Supplements to Member Lectures
GA 246 — 13 August 1914, Dornach
Samariterkurs Vortrag I
Das Geheimnis Der Wunde Der Geist Als Wirkende Kraft
Es ist ja durchaus möglich, dass mancher von uns in die Lage kommen kann, diesem oder jenem Menschen zu helfen. Manchmal, wenn wir in einem Eisenbahnzuge in größerer Menge zusammen waren, musste ich daran denken, dass es schön wäre, wenn unsere Mitglieder etwas leisten könnten bei Verletzungen und dergleichen. Nicht wahr, wir sind dann oft mit vielen von uns zusammen, und es könnte sich doch irgendein Unfall ereignen, bei dem unsere Mitglieder, wenn sie die nötigen Kenntnisse hätten, Hilfe leisten könnten. Nun müssen wir uns klar sein darüber, dass der erste Grundsatz, der in Betracht kommt für eine geistige Bewegung, auch hier sein muss, das geistige Verständnis der Sache in den Vordergrund zu stellen. Wer als Laie in der Welt steht in Bezug auf diese Art von Hilfeleistung, wird nicht viel Gelegenheit haben, zu bedeutsamen Handlangungen herangezogen zu werden; allein bei Verletzungen ist oft geradezu von Bedeutung das Allererste, was man tun kann, kennenzulernen.
Da müssen wir uns klarmachen, dass der menschliche Organismus in vieler Beziehung etwas außerordentlich Kompliziertes ist, das sich aber für die verschiedenen Aufgaben des Lebens unter verschiedenen Gesichtspunkten zusammenfassen lässt.
Wenn der Mensch eine Wunde an sich trägt, die durch irgendetwas verursacht worden ist, dann kommt mehr in Betracht für den menschlichen Organismus, als in Betracht kommt für den gesunden Organismus; dann brauchen wir die Erkenntnis, dass Pflege der im Seinszusammenhange selber bestehenden Methoden das Allerwichtigste ist: Zu Hilfe kommen den im Seinsorganismus liegenden Heilkräften, das ist das Allerwichtigste. Trägt der Mensch eine Wunde im Organismus, dann haben wir es nicht mehr mit den normalen Verhältnissen, sondern mit einem Lebensprozess zu tun, der herausfällt aus dem speziellen Lebensprozess, der den Organismus durchpulst in seinem normalen Zustande. Eine Wunde setzt in Tätigkeit das allgemeine, das die Welt durchpulsende Leben. Und alles, was zu geschehen hat an der Wunde, geschicht dadurch, dass ein allgemeines, überall auftretendes Leben den Organismus im Gebiet der Wunde ergreift. Was an kleinen Organismen auftritt, wenn eine Wunde da ist, das sind nur die äußeren Symptome für das, was eben ausgesprochen wurde: Sie sind ja Feinde des menschlichen Organismus, aber sie setzen sich fest an einer Wunde aus demselben Grunde, aus dem sich Fliegen festsetzen, wenn in einem Zimmer die Bedingungen da sind, die ihnen das Leben gewähren. Der allgemeine Lebensprozess er wird noch in der Zukunft in der menschlichen Entwicklung eine große Bedeutung haben.
Neben diesem haben wir den sich verstärkenden Gegenprozess des normalen Organismus selber, wenn eine Wunde da ist. Wir haben neben den roten Blutkörperchen die sogenannten weißlichen Blutkörperchen im Organismus; die machen wirklich ihren Zug hin zu der verletzten Stelle, um dort ihre Arbeit zu verrichten. Das ist der Ausdruck der Wirksamkeit derselben Kräfte, die in der Höherentwicklung unseres Bewusstseins liegen; sie sind heute Keime für spätere Erdenkräfte des menschlichen Organismus. Sie haben heute ihre verborgene Aufgabe da, wo unser Bewusstsein zustande kommt im normalen Organismus. Wenn eine Wunde da ist, versammeln sie sich dort und bewirken einen Heilungsprozess, den wir im Grunde genommen nur unterstützen können.
Der menschliche Bewusstseinsprozess tritt da in den Kampf mit dem allgemeinen Lebensprozess - und das, was da wie eine Art Kampf entsteht, das können wir unterstützen. Dieser Kampf muss uns vor allen Dingen den Gedanken nahelegen, wahrzumachen dasjenige, was wir uns haben aneignen können als tiefstes Bewusstsein, dass der Geist eine wirkende Kraft ist und dass der Glaube an ihn dasjenige ist, was der äußeren materiellen Hilfe zugutekommen muss.
Was ich jetzt ausgesprochen habe, lässt sich in dem Gedanken zusammendrängen: Ein Leben, das sonst nicht in Tätigkeit ist, ist Tätigkeit an einer blutenden oder heilenden Wunde, und in diesem Leben ist zugleich die heilende Kraft darinnen für die Wunde. Indem die Verwundung geschieht, wird zugleich diese Gegenkraft, die Heilkraft ist, aufgerufen. Sie tritt hervor, wenn an einem Menschenleibe etwas verletzt worden ist. Was in diesen Kräften gegeneinander kämpft, wird in der Zukunft viel mächtiger sein, und die Menschen werden es beherrschen lernen. Es wird der Mensch selber diese Kräfte in Wechselwirkung bringen können. Dasjenige, was heute um eine Wunde herum wirkt, wird dann vom menschlichen Bewusstsein selber aufgerufen werden können. Heute sagen wir: Die guten Geister senden uns Heilkraft. Und heute muss der Mensch verletzt sein, wenn diese Kräfte in Wirkung treten sollen; was in der Zukunft normal sein wird, muss heute durch eine solche Verwundung aufgerufen werden. Wenn wir aber die Kraft des Geistes in uns aufnehmen werden, dann werden wir selber diese Kräfte aufrufen können.
Wenn wir bei den Ereignissen, die sich jetzt draußen abspielen, helfend werden eingreifen dürfen, dann, meine lieben Freunde, verliert nicht den Glauben an den Geist, bewahrt ihn auch bis in eure Handgriffe hinein. Wir treten der Wunde gegenüber, gestärkt in unserem Gemüt durch den Glauben an den Geist und mit den Worten in unserem Herzen:
Quelle Blut
Im Quellen wirke
Regsamer Muskel
Rege die Keime
Liebende Pflege
Wärmenden Herzens
Sei heilender Hauch!
In diesen Zeilen ist alles enthalten, was man das Geheimnis einer Wunde nennen kann. Und es ist viel besser als alles abstrakte Wissen: in Gedanken zu haben dasjenige, was wirksam ist im geistigen Zusammenhange der Welt.