The History of the German Section of the Theosophical Society 1902-1913
GA 250 — 2 June 1909, Berlin
40. Persönlicher Bericht Über Den Budapester Kongress
von Alice Kinkel
Budapest, die von der Natur so reich mit Schönheit und Poesie bedachte, wundervolle, ungarische Hauptstadt, die so gerne darum zum Abhaltungsplatze für Kongresse und Versammlungen gewählt wird, sie sah nun auch in ihren gastfreien Mauern die von europäischen und überseeischen Sektionen zusammengeströmten Theosophen der verschiedensten Nationen, die — etwa 250 an der Zahl - gekommen waren, um den Festsaal der Pester-Lloyd-Gesellschaft dem fünften Kongress der Föderation der Europäischen Sektionen der Theosophischen Gesellschaft beizuwohnen.
Es soll gleich an den Anfang dieses Berichts gestellt werden, dass die ungarische Sektion sich ihrer schweren Aufgabe der Veranstaltung eines Kongresses vortrefflich gewachsen gezeigt hat, und den theosophischen Brüdern und Schwestern in Liebe und Herzlichkeit den Aufenthalt in der von den Donaufluten bespülten, prachtvollen Stadt so angenehm und reichhaltig als nur irgend möglich gemacht hat. Das Programm, das eine Fülle geistiger Genüsse anzeigte, wird dieses am besten selbst bestätigen.
Der Samstag-Abend vereinigte die Teilnehmer bereits zu einer zwanglosen Zusammenkunft geselliger Art, in den Sälen des Hotels Bristol, die Gelegenheit zur Begrüßung und Anschluss der Mitglieder untereinander bot und durch die Anwesenheit von Frau Besant und Herrn Dr. Steiner verschönt wurde. Französisch, ungarisch, englisch, holländisch, italienisch, russisch und deutsch wurde da lebhaft geplaudert und Wiedersehen gefeiert und Bekanntschaft und geistige Bruderschaft geschlossen. Von deutschen Zweigen waren Berlin, München, Stuttgart, Leipzig, Regensburg vertreten. Besonders zahlreich hatten sich Holland (ca. 35), auch Frankreich, Italien und England eingefunden.
Das Programm des ersten Kongresstages wickelte sich folgendermaßen ab: Die Einleitung bildeten Musikvorträge eines trefflichen ungarischen Männerchores, diesen folgte die herzliche Begrüßungsansprache in französischer Sprache des Vizepräsidenten der ungarischen Sektion, Herr Stark. Als Präsident des Kongresses wurde zu unser aller Freude Frau Besant gewählt, als Vizepräsidenten galten abwechslungsweise die Generalsekretäre der verschiedenen Sektionen.
Warm und herzlich klangen die Worte, mit denen Frau Besant den Kongress eröffnete und die Anwesenden der verschiedenen Länder, besonders die ungarischen Brüder und Schwestern, begrüßte. Nach ihr taten dieses in ebensolcher Weise die Vertreter der einzelnen Sektionen - für England Miss Shaft in Englisch und so jeder in seiner Landessprache, was einen ebenso sympathischen Eindruck machte wie die Idee der Theosophie, den Zusammenschluss von Menschen aller Nationen zu einem gemeinsamen Zweck, in würdig schöner Weise zum Ausdruck brachte. Für Russland sprach Fräulein Kamensky, als französischer Vertreter Herr [Blech], italienischer Professor Penzig, deutscher Dr. Steiner, ungarischer Herr Ägoston, holländischer Herr [Cnoop Koopmans], auch der skandinavische, finnische, bömische und bulgarische Abgesandte fand in seiner Muttersprache liebe Worte der Begrüßung für die Versammelten. Der Sekretär der Föderation, Mister Wallace, gab seinen Bericht und verlas die verschiedenen Glückwunsch-Telegramme, worunter sich auch ein solches aus Adyar befand. Den Vormittag schloss der Festvortrag von Frau Besant, in welchem sie mit den all ihr zu Gebote stehenden glänzenden theosophischen und rhetorischen Mitteln die Einheit der Theosophie, der theosophischen großen Lehrer (besonders Dr. Steiner und Frau Besant) sowie der hinter der theosophischen Bewegung stehenden Meister, mit Kraft, Herzlichkeit und in Gefühl und Seele der Menschen eindringender Gemütswärme betonte und zum Ausdruck brachte und speziell ihre Einheit und Einigkeit mit Dr. Steiner immer wieder hervorhob. Als Ausdruck derselben lud sie ihre Schüler und diejenigen von Dr. Steiner zu einer gemeinsamen esoterischen Stunde von Frau Besant auf den Nachmittag ein.
Die wichtigsten Hauptpunkte ihres Vortrages waren die Theosophie an sich, ihre und daher unsere Aufgabe in der Gesellschaft selbst und in der Welt draußen. Wir sollen sein für die Menschheit ein Licht auf einem Berge, das den anderen leuchtet, und wir sollen Brüderlichkeit und Geduld in der Gesellschaft üben und ausbilden und keine Kritik. (Der Vortrag von Frau Besant wird wohl gedruckt werden.)
Um ein Uhr versammelte nach den geistigen Genüssen der Speisesaal uns alle zu festlichem Mal. Der Nachmittag rief uns nach Ofen hinüber zur esoterischen Stunde der Frau Besant, in die herrliche parkumgebene Villa des Professors Zippernowsky, bei welchem Frau Besant wohnte und wo wir sehr gastlich empfangen wurden.
Tee um halb sieben Uhr lautete das Programm und acht Uhr Vortrag von Dr. Peipers aus München über «Okkulte Anatomie und Medizin». Auch hier Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos.
Der Pfingstmontag brachte den Festvortrag von Herrn Dr. Steiner «Von Buddha zu Christus», ein Vortrag, so gewaltig, so herrlich, so weite und tiefe Ausblicke gebend, wie wir es bisher nur in engstem Kreise hören durften.
(Meine Nachschrift dieses Vortrages steht für einen der nächsten Zweigabende zum Vorlesen zur Verfügung, wodurch der gewaltige Gesamteindruck am besten wiedergegeben werden dürfte.)
Der Vormittag schloss mit der Vorlesung des französischen Vortrages «Quelques notes sur l’application de la photographie à étude des phénomenes psychiques», der manches interessante Material barg.
Nach Tisch brachte die niederländische Gruppe ihren Rapport über «Theosophie und Erscheinung» vor und fanden Diskussionen über «Kindererziehung» und «Fotografie» statt.
Sehr schön, poetisch und reich an Inhalt in der uns angenehm bekannten packenden Weise sprach Frau Wolfram über «Das Mysterium der Liebe - Tristan und Isolde und deren okkulte Bedeutung und Beziehung».
Am Morgen wurde noch von Frau Besant verkündigt, dass Herrn Dr. Steiner in Anbetracht seiner Verdienste um die theosophische Literatur die Subba-Row-Medaille verliehen worden ist.
Zum Abend hatte die ungarische Sektion uns alle zur Vorstellung ins Nationaltheater in das Stück «Die Tragödie des Menschen» (von Madách) eingeladen, und uns dadurch einen schönen künstlerischen Genuss bereitet.
Den dritten Kongresstag eröffnete Dr. Ungers Vortrag über «Theosophische Lebenskräfte». Der Eindruck seiner Rede möge mir die Worte gestatten: Freuen wir uns, dass wir solch starke, gute, geistige Kraft als Arbeiter in Stuttgart haben.
Nach ihm behandelte Frau Windust aus Holland in englischer Sprache das sehr interessante Thema «Die Druiden, deren Symbolismus und Mysterien»; leider waren Stimme und Vortragsweise der Dame nicht schr verständlich.
Sehr interessant und anregend war die Rede der Russin Madame Vunkowsky in französischer Sprache über Bedeutung und Zusammenstimmung von Farben, Zahlen und Tönen. Ihre Vorführungen, die sie auch neben Bildern durch Musikproben - die Dame ist eine geniale Violinkünstlerin - unterstützte, wurden, da sie so großes Interesse erregten, am Nachmittage fortgesetzt und boten viel Lehrreiches.
Darauf wurde über Gründung einer theosophischen Schule zur Heranbildung von Lehr- und Propaganda-Zwecken sowie über Gründung eines theosophischen Weltblattes in eventuell Esperanto-Sprache, ohne Beschluss, diskutiert.
Diesen schloss sich ein Vortrag des Herrn Joseph Migray über «Moderne Erkenntnistheorie und Theosophie» an.
Der Abend brachte den öffentlichen, sehr gut besuchten, gewohnt schönen Vortrag von Frau Besant, der inhaltlich eine Zusammenfassung der von ihr in ihrer «Studie des Bewusstseins» niedergelegten Begriffe und theos[ophischen] Ideen genannt werden kann. (Fräulein Völker kann über den Inhalt des Buches vielleicht einiges sagen.)
Auch der letzte Kongresstag hatte für uns eine Fülle des Schönen und Erhebenden vorgesehen.
Erstens: Zweiter Vortrag des Herrn Dr. Peipers über das schon angegebene Thema.
Zweitens: Vortrag von Frau Besant: «The Christ - who is he?». Sie entwickelte darin im Wesentlichen in wundervoller Fassung und Ausdrucksweise die uns durch Herrn Dr. Steiner bereits mitgeteilten Gesichtspunkte über die Individualität des Christus und seiner Sendung für die Menschheit der Gegenwart (Ausbildung des «Ich-bin-Prinzips»). Ehe zum letzten gemeinsamen Mittagsmahl geschritten wurde, fand die fotografische Aufnahme der sämtlichen Teilnehmer des Kongresses statt; und so viel ich nach eigenem Anschauen des Probebildes darüber sagen kann, ist sie sehr gelungen.
Um drei Uhr sprach Frau [Sheilds] aus Berlin kurz über das «Johannes-Evangelium». Nach ihr Herr Dr. Steiner über die eigenartigen Bildwerke des nordischen Künstlers und Mitgliedes Herrn [Heyman], die in für den Okkultisten erfreulicher Weise unbewusst in höheren Welten Geschautes wiedergeben. Hier darf vielleicht noch erwähnt werden, dass der Festsaal mit Bildern theosophlischer] Künstler in schöner, sehr interessanter Art geschmückt war.
In französischer Sprache las Frau Kamensky aus Petersburg über «La philosophie russe et la theosophie».
Den offiziellen Schlussakt bildeten Frau Besants Abschiedswort an die Anwesenden und die Erwiderung darauf vom Leiter der ungarischen Sektion.
Es war eine schöne Zeit für uns alle gewesen, die hoffentlich die theosophische Sache und ihre Menschheitsmission gefördert hat.
Zwei wichtige Eindrücke dürfen wir mitnehmen und mitteilen: Die Einheit und Einigkeit von Frau Besant und Dr. Steiner und die schöne Wahrnehmung, wie warm und innig sich Frau Besant dem Christusprinzip genähert hat, und wie sie sich bemüht, es als Gegenwartsprinzip mit aller Kraft zu vertreten. Zwei schöne Ausblicke, die uns die Erinnerung an das Erlebte, das tief in unseren Herzen bleiben wird, dieser inhaltsreichen Tage doppelt Wert machen darf.
Der nächste Kongress findet Ostern 1911 in Turin statt.
Der öffentliche Vortrag von Herrn Doktor Steiner war nach dem offiziellen Schluss im Kongress-Saal sehr besucht. Das Thema lautete: «Über Geisteswissenschaft - Woher stammen diese Erkenntnisse der geistigen Welten und welcher Weg führt dazu in der Gegenwart?». Eine gewaltige und mächtige Rede, die an die Herzen und an das Denken der Menschen, an ihre Gefühls- und Empfindungsleben mit Tönen und Bildern pochte, wie sie eben in solcher Kraft, Innigkeit und Enthusiasmus für seine heilige Mission nur Dr. Steiner zu geben vermag.
Nach dem Vortrag halb neun Uhr wurde ein Ausflug bei Mondschein zu Fuß oder zu Wagen nach dem Blocksberg, Gellert-hegy, unternommen, dem auch Frau Besant und Dr. Steiner beiwohnten, und [der durch die Fahrt über die Donau, durch die weltberühmte Kettenbrücke], den Ausblick von oben herab auf die wunderherrliche, in fast südlichem Zauber der Beleuchtung und Naturschönheit prangende Stadt mit poetischem Gefühl die Herzen ergriff. Ein Mondenscheinspaziergang auf die Zitadelle, von wo aus man die Stadt, beide Ufer, das Land, den Strom, die Berge und die Heide übersicht, den begleitende Zigeunermusik würzte, erweckte die richtigen schönen und reinen Gefühle, um Abschied zu nehmen in geeignetem Sinn und Empfinden von einem theosophischen Kongress und seinen Teilnehmern.
(Der Zyklus von Herrn Dr. Steiner über «Theosophie und Okkultismus des Rosenkreuzers» fand vom 3. bis 12. Juni 1909 statt. Diese zehn Vorträge sowie der Kongressvortrag wurden nach meinen Notizen dem Archiv übergeben.
Den öffentlichen Vortrag vom 2. Juni 1909 habe ich leider nicht mitgeschrieben.)