Supplements to Member Lectures

GA 246 — 4 March 1911, Hanover

Die Urschuld Des Menschen. «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben». Das Belebende Der Kindheitskräfte

Wenn wir in der Theosophie beginnen, uns bekannt zu machen mit dem Wesen des Menschen und seinen verschiedenen Teilen, dann machen wir damit nur einen Anfang, und es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, wenn der Glaube Verbreitung fände, dass man mit der Kenntnis der elementaren Lehren der Theosophie schon alles das wisse, was man für die Zukunft und den Fortschritt der Menschheit wissen muss aus der geistigen Welt. Man muss die elementaren Dinge zwar erst wissen, aber man muss auch wissen, dass Theosophie Lebenspraxis werden muss; das aber können nicht die abstrakten Ideen und Begriffe vermitteln, sondern nur ein tieferes Eingehen auf die Art und Weise, wie diese Wahrheiten von der Wesenheit des Menschen zusammenhängen und wie die verschiedenen Glieder zusammenwirken und aufeinander wirken. Es ergibt sich da Folgendes:

Dieses Zusammenwirken der Glieder verändert sich in den verschiedenen Kultur-Epochen; in dem alten ägyptischen Leben würden die Glieder ganz anders aufeinander gewirkt haben als heute; der Mensch hat sich seit jener Zeit geändert; darum müssen wir heute etwas anderes sagen, als dem Schüler damals gesagt wurde. Weiter müssen wir uns klarmachen, dass das nicht nur gilt für die verschiedenen Leibeszusammensetzungen in den einzelnen Kulturepochen, sondern es ändert sich auch während des einzelnen Lebens in den verschiedenen Altersstufen.

Sie wissen, dass das Bewusstsein des Kindes sich von dem späteren Bewusstsein [schon allein dadurch] unterscheidet, als das Kind die Andersartigkeit seines Bewusstseins schon dadurch zum Ausdruck bringt, dass es nicht «Ich» zu sich sagt. Es gibt zwar Philologen, die das verwischen wollen; doch an solche heutige Weisheit zu glauben, muss der Mensch sich abgewöhnen. Man kann in derartigen Büchern noch andere tolle Dinge lesen, zum Beispiel, dass das Denken erst gelernt wird und dann das Sprechen, und es ist gerade umgekehrt, der Mensch lernt an der Sprache das Denken. Wenden wir jetzt den Blick auf die andere Bewusstseinsseite des Kindes. Bis zu einem gewissen Alter ist der Mensch in einem besonderen Bewusstseinszustand, der sich dadurch markiert, dass an diesem bestimmten Punkte der Faden der Erinnerung abreißt. Vorher war ja wohl das Bewusstsein vorhanden, aber es umfasste nicht das «Ich». Dieses verhält sich vor diesem Zeitpunkt ganz anders als später. Das «Ich» ist in den ersten Jahren wie eine Außenaura; je mehr diese Außen-Ich-Aura sich hineinzieht in den kindlichen Körper, desto mehr empfindet sich das Kind als «Ich».

Das Gehirn ist noch unvollkommen, wenn der Mensch ins Dasein tritt; das Ich vervollkommnet den Organismus. Man könnte sagen: So gescheit sind wir doch noch nicht, dass wir an dem Gehirn arbeiten können, doch das wird aus der Weisheit ganz anderer Kräfte heraus geleitet. Das kindliche Ich kann so weise arbeiten, weil es zusammenhängt mit der geistigen Welt, solange es Außen-Aura ist; es ist eingeschaltet in das, was wir als höhere Welten kennengelernt haben. Es ist im tiefsten Sinne wahr, was früher gesagt [worden] ist, dass der weiseste Mensch von dem Kinde sehr viel lernen kann; [die Seele des Kindes] ist, wie ein Telefonanschluss nach der geistigen Welt, diese kindliche Aura; die Taten der geistigen Hierarchien weben hinein. Sobald der Mensch der Illusion verfällt, sein Ich sei in diesen Körper eingeschlossen, ist der Zusammenhang mit der geistigen Welt scheinbar durchschnitten. Solange das Ich den Zusammenhang hat mit den schaffenden Weltmächten, ist es produktiv; später benimmt es sich der schaffenden Kraft, es unterdrückt die geistig belebenden Kräfte, tötet sie ab. In dem kindlichen Ich lebt und wirkt alles lebendig. Es gibt im menschlichen Leben zweierlei Arten von Tätigkeit, die eine Art wirkt noch belebend auf diese ersten Kräfte, die noch unser Gehirn formten, ein anderer Teil aber wirkt mehr, als es notwendig wäre, abtötend, vordrängend auf diese.

Wir unterscheiden im Leben Handlungen aus idealistischer Gesinnung (schon die Gefühle des Mitleides sorgen dafür, dass wir solche Dinge tun, die über dem Horizont des Egoismus liegen) und solche, die nur in den Instinkten begründet liegen. Diese zweierlei [Handlungen] finden sich in jedem Menschen auf unserer Kulturstufe. Es kann allerdings angestrebt werden, dass selbst die untergeordnetsten Handlungen sich spiritualisieren, zum Beispiel: Der Mensch lernt die Pflanze als Geistwesen kennen und verschlingt sie nicht mehr wie ein Tier, sondern er sieht in ihr eine Verbindung mit dem Sonnenwesen; er wird dann fühlen, wie in jedem materiellen Vorgang ein Geistiges lebt.

Was ist nun das, was uns in Bezug auf die idealistischen Handlungen am meisten auffällt? Die Handlung nimmt sich immer recht klein aus gegenüber dem Ideal. Man braucht nicht mal wie Tolstoj zu sagen «Das Ideal ist daran zu erkennen, dass man es nicht im Leben verwirklichen kann», aber dass unser Denken, Fühlen und Empfinden umfassender sind als unsere Handlungen, das wird uns klar; die Handlung ist nur ein kleiner, das Ideal ein großer Kreis.

Bei Handlungen aus bloßem Trieb ist es umgekehrt; der Gedanke ist da klein, die Handlungen umfassend. Wenn die Handlungen größer sind als die Idee, so sind sie ertötend für das, was im Geist belebend wirkte; sie sind eigentlich das, was dem Menschen den Tod bringt. Umgekehrt, wo die Idee größer ist, wirkt sie belebend auf das Ich.

Diese Kraft zu suchen, haben wir nötig. In alten Zeiten sind [die Ideale] heruntergeflossen aus höheren Welten. Im heutigen materialistischen Zeitalter verschwinden immer mehr und mehr die Ideale, die die Menschen von selbst ohne ihr eigenes Zutun früher hatten. Wenn die Menschheit nicht aus eigenem Antrieb versucht, sie neu zu beleben, so wird sie ausdörren. Die Entwicklung geht wie ein Feuerbrand über die Ideale hin. Durch die Theosophie erfährt der Mensch, wie er wieder bewusst hineintreten kann in die geistige Welt. Diese zwei Strömungen werden sich in Zukunft begegnen. Ein kleines Häuflein erst hat den Drang, heranzukommen zur Theosophie; aber bei der Mehrzahl herrscht Antipathie, die bis zur Verachtung geht.

Es gibt gar keine Möglichkeit, den Idealismus für die Zukunft zu retten, wenn die Menschen vergessen, was die Religionen und alten Weltanschauungen ihnen gegeben haben. Die Mission der Theosophie ist damit gezeichnet. Es ist eine leere Phrase, dass die Ideale auch ohne die Theosophie nicht verloren gehen würden.

Es besteht eine gewisse Anziehung zwischen der ersten Kindheit und dem Drang zum Idealen. In der menschlichen Natur wirkt also das, was man die belebenden Kräfte der Welt nennen kann; aber nur drei Jahre unseres Lebens haben wir das drinnen, was der Träger des Ich-Bewusstseins erst erlangen wird, wenn das eigentliche Ich schon seine Kraft verliert.

Erinnern wir uns: Der physische Leib kommt in den ersten sieben Jahren zur Ausbildung; das spätere Wachstum geschieht aufgrund der Formen, die sich in den ersten sieben Jahren gebildet haben. In den nächsten sieben Jahren bis zur Geschlechtsreife entwickelt der Ätherleib eine freie Tätigkeit. Während der Geschlechtsreife bis zum zwanzigsten Jahre wird der Astralleib frei, dann die Empfindungsseele; was wir Verstandes- oder Gemütsseele nennen, wird erst mit dem 28. Jahre entwickelt; das eigentliche Ich haben wir da schon in gewisser Weise abgetötet. Es könnte uns scheinen, als wenn es also besser sei, wenn man gar nicht vor dem 28. Jahre seine Körperkräfte so frei entwickeln könnte, wenn vielmehr die Kräfte beiderseits ganz ungeschwächt aufeinander wirken könnten. Wären Luzifer und Ahriman nicht aufgetreten, würde der Mensch ganz, ganz anders dastehen in der Welt; der Mensch würde ausreifen lassen sein Gehirn; er würde dann noch die Fähigkeit haben, dieses Gehirn mit vollem Bewusstsein zu einem Instrument des menschlichen Lebens zu machen.

Was aber Luzifer und Ahriman bewirkt haben, das muss wieder korrigiert werden. Die Menschen müssen am Schluss der Erdenentwicklung so weit sein, dass sie bewusst solchen hohen Idealismus zu entwickeln vermögen, wie er früher durch das göttliche Ich unbewusst in ihnen lebte. Nach und nach natürlich wird der Mensch diesen Idealismus entwickeln, auf einmal wird er es nicht können. Dieses Ideal, das vom Menschen am Ende der Erdenentwicklung erreicht werden soll, musste einmal vor die Menschheit hingestellt werden. Drei Jahre verträgt der Mensch das kindliche Ich, darum vertrug auch der vom Jesus-Ich verlassene Leib nur drei Jahre das neue, in ihn hineingeborene Ich des Christus. Von den vorsorglichen weisen Weltkräften musste also ein Leib hingestellt werden, der ebenso war wie der Leib, der ein kindliches Ich aufnehmen kann, und zwar um das dreißigste Jahr musste es in den menschlichen Leib gesenkt werden, in der Zeit, wo das menschliche Ich die geringste Fühlung mit der geistigen Welt hat, wo es diese geistigen Kräfte so ziemlich ganz abgetötet hat; und zugleich in der Zeit, wo die ganze Menschheit am meisten abgeschnitten war von der geistigen Welt, und das ist gerade die Mitte der Menschheitsentwicklung.

Und es ist vor die Menschen hingestellt worden, dieses Ideal: Es ist der Christus-Jesus. Sie haben dieses Ideal begriffen, sodass Sie verstehen, dass die Johannes-Taufe im Jordan darstellt das Heraustreten des Ich des Jesus und das Hineindringen des Christus-Ich. In ähnlicher Weise kann der Mensch im Verlauf seiner späteren Inkarnationen die Verbindung zwischen den zwei Welten herstellen. Nur in dem Zeitalter, als der Christus auftrat, ist die Verstandesseele so entwickelt worden in der Menschheit, dass sie sich ganz frei gemacht hatte von den höheren Kräften. Jetzt müssen wir mit unserm Vollbewusstsein unterzutauchen verstehen in alle die lebendigen Kräfte, die wir in den Kindheitsjahren unbewusst haben. («So ihr nicht werdet wie die Kindlein»). Bewusst muss später in uns das geschehen, was in den Kindheitsjahren uns unbewusst hereinströmt.

Das Tier wächst hinein in die Stellung, die es im Leben einnimmt durch die angeborene Gleichgewichtslage; beim Menschen ist das nicht der Fall; er muss sich erst den aufrechten Gang erarbeiten, und das ist eine Arbeit des Ich; dieses kristallisiert die Gleichgewichtslage erst heraus. Das Tier ist nicht fähig, sich Erkenntnisse anzueignen; was man Wahrheit nennt, lebt nicht im Tier. Aber das Ich gibt dem Menschen in den ersten drei Jahren seines Lebens «den Weg, die Wahrheit und das Leben». Das unbewusste Ich bringt das zustande. Was muss also der Mensch sagen, wenn dies für seinen Geist vollzogen wird? «Ich» bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; und so Ihr nicht werdet im Geist vollbewusst so, wie unbewusst in den drei ersten Lebensjahren, könnt Ihr nicht kommen in die Reiche der Himmel. - Denken wir uns das kindliche Ich vergeistigt, so muss es wirken durch alle folgenden Inkarnationen, und es ist das Christus-Ich.

Den Menschen ist also durch das, was im Mittelpunkte der Erdenentwicklung geschah, der Weg vorgezeichnet für die folgenden Inkarnationen. Zum innersten Menschenerleben muss das werden.

Was geschieht denn in jedem Menschen gegenüber den ersten Kräften? Wir töten die Kräfte des dreijährigen Kindesalters. Wenn die Menschen nicht mitbekommen hätten einen genügend großen Fonds von Weisheit und spiritueller Kraft, so würden sie bei dem systematischen Abtöten schon vertrocknet sein.

Nur die einzige Individualität, die nicht mit eingetreten war in den allgemeinen Gang der Entwicklung, nur die konnte das Opfer auf Golgatha bringen. Wer hat den Christus Jesus auf Golgatha getötet? Die Menschen! - Alle! Indem sie eine solche Natur angenommen haben, wie die Menschennatur ist. Dies ist das tiefste christliche Bewusstsein, zu wissen, dass der Mensch schuldig ist an dem Mysterium auf Golgatha und dass dies Ereignis eintreten musste wegen der menschlichen Natur. Getötet haben die Menschen den Christus! Wir alle haben es getan! Das hat eine Wirkung ausgeübt, die nicht beseitigt werden kann! Aber die Erkenntnis wird dazu führen, den Christus aufzunehmen in die menschliche Seele, damit der Christus mit den Menschen, die er gerettet hat, hinübergeht auf den Jupiter. Entweder der eine Teil der Menschen wird herrschen, der das Bewusstsein hat von dieser Urschuld, oder aber der andere Teil, der diese Schuld nicht anerkennen wird.

Evangelien lesen macht nicht allein den Christen, sondern das Gefühl: Du hast Christus getötet, du musst ihm eine Stätte bereiten. Ein Christ kann man werden dadurch, dass man die Menschennatur kennenlernt. Dann kann man erkennen, dass der Christus schon dagewesen ist, durch das untrügliche Mittel, dass der Mensch seine eigenen Gedanken wieder zu vergeistigen fähig wird.

Die Gedanken sind ganz unschöpferisch geworden. Gerade jetzt, wo alles ausgetrocknet ist von der befruchtenden Weisheit der höheren Welten. In der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gab es noch Persönlichkeiten, die eine Ahnung hatten von dem Zusammenhang mit der geistigen Welt. Immanuel Hermann Fichte hat alle Beweise aufgebracht, die er hat finden können für den geistigen Ursprung des Menschen. An einer Stelle findet sich bei ihm aber auch eine Ahnung von der menschlichen Urschuld. Nicht so weit ging er, dass er sagte: Alle Menschen haben den Christus getötet, aber er sprach es aus, dass die Menschen in Finsternis leben. Er sagt: Es muss die Zeit kommen, wo in ganz anderer Art die Menschheit gewiesen werden muss auf die geistige Welt.

Wir fragen uns bestürzt: Sind wir denn dazu berufen, diese Ahnung zu erfüllen? Wenn wir die rechte Demut entfalten, können wir dies Gefühl der Bestürzung überwinden. Wir sehen ein: Einmal musste der Christus kommen, damit die Menschheit den Antrieb hat; aber nur einmal war es möglich; nicht mehrere Christusse sind über die Erde gegangen oder werden über sie gehen, das ist nicht wahr! Versuchen Sie einmal, die Waage an zwei Punkten aufzuhängen! An einer Stelle muss sie gestützt werden, und zwar in der Mitte, sonst wiegt sie nicht. So sagt jeder Okkultist: Einmal musste der Christus kommen, und zwar in der Mitte der Erdenentwicklung! Die Menschen werden sich immer mehr und mehr zur Erkenntnis der Bedeutung dieses Christus-Impulses durchringen. Sie werden zuerst im Herzen und dann auch äußerlich das Damaskus-Ereignis bei sich wiederholen. Das wird die Wiederkunft des Christus sein, die nicht eine Wiederkehr im physischen Leibe [...] ist. So bewahrheitet sich durch die Theosophie einer der Aussprüche, gegen den fortwährend diejenigen sündigen, die da sagen, Theosophie sei etwas unchristliches, denn sie widerstreite den Evangelien.

Fortwährend lässt uns der Christus seine neuen Evangelien zukommen, denn er sagt: «Ich habe euch noch viel zu sagen, aber ihr könnt es jetzt noch nicht tragen.» Die Evangelien, die in den vieren nicht stehen, werden immer mehr und mehr einströmen; die Verkündigung wird nie enden, um gerade das den Menschen zu geben, was sie damals noch nicht tragen konnten; denn der Christus hat es der Menschheit zu sagen, und er wird es ihr sagen. Wohl ihr, wenn sie cs entgegennimmt!

German original of Original Sin. I am the Way, the Truth and the Life. The Invigorating Power of Childhood · ← Previous · Next →