Aus den Inhalten der esoterischen Stunden — München, 1912-11-28
## GA 266/2 — 1912-11-28, München
München, 28. November 1912 Es obliegt mir heute, aus den okkulten Erfahrungen heraus über die Fortschritte zu sprechen, die wir durch unsere Übungen machen. Es wird mancher seine Meditationen richtig ausführen, auch nach denselben jene Ruhe herstellen können, die unerläßlich ist, damit Gedanken und Empfindungen oder auch Schauungen in unsere Seele treten als Resultat der Meditation, jahrelang macht mancher dies und wird vielleicht das Gefühl haben, als ob er genau auf demselben Punkte wie im Anfang ist. Und doch ist es nicht so. Es muß nur gesagt werden, daß eine große Hauptsache ist, daß der Esoteriker Aufmerksamkeit verwendet auf sein Seelenleben; denn dieses ist so intim, daß die Aufmerksamkeit auch sehr scharf sein muß, wenn man alles wahrnehmen will. Wenn wir nach der Meditation, die wir gerade recht gewissenhaft und gut gemacht haben, uns dem gewöhnlichen Tagesleben hingeben, uns zum Beispiel waschen und anziehen, so ist unser Bewußtsein an diese Tätigkeit hingegeben. Da kann es nun sein, daß wir einmal das Gefühl haben: jetzt habe ich ganz mechanisch meine Tätigkeit ausgeführt, meine Gedanken waren nicht dabei. Und wenn wir uns darauf besinnen, was unsere Gedanken taten, so können wir das Gefühl wie von einem leisen Traum erhalten, als ob nicht wir gedacht hätten, sondern als ob das, was durch unsere Seele zog, in uns gedacht hätte. Wir bekommen mehr und mehr das Gefühl, wenn wir etwas derartiges beobachten, daß etwas in uns geschieht, auf das wir die mantrischen Worte anwenden können: Es denkt mich. Wenn wir diese Worte im alltäglichen Leben bei jeder Gelegenheit, die uns einen stillen Moment bringt, sagen oder denken, so werden wir gewahr werden, daß sie uns helfen, uns fördern in unserem Seelenleben. Eins nur müssen wir strikt dabei beobachten: wenn wir sie uns so sagen, ja auch wenn wir sie nur denken, so wird uns
ein Gefühl der Frömmigkeit auftauchen, und dieses Gefühl müssen wir jedesmal damit verbinden, wenn wir die Worte sagen oder denken. Es wäre falsch, wenn einer, um die Worte nicht in unrichtiger Seelenstimmung auszusprechen, sie überhaupt nicht sagen würde; sondern es muß eben geübt werden, dieses Gefühl der Frömmigkeit immer damit zu verbinden. Wir bekommen dann das Gefühl, daß das, was in uns denkt, unserem Ich verwandt ist, daß die hohen Wesenheiten, die es uns gaben, in uns denken. Den Exoterikern soll dies klargemacht werden in den Worten des Mysterienspiels: «In deinem Denken leben Weltgedanken.» (Für die Esoteriker drückt man es in dem Mantram aus: Es denkt mich.) Ein zweites Wort, das mantrisch ist und das uns helfen kann bei richtiger Anwendung, ist: Es wirkt mich. Wir wissen, daß in uns und durch uns alle Hierarchien wirken, daß wir ohne sie nichts wären, und deshalb ist es gut, uns immer mehr und mehr klar zu werden, daß wir ganz ihr Werk sind. Und das liegt in den mantrischen Worten: Es wirkt mich. Diese sollen wir mit dem Gefühl heiliger Andacht und scheuer Ehrfurcht denken und aussprechen. - In der Bhagavad Gita, diesem heiligen Buche, haben wir eine anschauliche Schilderung in dem Gespräche zwischen Krishna und Arjuna, daß wir unsere vorgeschriebenen Pflichten erfüllen sollen und doch in unserer Seele das Gefühl wach erhalten sollen für das Wirken der Gottheit in uns. In keinem anderen heiligen Buche, auch keinem christlichen, ist in der Weise darauf aufmerksam gemacht wie in diesem Hohenlied. Krishna sagt da: «Du sollst Krieger sein oder Priester oder Kaufmann und so weiter, je nachdem, zu welcher Kaste du gehörst, und deine Arbeit gewissenhaft vollführen, denn dein Schicksal hat dich in deine Tätigkeit versetzt. Doch sollst du mit deinem Ich über deiner Arbeit stehen und mit dem Göttlichen dich verbunden fühlen.» - Ein drittes Wort ergibt sich aus dem Gefühl heraus, das wir uns aneignen müssen, wenn wir uns klarmachen, daß aus dem ganzen Weltenraum heraus Kräfte in uns einströmen, daß wir
unseren Kopf von hier, unsere Glieder von da, alle unsere Organe von verschiedenen Seiten her haben und auch von dort dirigiert erhalten. Das drücken wir in dem mantrischen Wort aus: Es webt mich. Und dies sollen wir nur mit einem Gefühle tiefer Dankbarkeit sagen und denken. Also: Es denkt mich mit Frömmigkeit, Es wirkt mich mit Andacht und Ehrfurcht, Es webt mich mit Dankbarkeit. Dieses Gefühl der Dankbarkeit können wir noch erhöhen und unterstützen, wenn wir des Morgens in unseren physischen Körper zurückkehren und uns sagen: ich kehre in etwas zurück, das ich mir nicht se|ber gewebt habe; ich könnte nicht aus der Bewußtlosigkeit ins Bewußtsein tauchen, wenn nicht du, Vatergeist, mir diesen Körper dazu geschaffen hättest, und ich danke dir in scheuer Ehrfurcht dafür. Wir können unsere Meditation schon in der Art ausführen, daß wir das Gefühl bekommen: nicht ich denke sie, sondern Es denkt mich. So wie wir zwischen Geburt und Tod morgens in unseren Körper untertauchen, um ein Bewußtsein zu erlangen, so müssen wir beim Tode auch in etwas untertauchen, um ein Bewußtsein zu bekommen, und das ist der Christus. Das sagt uns der Spruch: Ex Deo nascimur - morgens tauchen wir durch den Vatergeist in unseren physischen Körper; In Christo morimur - an der Pforte des Todes müssen wir in den Christus-Geist eintauchen. Per Spiritum Sanctum reviviscimus - um im heiligen Geiste aufzuleben.
Cite:
GA 266b/1912-11-28/p002-p004 · edition original