Supplements to Member Lectures
GA 246 — 8 April 1911, Bologna
Verwandlungen des Bewusstseinshorizontes
Doktor Steiner leitet den Vortrag ein, indem er von der Gründung der Loge in Bologna durch Fräulein von Sivers spricht, welche die hier gemachten Erfahrungen bei der bald darauf in Berlin erfolgten Gründung der ersten deutschen Loge zunutze [zog]. Er spricht dann von der Verbreitung der Theosophie in allen Ländern und von dem wachsenden Verlangen nach Erweiterung der Erkenntnis über die sinnlichen Schranken hinaus. Unsere normale Organisation erlaubt es uns nicht, über das Physische hinauszusehen, und wir müssen geistige Organe herausbilden, um das hinter allem Physischen liegende Geistige zu erschauen. Wir können noch so lange und noch so oft ins Licht sehen, ohne das zu erblicken, was sich im Lichte manifestiert; wenn wir jedoch die Betrachtung des Lichtes in solcher Weise vornehmen, dass wir zum Beispiel uns immer und immer wieder in [den Satz] vertiefen «In den reinen Strahlen des Lichtes erglänzt die Gottheit der Welt», so verbinden wir mit der physischen Betrachtung eine geistige, welche bei steter Wiederholung gewisse Wirkungen auf unseren geistigen Leib ausüben wird.
Wie steter Tropfen den Stein aushöhlt, so prägt die stets wiederholte Meditation eine Form in den Ätherleib. Es ist wie der Abdruck eines Petschafts im Siegellack. Das Petschaft entspricht in diesem Vergleich dem von den Exerzitien modellierten Astralleib und der Siegellack dem Ätherkörper. Die Einprägung erfolgt, wenn morgens der Astralleib sich mit dem Äther- und physischen Leibe wieder verbindet. (Das Folgende ist wörtlich nachgeschrieben):
Eines der ersten Erlebnisse, welches die Übungen zur Folge haben, ist die Wahrnehmung dieses Eintauchens des Astralleibes in den physischen Leib. Es macht sich fühlbar als ein Eindringen von Strömungen in die einzelnen physischen Organe, ein Leben und Weben und Kreisen senkt sich in den Körper. Bei unausgesetzter Wiederholung der Übungen hat man dann eines Tages das Erlebnis, die geistige Welt emportauchen zu sehen aus dem Schleier der physischen Welt. Dieses Sehen mit den sich erschließenden geistigen Augen ist jedoch nicht dasselbe wie unser gewöhnliches sehen, bei dem wir die physischen Formen vor uns und um uns herum wahrnehmen. Wir sehen die geistige Welt sich in uns widerspiegeln, gleichsam wie wenn wir hier die Gegenstände in einen Spiegel hineinschauend wahrnehmen würden. Beim geistigen Schauen benützen wir den Ätherkörper wie einen Spiegel, in welchem wir das Spiegelbild des Makrokosmos sehen.
Die ganze geistige Welt mit ihren höheren Wesenheiten und geistigen Realitäten sehen wir dann in unserem Ätherleibe reflektiert. Nur müssen wir uns nicht denken, dass dem hellsehend Gewordenen nun plötzlich die volle Wahrheit klar vor die Augen tritt: Nur ein reiner klarer Spiegel gibt uns ein wahres Bild - und so der Ätherkörper. Der Grad seiner Reinheit bedingt den Grad der Richtigkeit des geistigen Schauens. Was den Spiegel in uns verschleiert, sind die Gewohnheiten und Gefühle, welche wir in jedem Erdenleben in uns hineinarbeiten. Von ihnen also müssen wir uns zuerst befreien. Und das ermöglichen uns die okkulten Übungen. Wir lernen den Zusammenhang mit der physischen Welt verlieren und uns zu isolieren gegenüber den Einwirkungen des physischen Lebens. Dann erst erwacht das Bewusstsein der geistigen Welt in ihrer ganzen Fülle.
Das erste Erleben beim Eintritt in die neue Welt ist die Furcht vor dem Unbekannten; eine Furcht, welche anders geartet ist als die, welche wir auf dem physischen Plane empfinden, denn die Empfindungen sind beim Scher umgewandelt, und seine Furcht ist einer Betäubung gleich vor der ungeheuren fremden Welt, die ihn umgibt.
Dieses hochwichtige Erlebnis auf dem Initiationswege wird in der okkulten Sprache «die Begegnung mit dem großen Hüter der Schwelle genannt. Der Schüler wird sich hierbei plötzlich bewusst dessen, was er sein könnte und nicht ist, und an diesem Bewusstsein seiner Kleinheit und Unvollkommenheit gegenüber der unfasslichen Größe und Vollkommenheit des sich ihm Offenbarenden zerschellt er gewissermaßen. Diese Begegnung hat ernste Gefahren für den Unvorbereiteten. Um sie zu vermeiden, haben wir zwei Dinge in uns zu entwickeln: Demut und Wissen.
Unwissenheit und besonders Selbstüberschätzung wirken vernichtend auf die Wahrnehmung. Sind wir von uns voll, und glauben wir groß und hoch entwickelt zu sein, so können wir freilich die Begegnung mit dem Hüter erleben, doch wir werden uns plötzlich vor einer ungeheuren Welt voll entstellter, verzerrter Formen sehen. Unsere egoistischen Gefühle werden unseren Blick trüben, und diese Trübung ist als furchtbar zu bezeichnen. Eine Welt von entsetzlichen Karikaturen umgibt den von sich selbst Eingenommenen. Alles erscheint ihm hässlich und grauenvoll. Die Engel und anderen höheren Wesenheiten sicht er als scheußliche Fratzen und Tierformen.
Es ist daher nötig, dass wir unterscheiden lernen zwischen Wahrem und Falschem, zwischen dem wahren Wesen und der falschen Form, welche unser getrübter Blick ihm aufprägt. Selbst Jesus von Nazareth, an dessen Leben wir die der Menschheit bevorstehende Entwicklung von Stufe zu Stufe verfolgen können, hatte die Erfahrung des getrübten Schauens durchzumachen und dann später zum ungetrübten Schauen der Wahrheit in der reinsten Gestalt überzugehen. Er war durch seine Verkörperung von menschlichen Eigenschaften umgeben, die mit dem physischen Körper zusammenhängen. Wir finden im Markus-Evangelium eine Stelle, die den eben besprochenen Vorgang in einer für den Okkultisten wohlverständlichen Form schildert: Christus, so heißt es, ging in die Wüste und war bei den Tieren. Und gleich darauf steht geschrieben: Und die Engel dienten ihm. - Die Tiere sind nichts anderes als die durch die menschlichen Eigenschaften getrübten und verzerrten Bilder der reinen Engelsgestalten.
Wir haben hiermit die eine Folge, die Umwandlung der Empfindungen und des Schauens beim unvorbereiteten und unreifen Menschen besprochen. Es gibt jedoch noch eine andere Folge für ihn: Ohne sehend zu werden, kann er in sein altes Menschentum tief zurückgestürzt werden, in alte Gewohnheiten und Fehler. Die Sucht nach Genüssen, Leidenschaften, Stolz und was er sonst an seelischen Unvollkommenheiten hat, treten dann in stärkerer Form als zuvor in ihm auf. Egoismus, Selbstüberhebung und Hochmut stellen sich wie Wände um ihn herum, er ist wirklich eingesperrt in seine alten bösen Eigenschaften. In der okkulten Sprache wird dieser Zustand «das okkulte Gefängnis genannt. Der Gestürzte sieht dann eine falsche Welt, das heißt seine eigene, um sich und projiziert sie hinaus in den Makrokosmos. Tritt dieser Sturz auf einer niederen Stufe ein, so ist er nicht so verhängnisvoll, als wenn er einen bereits vorgeschrittenen Menschen trifft. Daher finden wir so verschiedene Schilderungen der anderen Welten, von Okkultisten geschrieben, die nichts anderes sehen als ihre eigene Welt - die Wahrheit bleibt für sie verborgen hinter den falschen Formen, welche sie selbst gebildet haben, ihre Unvollkommenheit bewirkt, dass sie nur Subjektives sehen und dieses für Objektives halten.
Dieser Umstand könnte den Nicht-Sehenden einschüchtern, und er könnte fragen: Wem soll ich denn glauben, da ich nicht kontrollieren kann und Wahres von Falschem zu unterscheiden imstande bin? Diese Gefahr, in Irrlehren zu geraten, existiert nicht einmal für den Laien, wenn er nur mit unbefangener Logik an die Sache herantritt. Unsere jedem normalen und gesunden Verstande innewohnende Logik ist vollkommen ausreichend, um die Fälschungen von der Wahrheit zu unterscheiden. Was gefährlich ist im Okkultismus, das ist blinder Glaube. Nirgends ist er so verhängnisvoll als gerade auf diesem Gebiete.
Ebenso leicht, wie die Leichtgläubigen alles annehmen, so verkennt die Menschheit oft Genies. Daher sollen wir prüfen und nur annehmen, was unsere Logik uns als richtig und gut erkennen lässt.
Auch für das eben Geschilderte gibt uns das Evangelium ein Beispiel. Es ist der Vorgang bei der Taufe, als Christus einzieht in den Jesus von Nazareth und in dessen Menschlichkeit versinkt. Er, der Gott, vergräbt sich in einen physischen Leib, jegliches seiner Atome durchdringend. Er sieht da den Menschen um sich und dessen Welt. So geht es uns, wenn wir uns selbst um uns sehen und glauben, den Makrokosmos in all seiner Herrlichkeit zu sehen! Wir müssen erst zerschellen an der Welt, die sich uns auftut, um zu erkennen, dass unsere eigene Welt, die wir sehen, falsch ist und die Steine nicht Brot sind. Das Matthäus-Evangelium schildert uns, wie Christus diese Scheinwelt erblickt und überwindet bei der Begegnung mit dem Dämon. Er lässt sich nicht täuschen und weist die Trugbilder ab. Wollen wir nicht irren, so müssen wir unsere Moral umwandeln, und diese Umwandlung muss sich auf unsere intellektuelle Welt in uns erstrecken.
Das bis jetzt Gesagte zeigt uns den einen Weg, wie wir zur Erkenntnis gelangen können. Mannigfache Schwierigkeiten sind zu überwinden, und nie dürfen wir eine strenge Kontrolle unserer selbst außer Acht lassen! Doch wer mit Geduld und Ausdauer und festem Willen vorwärtsstrebt, wird zum Ziele gelangen. Und wenn wir dies tun, so tun wir nichts anderes als unsere Pflicht, denn als Abbilder Gottes haben wir die Pflicht der Erkenntnis, um wahre Abbilder Gottes dereinst zu werden! - Wir haben nur zweierlei zu wählen: Abbild Gottes oder Zerrbild (Karikatur) Gottes zu werden. Unser Weg jedoch ist der der Vervollkommnung.
Schon fängt die Menschheit an, diese heilige Pflicht zu erkennen. Über allem macht sich der Drang fühlbar nach größerer Erkenntnis. Daher sagt derjenige, welcher die Theosophie richtig versteht: Die Theosophie soll nicht nur, sondern sie muss in die weite Welt hinausgetragen werden, denn sie entspricht alledem, dessen die Menschheit bedarf, und nur sie ist imstande, das Feld der Erkenntnis zu erweitern und den Menschen zum Menschen zu bringen und [die Menschen] einander zu nähern in ihrem innersten Wesenskern.
Die ganze Welt wird Theosophie erhalten (wenn auch nicht stets unter dem Namen, denn auf den Namen kommt es ja auch nicht an), und [die Theosophie] wird die Menschheit heizen wie einen Ofen, denn sie ist wie das Brennholz, das Wärme entstehen lässt, Seelenwärme, das heißt Liebe. Das ist die Aufgabe der Theosophie: Nicht Neugierde soll sie befriedigen, sondern sie soll so verbreitet werden, dass sie die Liebe erweckt. Es sei also unsere Pflicht, in solchem Sinne zu handeln.