Supplements to Member Lectures

GA 246 — 13 August 1914, Dornach

Samariterkurs Ansprache

Meine lieben theosophischen Freunde!

Wir, die hier versammelt sind, um unseren Bau, der da werden soll ein Wahrzeichen des Geistes, wir stehen zweifellos alle unter dem Eindruck derjenigen Ereignisse, die hereingebrochen sind über Europa, während wir noch an unserem Bau vollauf beschäftigt sind. Diejenigen der lieben Freunde, welche manches sich genauer angehört haben, was in den letzten Jahren gesprochen worden ist innerhalb unserer Kreise, wissen ja, dass wir unter dem Eindruck dessen, was jetzt so furchtbar hereingebrochen ist, immer schon in gewissem Sinne standen, und dass manches gesprochen worden ist mit der Perspektive dessen, was über die Völker Europas kommen musste und was aus gewissen Gründen nicht früher gekommen ist - aus Gründen, die zu erörtern gerade in diesem Augenblick überflüssig sein wird.

Aber wie wir hier auf der einen Seite in unserer unmittelbaren Nähe die schmerzlichen Ereignisse haben, und auf der anderen Seite vor ihnen wie geschützt sind durch dasjenige, was sich in dem Lande abspielt, in das uns unser gutes Karma mit unserem Bau getragen hat - wir, die in unmittelbarem Anblick und doch geschützt vor den Ereignissen dastehen, wir dürfen und müssen eigentlich in diesem Augenblick zweierlei Gedanken recht ernstlich vor unsere Seele stellen. Den Gedanken, welchen wir ja versuchten, in der letzten unserer hier gehaltenen Betrachtungen auszusprechen -, den Gedanken, welcher uns im tiefsten Herzen beseelen kann: des unerschütterlichen Vertrauens in die Kraft und Wirksamkeit des Geistes, in den Sieg des Geistes und seines Lebens. Und wir würden schlechte Mitglieder unserer spirituellen Bewegung sein, wenn wir diesen Gedanken nicht in unserer Seele hätten, wenn wir ihn uns nicht errungen hätten im Laufe der Jahre, in denen wir gestanden haben innerhalb unserer Bewegung, nicht in uns tragen die feste Sicherheit: Was auch kommen mag an ernsten Prüfungen, was auch immer uns treffen mag, wir halten in uns das unerschütterliche Vertrauen in die Kraft und Sieghaftigkeit des geistigen Lebens! - Wenn wir nicht fühlen: Zuletzt wird der Geist siegen!

Aber ein anderer Gedanke muss sich zu alledem, was uns so an Vertrauen durchseelt, hinzugesellen. Das ist der Gedanke an - es braucht nicht missverstanden zu werden, aber es darf doch ausgesprochen werden und kann verstanden werden — die gegenwärtige physische Kraftlosigkeit dessen, was für den Geist getan werden kann. Denken wir, um uns das recht vor die Seele zu stellen, an einen Kontrast, der schauerlich unsere Herzen bedrücken mag in dieser Zeit, denken wir, dass wir drei Grundsätze haben, und dass der erste dieser Grundsätze sein muss, einen Keim von Menschen mit brüderlicher Gesinnung über alle Nationen hinaus in uns selbst heranzubilden. Zweifellos, das Vertrauen, das wir in den Geist haben, wird uns klar durchdringen mit dem Bewusstsein, dass auch dieses Ideal ein berechtigtes, ein großes ist.

Aber vergleichen wir mit diesem Ideal die Gegenwart, in der wir leben; vergleichen wir es aber nicht in abstrakter Form, sondern in der unmittelbaren, konkreten Form, die uns, jeden Einzelnen von uns, angeht: Und dann können wir zu dem Gedanken kommen, wie wenig es uns bis zur Gegenwart noch möglich war, auch nur etwas beizutragen zu der Verwirklichung dieses unseres allerallerersten Gedankens! Wir brauchen nicht im Einzelnen ins Auge zu fassen, was über die Ereignisse jetzt verbreitet wird, aber die Stimmung des Gemütes ist etwas, was wir sehr ins Auge fassen müssen. Und da werden wir empfinden: Wir reisen in der Welt herum, eine große Anzahl von uns, von Land zu Land, überall liebevoll aufgenommen, überall fühlen wir, wie notwendig es ist, den geistigen Keim überall hinzutragen, und wir sehen jetzt, wie über die Grenzen und Gebiete, in denen wir also liebevoll gedacht, gelebt und gesprochen haben, wie über diese Grenzen Stimmungen von Hass und Antipathie in so ausgesprochenem Maße einander zugesandt werden!

Da steht der Kontrast vor unserem Seelenauge, wie groß die Forderungen des Geistes sind, und wie wenig wir haben tun können für unsern allerallerersten Gedanken. Und könnten wir etwa in unseren eigenen Reihen, die wir jetzt hier versammelt sind um unseren Bau, der ein Ausdruck sein soll unseres geistigen Strebens, könnten wir jetzt ein Musterbild und Modell hineinerzwingen in unsere Herzen, in unser gegenseitiges Verhalten, ein Modell der brüderlichen Gesinnung, so müsste es dieser Gedanke sein.

Möge er dazu dienen, dass er erzeuge in dem Herzen eines jeden Einzelnen von uns die Anerkennung jedes Einzelnen von uns! Es kann ja doch nur alles Einzelne, was an unserem Bau geschehen muss, mit blutendem Herzen geschehen, da wir wissen, wie wenig das, was geschieht, dem entspricht, was geschehen sollte. Wir mögen uns trösten, dass unser Ideal, das wir in Bezug auf unseren Bau haben, in der Zukunft sieghaft durch die Welt ziehen wird: Das ist kein Gedanke der Schwäche, er wird sich wandeln in uns in den Gedanken der Stärke.

Manches wird sich wandeln müssen, meine lieben Freunde, wenn wir wiederum an die Gemüter, die draußen in diesem furchtbaren Leben stehen, herantreten können. Da werden wir manches verwandelt finden, manches Gemüt wird uns anders entgegenkommen als bisher, und manches, was getan ist in unserer Bewegung, wird in Zukunft anders getan werden müssen. Und wenn wir aus den Wirren, die sich entwickeln werden, etwas für den Geist werden tun wollen, dann dürfen wir nicht fortfahren in der gleichmäßigen Pflege alter Gedanken. Wir werden neue Gedanken brauchen; solche werden sich entwickeln, die das Angedeutete notwendig macht. Aber stark werden wir nur sein, wenn wir uns rüsten mit dem Gedanken: Wohin uns auch immer die Ereignisse stellen werden, was sie auch immer von uns fordern werden, wir werden es tun im Vertrauen auf die Sieghaftigkeit des Geistes.

In friedlichen Gedanken und in friedlicher Arbeit ragt unser Bau empor. In diesen Zeiten, wo alles erschüttert zu sein scheint, wollen wir uns doch bestreben, eine Schar zu sein, die Frieden und Harmonie in eines jeden Herzen hegt und pflegt, sodass ein jeglicher über einen jeglichen die besten Gedanken hat, ohne Neid, ohne Zwietracht. Das, meine lieben Freunde, wird das Einzige sein, das bei dem Hereinragen der schmerzlichen Ereignisse möglich macht, das fortzuführen, was fortgeführt werden muss. Denn es muss und wird fortgeführt werden unser Werk, trotz alles sich Auftürmens von Hindernissen. Es wird geschehen, was geschehen muss im Sinne unserer Bewegung. Es wird geschehen, was auch an Hindernissen uns erscheinen mag!

Es kann aber nur geschehen, wenn wir versuchen, in unseren Herzen Liebe und Frieden zu halten, die aus dem Festhalten an den Geist in unseren Herzen erzeugt werden sollten. Ohne dieses kann auch draußen die Welt nicht weiterkommen; es ist aber für die Schar, die hier versammelt ist, noch eine ganz besondere Pflicht, Liebe, Frieden und Harmonie in den Herzen zu halten. Denn was an unserem Bau geschehen soll, es wird gestört, wenn es nicht in diesen Gefühlen der Liebe und des Friedens geschieht; es wird durch Neid und Zwietracht gestört. Nur wenn in die Formen, an denen wir arbeiten, Harmonie- und Friedens- und Liebegedanken hineingebaut werden, werden sie das sein, was sie sein sollen für die Menschheit, dann, wenn wieder Friede über die Welt gezogen sein wird. So viel wir an Gesinnung der Harmonie aufbringen in unseren Herzen, so viel wird sozusagen haften an diesen Formen und Ausdrucksmitteln, die unser Bau an sich hat. Wenn wir dieses wirklich einsehen, dann wird es vielleicht möglich sein, dass wir im Innersten uns durchdringen mit der Gesinnung, die ja das Ideal unseres geistigen Strebens ist.

Diese Worte wollte ich heute vorausschicken als Worte, welche rechtfertigen sollen, dass wir in diesen Zeiten hier in aller Ruhe weiterarbeiten und nicht heraustreten, um da oder dort teilzunehmen an den Ereignissen, die sich draußen abspielen werden. Zu dem aber, wozu der Einzelne aufgerufen wird in dieser Beziehung, kann nur gesagt werden, dass der Einzelne seine Pflicht tue. Wenn wir nun in aller Kraft und in Mut und Zuversicht an diesem unseren Ideal festhalten, dann wird es sich ja auch immer mehr vergrößern und wird, wenn wieder Friede über die Welt gezogen ist, seine Mission erfüllen können. Freilich wird in einem viel, viel höheren Maße notwendig sein, als es in unseren Reihen geschehen ist, dass wir versuchen, das eigene, persönliche Streben zurückzustellen, dass wir das anstreben, was wie ein geistiges Herzblut durchdringen soll unsere ganze spirituelle Bewegung.

Wie diese Worte tief aus meinem Herzen kommen, meine lieben Freunde, so möchte ich, dass sie tief in Ihre Herzen hereindringen!

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