Supplements to Member Lectures

GA 246 — 23 April 1913, Essen

Der Zusammenhang Zwischen dem Leben in der Geistigen Welt und dem Leben in der Irdischen Welt. Über die Beziehungen der Lebenden zu den Toten

Viele Seelen schlafen heute hinüber ohne jedes Hinaufschauen in die geistige Welt, ohne jedes gebetartige Sichverbinden mit der geistigen Welt. Stellen wir uns vor eine schlafende Stadt, die Seelen, die aus den Leibern hinausgegangen sind. In diesen Seelen lebt eben alles das fort, was sie an Geistigem aus dem Tagesleben aufgenommen haben. Und wenn jemand nichts mitnimmt, so kann auch nichts fortleben an Geistigem in der Seele während der Zeit, die verläuft zwischen Einschlafen und Aufwachen. Aber das, was an Geistigem erlebt wird hier im Wachzustand und was aufgenommen wird durch Erhebung zum Geistigen im Gebet, in der Meditation in den Schlafzustand hinein, ist für die toten Menschen genau dasselbe in einem anderen Sinne, was für den lebenden Menschen hier die Saatfelder sind. Wenn auf den Saatfeldern nichts gedeiht, dann verhungern die Menschen hier. Was die Menschen mitnehmen in den Schlaf hinein, das sind Saaten, die da leben in den Feldern, wo die toten Seelen weilen. Von dem, was die Seelen mitnehmen an spirituellen Gedanken, an Vertiefung in die seelisch-geistige Welt, an Sammlung im Geiste, von dem leben die Toten, von dem ernähren sie sich, das zehren sie auf. Und wie hier auf Erden, wenn keine Früchte gedeihen, Hungersnot entsteht, so entsteht eine Art Hungersnot in dem Menschheitszyklus, wo die Seelen materialistisch leben und nichts hinübernehmen in den Schlafzustand. Das ist der Zusammenhang zwischen dem Leben in der geistigen Welt und dem Erdenleben.

Nun kann man ja sagen: Da könnte ja drüben ein großes Sterben eintreten! - Das kann nicht eintreten. Hunger, die Qual des Hungerns können die toten Seelen erleben; aber nicht können die Toten sterben. Und da kommen wir auf ein wichtiges Kapitel, auf eine wichtige Frage. Sehen Sie, der Tod ist etwas, was man nur hier in der physischen Welt kennt. Der Tod ist etwas, was überhaupt nur in der physischen Welt vorhanden ist und was gar nicht vorhanden ist für die übersinnliche Welt.

Ich möchte Sie da auf etwas aufmerksam machen. Wenn Sie alle Wissenschaften hier durchgehen, so werden Sie finden, dass diese die mannigfaltigsten Gesetze aufstellen. Ein Ideal - aber ein Ideal, von dem man sagen muss, es wäre phantastisch, wenn es zu erreichen wäre - ist für die Wissenschaft, das Leben unmittelbar zu erkennen. Chemische und physikalische Gesetze wird man immer erforschen, aber das Leben zu erforschen, das wird ein Ideal sein. Man wird es nie mit physischen Gesetzen erfassen, denn es fließt eben herein in die physische Welt aus den höheren Welten.

Und so, meine lieben Freunde, wie hier das Leben etwas Unbekanntes ist, so ist der Tod in den höheren Welten etwas Unbekanntes. Daher ist es ein unsinniger Gedanke, in der höheren Welt könne der Tod eintreten. Leiden und Schmerzen, sie haben eine Bedeutung in der übersinnlichen Welt, nicht aber der Tod. Alle die Wesenheiten, die wir kennen als die Wesenheiten der höheren Hierarchien, sie kennen nicht das Sterben.

Die Engel verhüllen ihr Antlitz vor dem Geheimnis der Menschwerdung. Sie wissen nichts davon. Sie können nur davon wissen durch die Mitteilung von Wesen, die den physischen Plan betreten; aber sie können es nicht unmittelbar wissen. So ist es mit allen Wesen der höheren Hierarchien. Nur ein einziges Wesen musste den Tod kennenlernen, der Christus. Das ist die große, die unendliche Bedeutung des Mysteriums von Golgatha, dass ein Wesen durch ein schweres, unbegreifliches Leiden den Tod erkennen musste.

Wenn man diesen Gedanken recht durchdenkt, durchmeditiert, dann erst kann man begreifen das Mysterium von Golgatha und den Christus als das einzige Wesen, das den Tod kennenlernte.

Was tritt also ein für die Wesen, die drüben hungern müssen aus dem angegebenen Grunde? Das tritt für sie ein, dass sie allen Zusammenhang mit der Erde aus sich herausschwinden fühlen. Sie leben in einer Welt, in der sie sich sagen müssen: Die Erde ist etwas, das uns jetzt entzogen wird, was nicht mehr hereintritt in unser Dasein. Und das bedeutet für die entkörperten Menschen eine furchtbare Qual, einen großen Schmerz. Das bedeutet, dass diese Seelen beginnen, sich zu sehnen nach dem Tode. Weil aber der Tod nicht eintreten kann, leiden sie durch die Aushungerung unendliche Qualen unter der Sehnsucht nach dem Tode.

So sehen wir, wie Theosophie wirkt als eine Saat für die Toten, als das, was der Toten Leben ernährt, was sie in richtiger Weise mit Nahrung durchtränkt. Erst dann, wenn man solche Dinge weiß, bekommt man gegenüber der Theosophie die richtige Gesinnung, wie sie nicht eine Theorie ist, sondern ein Lebenselixier, wie sie hinwegschafft die Kluft zwischen Lebendigen und Toten. Wir müssen wissen, dass durch Theosophie unsere Seele eine lebendige Verbindungsbrücke bilden kann zu den Toten hin. Und weil das so ist, müssen wir jetzt in dieser Zeit an dem theosophischen Werke immer wieder in den einzelnen Zweigen dadurch arbeiten, dass wir erkennen, was der Lebende für den vor ihm hingegangenen Toten leisten kann. Er kann vor allen Dingen leisten für den Toten dadurch etwas, dass er ihm vorliest, vorliest Ideen, Begriffe, Vorstellungen, die sich auf die übersinnliche Welt beziehen. In der Theosophie ist eine Sprache gegeben, welche mit den Lebenden zugleich auch die Toten verstehen können. Und an dieser Wohltat können nicht nur die teilnehmen, die sich im Leben mit Theosophie befasst haben, sondern auch diejenigen, die hier nichts von Theosophie wissen wollten. Diejenigen, die hier schon Theosophen waren, werden es als eine ganz besondere Wohltat empfinden, wenn wir ihnen vorlesen.

Man hört oft den Einwand: Die Toten müssen doch von der übersinnlichen Welt Wahrnehmungen haben; sie sind doch drinnen; sie können doch nichts entnehmen aus dem, was wir ihnen vorlesen über die übersinnliche Welt!

Ja, meine lieben Freunde, die Erde ist nicht nur ein Jammertal, sondern die Erde ist etwas, was eine reale Wirksamkeit hat. Die Toten können die übersinnliche Welt anschauen; Begriffe und Ideen können sie sich nicht machen aus dem bloßen Anschauen. Es gibt ja auf der Erde die Tiere; die können auch anschauen, aber sie können sich keine Begriffe machen wie die Menschen. Wäre nie die Erde entstanden, so würde die Menschenseele in höheren Welten leben, aber sie würde nie zu Begriffen kommen über die höheren Welten. Dazu müssen die Menschen hindurchgegangen sein durch das Erdenleben, um sich überhaupt Begriffe und Ideen zu machen. Sodass eine Seele, welche ohne Begriffe und Ideen von der geistigen Welt durch den Tod geht und nun in den höheren Welten lebt, in der Zeit, die sie da durchlebt, [nichts von Begriffen und Ideen erlebt,] die wir hier in der Theosophie zu durchdringen in der Lage sind. Da müsste sie schon heruntersteigen auf die Erde.

Da kann eben eine Seele von der Erde aus helfen, indem sie den Toten vorliest, denn es kann von den Toten verstanden werden. Und wenn die Seelen selbst gar nichts hier auf der Erde aufgenommen haben von Theosophie, so dürfen wir nicht glauben, dass sie dann nach dem Tode ablehnen müssten die Theosophie. Im Gegenteil, gar mancher, der sich gegen das Näherkommen der Theosophie immer gesträubt hat, und der gerade deshalb über sie wütend wurde und nichts wissen wollte von Theosophie, kann sich jetzt danach sehnen, von Theosophie zu hören. Denn nicht nur die Dinge, die uns umgeben, sind in der Maja befangen. Es kann eine Maja sein, der sich ein Mensch selbst hingibt, wenn er wütend ist auf Theosophie; in den Tiefen der Seele spielt sich oft etwas ganz anderes ab als an der Oberfläche. Während jemand im Tagesbewusstsein sich in Wut hineinarbeitet, kann eine große Sehnsucht in ihm sein. Es ist ganz vergeblich, diesem Menschen Theosophie beibringen zu wollen; in der Seele ist er [aber] vielleicht ein besserer Theosoph als ein anderer. Aber nach dem Tode hört die Maja auf. Da tritt das hervor, was in den Tiefen der Seele sitzt. Hier hat die Seele geschimpft, aber drüben kommt dann heraus die Sehnsucht. Es kann sein, dass wir auch vergeblich vorlesen, aber das müssen wir riskieren. ...

Wir stehen immer mehr mit den Toten in Verbindung, wenn wir uns im rechten Sinne einer theosophischen Gesinnung hingeben. Wir müssen uns tief durchdringen von dem Begreifen der Notwendigkeit, dass die Theosophie in den gegenwärtigen Menschheitszyklus eindringe. Auch von der anderen Seite her werden wir immer mehr die Einsicht gewinnen, dass die Toten auch wieder zurückwirken auf die Lebenden, je mehr wir uns mit Theosophie befassen.

[Man muss zum Beispiel bei der Erziehung von Kindern, die ihren Vater sehr früh verloren haben, auf diesen Umstand achtgeben. Man kann da oft die Einwirkung des Vaters von den geistigen Welten aus sehr spüren. Ich hatte einmal Kinder zu erziehen, deren Vater früh gestorben war. Ich versuchte, sie nach einer eigenen Methode zu erziehen, aber siehe, es ging nicht, es wollte durchaus nicht gehen. Erst, als ich auf den Gedanken kam, den Einfluss des Vaters aus der geistigen Welt zu berücksichtigen, da ging es ausgezeichnet ...]

Dasjenige, was theoretisch über Inkarnationen ausgeklügelt wird, ist in der Regel ganz falsch. Es könnte sonderbar erscheinen, dass Raffael derselbe ist wie der knorrige Charakter des Täufers Johannes. Wie ist es denn gekommen, dass diese sozusagen knorrige Individualität, die in einer solch erschütternden Weise mit solcher Wucht das Mysterium von Golgatha vorzubereiten hatte, dann in dem weichen, schmiegsamen, abgeklärten Raffael zum Vorschein gekommen ist? Da stellt sich dann Folgendes heraus. Der Vater des Raffael, Giovanni Santi, starb, als Raffael elf Jahre alt war. Er war ein Maler. Er war kein großer Maler, was das äußere Malen anbetrifft; aber er hatte große Ideen im Kopfe, die er nur nicht auf die Leinwand bringen konnte, weil er keine Technik hatte. Er war auch ein Dichter. In der Phantasie lebte vieles in ihm, aber die physischen Fähigkeiten waren nicht da. Da ging er früh durch die Pforte des Todes. Und nun wirkten seine Kräfte in den Sohn als Maler hinein. In Raffaels Händen und in seiner Phantasie wirkte dasjenige nach, was vom Vater hereinwirken konnte in die physische Welt. Man kann sagen: Der alte Giovanni Santi war in der übersinnlichen Welt ein Maler ohne Hände. Denn er hat gerade das gegeben in einem wunderbaren karmischen Zusammenhang, was mit der durchchristeten Individualität des Täufers zusammen nun in Raffael zum Ausdruck kommen konnte. So musste das Zusammenwirken der übersinnlichen Welt mit der physischen Welt eintreten, um diesen Zusammenhang zu bewirken. Wir sehen, wie die Einflüsse der sogenannten Toten hereinwirken von drüben auf die hier Zurückgebliebenen. ...

Noch für etwas anderes hat das Erdenleben seine wichtige Mission. Wenn wir hindurchgegangen sind durch die Pforte des Todes, müssen wir, damit wir nicht einsam sind, damit wir wissen können von anderen Seelen, diesen Seelen begegnen. Wir können mit anderen Seelen drüben zusammen sein, aber nichts von ihnen wissen. Hier muss man mit den Seelen eine Beziehung anknüpfen, um drüben sich zu kennen. Die Seelen können in der geistigen Welt durch einander durchgehen und nichts voneinander wissen. Deshalb ist es auch [drüben] wichtig, dass wir vorgelesen bekommen von Menschen [von hier], die wir hier gekannt haben. Durch die Beziehungen, die hier angeknüpft werden, schaffen wir die Beziehungen für drüben. Wir begründen also Gesellschaften, Freundschaften auf spiritueller Grundlage, um Zusammenhänge zu schaffen, die über den Tod hinausragen. Nicht also aus einer bloßen Vorliebe, sondern aus Notwendigkeit, die über den Tod hinausragt, versuchen wir in eine Art Gesellschaftsform zu bringen, was wir als spirituelles Leben in uns hereinfließen lassen wollen. Und so sehen wir, wie dadurch, dass der Mensch hier auf der Erde Beziehungen anknüpft zu anderen Seelen, er kein Einsiedler bleiben muss gegenüber der Menschheit in der Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, sondern dass er auch dort ein geselliges Wesen sein kann. Verständnis nach dem Tode für die anderen Seelen haben wir nur, wenn wir versuchen, hineinzuschauen in die anderen Seelen. Daher lassen wir es uns angelegen sein, dass wir nicht abgeschlossen sind von seelisch ferner stehenden Seelen, hineinzublicken in das Seelenleben auch solcher uns ferner stehenden Seelen. Wir studieren Religionen, weil wir gar nichts wissen können von einer Seele, deren Glaubensinhalte uns fern liegen. So knüpfen wir mit den Seelen, die uns näher stehen, die uns nahestehen ein enges Band. Aber hinauskommen können wir und herankommen können wir auch an die Menschen, mit deren Glaubensleben wir uns hier beschäftigen. Man muss verstehen lernen den Scher, um zu erfahren, dass er gar nicht anders kann, als das, was er weiß, auch an die anderen Menschen heranzubringen, damit das Notwendige in der Welt geschehe[, die Erdenmission erfüllt werde].

Allerdings, ein völliges Bewusstsein von ihrem Hereinwirken in die physische Welt können nur die Seelen haben, welche hier Spirituelles aufgenommen haben. Und da möchte ich auch, weil wir ja immer genauer diese Dinge kennenlernen müssen, eine Tatsache hervorheben, die sehr bedeutsam, wenn auch schwer verständlich ist.

Nehmen wir eine Seele, die sich hier nicht gekümmert hat um die übersinnliche Welt. Diese Seele kann mit ihren Absichten hereinwirken in die physische Welt. Aber was dieser Seele fehlen kann, das ist, dass sie zwar sozusagen - wenn die Seelen, die zurückgeblieben sind, im Spirituellen zu leben verstehen - sie schauen kann; aber es fehlt dieser Seele, die kein spirituelles Leben in sich gepflegt hat, ein Bewusstsein [davon], dass ihre Absichten [in die physische Welt] hineingehen.

Es fehlt aber nur als lebendiges Wissen. Es ist ein gewisser Unterschied, nicht wahr, ob Sie in unmittelbarem Verkehr mit Ihren Mitmenschen leben oder ob Sie verhindert werden, in unmittelbarem Verkehr zu leben, und dennoch unsichtbar ihre Absichten auf Sie übergehen würden, und Sie sähen alles wie in einem Spiegel. Der Tote, der ohne spirituelles Wissen in die geistige Welt gegangen ist, sendet seine Absichten; aber das Bewusstsein ist wie eine Fata Morgana. Und das ist eine viel geringere Befriedigung als das unmittelbare Wissen: Jetzt hast du diese Absicht, die sendest du herunter. Dieses unmittelbare Wissen aber des Zusammenhanges mit den Lebenden, nur derjenige kann es haben, der hier schon ein spirituelles Leben aufgenommen hat - oder der durch das Vorlesen spiritueller Ideen nach dem Tode belehrt wird. Dieses Vorlesen kann das Wissen ersetzen. Und das wird sich nach und nach entwickeln, dass der Mensch auch hier auf der Erde sich ein Bewusstsein erringen wird von dem Hereinwirken der Toten, dass also nicht nur einseitig hinaufgewirkt wird in die Region des Übersinnlichen durch das, was die Menschen hier machen, sondern die Menschen werden, je tiefer sie sich einleben in die übersinnliche Welt, auch dazu sich nach und nach erheben, ein Bewusstsein zu haben von dem, was von drüben kommt.

Allerdings sind wir heute erst am Anfang der theosophischen Entwicklung. Daher wird von dem, was jetzt gesagt wird, noch wenig bemerkt. Aber man wird es immer mehr bemerken. Man wird Augenblicke haben, wo man ganz deutlich wird bemerken können, wie die Toten zurückwirken. Nicht jeder Augenblick unseres Lebens ist dafür günstig, aber diejenigen, die sich mit Theosophie durchdringen können, werden solche Augenblicke haben. Der Mensch erlebt ja eigentlich das Wenigste von dem, was ihn umgibt. Er erlebt nur das, was sich in seiner Umgebung von Stunde zu Stunde abspielt. Aber das ist ja das wenigste von dem, was wirklich da ist oder da sein könnte für uns.

Beispiel eines Mannes, der einen Gang einige Minuten später macht, als er gewohnt ist, und dadurch dem Tode entgeht. Da haben Tote in sein Leben hereingewirkt.

In einem solchen Falle merken wir, wie vieles um uns herum nicht geschieht, was geschehen könnte in unserem Leben. Wie wissen Sie denn, was geschehen wäre in Ihrem Leben, wenn Sie, sagen wir, einen Gang drei Minuten früher gemacht hätten, als Sie ihn gemacht haben? Gewiss, es liegen karmische Notwendigkeiten vor; aber es liegen doch tausend Möglichkeiten vor, die nicht zur Tat werden. Es erhebt sich auf dem Boden vieler Möglichkeiten dasjenige, was wirklich geschieht. Gerade in den Momenten, da etwas hätte geschehen können, was nicht geschah, weil wir sozusagen die Gelegenheit versäumt haben, jedes Mal dann ist ein günstiger Augenblick da für das Hereinleuchten der geistigen Welt. Nehmen wir ein Beispiel: Man versäumt durch Verspätung einen Zug. Man sollte so etwas mit Gelassenheit hinnehmen; denn es kann darin Karma wirken. Der Mensch soll sich nach und nach Gelassenheit aneignen. Wenn er das tut, so wird er in solchen Augenblicken, wo ihn ein Unglück hätte treffen können, das er aber versäumt hat, etwas auftreten fühlen wie einen traumhaften Gedanken. Darin wird sich etwas ausdrücken, was ein Toter ihm sagt und was eine wichtige Mitteilung sein kann von drüben.

Um eine direkte Mitteilung erfahren zu können aus der geistigen Welt, bedarf es einer gewissen Seelenerziehung. Diese Seelenerziehung wird die Theosophie den Menschen geben. Das kann so weit gehen, dass wir zum Beispiel durch jemanden, der vor uns gestorben ist, erleben, dass er sich fortwährend um uns kümmert. Wenn der Betreffende zum Beispiel sehr früh gestorben ist, so hat er gewisse Kräfte, die er in diesem Leben noch hätte verwenden können, gespart. Diese Kräfte bleiben ihm, und die kann er, wenn die Verhältnisse günstig sind, in das Erdendasein hereinsenden. Der Tote kann uns lieb gewonnen haben und uns Kräfte zusenden wollen. Wir gebrauchen auch diese Kräfte, aber wir wissen es nicht im lebendigen Bewusstsein. Da tritt einmal der Fall ein: Wir versäumen ein Unglück, indem wir vielleicht einen Zug nicht bekommen oder dergleichen. Da tritt dann wie ein lebendiges Traumbild die Imagination des Menschen auf, der uns lieb gewonnen hat und uns seine Kräfte sendet. Wir haben dann eine Ahnung von dem Menschen; und es zeigt sich uns dieser Mensch selbst, der sich um uns kümmert. Man wird solche Seele zu deuten verstehen.

Denken Sie einmal, wie es die Liebe, welche die Seelen füreinander haben, vertiefen kann, wenn man weiß, man ist dem, den man hier zurücklässt, nicht entrissen; man kann auf ihn wirken. Und dieses Wirken wird allmählich so sein, dass eine Brücke gebaut werden kann. Wenn man so sich durchsetzt denkt die Seelen, die sich den Toten nahefühlen, und ihre Liebe gestärkt durch die Möglichkeit des Weiteren tätigen Liebens, dann wird Liebe von Seele zu Seele eine Anfachung erfahren durch dasjenige, was Theosophie den Seelen zu geben vermag, die wirklich gegenüber dem, was heute an Liebe aufgebracht werden kann, etwas Großes sein kann. Die Seelen werden überhaupt erst recht zusammengebracht werden können, wenn man weiß: Tot oder lebend gehört man einer Welt an!

Die Menschen zu der Erkenntnis zu bringen, dass das Leben drüben oder hier nur eine Änderung der Form ist, das gehört zu der ungeheuer bedeutsamen Mission der Theosophie in unserem gegenwärtigen Menschheitszyklus. Und erst dann verstehen wir diese Mission, wenn wir sie so ansehen, dass wir wirklich die Scheidewand hinwegreißen durch Theosophie, die heute eine so drohende zu werden scheint, dadurch, dass auf der Erde selbst immer mehr und mehr eine materialistische Gesinnung sich ausbreitet. ...

Die Seele ist in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt nicht weniger beschäftigt als hier. Die Verrichtungen drüben sind zwar andere als hier, aber sie werden vorbereitet hier im Erdenleben. ...

In die physischen Ursachen fließen immer Kräfte hinein, die von Mächten der höheren Welten kommen. [Wenn der Mensch gewissenlos gewesen ist, dann wird er etwas Erschütterndes durchmachen müssen. Dann wird er der Sklave, der Diener derjenigen Wesenheiten, die Krankheit und frühen Tod in die physische Welt hereinbringen müssen.]

Es gibt Menschen, die Enthusiasmus entwickeln, Liebe entwickeln und Eifer in der Arbeit; die gerne das tun, was sie nach ihren Fähigkeiten, nach ihrem Karma zu tun haben. Es gibt zahlreiche Berufsarten, in denen die Menschen aber wirklich nicht mit Enthusiasmus arbeiten können; und das wird immer mehr heraufkommen. Deshalb tritt die Notwendigkeit ein, dass die Seelen, die pflichtgetreu ihrem Beruf nachgehen, doch etwas haben können, in das sie mit Enthusiasmus hineingehen können. Durch Theosophie kann der Mensch etwas haben, das er mit Liebe und Enthusiasmus tut, wodurch sich Kräfte in unserer Seele entwickeln. Dadurch können wir drüben Diener werden derjenigen Kräfte der höheren Hierarchien, welche Frische, Wachstum, Gesundheit in das Erdenleben hineingießen.

Alle diese Zusammenhänge öffnen uns sozusagen den Blick über den Tod hinaus und durchdringen unsere Seele mit dem Bewusstsein, dass sie dem Makrokosmos angehört und dass die Seele lebt, indem sie hier auf Erden lebt, nicht nur für das physische Dasein lebt, sondern dass sich hier wichtige Kräfte entwickeln, die in einer vollen Bedeutung sich ausleben werden zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Und wir bekommen die Möglichkeit, unser Leben so einzurichten, dass wir nicht Verhinderer sind einer gedeihlichen Fortentwicklung der Menschheit und der Welt, sondern dass wir immer mehr solche Kräfte entwickeln, die an der gedeihlichen Fortentwicklung mitwirken. - Das können wir als die Mission der Theosophie ansehen.

German original of The Connection between Life in the Spiritual World and Life in the Earthly World. · ← Previous · Next →