Aus den Inhalten der esoterischen Stunden — Berlin, 1912-03-22
## GA 266/2 — 1912-03-22, Berlin
Berlin, 22. März 1912 Aufzeichnung Α Unsere okkulten Übungen sollen uns zur imaginativen Erkenntnis bringen. Es gibt Imaginationen, die in verhältnismäßig noch nicht so lange hinter uns liegenden Zeiten von jedem Schüler ohne weitere Erklärung verstanden werden konnten; heute müssen solche Imaginationen uns in verständlichen Worten gedeutet werden, weil nur sehr wenige Esoteriker durch sich selbst auf die Bedeutung kommen würden. Jetzt wird hier eine Imagination gegeben werden, die für jeden Esoteriker nützlich ist, der das Gefühl hat, daß er trotz seiner Anstrengungen nicht genügend vorwärtskommt. Der Schüler stelle sich vor, daß sein Lehrer oder Meister vor ihm stehe in der Gestalt des Moses - wenn er auch nur eine unbestimmte Vorstellung von dieser Individualität haben mag - und daß dieser ihn frägt: Du möchtest also wissen, warum du nicht weiterkommst auf deinem esoterischen Wege? - Ja. - Ich will es dir sagen: Es ist, weil du das goldene Kalb anbetest. - Nach diesem Worte sieht der Schüler neben dem Moses das goldene Kalb. Moses läßt jetzt Feuer aus der Erde heraufkommen, das das goldene Kalb verzehrt, bis es zu Pulverstaub geworden ist. Dieses Pulver wirft er in ein klares Wasser, das da ist, und gibt dem Schüler von diesem mit dem Pulver vermischten Wasser zu trinken. Noch vor wenigen Jahrhunderten hätte jeder Esoteriker dieses Bild verstehen können. Jetzt muß es in der folgenden Weise erklärt werden. Wenn wir zurückgehen in unserer Erinnerung, kommen wir bis zu dem Punkt, wo unsere Erinnerungen aufhören und das Ich-Bewußtsein seinen Anfang genommen hat. Das, was vorher liegt, das ist dasjenige, was wir in früheren Inkarnationen aus uns selbst gemacht und in diese mit hineingebracht haben. Das
ist das goldene Kalb, das wir anbeten, ohne es zu wissen, unsere Hüllennatur. Der Schüler stelle nun in dem Bilde an Stelle des goldenen Kalbes sich selbst als Kind vor, das noch kein Ich-Bewußtsein hat. Er durchdringt sich von dem Bewußtsein, daß dasjenige, was er als sein Ich empfindet, nichts anderes ist als eine luziferische Wirkung; denn das gewöhnliche Ich-Bewußtsein beruht auf der Erinnerung, und Erinnerung ist eine luziferische Kraft, da es eben Luzifers Aufgabe ist, das Vergangene in die Gegenwart hinüberzutragen. Zieht man das, was man durch das Ich-Bewußtsein hat, von sich selbst ab, dann bleibt dasjenige übrig, was wir aus anderen Erdenleben mitgebracht haben. Es mag manchem hart scheinen, sich so vorstellen zu müssen, aber ohne solche strengen Begriffe werden wir nicht geeignet, dem Hüter der Schwelle zu begegnen. Dann stelle der Schüler sich wirklich vor, wie das Feuer die Kindesgestalt verbrennt, die Kindesform, die er selber ist; er ist nur inzwischen etwas größer geworden, aber im Grunde genommen ist er noch immer diese Hüllennatur, die das Kind auch war, nur ist die Illusion des Ich dazu gekommen. Er sieht, wie die Form zu Pulverstaub wird, und das soll ein starkes Bewußtsein werden, daß alles, was an diesen Hüllen des physischen, Äther- und Astralleibes da ist, ihm gleichgültig sein soll, gleichsam ein Häufchen Aschenpulver, so gleichgültig wie der Ton für den Bildhauer ist, bevor er etwas aus ihm gemacht hat. Sein physischer Leib, die Form, die äußere Gestalt, sein Ätherleib mit dem Gedächtnis, sein Astralleib mit den Sympathien und Antipathien, das alles muß fortgedacht oder wie ein Häufchen Staub gedacht werden. Man kann das vielleicht nicht gleich im Leben in Praxis umwandeln. Gemeint ist nicht, daß man einem Menschen, zu dem man eine Antipathie hatte, nun plötzlich um den Hals fallen soll; aber wenn wir diese Imagination als Übung ausführen, müssen wir alle Antipathie von uns weisen können. Und der Staub wird in das reine Wasser der göttlichen Substanz geworfen, so wie sie war, bevor die luziferische Kraft darin gearbeitet hatte. So soll die Hüllennatur geopfert und der göttlichen Substanz zurückgegeben werden. Aber der Esoteriker kommt auch zu der Einsicht, daß all das, was jetzt für ihn nur ein Häufchen Staub ist, doch aus dem Geiste heraus gebildet worden ist. Die Gestalt seines Leibes wurde von dem Geiste skulptiert, der Geist hat ihn zu dem gemacht, was er jetzt als Form ist. Und das, was der Geist aus ihm gemacht hat, das sollen wir wieder zu uns nehmen. Wir sollen das Wasser, in dem der Staub aufgelöst war, wieder trinken. Dann haben wir es rein, nachdem das goldene Kalb verbrannt, zu Pulver geworden und aufgelöst worden ist. Wenn wir das ausführen, dann werden wir empfinden, daß zunächst eine ganze Stelle in uns wie leer wird; es ist die Stelle, wo sonst das Ich sitzt, die fühlen wir leer werden. Dann kann man entweder zum Buddhisten werden und in ein Gebiet eingehen, wofür sich der Mensch zu würdig fühlen sollte: in das Nirwana, in eine außerirdische Sphäre. Oder aber, man kann zu einem neuen Bewußtsein von dem Christus-Impuls kommen und diesen einströmen fühlen in die leergewordene Stelle unseres Ich. Niemals hätte der Christus auf Erden kommen können unter dem hebräischen Volke, wenn nicht Moses das goldene Kalb zerstört und ins Wasser geworfen hätte und es den Kindern Israels zum Trinken gegeben hätte. Es ist nicht so gemeint, als ob man diese Imagination täglich ausführen sollte, sondern immer wieder nach einem gewissen Zeitablauf - zum Beispiel drei oder vier oder sechs Wochen. Sie ist im Grunde nur wieder eine Verdeutlichung unseres Rosenkreuzerspruches.
* Aufzeichnung B Vom goldenen Kalbe Viele Esoteriker meinen, nicht weiterzukommen auf dem esoterischen Wege. Sie möchten sich auskennen* in ihren Übungen und wissen nicht, woran es liegt, daß sie in ihrem Fortschreiten gehemmt sind. - Es soll nun heute, da es schwer ist, das, was zu sagen ist, in heutige Worte und Begriffe zu fassen, eine Imagination vor Ihre Seele gestellt werden, die früher alle Mysterienschüler durchzumachen hatten. Stellen Sie sich vor als Ihren Lehrer und Meister Moses - das Ganze als Vision -, Moses, der Ihnen auf Ihre Frage, warum Sie nicht schneller voran kommen, da Sie doch so große Sehnsucht hätten, in die geistigen Welten einzudringen, in strengem Ton antwortet (man soll in der Stille die Antwort erwarten, die sehr oft nicht im Sinne der Fragenden gegeben wird): «Erst mußt du das goldene Kalb verbrennen.» Stellen Sie sich in demselben Augenblick vor: ein goldenes Kalb neben Moses gestellt, dann Feuer, das Moses aus dem Erdboden heraufruft und das das goldene Kalb verbrennt, so daß nichts übrig bleibt als zu Staub Pulverisiertes; und weiter stellen Sie sich vor: dies von Moses in Wasser gerührt und dem Meditanten zu trinken gegeben. Es ist schon öfters erwähnt worden, daß der Mensch sich nur bis zu einem gewissen Punkt seiner Kindheit zurückerinnert. Was vor dieser Zeit liegt, darüber haben uns wohl Eltern und Geschwister erzählt, wir selbst wissen nichts davon, denn unser Ich war ja noch nicht in uns, sondern arbeitete von außen, und im Grunde genommen ist das Ich doch der Zusammenschluß aller Rückerinnerungen. Also von der Zeit Ihrer Kindheit spreche ich, die vor Ihrer Rückerinnerung liegt. Stellen Sie sich vor, wie Sie da waren als Kind, und setzen Sie nun das Kind an die Stelle des goldenen Kalbes. Dann lassen Sie durch Moses wieder * In anderen Vorlagen heißt es: «Sie glauben sich auszukennen ...».
_____________ Feuer aus der Erde hervorkommen, welches das Kind verbrennt, verzehrt. - Obgleich in einer gar nicht zu fernen Vergangenheit ein esoterischer Schüler eine solche Imagination nur mit dem Gefühl aufgenommen hätte, müssen wir heute, um sie zu verstehen, einige Erläuterungen hinzufügen. Manches mag hart, mag verletzend klingen, was jetzt gesagt werden soll, aber es müssen starke, grausige Bilder sein, die eine starke Erschütterung der Seele herbeiführen, wenn wir in unserem esoterischen Leben vorwärtskommen wollen. Vier Gedankenempfindungen sind es, die diese Imagination in unserer Seele auslösen muß. Die erste Gedankenempfindung muß die sein, daß wir uns gestehen: wir haben wirklich bisher das goldene Kalb angebetet. Unser eigenes Selbst, wie wir uns physisch entwickelt haben, das haben wir angebetet. Unsere Rückerinnerungen stehen unter dem Einfluß luziferischer Kräfte. Das, was wir Gedächtnis nennen, verdanken wir Luzifer. In allem, was wir geworden sind auch durch die Inkarnationen oder durch Vererbung, wirkt Luzifer. Soll das rein Geistige wieder in uns zur Herrschaft gelangen, so müssen unsere Hüllen verbrannt werden, zu Staub und Asche pulverisiert werden. Die zweite Gedankenempfindung ist die, daß alles, was wir äußerlich von uns sehen und fühlen, nicht mehr bedeutet als ein bißchen Staub, nicht solcher Staub, aus dem Neues geformt und gebildet wird, sondern wie ein Häufchen Staub, das auf der Straße liegt, sollen wir unsere eigene Persönlichkeit fühlen. Alle Sympathien und Antipathien müssen aufhören. Zwar brauche ich dies äußerlich nicht zu zeigen. Ich muß nicht jemanden gleich umarmen, den ich nun einmal nicht besonders liebe! Das wäre eine Falschheit. Innerlich jedoch sollen wir allen gleich gegenübertreten. Drittens sollen wir in uns die Empfindung erwecken, daß alles um uns her nur Maja ist. Maja oder Schein sind auch unsere Körper, auch der Astral- und Ätherleib; das rein Geistige, das dahintersteht, ist das Ich. Geistig ist nur unser Ich. Unsere Nase,
die mit uns gewachsen ist, ist Maja, unsere Hand ist Maja. Erst dann gewinnen wir den richtigen Standpunkt, wenn wir sie uns vorstellen als etwas, das uns gar nichts angeht, als ein Werkzeug wie jedes andere, ein Hammer oder dergleichen. Alles um uns her ist Maja, ist erlogen. Und doppelt erlogen ist die Vorstellung, die wir uns von uns selbst als Kind machen, bevor die Rückerinnerung einsetzt; denn erstens ist eben alles Maja, und zweitens können wir uns ja daran noch nicht erinnern. Aus dieser Erkenntnis, daß alles Maja ist, soll dann aber die Gewißheit herauswachsen, daß hinter allem das Geistige steht, daß alles, was wir bedeuten, von hohen geistigen Persönlichkeiten (Wesenheiten) in uns hineingebaut ist. Und endlich soll die vierte Gedankenempfindung die sein, daß auch alles, was wir an unseren früheren Inkarnationen gearbeitet haben, vernichtet werden muß. Wir müssen unsere eigene Persönlichkeit, unser eigenes Ich, welches vollständig zu Staub pulverisiert ist und gänzlich in Wasser aufgelöst ist, trinken. - Dann wird freilich eine Öde, eine Leere entstehen in der Seele, die sich heraussehnt aus dem Irdischen zur Ruhe, zum Nirwana. Der Buddhist bleibt hier stehen, wir aber wissen, daß die Leere ausgefüllt werden soll und kann durch den Christus-Impuls, das höhere Ich, das uns hinaufführen soll wiederum in die geistigen Welten. Diese Leere wird sich immer kennzeichnen durch das Gefühl hingebungsvollster, tiefster Frömmigkeit gegenüber den geistigen Welten. Nichts soll man für sich wollen, sich nur fühlen als ein Diener Gottes auf Erden, als Bote aus den geistigen Welten. Stellen Sie diese Geschichte vom goldenen Kalbe, ohne die - wäre sie nicht geschehen - der Christus Jesus nicht hätte aus dem hebräischen Volk hervorgehen können, häufig vor Ihre Seele. Nicht jeden Tag, aber alle drei Wochen eine Viertelstunde lang, und nicht nur zwei- oder dreimal und dann glauben, es sei genug, sondern wieder und wieder führen Sie sich diese Imagination vor. Dann werden Sie schon merken, woran es gelegen, daß Sie nicht vorwärtsgekommen sind. - Ex Deo nascimur.
Aufzeichnung C Viele werden finden, daß sie nicht recht vorwärts kommen in ihren Übungen. Heute eine Imagination, die bei öfterer Anwendung vorwärts hilft. Sich den Führer auf dem esoterischen Pfade vorstellen in der Gestalt des Moses. Dieser sagt zu uns: Du hast Sehnsucht zu wissen, warum du nicht voran kommst. Er läßt vor uns erscheinen das goldene Kalb und sagt: Darum kommst du nicht voran, weil du das goldene Kalb anbetest. Hierauf läßt er Feuerflammen aufschlagen um das goldene Kalb und dieses verbrennen; dann zerreibt er die Asche zu Staub, streut diesen in das Wasser und gibt uns das Wasser zu trinken. Er sagt: Nun erst werdet Ihr voran kommen. - An diese Imagination anschließend müssen bestimmte Gedanken aufsteigen. Wir müssen uns zurückerinnern an unsre Kindheit, an die Zeit, ehe unser Gedächtnis, unser Ich-Bewußtsein, das wir Luzifer verdanken, da war. Alles, was früher von uns da war, wurde aufgebaut durch geistige Kräfte als Ergebnis der früheren Inkarnationen. Es erscheint vor unserm inneren Auge anstelle des goldenen Kalbes das Kind, das wir selber waren. Und es geschieht dasselbe: Feuerflammen schlagen auf, verbrennen es, es wird zu Staub zerrieben, der Staub in Wasser gestreut und uns zu trinken gegeben. Moses sagt uns in unerbittlicher Strenge: Du bist es selbst, das goldene Kalb, das du anbetest. Erkenne nun, daß die Gestalt des Kindes - das du dir im Grunde nicht vorstellen kannst, denn du kennst es gar nicht, * Ein Esoteriker, der auf seinem Wege umkehren will, beweist dadurch seine eigene Unwürdigkeit und Schwäche. Er setzt sich in Widerspruch zu den Gefühlen, die durch sein Inneres zogen, als er den esoterischen Weg betrat. Besser aber ist es immerhin, er kehrt um, als daß er diese Unwahrheit durch sein ganzes Leben schleppt. hast es nie gesehen - Maja ist, doppelte Maja, ebensolche Maja, wie alle Stofflichkeit, die dir in der Sinnenwelt entgegentritt; denn das, was die Stoffe zusammenhält, das Geistige, kennst du nicht. So ist es in bezug auf deinen Ätherleib und Astralleib, denn das, was du von dir weißt, ist dir Erinnerung, das Gedächtnis, und das ist Luzifer, ist Maja. Ebenso ist alles, was Sympathie und Antipathie, was du von deinem Ich weißt, Maja. Dies alles muß in dem Feuer verbrennen, zu Nichts werden, wenn du es erkennen willst. Und es muß dir so gleichgültig werden wie der Staub auf der Straße, an dem du vorbeigehst. Wenn so nichts von dir übrig geblieben ist als eine Hülle, und drin eine große Leerheit, dann mußt du diese füllen mit der Christus-Wesenheit. Das ist das Trinken des Wassers. Indem der Staub aufgelöst ist durch die Christus-Wesenheit, wirst du zurückgewinnen deine Hüllen, aber jedes Glied muß dir erscheinen als etwas außer dir, ein Werkzeug nur, wie der Hammer in der Hand; du mußt dir nur ganz Werkzeug sein für die Wirkungen und Taten der geistigen Welt.