —, ihre Augen aufleuchten, wenn man von solchen Dingen spricht, weil sie fühlen: da ist etwas, wovon ihre Seele zehren kann so, wie ihr Leib von der Nahrung zehrt, die er zu sich nimmt — wie ihre Augen aufleuchten, wenn man ihnen etwas gibt, was nun in den ganzen Menschen, in Herz und Seele eingreift, was nicht bloß Weltidee ist, sondern Weltanschauung in dem Sinn, daß in dieser Weltanschauung wirklich Leben vorhanden ist, daß sie Enthusiasmus erregen kann, selbst dann, wenn der Arbeiter unmittelbar von der Maschine kommt.

Und das glaube ich nun schon einmal, daß solches soziale Wirken vorangehen müsse allem anderen, bevor wir dazu kommen können, irgendwie sonst die Menschen dazu zu gewinnen - und sie müssen gewonnen werden —, die sozialen Gestaltungen dementsprechend zu haben. Wie lange das dauert, das hängt ab von dem guten Willen der Menschen. Ich weiß, wie viele Menschen sagen: Ja, da verweist du uns auf etwas, was erst in vier bis fünf Jahrhunderten Wirklichkeit werden kann. Ich sage dann immer: Ganz gewiß, wenn zu wenige Menschen das wollen. Aber bei all diesen Dingen handelt es sich nicht darum, daß man ausrechnet, wie lange das dauern kann, bis die Menschen zu solchen sozialen Gestaltungen kommen, sondern daß man dieses Rechnen sein läßt und die Sache in den Willen einfahren läßt. Wenn dieser Wille bei einer genügend großen Anzahl von Menschen vorhanden ist, dann können wir hoffen, daß das in einer gar nicht zu langen Zeit erreicht werden kann, wovon man sich sonst intellektualistisch vorstellt, daß es Jahrhunderte dauern könnte. Nichts hindert uns mehr, zu solchen sozialen Gestaltungen zu kommen, als jenes Zaudern, das aus solchem Berechnen hervorgeht. Man kümmere sich zunächst gar nicht darum, was die Rechnung im intellektualistischen Sinne ergibt, sondern man suche an die Menschen heranzukommen, und man wird sehen, wie man mit einer Weltanschauung, die ihnen nicht materialisierte Gespenster vor die Seele rückt, sondern die ihnen den Zusammenhang des Menschen mit dem Kosmos enthüllt, sehr rasches Verständnis finden wird.

Heute ist das Verständnis dieses: Wenn man mit solch einer Weltanschauung an diejenigen herantritt, die berufen sind, sie zu beurteilen, kommen diese und vergleichen sie mit dem, was man schon hat, und dann kommen sie darauf, daß das laienhaft, dilettantisch sei und so weiter. Oder aber es liegt das andere vor: Wenn man heute sprechen muß über diese Dinge, die nun wirklich das Innerste des Menschen so berühren, daß die Triebe und Instinkte und dergleichen vergeistigt werden, dann ist man genötigt, das in die heute gebräuchlichen wissenschaftlichen Formen zu kleiden; sonst wird man von vornherein mit diesen Dingen zurückgewiesen. Tut man dieses, dann wird gesagt: Du sprichst in einer Sprache, die nicht für das Volk ist. Das weiß man schon. Daher taucht man das auch, wenn man für diejenigen spricht, die Anforderungen der wissenschaftlichen Bildung stellen, in ganz andere Ideenzusammenhänge. Es wird aber durchaus dasselbe gegeben. Dann gerade sieht man, daß der Mensch, dessen Intellekt zunächst nicht durch diese und jene intellektuelle Vorbildung in bestimmte Bahnen gelenkt ist, es versteht. Allerdings, die Zeit muß erst überwunden werden, in der man, weil man dieses tut, gerade aus Arbeiterbildungsschulen hinausgeworfen wird durch diejenigen, die sich für die berufenen Führer derer halten, die als die breite Masse des Volkes dastehen.

Nun, ich mußte Sie also darauf hinweisen, daß schon durch die Beschaffenheit der breiten Masse der Menschen heute eine Weltanschauung als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft da sein muß. Denn nur aus einer solchen Weltanschauung, die, wenn sie vom Menschen spricht, wirklich vom Geistigen reden kann, kann die Hoffnung quellen, daß man soziales Verständnis findet. Und dann kann man von diesem sozialen Verständnis mit den sich verstehenden Menschen zu weiterem schreiten. Das kann eine Hoffnung sein.

Diese Hoffnung liegt uns in Mitteleuropa außerordentlich nahe. In Mitteleuropa haben die besten Menschen durch das ganze 19. Jahrhundert hindurch nach einer Erziehungsmethode gesucht, durch die man das Kind sozusagen doch beim Willen fassen könne. Man hat schon geahnt, daß der moderne Mensch am Willen gefaßt sein muß. Man hat es allerdings nicht so eingesehen, wie es die Weltanschauung einsehen kann, die von hier aus vertreten wird. Aber man hat es geahnt. Daher bemühte man sich, diejenigen intellektualistischen Methoden zu finden, durch die man auf dem Wege der Vorstellung an den Willen der Kinder herankommen kann, das Kind mit seinen Denkkräften im Willen erfassen kann. Und eine Unsumme Gutes ist gerade in Mitteleuropa aus dem deutschen Geist heraus — das wird im Westen mit voller Anerkennung zugegeben, wurde wenigstens bis zum Kriege zugegeben — geleistet worden. Immer wurde in England hingewiesen darauf, wie man in Mitteleuropa den Willen auf dem Umwege durch die pädagogische Methode zu ergreifen suchte und wie dieses hinüberverpflanzt worden ist nach England. Das wurde immer anerkannt und dargestellt.

Aber wenn wir noch weiter nach Westen gehen, nach Amerika, dann finden wir, wie sich aus den geistig-geographischen Verhältnissen eine bestimmte Form einer primitiven, möchte ich sagen, ich will aber niemand verletzen, einer primitiven Weltanschauung herausentwickelt, die aber merkwürdige Keime für die Zukunft in sich trägt. Wir finden zum Beispiel, daß gerade in Amerika die gebildeten Menschen, wenn sie zusammenfassen, was sie über den Menschen denken, sagen: Was der Mensch intellektualistisch ausdenkt, das hängt davon ab, welcher Partei er durch die Umstände zugeführt worden ist, in welcher Sekte er drinnensteht; aber indem er so die Meinung seiner Sekte, seines Standes, seiner Partei wiedergibt, bedient er sich zwar seines Intellekts; das aber, woraus das hervorquillt, ist nicht der Intellekt, sondern ist der Wille. Und immer wieder sehen wir gerade innerhalb der amerikanischen Literatur auf den Willen des Menschen als auf die ursprüngliche Wesenheit hindeuten. Gerne zitieren gerade Amerikaner heute solche Schriftsteller, die sagen: Der Intellekt ist heute nichts anderes als der Minister eines Staates, und der Herrscher ist der Wille, wenn auch dieser Intellekt ein teurer Minister ist, wie Carlyle gesagt hat.

Das ist aber nicht eine Anschauung, die theoretisch konstruiert ist, das ist eine Anschauung, die gerade bei gebildeten Amerikanern in Fleisch und Blut übergegangen ist. So reden auch die Physiologen dort. Und derjenige, der für solche Dinge ein Ohr hat, empfindet einen sehr deutlichen Unterschied zwischen der Sprache der Physiologen in Europa und der Sprache der Physiologen in Amerika. Da reden die Leute ganz besonders deutlich davon, wie aus der Art und Weise, wie der Mensch in der Welt drinnensteht, sein Gehirn gebildet wird. Sie meinen, das Gehirn wäre ein Mechanismus, der selbst bis in seine Sprachzentren hinein abhängig sei von der Art und Weise, wie sich der Mensch bewege, wie er in der Welt vorwärtskomme und so weiter, so daß diese Leute die Entfaltung des Willens innerhalb der Welt als das Ursprüngliche im Menschen sehen und alles, was das Gehirn produziert, als das Dienende, als das, was im Grunde genommen nicht viel mit der Individualität des Menschen zu tun hat. Diese Leute sagen: Willst du die Individualität des Menschen kennenlernen, so schaue auf seinen Willen, schaue, wie sein Wille sich herausgebildet hat in seiner Kindheit aus seiner Familie, aus der Sekte, aus der Partei und so weiter; und dann sieh darauf hin, wie er sich einen Intellekt schafft, der - ein Amerikaner hat das gesagt - nicht viel mehr mit seiner Wesenheit zu tun hat als ein Pferd, dessen man sich zum Reiten bedient, mit dem Reiter.

Nun, da haben wir, trotzdem das östliche Element in seiner Erbschaft auch bis nach Amerika gekommen ist, unmittelbar aus der Bildung heraus das getrieben, was wir auf den Untergründen des menschlichen Daseins in Europa finden. Und, man möchte sagen, unser eigenes Amerika, das Amerika innerhalb von Europa, ist das instinktiv gegebene Hinweisen des Menschen auf den Willen, also auf eine zahlreiche Menschenklasse in Europa. Das gibt aber auch den Boden ab, wo Europa sich wirklich mit Amerika verständigen muß, wenn eine soziale Verständigung über die Erde hin kommen soll.

Und in der Tat finden wir, daß manches, was der Amerikaner entwickelt hat, die primitiven Anfänge von solchen Übungen sogar sind, durch die man zu einer geistigen Schau hinkommt. So findet man immer wieder und wiederum von den Amerikanern angepriesen, wie Selbstbeherrschung, Selbstzucht, Selbsterziehung das ist, worauf es ankommt; daß es nicht darauf ankommt, etwas gelernt zu haben, sondern darauf, etwas seinem Willen einzupflanzen durch immer wiederkehrende Wiederholung derselben Übung. Man weiß, was es für eine Bedeutung hat, die Vorstellungen zu wiederholen, rhythmisch zu wiederholen, wie dieses Wirken auf das eigentliche Zentrum des Menschen in den Willen eingreift. Merkwürdigen Formen begegnet man innerhalb dieses bewußten Hinweisens auf das, was für den modernen Menschen den innersten menschlichen Wesenskern eigentlich repräsentieren muß.

Und gerade aus solcher Verständigung heraus wird sich entwickeln lassen, was dazu führt, nun auch anzuerkennen, daß man durch die Betrachtung des Willens hindurch zu dem Geistig-Seelischen des Menschen kommen müsse. Es ergibt sich der Ausblick auf eine Weltanschauung, die, wenn auch heute der Proletatier noch materialistisch sein muß, dennoch so sein kann, wie sie hier vertreten wird, und wie sie, ich möchte sagen, aus den sozialen Verhältnissen heraus selbst als eine Kraft gefunden werden kann gerade durch eine Verständigung von Europa mit Amerika.

Gerade in Mitteleuropa waren die edelsten Geister bemüht, diejenigen intellektuellen Inhalte zu finden, die dann das Gemüt, die Willensnatur der Kinder ergreifen können. Die Pädagogen Mitteleuropas im 19. Jahrhundert wollten die Kunst erfinden, vom Intellekt aus den Willen zu erobern. Aber sie blieben beim abstrakten Denken, das eben noch nicht zum lebendigen Gedanken vorgeschritten ist. Man steckte noch in der orientalischen Welt, in der orientalischen Erbschaft drinnen, und aus der alten orientalischen Erbschaft wollte man dann den Willen ergreifen.

Dann kam eine große Menschenmasse, die machte den Willen überall geltend. Und wir leben heute in einer Zeit, die kontrastiert ist zu dem, was einmal da war zur Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung. Wenn man auch nicht reaktionär gesinnt ist, so muß man doch wissen, wie in früheren Zeiten einer, wenn er auch Fürst war, doch in derselben Predigt saß mit dem letzten Bauern des Ortes, und derjenige, der aus dem geistigen Leben heraus sprach, für alle sprach, etwas zu sagen hatte,was alle ergriff. Das ganz offenbare Bild: wie man durch den Geist die sozialen Ordnungen zusammenhält, war eben für frühere Zeiten so gewiß da, wie es als Erbstück aus dem Orient gekommen ist, wie es erfaßt wird durch den Kopf und sich dann erst zum Herzen senkt. Jetzt hat sich etwas hineingestellt, was aus dem Willen heraus kommt. Wir müssen wiederum die Möglichkeit finden, aus einem Geiste heraus weltanschaulich zu sprechen, der alle ergreift, vom Ungebildetsten bis zum Gebildetsten: Nur so können wir zusammen arbeiten, zusammen denken, zusammen empfinden, zusammen wollen, soziale Hoffnungen in der Gegenwart für die Zukunft begründen.

Das aber wird sich ergeben, wenn man eine Verständigung herbeiführen kann zwischen den neuen Keimen in Europa, wie sie in diesen Tagen geschildert worden sind, und dem, was sich in Amerika, ich möchte sagen, sogar auf einer höheren Stufe der Kultur für die Gebildeten überhaupt ergibt. Eine Verständigung, die darauf abzielt, nach Westen hinüberzugehen, wird den Boden schaffen für das Verständnis einer inneren westlichen Geistentwickelung.

Und wenn wir als westliche Menschen zeigen, daß wir imstande sind, aus dem, was wir innerlich in uns selber ergreifen, ein Geistiges hervorzuzaubern, wenn wir den europäisch-amerikanischen Geist entgegensetzen können dem orientalischen Geist, der heute in der Dekadenz drinnen ist, dann erst wird Weltökonomie, wird Weltverkehr, wie er heute nur äußerlich besteht, im wahren Sinn des Wortes im Vertrauen unter den Menschen möglich sein. Denn mag heute der Asiate, in welcher Form auch immer, mit uns westlichen Menschen Wirtschaft treiben, er hat in seinem Herzen doch das Gefühl: Das, was ihr da habt an Maschinen, das imponiert uns nicht! Ihr macht damit euch selber zu intellektualistischen Maschinen! Das sind innerliche Menschen; nicht einmal die Röntgenstrahlen können ihnen imponieren. Der Orientale wird sagen: Nun ja, da könnt ihr räumlich ins menschliche Innere hineinschauen; dasjenige, was wirklich Bedeutung hat, dazu brauchen wir keine Apparate, das gibt uns unser hellsichtiges Innere selber. - Das mag berechtigt sein oder nicht, das ist aber Gesinnung, das ist Anschauung, die im Orient vorhanden ist. Man glaubt durchaus dort drüben, daß der Geist aus der Menschennatur des Orients entstanden ist, und man sicht mit einer gewissen Verachtung auf alles das herab, was sich, wie man meint, unter den Zwang der Technik, des Mechanistischen stellt, so daß der Mensch selber innerhalb der sozialen Ordnung wie ein Rad in einer Maschine arbeitet.

Erst dann aber, wenn man aus solchen Grundlagen, wie ich sie geschildert habe, aus europäischem und amerikanischem Geist zusammen, selber ein Geistiges in der Weltanschauung erzeugt, erst dann wird die Brücke auch zum Orient hinüber geschlagen werden. Dazu aber bedarf es dessen, daß die Welt nun doch auf dieses Mitteleuropa schaut, das es am weitesten gebracht hat in der Ausgestaltung des Intellekts nach dem lebendigen Gedanken hin. Die Geister aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts: Hege/l, Fichte, Schelling sind am weitesten gegangen in der Ausgestaltung des Gedankens zum Leben. Sie glaubten wenigstens, daß sie in dem, was sie in zwar noch abstrakten Gedanken als substantiellen Inhalt der Welt empfanden, ein Lebendig-Geistiges hatten. Es war allerdings erst Keim zum lebendigen Gedanken. Daher verließ auch Mitteleuropa diese Wege, die sie eingeschlagen hatten. Sie müssen wiedergefunden werden, indem der Gedanke wirklich lebendig gemacht wird. Die mitteleuropäische Verständigung wird es zustande bringen können.

Dann aber, wenn der Westen wiederum den Geist aus sich geboren hat, wenn der Osten nicht nur seinen eigenen Geist sieht, wenn er auch in dem Händler und Wirtschaftenden den Repräsentanten einer geistigen Weltanschauung sehen kann, dann wird auch er nicht mehr in Hochmut herunterschauen, dann wird er sich verständigen können. Das aber ist, was wir suchen müssen, wenn wir soziale Hoffnungen haben sollen. Wir können keine haben, wenn wir nicht einsehen, was verschwinden muß.

Hier in Österreich war ein Geist, der es ausgesprochen hat, daß schließlich alles stürzt, aber daß neues Leben aus den Ruinen blühe. Nun wohl, erst wenn man in der Lage ist, von dem Äußerlich-Sozialen auf das Innerlich-Soziale hinzuschauen, dann kann diese Hoffnung erblühen. Dann muß man aber nicht durchaus die alten Ordnungen aufrecht erhalten wollen, sondern dann muß man den Mut haben, das als stürzenswert anzuschen, was stürzen muß. Denn wahr bleibt immer das Wort: Es kann nichts zur vollen Frucht sich entfalten, was nicht erst als Samenkorn in die Erde geworfen wird, damit es erst verfaule. Nun, das Wort «verfaulen» ist nicht richtig hier; aber das Bild gilt doch. Wir müssen, indem wir richtig erkennen, was wir als faul fallen lassen müssen, zu den neuen Trieben, zu dem schreiten, was als ein neues Leben aus den Ruinen blühen muß. Nur so werden wir in unserer Zeit soziale Hoffnungen für die Zukunft gewinnen können.

German original of Prospects of its Solution (Europe-America) · ← Previous · Next →