Supplements to Member Lectures

GA 246 — 22 August 1911, Munich

Matinee-Vortrag Zur Ausstellung Von Bildern Von Maria Strakosch-Giesler

Meine lieben theosophischen Freunde!

Dann möchte ich heute nur noch ein paar Worte an Sie richten! Diese außer dem eigentlichen Zyklus liegenden Unterhaltungen, wie die heute Vormittag [eine] ist, sie geben uns ja insbesondere bei solchen Vortragszyklen wie dem gegenwärtigen Gelegenheit sozusagen für mich selbst, in noch etwas anderer Weise zu Ihnen zu sprechen als im Zyklus. Im Laufe unserer theosophischen Arbeiten sind wir ja nach und nach dazu gekommen, dass gewissermaßen intimere und höhere Gebiete in der Geisteswissenschaft in unseren Vortragszyklen behandelt werden müssen, und solchen Gebieten gegenüber wie das gegenwärtige über «Weltenwunder, Seelenprüfungen und Geistesoffenbarungen» ist es notwendig, dass sozusagen da ein jedes Wort, das gesprochen wird, in der allergenauesten Weise daraufhin geprüft wird, ob es auch verantwortet werden kann gegenüber den Quellen unserer Geisteswissenschaft, jenen Quellen, die wir da nennen die Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen. Denn nur unter solchen Voraussetzungen kann das, was zu sagen ist, allmählich verlieren das Persönliche, das mehr individuelle Moment. Solch eine Matinee mag Veranlassung geben, auch etwas von diesem Individuellen, das auch einfließen soll in unser theosophisches Leben, von dem - da die Vorträge das Allgemeinere bringen - speziell Menschlicheren etwas zu sagen und zu behandeln. Und da möchte ich zunächst einmal den Blick lenken, meine lieben theosophischen Freunde, auf die Bilder, die sie von unserem lieben Mitgliede, Frau Strakosch, in dem einen unserer Vortragsräume hier finden. Ich möchte schon aus dem Grunde Ihre Blicke zu diesen Bildern lenken, weil ganz gewiss beabsichtigt werden muss im Laufe der Zeit, immer mehr und mehr das Künstlerische - und auch die sonstigen Lebenselemente allen Lebens mit anderen Worten - von der Geisteswissenschaft zu durchdringen. In all diesem Streben - das durfte ich ja schon beim ersten Vortrag sagen -, muss man sich wohl bewusst sein, dass wir heute mit allen derartigen Unternehmungen selbstverständlich im Anfang stehen, und dass die Sicherheit und Richtigkeit des Wollens das ist, worauf es ankommt, nicht etwa, wie man das mit den Worten sagen kann, die sich gemeiniglich in den Satz kleiden, wenn jemand sagt, wenn irgendjemand etwas getan hat, was er nicht gewollt hat: Ich habe das Beste gewollt. - Nicht so ist das Wollen gemeint, sondern so, dass dieses Wollen wahrhaft in sich schließen will die Sicherheit, die die Keime abgeben kann für etwas viel Erweiterteres, was da in Zukunft geschehen kann. Ich sage das natürlich aus dem Grunde, weil mir ja bekannt ist, dass von mancherlei Standpunkten aus gegen derartige künstlerische Bestrebungen, auf welche ich gerade jetzt Ihre Blicke lenken möchte, mancherlei eingewendet werden kann. Allein, wir müssen uns schon einmal durch die Theosophie gewöhnen, dass im Aufgang eines Geisteslebens einer Epoche gerade das eben gesehen werden muss, was die Keime einer zukünftigen Entwicklung in sich trägt; denn es ist ja so, wie es in der «Prüfung der Seele» an einer Stelle gesagt wird, in gewisser Beziehung ist es so in allen Zeiten, dass sich die entsprechenden Elemente in der Welt entwickeln und absterben und absterbend schon das Neue in sich werden sehen. Dem Menschen obliegt es dann, dieses Neuwerdende zu verstehen.

Wenn wir die künstlerische Entwicklung der Menschheit betrachten, dann darf ihr gegenüber vielleicht schon jetzt an diesem Orte an ein herrliches Wort Schillers erinnert werden, das oftmals im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts in Deutschland zitiert worden ist. Jetzt ist dieses Zitat allerdings viel seltener geworden, weil jetzt überhaupt der Glaube und die Erinnerung an jenen Idealismus, dem Schiller und Goethe zustrebten, mehr oder weniger schon seit Jahrzehnten im Schwinden ist. Dieses Wort, das prägnant ausdrückt etwas ungeheuer Bedeutungsvolles für die Kunstentwicklung, das heißt: In der Besiegung des Stoffes durch die Form liegt das wahre Kunstgeheimnis des Meisters. - Und man kann heute draußen in der Welt sehen, wie alle Bedingungen zum Verständnis eines solchen Wortes eigentlich fehlen. Sprechen wir heute einmal da oder dort von diesem oder jenem malerischen Kunstwerk, wie leicht taucht da die Frage auf: Ist denn das, was da dargestellt wird, auch wirklich gut und ähnlich dargestellt? - Das würde im Sinne des Schiller’sehen Wortes heißen: Ist dem Stoff, der verkörpert werden soll im Kunstwerk, möglichst stark gehuldigt? Hat der Stoff möglichst stark den Künstler überwältigt? - Schiller aber sagt: In der Besiegung des Stoffes durch die Form liegt das wahre Kunstgeheimnis des Meisters.

Nun, möchte man sagen, hat es ja eigentlich die Kunst gut, da ihr eigentliches Geheimnis in der Welt nie verloren gehen kann. Denn in einer Kunst wird es niemals eine sklavische Verarbeitung des Stoffes bloß geben können - unser heutiger Naturalismus würde ganz gewiss diese sklavische Verarbeitung des Stoffes vornehmen, wenn gerade in dieser Kunst es ginge; nur geht es da nicht -, das ist die Musik. Und man möchte sagen: Gott sei Dank, dass die heutigen Menschen die Quellen nicht singen oder nicht tönen hören in Rhythmen wie die Menschen in alten Zeiten; denn sie würden sklavisch einfach das, was sie stofflich äußerlich wahrnehmen, nachahmen, wie sie es in anderen Künsten so gerne tun; sie würden gar nicht sich bestreben, zu besiegen durch die Form den Stoff. Dasjenige, meine lieben theosophischen Freunde, was bei der musikalischen Kunst gerade eben unmöglich ist, das ist aber in einer gewissen Beziehung ein Grundelement aller sonstigen Kunst. In der Nachbildung dessen, was uns äußerlich stofflich umgibt, kann im Grunde genommen niemals die Mission und Aufgabe der Kunst bestehen. Deshalb wurden im Rosenkreuzer-Mysterium durch die eine Persönlichkeit des Vorspiels die Worte gesprochen, dass die unvollkommenste Ausgestaltung dessen, was noch nicht in der Natur vorhanden ist, im Grunde genommen in gewisser Weise höher steht als die vollkommenste Nachbildung dessen, was durch göttlich-geistige Wesenheiten schon für den Menschen durch die Natur in die Welt hereingestellt ist. Der Mensch hat ja in der Kunst gewissermaßen, wenn er wirklich künstlerisch empfindet, den Impuls, zurückzugehen zu einem Elemente, das man nicht anders bezeichnen kann[, als mit den Worten:] Der Mensch durchdringt sich in der Kunst mit derselben schöpferischen, produktiven Kraft, von der auch durchdrungen waren die göttlich-geistigen Wesenheiten, als sie selber hereingestellt haben in unsere Welt das Naturwirken. Das Hinwenden des Auges, das Hinwenden der Sinne auf das, was da ist, was geworden ist durch die Produktivität der göttlich-geistigen Wesenheiten, das kann eine wahre Kunst im wahren Sinn des Wortes nicht geben. Wenn aber der Mensch selbst unterzutauchen vermag in die ursprüngliche produktive Kraft, die den Göttern zu eigen war, als sie hervorgehen ließen das, was uns in der Natur umgibt, da findet der Mensch auch in sich selber etwas Ähnliches wie die Götter als das Produktive in sich empfunden haben.

Da finden wir gleich eines: Wir schauen heute in der Welt herum, finden die einzelnen Oberflächen der Gegenstände, ihre Farben sprechen zu uns. Durch die Geisteswissenschaft hören wir, dass Materie schon auf ihrer allernächsten Stufe eine Maja, Illusion ist und dass in Wahrheit Materie, wie sie sich draußen im Raume ausbreitet, verdichtetes Licht ist. Sodass wir voraussetzen müssen, dass die Götter, die ursprünglich von ihrer produktiven Kraft durchdrungen waren, die elementare Kraft des Lichtes, die durch die Raumesweiten sprüht, in sich verdichteten. Selbst die dichtesten Stoffe draußen sind nicht das, wovon die Physiker und Chemiker reden, sondern sind verdichtetes, in sich konsolidiertes Licht. Und der Boden, auf den wir treten - und mag er noch so fester Stoff sein -, ist aus den Elementen der Welt verdichtet, von den Göttern verfestigt. In der deutschen Sprache haben wir ein gutes Wort, dessen Lautanklänge nur leider heute schon aus unkünstlerischem Sinn vergessen sind, und das ist das naheliegende Wort «dichten» und «Dichtung». Und nicht umsonst sagt man: Es wird gedichtet. Wenn gedichtet wird, wenn Poesie getrieben wird, dann geschieht in der Tat das durch unsere Seelenkräfte, was die Götter draußen in der Welt bildeten, indem sie aus Licht dichteten und härteten materielle Stofflichkeiten und den festen Boden unter unseren Füßen. Und man muss solche Worte wiederum erst wieder heraufholen aus dem Sprachschatz, die innig verwandt sind mit Worten, die unter uns existieren. Die Sprache hat durch ihren großen, gewaltigen Genius das Wort «dichten» uns brauchen lassen, weil es wirklich so etwas für die Seele bedeutet, wie es zum Beispiel bedeutet, wenn das Wort «dichten» gebraucht wird im zweiten Rosenkreuzer-Mysterium, wo es heißt, dass die Weltengeister aus Licht die Natur draußen dichteten. So etwas müssen wir fühlen, wenn der musikalische Künstler in sich walten lässt die Welt der Töne, jene Welt der Töne, in welcher er nicht unmittelbar die Außenwelt nachahmen kann, sondern wo er sich üben muss, ganz im waltenden Götterelement in der eigenen Seele, damit sich Ton zu Ton fügt. Wie so die Töne wirken in dem musikalischen Künstler, so können auch die Farben wirken in dem malerischen Künstler, und es ist eine malerische Kunst denkbar, die in den ersten Elementen versucht nachzubilden jene schöpferische Tätigkeit, die wir uns nur vorstellen können, indem wir lernen zu denken, wie aus dem Licht heraus kristallisiert und härtet die Götterwelt unsere materielle Welt. Lesen Sie die Worte, die Ahriman in dem Mysterium sagt; da werden Sie in einem solchen Ausdruck wie «in dichtem Licht» oder «ich härte festen Boden» gerade die Hinweise auf das finden, worin Ahriman auf seine Art der Helfer der höheren geistigen Mächte ist. Gerade an solchen Stellen, wo von «dichtem Licht» oder «von den Härten des Bodens» gesprochen ist, sollen Sie sich nicht vorstellen, dass da irgendein Verlegenheitswort gesagt ist, sondern es ist gesagt, dass man auf Weltengeheimnisse deutet und dass man nicht zu weit geht, wenn man solche Worte in möglichst buchstäblicher Art ausdeutet. Man muss suchen Lautanklänge und [man muss suchen, die fast zugrunde gegangenen Verwandtschaften in unserer Sprache wieder hervorzuholen, die Sprache wieder zu etwas anderem werden zu lassen, als sie heute vielfach ist. Dann aber muss in uns das Gefühl entstehen, dass auch in den Lauten der Sprache etwas Ähnliches ist wie Farbenwirkungen, wie Tonwirkungen und dass wir verstehen müssen, die Sprache in viel freierer Weise zu handhaben als in jener sklavischen Art, wie sie sich heute gewöhnlich an die realistischen Empfindungen der Menschen anlehnt. Deshalb streben wir immer mehr und mehr dahin und müssen glücklich sein, in Fräulein von Eckardtstein eine verständnisvolle Helferin gefunden zu haben, dass unsere Bühnenbilder so aussehen, wo auch unsere Maler uns durchaus verständnisvoll folgen, dass die Bühnenbilder so aussehen, dass nicht Rücksicht genommen wird auf die Frage: Was steht dem einen oder anderen gut? Was passt zu dem oder jenem Gesicht? Was hat der oder jener gern? Sondern dass das ganze Bühnenbild in seinen Farben und Formen etwas zum Ausdruck bringt, durch das man gleichsam hindurchblicken und mit Seelenruhe so etwas genießen kann wie Strader, als er vor dem Bilde des Capesius sitzt, [und fühlt], dass nur dann ein wahres Kunstwerk vor uns steht, wenn alles Stoffliche besiegt wird. - In der Besiegung des Stoffes durch die Form lebt das wahre Kunstgeheimnis des Meisters! - Daher sollte jedes Kunstwerk in uns hervorrufen das Gefühl eigentlich: Wenn ich vor diesem Kunstwerk stehe und es anschaue, da löst sich der Stoff auf, wird nebelhaft, löst sich auf, zerstiebt, und an seine Stelle tritt eine magische Geistwirkung. Wenn so das Kunstwerk zerstiebend sich vor uns auflöst, da erfüllt es die Schiller’sehen Worte: In der Besiegung des Stoffes durch die Form liegt das wahre Kunstgeheimnis des Meisters. - Und Form ist ein anspruchsloses Wort für Geist. In der Besiegung des Stoffes durch den Geist liegt das wahre Kunstgeheimnis des Meisters!

Aus der Natur der Farbe selbst heraus sucht nun unsere Freundin, Frau Strakosch, etwas zu schaffen, was Sie natürlich nicht in der physischen Welt da und dort finden können, sodass wir sagen müssen: Wir sollen hingeleitet werden durch diese Bilder, die wir nun so oder so finden mögen, auf die Möglichkeiten der malerischen Kunst, [auf] die Farben, die ja Sehnsucht tragen, von der menschlichen Seele aufgenommen zu werden und in ihr bewusst zu werden, die Farben schöpferisch in uns selber so gestalten zu lassen, wie die eine oder die andere sich hinstellen zu Einklang oder Missklang; die schöpferischen Farbengluten, die auch nach dem [Astralplan] im Devachan den Menschen durchdringen, wo sie sich noch so darstellen, wie sie die schöpferischen Kräfte der Wesenheiten sind, sie sollen eindringen in die Seele, sollen so zusammenklingen wie die Töne der Musik. Dann stellen sie vor uns etwas malerisch hin, wie wir es draußen nicht finden können.

Einem solchen Wollen stellt sich in der Tat heute das schwerste Hindernis entgegen, und es ist fast gar noch nicht möglich, heute irgend bedeutungsvoll so zu schaffen, dass es schon eine Vorstellung geben kann von dem, was eigentlich werden soll auf dieser Bahn. Ein Verständnis aber können wir uns erringen auf theosophischem Boden, was werden soll - sage ich. Da muss allerdings ein Punkt berührt werden, der ja von mir schon öfters berührt worden ist in Bezug auf anderes. Auch auf diesem Gebiet sehen wir, dass jener Strömung nach der Spiritualität, die eben gekennzeichnet worden ist, in der hartnäckigsten Weise entgegenarbeitet das, was sich das praktische Leben nennt und was in Wirklichkeit das Unpraktischste ist. Die Praktiker gehen draußen herum, reden von der Lebenspraxis, reden davon, dass sie die eigentlichen Praktiker seien, betrachten die anderen als Phantasten, als unpraktische Leute, die gar nichts im Leben vermögen. Wodurch darf denn heute noch und kann die äußere Lebenspraxis als praktisch gelten? Durch die Gedankenlosigkeit, die nicht darüber nachdenkt, wie die Dinge sein müssen! Man sche nur, wie unpraktisch jeder Hut, jeder Rock, jeder Tisch ist, der uns von der brutalen Praxis gegeben ist! Und nur, weil man hinnimmt das unpraktischste, unsinnigste Zeug, dem man die Lebensgewohnheiten anpasst, weil man gedankenlos der Lebenspraxis, die das Unpraktisch[st]e geworden ist, das man denken kann, das Träumerischste geworden ist, nur weil man gedankenlos dem gegenübersteht, kann das heute noch Geltung haben auch bei denjenigen, die schon besser zu sehen vermögen, was die unpraktischen Leute ausdenken. Und auch einen Tisch zu machen wird jeder besser können als der sogenannte Praktiker von heute, der wirklich unpraktisch ist. Aber wir stehen dieser Welt gegenüber, wir brauchen ihre Sachen. Und wie wir sie gebrauchen müssen, das tritt uns dann ganz bedeutsam entgegen, wenn wir die Feinheit der Kunst, das, was gewollt werden muss auf dem Boden des Geisteslebens, wenn wir das unmittelbar sich berühren sehen mit dem, was uns die Praxis gibt. Und deshalb ist es schwierig und bieten sich solche Hemmnisse für den, der so etwas will, wie ich es angedeutet habe zum Beispiel in der Malerei. Da werden uns die völlig unbrauchbaren Farben geboten. Der Maler muss sie sich von den Fabrikanten fabrizieren lassen. Mit diesen Farben aber ist überhaupt nichts anzufangen, diese Farben nehmen sich gegenüber der wirklichen Farbenwelt, wenn wir hineinschauen, wenn wir eine Ahnung haben von höheren Welten, aus wie die verkörperte Brutalität. Und wenn wir versuchen, nebeneinander zu stellen die Farben - sagen wir — der menschlichen Haut und die des gemalten menschlichen Körpers, dann ist die Ausführung schon durch die äußere Farbentechnik fast ein Hohn auf das, was man wollen kann.

Daher wird es für eine solche Kunst, wie sie Ihnen jetzt in der Tendenz angedeutet worden ist, vor allen Dingen notwendig werden, dass eine Emanzipation geschieht, die Emanzipation in der Kunst von der Fabrikation der Farben. Der Maler muss sich selber seine Farben machen. Die malerische Kunst muss beginnen damit, dass der Maler sich seine Farben selber machen kann, dass er sich nicht angewiesen fühlt auch auf das Elementarste, was ihm von der materialistischen Außenwelt geboten wird. Sie wissen, dass dieses Ideal von den alten Malern erfüllt ist. So wird das, was als ein anfängliches Wollen Ihnen angedeutet worden ist, erstehen, wenn die Maler lernen werden, wenn auch die anderen Künstler lernen werden, sich zu emanzipieren von der materialistischen Welt. Man empfindet es heute als den tiefsten Schmerz gegenüber dem, was aus der Farbenbereitung heraus geschehen könnte, wenn man sehen muss, dass auch solche, welche derartige Kunstwerke schaffen wollen, wie wir sie in dem Vorsaal aufgehängt sehen, in irgendeine Farbenhandlung gehen und sich dort die Farben kaufen müssen. Mit solchen Farben, die nicht die Einsicht in die Tatsache, nicht die wahre Praxis, sondern die phantastische Unpraxis herausstellt, lässt sich überhaupt in wahrer Licht- und Farbenkunst nichts anfangen. Sie sehen also, meine lieben theosophischen Freunde, dass wir in der Tat, wenn wir den Blick hinwenden auf das, was als Anfängliches uns entgegentritt und was herausgeboren sein will aus theosophischem Geist, der die wahre Lebenspraxis der Zukunft ist, viel lernen können über unsere Zeit, dass wir allerdings nur dann viel lernen können, wenn wir diese Theosophie wirklich in unser Leben überführen. Es möchte vielleicht bequemer sein, alles das, was wir für unsere Bühnenbilder brauchen, einfach von Handwerkern machen zu lassen; aber es würde so unpraktisch als möglich ausfallen. Nur von Theosophen kann es so ausfallen, dass man nach und nach eine Vorstellung bekommen kann, was eigentlich das von der Theosophie durchglühte Wollen auf künstlerischem Gebiete ist.

Deshalb bitte ich Sie, mit den Augen des Theosophen die Bilder draußen anzusehen, so anzusehen, dass bei ihrer Herstellung allerdings noch gebraucht werden mussten die Farben, die man kauft, und dass das, was so schön darinnen gewollt ist, der Anfang ist zu einer künstlerischen Betätigung, die anfangen wird müssen, die Farben sich aus den Urbestandteilen der Natur heraus selbst zu bilden. Malerische Kunst muss anfangen bei der Farbenmischung, muss fühlen, wie die eine Farbe in die andere rinnt, wie das Pigmenthafte nachbilden kann das Transparente der wirklichen Farbe. Das kann man nur, wenn man sich die Farben selber macht. Da wird man sehen, wie wenig Farben man braucht, um alle möglichen Nuancen hervorzurufen. Es ist schon etwas Barbarisches, wenn man heute mit einer ganz großen Anzahl von Farben auf der Palette wirtschaftet. Wenn ein Maler seine Kunst anfangen würde beim Mischen seiner Farben, dann würde er in anderer Weise das Ineinanderwirken der Farben aus den wenigen Grundfarben, die er braucht, zustande bringen können; dann aber wird auch erst etwas vor unser Auge hingezaubert werden können, was ein Nachklang dessen ist, was die Götter schaffen in der Natur. Deshalb wird auch der Stoff durch die Form erst besiegt werden können, wenn bis in die Porträtkunst herein so etwas geltend gemacht wird. Es haben die malenden Künstler es nicht so leicht wie die anderen. Die anderen Künstler wenden die Mittel an, die in gewisser Weise draußen vorhanden sind, aber gerade da liegt die Versuchung, diese äußeren Mittel nachzuahmen, während sie für den wirklichen Künstler nichts anderes sind als ein Mittel, um sich zu befreien von der Nachahmung von der Natur. Dann wird man, wenn man lernen wird, wirklich in der Natur des Pigmenthaften die Natur des Transparenten in der Farbe wiederzuerkennen, dann wird man entdecken etwas, was von einer ganz tiefen, in die künstlerischen Geheimnisse hineingehenden Wichtigkeit ist.

Es gibt eine Farbennuance in der Natur unter den Naturwundern, welche auf eine geheimnisvolle, mysteriöse Art in sich hineingeheimnisst hat alle übrigen Farbennuancen des einen geistigen Farbenpols. Und diese Farbe ist die Farbe des menschlichen Leibes. Man wird das Geheimnis dieser Farbennuance erst wiederum entdecken, wenn solch ein Ideal erfüllt werden kann, wie es heute erwähnt worden ist. Denn derjenige, der eine Ahnung hat von diesen Dingen — nicht für den Verstand, sondern für das künstlerische Empfinden -, der findet heute auf der weitaus größten Anzahl der Porträts - will ich aus Höflichkeit sagen -, dass die Menschen gar nicht wie Menschen ausschauen in einer Farbe, wie sie der menschliche Leib wirklich hat, sondern wie wenn man eine Holzfigur angestrichen hätte. Unter diesen Fleischfarben der Haut ist nicht Menschenfleisch, [sondern] ist Holz oder irgendeine andere Substanz, wovon ein nicht gehöriger Ausdruck das ist, was sich zuletzt darstellen will als wirkliche Farbe der menschlichen Wesenheit. Will man so etwas verstehen, dann muss man sich hineinvertiefen in das Geheimnis der Farbenwirkung, in jenes Geheimnis, das versuchen muss, zuerst die rein transparent in den höheren Welten festzuhaltende Farbe in sich erkennen zu lernen; dann das Geheimnis zu ergründen, wie Ahriman im dichten Lichte arbeitet, um das, was äußerlich vor uns hingestellt wird, in der [Pigmentfarbe] auch wirklich zu entdecken.

Um praktisch zu werden, ist vor allen Dingen notwendig die Emanzipation von dem, was man heute Praxis nennt, die Einsicht darin, dass das alles das Gegenteil von aller wirklichen Praxis ist und als Praxis nur bestehen kann, weil man es eben nicht durch seine Güte und Zweckmäßigkeit an den Mann bringen kann, sondern dadurch, dass es eben nichts anderes gibt und es einfach als praktisch definiert und den Leuten einredet, während derjenige, der die Tatsache empfinden kann, seine schwere Mühe hat, überhaupt noch an einem Tisch vorbeizukommen oder an einem zu sitzen, wie er uns heute geliefert wird. Wir müssen das eben mit Resignation ertragen.

Betrachten Sie in diesem Ihnen heute charakterisierten Sinne - Sie wissen, ich will nur charakterisieren - die Bilder, die dieses Mal vor Ihnen aufgehängt worden sind, als einen Anfang dazu, dass wir immer und immer mehr den Versuch machen wollen, zu zeigen, wie Theosophie sich einleben kann in alles wirkliche Leben. Die Theosophie muss, wenn sie sich einlebt in alles wirkliche Leben, allerdings Ursprungsgeheimnisse des Menschenwerdens wiederum an den Tag bringen, die verloren gegangen sind. Manche Unbequemlichkeit wird damit verbunden sein —- bequem wird es nicht sein, sich die Farben selber zu bereiten -, aber erst, wenn man dieses einsehen wird und es noch ausdehnen wird auf manches andere, dann wird man sehen, wie im praktischen Sinne Theosophie unser Leben durchdringen muss.

Sehen Sie mit solchen Augen das an, was zunächst in dieser Gegenwart nach einer Richtung hin, die in unserer Geisteswissenschaft liegt, versucht wird, und vertiefen Sie sich von diesem Gesichtspunkte aus in die Bilder, die wir, um unsere großen Ziele auch in dieser Beziehung anzudeuten, heute vor Ihren Augen ausgebreitet haben.

German original of Matinee Lecture on the Exhibition of Paintings by Maria Strakosch-Giesler · ← Previous · Next →