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GA 246 — 6 February 1911, Düsseldorf

Gottessohnschaft und Menschensohnschaft

Wenn gesagt wird, der Mensch bestehe aus sieben Gliedern, so ist. das im Allgemeinen richtig, aber es ist doch recht wenig damit gesagt. Denn es kommt darauf an, wie diese verschiedenen Glieder in ihren Beziehungen zueinander zu verschiedenen Zeiten zusammengefügt sind. Anders als jetzt war es vor Jahrtausenden. Aber schon im Leben des Einzelnen zwischen Geburt und Tod ist es verschieden. In den ersten Jahren der Kindheit ist es anders als später. Das Kind spricht objektiv vom «Karlchen», «Mariechen». Falsch ist der Ausspruch eines bekannten pädagogischen Buches: Das Kind lernt denken, bevor es sprechen lernt. - Aber wahr ist: Das Kind lernt denken an dem Sprechen.

Das Wort «Ich» sagt das Kind nicht von sich, aber es hat schon die richtige Vorstellung davon, was der landläufige Pädagoge meint, wenn der das Wort gebraucht. Es sind die verschiedenen Glieder des Kindes so zusammengefügt, dass das Ichbewusstsein noch nicht vorhanden ist, doch wird in diesem allerersten Lebensalter ungeheuer viel gelernt. Noch schlummert das Ich in den Tiefen des menschlichen Wesens. Weil das Ich dann noch anderes zu tun hat, als seiner selbst bewusst zu werden: Es muss selber mitarbeiten an den äußeren Hüllen, um sie aufzubauen; es muss als ein unbewusstes Glied des Menschen für den Menschen arbeiten.

In den ersten Jahren steht der Mensch in Beziehung zu höheren Wesen, die ihm dies Bewusstsein leihen. Wesen, welche die menschliche Stufe schon auf dem alten Monde hatten, stülpen den Menschen gleichsam um, wie einen Handschuh, den man anzieht. Der Mensch wird dann geleitet von den Angeloi, steht im Leben den geistigen Wesen viel näher als später. Umgeformt, umgestaltet wird der Leib in den ersten drei Lebensjahren. Er war noch nicht fertig, der Mensch muss sich sein Gehirn erst machen, dieses war noch eingetaucht in den Nebel der geistigen Welt. Und da wird besonders stark in es eingeprägt, was wir aus früheren Inkarnationen mitgebracht haben. Warum merkt das der Mensch nicht?

Der weiseste Mensch kann vom Kinde außerordentlich viel lernen. Der Hellseher, der das durchblicken kann, sieht, dass beim Kinde roh gesagt etwas wie ein telefonischer Anschluss da ist an die geistige Welt. Das ist nur bemerkbar für den, der hineinschauen kann in die geistige Welt. Früher galt dies fast für alle Menschen bis ins zweiundzwanzigste, dreiundzwanzigste Jahr. Die alten Rishis sind in dieser Weise in [der] Kindheit geblieben, haben nicht viel vom Ich geredet, haben die Kindlichkeit bewahrt. Die Rishis selbst haben nie in der Ichform gelebt, sind Kinder geblieben, hatten selbst etwas von kindlichem Vergessen, zum Beispiel in Bezug auf Sorgen, Schwierigkeiten. Das Kind kann aber heute nur dunkles Bewusstsein davon haben, weil der physische und Ätherkörper schon steifer und dichter sind als zu alten Zeiten, und weil sie nicht die richtigen Körper dazu geerbt haben. Es ist der äußere Körperbau zu kompakt, zu materiell dazu. Der ganze Mensch ist heute eingeengt in eine Hülle dichter Körperlichkeit, die nicht biegsam, nicht weich genug ist, um den Wesenskern zu spüren.

Der äußere Saturn-, Sonnen-, Mondenmensch wird in religiösen Urkunden genannt der «Menschensohn», das, worin der Wesenskern eingeschlossen ist; der «Gottessohn» ist aber Wesenskern. Und die ersten Lebensjahre erinnern uns an die Gottessohnschaft; die Werkzeuge, worin der Wesenskern arbeitet, erinnern uns an die Menschensohnschaft. Sie müssen sich harmonisieren. Der Mensch braucht Anleitung, um den Gottessohn im Menschensohn zu spüren. In früheren Zeiten konnte noch im späteren Alter der Mensch vom Gottessohn ganz durchsetzt sein wie in der ersten Kindheit.

Man nehme einmal an, man könne die gewöhnliche Individualität herausreißen, und dem Menschen die Individualität der ersten Kindheit, der ersten drei Jahre einpflanzen, diese müsste sich dann an die äußere Hülle anpassen: Länger als drei Jahre ginge es nicht. Daher war der Christus nur drei Jahre in dem Leibe des Jesus von Nazareth. Und hierin liegt eine der tiefsten Bedeutungen des Wortes: «Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein ...»

Die religiösen Aussprüche haben wörtliche und symbolische Bedeutung. Theosophie ist die Vorschule der wörtlichen Bedeutung. Sie gibt erst die Möglichkeit, Geheimnisse der menschlichen Entwicklung zu verstehen. In der Jupiterentwicklung werden die Menschenleiber abfallen wie Totes, wie ein nicht mehr Brauchbares. Wir durchlaufen viele Stufen vom Erdenanfang bis zur Zeit des Christus. Bis dahin wirkt gleichsam von oben nach unten die Gottessohnschaft noch wie bei den Kindern, aber die Menschensohnschaft wird ihr zu einem immer größeren Hemmnis. Dazwischen halten Gottessohn und Menschensohn sich in der Menschheit die Waage. Nachher aber wird eine immer größere Kraft der Menschensohnschaft in den Dienst der Gottessohnschaft gestellt werden müssen. In der griechischen Zeit war Gleichgewicht, Harmonie zwischen der äußeren Form und der innerlichen Seele, weil zwischen Gottessohn und Menschensohn Gleichgewicht war. Nur so ist diese Blüte jener Kultur zu verstehen.

Geistige und physische Kräfte waren vorher voneinander getrennt. Im Typus Zeus, Apollo, Mars sehen wir das Gleichgewicht. Im Kentaur ist noch die höhere und niedere Natur jede wie für sich. Dasselbe gilt vom altchaldäischen Tempelbau im Vergleich zum griechischen Tempel. Tempel bedeutet: Mein Höheres erhebe sich über und aus meinem Niedrigeren - wie das Dreieck über den Säulen. Wenn ich zu dem Dreieck aufblicke, so soll mein Geistiges sich erheben. In älteren Tempeln ist noch ein Ringen darnach: geflügelte Gestalten als Bilder der höheren Menschennatur.

In der Zukunft wird der Mensch seinen bewusst gewordenen Gottessohn hineinbauen in den widerstrebenden Menschensohn. Die Kultur wirft uns viele Hemmnisse in den Weg. Alles ist heute Hemmnis, doch unentwegt muss der Mensch nach der Harmonisierung von Weltanschauung, moralischer Gesinnung und Kunst streben. Die Architektur wird das zuletzt zum Ausdruck bringen. Bisher wurden in der neueren Zeit Baustile immer nur zusammengemischt, Neues muss erst noch kommen. Vor 32 Jahren sagte der Architekt der Wiener Votivkirche etwa das Folgende: Baustile werden nicht erfunden. Unsere Zeit ist immer noch nicht ganz reif, um Neues in sich zu finden. - Das wird erst kommen, wenn von uns aufgenommen worden ist der Gottessohn, wenn der Mensch sich objeküiviert. Der Mensch muss es möglich machen, in seinem Innern sich für den Geist zu erwärmen. Die Musik hat in unserer Zeit eine große Umwandlung erlebt durch Richard Wagner. Das war ein Hineingießen der Gottessohnschaft in die Gestalten des Mythos, der Sage.

Musik, Kunst, soll unser Inneres vergeistigen, in Bewegung bringen. Dann wird vom Menschen heraus, aus dem Fleische heraus sich ‚offenbaren der Gottessohn. Die Gottessohnschaft muss geboren werden aus der Menschensohnschaft. Das muss man empfinden lernen.

Bei Aischylos klingt noch etwas nach von den heiligen Mysterien, von der Gottessohnschaft. Wie man den Religionen gegenüber Gotteslästerung empfinden kann, so kann man dasselbe empfinden gegenüber manchem, womit man die alte Kunst erneuern will. Die Verschiedenheit der Zeiten und Menschen bedingt eine verschiedene Zusammenfügung der menschlichen Wesensglieder, und diese führt zu neuen Ausdrucksformen in der Kunst!

German original of Sonship of God and Sonship of Man · ← Previous · Next →