Supplements to Member Lectures

GA 246 — 6 June 1911, Copenhagen

Die Geistige Führung Des Menschen Und Der Menschheit II

In den nächsten Vorträgen möchte ich Ihnen über einen Gegenstand sprechen, welcher dem Menschen wichtig ist sowohl in Bezug auf das gewöhnliche, alltägliche Leben, wichtig ist auch für jene Ausnahmefälle des Lebens, wo uns das Schicksal ganz besondere Prüfungen aufzuerlegen scheint, wichtig auch für alles das, was wir das «höhere Leben» nennen, die Entwicklung der menschlichen Seele in die geistigen Welten hinein. Denn alles - das regelmäßige und das abnorme Leben des Tages und das höhere Leben in die geistigen Welten hinein — weist uns zuletzt auf etwas hin, was wir im umfassendsten Sinne nennen können: die geistige Führung des Menschen und auch der ganzen Menschheit.

Es ist in unserer Zeit nicht gerade ganz leicht, sich völlig verständlich zu machen, wenn von dieser geistigen Führung des Menschen geredet werden soll. Denn wir leben nun einmal in einem Zeitalter, in dem der Mensch sogar nicht einmal sehr gern hört, dass er «geführt» werde und dass es zum Wesen des Menschen gehöre, sich einer «Führung», gleichsam einer höheren Gewalt zu unterstellen. Ein «Führer» in Bezug auf dieses oder jenes möchte heute der Mensch nur allzu gern sein, ein Führer - aber ein «Geführter»? Das scheint zu verstoRen gegen alles, was der Mensch heute denkt über seine Würde, über seine Selbstständigkeit und seine Freiheit. Dennoch aber gibt es ein sehr einfaches Selbstexperiment für die menschliche Seele, aus dem mit voller Klarheit zunächst hervorgehen kann, wie der Mensch einer, wenn wir auch zunächst sagen müssen «unbekannten» Führung untersteht.

Dieses einfache Experiment besteht darin, dass man öfter in seinem Leben, wenn man immer älter und älter wird, ein wenig Rückschau hält auf dasjenige, was man erlebt und getan hat, zurückdenkt ein wenig auf dasjenige, was man vielleicht in seiner Jugend getan hat, was man in einem späteren Lebensalter getan hat, getan hat oder gesprochen hat, wie man dieses oder jenes Ereignis, das einen betroffen hat, aufgefasst hat und so weiter. Wenn man darüber einmal nachdenkt, öfter nachdenkt, immer nachdenkt, wenn wieder ein paar Jahre verflossen sind, dann kann man eine merkwürdige Entdeckung machen. Diese Entdeckung macht nicht etwa bloß der Mensch, der so im gewöhnlichen Leben drinnen steht, sondern in einem noch viel höheren Maße macht sie jener Mensch, der schon ein wenig geistige Entwicklung durchgemacht hat. Und in einem noch höheren Maße macht dieselbe Erfahrung sogar der Eingeweihte. Eine merkwürdige Entdeckung machen wir da. Wenn wir uns so fragen: Was hast du in dieser oder jener Zeit deines Lebens getan oder gesprochen? - Dann stellt sich sehr häufig heraus, dass man eine ganze Menge Dinge gemacht hat- man kommt schon auf solche Dinge -, die man eigentlich erst jetzt versteht. Da hat man vor sieben oder acht Jahren oder vielleicht vor zwanzig, einundzwanzig Jahren Dinge getan, von denen man jetzt ganz genau weiß: Jetzt reicht eigentlich erst dein Verstand so weit, dass du die Dinge verstehen kannst, die du damals getan hast!

Viele Menschen machen solche Selbstentdeckungen nicht, weil sie nicht darauf ausgehen. Aber es ist außerordentlich wichtig, dass der Mensch öfter eine solche Einkehr hält. Denn von einem solchen Moment, wo der Mensch darauf kommt: Du hast eigentlich in früheren Jahren Dinge getan, die du jetzt erst anfängst zu verstehen; damals war dein Verstand noch nicht reif, um die Dinge zu verstehen; damals hast du sie getan, sogar von ihnen gesprochen.

Von einem solchen Moment, wo man solche Entdeckungen macht, geht etwas aus wie die Empfindung in der menschlichen Seele: Man fühlt sich wie geborgen durch eine gute Macht, die durch einen hindurchwaltet. Man fängt an, immer mehr und mehr Vertrauen zu gewinnen zu der Tatsache, dass man eigentlich im höchsten Sinne des Wortes doch nicht allein ist in der Welt und dass das, was man versteht, was man kann, im Grunde genommen nur ein kleiner Teil dessen ist, was man zu vollbringen hat in der Welt.

Man kann, wenn man die Beobachtung öfter macht, etwas, was ja theoretisch sehr leicht einzusehen ist, zu einer vollen Lebenspraxis erheben. Theoretisch leicht einzusehen ist: Wenn alles, was der Mensch machen muss, damit er leben kann, seinem eigenen Verstande, seiner eigenen Intelligenz überlassen wäre, so würde er gar nicht weit kommen - wirklich gar nicht weit. Denn wir brauchen uns diese Frage theoretisch nur in folgender Weise zu beantworten: Wann macht der Mensch eigentlich an sich selber die künstlerischsten Taten? Wann handelt er am allerweisesten an sich selber? Das tut er ungefähr bis zu dem Zeitpunkte, bis zu dem er sich noch zurückerinnern kann, wenn er im späteren Leben zurückblickt auf die verflossenen Jahre. Wenn Sie zurückblicken auf das, was sich vor drei, vier, fünf Jahren und so weiter zugetragen hat, so kommen Sie mit Ihrem Gedächtnis bis zu einem gewissen Punkt; weiter geht es nicht. Dann können Ihnen die Eltern oder die, welche bei Ihrem früheren Leben dabei waren, erzählen, was Sie als Kind vollbracht haben; aber die eigene Erinnerung reicht nur bis zu einem gewissen Punkt zurück. Das ist auch der Zeitpunkt, wo der Mensch gelernt hat, sich als ein Ich zu fühlen. Bei den Menschen, die sich im normalen Leben zurückerinnern, ist dies im Alter von drei oder dreieinhalb Jahren der Fall. Vor dieser Zeit aber hat die menschliche Seele am Menschen selbst die allerweisesten Dinge getan, und niemals kann der Mensch später, wenn er zu seinem Bewusstsein kommt, so Großartiges und Gewaltiges an sich selber leisten, als er in den allerersten Jahren seiner Kindheit im Unbewussten vollzieht. Denn wir wissen, dass wir durch unsere Geburt in den physischen Plan hineintragen, was wir uns mitgebracht haben als die Früchte der früheren Inkarnationen. Und wenn wir geboren werden, ist unser äußeres Gehirn zum Beispiel noch ein sehr unvollkommenes Instrument. Da muss nun des Menschen Seele hineinarbeiten die feineren Gliederungen. Aber während dieser Zeiten muss nicht nur das geschehen, dass wir unser Gehirn plastisch fein ausarbeiten müssen, sondern wir lernen auch drei der wichtigsten Dinge, bevor wir zum Bewusstsein kommen. Als Erstes lernen wir unsere eigene Körperlichkeit im Raume orientieren. Was damit gesagt ist, beachtet der heutige Mensch gar nicht ordentlich; denn darin liegt einer der wesentlichsten Unterschiede des Menschen vom Tier, indem das Tier von vorn herein bestimmt ist, seine Gleichgewichtslage im Raume zu entwickeln. Das eine Tier ist ein Klettertier, das andere ein Schwimmtier und so weiter. Das Tier ist von vornherein so organisiert, dass es sich in richtiger Weise in den Raum hineinsetzt, und das ist bis hinauf zu den menschenähnlichsten Säugetieren der Fall.

Wenn die Zoologen über dieses Faktum nachdenken würden, so würden sie weniger betonen, dass zum Beispiel Mensch und Tier so und so viele gleichartige Muskeln haben und so weiter, denn so etwas kommt viel weniger in Betracht als die Tatsache, dass der Mensch nicht von vornherein seine Gleichgewichtslage mitbekommt; denn die muss er sich erst selbst verschaffen. Es ist ungeheuer bedeutungsvoll, dass der Mensch an sich selbst arbeiten muss, um sich aus einem Wesen, das am Boden kriecht, zu einem solchen zu machen, das aufrecht gehen kann. Der Mensch ist es selbst, der sich seine vertikale Lage, seine Gleichgewichtslage im Raum gibt, der sich in ein Verhältnis zur Schwerkraft bringt.

Ich kann dies hier nur andeuten und weiß sehr wohl, dass manches von zoologischer Seite gegen solche Dinge eingewendet wird, und das geschieht auch heute. Aber in Zukunft werden auch die Zoologen finden, dass cs richtig ist, dass sich der Mensch [selbst] im Laufe seiner ersten Kindheit seine Gleichgewichtorganisierung gegenüber der Schwerkraft verschafft.

Das Zweite, was der Mensch selber sich lehrt - wirklich aus jener Individualität heraus, die von Inkarnation zu Inkarnation, von Verkörperung zu Verkörperung geht -, ist die Sprache, durch die er die Wahrheit von seinen Mitmenschen erfährt und selber ausdrücken kann. Diejenigen Pädagogen, die tiefer hineinsehen in das menschliche Getriebe, wissen sehr gut, dass ein Mensch, der hinausversetzt würde auf eine einsame Insel und nicht mit anderen Menschen zusammen wäre, die Sprache nicht lernen würde. Was wir ererbt erhalten, was eingepflanzt ist für spätere Jahre, sodass es den Vererbungsprinzipien unterliegt, das hängt nicht davon ab, dass der Mensch mit seinen Mitmenschen zusammen ist. Wir sind zum Beispiel von vorneherein durch die Vererbungsverhältnisse dazu veranlagt, im siebenten Jahre die Zähne zu wechseln. Da können wir draußen auf einer einsamen Insel sein; wenn wir nur die Möglichkeit haben aufzuwachsen, werden wir die Zähne schon wechseln. Sprechen aber lernen wir nur, wenn unser Seelenwesen als solches angeregt wird; wenn das angeregt wird, was wir von Leben zu Leben tragen. Wir müssen in jener Zeit den Keim für unsere Kehlkopfentwicklung formen, wo wir noch nicht unser Ich-Bewusstsein haben. Vor der Zeit, bis zu der wir uns zurückerinnern, müssen wir den Keim legen zur Formung unserer Kehlkopfentwicklung, sodass unser Kehlkopf ein Sprachorganismus werden kann.

Und dann gibt es ein Drittes, von dem es weniger bekannt ist, dass es der Mensch durch sich selbst lernt, durch das, was in seinem Innern von Inkarnation zu Inkarnation lebt: Das ist das Leben in Gedanken selber. Wir machen uns deshalb an die Bearbeitung des Gehirns, weil das Gehirn das Werkzeug des Denkens ist. Das Gehirn ist zuerst deshalb so unplastisch, weil der Mensch es erst formt und weil es das Instrument seines Denkens ist, das heißt desjenigen Lebens, welches das Leben des Menschen auf der Erde sein kann; denn der Mensch muss mit seinen Mitmenschen in Gedanken leben, dann lebt ererstin Wahrheit. Und würde sein Gedankenleben verkümmert werden, so würde das Menschenleben nicht das vollständige auf der Erde sein.

Warum können wir so viel lernen in den allerersten Jahren unseres Lebens? Wir könnten wirklich, wenn es auf unsere Klugheit ankäme, das nicht vollbringen, was wir ohne unsere Klugheit in unserer ersten Lebenszeit vollbringen, was wir noch aus dem Unbewussten heraus — aber nicht minder aus unserer Seele, aus unserer Individualität heraus - in den allerersten Jahren vollbringen. Warum können wir das alles? Nun, wir können es aus dem Grunde, weil wir in den ersten Jahren unseres Lebens mit unserer Seele, mit unserer ganzen Individualität viel mehr angeschlossen sind an die geistigen Welten der höheren Hierarchien als später. Für den Hellseher, der eine geistige Entwicklung durchgemacht hat, sodass er die wirklichen geistigen Vorgänge verfolgen kann, tritt mit dem Zeitpunkte, wo der Mensch sein Ich-Bewusstsein erlangt hat, etwas ungeheuer Bedeutungsvolles ein. Während das, was wir die «kindliche Aura» nennen, in den ersten Lebensjahren wie eine wunderbar goldige, menschlich-übermenschliche Intelligenz das Kind umschwebt, [und zwar] so umschwebt, dass diese kindliche Aura, der eigentliche höhere Teil des Menschen, überall seine Fortsetzung in die geistige Welt hinein hat, dringt in jener Zeit, wo das Kind lernt, zu sich «Ich» zu sagen, diese Aura mehr in das Innere hinein.

Der Mensch lernt, sich als Ich zu empfinden, als Ich zu erkennen, indem das, was früher an die höheren Welten angeschlossen ist, in sein Ich hineingeht. Von da ab lernt er alles durch sein Bewusstsein, lernt überall sich selber in Verbindung zu bringen mit der Außenwelt. Das hat er früher nicht getan. Früher waren die Dinge so, als wenn sie wie eine wunderbare Traumwelt über ihm schwebten. Aber er wirkte auch aus dem Geiste herein, wirkte so tief in seine Körperlichkeit herein, dass er sein Gehirn aus dem Geiste heraus formen konnte. Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, dass man nicht mit Unrecht sagt: «Von einem Kinde kann auch der Weiseste noch lernen.» - Größte Meister können von Kindern lernen. Warum? Weil man - wenn ich den trivialen Ausdruck gebrauchen darf - an dem, was das Kind umgibt als Aura, etwas wie einen «Telefonanschluss» nach den geistigen Hierarchien hat, nach der geistigen Welt. Da strömt aus den geistigen Welten etwas ein in die kindliche Aura, in den Menschen, und der Mensch ist da unmittelbar als einzelnes Wesen unterstehend der Führung der ganzen geistigen Welt. Die geistigen Kräfte aus der ganzen geistigen Welt strömen in den Menschen ein. Sie sind es, die ihn aufstellen, die ihn so weit bringen, dass er die Schwerkraft überwindet; sie sind es, die seinen Kehlkopf formen, die sein Gehirn so formen, dass es ein lebendiges Glied für Gedanken, Empfindungen und Moralität wird. Da arbeitet die ganze geistige Welt in den Menschen herein.

Das ist dieselbe Welt, aus der das kommt, das wir auch später empfinden, wenn wir so vor der Tatsache stehen: Manchmal sagst du Besseres, als du eigentlich nach deinem Verstande, nach deiner Klugheit sagen kannst, sagst etwas, was du selber kaum verstehen kannst!

Dann fühlt man so recht: Als man mit der Geburt hereingetreten ist in die physische Welt, war man noch nicht so ganz. entlaufen der Welt, die man verlassen hat mit dem Eintreten in das physische Dasein, [man] war noch mit ihr verbunden. Dann tritt das, was man als ein Stück Geistigkeit hat, in unsere leibliche Gestalt herein und folgt uns. Aber oft ist es so, dass wir fühlen: Was in uns gelegt ist, ist nicht nur ein höheres Selbst, das nach und nach ausgebildet werden soll, sondern das ist etwas, was schon da ist und uns oftmals dazu bringt, dass wir über uns selber hinauswachsen.

Wir werden im Verlaufe dieser Vorträge sehen, dass dies, was uns da in der ersten Kindheit umschwebt und dann hereintritt in den Menschen, später noch in einem sehr merkwürdigen Verhältnis steht zu unserm Leibe und unserm ganzen äußeren Menschen. Alles, was der Mensch hervorbringen kann an Idealen, an künstlerischen Sachen, aber auch alles, was er hervorbringen kann an naturgemäßen Heilkräften im eigenen Leibe, das kommt nicht von dem gewöhnlichen Verstande, sondern von den tieferen Kräften, die in den ersten Jahren arbeiten an unserer Aufstellung, an der Prägung des Kehlkopfes; denn es sind dieselben Kräfte, die später noch in uns sind, zum Beispiel, wenn wir sagen: Äußere Kräfte können uns jetzt nicht mehr helfen; da muss unser eigener Leib die tieferen Heilkräfte hervorholen, die unten in der Tiefe unserer Organisation schlummern.

Und weiter kommen uns von dort her auch die besten Kräfte, wenn wir hinaufgehen wollen in die geistige Welt und unsere Seele zu einem Hellseherorgan machen wollen.

Jetzt kann eine Frage sehr naheliegen: Warum bleibt denn höchstens drei bis dreieinhalb Jahre dieses, was wir an höheren Kräften hereinleuchten haben in unseren Leib, warum will es denn dann anders?

Die eine Hälfte der Antwort können Sie sich leicht geben; denn sie liegt in Folgendem. Wenn jene höheren Kräfte in derselben Weise weiterwirkten, würden wir immer Kinder bleiben, würden wir nicht zum Ich-Bewusstsein kommen. Es muss hineingehen, was vorher von außen gewirkt hat. Aber es gibt einen bedeutungsvolleren Grund, der uns noch mehr aufklären kann als das eben Gesagte über die Geheimnisse des Menschenlebens, und das ist Folgendes. Durch die theosophischen Mittel, welche Sie aus den bisherigen Vorträgen oder sonst wie kennengelernt haben, erfahren wir, dass der menschliche Leib, wie er heute ist, etwas Gewordenes ist, dass er in früheren Zeiten einer Evolution unterlegen ist. Wir wissen auch, dass er diese Evolution so durchgemacht hat, dass auf ihn verschiedene Kräfte gewirkt haben, gewirkt haben auf den physischen Leib, auf den Ätherleib und auf den Astralleib, welche den menschlichen physischen Leib und auch den Ätherleib nicht so gestaltet haben, wie er geworden wäre, wenn die Kräfte solcher Wesenheiten, die wir die luziferischen und die ahrimanischen nennen, nicht auf ihn gewirkt hätten. Der menschliche Leib ist hervorgegangen aus Kräften, die ihn in einer gewissen Weise schlechter gestaltet haben, als er geworden wäre, wenn nur die eine Art von Kräften wirksam gewesen wäre, die von den guten, die Menschheit vorwärtsbringenden göttlichen Wesenheiten herstammten. Das ist ja die Ursache von Leiden und Krankheit - und auch des Todes, dass auch noch jene anderen Kräfte, die luziferischen und die ahrimanischen - gewaltet haben. Was wir durch die Geburt ins Dasein hereinbringen, das ist besser als alles, was sonst an uns ist; es enthält allerdings Kräfte der höchsten Geistigkeit.

Und würde es länger als drei bis dreieinhalb Jahre, als Durchschnittszahl genommen, im physischen Körper des Menschen wirken wollen, so würde dieser ein solches Wirken nicht aushalten können. Denn der physische Menschenkörper ist so organisiert, dass er in der Form, wie das Menschenwesen aus der geistigen Welt hereinwirkt, eine solche Wirksamkeit überhaupt nur drei bis dreieinhalb Jahre verträgt. Der menschliche Leib würde zerbrechen, wenn jene Kräfte, die den Organismus in den ersten Kindheitsjahren, wenn er noch weich ist, so gestalten, dass er zu einem gehenden und stehenden Wesen wird, sich noch länger in dieser Weise betätigen würden. Diese Kräfte sind so grandios, dass, wenn sie später noch wirken würden, unser Organismus zerbrechen müsste unter der Heiligkeit dieser Kräfte. Nach drei bis dreieinhalb Jahren ist die Zeit da, wo im Grunde genommen zerstörend wirken müssten diese Kräfte, welche in den ersten Kindheitsjahren in den Menschen hereinwirken.

Daraus aber geht uns ein Gedanke hervor, der große praktische Wichtigkeit haben kann, ein Gedanke, von dem Sie wissen, dass er ausgesprochen ist im [Neuen] Testament, im Evangelium; sehr konkrete Gestalt gewinnt da jenes Wort: «So Ihr nicht werdet wie die Kindlein, könnt Ihr nicht in die Reiche der Himmel kommen!» Denn was wäre das höchste Ideal für den Menschen, wenn das richtig wäre, was jetzt ausgesprochen worden ist? Sich immer mehr und mehr dem zu nähern, wo man bewusst das beherrschen lernt, was man beherrscht unbewusst in den ersten Jahren der Kindheit! Das ist in der Tat etwas Höchstes, was sich der Mensch so als ein Ideal vorschreibt: In bewusstes Leben herüberzubringen und in bewusster Weise das wirken zu lassen, was in den ersten Jahren der Kindheit wirkt. Das ist ein großes Ideal, ein so großes Ideal, dass der Mensch sich Folgendes sagen kann, wenn er einmal ganz ernsthaft über sich selber nachdenkt.

Das Durchgehen durch die aufeinanderfolgenden Inkarnationen muss einen Sinn haben. Wir sind in der Vergangenheit durch aufeinanderfolgende Inkarnationen geschritten; wir werden weiterschreiten, wenn die Erde in ihrer Entwicklung vorwärts geht durch folgende Inkarnationen. Dann wird einmal der Zeitpunkt kommen, wo die Erde am Ende ihrer Laufbahn angelangt sein wird, wo der Rest des Erdplaneten abfallen wird von allen Menschenseelen, wie der menschliche Leib mit dem Tode abfällt, wenn die Menschenseele, um weiterzuleben, eintritt in ein geistiges Reich, um das Leben zwischen Tod und einer neuen Geburt zu führen. Und da kann uns als höchstes Ideal erscheinen, dass wir es dann so weit gebracht haben durch alle die Lehren und durch die Arbeit unserer Inkarnationen, dass dasjenige bewusst wird, das uns den ganzen Leib und unsern ganzen Menschen beherrschen gelehrt hat, was in den ersten Kindheitsjahren in den Leib hereinwirkt, sodass wir uns dadurch erst zum Menschen machen. Das ist ja unser höchstes Ideal, dass wir lernen, uns so zu ganzen Menschen zu machen, wie wir es können in den ersten Lebensjahren unter der Hilfe, der Kraft der geistigen Hierarchien unbewusst. Dann tritt vor unsere Seele ein Gedanke, der uns erfüllt mit Demut - aber auch mit richtigem Bewusstsein von Menschenwürde, der Gedanke: Wir sind nicht allein. In uns lebt etwas, was uns immerdar den Beweis liefern kann: Wir können uns als Menschen über uns selbst erheben, zu etwas erheben, was jetzt schon über uns hinauswächst und was wachsen wird von Inkarnation zu Inkarnation mit uns; das lebt in uns, so wahr, als wir Menschen sind! - Das ist das real werdende Ideal in uns, das uns über uns selbst erheben wird. Immer bestimmtere und bestimmtere Gestalt kann dieser Gedanke annehmen und liefert uns dann etwas ungeheuer Beruhigendes und Erhebendes - aber auch eine entsprechende Demut und Bescheidenheit. - Was haben wir da in uns? Wahrhaftig einen höheren, einen göttlicheren Menschen, von dem wir lebendig fühlen können: Er ist in uns!

Dann kommt wohl leicht der Moment, wo wir uns im Leben sagen: Das Beste, was wir tun können, können wir dann tun, wenn wir uns mit allem, was in uns ist, was unsere Klugheit ist, was selbst unsere schon erreichte Moralität ist, so recht hingeben dem besseren Menschen, diesem besseren Menschen gegenüber hinopfern - und allen Stolz und alles, was wir an Überhebung in uns haben, abtilgen und abdämpfen gegenüber dem, was da in uns waltet! - Dann fühlen wir, dass da etwas in uns ist, was so recht in den ersten drei Kindheitsjahren lebt und uns zum Menschen macht. Und wir sind uns bewusst, wenn wir das überlegen, was jetzt gesagt worden ist: So, wie der Mensch heute ist, ist er unvollkommen und kann nicht das bewusst in sich tragen, was in den ersten Lebensjahren in ihm waltet; er muss sich erst vollkommener machen, damit er dasjenige bewusst in sich tragen kann, was jetzt in den ersten drei Kindheitsjahren unbewusst in ihm arbeitet.

Wenn nun ein Mensch vor uns stünde und es durch irgendwelche Weltenmächte bewirkt werden könnte, dass das gewöhnliche Ich von dem Menschen entfernt würde - wir müssten also annehmen: Es könnte erreicht werden, dieses gewöhnliche Ich, das mit dem Menschen durch die Inkarnationen gegangen ist, aus [dem] physischen Leib, [dem] Ätherleib und [dem] Astralleib zu entfernen, und wir könnten in ihn ein solches Ich bringen, das im Zusammenhange wirkt mit den geistigen Welten - was würde mit einem solchen Menschen geschehen? Nach drei Jahren müsste sein Leib zerbrechen! Es müsste etwas geschehen durch das Weltenkarma, dass er nicht länger als drei Jahre in diesem Leibe leben könnte! Erst am Ende der Erdenlaufbahn wird der Mensch das in sich fühlen können, was ihn länger leben lässt als drei Jahre. Aber dann wird der Mensch sich auch sagen: Nicht ich, sondern dieses Höhere in mir, das immer da war, das arbeitet jetzt in mir. - Einstweilen kann er das noch nicht sagen, sondern er könnte höchstens sagen: Er spürt es, aber er ist noch nicht mit seinem wirklichen realen Menschheits-Ich dahin gekommen.

Ich frage Sie nun - und beantworten Sie sich jeder die Frage selbst: Wenn nun irgendeinmal in der Zeit, da die Erdenzeit noch nicht abgelaufen ist, ein menschlicher Organismus hingestellt wird in die Welt und in irgendeinem Jahre würde es durch gewisse Weltenmächte bewirkt werden, dass das Ich entfernt würde, wie es sich entwickelt hat, und jenes Ich, das in den ersten drei Kindheitsjahren wirkt, würde später so wirken, dass cs im Zusammenhang stünde mit den geistigen Welten, mit den Hierarchien, würde also so wirken wie das göttliche Ich selber: Wie lange könnte ein solcher Mensch leben? Drei Jahre! Denn dann müsste etwas eintreten, dass das Weltenkarma diesen Leib zerstörte.

Das war ja da - war da, als ein menschlicher Organismus bei der Johannes-Taufe am Jordan stand, als das Ich des Jesus von Nazareth - von dem man wahrhaftig sagen kann, dass es so werden muss wie die Kindlein, damit es eintreten kann in die Reiche der Himmel -, als dieses alte Ich fortging, und als das höhere Ich sich hineinsenkte in die drei Leiber. Aber damit war die Notwendigkeit gegeben, da ein solches Ich nur drei Jahre leben kann, dass die gesamten Ereignisse so verlaufen mussten, dass nach drei Jahren dieses irdische Leben zu Ende war.

Da haben Sie den ganzen tiefen Zusammenhang zwischen dem, was der Führer ist im Menschen, was wie im Dämmerlichte in unsere Kindheit hereinscheint, was immer wirkt, wirkt unter der Oberfläche unseres Bewusstseins als das, was unser Bestes ist, und zwischen dem, was einmal hereintrat in die ganze Menschheitsevolution, sodass es drei Jahre in einer menschlichen Hülle bleiben konnte.

Was lehrte dieses Ich, das da zusammenhängt mit den geistigen Hierarchien, das in den Menschenleib des Jesus von Nazareth damals eintrat, dass sein Eintreten dargestellt wird symbolisch unter der Signatur des herabsteigenden Geistes in Gestalt der Taube mit den Worten: «Dies ist mein vielgeliebter Sohn, heute habe ich ihn gezeuget!» - denn so hießen die Worte ursprünglich -, das heißt hineinsenkt in einen menschlichen Leib den wahren Menschensohn, der sich sonst nur wie in einem schattenhaften Dämmerbilde in den ersten drei Kindheitsjahren zeigt?

Wenn wir dieses Bild vor uns hinstellen, haben wir zugleich das höchste menschliche Ideal vor uns hingestellt. Denn es heißt nichts anderes, als dass uns berichtet wird: In jedem Menschen ist erkennbar der Christus! - Und wenn keine Evangelien oder heilige Schriften sagen würden: Irgendeinmal habe ein Christus gelebt -, so würden wir durch unsere eigene Natur erkennen, dass der Christus in uns lebt. Selbst wenn alle Dokumente zugrunde gegangen wären und nichts von ihnen überliefert worden wäre, so würden wir doch erkennen, weil wir richtig dasjenige einschätzen, was in uns in den drei ersten Jahren unserer Kindheit lebt, dass der Christus da war. Wir brauchen keine Urkunden und Dokumente, denn der Christus ist zu erkennen aus den Naturgesetzen heraus.

Was erkennen wir aus den Naturgesetzen, wenn wir uns jetzt an das erinnern, was der Christus dann auch gesagt hat: Ich will für euch Menschen ein solches Ideal sein, das da im Geiste euch erfüllen lässt, was ihr sonst im Leiblichen erfüllt. - Was erfüllen wir in den drei ersten Jahren unseres Lebens im Leiblichen? Wir lernen gehen, physisch gehen aus dem Geiste heraus; das heißt, der Mensch weist sich seinen Weg aus dem Geiste heraus. Wir lernen sprechen, das heißt, die Wahrheit prägen aus dem Geiste heraus - oder mit anderen Worten: Der Mensch entwickelt das Wesen der Wahrheit aus dem Laute heraus in den ersten drei Jahren seines Lebens. Und das Leben, das der Mensch auf der Erde als Ich-Wesen lebt, das bekommt sein Lebensorgan durch das, was sich in den ersten drei Jahren der Kindheit ausbildet. So also lernen wir leiblich, ganz physisch mit unseren Beinen gehen. Den «Weg» lernen wir, lernen die «Wahrheit» und lernen das «Leben» in dem Geiste leben. Keine bessere Interpretation des Wortes «Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein, könnt ihr nicht in die Reiche der Himmel kommen» könnte es geben. Kein tieferes Wort konnte die Ich-Wesenheit des Christus prägen - jenes selbe Ich, das drei Jahre im Leben weilte als: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!»

Solche Worte, die da gesprochen werden wie [durch die] Türen der Ewigkeit herein, aus dem Geiste herein, zu der Menschheit, um die Menschen zu ermahnen über das, was wirklich ist, und wie sie ihr Leben als Menschen leben sollen, sie stellen uns die ganze Menschheitsevolution vor die Seele hin. Und wenn wir die Art und Weise jener geistigen Führung, die wir empfinden können, wenn wir in Wahrheit an den Christus denken, auch empfinden wollen, so brauchen nur unsere Gedanken hinzuschweifen zu der grandiosen, majestätischen Tatsache - denn das ist sie! -, dass durch das kindliche Ich die Arbeit der Hierarchien hereinwirkt, um uns gehen, sprechen und denken zu lehren, das heißt ein Ziel uns zu geben, die Wahrheit durch uns strömen zu lassen und uns das Leben in der richtigen Art zu weisen. Wir können die Größe dieser Tatsache messen an dem, was das Christus-Ideal aus uns macht, wenn wir ihm nachleben. Dann donnern herein die Worte, die aus der Ewigkeit selbst hereinbeben, aus der Ewigkeitsbestimmung des Menschenseins in unser ganzes Fühlen: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!» Dann fühlen wir, dass es unberechtigt ist zu fragen: Warum treten wir, wenn wir schon so viele Inkarnationen durchgemacht haben, immer wieder als Kinder in das Dasein? Denn wir wissen, es ist diese Unvollkommenheit eine immerwährende Erinnerung an das Höchste, was in uns lebt. Und wir können nicht oft genug — wenigstens jedes Mal am Eingange eines jeden Lebens - an diese große Tatsache erinnert werden.

Es ist nicht gut, wenn man in der Geisteswissenschaft oder Theosophie oder überhaupt im Okkultismus viel definiert, viel in Begriffen redet. Besser ist es, wenn man charakterisiert und eine Empfindung hervorzurufen versucht von dem, was ist. Deshalb versuchte ich heute, eine Empfindung hervorzurufen von dem, was ist, was ist in den ersten drei Jahren unseres Lebens, eines jeden menschlichen Lebens, und was herauskommt, wenn wir uns das Leben beleuchten lassen von jenem Lichte, das ausstrahlt von dem Lichte des Kreuzes auf Golgatha. Denn dann erhalten wir eine Empfindung, ein Gefühl davon, wie ein Impuls durch die menschliche Evolution geht, von dem man mit Recht sagen kann, dass das paulinische Wort «Nicht ich, sondern der Christus in mir!» Wahrheit werden muss. Braucht man dazu auf irgendeine «positive» Urkunde zu schwören? Braucht man irgendein äußeres Dokument, um zu dieser Christus-Kraft zu kommen? Nein! Man braucht nur zu wissen, was der Mensch in Wahrheit ist. Daher ist nichts «positiv» Christliches in dieser Christus-Idee, wie sie die Theosophie hinstellt.

Wenn man aber durch die wahre Menschheitsbetrachtung zu dieser Christus-Idee gekommen ist und weiß: Willst du den Christus entdecken, so entdeckst du ihn am besten in dir selber -, und wenn man dann zurückgeht zu den biblischen Urkunden, dann gewinnt für einen solchen Menschen die Bibel wieder ihren großen Wert. Und es gibt keinen größeren, aber auch bewussteren Schätzer der Bibel als einen Menschen, der das gefunden hat. Das ist es aber auch, was wir darin sehen.

Und wenn jemand gar nichts wüsste von der Bibel und würde über den Menschen in dieser entsprechenden Weise nachsinnen, so würde die Christus-Idee in ihm leben. Ganz sicher! Und es wäre denkbar, dass Wesen, wie sie jetzt den Mars bewohnen, dass ein Wesen herunterkäme auf die Erde, das nie etwas gehört hat von dem Christus und seinem Wirken. Vieles, was sich hier auf der Erde abgespielt hat, würde ein solcher Marsbewohner nicht verstehen; vieles, was die Menschen heute interessiert, würde ihn nicht interessieren. Aber das würde ihn interessieren, was der Mittelpunktimpuls der Erdenevolution ist: die Christus-Idee, wie sie die Wesenheit des Menschen selber ausdrückt! - Wer das begriffen hat, der begreift jetzt erst recht die Bibel; denn er findet, was in der Bibel steht, in den einzelnen Evangelien in einer wunderbaren Weise ausgedrückt, und er sagt sich dann: Ich brauche gar nicht erzogen zu sein zu einer besonderen Schätzung der Evangelien, sondern trete als ein vollbewusster Mensch vor die Evangelien und durch das, was ich durch die Theosophie erkannt habe, erscheinen sie mir in ihrer ganzen Größe.

Ich glaube, es wird eine Zeit kommen, wo man sagen wird: Die, welche durch die Theosophie gelernt haben den Inhalt der Evangelien in richtiger Weise zu schätzen, die wissen den Inhalt der Evangelien so zu würdigen, dass sie ihn höher stellen, als irgendein Papst oder Kirchenvater ihn jemals gestellt hat - trotzdem diese ihn sehr hoch gestellt haben. Die Menschheit wird erst lernen durch die Erkenntnis des Wesens des Menschen, was in diesen tiefen Urkunden ruht. Was wird man aber dann erkennen? Das ist auch wieder leicht, durch ein bloßes Nachsinnen zu finden. Man wird sich sagen: Wenn wir das Wesen des Menschen finden in den Evangelien, so muss es durch die hineingekommen sein, die sie auf der Erde geschrieben haben, sodass für diese besonders gelten muss, was wir bei einem demütigen Nachdenken - je älter wir werden, desto mehr - sagen müssen: Wir haben so manches gemacht, wodurch wir über uns hinausgerückt sind, wo sich der höhere Mensch angekündigt hat. Und nur aus dem Hereinragen des höheren Menschen haben die, welche die Evangelien schrieben, diese Urkunden schreiben können! Da bekommt der Inspirationsbegriff wieder seine gute Bedeutung. Wie in das Gehirn in den ersten drei Jahren der Kindheit höhere Kräfte hineinarbeiten, so wurden hineingeprägt in die Seelen der Evangelienschreiber aus den geistigen Welten Kräfte, dass die Evangelien geschrieben wurden. - Jetzt spüren wir noch etwas anderes als eine Führung. Eine Menschheit muss wahrhaftig geführt werden, wenn sie zustande bringt, dass die, welche die Feder führten, als die Evangelien zustande kamen, nicht auf derselben Stufe standen mit dem, was sic hervorgebracht haben - und was verständlicher werden wird, je weiter die Menschheit vorschreitet. Da lernen wir fühlen: In dem, was im Laufe der Zeiten hervorgebracht ist, walten Impulse aus der geistigen Welt; und wie der Mensch in sich fühlt eine Führung, so walten in der ganzen Menschheitsentwicklung Impulse einer geistigen Führung. Und wenn die Menschen hineingestellt werden in eine geistige Führung, so geschieht das Beste, was sie tun können, eben unter einer geistigen Führung.

Was wird nun jemand sagen, der einige Schüler gefunden hat, einige Leute, die sich zu ihm bekennen, und wenn er das auf sich wirken lässt, was wir jetzt hervorgehoben haben? Nehmen wir an, er findet Bekenner, Schüler in der Welt, die auf ihn hören, ihn vielleicht bis zu einem gewissen Grade verehren. Wenn er nun nicht ein Mensch ist, wie es in einem materialistischen Zeitalter viele gibt, sondern ein Mensch, der alles das in seiner majestätischen Größe durch sein Herz ziehen lassen kann, so wird er sagen: Ich habe gefunden, was ich aber keinem Schüler geben kann, was ich nicht durch das gewöhnliche Ich weitergeben kann, das da mit diesen Schülern herumgeht. Ich weiß eigentlich nicht so recht in diesem Momente das zu sagen, was der Bekenner finden kann. Ich fühle, dass etwas ganz Unbestimmtes, etwas ganz Unbewusstes in mir Größtes wirkt! - So wird etwa ein solcher Mensch sagen. Er wird sich so fühlen, wie er als ganzer Mensch ein Werkzeug wäre einer höheren Individualität, die aus dumpfer Dämmerung hereinleuchtet, sodass der Gedanke nahetritt: Als ich Kind war, habe ich alles an mir gemacht, was aus der geistigen Welt hereinwirkt; und das, was ich jetzt als mein Bestes tun kann, wirkt auch aus höheren Welten herein; ich darf es mit meinem gewöhnlichen Bewusstsein gar nicht anrühren! - Ja, er darf sagen: Etwas Dämonisches, etwas wie ein Dämon - aber das Wort «Dämon» im besten Sinne genommen - das wirke herein.

So etwas empfand Sokrates, von dem Platon erzählt, dass er von seinem «Dämon» sprach, von dem, was ihn lenkt und leitet. Viel hat man versucht, um diesen «Dämon» des Sokrates zu erklären. Aber man kann es nur erklären, wenn man sich dem Gedanken hingeben kann, dass Sokrates so etwas empfinden konnte, wie es hervorgeht aus einer Betrachtung, wie wir sie heute gepflogen haben. Dann können wir auch wieder begreifen, dass durch die drei bis vier Jahrhunderte, da das sokratische Prinzip in Griechenland gewirkt hat, eine solche Stimmung, die durch Sokrates in die griechische Welt hereintrat, vorbereitend wirken konnte für ein anderes großes Ereignis. Die Stimmung, dass der Mensch nicht so, wie er dasteht, dasjenige ganz ist, was aus höheren Welten hereinragt — diese Stimmung ging fort.

Die Besten, bei denen diese Stimmung blieb, sind die gewesen, welche später auch am besten das Wort verstanden: «Nicht ich, sondern der Christus in mir!» - Denn jetzt konnten sie sich sagen: Sokrates hat noch wie von einem dämonisch Hereinwirkenden, aus der Dämmerwelt des geistig Hereinwirkenden gesprochen; durch das Christus-Ideal wird uns klargemacht, wovon Sokrates noch selber gesprochen hat.

Da fühlen wir wieder etwas von geistiger Führung der Menschheit: Nichts kann in die Welt hineingestellt werden ohne Vorbereitung. Warum hat Paulus gerade die besten Anhänger in Griechenland gefunden? Weil dort durch den Sokratismus der Boden vorbereitet war durch die Stimmung, die wir jetzt charakterisiert haben. Das heißt: Was jetzt geschieht, führt uns zurück zu Ereignissen, die früher dort gewirkt haben und die Menschen reif gemacht haben, um das Spätere auf sich wirken zu lassen. Fühlen wir da nicht, wie weit der Impuls reicht, der durch die menschliche Evolution geht und im rechten Moment die richtigen Menschen dort hinstellt, wo sie für die Evolution gebraucht werden, der uns aber auch in manchem Lebensmomente über uns selbst hinaushebt, wo wir zu einer wahren Selbsterkenntnis kommen, wo wir uns anzustrengen versuchen, um über den gewöhnlichen Menschen hinaus zum Schauen von höheren Welten zu kommen, zu Kräften zu kommen, die der gewöhnliche Mensch nicht hat. Im gewöhnlichen Leben machen wir uns oft krank und so weiter. In uns sind die Kräfte, die uns töricht und krank und unklug machen; in uns sind die Kräfte, welche uns über uns selbst in der Welt hinausführen. So walten die Kräfte, die im geschichtlichen Werden walten, die in der einzelnen Individualität walten. So im Walten der ganzen Menschheit - so in der einzelnen Individualität. Lernen wir das fühlen. Fühlen wir das, was als Kraft und Impuls von Epoche zu Epoche, aber auch von Lebensalter zu Lebensalter durch die Menschen geht.

Das im Genaueren zu zeigen, wie es in das Leben des einzelnen Menschen - in die verschiedensten Verhältnisse eingreift -, soll die Aufgabe der nächsten beiden Vorträge sein.

German original of The Spiritual Guidance of Man and Humanity II · ← Previous · Next →