Supersensible Knowledge: Anthroposophy as a Demand of the Age
GA 84 — 29 September 1923, Vienna
Die Anthroposophie und die Ethisch-Religiose Lebenshaltung des Menschen
Am letzten Mittwoch durfte ich hier darlegen, wie eine übersinnliche Erkenntnis zustande kommen kann aus einer Fortbildung derjenigen menschlichen Seelenfähigkeiten, die der Mensch im gewöhnlichen Leben hat, und die auch, methodisch angewendet, in der Wissenschaft anerkannt werden. Ich habe zu zeigen versucht, wie durch eine systematische Fortbildung dieser Seelenfähigkeiten in der Tat ein Schauen des Menschen zustande kommt, durch das er gewahr werden kann eine übersinnliche Welt, wie er durch seine physischen Sinne in seiner Umgebung die physisch-sinnliche Welt gewahr wird. Durch ein solches Schauen dringt man nicht etwa bloß in abstrakter Art hinauf zu der Überzeugung, es gäbe außer der Sinneswelt noch eine Geisteswelt, sondern man dringt vor zu einer wirklichen Erfahrung, zu einem wirklichen Erlebnis geistiger Wesenheiten, die um den Menschen, insofern er sich selbst zu einer Geistigkeit erhebt, eine Umwelt bilden, wie Pflanzen und Tiere seine Umwelt in der physischen Welt bilden.
Eine solche übersinnliche Erkenntnis ist ihrem ganzen Wesen nach etwas anderes als dasjenige, was man im gewöhnlichen Leben für das alltägliche Bewußtsein. und auch für die gewöhnliche Wissenschaft Erkenntnis nennt. Da versetzt man sich ja gewissermaßen in den Besitz von Ideen, zum Beispiel von solchen Ideen, welche Naturgesetze umspannen. Aber dieser Besitz von Ideen dringt eigentlich nicht so in die Seele ein, daß er eine unmittelbare Kraft der Seele wird, vergleichbar als geistige Kraft etwa mit der in Aktivität übergehenden menschlichen Muskelkraft. Gedanken bleiben etwas Schattenhaftes, und der Mensch kennt ja aus seinem unmittelbaren Erleben, wie gleichgültig in einer gewissen Beziehung die Gedanken auf das menschliche Herz wirken, wenn es sich darum handelt, die tiefsten Angelegenheiten dieses menschlichen Herzens zu berühren.
Nun glaube ich schon im ersten Vortrage gezeigt zu haben, daß der Mensch, indem er durch ein solches Schauen, wie es hier gemeint ist, tatsächlich hineindringt in die geistige Welt, dann gewahr wird seine übersinnliche Wesenheit, wie sie war, bevor sie zum irdischen Dasein heruntergestiegen ist. Und dadurch, daß er ähnliches für die geistige Welt in bezug auf sein eigenes Selbst sich erringt, dadurch läßt er, ich möchte sagen, sein Herz, seine tiefsten Gemütsbedürfnisse nicht in der gleichen Art unberührt, wie durch die abstrakten Erkenntnisse. Gewiß, wer selbst ein Erkenntnisleben geführt hat, unterschätzt nicht, was alles an innerer Dramatik der Seele auch in dem gewöhnlichen anerkannten Erkenntnisringen liegt; aber immerhin bleiben die Erkenntnisse, die wir uns also erwerben, Bilder der Außenwelt. Ja, wir sind heute, wenn wir wissenschaftlich gebildet sind, am meisten darauf stolz, daß diese Bilder ganz objektiv die Außenwelt gewissermaßen nur abspiegeln, ohne daß sie mit einer gewissen inneren Schlagkraft das seelische Leben so durchzucken, wie etwa im physischen Leibe die Blutzirkulation durch das menschliche Wesen ihre Wellen schlägt. Es ist eben das, was hier als übersinnliche Erkenntnis gemeint ist, etwas, was in ganz anderer Art auf den Menschen wirkt als die gewöhnliche Erkenntnis. Und damit ich mich gerade über diesen Punkt klarmachen kann, möchte ich von einer Art Vergleich ausgehen, der aber mehr ist als ein Vergleich, der die Sache durchaus in ihrer Wirklichkeit treffen kann.
Ich möchte davon ausgehen, wie der Mensch auch im gewöhnlichen Leben in zwei Bewußtseinszuständen lebt — man könnte auch sagen drei, aber fassen wir Schlaf und Traum jetzt als einen Bewußtseinszustand zusammen -, wie erim Schlafzustande völlig abgeschnitten ist von der Außenwelt, und wie eine nur innere Welt sich gewissermaßen grotesk, oftmals chaotisch in ihren Wirkungen zeigt durch den Traum. Wir können mit vielen anderen Menschen in einem Raume sein: unsere 'Traumeswelt ist unsere eigene, wir teilen sie nicht mit den anderen Menschen. Und gerade ein tieferes Betrachten der Traumwelt kann uns zeigen, wie das, was wir als unser inneres menschliches Wesen betrachten müssen, mit dieser Traumwelt zusammenhängt. Schon das körperliche Wesen des Menschen spiegelt sich in merkwürdiger Art im Traume; in phantastischen Bildern spiegelt es sich. Dieser oder jener Zustand eines Organs, ein krankhafter oder erregter Zustand, kann in einem besonderen Sinnbilde im Traume auftauchen, oder es symbolisiert sich etwas, was Geräusch in unserer Umgebung ist, ganz dramatisch im Traume. Der Traum schafft Bilder aus unserem Inneren und aus der Außenwelt. Das alles aber hängt wiederum innig mit unserem ganzen Lebenslauf auf der Erde zusammen. Aus der entferntesten Epoche dieses Lebens zieht der Traum in sein chaotisches, aber immerhin dramatisches Geschehen die Schatten der Erlebnisse hinein. Und je genauer man gerade auf alles das eingeht, desto mehr kommt man darauf, daß wenn auch in einer instinktiven, unterbewußten Art, das innerste menschliche Wesen dennoch mit demjenigen zusammenhängt, was im Traume waltet und webt. Und wer einen Sinn dafür hat, zum Beispiel den Augenblick des Erwachens zu beobachten und von ihm aus das gewöhnliche Tagesleben nicht in jener oberflächlichen Art, wie es oftmals geschieht, sondern in einer tieferen Art ins Seelenauge zu fassen, der wird darauf kommen, wie eigentlich dieses wache Tagesleben sich dadurch charakterisiert, daß was wir im 'Traume, im Schlafe in einer abgeschlossenen Weise erleben, in einer Weise, die wir mit anderen Menschen höchstens in besonderen Fällen teilen, daß das als Seelisch-Geistiges untertaucht in unser Leibliches, gewissermaßen sich in den Willen und damit auch in die willensdurchströmten Gedankenkräfte und Sinneskräfte einschaltet und sich dadurch auf dem Umwege durch den Leib in Beziehung setzt zu der äußeren Welt. Das Erwachen bedeutet dadurch den Übergang in einen ganz anderen Bewußtseinszustand, als wir ihn im Traume haben. Wir werden eingeschaltet in das äußere Geschehen dadurch, daß wir mit unserem Seelischen teilnehmen an Geschehnissen unseres eigenen Organismus, die wiederum mit äußeren Geschehnissen zusammenhängen. Beweise, daß ich den Vorgang eigentlich durchaus objektiv schildere, ergeben sich natürlich nicht auf rechnerisch abstrake Art, auch nicht auf experimentelle Art; aber sie ergeben sich für den, der auf diesem Gebiet beobachten kann, namentlich beobachten kann, wie auf dem Grunde des nüchternen, trockenen Seelenlebens, des Verstandeslebens, immer etwas vorgeht wie ein «wachendes Träumen», ein unterbewußtes Imaginieren, ein Leben in Bildern. Es ist so, daß wir — wie wir von der Oberfläche eines strömenden Wassers in den tieferen Grund hinunterdringen -, so auch von unserem Verstandesleben in die tieferen Regionen der Seele dringen können. Da dringen wir hinein in das, was uns eigentlich, wenn es auch mit der äußeren Welt einen weniger exakten Zusammenhang hat, intimer angeht als das Verstandesleben. Da treffen wir ja auch alles das, was das Verstandesleben anregt zu seiner selbständigen, erfinderischen Kraft, was dieses Verstandesleben anregt, wenn es übergeht in künstlerisches Schaffen, und was sogar — ich werde es später zu zeigen haben - das Verstandesleben anregt, wenn das menschliche Herz sich vom gewöhnlichen Weltenbetrachten hinsenkt zu der religiös-frommen Verehrung der Weltgeistigkeit.
Im Erwachen des gewöhnlichen Lebens ist es eigentlich so, daß wir durch die Einschaltung unseres Seelischen in unsere Leibesorgane mit der Außenwelt in eine solche Verbindung kommen, daß wir dann über das, was der Traum ist, über sein Recht und Unrecht, über seine Wahrheit und Unwahrheit, nicht den Traum, sondern lediglich das wache Tagesleben urteilen lassen können. Es wäre krankhaft, wenn jemand glauben würde, in den chaotischen, wenn auch dramatischen Vorgängen des Traumes irgendwie ein «Höheres» sehen zu können als das, was er als Bedeutung dieses Traumlebens durch das wache Erleben feststellt.
In diesem wachen Erleben, gewissermaßen auf demselben Niveau der Erfahrung, bleiben wir nun auch, wenn wir uns dem Verstandesleben, dem gewöhnlichen Wissenschaftsleben, der alltäglichen Erkenntnis hingeben. Durch jene Versenkung, Vertiefung und, ich möchte sagen, Erkraftung der Seele, von der ich das letztemal gesprochen habe, übt der Mensch bewußt für sein Seelenleben auf einer höheren Stufe ein Ähnliches aus, als er unbewußt durch seine Leibesorganisation ausübt für das gewöhnliche Erwachen. Und das Aufgehen in jener übersinnlichen Erkenntnis ist ein «höheres Erwachen». Und wie wir irgendein Traumbild beziehen auf das wache Tagesleben, indem wir Erinnerung und andere Seelenkräfte zu Hilfe nehmen, um dieses Traumbild, sagen wir, auf eine körperliche Erregung oder ein äußeres Erlebnis zu beziehen und dadurch einzureihen in den Gang der Wirklichkeit, so kommt man durch ein solches übersinnliches Erkennen, wie ich es geschildert habe, dazu, nun dasjenige, was man in der gewöhnlichen sinnlichen Umgebung hat, was man auch durch Beobachtung und Experiment feststellt, einzureihen in eine höhere Welt, in eine geistige Welt, in die man jetzt durch jene Übungen, von denen ich sprach, so eingegliedert wird, wie man beim gewöhnlichen Erwachen durch seinen eigenen Organismus eingegliedert wird in die körperliche Welt. Und so ist es das Aufgehen einer neuen Welt, ein wirkliches Erwachen zu einer neuen Welt, ein Erwachen auf einer höheren Stufe, was eigentlich die übersinnliche Erkenntnis darstellt. Und dieses Erwachen wiederum nötigt dann den Erwachenden, nun die ganze sinnlich-physische Welt so von diesem Erleben aus zu beurteilen, wie er vom Wachleben aus das Traumleben beurteilt. Was ich hier in meinem Erdenleben tue, was mir erscheint durch meine physische Erkenntnis, das lerne ich dann so auf die Vorgänge zu beziehen, die ich als geistig-seelisches Wesen durchgemacht habe in einer rein geistigen Welt vor meinem Heruntersteigen in die irdische Welt, wie ich den Traum auf das wache Leben beziehe. Ich lerne alles, was in der physischen Natur da ist, beziehen - nun nicht «im allgemeinen» auf eine phantastische Geistwelt, sondern auf eine konkrete geistige Welt —, auf eine geistige Welt, die vollinhaltlich ist, die eben durch jene Erkenntniskräfte, die ich geschildert habe - Imagination, Inspiration und Intuition — zu einer geschauten menschlichen Umgebung wird.
Wie aber der Mensch im gewöhnlichen Leben als ein Erwachter in einer anderen Seelenverfassung sich fühlt, denn als ein Träumender, so wird die ganze Seelenverfassung des Menschen eine andere, indem er zu diesem höheren Erwachen kommt. So daß man, indem man in der Art, wie ich es hier getan habe, übersinnliche Erkenntnis schildert, nicht bloß das formale Aufnehmen von Bildern über die übersinnliche Welt schildert, sondern das Übergehen des Menschen von dem einen Bewußtseinszustande in den anderen, von einer Seelenverfassung in die andere. Dadurch aber werden auch diejenigen Seeleninhalte, denen man sich im gewöhnlichen Leben hingibt, durchaus andere. So wie man durch das gewöhnliche Erwachen eben ein anderer Mensch wird, so wird man in gewissem Sinne durch diese übersinnliche Erkenntnis eben ein anderer Mensch. Und was man an Vorstellungen, an Ideen im gewöhnlichen Bewußtsein gehabt hat, das ändert sich. Es geschieht nicht nur ein begrifflicher Umschwung in einem, ein Umschwung dahingehend, daß man mehr versteht, sondern es geschieht ein Lebensumschwung. Das geht nun hinein in die allertiefsten menschlichen Begriffe. Gerade in den allertiefsten menschlichen Begriffen, ich möchte sagen, in der Wurzel des Seelenseins, ändert sich der Mensch dadurch, daß er — es geschieht ja immer nur für kurze Augenblicke des Lebens - eintreten kann in das Gebiet dieser übersinnlichen Erkenntnis.
Da muß ich Ihnen zwei Vorstellungen, welche die denkbar größte Rolle im gewöhnlichen Leben spielen, anführen; Vorstellungen, die ihre volle, tiefe Gültigkeit im gewöhnlichen Leben haben, und die in dem Augenblick, wo man in die übersinnliche Welt hinaufsteigt, eine ganz andere Gestalt bekommen. Das sind die beiden Begriffe, durch die wir unsere Urteile in der Welt bilden: die Begriffe wahr und falsch, richtig und unrichtig. Glauben Sie nicht, daß ich in einer Art Erkenntnisfrivolität mit meiner Auseinandersetzung irgendwie rütteln will an der Gültigkeit der Begriffe wahr und falsch, richtig und unrichtig. Rütteln an demjenigen, was für das gewöhnliche Leben heilsam ist, das ist überhaupt nicht nach der Art einer wahrhaftigen übersinnlichen Erkenntnis. Es wird durch diese übersinnliche Erkenntnis etwas hinzuerworben zu dem gewöhnlichen Leben, aber ihm nichts genommen. Jene Menschen, die — sei es wirklich oder sentimental — unwahr werden im gewöhnlichen Leben, die für dieses gewöhnliche Leben unpraktisch-mystisch werden, die taugen auch nicht zu einer wahrhaften übersinnlichen Erkenntnis. Eine wahrhaftige übersinnliche Erkenntnis wird nicht aus Phantasten, nicht aus Träumern geboren, sondern gerade aus denjenigen, die sich voll mit ihrer Menschlichkeit als wirkliche Lebenspraktiker in das irdische Dasein hineinstellen können. Also nicht an demjenigen, was wir im alltäglichen Leben durchmachen und was in seiner Wurzel an den Begriffen wahr und falsch, richtig und unrichtig hängt, soll gerüttelt werden; im Gegenteil: Wahrhaftigkeit auf diesem Gebiete wird, ich möchte sagen, gefühlsmäßig durch dasjenige gerade befestigt, was nun für eine höhere Erkenntnis eintritt durch eine Metamorphose, durch eine Umgestaltung der Begriffe wahr und falsch, richtig und unrichtig.
Man redet, wenn man wirklich in diese höhere, übersinnliche Welt hineinkommt, nicht mehr in so abstrakter Weise: etwas ist wahr, etwas ist falsch, dies ist richtig, jenes unrichtig, sondern der Begriff des Wahren, des Richtigen geht über in einen solchen, den wir ja auch, aber auf eine mehr instinktive Art, aus dem gewöhnlichen Leben kennen, nur verwandelt sich dieser Begriff des gewöhnlichen Lebens in eine geistige Form. «Wahr, richtig» geht über in den Begriff, in die Vorstellung «gesund»; «falsch» und «unrichtig» geht über in die Vorstellung «krankhaft». Während man also im gewöhnlichen Leben, wenn man über irgend etwas nachdenkt oder irgend etwas fühlt, empfindet oder will, dann sagt: das ist richtig, jenes ist unrichtig —- kommt man eigentlich, wenn man im Gebiete der übersinnlichen Erkenntnis lebt, nicht zu diesem «richtig» oder «unrichtig», sondern man kommt eigentlich zu der Empfindung: etwas ist gesund, etwas ist krankhaft. Sie werden sagen, gesund und krank sind Begriffe, denen eine Unbestimmtheit anhaftet. Aber sie haftet ihnen eben nur an im gewöhnlichen Leben oder im gewöhnlichen Bewußtsein. Die Unbestimmtheit hört auf, wenn die höhere Erkenntnis so exakt gesucht wird, wie ich es im ersten Vortrage dargestellt habe. So tritt die Exaktheit auch ein in das, was man dann auf diesem Gebiete höherer Erkenntnis eben erlebt. «Gesund» und «krank», so nennt man das, was man im Verkehr mit den Wesenheiten der übersinnlichen Welt, die man durch eine solche Erkenntnis gewahr wird, erlebt.
Nun bedenken Sie einmal, wie unendlich nahe einem dadurch dasjenige gehen kann, was eben Gegenstand der übersinnlichen Erkenntnis wird; es geht einem so nahe wie Gesundheit und Krankheit des Leibes. Man sagt von dem einen, das man im Übersinnlichen erlebt: Ich lebe mich in es hinein, es fördert, regt an mein Leben, es erhöht mein Leben; ich werde gewissermaßen «wirklicher» dadurch, es ist gesund. Ich sage von dem anderen: Es lähmt, ja, es ertötet mein eigenes Leben; ich erkenne daran, daß es ein Krankhaftes ist. Und so wie man durch «richtig» und «unrichtig» sich in der gewöhnlichen Welt forthilft, wie man seinen eigenen Menschen in das sittliche, in das soziale Leben hineinstellt, so stellt man sich in die übersinnliche Welt hinein durch «gesund» und «krank». Dadurch aber ist man in diese übersinnliche Welt mit seinem ganzen Wesen auf eine viel wirklichere Art eingeschaltet, als man in die Sinneswelt eigentlich eingeschaltet ist. In der Sinneswelt sondert man sich von den Dingen in diesem Richtig oder Unrichtig. Ich möchte sagen: «richtig» tut wenig intensiv wohl, «unrichtig» tut — insbesondere manchen Menschen — wenig intensiv wehe. In der übersinnlichen Welt ist es gar nicht möglich, daß die Erlebnisse in dieser Weise an uns herantreten. Da steht unser ganzes Sein, unsere ganze Realität in der Art drinnen, wie wir diese übersinnliche Welt erleben. Daher hört für dieses Gebiet alles Streiten auf wie: Sind die Dinge Wirklichkeiten? Sind sie bloß Erscheinungen? Zeigen sie uns bloß die Wirkungen auf unsere eigenen Sinnesorgane? und so weiter, Dinge, von denen ich hier nicht sprechen möchte, weil die Zeit dazu fehlen würde. Alles das aber, worüber man auf diese Weise diskutieren kann für die physische Wirklichkeit, das zu diskutieren hat eigentlich keinen Sinn für die geistige, übersinnliche Welt; denn ihre Wirklichkeit und Unwirklichkeit erprobt man daran, daß man sagen kann: Das eine berührt mich gesund, das andere berührt mich krank — kränkend, möchte ich sagen, das Wort in seiner vollen Bedeutung und Schwere nehmend. In dem Augenblick, wo der Mensch zur übersinnlichen Welt aufsteigt, bemerkt er sogleich, wie das, was sonst kraftlose Erkenntnis ist, zu einer innerlichen Kraft der menschlichen Seele selber wird. Wir durchdringen die Seele mit dieser übersinnlichen Erkenntnis, wie wir unseren Körper mitdem Blut durchdringen. Daher lernen wir auch in einer solchen Erkenntnis das ganze Verhältnis der Seele und des Geistes zum menschlichen Leibe kennen, lernen dadurch hinschauen, wie aus einem übersinnlichen vorgeburtlichen Dasein das Geistig-Seelische des Menschen heruntersteigt und sich mit dem vererbten Leibe verbindet. Um das zu durchschauen, muß man eben erst das Geistig-Seelische wirklich so kennenlernen, daß man durch diese Realität — wie gesund und krank — die Wirklichkeit, ich kann hier nicht sagen, am eigenen Leibe, aber an der eigenen Seele erlebt.
So ist übersinnliche Erkenntnis, so schwer man das Wort ausspricht, weil man scheinbar sogleich in eine Sentimentalität verfällt, nicht eigentlich ein bloßes Verstehen, sondern übersinnliche Erkenntnis, ist ein «Beseelen» des Menschen. Es ist Seele selber, Seeleninhalt, der in uns hereinsteigt, wenn wir zu dieser übersinnlichen Erkenntnis dringen. Wir werden unsere Ewigkeit, unsere Unsterblichkeit ja nicht durch ein philosophisches Problem gewahr; wir werden sie gewahr im unmittelbaren Erleben, wie wir durch unsere Sinne die äußeren Dinge im unmittelbaren Erleben gewahr werden.
Was ich so geschildert habe, steht allerdings vor dem Einwand: Ja, so kann vielleicht derjenige sprechen, der solcher übersinnlichen Erkenntnis teilhaftig ist; aber was soll denn zu diesen Dingen jemand sagen, der noch nicht dieser übersinnlichen Erkenntnis selbst teilhaftig ist? Nun, es ist die schönste Art des menschlichen Zusammenlebens, wenn der eine Mensch an dem anderen sich heranentwickelt, wenn seelisch der eine durch den anderen wird. Dadurch wird gerade in einer wunderbaren Weise die menschliche Gemeinschaft gestiftet. Und so darf gesagt werden: Geradeso wie nicht alle Menschen Astronomen oder Botaniker sein können, wie aber für alle Menschen das, was Astronomie und Botanik hervorbringen, von Wichtigkeit und Bedeutung — wenigstens in den Hauptergebnissen — sein kann und aufgenommen werden kann durch das, was man durch den gesunden Menschenverstand einsehen kann, so ist es auch möglich, daß durch das gesunde menschliche Gemüt im unmittelbaren Aufnehmen dasjenige erfaßt wird, was durch einen Geistesforscher, der in der Lage ist, in die übersinnliche Welt einzudringen, dargestellt wird. Denn der Mensch ist nicht für die Unwahrheit, sondern für die Wahrheit geboren! Und das, was der Geistesforscher zu sagen hat, wird ja immer in solche Worte und Wortfügungen gekleidet sein, daß es schon in der Formulierung abweicht von dem, was wir gewohnt sind, als Bilder aus der sinnlich-physischen Welt zu empfangen. Und so kann, indem der Geistesforscher seine Schauungen offenbart, dies auf den ganzen Menschen, auf den einfachen, gesunden Menschensinn so wirken, daß dieser gesunde Menschensinn erweckt wird, so erweckt wird, daß er wirklich sich hineinfindet in jenes Erwachen, von dem ich heute gesprochen habe. Daher muß ich immer wieder und wieder sagen: Gewiß, in meinen Büchern «Geheimwissenschaft im Umriß», «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in anderen habe ich darzustellen versucht, wie man durch systematische Übungen dasjenige erreichen kann, was ich bezeichnen muß als «Hineinschauen in die geistige Welt», so daß heute ein jeder in der Lage ist, bis zu einem gewissen Grade ein Geistesforscher zu werden; aber man braucht es nicht zu werden. Denn die gesunde menschliche Seelenverfassung ist so, daß das, was der Geistesforscher zu sagen hat, indem es an die Menschenseele heranschlägt, von dieser Seele, wenn sie nur unbefangen genug dazu ist, so empfangen werden kann wie eine alte Erkenntnis. Denn gerade das ist das Eigentümliche dieser Geistesforschung, dieser übersinnlichen Erkenntnis, die hier gemeint ist, daß sie nichts bringt, was nicht unterbewußt in jedem Menschen schon vorhanden ist. So daß jeder Mensch fühlen kann: Das habe ich ja gewußt, es steckt ja in mir; hätte ich mich nur nicht in einer gewissen Weise betäuben lassen durch die autoritativen und anderen naturwissenschaftlichen Vorurteile, so hätte ich durch dieses oder jenes Erlebnis schon früher das eine oder das andere von dem erfaßt, was im Zusammenhange diese Geistesforschung vorbringen kann.
Dadurch aber, daß so etwas eintritt wie die Verwandlung der Begriffe wahr und falsch in gesund und krank, dadurch wird das innere Erleben der Seele immer intensiver und intensiver. Der Mensch stellt sich auf einer höheren Stufe eben intensiver in eine Wirklichkeit hinein, als er sich beim bloßen Erwachen des Alltages in die physische Wirklichkeit hineinstellt. Dadurch werden für die Erkenntnisse, die durchaus exakt sind, geradeso wie durch hingestellte äußere Dinge, Gefühle, Empfindungen, Seelenerlebnisse erregt. Der ganze Mensch wird durch das, was die übersinnliche Erkenntnis geben kann, in Anspruch genommen, wie eigentlich sonst nur der Kopf in Anspruch genommen wird durch das, was eine sinnliche Erkenntnis geben kann. — Sie gestatten mir, daß ich dieses Vollmenschliche der übersinnlichen Erkenntnis auch noch dadurch veranschauliche, daß ich auf etwas Persönliches hinweise; aber das Persönliche ist ja auf diesem Gebiete auch ein Sachliches, denn die Sachen werden intensiv mit dem Persönlichen verknüpft.
Um zu veranschaulichen, wie die übersinnliche Erkenntnis wirklich nicht eine bloße Kopferkenntnis sein kann, sondern wie sie unendlich viel lebendiger und intensiver den Menschen ergreift als die Kopferkenntnis, möchte ich das Folgende sagen. Wer gewohnt ist - und das sollte eigentlich jeder wahrhaftige übersinnliche Erkenner — in gewöhnlicher Erkenntnis zu leben, der weiß, wie der Kopf beteiligt ist an dieser gewöhnlichen Erkenntnis. Steigt er dann auf, gerade wenn er durch sein ganzes Leben sich sozusagen auch in gewöhnlicher Erkenntnis betätigt hat, zu der übersinnlichen Erkenntnis, so wird die Sache so, daß er alle Kräfte anstrengen muß, um diese übersinnliche Erkenntnis, die an ihn herankommt, die sich ihm offenbart, festzuhalten. Er merkt: Die Kraft, durch die man eine Idee über die Natur, ein Naturgesetz, den Verlauf eines Experimentes oder einer klinischen Beobachtung festhält, diese Kraft ist ein Geringeres gegen die innere Seelenkraft, die man entfalten muß, um die Anschauung einer übersinnlichen Wesenheit festzuhalten. Und da fand ich mich denn immer genötigt, nicht nur sozusagen den Kopf zu benützen, um diese übersinnlichen Erkenntnisse festzuhalten, sondern die Kraft, die der Kopf anwenden kann, zu unterstützen durch andere Organe, zum Beispiel durch die Hand. Wenn man irgend etwas, was sich einem übersinnlich ergibt, in einigen Strichen aufzeichnet, wenn man es in charakteristischen, aphoristischen Sätzen oder auch bloßen Worten fixiert, dann ist das, was man da nun nicht bloß als eine durch das Nervensystem, das man beim gewöhnlichen Erkennen anwendet, hervorgerufene Kraft zustande bringt, sondern was man durch eine weit im Organismus ausholende Kraft als Unterstützung des Erkennens zustande bringt, etwas, was bewirkt, daß man die übersinnlichen Erkenntnisse nicht als vorübergehende hat, daß sie einem nicht entfallen wie Träume, sondern daß man sie behalten kann. Ich darf Ihnen daher verraten, daß ich im Grunde genommen immer in dieser Weise arbeiten muß und Wagenladungen von Notizbüchern in meinem Leben dadurch zustande gebracht habe, die ich niemals wieder angeschaut habe. Denn das, was da notwendig ist, liegt in der Betätigung; und die Betätigung bewirkt, daß man im Geiste das erhält, was sich einer offenbaren will, nicht daß man es hinterher wieder ablesen muß. Dieses Schreiben oder Zeichnen ist selbstverständlich kein automatisches, mediumhaftes, sondern ein ebenso bewußtes wie das, was man bei einer wissenschaftlichen oder anderen Arbeit anwendet. Es ist auch nur da, weil das, was in übersinnlicher Erkenntnis an einen herandringt, eben mit dem ganzen Menschen festgehalten werden muß. Dadurch aber wirkt es auch wieder auf den ganzen Menschen, ergreift den ganzen Menschen, bleibt nicht bei Eindrücken des Kopfes stehen, schreitet fort zu Eindrücken auf das ganze menschliche Herzens- und Gemütsleben. Und was man sonst erlebt, indem das Leben der Erde an einem vorübergeht, was man über dieses oder jenes erlebt an Freude, Freude mit all ihrer inneren Lebendigkeit, was man erlebt an kleineren oder tieferen Schmerzen, was man erlebt durch die äußere Sinneswelt, durch das Zusammensein mit anderen Menschen, an den auf-und absteigenden Wogen des Lebens, das tritt auf einer höheren, auf einer seelisch-geistigen Stufe wieder ein, indem man hinaufkommt in diejenigen Regionen des Übersinnlichen, wo man nicht mehr sprechen kann von wahr und falsch, wo man sprechen muß von gesund und krankhaft.
Und wenn dann insbesondere alles das durchgemacht ist, was ich das letztemal beschrieben habe, namentlich auch das große Schmerzgefühl auf einer gewissen Stufe auf dem Wege zum Übersinnlichen, da dringt man dann vor zueinem solchen Niveau des Erlebens, wo man mit dem Herankommen an übersinnliche Erlebnisse und Erkenntnisse eine solche innere Lebensdramatik durchmacht: Wo einem Erkenntnisse Freude, Lust bereiten können, wie das sonst nur im physischen Leben möglich ist, oder wo einem Erkenntnisse tiefsten Schmerz verursachen können; wo man das ganze seelische Leben, ich möchte sagen, auf einer höheren Stufe erneut hat, mit aller inneren Farbigkeit, mit allem inneren Kolorit, mit aller intimeren Innigkeit des seelisch-gemüthaften Lebens, die man durch sein Zusammengewachsensein mit der körperlichen Organisation im alltäglichen Dasein hat. Und hier ist es, wo sich die höhere Erkenntnis, das übersinnliche Erleben begegnet mit demjenigen, was in das gewöhnliche Leben hereinspielt als das sittliche Dasein des Menschen, dieses sittliche Dasein des Menschen mit alledem, womit es zusammenhängt, mit dem religiösen Empfinden, mit dem Bewußtsein der Freiheit. In dem Augenblick, wo man hinaufsteigt zu einem unmittelbaren Erleben des gesundenden oder kränkenden Geisteslebens, trifft man sozusagen auf die Wurzel des sittlichen Lebens des Menschen, auf die Wurzel des ganzen moralischen Daseins. Auf diese Wurzel des moralischen Daseins trifft man erst, wenn man zu der Anschauung kommt, wie das sinnlich-physische Leben mit demjenigen, was aus dem Menschen fließt, eigentlich für ein höheres Leben eine Art «Traum» ist, so wie der Traum für das gewöhnliche Leben eben ein Traum ist. Und dasjenige, was wir aus unbestimmtenTiefen unseres menschlichen Wesens heraus als Gewissen empfinden, woraus wir handeln können im gewöhnlichen Leben, woraus wir wohltätig oder unheilvoll für unsere Mitmenschen werden, dies, was so, ich möchte sagen, aus Untiefen unseres menschlichen Wesens heraufleuchtet, was uns anregt sittlich oder unsittlich, das wird hell, das wird eingereiht in eine Wirklichkeit, wie der Traum beim Erwachen eingereiht wird in eine Wirklichkeit. Man lernt das Gewissen dennoch als etwas erkennen, was da ist als der im Menschen in einer schattenhaften Weise vorhandene Spiegelglanz des Sinnes und der Bedeutung der geistigen Welt — der übersinnlichen Welt, der wir als Menschen mit dem Tiefsten unseres Wesens doch angehören. Und man begreift jetzt, wenn man die sittliche Weltordnung betrachten und zu einer Wirklichkeit dieser sittlichen Weltordnung kommen will, warum man dann ausgehen muß von dem, was uns die Sinneswissenschaft bieten kann zu einer übersinnlichen Erkenntnis.
Das war es, was ich vor jetzt dreißig Jahren darzustellen versuchte bloß als ethisches Problem, bloß als moralisches Welträtsel in meiner «Philosophie der Freiheit». Da versuchte ich, ohne Rücksicht zu nehmen auf übersinnliche Erkenntnis, rein durch Verfolgen der moralischen Impulse des Menschen, festzustellen, wie das Sittliche in jedem Falle entspringt — nicht aus dem Denken, das in sich aufnimmt die äußeren Dinge, die äußeren Geschehnisse oder die Geschehnisse des eigenen Leibes, sondern wie das Sittliche hervorgeht aus jenem denkerischen Seelenleben, das das Gemüt, das den Willen ergreift, das aber in seiner Grundlage doch denkerisches Seelenleben ist, das in sich selbst begründet ist, das im Geistigen der Welt urständet. Ein Seelenleben mußte ich dazumal in meiner «Philosophie der Freiheit» suchen, das unabhängig ist auch von der menschlichen Leiblichkeit, das zwar wie in schattenhafter Unwirklichkeit gegenüber der robusten Wirklichkeit der äußeren Sinnlichkeit erscheint, das aber in seiner wahren Wesenheit in die Geistgrundlage der Welt eingewurzelt ist. Und das Hervorgehen der sittlichen Impulse aus diesem, von der äußeren Sinneswelt gereinigten, aber im Menschen durchaus lebendigen Denken gibt dem Menschen seinen sittlichen Charakter. Und wenn man durch übersinnliche Erkenntnis nun schauen lernt, wie das, was als Gewissen in uns wurzelt, im Grunde genommen die in unserem Inneren befindliche Spiegelung der realen geistigen Welt ist, die durch die Sinnlichkeit webt und west, dann lernt man die Sittlichkeit des Menschen als das erkennen, was ihn — ohne daß er es weiß, auch wenn er es nur als dumpfe Stimme in seinem Inneren vernimmt — immerdar an jene geistige Welt bindet, die uns dann durch übersinnliche Erkenntnis erschlossen werden kann. Aber man sage nicht, daß diese übersinnliche Erkenntnis deshalb für das sittliche Leben bedeutungslos sein könne, weil wir ja die Stimme des Gewissens, weil wir die praktischen Intentionen des Lebens für die einzelnen Lebenssituationen haben. Wer insbesondere heute sieht, wie alte Geistestraditionen, übersinnliche Erkenntnisse von Urzeiten, die sich erhalten haben, abgeblaßt sind und als blasse Bekenntnisse heute fortleben, der wird auch sehen können, wie gerade auf diesem Gebiete eine neue Anregung des Menschen notwendig ist. Es geben sich ja auf diesem Felde viele Menschen einem großen Irrtum hin. Wir können sehen, wie durch die naturwissenschaftliche Erkenntnis, die ja von vielen auch heute noch als die einzig gültige angesehen wird, wie durch die Gestalt, die diese naturwissenschaftliche Erkenntnis mit ihrem Ignorabimus, ihrem «Wir können nicht erkennen», angenommen hat, viele überhaupt an der Erkenntnis schon verzweifeln, indem sie sagen: Sittliche Impulse, religiöse Intentionen können wir nicht aus irgend etwas gewinnen, was Erkenntnis ist; wir müssen diese ethisch-religiösen Impulse der Lebenshaltung, unabhängig von der Erkenntnis, aus besonderen Anlagen des Menschen heraus entwickeln. So weit ist es ja gekommen, daß man der Erkenntnis alle Fähigkeit abspricht, den Menschen so zu impulsieren, daß er durch die Aufnahme seines eigenen Geisteswesens — denn das ist es ja, was er in der übersinnlichen Erkenntnis aufnimmt — auch in seinem sittlich-religiösen Dasein bereichert wird. So weit ist es gekommen, daß man dies bezweifelt! Aber auf der anderen Seite wird man einsehen — gerade wenn man nicht ein solcher Praktiker ist, wie es die «Praktiker» des heutigen Lebens sind, die ja nur Routiniers sind, sondern wenn man als ein wirklicher Praktiker auf die ganze Welt eingeht, die aus Leib, Seele und Geist besteht -—, dann wird man schon einsehen, wie man in den einzelnen Lebenssituationen, für die man sich im realen Dasein mit sittlich-religiösem Gehalt durchdringen kann, mehr braucht als die abgeblaßten Traditionen, die eigentlich den Menschen doch nicht mehr vollsittlich inspirieren. So etwas sieht man.
Lassen Sie mich da ein besonderes Beispiel anführen. Aus all dem Unbefriedigenden, das ja auch im Erziehungsleben heute an einen herantritt, galt es die Frage zu beantworten: Wie soll eigentlich der Mensch erzogen werden?, als in Stuttgart aus dem Impuls von Emil Molt heraus die «Waldorfschule» begründet werden sollte. Mit dieser Frage an die übersinnliche Welt, von der ich hier spreche, traten wir an diese Aufgabe heran. Ich will nur ganz kurz anführen, was da für Intentionen zugrunde gelegt werden mußten.
Vor allen Dingen mußte die Frage aufgeworfen werden: Wie erzieht man das Kind zum wirklichen, sein ganzes Wesen in sich tragenden, aber auch sein ganzes Wesen in der ethisch-religiösen Lebenshaltung offenbarenden Menschen? Eine wirkliche Menschenerkenntnis nach Leib, Seele und Geist war dazu notwendig. Aber eine solche Menschenerkenntnis nach Leib, Seele und Geist ist heute aus demjenigen, was man gelten lassen will, durchaus nicht möglich, am wenigsten eine solche, welche unmittelbar praktisch werden kann, so daß man durch sie im Leben die mannigfaltigen Aufgaben angreifen kann. Lassen Sie mich das daran erörtern, daß ich ganz kurz zeige, wie eigentlich das, was wir heute so vielfach als unseren Stolz empfinden, die äußere Wissenschaft, die sich experimentierend und beobachtend mit dem Materiellen beschäftigt, nicht imstande ist, gerade in die Geheimnisse des Materiellen einzudringen. Was ich jetzt sage, will ich nur ganz kurz anführen; es kann aber in meinen Schriften, namentlich in meinem Buche «Von Seelenrätseln», mit allen Belegen nachgelesen werden. Wenn wir heute auf die gebräuchliche Wissenschaft hinhören, so bekommen wir von ihr die Vorstellung, zum Beispiel über das menschliche Herz, daß dieses Herz eine Art Pumpe sei, welche das Blut durch die Organe des Menschen wie ein Pumpwerk treibt. Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, die uns einführt in die Anschauung desjenigen, was am Menschen nicht nur sein physischer Leib ist, sondern was im Menschen geistig-seelisches Wesen ist, sie zeigt uns, wie dieses geistig-seelische Wesen das leibliche Wesen durchdringt, wie das Blut nicht durch die Wirkung des «HerzPumpwerkes» durch den Menschen getrieben wird, sondern unmittelbar durch das Geistig-Seelische selber, und wie dieses Geistig-Seelische in die Blutzirkulation so eingreift, daß dieses Geistig-Seelische die Kraft wird, welche das Blut durch unseren Organismus pulsieren macht. Dann aber wird das Herz geschaut als etwas wie ein Sinnesorgan. Wie ich durch meine Augen die äußere Welt bewußt wahrnehme und sie mir in meinen Vorstellungen bewußt zu eigen mache, so nehme ich das, was ich in meinem Blute unbewußt durch meine geistig-seelischen Kräfte als Pulsation entwickele, durch dieses innere Sinnesorgan des Herzens, wiederum auf eine unbewußte Weise wahr. Das Herz ist keine Pumpe, das Herz ist das innere Sinnesorgan, durch welches man dasjenige wahrnimmt, was das Geistig-Seelische an unserem Blute innerlich entwickelt, so wie man durch die äußeren Sinne die äußere Welt wahrnimmt. In dem Augenblicke, wo man vom verstandesmäßigen Zergliedern des menschlichen Organismus übergeht zum Anschauen des ganzen Menschen, in diesem Augenblicke enthüllt sich das Herz in seiner wahren Wesenheit, in seiner wahren Bedeutung: als innerliches Sinnesorgan. Im Herzen offenbaren sich die Wirkungen der menschlichen Blutzirkulation mit ihren Lebensimpulsen, nicht ist das Herz der Veranlasser dieser Pulsation. - Es ist dies ein Beispiel dafür, wie es sozusagen die Tragik gerade der materialistisch gefärbten Wissenschaft ist, in die Geheimnisse des materiellen Lebens nicht eindringen zu können, und wie man in die Geheimnisse des Materiellen erst dadurch eindringt, daß man den Geist in seiner wahren Arbeit, in seinem Schaffen an der Materie beobachtet.
Wenn man aber so auf der einen Seite gerade in dem Geschehen im Materiellen den schaffenden Geist gewahr wird, dann wird man auf der anderen Seite den kraftvollen, nicht bloß den abstrakt denkenden Geist, den wesenhaften, den wirklichen Geist gewahr durch eine solche übersinnliche Erkenntnis. Und dann erst ergibt sich eine wirkliche Menschenerkenntnis, wie man sie braucht, wenn man in dem werdenden Kinde das heranbilden will, was nun im Menschen bis zum Tode kraftvoll, lebensgemäß, wirklichkeitsentsprechend wesen kann. Und so wird durch eine solche intensive Verlebendigung der Menschenerkenntnis das Kind für den Erzieher im Grunde genommen etwas ganz anderes, als es für den äußeren Betrachter bloß ist. Das werdende Kind ist ja vom ersten Augenblicke seines Erdenlebens an im Grunde genommen die wunderbarste irdische Erscheinung. Wie so aus dem tiefsten, zunächst rätselhaft unbestimmten Inneren das herauskommt, was die unbestimmten Gesichtszüge zu immer bestimmteren macht, was das erst verwaschene Antlitz zur sprechenden Physiognomie macht, wie die unbestimmten, ungelenken Bewegungen der Gliedmaßen zu zweck- und zielentsprechenden werden, das zu beobachten ist etwas Wunderbares. Und das auszubilden macht eine große Verantwortlichkeit notwendig.
Steht man vor dem werdenden Menschen so, daß man mit aller inneren Inbrunst, wie sie an übersinnlicher Erkenntnis haften kann, sagt: In diesem Kinde offenbart sich das, was im vorirdischen Dasein geistig-seelisch in übersinnlicher Schöne gelebt hat, was gewissermaßen seine übersinnliche Schöne verlassen hat, untergetaucht ist in denjenigen Leib, der ihm in der physischen Vererbung gegeben werden konnte; du aber, als Erzieher, du hast herauszulösen, was gottgegeben im menschlichen Leibe ruht, daß es ergreifen kann von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat, von Woche zu Woche den physischen Leib, ihn durchdringen kann, ihn plastisch der Seele ähnlich machen kann; du hast im Menschen weiter zu erwecken, was sich in diesem Menschen offenbart — dann steht man nicht nur mit verstandesmäßigen Grundsätzen vor der Erziehung des Kindes, sondern dann steht man mit seinem ganzen Menschen, mit seinem ganzen menschlichen Gemüt, mit seiner umfassenden menschlichen Verantwortlichkeit vor dem Erziehungsproblem. Dann lernt man allmählich wissen, daß man nicht nur das Kind zu beobachten hat, wenn man wissen will, was man zu irgendeiner Zeit mit dem Kinde zu tun hat, sondern daß man den ganzen Menschen überschauen muß.
Das ist unbequem zu beobachten. Aber es ist eine Wahrheit, daß dasjenige, was unter Umständen an einem Menschen sich offenbart, sagen wir, im zartesten Kindesalter, in einer besonderen Gestalt erst im höchsten Alter, nachdem es lange im Innern des Menschen verborgen geblieben ist, sich entweder als gesundend oder krankmachend offenbart. Wir haben als Erzieher nicht nur das unmittelbare kindliche Alter in der Hand, wir haben als Erzieher das ganze menschliche Erdenleben in der Hand. Wer von einem oberflächlichen pädagogischen Standpunkte aus oftmals sagt, man müsse dem Kinde nur das beibringen, was es schon verstehen kann, der irrt gar sehr; er lebt im Augenblicke, er lebt nicht in der Beobachtung des ganzen Menschenlebens. Denn es gibt ein kindliches Alter, das vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife geht, wo es dem Kinde außerordentlich wohltätig ist, wenn es auch dasjenige, was es noch nicht begreift, was für es noch nicht anschaulich werden kann, auf die Autorität des geliebten Erziehers hin annimmt — zum größten Segen für das Menschenleben, weil es Lebenskräfte selbst erweckend wirkt, wenn das Kind in der selbstverständlichen Autorität des Lehrenden und Erziehenden gewissermaßen die Verkörperung von Wahrheit, Schönheit und Güte sieht, wenn es die Welt verkörpert sieht in dem Erzieher. Das ist nicht etwas, was gegen die Freiheit des Menschen verstößt, das ist etwas, was appelliert an die selbstverständliche Autorität, die in ihrer Weiterentwickelung eine Kraftquelle für das ganze Leben ist.
Wenn wir, fünfunddreißig Jahre alt geworden, nunmehr in unser reifes Gemüt etwas hereinbringen, was im Grunde genommen veranlagt ist, erst jetzt von uns als reife Menschen verstanden zu werden, und was wir nur auf die Autorität der geliebten Erzieherpersönlichkeit schon im achten Lebensjahre in unser Herz aufgenommen haben, wenn wir das heraufbringen, was wir schon besessen haben, was durch Liebe in uns lebte und jetzt erst im reifen Alter von uns verstanden wird, dann ist dieses Verstehen dessen, was in uns wie im Keime vorhanden ist, die Quelle einer reichen inneren Belebung. Diese innere Belebung wird dem Menschen genommen, wenn man in trivialisierender Weise nur das an das Kind heranbringen will, was es schon verstehen kann. Man schaut ja nur dann auf das kindliche Erleben richtig hin, wenn man auf den ganzen Menschen und vor allem auf das, was noch mehr in das menschliche Gemüt hineingeht, einzugehen vermag.
Man lernt zum Beispiel Menschen kennen, die, wenn sie in eine Gemeinschaft von anderen Menschen kommen, etwas wie Segen-Ausstrahlendes haben. Sie wirken beruhigend, friedenstiftend selbst auf aufgeregte und aufeinanderplatzende Gemüter. Und wenn wir wirklich in der Lage sind das ist, wie gesagt, unbequem — zurückzuschauen, wodurch solche Menschen, abgesehen von ihren Anlagen, auch durch Erziehung so etwas ausgebildet haben, dann kommen wir oftmals zurück in ein sehr zartes Lebensalter, wo diese Kinder dadurch, daß die Erzieherpersönlichkeiten ihnen im Inneren in recht herzlicher Weise nahe gestanden haben, verehrend aufzuschauen gelernt haben zu diesen Erzieherpersönlichkeiten. Dieses Aufschauen, dieses Verehrenkönnen wirkt wie ein Gebirgsbach, der unter das Gestein tritt und erst später wieder an der Oberfläche erscheint. Es wirkt das, was sich die Seele da im Kindesalter angeeignet hat, hinunter in die Tiefen der Seele, äußert sich erst im hohen Alter und wird dann zu etwas wie Segen ausstrahlender Kraft.
Man kann das, was ich eben ausführte, im Bilde andeuten, indem man sagt: Auch der Welt gegenüber kann der Mensch so erzogen werden, daß er die verehrenden Kräfte des zarten Kindesalters in segnende Kräfte im hohen Alter verwandeln kann. Im Bilde möchte ich andeuten, was ich meine: Niemand wird im Alter die Hand zum Segnen ausbreiten können, der nicht im zarten Kindesalter gelernt hat, in Ehrfurcht, ich möchte sagen, betend die Hände zu falten!
Das kann uns zeigen, wie in einem solchen speziellen Falle eine Lebensaufgabe — die Erziehung — zur ethisch-religiösen Stimmung führen kann, wie auch das, was das Hineinleben in die Geist-Erkenntnis aus unserem Gemüt, aus unserem Willen macht, sich hineinleben kann in unsere Lebenshaltung, so daß das, was wir sonst nur äußerlichtechnisch vielleicht ausbilden, zu einem Bestandteil unserer sittlich-religiösen Lebenshaltung wird. Indem jedoch Unterricht und Erziehung in der Stuttgarter Waldorfschule und in den anderen Schulen, die als ihre Dependancen entstanden sind, in eine solche Atmosphäre gerückt worden ist, ist wahrhaftig das Sachliche, das rein Pädagogische nicht etwa unberücksichtigt geblieben, sondern voll berücksichtigt worden. Aber es ist wirklich die Erziehungsaufgabe etwas geworden, was mit aller seiner erzieherischen Technik, mit aller Erzieherpraxis und allem Methodischen zugleich eine ethisch-religiöse Atmosphäre auf das Kind ausstrahlt. Erzieherhandlungen werden zu ethisch-religiösen Handlungen, weil das, was getan wird, aus den tiefsten sittlichen Impulsen heraus getan wird. Weil erzieherische Praxis aus Erzieher-Gewissen fließt, weil in dem werdenden Menschen geschaut wird das gottgegebene Seelenwesen, deshalb wird die erzieherische Handlung zugleich zu einer religiösen. Und es braucht nichts Sentimentales gemeint zu sein, sondern es kann gerade das gemeint sein, was eigentlich unser so nüchtern gewordenes Leben besonders notwendig hat: In ganz unsentimentalem Sinne kann dadurch, daß Geisteswissenschaft eine Leuchte wird, die auf unsere Lebenshandlungen, auf unsere ganze Lebenshaltung Licht wirft, kann das Leben, wie in dem angezeigten einzelnen Beispiele der Erziehung, so eine Art göttlicher Weltendienst werden. Weil wir durch übersinnliche Erkenntnis nicht zu Abstraktionen, sondern zu menschlichen Kräften kommen, wenn diejenigen Erkenntnisse, die im übersinnlichen Erkennen gewonnen werden, unmittelbar eben Lebenskräfte werden: deshalb können sie auch überfließen in unsere ganze Lebenshaltung, können sie durchdringen mit dem, was den Menschen über den Menschen hinausführt, aus dem Sinnlichen zum Übersinnlichen, was ihn zu einem sittlichen Wesen erhebt; können ihn dazu bringen, daß er wirklich in hingebungsvoller Liebe eins wird mit dem Geist der Welt und dadurch zum wahrhaft religiösen Frommsein kommt.
Das offenbart sich ja insbesondere auch in der Erziehung. Wenn wir das Kind bis zu seinem siebenten Lebensjahr beobachten, so ist es ganz hingegeben, physisch hingegeben an die Umgebung; es ist ein Nachahmer, bis in die Sprache hinein ein nachahmendes Wesen. Und wenn wir diese physische Hingabe ansehen, wenn wir das beobachten, was Naturumgebung des Kindes ist, was für das Kind auch, weil die Seele noch nicht erwacht ist, Naturumgebung bleibt, dann möchten wir sagen: Es ist die naturhafte Ausgestaltung des religiösen Hingegebenseins an die Welt, was uns im Kinde naturhaft entgegentritt. Das Kind lernt deshalb so viel, weil es naturhaft-religiös an die Welt hingegeben ist. Dann sondert sich der Mensch aus der Welt heraus; und vom siebenten Jahre ab wird schon seine erzieherische Umgebung das, was seiner Seele eine andere, ahnende Richtung gibt. Dann kommt er mit der Geschlechtsreife zum selbständigen Urteil, dann wird er das, was sich aus sich selbst heraus Richtung und Ziel gibt. Wohl ihm, wenn er jetzt, da er auch aus seinem sinnlichen Organismus losgelöst wird, dem Gedanken, dem Geist folgen kann und hineinwächst in das Geistige, wie er als Kind naturhaft in der Welt gelebt hat, wenn er als Erwachsener für den Geist zurückkehren kann zu der Naturhaftigkeit des kindlichen WeltErfühlens! Wenn unser Geist, nachdem wir geschlechtsreif geworden sind, so in dem Geist der Welt leben kann, wie der Leib des Kindes in der Welt der Natur lebt, dann dringen wir mit dem Innersten unseres Menschenwesens in wahrer religiöser Hingabe in den Geist der Welt hinein, dann werden wir religiöse Menschen!
Man muß sich eben durchaus bequemen, die gewöhnlichen Erkenntnisvorstellungen in lebendige Kräfte umzuwandeln, wenn man das Wesen, den Nerv der übersinnlichen Erkenntnis erfassen will. Und so ist es auch, wenn man durch das, was ich das letztemal als übersinnliche Erkenntnis der Imagination geschildert habe, den Menschen anschaut. Wenn man gewahr wird, wie in ihm nicht nur dieser physische Leib lebt, den wir durch die Physiologie studieren, den wir in der Klinik zergliedern und eben dadurch die Physiologie aufbauen, wenn man sieht, wie in ihm ein übersinnliches Wesen lebt, das so angeschaut wird, wie ich es beschrieben habe, dann wird man gewahr, wie diese übersinnliche Wesenheit ein Plastiker ist, der am physischen Leibe selber arbeitet. Dann muß man aber auch die Möglichkeit haben, von den gewöhnlichen abstrakten Vorstellungen, die uns nur Naturgesetze liefern, überzugehen zu einer künstlerischen Erfassung des Menschen. Dann müssen die Gesetzmäßigkeiten, durch die man sonst die menschliche physische Gestalt erfaßt, zu gestalteten Inhalten werden; dann muß Wissenschaft in Kunst übergehen können. Der übersinnliche Mensch läßt sich nicht durch abstrakte Wissenschaft ergreifen. Die Wissenschaft vom übersinnlichen Menschen erlangt man nur durch ein Anschauen, das ganz und gar die Wissenschaft in ein künstlerisches Erleben hineinführt. Man darf nicht sagen: Wissenschaft müsse etwas Logisches, Experimentierendes bleiben. Gewiß, eine solche Forderung kann man aufstellen; aber was kümmert sich die Welt um das, was wir als «Forderungen» aufstellen! Wenn wir die Welt erfassen wollen, müssen wir uns nach der Welt, nicht nach unseren Forderungen und nicht einmal nach unseren logischen Gedanken richten, denn die Welt könnte sich aus den bloßen logischen Gedanken in ein Künstlerisches überleiten. Und das tut sie auch. Daher gelangt nur der zu einer richtigen Lebensauffassung, der das, was man in den gedachten Naturgesetzen vor sich hat, überleiten kann durch «anschauende Urteilskraft», wie Goethe dies Wort so schön geprägt hat, in gestaltete Naturgesetze. Da steigt man dann durch die Kunst — wie Schiller sagte: «durch das Morgenrot des Schönen» — hinauf in der Erkenntnis — aber auch in des Frommseins, in des Religiös-Seins Land.
Und dann -lassen Sie mich das zum Schluß aussprechen wird man gewahr, was es eigentlich für eine Bewandtnis hat mit all den Zweifeln, die dem Menschen kommen, wenn er sagt: Die Erkenntnis kann uns ja die religiösen, die ethischen Impulse nicht geben; dazu bedarf es besonderer Kräfte, die von den Erkenntniskräften weitab liegen. Auch von mir hier wird aus den Grundlagen übersinnlicher Erkenntnis niemals behauptet werden, daß irgendeine Erkenntnis als solche den Menschen in die sittlich-religiöse Lebenshaltung hineinbringen kann. Dasjenige aber, was den Menschen in Wahrheit in die sittlich-religiöse Lebenshaltung hineinbringt, das liegt nicht auf sinnlichem Gebiete, das kann erst erforscht werden auf übersinnlichem Gebiete. Daher erlangt man erst eine wirkliche Erkenntnis von der menschlichen Freiheit, wenn man eindringt in das Übersinnliche. Und ebenso erlangt man auch erst eine wirkliche Erkenntnis vom menschlichen Gewissen, wenn man zum Übersinnlichen vordringen kann. Denn dadurch gelangt man in jenes Geistige, das den Menschen nicht naturgesetzlich zwingt, sondern ihn als freies Wesen wirken läßt, ihn aber zugleich durchdringt und durchströmt mit den Impulsen, die sich im Gewissen offenbaren. Dadurch aber offenbart sich dem Menschen das, was er als naiver religiös-frommer Mensch in aller Unschuld ahnt als das Göttliche der Welt. Gewiß braucht man die Erkenntnis, wie ich sie geschildert habe, nicht unmittelbar, um ein religiös-frommer Mensch zu sein; das kann man in aller Naivität sein. Aber so liegt ja die Sache nicht, und die Geschichte beweist das. Wer davon spricht, daß das religiös-ethische Leben des Menschen aus einer anderen Wurzel erblühen müsse als aus der Erkenntnis Wurzel, der weiß eben nicht aus der geschichtlichen Entwickelung, daß alle religiösen Befreiungen - die religiösen Anlagen sind natürlich im Menschen immer vorhanden — aus den Erkenntnissen hervorgegangen sind, wie sie eben aus den vorzeitlichen Epochen auch als übersinnliche da waren. Kein sittlicher und religiöser Inhalt, der nicht aus der Erkenntnis Wurzel entsprang! Heute ist aus der Erkenntnis Wurzel das naturwissenschaftliche Denken entsprungen, das aber nicht bis zum Geist vordringen kann. Dafür haften viele Menschen in bezug auf die religiöse Lebenshaltung an den Traditionen, und sie glauben, was in den Traditionen lebt, das offenbare sich aus so etwas wie einem «religiösen Genie» heraus. In Wahrheit sind es die atavistischen, die vererbten Traditionen. Sie sind aber heute so verblaßt, daß wir einen neuen Impuls der Erkenntnis brauchen, der nicht abstrakt wirkt, der für die Erkenntnis Kraft ist, damit durch das, was in der Erkenntnis liegt, dem Menschen der Impuls gegeben werde, nun auch in die Lebenshaltung des praktischen Lebens mit ethisch-religiösen Impulsen in aller Ursprünglichkeit wieder einzutreten.
Das brauchen wir. Und wenn auf der einen Seite behauptet wird - ganz gewiß auch mit einem gewissen Recht -, Erkenntnis als solche brauche der Mensch nicht, um eine ethisch-religiöse Lebenshaltung zu entwickeln, so muß aber auf der anderen Seite gesagt werden — das lehrt wieder die Geschichte -: Auch Erkenntnis darf den Menschen nicht be‚irren in seinem religiösen, in seinem ethischen Sinne. Der Mensch muß die Möglichkeit haben, die höchste Erkenntnisstufe zu erringen, aber mit dieser Erkenntnisstufe — die ihm natürlich zu erlangen möglich ist, denn es bleibt immer noch viel darüber — in derjenigen Heimat anzulangen, in welcher er gelebt hat gottgewollt, gottgeführt, als er noch nicht zur Erkenntnis gekommen war. Dasjenige, was ahnend war und als Ahnung sein Recht hatte, muß wiedergefunden werden, auch wenn nach dem höchsten Erkenntnislichte gestrebt wird. Dann kann Erkenntnis nicht etwas sein, was auf die sittliche Lebenshaltung auslöschend wirkt, sondern dann kann Erkenntnis nur dasjenige sein, was, anfeuernd und recht sie durchströmend, auf alle moralisch-religiöse Lebenshaltung wirken wird. Der Mensch aber wird durch einesolcheErkenntnisden tieferen SinndesLebens gewahr werden, von dem doch gesprochen werden darf. Er wird gewahr werden, daß er durch Fügung der Weltengeheimnisse, der ganzen Weltenlenkung zunächst ahnungsvoll als ein geistgewolltes Wesen dasteht, daß er als ein geistgewolltes Wesen weiter sich entwickeln kann, daß er allerdings dann in einer äußeren Erkenntnis nur auf ein unbestimmtes Meer hinauskommt, wo er schon auf Zweifel geführt und zerrissen werden kann gegenüber dem, was als Einheit in ihm gelebt hat, als er noch naiv ahnend war. Wacht er aber aus der gewöhnlichen Erkenntnis auf zur übersinnlichen Erkenntnis, dann gelangt er wiederum zurück zu dem, was in ihm gottgegeben, geistdurchwirkt ist.
Und so wird schon auch das, was unsere schwer geprüfte Zeit so notwendig hat: einen neuen Einschlag in der ethisch-religiösen Lebenshaltung — dadurch allein wirklich gefördert werden können, daß so wie die Erkenntnis bisher vom dunkelahnenden, träumenden Erkennen zu der heutigen wachen Klarheit vorgeschritten ist, nun auch von dieser wachen Klarheit zu einem höheren Erwachen fortgeschritten werde, zu einem Verbundensein mit der übersinnlichen Welt. Dadurch wird auch dem Menschen jener Impuls gegeben werden können, den er insbesondere für die Erneuerung seines sozialen Daseins in dieser Zeit der schweren Prüfung der Menschheit an allen Orten der Erde so notwendig braucht, und man kann schon sagen: für das ganze soziale Denken der Gegenwart braucht. Als Wurzel in der ethisch-religiösen Lebenshaltung müßte Verständnis dafür erwachsen, daß der Mensch von der gewöhnlichen Erkenntnis durch künstlerisches und übersinnliches Erwachen hineinkomme in eine religiös-ethische Lebenshaltung, in ein wirkliches unsentimentales Frommsein, wodurch sozusagen der Lebensdienst zum Geistesdienst wird; daß er da hineinkommt, indem sein Erkennen zum Lichte des Übersinnlichen strebt, so daß dieses Licht des Übersinnlichen ihn erwachen läßt in einer übersinnlichen Welt, in der er sich erst wirklich als freie Seele gegenüber den Naturgesetzen fühlen kann, in der er erst mit einer wirklichen menschlichen Würde, mit einer wahren Frömmigkeit und echten Innigkeit und wahrer Religiosität als Geistesmensch in der Geisteswelt stehen kann.