The History of the German Section of the Theosophical Society 1902-1913
GA 250 — 5 November 1904, Berlin
17. Bericht Über Die Generalversammlung Der Deutschen Sektion
Bericht von Richard Bresch im «Vâhan», Jahrgang VI, Nr. 5, November 1904
Nachdem am Sonnabend von drei Uhr ab die Vorstandssitzung stattgefunden hatte, war die eigentliche Generalversammlung auf SonntagVormittag, zehn Uhr anberaumt worden. Vertreten waren sämtliche dreizehn Logen, Berlin mit fünf, Leipzig mit drei, alle anderen Logen mit je zwei Stimmen, zusammen dreißig Stimmen. Düsseldorf, Hannover, Lugano, Nürnberg waren nicht direkt, sondern durch Bevollmächtigte, und Nürnberg, Dresden und München als neue Logen zum ersten Male vertreten.
Der Generalsekretär Dr. Rudolf Steiner hieß die Anwesenden willkommen und betonte, dass wir Deutschen für Mittel-Europa ein vorgeschobener Posten seien zur Ausbreitung der großen geistigen Welle, die sich im Jahre 1875 über das Abendland durch die theosophische Bewegung ergossen hat. Dann warf er einen Rückblick auf das verflossene Jahr und hob den Besuch von Frau Besant als das bedeutendste Ereignis für die Deutsche Sektion hervor, von dessen günstigem Einflusse er überzeugt sei. Alsdann kam Herr Dr. Steiner auf seinen Vortrag im Dresdener Kongress zu sprechen. Was ihn als Theosophen dazu bewogen habe, dafür sei er keine Rechenschaft schuldig, wohl aber wolle er als General-Sekretär einige Worte dazu sagen. Er fasse die Tatsache, dass die sogenannte sezessionistische Bewegung unseren Titel «Theosophische Gesellschaft» angenommen habe, als einen Irrtum auf, gleichviel ob derselbe moralisch oder intellektuell sei. Unser Verhältnis den anderen gegenüber sei also dahin zu verstehen, dass wir ihnen helfen müssten. Den Vortrag, den man von ihm verlangt hat, würde er überall gehalten haben, wie immer die Gesellschaft sich nenne. Eine andere Frage sei es, ob man sich an den Organisationen aktiv beteiligen solle! Das sähe er (Dr. Steiner) persönlich für einen Fehler an, und deshalb habe er sich auch an nichts beteiligt während des ganzen Kongresses, trotzdem er die ganze Zeit in Dresden war. Betreffs der Abstimmung wurde, was bisher noch ein zweifelhafter Punkt war, beschlossen, dass es den Logen freistehen solle, ob sie ihre beziehungsweise Stimmen in eine Hand legen oder sie durch mehrere Delegierte abgeben lassen wollen. Um Umstände zu vermeiden wird gebeten, alle für die Deutsche Sektion bestimmten Sendungen (auch Zahlungen) an Fräulein Marie von Sivers, Berlin W., Motzstraße 17 zu adressieren.
In den Vorstand wurde statt Dr. Noll (Kassel) Fräulein Stinde (München) und statt Herrn Oppel (Stuttgart) Herr Arenson (Cannstatt) gewählt; zum Schatzmeister anstelle von Frau von Holten Herr Seiler (Charlottenburg). Zum Kassenrevisor anstelle des Herrn Seiler Herr Krojanker.
Was die Kasse anbetrifft, so beliefen sich die Einnahmen am Schluss des Geschäftsjahres auf Mark 1795, die Ausgaben auf Mark 795,04. Hiervon wurden Mark 427,51 an das Hauptquartier in Adyar gezahlt, die übrigen Ausgaben verteilen sich auf den Druck der Satzungen, Kongresseinladungen, Porto, Beitrag der Deutschen Sektion zum Amsterdamer europäischen Kongress, sodass der Kassenbestand sich zurzeit auf Mark 999,96 stellt.
Die Mitgliederzahl ist von 130 am 1. Oktober 1903 auf 251, also um 121 Mitglieder gestiegen. Ausgetreten beziehungsweise gestorben sind 7 Mitglieder.
Von den Vertretern der auswärtigen Zweige werden verschiedentlich Berichte über deren Tätigkeit gegeben. Speziell zu erwähnen ist, dass Lugano schriftlich und Stuttgart durch seinen Vertreter mündlich Herrn Dr. Steiner für seine Tätigkeit im verflossenen Jahre ihren Dank aussprechen.
Angeregt durch die S. 86 des Oktober-«Vâhan» stehende redaktionelle Fußnote waren von Herr Ffelix] L[öhnis] (für Dresden) zwei Anträge eingebracht worden. Der erste lautete, nicht den Worten, doch dem Sinne nach wie folgt: Die Generalversammlung wolle sich schlüssig machen, ob sie es als mit dem Geiste der Verfassung und den Entscheidungen beziehungsweise Exekutiverlasse des Generalrates und Präsidenten der Theosophischen Gesellschaft im Einklang stehend ansieht, wenn Adyar-Mitglieder sich an der Einberufung eines allgemeinen Theosophenkongresses beteiligen.
Bei der Beratung dieses Antrages wurde allerdings die Befürchtung laut, dass der der Sezession gegenüber im «Vâhan» zuweilen angeschlagene scharfe Ton der Sache vielleicht mehr schaden als nutzen möchte, sachlich jedoch wurde der in beregter Fußnote vertretenen Anschauung, mit Ausnahme des Antragstellers, allgemein zugestimmt, wie es ja auch der von Dr. Steiner dargelegten Richtschnur entsprach. Derartigen Kongressen wohne erfahrungsgemäß die Tendenz, eine neue Organisation zu bilden, von Natur aus inne. Man könne daher die Miteinberufung solcher Kongresse durch Adyar-Mitglieder nicht billigen, ein solches Tun also auch nicht mehr als bloße Privatangelegenheit der Mitglieder ansehen. Infolgedessen wurde der folgende Antrag zum Beschluss erhoben:
«Die Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft vom 30. Oktober 1904 beschließt, sich an keiner Unternehmung, die von anderen sogenannten theosophischen Gesellschaften ausgehen, zu beteiligen und erachtet es als Pflicht jedes einzelnen Zweiges, in gleicher Art zu handeln. Alle Teilnahme kann als nur eine private der einzelnen Mitglieder sein.»
Der zweite Antrag des Herrn Ffelix] L[öhnis] ging dahin, alle im «Theosophist» und (deutsch) im «Vâhan» verstreuten Generalbeschlüsse und Exekutiverlasse zu sammeln und den Satzungen beizufügen, damit niemand, dem beim Eintritt in die Gesellschaft nur Verfassung und Satzungen vorgelegt seien, eines Tages, wie es dem Antragsteller mit der beregten Fußnote ergangen, quasi hinterrücks von einem solche Beschluss überfallen werden könne, und ferner, damit der Polizei, welcher bei Gründung einer Loge Verfassung und Satzungen einzureichen sind, alles vorgelegt und sie redlich behandelt werde. Dieser Antrag fand volle Zustimmung und wurde zum Beschluss erhoben. Zu verwundern dabei ist nur, dass er sich innerhalb der gesamten Gesellschaft nicht schon längst als Bedürfnis herausgestellt hat.
Nachdem jene Fußnote nun in wichtiger Sache Klarheit gebracht, sie die Mitglieder also vor Fehltritten bewahrt und außerdem noch einen wahrlich nicht gering zu veranschlagenden, dauernden Nutzen gestiftet hat, werden diejenigen Leser, welche an ihr Anstoß genommen haben, mit ihr sich wohl aussöhnen. Weshalb das alles nicht auch ohne «Flucht in die Öffentlichkeit» erreichbar war, muss hier aber unerörtert bleiben.
Von München aus wurde der Antrag gestellt, wegen der dort herrschenden, für Theosophie günstigen Aussichten das Hauptquartier nach München zu verlegen, indes wurde dieser Antrag von der Generalversammlung lediglich zu Protokoll genommen. Alsdann regt Herr B. Hubo den Gedanken an, zu freiwilligen Beiträgen aufzufordern, um die Gesellschaft pekuniär besser zu fundieren. Nach kurzer Debatte wird beschlossen, dass der Vorstand beauftragt werden solle, zu solchen Beiträgen aufzufordern. Um halb drei Uhr waren alle Punkte der Tagesordnung erledigt.
Am Abend des 30. Oktober von halb fünf Uhr ab fanden Vorträge und Diskussion statt, zuerst sprach unser Herr Bresch über das Thema: «Sollen wir die Jugend Theosophie lehren?». Hierauf Herr Dr. Steiner «Über das Wesen des Hellsehens». Ein Referat über den letzteren Vortrag finden die Leser in der vorliegenden Nummer, den ersteren gedenken wir in der nächsten oder übernächsten Nummer zu bringen.