Supplements to Member Lectures

GA 246 — 27 February 1913, Heidelberg

Das Leben Zwischen dem Tode und Einer Neuen Geburt

Meine lieben Freunde!

Derjenige, der gewisse Tatsachen des übersinnlichen Lebens erkannt hat, kann nicht anders, als die Theosophie in unserem gegenwärtigen Geistesleben als etwas durchaus Notwendiges anzusehen.

Wenn der Scher Bekanntschaft macht mit jenen Menschenindividualitäten, die ihr Leben eben durchmachen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, dann kann er das Folgende erleben: Er kann da begegnen einer Persönlichkeit, die er im Leben vielleicht ganz gut gekannt hat, von der er gewusst hat, wie sie im Erdenleben drinnen stand, bevor sie durch die Pforte des Todes ging. Nun lernt er sie kennen, nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen ist. Da kann dann Folgendes erfahren werden: Jene Persönlichkeit, die hier nicht in der Lage war, im heutigen Sinne sich Gedanken über das Spirituelle, über das Reich des Geistes zu machen - und deren Freunde und Familienangehörige das ebenso wenig konnten -, diese Persönlichkeit klagt dann dem Scher etwa Folgendes: Da habe ich nun mit meiner Gattin viele Jahre aufs Innigste verbunden gelebt; sie war der Trost, die Stärke, das Beglückende meines Lebens. Ich fühle, dass wir zusammengehören. Nun ist es mir schrecklich, dass ich sie nicht mehr finden kann in der Welt, in der sie sich aufhält. Ich weiß, sie ist da, sie ist auf der Erde, aber ich kann sie nicht finden; sie ist mir entschwunden, ist für mich tot.

Wenn dann der Seher sieht, warum das so ist, dann kann er sich überzeugen, dass in der Tat ein großer Unterschied herrscht zwischen dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt und dem gegenwärtigen Leben und jenem Leben in dem Menschheitszyklus vor dem Mysterium von Golgatha. Damals war ja das ganze Leben der Seele in der Verkörperung noch anders. Für die Menschen verlief nicht das Leben im physischen Leibe in Tagwachen und Nachtschlafen; es gab einen Zwischenzustand zwischen Wachen und Schlafen. Da sahen die Menschen in die Sternenwelten, und sie sahen nicht nur Sterne, sondern damit verbundene geistige Wesenheiten. Dass Geistiges in der Welt lebt, das war noch zugänglich als Wahrnehmung der Menschenseele. Wenn dann ein Toter herunterschaute in die physische Welt, wo die verkörperten Seelen lebten, dann sah er den Inhalt ihrer Seelen. Er sah, was sie sich vorstellten über die geistige Welt. Und man konnte eben von oben - wenn ich so sagen darf - die verkörperten Seelen deshalb sehen, weil sie etwas wussten von der geistigen Welt. Wenn die Menschen in ihren Seelen Ideen und Begriffe tragen von geistigen Welten, dann werden sie gesehen von den Toten. Wenn wir in unserer Seele Ideen und Begriffe tragen von geistigen Welten, dann sehen uns die Toten. Wenn wir dies nicht tun, wenn wir solche Ideen und Begriffe nicht in unserer Seele tragen, dann sind wir für die Toten nur noch da in der Erinnerung.

Im Griechentum galt noch der Spruch: «Lieber ein Bettler in der Oberwelt als ein König im Reich der Schatten». - Gerade in diesem Ausspruch zeigt sich so klar, wie die Menschheit in der Fortentwicklung begriffen ist. Im Griechentum versank ja der Zusammenhang mit der geistigen Welt. Jetzt lebt sich das Menschengeschlecht in eine Zeit hinein, in welcher die Seelen hier auf Erden, wenn sie verkörpert sind, zum größten Teil nur angefüllt sein wollen mit dem, was die physische Welt an Anregung gibt. Und leer sind die Seelen in Bezug auf spirituelle Vorstellungen. Das soll kein Vorwurf sein, sondern eine Schilderung des wahren Tatbestandes. Das brauchen nicht nur schlechte oder unbelehrte Seelen zu sein, die nichts wissen wollen von geistigen Welten, weil ja doch heute die Seelen eben nicht mehr hineinschauen können in geistige Welten wie in alten Zeiten. Aber weil das so ist, dass die Seelen hier meistens leer sind an geistigen Vorstellungen, so bleiben sie auch unwahrnehmbar den Seelen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind.

Als Beispiel möchte ich anführen einen Mann, der für Menschenliebe und sogar für Tierliebe sehr viel tut, der aber trotz seiner gütigen Seele ganz materialistisch gesinnt ist und überall für Verbreitung der materialistischen Lehre arbeitet. Er hat zitiert in einem Vortrag einen Ausspruch, der charakteristisch ist für die heutige Zeit, als Beweis dafür, wie wenig die Seelen heute in sich selbst etwas tragen von dem Hineinblicken in die geistige Welt. Es ist Forel, der den Ausspruch tat:

Ach! Wenn der Herrgott mich bescheren würde,
Mir lassend noch hiezu die freie Wahl,
Nicht sucht’ ich [aus mir eitle hohe Würde, Nein!
Jauchzen tät mein Herz mit einem Mal:]
Gestatte mir zu bleiben auf der Erde,
Denn dieses Reich ist mir genügend gut.
Mich zieht nicht an die himmlische Gebärde,
Behalte sie für Deine Engelbrut.

Wir wollen nicht Theosophie treiben, meine lieben Freunde, um zu wissen, wir wollen Theosophie treiben um einer höheren Menschenliebe willen. Denn die Menschen entbehren gar vieles, rückblickend von der geistigen Welt nach dem Tode, wenn sie hier nur Seelen wissen, die für sie ausgelöscht sind. Wenn man so etwas erfährt, wie ich es eben geschildert habe, da überkommt einen der Gedanke von der Notwendigkeit einer gemeinschaftlichen Sprache für Lebende und Tote. Diese gemeinschaftliche Sprache, die nicht nur sozusagen den Ausdruck vernehmlich macht, sondern das Wesen, diese Sprache ist die Theosophie. Und was tun wir eigentlich, wenn wir Theosophie treiben? Nichts absolut Neues bringen wir an die Menschenseelen heran, denn diese Seelen sind ja durch frühere Erdenleben hindurchgegangen. Jetzt sind sie leer, aber das, was einmal in den Seelen war, das bleibt doch darin. Es ist mit dem, was die Seelen früher aufgenommen haben nur so wie mit vergessenen Vorstellungen. Die spirituelle Erkenntnis taucht tief unter in die Seele. Wenn wir Theosophie treiben, dann erinnern wir nur die Seelen an das, was sie vergessen haben, und erlösen so, was tief in dem Untergrund der Seele wurzelt. Wir tragen wieder in die Seelen hinein, was auch einstmals die Seelen sichtbar gemacht hat für die Toten. Dadurch werden die Abgründe überbrückt, die sich sonst für ein materialistisches Zeitalter auftun müssten zwischen den Lebenden und den Toten. Aus diesem Grunde erwächst dem Scher die Pflicht, die Wahrheiten der geistigen Welt der Mitwelt zu verkünden.

Wenn man dies hört, kann man einen Begriff bekommen von dem Ernst und der Würde der Theosophie. Hergenommen aus den Stimmen der Toten selbst ist das, was uns zur Theosophic anspornt. Damit hängt zusammen, dass wir den Abgrund zwischen den Lebenden und den Toten auch noch dadurch überbrücken können, dass wir durch das Durchdrungensein mit theosophischem Leben die Verbindung aufrechterhalten können durch das, was ich nennen möchte «das Vorlesen den Toten». Wir haben gute Früchte schon sehen können bei dieser Arbeit an den Toten.

Da sind Leute hingestorben, die an der Seite von Theosophen gelebt haben. Sie waren der Theosophie sehr abgeneigt, schimpften darüber, gerieten in Zorn, wenn man von Theosophie sprach. Aber in den Tiefen ihrer Seele wurzelten ganz andere Empfindungen als sich zeigten im gewöhnlichen Bewusstsein. Die Seelen hassten die Theosophie, weil der Freund sie liebte. Während sie wüteten über die Theosophie, erwachte gerade in ihnen eine unbewusste Sehnsucht nach Theosophie. Es ist so: Ein Mensch kann schimpfen und losziehen über die Theosophie und nichts anderes damit wollen, als sich betäuben, betäuben die Sehnsucht, die in ihm lebt, und die er nicht aufkommen lassen will. Der Tod aber macht alle Dinge wahr. Da taucht dann auf die Sehnsucht, die der Mensch betäubt hat. Da hat er dann den stärksten Trieb, von Theosophie etwas zu vernehmen. Und wir können ihm den größten Dienst erweisen, wenn wir uns hinsetzen, das Bild des Toten vor uns, und ihm leise vorlesen, ihn unterrichten. Man kann ihm auch seine eigenen Gedanken, die man in sich aufgenommen hat, zutragen, immer sich das Bild des Toten recht lebhaft vorstellend. Wir dürfen nicht geizen mit dieser Sache, dadurch überbrücken wir den Abgrund, der uns von unseren Toten trennt.

Nicht nur in den extremsten Fällen, sondern in jedem Falle können wir den Toten Gutes tun. Drei bis fünf Jahre nach dem Tode können die Toten zumeist noch ein Verständnis haben für die Sprache, die gesprochen wurde, als sie lebten auf Erden. Dann kommt die Zeit, wo man nur noch spirituelle Gedanken schicken kann; dann verstehen die Toten nur noch die Gedanken. Dann kann man eben Toten sogar in einer fremden Sprache vorlesen, wenn man sie nur selbst versteht. Das ist ein tröstliches Gefühl, das den Schmerz lindern kann über das Ableben eines Menschen, den man liebt. Es sind Seelen bekannt geworden, die geradezu Verlangen haben nach dem, was wir hier als Theosophie verbreiten.

Nun tritt wohl die Frage auf: Finden denn nicht die Toten da oben auch Lehrer unter den geistigen Individualitäten? In einer sehr langen Zeit nach dem Tode lebt der Mensch sozusagen durch die ganze Art seiner Wesenheit im Zusammenhang mit denjenigen, mit denen er hier auf Erden gelebt hat, und er ist in diese Verbindung wie in eine Art Atmosphäre eingeschlossen, sodass er etwa zehn Jahre lang nach dem Tode nicht leicht findet den Weg zu bloß geistigen Individualitäten, die er droben antrifft. Und wenn er sie antrifft, so reden sie in einer anderen Weise, als hier über Theosophie gesprochen wird; ihre Art und Weise kann keinen Ersatz bilden für das, was auf der Erde vorgeht. Die Erde ist ja nicht umsonst da. Die Dinge, die hier erlebt werden müssen, sie können nur hier erlebt werden.

Ein Beispiel möchte ich noch anführen: Wer mit den Dingen der geistigen Welt nicht bekannt ist, der glaubt so leicht, dass die höheren Hierarchien das miterleben, was auf Erden geschieht. Das tun sie nicht! Die Wesenheiten der höheren Hierarchien erleben die Dinge der Erde nur, indem sie durch die Menschen durchschauen, die auf Erden hier leben. Und es gab eine Sache, die konnte nur auf der Erde erlebt werden von einem Gott; sie hätte nie in einer anderen Welt durchgemacht werden können. Darum musste der Gott heruntersteigen in die Erdensphäre. Das Mysterium von Golgatha hätte niemals durchgemacht werden können in einer anderen Sphäre der Welt. Denn sterben nach der Art der Menschen können die Wesenheiten der höheren Hierarchien nicht. Damit er sterben konnte, musste der Gott auf die Erde herabsteigen. Den Tod erleben, wie ihn die Menschen erleben, können Götter nicht in den höheren Hierarchien. So kann man auch nicht so ohne Weiteres hören die Botschaft der Theosophie von den höheren Geistern.

Man kann Bekanntschaft machen auch mit anderen Geistern, denn die Individualitäten der Welt machen verschiedene Entwicklungen durch. Der Seher kann kennenlernen Wesenheiten, die nie in einem Menschenleibe waren, die gleichsam nur nahe kommen unserer Sphäre, die aber nie geboren werden auf Erden. Die Geister können einem mancherlei erzählen in der Sprache, die Menschen und Geistern gemeinschaftlich ist. Wenn man aber das, was sie erzählen können, sich erzählen lässt, so unterscheidet es sich immer - obgleich es die Wahrheit geben kann über die höhere Welt - von dem, was die Menschen hier durch Aufnahme der Theosophie in sich an Anschauungen bilden. Es würde eben dem Menschenwesen etwas fehlen, wenn es nicht aufnehmen würde die Theosophie auf der Erde oder von der Erde aus. Daher können Sie verstehen, dass es etwas anderes ist, vorgelesen zu bekommen von einem Menschen, der hier lebt, als von einem Geist Lehren zu empfangen, der nie auf Erden war.

Es ist auch nicht leicht, wenn zwei Menschen durch die Pforte des Todes gegangen sind, sich zu finden in der geistigen Welt, wenn der eine erfüllt ist von spirituellem Leben, der andere nicht. Wenn beide davon erfüllt sind, finden sie einander jedoch leicht.

So sehen wir, wie von der Erde herauf eine Brücke geschlagen wird in die höhere Welt durch das theosophische Leben. Aber auch umgekehrt ist das der Fall. Es kann in einer gewissen Weise auch den Erdenmenschen wichtig werden, hereinfließen zu sehen in das Erdenleben das, was in der höheren Welt vorgeht. Auch die Brücke von der höheren Welt zum Erdenreich, sie kann bewusst geschlagen werden. Auch dafür will ich Ihnen ein Beispiel anführen.

Als ich vor vielen Jahren eine Anzahl von Kindern zu unterrichten hatte, gab ich mir Mühe, die Fähigkeiten der Kinder zu studieren, ihre Anlagen, die Einwirkungen der Umgebung in Betracht zu ziehen und so weiter, da man nur dann fruchtbar unterrichten kann, wenn man dies alles in Erwägung zieht. Und siehe da: Bei alledem, was in Erwägung gezogen wurde, fehlte doch etwas. Es spielten Faktoren hinein in das Leben der Kinder, die rätselhaft waren. Und dies klärte sich mir erst auf, als die höhere Welt zu Rate gezogen wurde, als ich nachforschte, was für Kräfte von dem verstorbenen Vater in die Seelen der Kinder hineinwirkten. Und erst als damit gerechnet werden konnte, kam ich mit der Behandlung der Kinder zurecht. Da wurde ich dann auch nicht mehr gestört von dem, was der Vater wollte von drüben her. Da sehen Sie, wie bedeutungsvoll es ist, in die irdische Rechnung hineinzubeziehen, was hineinwirkt in das Erdenreich aus höheren Welten.

Wenn Sie das heute Gesagte betrachten, so werden Sie einsehen, dass Theosophie werden muss ein Lebenselixier, dass sie nicht besteht aus Theorien. Glauben Sie nicht, dass es berechtigt ist, immer davon zu sprechen, dass bewusstes Zusammenhängen mit der geistigen Welt schwierig ist. In Jahrzehnten wird es nicht schwierig erscheinen, wenn Theosophie gehört werden wird so, dass sie von den Erdenmenschen aufgenommen wird. Wenn man die Theosophie nicht mehr als Phantasterei auffasst, sondern begreift, was begriffen werden kann mit dem gewöhnlichen Menschenverstande, da wird der Schritt nur ein kleiner sein, wo über unzählige Menschen hereinbrechen wird das bewusste Wissen von der geistigen Welt.

Heute sind sozusagen die Gehirne nur noch zu dicht, als dass leicht aus dem Studium der Theosophie die Hellsichtigkeit erwachen könnte, aber sie wird erwachen. Dann wird man wissen, wie hereinwirkt die geistige Welt in das Erdenleben. Gewisse Dinge sind ja ungeheuer bedeutsam, wenn man sie aufnimmt, wenn man wahrnehmen kann, wie sie aus einer anderen Welt hereinwirken in das Menschendasein auf Erden. Wir haben zum Beispiel schon öfter betrachtet den Zusammenhang der verschiedenen Inkarnationen einer Persönlichkeit: Elias, Johannes der Täufer, Raffael, Novalis. Über die Raffael-Inkarnation stellt sich dem hellseherischen Blick noch Folgendes dar. Man könnte sich die Frage vorlegen: Wie kam Raffael gerade dazu - nachdem er gewesen ist in einer vorigen Inkarnation durch sein gewaltiges Wort ein Vorherverkünder des Christus -, wie kam er dazu, nun ein Verkünder des Christus zu werden durch das Mittel der Malerei? Ja, meine lieben Freunde, verwandt ist der Beruf doch. Man kommt nach und nach darauf, wenn man nicht bloß äußerlich die Menschheitsgeschichte betrachtet, dass Raffael für die neuere Zeit eine Art Johannes war. Haben doch seine Christus- und Marienbilder weit mehr gewirkt als alle kirchlichen Dogmen. Aber nicht das soll heute hervorgehoben werden, sondern eine andere Seite, die Seite, warum gerade Raffael dazu kam, sich mit so großer Leichtigkeit auszusprechen in der Malerei. Der Vater Raffaels war kein besonderer Maler, aber er war es nur deshalb nicht, weil ihm die leibliche Geschicklichkeit fehlte. Er hatte aber bedeutende künstlerische Fähigkeiten, die in jener Inkarnation nicht herauskommen konnten. Es war seine Mission, in einer anderen Art zu wirken wie als Maler. Er wirkte dadurch, dass er starb, als Raffael noch ganz jung war. Wenn man das Leben Raffaels verfolgt, wie sozusagen die Kunst des Malens sich in ihn ergoss, da findet man, wie in ihn die Kunst seines Vaters hineinfloss. Seine Fähigkeiten goss der Vater in den Sohn, um dessen Fähigkeiten zu erhöhen. Dadurch wurde die Transformation des Johannes in Raffael erwirkt, dass Giovanni Santis Seele in Raffaels Seele hineinwirkte. - In gar mancher Weise kann eine Verbindung hergestellt werden, wenn es karmisch notwendig ist.

Unzählige Rätsel, die sich anknüpfen an das Verhältnis der Lebenden zu den Toten, lösen sich in praktischer Weise, wenn die Menschen lernen werden durch Theosophie, dass sie ihre Toten nicht verloren haben, sondern dass sie sie noch haben, dass sie mit ihnen leben. Die Gewissheit, dass die Menschen einander gehören können, gleichgültig, ob sie leben oder nicht, diese Gewissheit wird ihnen durch Theosophie werden, und das macht das Große und Bedeutungsvolle der Theosophie aus. Was ganz besonders durch die Theosophie an die Menschen herankommen wird, das ist das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit mit der ganzen Welt. Hier auf Erden kann der Mensch sich ja sonst nur das Bewusstsein dieser Zusammengehörigkeit mit einem Teil der Welt holen.

Kant tat instinktiv den Ausspruch: Zwei Dinge erfüllten ihn mit tiefer Verehrung, das moralische Gesetz in ihm und der gestirnte Himmel über ihm. — Er tat instinktiv diesen Ausspruch, denn er wusste ja nicht, dass diese zwei Dinge eins sind, weil der Mensch hier in seiner Seelentiefe verborgen in sich trägt, was er zwischen Tod und neuer Geburt in der Sternensphäre erlebt hat in den Sphären von Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter, Saturn, in den Sternensphären. Ich habe die Sternensphären jetzt angeführt nicht so, wie sie stimmen mit der Astronomie. Das, was ich da angeführt habe, in das lebt sich der Mensch zwischen dem Tod und einer neuen Geburt herein. Und wenn der Seher die Menschenseelen sieht, dann sieht er, dass sie eine Zeit lang nach dem Tode noch in der Mondensphäre sind. Diese Sphäre erstreckt sich in der Ausdehnung, die wir erhalten, wenn wir einen Kreis ziehen, der einschließt Erde und Mond.

In einer späteren Zeit finden wir die Seelen, die sich ausdehnen und immer größer werden in der Merkursphäre; noch später in der Venussphäre, dann in der Sonnensphäre, in der Marssphäre, dann in der Jupitersphäre, dann in der Saturnsphäre und dann in der Sternensphäre. Alle diese Sphären durchlebt der Mensch zwischen Tod und neuer Geburt. Von diesen Sternensphären, also von dem, was geistig Sonne, Mars und so weiter bedeuten, gehen ganz verschiedene Einflüsse aus auf den Menschen.

Wenn wir hier den Menschen auf der Erde betrachten, so tritt er uns ja zunächst in seiner physischen Leiblichkeit entgegen. Auf diesen physischen Menschen hat nur einiges von den geistigen Kräften und Wesenheiten der Sternensphären Einfluss. Nämlich auf den physischen Menschen, den wir trennen müssen in zwei Glieder. Das eine Glied ist alles das, was eingeschlossen ist in die nach außen fest abgeschlossene Knochenkapsel des Gehirns und die Ringe des Rückenmarkes. Das ist der eine Teil. Das ist eine Welt für sich im Menschen. Und was draußen ist, außerhalb dieses Teiles, ist wiederum ein Teil für sich. Auf das, was außerhalb des Gehirns und der Rückenwirbel liegt, auf das haben nur Einflüsse die geistigen Wesenheiten von Sonne, Mond und Erde. Auf das, was innerhalb der Schädelknochen und der Rückenwirbel liegt, hat nichts Einfluss von dem, was uns jetzt umgibt. Da haben Einfluss die Kräfte des alten Saturn, der alten Sonne, des alten Mondes. Zu den anderen Planetenkräften hat nur das Seelische des Menschen ein Verhältnis.

Also in einer ganz verschiedenen Weise wirken die Kräfte und Wesenheiten der Sternenwelt auf unseren Organismus ein. Das wird ganz besonders klar, wenn man das Leben der Menschen zwischen Tod und neuer Geburt betrachtet. In der ersten Zeit - für manche dauert sie länger, für andere kürzer, für Ausnahmen ist die Zeit sehr kurz oder tritt gar nicht ein, aber durchgemacht wird das Gleiche von jedem in irgendeiner Weise. In der ersten Zeit also sind die Menschen noch ganz in lebendigem Zusammenhang mit ihrem Erdenleben. Sie leben sozusagen nur von der Erinnerung. Daher ist es so schmerzlich unmittelbar nach dem Tode, wenn alle Verstorbenen in der Erinnerung zwar leben, aber nicht mehr wahrnehmen können die Seelen, an die sie sich erinnern. Daher ist es eine solche Wohltat, wenn die Seelen nach dem Tode vorgelesen bekommen von den Zurückgebliebenen. Der Tote ist dann nicht abgeschlossen in einer grausamen Einsamkeit, sondern er hat sozusagen die Gesellschaft der Lebenden. Diese Gesellschaft braucht der Mensch lange Zeit noch, denn nur davon lebt er in seiner Seele. Erst in einer späteren Zeit gibt es für die Seele die Möglichkeit, mit den Geistern höherer Hierarchien einen Zusammenhang zu finden. Eigentlich erst in der Venussphäre kann man Bekanntschaft machen mit diesen höheren Wesen, wenn man genügend vorbereitet ist. Vorher kann man nur in Zusammenhang stehen mit Mitlebenden der letzten oder der vorhergehenden Inkarnation.

Aber die Bekanntschaften zu machen mit höheren Wesenheiten ist nur unter bestimmten Bedingungen möglich. Eine Seele, die zur Venussphäre kommt ohne moralische Gesinnung, die sie auf Erden aufgenommen hat, findet dort nicht die Möglichkeit des Anschlusses an andere Seelen, auch nicht einmal an solche Seelen, mit denen sie schon, früher einmal zusammen war, aber ganz und gar nicht den Zusammenschluss mit den geistigen Wesenheiten höherer Hierarchien. Die Vorbereitung zu einem Leben in der Venussphäre, das nicht in grausamer Einsamkeit verfließt, ist moralische Gesinnung hier auf Erden. Wenn wir schauen könnten in die Venussphäre, so sähen wir Seelen, die in entsetzlicher Einsamkeit leben. Sie sind geistig ganz nahe anderen Seelen, aber sie nehmen sie nicht wahr. Sie können nicht an sie herankommen. Und dazu haben sie sich verurteilt durch eine unmoralische Gesinnung. Das, was hier im Leben in gewisser Beziehung der Schlaf ist, darnach würde manche Secle in diesen Sphären lechzen. Bewusstlos können die Seelen dort nicht werden, nur einsam werden sie, wie allein auf einer Insel lebend. Es ist eine Art Todesschlaf, diese Einsamkeit. Schon in der Merkursphäre kann man nicht zurechtkommen ohne moralische Gesinnung, aber in der Venussphäre ist sie eine der wichtigsten Bedingungen. Wenn man in der Venussphäre leben will, wenn man Menschenseelen und Wesen der höheren Hierarchien kennenlernen will, dann muss man dort ankommen nicht nur mit moralischen, sondern auch mit religiösen Empfindungen, denn man findet sich dort mit Seelen zusammen, die religiös gleichgestimmt sind.

Von der Venussphäre kommt man dann in die Sonnensphäre. Dort hat man schon nötig, nicht nur mit einer religiösen Stimmung anzukommen, sondern mit einem Verständnis für alle religiösen Bekenntnisse, die auf der Erde vorhanden sind. Man kommt dort nur zurecht mit der wahren, echten, inneren Toleranz, die zuerst ausgegossen hat der Christus, und die jetzt begriffen werden soll durch die Theosophie. Denn innerhalb des Sonnenlebens finden wir sozusagen Menschen und Wesen aller Art, und unser Leben kann dort nur ein nicht gequältes sein, wenn wir Verständnis haben für jede Seele, gleichgültig, durch welche Bildungselemente sie durchgegangen ist. In der Sonnensphäre können wir Seelen nur verstehen, wenn wir tolerant sind gegenüber den religiösen Bekenntnissen und religiösen Erlebnissen, die sie durchgemacht haben. Unter den Wesenheiten der höheren Hierarchien gibt es zum Beispiel solche, die am leichtesten der Buddhist verstehen kann. Sie sind geartet in einer besonderen Weise. Sie haben nicht die Art, gleich von allen verstanden zu werden. Es ist da eine gewisse Abgegrenztheit vorhanden.

Wenn wir in der Sonnensphäre mit diesen Wesen zusammenkommen, tritt noch etwas Besonderes ein. Diese Wesenheiten sind da, um uns etwas zu geben. Und wir brauchen das, was sie zu geben haben. Wenn wir kein Verständnis für sie haben, dann bleibt das, was sie uns geben können, für uns unbenutzbar. Man spricht ganz richtig, wenn man sagt: Was die Engel in der Sonnensphäre zu geben haben, das könne verstanden werden durch das, was man sich erwirbt, wenn man sich einlebt in das Zeitalter und in die Kräfte, die gegeben sind durch den Buddha. - Wenn einem das Verständnis fehlt, wenn man den Engeln, die die leitenden Mächte dieser Bekenntnisse auf Erden sind, entgegentritt, dann können sie einem etwas nicht geben, was man braucht. Dann ist es der Seele gerade so wie hier auf der Erde einem Menschen, der keine Beine oder keine Augen hat. Man wird, wenn man nicht mit voller Toleranz in der Sonnensphäre ankommt, ein seelischer Krüppel sein. Das ist eine bedeutsame Wahrheit, meine lieben Freunde.

Was zuerst das Christentum und jetzt die Theosophie den Menschen gibt, das muss man aufnehmen. Der Christus-Impuls war ein ganz besonderer Impuls, und das Christentum ist sehr verschieden gegenüber allen anderen Bekenntnissen. Man kann dies sehr gut sehen, wenn man theosophische Zeitschriften der letzten Jahre in die Hand nimmt. Die theosophischen Grundsätze hat man anerkannt, aber der indische Adept hat nur seine Religion verstanden und nicht die Bekenntnisse anderer. Der Hinduismus, der Buddhismus tritt auf in diesen Zeitschriften als allein selig machend. Man spricht davon, dass alle Religionen studiert werden sollen, aber man macht das nicht zur Wahrheit, und man kann das nicht zur Wahrheit machen, wenn man nicht von Christus die Kraft bekommen hat zur Toleranz. Gegenüber allen Religionsbekenntnissen ist es eine Anomalie, wenn uns die Intoleranz zum Vorwurf gemacht wurde. Das ist unrichtig, denn wir haben von den verschiedenen Religionssystemen gesprochen gerade so wie vom Christentum. Das hängt schon zusammen mit der Art, wie das Christentum sich in Europa ausgebreitet hat. Die Abendländer würden heute noch Wotan-Anbeter sein, aber sie sind es nicht, weil sie nicht ihre Religion behalten haben, sondern das Christentum annahmen und dem sich fügten. Das muss berücksichtigt werden. In der naiven Weise, wie das Christentum bisher den Völkern gegeben wurde, hat es genügt, trotz der großen Auswüchse gegen die Toleranz. Aber jetzt reicht es in der Form nicht mehr aus. Es muss vertieft werden durch Theosophie. Und derjenige versteht heute das Christentum erst, der weiß, dass die Theosophie begriffen werden muss. Und der versündigt sich gegen das Christentum, der die Theosophie fernhalten will vom Christentum.

Hier stehen wir wieder an dem Punkt, wo wir gewahr werden, wie die verschiedenen Religionssysteme der Völker ihre Bedeutung haben.

Der Gott musste auf die Erde heruntersteigen, um den Tod nach Menschenart zu erleben. In keiner anderen Welt hätte sich das Mysterium vollziehen können. Wenn wir dies erfassen, werden wir klar verstehen, dass wir auch erleben müssen den Christus-Impuls hier auf der Erde; wir können ihn nicht erleben in einer anderen Sphäre, wenn wir versäumt haben, ihn hier zu erleben. Er muss uns bleiben als eine Erinnerung nach dem Tode. Wir müssen diese Erinnerung tragen durch alle Sphären hindurch.

Wenn wir dann ankommen in der Sonnensphäre, meine lieben Freunde, da finden wir zwei Throne. Der eine Thron ist leer, ist nicht erfüllt von einer wirklichen Wesenheit, sondern eine Akashawesenheit sitzt auf dem Thron. Wir verstehen die Wesenheit nur, wenn wir mit der Erinnerung an das Mysterium von Golgatha, die wir mitnehmen von dieser Erde, die Wesenheit anschauen. Nur mit dieser Erinnerung verstehen wir auf der Sonne dieses Akashabild, denn es zeigt uns den Christus. Der Christus ist ja allmählich von der Sonnensphäre herabgestiegen und auf die Erde gekommen. Bei der Jordantaufe ging die Christuswesenheit in die Erdensphäre über; seit der Zeit wird sie hier auf der Erde erlebt.

Und noch einen anderen Thron finden wir dort. Einen Thron mit der Wesenheit, von der er immer eingenommen worden ist; er ist besetzt von Luzifer. Luzifer muss uns nun führen in die weiteren Sphären hinein. Ohne Luzifer kommen wir nicht weiter. Wenn der Einfluss des Luzifer uns auch auf Erden verderblich wird, wenn wir auch auf Erden wünschen müssen, ihm nicht zu verfallen, so müssen wir doch bedenken, dass alle Einflüsse berechtigt sind, aber nur in ihrer Sphäre. Unser weiterer Führer in das Weltenall hinauf muss Luzifer sein. Wir werden in gleicher Weise geführt von Christus und von Luzifer in die anderen Sphären, damit wir aufnehmen die Kräfte des Weltenalls, die wir aufnehmen müssen.

Und wenn wir uns dann entwickelt haben bis in eine gewisse Weite, wenn wir gleichsam eine große, sehr verdünnte Kugel geworden sind, dann komprimieren wir uns wieder sozusagen, wir gehen noch einmal durch alle Sphären zurück; dabei werden wir kleiner und immer kleiner, bis wir eine ganz kleine geistige Kugel geworden sind und geführt werden zu einem Elternpaar, um uns aufs Neue zu verkörpern, und immer ist eine Verbindung zustande gekommen zwischen dem, was das ganze Weltenall durchmessen hat zwischen Tod und neuer Geburt, und dem, was gegeben wird von Vater und Mutter, wenn wir in die Geburt eintreten. Das, was in dem Menschenkeim lebt, hat den ganzen Weltenraum unseres Planetensystems und noch eine andere Sternensphäre durchmessen und sich wieder umkleidet mit einem Leibe, um sich wieder mit dem Erdenleben zu verbinden.

So stammen wir mit dem, was wir in der Seele tragen, was wir an Kräften uns erworben haben, aus dem Weltenall. Und wenn wir uns jetzt sagen aus einer moralischen Besinnung heraus: Das musst du tun, das darfst du nicht tun, - so ist das daher, weil wir durch die Sternensphären gegangen sind und dort Impulse für das Erdenleben aufgenommen haben. In jeder Sphäre nahmen wir andere Impulse auf, und alles wirkt zusammen in uns als die Gesamtverfassung unserer Seele. Wenn wir hinausblicken in die Sternenweiten, so sagen wir uns: Wie sind die Sternenwelten mit uns verwandt! Wir tragen ja in uns etwas von jenen Sternenwelten! Wir haben es ja dort aufgenommen, was in uns ist. Erinnern wir uns noch einmal an den Kant’sehen Ausspruch: «Zwei Dinge erfüllen mich mit tiefer Verehrung: das moralische Gesetz in mir und der gestirnte Himmel über mir.» Das moralische Gesetz lebt ja nur in uns, weil wir es aufgenommen haben, während wir den Sternenhimmel durchwanderten.

Ich konnte nur wenig schildern, meine lieben Freunde, über das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Wie sollte es anders sein bei der kurzen Zeit. Aber wichtige Momente haben wir doch besprechen können. Und meine Worte sollten dazu dienen, beizutragen, dass das Menschenleben in seiner ganzen Fülle immer mehr und mehr verständlich wird. Und wenn wir daraus schöpfen das Gefühl der Verantwortlichkeit, dann haben wir in der Theosophie ein richtiges Lebenselixier. Denn, wenn wir uns bewusst geworden sind, dass unsere Kräfte zusammengeholt worden sind aus den Weltenweiten, dann kann das Verantwortungsgefühl erwachen, dass wir diese Seelenkräfte nicht brach liegen lassen, sondern sie zur Ausbildung bringen müssen, wenn wir uns nicht versündigen wollen.

German original of Life Between Death and a New Birth · ← Previous · Next →