Supplements to Member Lectures
GA 246 — 14 February 1911, Munich
Über Vererbung
München, 14. Februar 1911
Wodurch entsteht denn zum Beispiel so viel Verwirrung über den Vererbungsbegriff? Ist denn das Auftreten der gleichen Eigenschaften brauchbar, um den Vererbungsbegriff zu fassen? Nein, er ist nicht dadurch zu fassen!
Steinsalz wird zum Beispiel in lauwarme Flüssigkeit gelegt; es löst sich darinnen auf; wir lassen es wieder kristallisieren und wir bekommen einen ebensolchen Salzwürfel. Und doch wird es keinem Menschen einfallen, zu sagen, dieser Steinsalzwürfel habe die Eigenschaften des ersteren Würfels «geerbt»! Es handelt sich dabei nur um das Auftreten derselben Form. Der Steinsalzwürfel trägt keine Merkmale der Vererbung an sich. - In dieser Illusion aber leben die Menschen.
Ein wirklich richtiger Vererbungsbegriff kann nur entstehen, wenn wir ins Auge fassen, was nicht Vererbung ist, und dabei die Erkenntnisse der Geisteswissenschaft ins Auge fassen.
Wir sprechen vom menschlichen physischen Leib. Unterschied von der Tierwelt vorhanden in Bezug auf die Form. Diese Form des physischen Leibes des Menschen ist nichts Physisches, denn es ist eine übersinnliche Gesetzmäßigkeit, die dem physischen Leibe aufgeprägt wird. Aber die physische Menschenform, die durch Saturn, Sonne und Mond durchgegangen ist, ist durchdrungen von Astralleib und Ich.
Physischer und Ätherleib sind überhaupt nicht unter die gewöhnlichen Vererbungsbegriffe zu fassen; sondern: Vererbt ist nur das, was aufgeprägt [haben] während Monden- und Erdenentwicklung der Astralleib und das Ich.
Stellen wir uns vor den Saturn; da seien Götter gewesen, die - sagen wir - einen Klumpen Wachs genommen und geformt hätten zur Anlage des physischen Leibes; die Sonnengötter hätten das wieder umgeformt; die Mondengötter wandelten es wiederum; und durch das Ich wird es nochmals umgewandelt. — Also ist die physische Form dreimal umgewandelt.
Nur letztere - die Monden- und die Erdenumwandlungen - sind vererbbar. Die anderen sind solche Formen, die von Saturn und Sonne stammen. Sie haben in demselben Sinne zu gelten wie die Kristallformen, von denen man auch nicht von Vererbung sprechen kann, sondern davon, dass sie durch bestimmte Weltengesetze entstehen, die alle so vorhanden sind wie im Salzkristall; so können sie nicht vererbt werden. Vererbung ist nur das, was durch das Hineindrücken des Astralleibes und des Ich an den Formen des physischen Leibes verändert wird. - Es ist gar nicht alles vererbbar, was der physische Leib an sich trägt, sondern nur das, was ihm in seiner Form aufgedrückt ist.
Ja, zu welchem Begriff kommen wir denn dann? Wir kommen zu einem Begriff, der im Okkultismus feststeht, den die heutige Naturwissenschaft aber perhorreszieren wird. Wir kommen dazu, anzuerkennen, dass nur das durch die Vererbung von Vater und Mutter herkommt, was von Astralleib und Ich herkommt als Eigenschaften, und die in den physischen Leib hineingeprägt werden und auch in den Ätherleib. Dagegen wird nichts vererbt von gewissen ursprünglichen Eigenschaften des physischen Leibes.
Ja, was geschieht denn, dass diese zustande kommen? Da geschieht etwas sehr Eigentümliches. Die haben gar nichts zu tun mit irgendeiner physischen Menschenvermischung, sondern werden direkt als Weltengesetz vom Kosmos auf den mütterlichen Organismus übertragen; das hat mit der Beziehung der Geschlechter überhaupt nichts zu tun. Es gibt im Menschen Eigenschaften des physischen und Ätherleibes, die gar nicht beruhen auf irgendeiner Vermischung der Geschlechter, sondern die gleichsam einströmen, wenn Gelegenheit dazu gegeben ist, in den mütterlichen Leib, und sie durchsetzen das, was der Mensch vermöge dieser Kräfte werden soll. Das beruht auf einer Beeinflussung der Götter vom Kosmos aus, auf einer conceptio immaculata, auf einer jungfräulichen Zeugung, und zwar die Grundverhältnisse der menschlichen Gestalt- und der menschlichen Organverhältnisse.
Wir haben beim Menschen nur einen kosmischen Ursprung in Bezug auf seinen physischen und Ätherleib; und dann einen Generationsursprung in Bezug auf das, was im physischen und im ätherischen Leibe lebt durch den Astralleib und das Ich.
Durch den Astralleib ist herausgebildet alles, was mit den Rassen zusammenhängt. Aber die allgemeine Menschengestalt, wodurch Neger, Europäer und alle Menschen sind, das ist herausgeboren aus dem Kosmos, hat nichts zu tun mit einer Vererbung. Auf Saturn und Sonne war der allgemeine Menschencharakter ausgeprägt in den Urbildern; da kann man nicht von Rassen reden; das wäre barer Unsinn!
Nun gibt es noch etwas anderes. Gewisse höhere Eigenschaften der Menschennatur sind auch nicht vererbbar (nur die mittleren sind vererbbar). Die Eigenschaften des reinen Denkens, des spirituellen Erkennens und mystischen Vertiefens können nicht vererbt werden im Laufe der Generationen; das gibt es nicht; sie sind ebenso wenig durch die Nachkommenslinie übertragbar wie die Eigenschaften des physischen Leibes.
Sodass der Mensch zerfällt in Eigenschaften aus dem Kosmos heraus, dann Eigenschaften, die in der Mitte drinnenstehen und in gewissen Blutsbeschaffenheiten und in gewissen Lebenseigenschaften des Ätherleibes herauskommen, die aber von Astralleib und Ich herrühren. Die höchsten Eigenschaften, die wir entnehmen als denkender Mensch und als spirituell erkennender Mensch und als mystisch sich vertiefender Mensch, die sich zu gewisser Geistigkeit erheben - diese sind nicht vererbbar. Die müssen woanders herkommen, brauchen aber physische Werkzeuge. Sowie wir uns durch die Geburt ins Dasein begeben, sind wir gebunden an das physische Instrument: Es müssen der physische und der Ätherleib Werkzeug werden für die Eigenschaften des reinen Denkens, des spirituellen Erkennens und des mystischen Vertiefens. Was der Mensch zu diesen höchsten Eigenschaften an physischen Werkzeugen braucht, [das kann] nicht vererbt werden.
Woher kommen denn die äußeren Werkzeuge? Die innere Seelentätigkeit haftet an dem sich erinnernden Menschenkern; aber die Werkzeuge sind nur da in der geistigen Welt, müssen angegliedert werden.
Woher kommen diese? Diese kommen nun wieder direkt aus dem Makrokosmos, haben mit einer Generationenfolge nichts zu tun. Woher kommen sie? Sie kommen auf dem Umwege durch den Vater, der tatsächlich den entsprechenden makrokosmischen Einfluss erhält, gerade für diese höheren Kräfte, indem diese tatsächlich von dem Vater magnetisch angezogen werden und nur geistig auf das Kind wirken. Sodass wir sagen können: Wir haben im Menschen vor uns einen mütterlichen Teil, der einzig und allein Eigenschaften enthält, bei denen wir von Vererbung reden können, und einen Teil von hohen, makrokosmischen Eigenschaften, die auf dem Umwege durch die Mutter kommen. Und dann Eigenschaften, die die Betätigung der drei genannten Eigenschaften ermöglichen, und die auf dem Umwege durch den Vater kommen, die wiederum gar nichts zu tun haben mit irgendeiner Vermischung der Geschlechter. Das ist ein rein spiritueller Prozess.
Wenn der Mensch sich anschickt, sich zu verkörpern, so umgibt er sich zuerst geistig mit jenen Kräften, die magnetisch anziehen die Werkzeuge, die dem Denken Ausdruck geben. Sie wirken auf den Vater; das ist ein geistiger Prozess, hat nichts mit Vererbung zu tun; das ist direkt aus dem Makrokosmos übertragen. Nur das Mittlere im Menschen hat mit der Vererbung etwas zu tun. Vorstellungen werden nicht übertragen, übertragbar sind physische Formen, Nase, Ohren, Finger und so weiter; niemals aber direkte Vorstellungen.
[Lücke in der Textgrundlage]
Da sage ich Ihnen gewisse Dinge aus der okkulten Forschung heraus, die natürlich der naturwissenschaftlichen Forschung widersprechen. Und es wird Leute genug geben, die da sagen: So etwas auch nur auszusprechen, ist eine Frechheit. - Wie sagen aber die Tatsachen?
Es gibt den berühmten Streit zwischen Haeckel und Professor His in Leipzig, eine ganze Literatur existiert schon über diesen Streit [Lücke in der Textgrundlage].
Gezwungen durch die Tatsachen, erklärt His, es entsteht etwas im Menschen durch jungfräuliche Zeugung. Er ist durch Tatsachenforschung gekommen dazu, zu sagen, dass der Menschenkeim im Kopf zuerst ausgebildet ist. Das andere ist eine Art Anhang und konnte ganz gut auf das biogenetische Grundgesetz bezogen werden.
Das biogenetische Grundgesetz Haeckels ist richtig in Bezug auf den Anhang. Dieser entwickelt sich erst später, indem die Kräfte auf dem Umwege durch die Mutter aus dem Makrokosmos bezogen werden.
O, studieren Sie nur die Zoologiebücher - soweit sie Tatsachen bringen, sind sie gut und ganz richtig; der Okkultismus und die Zeichnungen der äußeren Forschung stimmen überein; aber was diese Forschung darüber sagt, die Theorien darüber, das können nur Menschen verstehen, denen das Denken abgewöhnt wird. Die Menschheit ist vollgepfropft von Vorurteilen, und so ist auch der Vererbungsbegriff ein Begriff, der eben nicht brauchbar ist. - Man erbt die Krankheitssymptome, nicht das, was in der aufsteigenden Linie begriffen ist.
Wenn man jetzt schon öffentlich über diese Dinge reden wollte, so wäre das eine fruchtlose Sache, man redet vorbei an dem Verständnis. Da ist nur zu hoffen auf eine sorgfältige Menschheitsentwicklung; dann wird es besser werden!
Wir müssen Theosophie überall hineintragen. Das ganze Leben zu durchdringen mit den geisteswissenschaftlichen Gedanken, das muss unsere Aufgabe sein.
Aus dem zweiten Teil des Vortrages, in dem Doktor Steiner über die Kunst sprach:
Die Kunst- eine Abschlagszahlung aus der spirituellen Welt.- Ein Band gegenüber der geistigen Welt. Die Kunst schlägt eine Brücke von der geistigen Welt herüber.
Die Tempelbauten der Griechen, die Pyramiden der Ägypter- das alles ist aus dem alten Hellsehen heraus geworden. Die Tempelform der Perser ... ein am Boden liegender Mensch mit ausgebreiteten Armen, der sich erheben will ... dann die Cherubim und darüber die Dreieckform. - Da verbergen sich viele Geheimnisse.
Doktor Steiner sprach dann noch über Musik - besonders von der Musik Richard Wagners, der instinktiv die richtige Musik erfasst hat und aus einem eminent richtigen, instinktiven Gefühl heraus seine Gestalten nicht von der Erde, sondern symbolische Figuren aus der Mythologie genommen hat. Richard Wagner hat mit seiner Musik an das Herz des Kosmos gegriffen, er hat in seinen Tönen das Herz des Kosmos berührt.
Weitere Ausführungen:
In den weiteren Ausführungen wurde auf sehr zarte, taktvolle, aber deutliche Art und Weise angedeutet, dass wir unserer großen Aufgabe - nämlich Rosenkreuzertempel zu bauen - noch lange nicht das richtige Verständnis entgegenbringen. Würden wir uns innerlich richtig zu dieser Aufgabe stellen, so würden wir auch die Hilfe der spirituellen Mächte bekommen. Aber solange wir dieser Sache so teilnahmslos und verständnislos gegenüberstehen - das Vertrauen zu den okkulten Mächten fehlt -, solange kann nichts geschehen.