Supplements to Member Lectures
GA 246 — 5 June 1911, Copenhagen
Die Geistige Führung Des Menschen Und Der Menschheit I
Es wird mir vergönnt sein, in den nächsten Tagen hier über ein mir wichtig erscheinendes theosophisches Thema zu sprechen: «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit». Und auf den Wunsch unserer Freunde darf ich diesen Vorträgen in dieser Stunde einige Worte voraussenden, welche sich vielleicht wie eine Art Einleitung oder Vorrede zu dem in meiner Aufgabe liegenden Thema ausnehmen werden.
Es muss ja zu den Aufgaben des Theosophen das gehören, was man im umfassendsten Sinne «Sehnsucht nach wahrer Selbsterkenntnis» nennen kann. Denn wer nur ein wenig in das theosophische Leben und in die theosophische Überzeugung eingedrungen ist, fühlt, dass aus dieser Selbsterkenntnis heraus geboren werden muss jenes umfassende Verständnis für ein jegliches menschliches Fühlen und Denken, für ein jegliches anderes Wesen, und dass ein solches Verständnis unzertrennlich sein muss von unserer ganzen theosophischen Bewegung. Das wird so leicht missverstanden, dass innerhalb unserer deutschen theosophischen Bewegung uns voranleuchtet dasjenige Zeichen, welches Sie kennen als das Signum des Kreuzes mit den Rosen. Es ist leicht, Missverständnisse zu hegen gerade gegenüber derjenigen geistigen, theosophischen Bewegung, welche unter diesem Zeichen des Rosenkreuzes sich hineinleben will heute in das geistige Leben unserer Zeit, hineinleben will in die menschlichen Herzen und ihr Empfinden, hineinleben will in das menschliche Wollen und seine Taten. Es ist leicht, auf diesem Boden zu einem Missverständnis zu kommen, weil es für viele, auch gutmeinende Seelen der Gegenwart außerordentlich schwierig einzuschen ist, dass jene geistige Bewegung, welche unter diesem Zeichen wirken will, in der Tat durch alle ihre Grundsätze, durch ihr ganzes Fühlen und Empfinden dazu angeregt ist, in der allertolerantesten Weise ein jegliches menschliches Streben zu verstehen, ein jegliches Streben in Bezug auf menschliche Überzeugung. Das liegt zwar etwas tief gerade innerhalb der Rosenkreuzerbewegung, dass diese Toleranz auf dem Grunde der Seelen waltet, die sich zu ihr rechnen, aber es gehört einmal zu dieser Bewegung. Daher werden Sie diese Bewegung leicht auf denjenigen Seiten missverstanden finden, welche Toleranz verwechseln mit einseitiger Toleranz gegen die eigene Meinung bloß, mit Toleranz gegenüber den eigenen Prinzipien und Methoden.
Man stellt sich diese Toleranz so ungeheuer leicht vor, aber sie gehört zu dem Allerschwierigsten, wenn sie sich der Mensch im höchsten Sinne des Wortes erobern soll. Denn gar leicht kann man glauben, dass derjenige, der etwas anderes sagt, als man es selber sagt, ein Gegner sei, und gar leicht kann man die eigene Meinung mit dem verwechseln, was allgemein vertreten werden soll. Theosophisches Leben aber wird blühen und die richtigen Früchte tragen können für das geistige Leben der Zukunft, wenn es ein umfassender Boden sein wird, auf dem wir uns begegnen, in innigem Seelenverständnis begegnen nicht nur mit demjenigen, der da glaubt, was wir selber glauben, sondern auch mit dem, der unter Umständen durch seine eigenen Erfahrungen, durch seinen eigenen Lebensweg genötigt ist, vielleicht sogar scheinbar das Entgegengesetzte von dem zu vertreten, was wir selber vertreten. Und wenn eine alte Moral, welche sich in gewisser Beziehung der Abendröte ihres Seins nähert, es leicht verstanden hat, Liebe und Toleranz zu üben zwischen denjenigen, welche die gleichen Gedanken und Empfindungen mit uns haben, so wird theosophisches Leben in seiner Wahrheit immer mehr und mehr in die Herzen der Menschen jene viel tiefergehende Toleranz ausstrahlen, welche es ermöglichen wird, dass wir uns auf dem Boden gegenseitigen Verständnisses, gegenseitiger menschlicher Anregung und menschlichen Zusammenlebens auch da finden, wo wir nicht von vornherein in Gedanken und Empfindungen, die wir über die Welt zu sagen haben, übereinstimmen.
Damit ist zu gleicher Zeit ein Punkt berührt, welchen es wichtig ist zu berühren - wichtig zu berühren angesichts unserer ganzen theosophischen Bewegung. Denn was tritt dem, der sich dieser theosophischen Bewegung zuwendet, sozusagen zuerst entgegen? Wozu ist er veranlasst, sich zuerst zu bekennen? Obwohl auch dieses Bekenntnis in unserer Mitte kein Dogma zu sein braucht, und obwohl es sogar in Bezug auf dieses Grundbekenntnis unter uns Meinungsverschiedenheiten geben könnte, darf doch gesagt werden: Was im umfassendsten Sinne ein allgemeines Bekenntnis von Anfang an ist, wenn irgendjemand an die Theosophie herantritt, das ist das Bekenntnis zu der Idee der wiederholten Erdenleben und dem Hinüberreichen der Ursachen von einem Erdenleben in das andere. Reinkarnation und Karma sind Überzeugungen, die sich uns von Anfang an aufdrängen. Aber vom ersten Tage an, wo diese Wahrheiten unsere Überzeugung werden, bis zu dem Tage, wo wir auch nur einigermaßen unser ganzes Leben, unser ganzes Sein in das Licht dieser Ideen, dieser Wahrheiten stellen, ist ein weiter Weg. Es verfließt lange Zeit zwischen dem Tage, da uns diese Überzeugung aufgeht, bis zu dem Tage, da sie vollständiges Leben in unserer Seele werden kann.
Da stehen wir zum Beispiel einem Menschen gegenüber, der uns mit Hohn vielleicht sogar beleidigend gegenüber sich stellt; aber da haben wir vielleicht lange schon die Lehre von Reinkarnation und Karma aufgenommen, dass wir jetzt sagen: Wer hat da das verletzende, das beleidigende Wort gesprochen, das da in unser Ohr gedrungen und uns Hohn hineingerräufelt hat? Wer hat vielleicht sogar die Hand in diesem Momente [erhoben]? — Und wir werden uns dann sagen können: Wir haben es selber getan! Die Hand ist nur scheinbar die Hand des anderen, denn ich bin es selbst, der durch sein verflossenes Karma die Hand des anderen gegen mich selber erhoben hat.
Damit ist nur angedeutet, wie lang der Weg sein kann von der abstrakten, theoretischen Überzeugung von Karma und Reinkarnation bis dahin, wo wir das ganze Leben in das Licht dieser Gedanken zu stellen verstehen, wo wir wirklich den Gott in unserer Brust so fühlen, dass wir ihn nicht nur als unser eigenes höheres Selbst fühlen, das uns sozusagen lehrt, wie der Mensch an dem Göttlichen mit einem Funken seines Seins teilnimmt, sondern wo wir dieses höhere Selbst auch so fühlen lernen, dass es uns mit einem Gefühl restloser Verantwortlichkeit durchdringt nicht nur gegenüber dem, was wir tun, sondern auch gegenüber dem, was wir erleiden - aus dem einfachen Grunde, weil das, was wir erleiden in einem Moment, nur die notwendige Folge dessen ist, was wir in einem anderen Moment getan haben.
Und nun fühle man eine solche Gesinnung wie warmes, neues geistiges Lebensblut einer neuen Kultur in unsere Seele eindringen. Man fühle, wie neue Begriffe von Verantwortlichkeit, neue Begriffe auch von Menschenliebe entstehen, die sich unsere Seelen erfassen müssen durch das theosophische Leben. Man fühle, wie es keine Phrase ist, wenn gesagt wird, dass die theosophische Bewegung in unserer Zeit entstanden ist, weil die Menschheit neue moralische Impulse, neue intellektuelle und geistige Impulse braucht. Und man fühle, dass eine neue Offenbarung auf dem spirituellen Gebiete nicht deshalb für die Menschheit sich geltend macht und durch das theosophische Leben in unsere Herzen, in unsere Überzeugungen einfließen soll, weil irgendeine Willkür vorliegt, sondern dass sie einfließen soll, weil zu jenen neuen moralischen Impulsen, zu jenen neuen Begriffen von Verantwortlichkeit - ja, vom Schicksal des Menschen - eine solche neue spirituelle Offenbarung notwendig ist.
Dann fühlt man wohl auch unmittelbar lebendig, was es für einen zusammenhängenden Sinn in der Welt hat, wenn dieselben Seelen, die in Leibern sitzen, welche heute hier versammelt sind, oft und oft in vergangenen Zeiten auf diesem Erdenboden schon verkörpert waren. Nach diesem Sinn muss man sich ja fragen: Warum immer wieder und wieder?
Und dieser Sinn ergibt sich uns dadurch, dass wir kennenlernen durch das, was uns die Theosophie gibt, wie wir jedes Mal, wenn wir in einem neuen Leib durch neu gebildete Augen hinausschauen in die Herrlichkeiten der Welt, an ihr - an den Sinnesdingen - die göttlichen Offenbarungen erkennen; oder dass wir durch neu gebildete Ohren hinaushören auf das, was sich uns als Göttliches in der Welt der Töne offenbaren kann, und daraus erkennen lernen, wie wir jedes Mal in einer neuen Inkarnation Neues auch auf dem Erdenrund erleben können und erleben sollen. Dann fühlt man wohl auch, dass es sozusagen Menschen geben muss, die durch ihr Karma dazu getrieben werden, in gewisser Beziehung prophezeiend vorherzukünden, was nach und nach die ganze Menschheit als den Sinn eines Zeitalters ergreifen muss.
Von dem, was heute in den Reihen der Theosophischen Gesellschaft und der theosophischen Bewegung durch die Offenbarungen aus der spirituellen Welt erfasst werden kann, sollten die Theosophen erkennen, dass es einfließen muss in die gesamte menschliche Kultur, und dass die Seelen, die sich durch die heutigen Leiber hineinleben in die Welt, sich deshalb zur Theosophie getrieben fühlen, weil sie die Notwendigkeit empfinden, dieses neue Element hinzuzufügen zu dem, was in den verschiedensten Epochen von den Menschen erobert worden ist aus der geistigen Welt heraus. Da müssen wir uns allerdings darüber klar werden, dass wir in einer jeglichen Epoche sozusagen aufs Neue wieder den ganzen Sinn des Weltenrätsels verstehen müssen, dass wir in einer jeden Epoche in einer neuen Art demjenigen gegenübertreten müssen, was uns herunterfließen kann durch die Offenbarungen aus den spirituellen Welten.
Unsere Zeit ist eine ganz eigenartige. Und obwohl man leichten Herzens oftmals eine jegliche Zeit eine Zeit des Überganges nennt, so darf trotzdem das, was sonst oftmals Phrase ist, im wahren Sinne des Wortes für unsere Zeit gesagt werden. Wir leben in der Tat einer Zeit entgegen, in der die Menschen manches Neue in Bezug auf die ganze Evolution unserer Erde werden erleben müssen. In Bezug auf manches werden die Menschen neu zu denken haben. Ja, manches von dem Neuen wird heute noch, man möchte sagen, im alten Stil und im alten Sinne aufgefasst. Vielen Menschen, die heute das hören, was wir hören können durch unsern Menschheitsfortschritt, ist es unmöglich, dieses Neue auch schon in einer neuen Art wirklich aufzufassen. Oftmals hinkt der Mensch mit seinen alten Begriffen den neuen Offenbarungen nach. Da sei nur beispielsweise auf eines aufmerksam gemacht.
Man hat mit Recht immer wieder und wieder betont, welchen ungeheuren Fortschritt des menschlichen Denkens es bedeutet, dass seit vier Jahrhunderten die Menschen in den physischen Bau des Weltalls eingedrungen sind. Mit Recht wurden auf der einen Seite die großen Errungenschaften und Erfolge hervorgehoben eines Kopernikus, eines Kepler, eines Galilei, eines Giordano Bruno und so weiter. Aber auf der anderen Seite möchte ich an ein Wort erinnern, das gesprochen worden ist von sehr kluger Seite und das etwa in folgender Weise lautet: Nun haben uns die Gedanken des Kopernikus in die Welt räumlich hinausgeführt, und es hat sich gezeigt, dass es so ist, wie es sich etwa Giordano Bruno vorgestellt hat: wie unsere Erde ein kleiner Weltenkörper neben anderen unzähligen im Raume befindlichen Weltenkörpern ist. Und auf dieser Erde, sagt man, sollte sich das größte Drama abgespielt haben, das den Mittelpunkt der Evolution, der ganzen Entwicklung bildet, und wir sollten in den Mittelpunkt der ganzen Evolution die Geschichte des Christus Jesus stellen dürfen?! Es könnte nicht - so sagt man - ein solches für die ganze Welt Wichtiges auf den kleinen Erdenplaneten verpflanzt werden, da man doch kennengelernt habe, dass dieser Erdplanet eben nur der kleine Planet unter unzähligen Planeten des Daseins ist!
Das ist ein Gedanke, der gewiss naheliegt, so naheliegt, dass er außerordentlich klug und weise in unserer Zeit genannt werden darf, wenn man bloß auf den Intellekt sieht, aber ein Gedanke, der nicht rechnet mit der Tiefe der spirituellen Empfindung, die darin liegt, dass vom Ausgangspunkte des Christentums die Urgründe dieses Ereignisses auf der Erde nicht in einen königlichen Palast oder in irgendwelche Glanzstätten der Erde verlegt worden sind, sondern in einen Stall zu armen Hirten verlegt worden sind. Nicht einmal damit hat das spirituelle Empfinden sein Genüge gehabt, auf die Erde diese Angelegenheit zu verlegen, sondern in einen verachteten Winkel der Erde. Das nimmt sich dann gegen die Behauptung, dass es nicht mehr anginge, «das größte Drama des Weltgeschehens in einem Provinztheater spielen zu lassen» - dieser Ausdruck ist gebraucht worden - sehr sonderbar aus. Aber das Christentum hat die Art, dieses größte Drama des Weltgeschehens nicht nur in einem Provinztheater, sondern noch ganz woanders spielen zu lassen.
Wir sehen daraus, wie schwierig es ist, den Dingen nachzukommen mit dem richtigen, wahren Empfinden, und wie viel die Menschen werden zu lernen haben, um zu sehen, welches die richtigen Gedanken und Empfindungen der Menschheitsentwicklung sind. Wir gehen bewegten Zeiten entgegen. Das darf so für unsere Gegenwart und für die nächste Zukunft gesagt werden. Denn wahr ist es: Manches Alte ist abgebraucht, und Neues fließt herein aus der geistigen Welt in diese Menschheitsentwicklung. Und nicht weil sie so wollen, sondern weil die Geschichte der Menschheitsentwicklung dazu zwingt, sprechen die, welche von dieser Menschheitsentwicklung etwas wissen, davon, dass unser ganzes seelisches Leben im Verlaufe der nächsten Jahrhunderte sich ändern werde, und dass am Ausgangspunkt dieser Änderung unseres ganzen menschlichen Seelenlebens die sich richtig verstehende theosophische Bewegung stehen muss, stehen muss in aller Demut, aber mit echtem Verständnisse dessen, was sich eigentlich für die Menschheit im Laufe der nächsten Jahrhunderte zu vollziehen hat. Denn so wahr es ist, dass die Menschen erst im Laufe der Zeit gelernt haben, mit ihrem Intellekt den Weltenbau so anzusehen, wie Kopernikus und Giordano Bruno oder Kepler oder Galilei es konnten, wie die Menschen erst im Laufe unserer letzten Jahrhunderte gelernt haben, intellektuell die Welt zu interpretieren, und wie früher die Menschenseelen in ganz anderer Weise zu ihrem Wissen gekommen sind - ebenso wahr ist es, dass das intellektuelle Leben in unserer Zeit für die Menschenseele abgelöst werden wird von einem neuen, von einem spirituellen Inhalt. Es drängen jetzt schon die menschlichen Seelen in den menschlichen Leibern dazu, nicht mehr bloß intellektuell die Welt anzuschauen. Und wenn nicht durch die materialistischen Strömungen in unserer Zeit so viel Veranlassung vorhanden wäre, die spirituellen Regungen zurückzudrängen, so würden solche Seelen, die man förmlich stürmisch nach spirituellen Inhalten begehren fühlt, noch viel mehr auffallen, würden viel mehr auffallen die spirituellen Regungen in den Menschen, die nur darauf warten, in noch anderer Weise in den Weltenraum hineinzuschauen und in das Dasein, als es bisher der Fall war.
Bevorzugte Geister, denen das zuteilwird, was man mit dem Namen der «Gnade» bezeichnet, sehen oftmals schon das vor ihrem Geiste voraus-jahrhundertelang voraus —, was dann allgemeines Schauen der Menschheit werden kann. Öfter wurde von mir darauf hingewiesen, wie etwas, was einmal ein von Gnade erfüllter Mensch, Paulus, in dem Ereignis vor Damaskus als den ganzen Impuls des ChristusGeschehnisses erlebte, damals als Einzelner erlebte, nach und nach ein Gemeingut der Menschenseele werden wird. Wie Paulus durch eine spirituelle Offenbarung wusste, wer der Christus ist, was der Christus getan hat, so werden die Menschen solches Wissen, solches Schauen wieder erleben. Aber nunmehr ist eben die Zeit unmittelbar vor uns, unmittelbar in der nächsten Zukunft stehend, wo eine Anzahl von Menschen so etwas erleben wird wie eine Wiedererneuerung des paulinischen Christus-Ereignisses. Das ist etwas, was zur Evolution unserer Erde gehört: jenes geistige Auge, das sich vor Damaskus dem Paulus geöffnet hat, das hineinschaut in die geistigen Welten und von dorther jene Wahrheit holt, die Paulus nimmermehr geglaubt hatte als das, was man ihm in Jerusalem über das Christus-Jesus-Ereignis hatte sagen können, dieses geistige Schauen werden viele Menschen haben. Dass dieses Ereignis auftreten wird, ist eine geschichtliche Notwendigkeit. Das ist das, was man in Wahrheit die «Wiederkunft des Christus im 20. Jahrhundert» genannt hat.
Der Christus als eine Individualität wird erkannt werden, wie er sich offenbart hat immer mehr und mehr sich annähernd dem physischen Plan von jenem Augenblicke an, da er im brennenden Dornbusch dem Moses erschienen ist wie in einem Abglanz, wie er es selber kundgibt im Johannes-Evangelium, bis zu dem Moment, da er auf dem physischen Plan das dreijährige Leben lebte: Er wird erkannt werden an diesen seinen Taten als der Schwerpunkt der Erdenevolution.
Schwerpunkte gibt es nur einen in einem System. Eine Waage können Sie nur an einem Punkte unterstützen, wenn Sie wollen, dass richtig die Gewichte am linken und rechten Waagebalken zeigen, und sobald Sie den Waagebalken mehrfach unterstützten, würden Sie sich versündigen gegen die Raumesgesetze der Schwere. Sie brauchen nur einen Punkt, einen Schwerpunkt für ein System. Deshalb erkennen die Okkultisten aller Zeiten, des Altertums und der Neuzeit, da, wo von dem Schwerpunkt der Erdenevolution im wahren Sinne die Rede ist, dieses Hinwenden der Erdenevolution zu dem einen Punkt, zu dem Mysterium von Golgatha und das Aufsteigen der Menschheitsentwicklung wieder von diesem Punkte aus. Wahr ist es: Es ist außerordentlich schwierig, den richtigen Sinn dieses Christus-Ereignisses, des Mysteriums von Golgatha für die ganze geistige Leitung der Menschheit anzuerkennen. Denn dazu gehört, dass alles, was wir an Empfindungen und Urteilen mitbringen von dem einen oder dem anderen Weltenbekenntnis her, in uns schweige. Wir müssen ebenso fremd und objektiv den christlichen Erziehungsmethoden gegenüberstehen, welche durch viele Jahrhunderte im Abendlande geherrscht haben, [wie] anderen religiösen Erziehungsmethoden der Welt, wenn wir im wahren Sinne dasjenige kennenlernen wollen, was der geistige Schwerpunkt der Erdenevolution ist. Daher wird man es erleben, dass für die nächsten Jahrzehnte diejenigen, welche die intensivsten Verkündiger des geistigen Schwerpunktes der Menschheitsentwicklung im Abendlande werden, eigentlich als «schlechte Christen» gelten werden, denen man vielleicht das Prädikat, Christ zu sein, bestreiten wird bei den herrschenden Religionen des Abendlandes. Schon die eine Idee ist ungeheuer schwierig zu begreifen, dass der Christus nur einmal, vorübergehend, drei Jahre in einem menschlichen Leibe verkörpert sein konnte.
Diejenigen, welche sich genauer bekannt gemacht haben mit dem, was die Rosenkreuzer-Einweihung über diese Dinge zu sagen hat, wissen, wie kompliziert im Grunde genommen der äußere Körper jenes Jesus von Nazareth sein musste, damit er jene gewaltige Individualität, welche die Christus-Individualität ist, in sich aufnehmen konnte. Wir wissen, dass nicht ein Mensch geboren werden musste, sondern dass zwei Menschen dazu schon geboren werden mussten. Von dem einen erzählt uns das Matthäus-Evangelium, von dem anderen das Lukas-Evangelium. Wir wissen, dass jene Individualität, die in den Leib desjenigen Jesusknaben verkörpert wurde, von dem das Matthäus-Evangelium berichtet, vorher Gewaltiges für sich erreicht hatte in ihrer Evolution, und dass diese Individualität mit zwölf Jahren diesen Leib verließ, um einen anderen Erdenleib bis zum dreißigsten Jahre einzunehmen und mit anderen Fähigkeiten in diesem anderen Leibe sich weiterzubringen. Wir wissen, dass auf diese Weise an der Persönlichkeit, die man als Jesus von Nazareth [bezeichnet], zusammenwirken musste alles, was in der Menschheit vorher an Großem und Gewaltigem - und vor allen Dingen an Demütigem - erlebt werden musste, um das alles in einem Leibe zu haben, der fähig sein sollte das aufzunehmen, was im wahren Sinne der Christus genannt werden darf.
Ein tiefes Verständnis wird notwendig werden, um die Einzigartigkeit des Christus zu verstehen, dessen, was die Okkultisten meinen, wenn sie sagen: Wie es in der Mechanik nur einen Schwerpunkt eines Systems geben kann, so kann es auch nur ein Ereignis von Golgatha geben!
Eine Zeit, die vor solchen gewaltigen seelischen Ereignissen steht, wie es jetzt nur ganz andeutend charakterisiert werden konnte, ist ganz besonders geeignet, uns in uns selber Einkehr halten zu lassen. Und unter den mancherlei Aufgaben, welche der wahre Theosoph innerhalb der theosophischen Bewegung heute hat, ist ganz gewiss diese: Einkehr zu halten in die eigene Seele, in das eigene Herz, um sich ein wenig darüber klar zu werden, dass man nur mit Zagen den Weg gehen möchte, der dahin führt, diese einzigartige Idee zu begreifen, von der uns der Okkultismus aller Zeiten in eindeutiger Weise berichtet.
Solche Zeiten, in denen glanzvolle Weisheitslichter und warme Liebesgaben über die Menschheit ausgestrahlt werden sollen, sie müssen diejenigen sein, die immerdar auch etwas uns bringen von der Wahrheit des Satzes: Wo viel Licht ist, da sind starke, schwarze Schatten. - Die starken, schwarzen Schatten, die da eintreten mit jenen Gaben, von denen jetzt eben gesprochen worden ist, das sind die Irrtumsmöglichkeiten. Mit großen Weisheitsgaben, welche in die menschliche Evolution einfließen sollen, ist notwendigerweise verbunden, dass das menschliche Herz gerade sehr leicht in solchen Zeiten dem Irrtum ausgesetzt sein kann. Glauben wir daher nicht, dass unfehlbarer als in anderen Zeiten die irrende Menschenseele sein wird in den Zeiten, welche da kommen werden und von denen wir verstehen müssen, dass mehr als in jeder anderen Zeit die menschliche Seele dem Irrtum und den Irrtümern ausgesetzt sein wird. Das ist es, was wie aus grauem Dämmerlichte die Okkultisten aller Zeiten prophezeiend vorherverkündet haben. Wahr ist es, dass in den Tagen der Erleuchtung, die wir nur andeuten konnten mit den Worten, von denen eben gesprochen worden ist, die leichteste Möglichkeit des Irrtums, ja, die größte Verirrung Platz greifen kann. Umso notwendiger ist es, klar auf diese Möglichkeit des Irrtums hinzuschauen, sich klar darüber zu sein, dass, weil wir Großes gewärtigen sollen, deshalb umso leichter der Irrtum für das schwache menschliche Herz sein muss.
Wenn wir die geistige Führung der Menschheit für die nächsten Zeiten ins Auge fassen, müssen wir deshalb aus diesem Gedanken der Irrtumsmöglichkeit - aus dem, was mit deutlich warnender Hand die Okkultisten aller Zeiten voraussagten für die Zeiten, welche bevorstehen, fühlend die Lehre empfangen als Theosophen: jene höchste, jene einzige Toleranz zu üben, von der im Eingange meiner Worte heute gesprochen worden ist, und uns alles abgewöhnen, was auf der einen Seite zu einer blinden Autorität gehört — denn diese blinde Autorität kann ein starker Versucher sein, kann gerade den Irrtum anregen -, auf der anderen Seite aber müssen wir uns das Herz offen und warm halten für alles, was in einer noch nie von der Menschheit erlernten Weise auf die Menschen aus den spirituellen Welten herunterflicßen kann.
Daher wird ein guter Theosoph innerhalb der theosophischen Bewegung vor allen Dingen der sein, der da weiß: Wenn wir innerhalb unserer Bewegung Pfleger jenes Lichtes sein wollen, das in die Menschheitsevolution einströmen soll, so müssen wir Versteher werden gegenüber alledem, was an Irrtümern sich gleichzeitig mit diesem Licht in die menschliche Evolution einschleichen kann. Fühlen wir auch demgegenüber die ganze Verantwortlichkeit und haben wir das weite Herz, das wir brauchen innerhalb der theosophischen Bewegung, um zu verstehen, dass es noch keine Bewegung auf unserem Erdenrund gegeben hat, in welcher solch weites liebevolles Herz hat in Pflege genommen werden können. Lernen wir verstehen, dass es noch immer besser ist, wenn wir von denjenigen bekämpft werden, die da glauben, nur in ihrer Meinung das Alleinseligmachende zu haben, als wenn wir diese anderen selber bekämpfen. - Von dem einen zu dem anderen ist wieder ein weiter Weg. Aber die, welche im Geiste die theosophische Bewegung ergreifen, werden zu leben wissen mit etwas, was als cin Kernspruch, als ein Motto für alle Spiritualität mit Recht durch alle Zeiten gegangen ist, werden zu leben wissen so, dass sie, wenn sie auch zuweilen die Verzweiflung überkommen könnte bei dem Gedanken: Nun ist es so, dass starkes Licht vorhanden ist, aber auch eine große Irrtumsmöglichkeit. Wie sollst du schwacher Mensch dich darin zurechtfinden? Wie sollst du entscheiden können, was von der Wahrheit stammt und was der Irrtum gibt? - Wenn ein solcher Gedanke in der Brust aufsteigt, können Sie Stärkung und Kräftigung fühlen bei dem alten Gedanken, der als ein Motto durch alle Zeiten gegangen ist: Die Wahrheit wird dasjenige sein, was die höchsten Impulse immerdar in der Menschheitsentwicklung abgeben wird, und noch höher steht mir die Wahrheit, als ich selber stehen könnte. Stehe ich so zur Wahrheit und irre ich hier in dieser Inkarnation, so wird die Wahrheit die Kraft haben, mich zu sich zu ziehen in der nächsten Inkarnation. Wenn ich ehrlich irre in dieser Inkarnation, wird sich dieser Irrtum ausgleichen in der nächsten, und besser ist es, ehrlich zu irren - als unehrlich Dogmen anzuhören!
Und das Motto wird vor uns aufleuchten: Ist es Wahrheit, wozu wir uns bekennen, so ist dies nicht durch uns, nicht durch unser Wollen. Nicht durch unsere Anstrengung - wohl aber durch die göttliche Kraft der Wahrheit selbst wird diese Wahrheit siegen. Ist aber das, wozu wir durch irgendwelche Möglichkeiten in dieser Inkarnation gedrängt werden, nicht die Wahrheit, ist es der Irrtum, sind wir zu schwach, um zur Wahrheit hingezogen zu werden - dann möge das, wozu wir uns bekennen, nur untergehen! Sagen wir es uns ruhig, denn dann hat es nicht die Kraft zu leben, soll nicht die Kraft zu leben haben.
Und wir müssen als Theosophen die Möglichkeit finden, auch noch dann das Vertrauen in die Wahrheit zu haben - die wir vielleicht noch gar nicht kennen -, wenn wir uns auch eventuell dem Gedanken hingeben müssten, dass das, was wir selber aus ehrlichster Überzeugung heraus als Wahrheit anerkennen, vielleicht nur ein Irrtum ist.
Wenn wir ehrlich zur Wahrheit streben - und wir werden sie haben, wenn wir ehrlich zu ihr streben -, dann wird die Wahrheit der siegende Impuls in der Welt sein. Und ist das, was wir jetzt schon haben, ein Weg der Wahrheit, so wird nicht durch das, was wir für diese Wahrheit vorbringen können, dieses in uns siegen, sondern durch die eigene, siegende Kraft der Wahrheit selber. Ist es aber der Irrtum, dann haben wir auch die Kraft zu sagen: Es möge dieser Irrtum untergehen!
Wenn wir dieses zu unserem Motto zu machen verstehen, dann werden wir den rechten Gesichtspunkt, die wahre Perspektive finden, dass wir uns sagen: Wir können unter allen Umständen das gewinnen, was wir brauchen innerhalb einer spirituellen Bewegung: Vertrauen! Denn gibt dieses Vertrauen uns zunächst den Irrtum, so wird der Irrtum ganz gewiss untergehen, und wir werden die Stärke haben, seinen Untergang erleben zu können. Ist es die Wahrheit, was dieses Vertrauen uns gibt, so wird diese Wahrheit siegen, und wenn die, welche ihre Gegner sind, sie auch noch so sehr bekriegen mögen! Dieses Gefühl kann leben in eines jeden Theosophen Seele. Und wenn wir die Vermittler sein sollen dessen, was uns aus der geistigen Welt herunterfließt, was solche Gefühle wachruft im menschlichen Herzen, welche Sicherheit und Kraft für das Leben geben, dann erfüllt sich innerhalb der menschlichen Herzen und Seelen - von unserer Bewegung ausgehend - die Mission der neuen spirituellen Offenbarung, die mit dem, was wir als «Theosophie» bezeichnen, in der Menschheit ist, gekommen ist, immer mehr und mehr kommen wird - und immer mehr und mehr die menschlichen Seelen in eine geistigere Zukunft hineintragen wird!