Aus den Inhalten der esoterischen Stunden — Leipzig, 1914-01-02
kennen alle die Geschichte von jenem Manne, der wenig Sinn hatte für Raumverhältnisse und nie wußte, wo er etwas hingelegt hatte. Um dem abzuhelfen, stellte er verschiedene Tische in seinem Zimmer auf und legte alles darauf. - Es gibt Gelehrte, die nur arbeiten können, wenn sie zwölf Tische um sich herum haben, auf denen die Nachschlagewerke aufgeschlagen da liegen, um die Zitate leicht bei der Hand zu haben, und die von einem Tisch zum andern gehn müssen. Man lächelt darüber, aber in Wirklichkeit ist es im Unterbewußtsein bei uns allen ebenso. Der Bewahrer des Gedächtnisses ist der Ätherleib, aber ohne den physischen Leib würde er schlecht bewahren können. Die Nerven werden beeindruckt, und es muß hineingeschrieben werden in den physischen Leib; der ist sozusagen der Aufschreibe-Apparat für das, was ich behalten will. Und wenn der Mensch sich erinnern will, so durchdringt er mit dem Ätherleib den physischen Leib bis zu der Stelle, wo er eingeschrieben hat, und dann wird das Erinnerungsbild lebendig, und er liest es dann vom physischen Leib ab. Schüler machen es ja so, wenn sie etwas auswendig zu lernen haben, daß sie es sich so lange laut wiederholen, bis es sich eingeschrieben hat. Aber da kann es dann kommen, daß, wenn sie zum Beispiel lernen: «Es stand in alten Zeiten ein Schloß, so hoch und hehr ...», sie dadurch, daß sie den Laut zu Hilfe nehmen, es gewaltsam einpressen in den physischen Leib. Gewohnheitsmäßig muß ein solches Einschreiben und Ablesen werden dadurch, daß es uns zur inneren Gewohnheit wird, alle Verrichtungen mit Aufmerksamkeit und Nachdenken zu durchdringen. Für geistige Erlebnisse kann man den physischen Leib nicht gebrauchen als Erinnerungsorgan; an die Stelle muß das Gewohnheitsmäßige treten. Wir müssen uns die dazugehörige Empfindungsnuance vor die Seele rufen.
Cite:
GA 266c/1914-01-02/p005 · edition original