The History of the German Section of the Theosophical Society 1902-1913
GA 250 — 21 June 1909, Budapest
39. Der Budapester Internationale Kongress Der Föderation Europäischer Sektionen Der Theosophischen Gesellschaft 1909
Begleitwort von Marie Steiner zur Publikation des Berichtes von Rudolf Steiner in «Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht» Nr. 1922/1944:
Es dürfte von historischem Interesse sein, an dieser Stelle den Bericht anzuschließen, den Dr. Steiner selbst über den Kongress mündlich gegeben hat. Die in den «Mitteilungen» von 1909 erschienene Wiedergabe dieses Berichtes ist recht getreu. Wir werden damit zurückversetzt in die Zeit der beginnenden Auseinandersetzung mit den Führern der Theosophischen Gesellschaft, welche die christlich-esoterische Strömung des westlichen Okkultismus dadurch zurückzudrängen versuchten, dass sie bald darauf den «Stern des Ostens» begründeten und den Krishnamurti als den wiedergeborenen Heiland verkündeten. - Es soll hier statt eines anderen Berichtes der Vortrag gegeben werden, welchen Dr. Rudolf Steiner im Berliner Zweige über den Budapester Kongress gehalten hat. Dr. Steiner sagte etwa Folgendes:
Rudolf Steiners Bericht:
Seit dem Münchener Kongress ist eine Änderung in der Abhaltung dieser Versammlungen eingetreten. Vorher war die Einrichtung so, dass der Kongress jedes Jahr stattgefunden hat. Seit dem Münchener Kongress ist, nach einer Besprechung, die schon im Anschluss an den Kongress in Paris stattgefunden hatte, eine Änderung eingetreten. Seit jener Zeit finden diese Kongresse alle zwei Jahre statt. Demnach ist auch zwischen dem Münchener und dem Budapester Kongress ein Zeitraum von zwei Jahren verflossen. Der nächste Kongress wird im Jahre 1911 in Turin sein und wird von unserer Italienischen Sektion veranstaltet werden.
Vor allen Dingen muss in Bezug auf den letzten Budapester Kongress erwähnt werden, dass wir uns innig freuen durften über den Enthusiasmus und den starken theosophischen Idealismus unserer ungarischen Freunde und Gesellschaftsmitglieder. Die Ungarische Sektion gehört zu den jüngsten Sektionen, die innerhalb Europas gegründet worden sind. Innig freuen konnten wir uns über die Mühe und Hingebung, mit der unsere ungarischen Freunde diese Veranstaltung getroffen hatten. Es war innerhalb der Theosophischen Gesellschaft wirklich vorhanden, was man nennen kann ein Sinnbild, ein Abbild von dem, was derjenige kennt, der ein wenig bekannt ist mit ungarischen Verhältnissen. Die ungarische Nation gilt mit Recht als eine gastfreundliche, und diese Eigenschaft, in eminent landesüblicher Auffassung, war es, was uns bei diesem Kongress besonders hat entgegentreten können.
Es ist in Budapest abgesehen worden von dem, was in München angestrebt wurde, und was in gewisser Beziehung zu nennen ist «Harmonisierung» des äußeren Milieus und dessen, was in den theosophischen Herzen vorgeht. Wir haben damals den Anfang damit gemacht - und eine weitere Durchführung dieser Idee zeigt dieser unser Berliner Logenraum - im umgebenden Raum symbolisch zum Ausdruck zu bringen, was unsere Herzen bewegt. Denn es ist nicht gleichgültig, was an Gedankenformen von außen angeregt wird, von dem Raume nämlich, von wo theosophische Gedanken von innen heraus erlebt und bewegt werden sollen.
Die Ungarn haben aber dadurch Ersatz gefunden, dass sie den Saal mit symbolischen Kunstwerken ausschmückten. Diejenigen Mitglieder, welche nicht Beamte der Gesellschaft sind - die Letzteren sind während des Kongresses mit Verwaltungsarbeiten beschäftigt -, konnten in den Mußeaugenblicken die mannigfaltigsten, namentlich von ungarischen Künstlern herrührenden symbolischen Bilder an den Wänden betrachten. Ich möchte im Besonderen betonen, dass diese Ausschmückung des Saales gezeigt hat, wie diese Nation innerlich veranlagt ist, ein gewisses Urelement des Empfindens und Vorstellens mit einer, aus einem tiefen Zusammenwachsen mit den europäischen Verhältnissen hervorgegangenen Sinnigkeit zu vereinen, und wie dadurch namentlich in der symbolischen Malerei Interessantes zum Vorschein kommt. Ein Bilder-Zyklus, wie derjenige war von Alexander Nagy, welcher das Suchen nach dem Glück symbolisch darstellte, und zu zeigen versuchte, wie der in die Welt Hineingeborene zunächst alles um sich herum begehrt, namentlich das Glück des Menschenherzens; dann weiter, wie das auf der Suche nach dem Glück befindliche Menschenherz die verschiedensten Erlebnisse, welche die Außenwelt bieten kann, durchmacht, wie es erlebt, was in der Welt des Reichtums und der Armut vor sich geht, wie es dazu kommt, zu sehen, dass das Glück auf der Wanderung durch das Leben nicht erreicht werden kann, wenn es nicht gesucht wird in der Liebe zu den anderen Wesen, die mit uns leben; und schließlich, wie das Glück für das alleinstehende Herz, das nur sich leben will, niemals gefunden werden kann. In ähnlicher symbolischer Weise sind mancherlei Ideen in Bildern zum Ausdruck gebracht, die die Seele mit Tragik erfüllen. So auch namentlich in den ernsten sinnigen Bildern von [Belé Takéch].
Von besonderer Bedeutung war die photographische Wiedergabe eines großangelegten Kunstwerkes eines unserer Mitglieder von der Skandinavischen Sektion: Frank [Heyman]. Er hat eine merkwürdige Art, künstlerisch zu schaffen. Mir trat diese Art des Schaffens schon unter wesentlich günstigeren Umständen entgegen; damals, als ich in der Lage war, den schaffenden Künstler in seinem Atelier zu besuchen. Auf einer meiner Reisen, die ich im Interesse der Theosophie zu machen hatte, kam ich auch durch Göteborg, lernte Heyman persönlich kennen und wurde von ihm in sein in der Nähe von Göteborg befindliches Atelier geführt. Dies liegt auf einer Anhöhe. Nach allen Seiten hin hat man ein wunderbares Panorama vor sich. Man kann sich kaum eine inspirierendere Landschaft denken, als sie da in der Runde sichtbar ist.
Es sind im Grunde recht wenige, aber gewaltige Kolosse von Kunstwerken da, die von Frank Heyman geschaffen sind. Es sind Gestalten, welche auf den realistischen Sinn unserer Zeit einen Eindruck machen dürften, den man vielleicht mit folgenden Worten charakterisieren könnte: Was ist denn da wieder für ein verrückter Maler? Man sieht einige Kolossal-Gestalten, bei denen der Kopf aussieht wie eine prismatische, aber nicht regelmäßig gestaltete Figur. Hände, Gesten, kurz, die ganze Figur ist in der mannigfaltigsten Weise winkelig, eckig gestaltet.
Einen anderen Eindruck macht diese Figur auf den Okkultisten. Der hat sogleich den Eindruck: Das ist etwas, was aus einer höheren Welt heraus empfunden ist. Wenn man nämlich weiß, welches die eigentlichen Geheimnisse des menschlichen Ätherleibes sind, wenn man weiß, wie dieser Ätherleib als Kraftleib hinter dem physischen Leib steht, weiß, wie bei jeder Bewegung, die im physischen Leibe zum Ausdruck kommt, im Ätherleib jedes Mal eine ganz bestimmte Bewegung vor sich geht, so hat man den Eindruck, als ob der Künstler aus den Kräften des Ätherleibes heraus schaffte und seine übersinnlichen Erlebnisse in diesen Formen hinstellte.
So wurde von ihm zu zeigen versucht, wie des Menschen Seele sich entwickelt und, man könnte sagen, wie der Ätherleib in dieser Entwicklung wirkt. Die Grundempfindung, die man im Anblicke seiner Kunstwerke hat, ist so, wie wenn er die Frage an sich stellte: «Was bin ich?» Und wenn diese Frage den ganzen Menschen durchbebt, dann kommt der Ätherleib in eine Regelmäßigkeit hinein, die Frank Heyman in schöner Weise in seinen Werken zum Ausdruck gebracht hat. Was er also darstellt, sind die einfachen geometrischen Formen des gleichsam kristallisierten Ätherleibes.
Ein zweites Bild verkörpert die Frage des sich in sich versenkenden Menschen: «Was bin ich?». Man fühlt in der Form die Ausströmung der Empfindung «Friede». Auch hier sind die Ätherströme in der Plastik zum Ausdruck gebracht. Man hat es also in der Plastik unseres Freundes Heyman nicht mit Gestalten des physischen Leibes zu tun, sondern damit, dass er das, was im Ätherleib vorgeht, in die plastische Substanz hineinkristallisiert. Dann wird das ganze Innenleben des Menschen bis zur Aufschau zum Göttlichen in dieser Weise dargestellt. Man darf wirklich sagen, was ich in Budapest in einer kurzen Ansprache über diese Kunstwerke angedeutet habe: Die theosophische Bewegung wird um so mehr blühen und gedeihen, je mehr nicht nur vonseiten der Lehrer, sondern von allen Seiten Ströme des Lebens aus ihren Impulsen fließen. Es ist viel getan, wenn in dieser Weise der Kunst aus der Theosophie Ströme des Lebens zufließen.
Man würde nicht nur einen Eisenbahnwagen nötig gehabt haben, wenn man diese nicht sehr zahlreichen, aber kolossalen Kunstwerke von Göteborg in Schweden nach Budapest hätte bringen wollen. Dieser Transport ließ sich nicht ermöglichen, und so mussten sich die Besucher mit kleineren Photographien der Kunstwerke begnügen.
Aber es ist meine Hoffnung, dass, wenn die theosophische Bewegung immer stärker und stärker werden und die Kultur der Zeit immer mehr davon aufnehmen wird, unser Freund Frank Heyman noch einmal als Künstler für sie von größter Bedeutung werden wird. Das nur, um hinzuweisen auf die Art der Ausschmückung des geräumigen Saales, der uns zur Verfügung stand.
Besonders hervorzuheben war, dass die europäischen Sektionen vollzählig zu diesem Kongresse erschienen waren, was man auch daraus erschen konnte, dass bei der Begrüßung der Herren Generalsekretäre die verschiedensten europäischen Sprachen vom Podium herunter ertönten.
Man konnte Befriedigung darüber empfinden, wie, obgleich vielleicht nur die wenigsten, in dem Momente, wo die verschiedensten Sprachen gesprochen wurden, den Redner physisch verstehen konnten, die theosophische Bewegung ein Element ist, das nach und nach eine Sprache ausbilden wird, die von Herz zu Herzen, von Seele zu Seele geht und ein Verständnis schafft zwischen den verschiedenen Nationen.
Zu den älteren Sektionen: der skandinavischen, französischen, holländischen, englischen, italienischen, deutschen, finnischen - welch Letztere unser Freund Selander vertrat, der heute in unserer Mitte zu sein uns das Vergnügen macht —, kamen noch zwei neue Sektionen, die wir seit kurzer Zeit innerhalb Europas haben: die russische und die tschechische Sektion. Außerdem war ein Vertreter Bulgariens da. Ein Mangel an Sprachen war also bei der Begrüßung durch die Generalsekretäre wirklich nicht vorhanden.
Bedeutsam war es, dass der Präsident der Theosophischen Gesellschaft, Misses Besant, in Person den Kongress leiten und damit wieder einmal in unserer Mitte sein konnte. Am Abend des 28. Mai hatten sich die Kongressmitglieder zu einer zwanglosen Begrüßung zusammengefunden.
In ihrer ersten Ansprache am Sonntag, dem 29. Mai, sprach Misses Besant, insbesondere über die Stellung der theosophischen Bewegung innerhalb des Geisteslebens der gegenwärtigen Zeit. Sie zeigte, wie sich die theosophische Bewegung in unser gegenwärtiges Geistesleben hineinstellt. Sie gab einen großen Überblick über die Entwicklung der Menschheit, namentlich in den drei letzten Kulturepochen bis in unsere Epoche herauf. Sie zeigte, wie sich aus den verflossenen Kulturepochen, der dritten, der vierten der nachatlantischen Zeit und aus unserer fünften Epoche heraus allmählich der Mensch entwickelt hat, wie sich dann in unserer Zeit gerade die theosophische Bewegung in das Ganze dieses Geisteslebens hineinstellen muss, wie durch die theosophische Bewegung in unserer Zeit dieses Geistesleben einen besonderen Aufschwung nehmen, einen besonderen Einschlag erhalten muss. Es war eine bedeutungsvolle Rede, aus dem Grunde, weil sie zeigen konnte, wie die theosophische Erkenntnis der Menschheitsgeschichte in der Tat nicht nur dazu da ist, um die Neugierde dieses oder jenes Menschen zu befriedigen, sondern uns darauf hinzuweisen, welches unser Platz in der Geistes-Entwicklung der Menschheit ist. Nicht darum handelt es sich, dass wir theoretisch lernen: Die einzelnen Rassen und Unterrassen entwickeln sich in dieser oder jener Weise -, sondern darum, dass wir erkennen, auf welchen Platz wir selbst in der gegenwärtigen Zeit gestellt sind.
Wie in früheren Epochen neue Impulse gekommen sind, um neue Einschläge zu geben, so leben wir durchaus in einer Zeit, in welcher die großen Ideen der theosophischen Bewegung - Brüderlichkeit, Reinkarnation und Karma - Platz greifen sollen in den Herzen und zur Geltung kommen sollen in denjenigen Menschen, welche innerhalb der Theosophischen Gesellschaft sich sammeln, um wirklich eine Art Zukunftskultur ‚herbeiführen zu helfen.
Es war von besonderer Bedeutung, dass Misses Besant dabei betonte, wie notwendig es ist, bei den mannigfaltigen, auseinandergehenden Meinungen innerhalb der theosophischen Bewegung unseren Platz in der Geistesentwicklung der Menschheit zu erfassen, und dass es wahrhaft nicht darauf ankommt, ob wir dieser oder jener Richtung oder Strömung angehören, sondern darauf, dass sich diese verschiedenen Strömungen innerhalb der Theosophischen Gesellschaft friedlich zusammenfinden, so zusammenfinden, dass sie in gemeinsamem Geistesstrom in die Menschheit einfließen, der im Wesentlichen dadurch zu charakterisieren ist, dass die, welche zu ihm gehören, sich bewusst sind, dass das richtige Erfassen und Fühlen der Ideen von Brüderlichkeit, Reinkarnation und Karma dasjenige ist, wovon die Herbeiführung einer entsprechenden Zukunft abhängt.
Es würde viel zu weit führen, wenn ich die einzelnen Ideen hier ausführen wollte, in der Weise, wie es Misses Besant getan hat. Wie wir über diese Ideen zu denken haben, habe ich selbst angedeutet in der letzten Versammlung, die hier gehalten worden ist vor unserer Abreise zum Budapester Kongress.
Es wird vielleicht nützlich sein, wenn wir, statt hauptsächlich auf Worte einzugehen, uns sozusagen einige Notizen in die Seele schreiben, über den Geist, der in ganz bewusster Weise auf diesem unserem letzten Kongress gesucht worden ist. Es ist - und es ist gut, wenn wir diese Dinge einmal berühren - mannigfach die Rede gewesen von der Verschiedenartigkeit der Lehren und Meinungen und der verschiedenartigen Darstellung der Erkenntnisse bei uns und in anderen Kreisen der Theosophischen Gesellschaft. Man kann oft hören, da und dort in Europa: Woran soll man sich halten? Misses Besant lehrt dies, Doktor Steiner das, und so weiter. Wenn man bloß die Äußerlichkeiten ins Auge fasst, dann kann es nicht in Abrede gestellt werden, dass ein Schein der Berechtigung zu dieser Behauptung da ‚oder dort vorliegen mag. Nun sollte eigentlich aber innerhalb der theosophischen Bewegung immer mehr und mehr die Anschauung Platz greifen, dass es wahrlich doch viel besser ist, wenn dasjenige, was reiches, mannigfaltiges, okkultes Leben, Leben der höheren Welten ist, von so viel Seiten, als nur möglich ist, dargestellt wird. Kann denn irgendjemand es wünschen, dass in den zwei Bänden der «Secret Doctrine» von H. P. Blavatsky die Weisheit abgeschlossen vorliegen soll, und immer wieder und wieder an allen Orten der Welt, wo es Theosophie gibt, nur auf der Grundlage dieser Secret Doctrine gearbeitet werde, immer nur Photographien dessen gegeben werden, was da drinnen steht? Die theosophische Bewegung ist etwas, was als lebendiges Leben in den Menschen vorhanden sein soll. Wir sagen mit Recht, dass die Theosophie nicht durch dieses oder jenes Buch, nicht durch diese oder jene Summe von Dogmen in die Welt gekommen ist. Die Theosophie rührt von jenen hohen Individualitäten her, die wir die «Meister der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen» nennen, da sie die Quellen des geistigen Lebens eröffnet haben, das von da ab einströmen kann in die Menschen. Es ist natürlich, dass das, was einströmt, von Zeit zu Zeit in Bücher geschrieben wird, und es ist eine ungeheure Summe solch einströmender Weistümer in die «Secret Doctrine» geschrieben worden. So sind zum Beispiel die Dzyan-Strophen und die Briefe der Meister Teile, die noch lange nicht voll verstanden sind, an denen noch lange zu zehren ist, Teile, die zu den größten Offenbarungen innerhalb der Menschheitsentwicklung gehören. Aber wir müssen uns klar sein, dass es selbst darauf nicht ankommt, sondern vielmehr darauf, dass immer von Neuem dieses lebendige Geistesleben seit jener Zeit in die theosophische Bewegung einströmt.
Und nun frage ich Sie: Wenn irgendjemand einen Baum malen will, wie macht er es? Er setzt sich hin, malt ihn von einer bestimmten Seite und zeigt Ihnen dann das Bild. Das kann in der Tat auch derjenige nur tun, welcher in einem Buche oder durch gesprochene Worte zeigt, was in der geistigen Welt vorgeht. Auch in der «Secret Doctrine» haben Sie nichts anderes als eine gewisse Summe von Weisheit, von einer gewissen Seite aus gezeigt. So, wie Sie sich nun auf eine andere Seite setzen und den Baum von einer anderen Seite malen können, so kann auch das geistige Bild von einer anderen Seite beleuchtet werden. Nehmen Sie ein Bild des Baumes, das von einer bestimmten Seite aus gemalt ist. Was würden Sie sagen, wenn ein anderer Maler den Baum etwas anders geformt und beleuchtet auf seinem Bilde zeigte und sagte: «Das ist dieser gleiche Baum, nur von der anderen Seite aufgenommen.»? Würden Sie sagen: «Das ist der Baum nicht, denn er müsste sonst die gleiche Gestalt und Beleuchtung haben wie jener.»? So ungefähr ist es auch mit der «Secret Doctrine», und es ist durchaus nicht nötig, dass man die Weisheiten bloß abfotografiert, so wie sie in der «Secret Doctrine» stehen. Lernen Sie den Baum dadurch kennen, dass Sie sich denselben von den verschiedensten Seiten abmalen lassen, wenn Sie ihn noch nicht selbst kennen. Die Möglichkeit, von den verschiedensten Aspekten aus über die geistige Welt zu reden, ist dadurch gegeben, dass die «Meister der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen» ihre Kraft in unsere Bewegung haben einströmen lassen, und dass diese Einströmungen fortdauern.
Aber warum wird nun das eine Bild mehr von der einen, das andere mehr von der anderen Seite gemalt? Das hängt nicht von Zufälligkeit oder Willkür, sondern von Notwendigkeit ab. Es hängt davon ab, dass von den verschiedensten Orten der Welt, aus den verschiedensten Kulturströmungen und Bewegungen heraus andere Bedürfnisse nach der geistigen Welt vorhanden sind. Das muss durchaus berücksichtigt werden. Es hängt die Form der Darstellung nicht allein von dem ab, der darstellt, sondern auch davon, was sein Auftrag, seine Mission ist. Das Richtige muss getroffen werden in Bezug auf die Darstellung; das ist es, worauf es ankommt.
Wenn man auch in Bezug auf die Form der Darstellung bei oberflächlicher Betrachtung sagen konnte, Misses Besant sagt dies, Doktor Steiner sagt jenes, so war es gut, dass bei diesem Kongress betont worden ist, dass es nicht darauf ankommt, ob jeder genauso spreche wie der andere, sondern dass die verschiedenen okkulten Quellen in der Theosophischen Gesellschaft sich finden, dass sie zusammenfließen können.
Wir können noch ein anderes Bild gebrauchen, wenn wir den Geist charakterisieren wollen, der gesucht wurde, den Geist der Harmonie. Sie wissen vielleicht, dass Tunnels so gegraben werden, dass man von beiden Seiten zu graben anfängt, und dass man, wenn in richtiger Weise gegraben wird, in der Mitte zusammentrifft. So kann und soll es auch bei der Arbeit der Theosophischen Gesellschaft sein. Deshalb wird es gut sein, dass das, was mehr orientalischen Charakter, also mehr den Charakter der ersten Zeit unserer Bewegung und als Grundlage die «Secret Doctrine» hat, in der Richtung zu dieser Vereinigung arbeitet, wie es auch der westliche Okkultismus, dessen Quellen dazumal noch nicht eröffnet waren, heute tut.
Man darf natürlich auch nicht, wenn man von Blavatsky’scher Theosophie spricht, als von einer indischen Theosophie sprechen. Es wird meine Aufgabe sein in München, gelegentlich meines nächsten dortigen Vortragszyklus, zu zeigen, was die wirkliche Gestalt dessen ist, was man indische Theosophie nennen kann. In der Blavatsky’schen Lehre ist zum geringsten Teil das vorhanden, was man indische Lehre nennen könnte. Diejenigen, welche die Blavatsky’sche Lehre kennen, werden wissen, dass viel darinnen ist von ägyptischer, babylonischer, chaldäischer Lehre, und dass es sich durchaus nicht um spezifisch indische Theosophie handelt. Es ist ein Missbrauch, von indischer Theosophie zu sprechen, im Gegensatz etwa zu dem, was hier getrieben wird. Es handelt sich lediglich darum, dass zu jener Zeit, als H. P. Blavatsky zu wirken hatte, die westlichen Quellen noch nicht eröffnet waren, und dass diese in Bezug auf manche Dinge mehr zu sagen haben als die östlichen Quellen. Wir nehmen es den östlichen Quellen nicht übel, wenn sie in Bezug auf bestimmte Dinge keine befriedigende Auskunft geben können. Das muss man verstehen. Immer wieder kommt die Frage vor: «Warum sagt ihr anderes als die orientalische Theosophie?» Wenn man einmal anschaute, wie dieses andere ist, dann würde man diese Frage gar nicht mehr aufwerfen können. Schauen Sie einmal zu, wie es sich verhält. Wir geben zum Beispiel jene tiefe Auslegung der H. P. Blavatsky zu über die Legende von Buddha, die erzählt, dass er an dem Genuss von Schweinefleisch zugrunde gegangen sei. Die Auslegung nämlich, dass er zu viel von seiner Lehre preisgegeben hat und infolgedessen karmisch tragisch endete. Wir geben durchaus zu, was positiv ist, und — das muss betont werden - dass nichts innerhalb der westlichen Lehre fehlt von dem, was positiv ist in der östlichen Lehre. Nichts wird verneint, zu allem wird «Ja» gesagt. Wenn aber die orientalischen Okkultisten sagen: «Welcher Okkultist hat jemals etwas davon gehört, dass eine Einweihungsschrift, wie die Apokalypse, unter Blitz und Donner gegeben worden ist?», dann wird von den westlichen Okkultisten geantwortet: Jeder westliche Okkultist weiß, was damit gemeint ist. Und wir müssen sagen, dass wir als westliche Okkultisten eine Mission der Hinzufügung, der Erweiterung, in Bezug auf die orientalischen Lehren haben. Man muss unterscheiden, was bisher war, und was die Erweiterung, die Hinzufügung bedeutet, dann wird man schon darauf kommen, wie sich zwei solche Richtungen zueinander verhalten, die man in letzter Zeit hat als gegnerisch hinstellen wollen.
Es ist ganz besonders wichtig hier in unserem Westen, dasjenige zu betonen, was man das Entwicklungsprinzip nennt, das Entwicklungsprinzip in unserer physischen Welt, das Entwicklungsprinzip in der höheren Welt.
Einen sehr schönen Vortrag - ich sage es offen - von großer Intuition und tiefer Empfindung hat Misses Besant gehalten unter dem Titel: «Der Christus — wer ist er?». Gerade an diesem Vortrage kann man sehen, dass nicht Disharmonie, sondern Harmonie ist zwischen östlichem und westlichem Leben, wenn man nur die Sache im richtigen Sinne betrachten will. Diesem Vortrage am zweiten Tage des Kongresses ging voran ein Vortrag von mir: «Von Buddha zu Christus». Sie kennen alle Einzelheiten dieses Vortrages, bis auf das eine, was vielleicht hier noch nicht erwähnt worden ist und das sich auf die drei großen Namen bezieht, die man innerhalb der rosenkreuzerischen Theosophie als besonders verehrungswürdige nennt. Drei große Namen gab es durch das Mittelalter hindurch. Diese drei Namen waren auch denjenigen bekannt, welche ein dogmatisches Kirchentum vertraten. Sie verlangten von ihren rechtgläubigen Bekennern oftmals die Formel, die eine Formel des Fluches war: «Ich fluche dem Skythianos, ich fluche dem Zaratas, ich fluche dem Boddha.» Diese drei Individualitäten wurden mit Fluch beladen in der mittelalterlichen Kultur, wenn man dokumentieren wollte, dass man ein Christ war.
Das christliche Rosenkreuzertum kennt diese drei Gestalten wie hehre Lichtgestalten. Über Skythianos werden wir noch sprechen. Zaratas ist ein großer Lehrer für die westliche Einweihung. Er war kein anderer als Zarathustra, der in verschiedenen Schülern, in Hermes und Moses, und endlich im sechsten Jahrhundert vor Christus als Nazaratos wiederauflebte. Er gehörte zu den großen Inspiratoren der Rosenkreuzer-Weistümer. Ebenso wurde Buddha zu den großen Individualitäten gerechnet. Die einzelnen Beiträge, die sie zu geben hatten, flossen damals in einem Gesamtbeitrag für die Menschheitsentwicklung zusammen, und dadurch konnte der große Impuls gegeben werden, den wir als den Rosenkreuzer-Impuls bezeichnen. Nun lag die Notwendigkeit vor, in meinem Vortrage «Von Buddha zu Christus» gerade zu betonen, scharf zu betonen, das, was ich vor meiner Abreise nach Budapest hier gesagt habe, von dem Zusammenhang zwischen Zarathustra und Christus, von den sieben Rishis, die herüberkamen aus der atlantischen Zeit etc. Misses Besant sagte nun in ihrem Vortrage «Der Christus - wer ist er?» auch etwas, was über das Vorbringen solcher von mir angedeuteter Erkenntnisse gilt. Sie betonte, dass, wenn man sich solchen Fragen nähert, man sich klar sein muss, dass in Bezug auf das Grundprinzip Übereinstimmung bei allen Okkultisten herrscht, dass es aber natürlich und eine selbstverständliche Wahrheit ist, dass jeder Okkultist in die Notwendigkeit versetzt ist, die Dinge so darzustellen, wie sie sich ihm selbst darstellen, dass er genötigt ist, das zu zeigen, was er durch seine Entwicklungsstufe zeigen kann. Misses Besant betonte, dass die entsprechende innere Entwicklung durch den mystischen Weg erreicht wird, durch den Weg, der hier in der mannigfaltigsten Weise charakterisiert worden ist, der die mannigfaltigsten Stufen hat und so fort.
Wenn man dasjenige, was da von der Persönlichkeit des Okkultisten erlebt wird, die verschiedenen Stufen des Aufstieges ins Auge fasst, dann kann kein anderer Unterschied sein zwischen dem einen Okkultisten und einem anderen als der, dass der eine etwas mehr oder weniger weit entwickelt ist als der andere. Aber in dem, was richtig ist, kann kein Unterschied sein, ebenso wenig wie beim Aufstieg auf einen Berg, wenn zwei Leute zusammen den gleichen Höhepunkt erreichen, ein Unterschied in dem Ausblick sein kann. So ist es auch bei den Okkultisten, wenn das Leben der Wahrheit entspricht. Hiervon ging also auch Misses Besant aus und zeigte dann, dass der Okkultist, der Ernst machen und wirken muss in der Welt, eine gewisse Grenze zu überschreiten hat, eine Grenze, die man bei unserem gewöhnlichen Publikum sehr leicht übel nimmt. So gibt es zum Beispiel sehr viele Leute, die an Reinkarnation glauben, glauben, dass die menschliche Individualität sich wiederverkörpern kann. Wenn man dann aber kommt und sie darauf hinweist, diese oder jene Individualität trat zu dieser Zeit in dieser Persönlichkeit auf, zu jener Zeit in der und so weiter, dann nehmen das die Menschen übel, trotzdem sie an Wiederverkörperung glauben. Zu so bestimmten Angaben, wie ich sie über die Wiederverkörperungen des Zarathustra zu machen hatte, muss eben eine bestimmte Grenze überschritten werden, und es fragt sich, wie viele Menschen da noch mitgehen wollen.
Es gibt in der Tat - und das hat auch Misses Besant betont - nur eine wahre Geschichte und das ist die, welche in der Akasha-Chronik geschrieben steht. Der, welcher imstande ist, die Akasha-Chronik zu lesen - die indessen nur ein höheres, geistiges Auge zu entziffern vermag — kann die wahre Geschichte angeben. Dann müssen wir aber auch demjenigen, der die Wirklichkeit schildern soll, zugestehen, dass er diese Grenze überschreitet.
Im Weiteren führte nun Misses Besant aus: Nun ist es ganz natürlich und selbstverständlich, dass jeder nur nach seiner Entwicklung diese schwer zu entziffernde Chronik der Akasha-Welt entziffern kann. Aber trotzdem ist es wahr, dass in den wesentlichen Zügen durchaus alles zu einer großen Einheit hinstrebt. Ein jeder Okkultist wird anerkennen dasjenige, was wir nennen die «Große Loge der Meister der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen». Diese Meister der Weisheit sind vorhanden für den, der im Okkultismus Bescheid weiß. Es ist wahr, dass die Meister der Weisheit draußen leben in der Welt und die Möglichkeit haben, jene merkwürdige Stätte zu erreichen, welche man als Shamballa bezeichnet, die in der orientalisierenden Lehre auch eine große Rolle spielt. Misses Besant betonte, dass diejenigen, welche wir die «Meister der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen» nennen, sich verständigen können durch Beziehungen, die sie zu dieser geheimnisvollen Stätte Shamballa haben.
Dann aber müssen wir uns wieder darüber klar sein, dass der, welcher sich überhaupt auf okkulte Lehren einlässt, sich nicht an Namen stoßen soll, dass er nicht verwechseln soll den Namen mit der Sache. Die Verwechslung des Namens mit der Sache kann namentlich dann leicht eintreten, wenn mit gewissen Namen besondere Empfindungen und Gefühle in gewissen Gegenden verknüpft sind. Daher betonte Misses Besant, dass insbesondere eine solche Verwechslung von Name und Sache nicht vorkommen sollte, wenn man spricht auf der einen Seite von Buddha und Bodhisattva, auf der anderen Seite von Christus. Vor allen Dingen muss man ins Auge fassen, dass, wenn wir von Bodhisattva sprechen, wir nicht eine Individualität, sondern ein Amt meinen. Es gibt also Namen für Ämter und Namen für Individualitäten. Jeder Mensch hat einen Namen für sich. Dann gibt es aber auch Namen wie Kaiser und König. Wir dürfen aber dann nicht verwechseln den Namen, der einer Individualität beigelegt wird, mit dieser Individualität selber.
Ich bitte Sie, sich klar darüber zu sein, dass ich hier nicht im strengen Sinne ein Referat gebe über Misses Besants Vortrag, sondern dass ich in freier Weise meine eigenen Ideen an Misses Besants Auseinandersetzungen knüpfe.
Sie erinnern sich, dass in den mannigfaltigen Vorträgen, die ich diesen Winter hier gehalten habe, betont worden ist, wie die «Geister der Persönlichkeit» eine ganz andere Rolle auf dem Saturn haben und wieder in ein ganz anderes Amt auf der Erde hineinwachsen. So ist es auch mit dem, was man Bodhisattva nennt. Das ist ein Amt, in das die Individualität eintritt, wenn sie reif dazu ist. So können wir es auch ganz verstehen, wenn Misses Besant sagte, dass die Individualität, die als Buddha auftrat, früher die verschiedensten Stufen der Entwicklung durchgemacht hat, dass sie reifer und reifer und zu bestimmter Zeit der Entwicklung ein Bodhisattva geworden ist. Wie man zum Beispiel in weltlicher Karriere im Laufe der Zeit ein Regierungsrat und so weiter werden kann, so gehen die verschiedenen Individualitäten durch diese Ämter durch.
Nun ist durchaus von mir immer betont worden, dass zum Beispiel diejenige Wesenheit, von welcher die «Sieben Heiligen Rishis» sagen, dass sie jenseits ihrer Sphäre sei, im Grunde genommen dieselbe ist wie der Christus. Diese Wesenheit ist auch dieselbe, welche die verschiedenen Bodhisattvas überstrahlt, in ihnen und durch sie durchgewirkt hat. Das, was ich zu lehren habe, ist, dass diese Wesenheit, die jenseits der Sphäre der Rishis war, die den Zarathustra inspiriert hat, die ihre Wahrheiten hineingegossen hat in die Wesen, die wir als Bodhisattva bezeichnen, sich in einer ganz bestimmten und damals viel angemesseneren Weise als früher in dem Jesus von Nazareth für die letzten drei Jahre seines Lebens verkörpert hat, sodass wir durchaus sagen können: Christus war auch schon vor dem palästinensischen Ereignis mit der Menschheit verbunden; er schreitet vor in der Entwicklung. Dass er das werden konnte, was er in unserer Epoche ist, dazu sind die früheren Epochen nötig gewesen. Man kann auch sagen, dass das Wesen früher schon vorhanden war im Kosmos und durch verschiedene Sendboten gewirkt hat. Man kann auch Wert darauf legen, dass dasselbe Wesen immer da war.
Die orientalische Lehre, der ganze Geist des Orients ist analytisch. Von den verschiedenen Verkörperungen des Menschen hinaufzusteigen bis zu dem Ganzen, der Einheit, das ist der Weg des Morgenlandes. Des Abendlandes Aufgabe ist es, den synthetischen Geist zu entwickeln. Was ist das für ein Wesen, welches sich als Ahura Mazdao entwickelt hat? Welches sind die verschiedenen Faktoren, die es entwickelt hat? Wodurch ist es immer anders als Offenbarung zu uns gekommen? Diese Fragen, die Ziele der Entwicklung, die großen Momente in der Entwicklung zu verstehen, das ist es, worauf es im Abendlande ankommt. Wenn aber jemand kommt und sagt: «Hier hast du eine Pflanze», man kann Goethe’sche Gedanken hier besonders ausführen. «Wenn die Blätter sich umbilden, so werden sie zur Blüte; die Blütenblätter sind umgebildete Stängelblätter ...», so ist das nicht ausreichend; man muss auch zeigen, wie ein grünes Stängelblatt ein rotes Blütenblatt werden kann. Es wird durch das Abendländische also nichts von dem Morgenländischen in Abrede gestellt, sondern etwas hinzugefügt, indem man die Faktoren charakterisiert, wodurch aus den Stängelblättern Blütenblätter werden. So ist es auch mit Christus, wenn man einfach sagt, dass er auch früher schon dagewesen sei. Die Verbindung der synthetischen Methode mit der analytischen ist in aller Wissenschaft erwünscht, und man kann sie auch in voller Harmonie innerhalb der theosophischen Geistesströmung haben. Es ist dabei durchaus nichts vorhanden, was die Harmonie der Theosophischen Gesellschaft stören könnte, wenn dem orientalischen analytischen Geist noch hinzugefügt wird, was hinzugefügt werden muss: Der okzidentalische synthetische Geist. Weil die Theosophische Gesellschaft lebendiges Leben und nicht Fortpflanzung von Dogmen ist, deshalb kann ich selbst nicht finden, was man Widerspruch zwischen irgendwelchen Richtungen, Disharmonie nennen könnte. Diese Harmonie muss auf jener tiefen Grundlage beruhen, welche einen Strom schafft, welcher die Wasser verschiedener Quellen in sich aufnehmen kann. Auf dieser Grundlage muss sie beruhen, nicht darauf, dass man papageienmäßig die Dogmen nachbetet. Wir werden noch mancherlei, wenn sich die theosophische Bewegung ihrer Mission gewachsen zeigt, nach dieser Richtung hin kennenlernen. Die Theosophische Gesellschaft wird immer Neues und Neues bringen. Wir haben die Gewissheit, dass über der theosophischen Bewegung die Meister der Weisheit wachen. Wenn man sich wundern und gleich von Ketzerei sprechen wollte, wenn etwas Neues kommt, dann wäre die theosophische Bewegung schlechter als frühere ähnliche. Und doch ist die Suche nach Ketzereien in unserer Zeit eigentlich stärker als in irgendeiner anderen Zeit leider üblich. Misses Besant sieht den Christus als diejenige Wesenheit an, die sich in Jesus von Nazareth geoffenbart hat - über Weiteres kann noch gesprochen werden -, als diejenige Wesenheit, welche dazu berufen ist, dem, was sich jetzt als neuer Kulturkeim bildet, die Wege zu weisen. Sie machte in diesem Vortrage noch darauf aufmerksam, dass diese Wesenheit fortwirken wird in einem intimeren Zusammenhange, wenn die Menschheit an einem bestimmten Punkte der Entwicklung angekommen sein wird. Es mag in äußerlichen Angaben ein Widerspruch bestehen - das sind äußerliche Angaben -, aber vollkommen kann man dem beistimmen, dass der Christus - in Bezug auf die Art und den Zeitpunkt zeigen mir meine Erkenntnisse anderes als Misses Besant - wiederkommen wird, und dass ihn diejenigen erkennen werden, welche dazu vorbereitet sind. Man sollte aber vielmehr das Vorbereitetsein betonen als das Wiederkommen. Es könnte leicht der Fall sein, dass die Menschen den Christus haben, ihn aber nicht erkennen, wenn er auch länger als drei Jahre unter ihnen wäre. Es kommt darauf an, dass man immer mehr die Fähigkeit der Erkenntnis ausbildet. Warten Sie und entwickeln Sie in Geduld die Fähigkeit, ihn zu erkennen. Es ist im Grunde genommen der Menschheit ein schlechter Dienst geleistet, wenn auf eine bestimmte Zeit hingewiesen wird. Daher ist es besser, die Mittel zu betonen, welche zum Erkennen des Christus hinführen.
Ein paar Notizen wollte ich geben, welche zeigen sollen, wie der Geist war, der gesucht wurde bei diesem Budapester Kongress. Deshalb sollte die Einheit des Arbeitens betont werden, wenn auch die okkulten Quellen von der verschiedensten Art sind. Es wird umso besser sein, je länger diese Einheit und Harmonie des Arbeitens innerhalb der Theosophischen Gesellschaft wird aufrechterhalten werden. Darüber müssen wir uns durchaus klar sein. Der Budapester Kongress hat den Teilnehmern durchaus nur die Gelegenheit gegeben, sich sagen zu können, als sie von diesem Kongress weggingen, es ist wirklich der beste Wille und die beste Aussicht vorhanden, in voller Harmonie zu arbeiten; und man sollte nicht in den Fehler verfallen, Differenzen konstatieren zu wollen. ‘Wem der Name Bodhisattva besser gefällt - wozu Misses Besant sich bekennt -, der wird die Sache anders darstellen als der, welcher den Namen Christus als richtiger betrachtet. Wir wollen daher einträchtiglich unter uns und einträchtiglich mit der theosophischen Bewegung sein.
Wir dürfen diese Harmonie als eine erfreuliche Tatsache bezeichnen. Ich möchte, als Symptom dafür, dass der Wille zum Zusammenarbeiten, zum einträchtigen Arbeiten in der Gegenwart durchaus alle anderen auseinanderstrebenden Tendenzen überragt, der folgenden Tatsache gedenken: Es sind einzelne Bücher von mir in verschiedene Sprachen übersetzt worden, und es hat sich gerade Misses Besant, in ihrer Eigenschaft als Präsident der Theosophischen Gesellschaft und als Vorsitzende des General-Council der Gesellschaft, bewogen gefühlt, mir die einstmals von unserm lieben Präsidenten Olcott gestiftete Subba-Row-Medaille für die beste Schrift, die in letzter Zeit in der theosophischen Bewegung veröffentlicht worden ist, zu verleihen. Diese Medaille haben bisher bekommen, wie Misses Besant betont hat, zuerst H. P. Blavatsky, dann Mister Mead und endlich Misses Besant selber. Das erste Mal, da Misses Besant, als Präsident der Theosophischen Gesellschaft, Gelegenheit gehabt hat, dieselbe zu verleihen, hat sie sie mir gegeben. Ich erwähne diese Tatsache nicht meinetwegen, sondern als Symptom für den Willen einträchtigen Zusammenwirkens in der Theosophischen Gesellschaft. Ich darf sagen, dass ich - was ich auch auf dem Budapester Kongress betont habe - bei der Subba-Row-Medaille ganz besonders auf den Namen sehe. Die, welche mich kennen, werden wissen, dass ich seit Langem Subba Row als einen aus dem unmittelbar geistigen Erkennen heraus wirkenden Geist betrachtet habe. Es ist sehr schön, dass, hinweisend auf ihn, diese besondere Medaille gestiftet worden ist. Betrachten Sie das, was ich gesagt habe, nicht in Bezug auf mich, sondern in Bezug auf die ganze Deutsche Sektion. Was mir gehört, gehört der Deutschen Sektion.
Nun möchte ich den Verlauf des Kongresses weiter charakterisieren. Vielleicht sagt der eine oder der andere, der pedantische Einzelheiten will, dass ich ein schlechter Berichterstatter sei. Darauf möchte ich sagen, dass ich keinen Bericht geben will, wie die Zeitungen sie zu liefern pflegen, sondern den geistigen Sachverhalt. Ich möchte erwähnen, dass auch unsere ungarischen Freunde dafür gesorgt haben, dass die Notwendigkeit jener Geistesrichtung, welche in den Reihen der theosophischen Bewegung ihre Pflege findet, in ein helles Licht gerückt wurde. Das haben sie nicht besser tun können als dadurch, dass sie uns, in einer besonderen Theatervorstellung, ein bedeutsames Werk der ungarischen Dramatik, «Die Tragödie des Menschen» von Emerich Madách, vorführten. Dieses Werk ist etwas, was den Theosophen einmal vorgeführt werden musste. Man kann ungeheuer viel aus dieser Tragödie des Madách lernen. Wenn ich noch weiter abschweifen wollte von dem, was mancher Berichterstattung nennt, so müsste ich Ihnen noch etwas von dem schildern, was man ungarischen Geist nennt, der charakteristisch sich ausspricht in dieser «Tragödie des Menschen». So weit will ich aber nicht gehen; ich möchte nur einige Bemerkungen über das Werk und dessen Beziehung zur theosophischen Bewegung geben. Dieser Madách ist in der Tat eine interessante Persönlichkeit. Er hat sein Leben gelebt in einer Zeit, in welcher Ungarn viel durchgemacht hat. Er wurde im Jahre 1823 als Spross einer alten ungarischen Adelsfamilie geboren und starb im Jahre 1864. Er hat die Zeiten durchgemacht, wo das Magyarentum durch die Revolution des Jahres 1848 versuchte, sich selbstständig zu machen. Er hat die ganze Rückwirkung dieser Revolution, die Niederwerfung Ungarns durch Österreich durchlebt, bis der große ungarische Staatsmann Deak die Möglichkeit gefunden hat, eine Konfiguration im Staatswesen Österreichs zu schaffen, welche das Zusammenbestehen der österreicl schen und der ungarischen Länder in der heutigen Form ergab. Diese Gestaltung der österreichisch-ungarischen Monarchie ist recht kompliziert und eine weitere Erläuterung würde hier zu weit führen. Madách hat mit ganzer Seele an dieser ungarischen Entwicklung teilgenommen und starb im Jahre 1864, kurz nachdem nochmals der Versuch gemacht worden war, eine Zentralisierung zu errichten, der missglückte, worauf dann - allerdings nach Madáchs Tode - der österreichisch-ungarische Dualismus geschaffen worden ist.
Madách hat früh angefangen, politische Artikel zu schreiben, und daran können sie erkennen, dass er sich an den Angelegenheiten seiner Nation beteiligt hat. Er war seiner Gesinnung nach einer derjenigen Magyaren, die für die Entwicklung des Magyarentums zur Selbstständigkeit eingetreten sind, also für Verhältnisse, die zum Teil erst durch Franz Deak erreicht worden sind. Er empfand es in tiefster Weise als eine seiner Nation angetane Schmach, dass unter dem sogenannten Bach’schen Regime germanisiert und das Magyarentum in Ungarn absolut nicht berücksichtigt wurde. Madách hat persönlich in einer nicht angenehmen Weise die Bekanntschaft mit der österreichischen Reaktion gemacht. Er hat sich zwar nicht persönlich an der Revolution von 1848 beteiligt, aber aus einem großen und schönen Herzen heraus sich eines Flüchtlings angenommen, der beteiligt war und Unterschlupf auf dem Gute des Madách gesucht hatte.
Anfangs der fünfziger Jahre hat Madách sich verheiratet, in einer Weise, die man nur als eminent glücklich bezeichnen kann. Nun trat in Ungarn eine Verfolgung der Leute ein, welche sich an der Revolution beteiligt hatten. Als man erfuhr, dass Madách einen Flüchtling beherbergt hatte - der Flüchtling wurde nicht mehr gefunden -, machte man ihm den Prozess und warf ihn in den Kerker. Im Kerker hat er wunderbar zarte Gedichte geschrieben. Er wusste nichts von seiner Heimat, keine Nachricht kam ihm zu. Ein Ton der Hoffnung geht aber durch seine Gedichte, dass er die wiederfinden werde, denen er entrissen wurde, und namentlich die, welche er so sehr liebte, seine Frau. Es war eine große Enttäuschung für ihn, dass gerade seine Frau während der Zeit seiner Gefängnis-Haft ihm untreu geworden war, sodass er sich nachher von ihr trennen musste. So hat Madách äußerlichen und innerlichen Schmerz ertragen müssen. Deshalb hat er auch die Verhältnisse seiner Zeit so gegeißelt; und man möchte sagen, alles, was sich an furchtbaren, recht schmerzlichen Lebensverhältnissen in der Seele des Madách abgelagert hatte, hat er in seiner «Tragödie des Menschen» zum Ausdruck gebracht. So sehen wir, wie diese Tragödie durchdrungen ist von jenem Gefühl, das man haben kann, wenn man über die weiten Puszten fährt, wo man das Unendliche fühlt, aber keinen eigentlichen Ruhepunkt findet. Wie er die «Tragödie des Menschen» darstellt, ist für eine Persönlichkeit, die aus unserer Zeit, und zwar aus einem elementaren Volk heraus geboren wurde, sehr charakteristisch. Wir sehen, wie uns vorgeführt wird die Schöpfung, wie sie entlassen wird aus der Hand des Vater-Gottes. Nachdem diesen gepriesen haben seine dienenden Geister für die Herrlichkeit, die er ins Werk gesetzt, tritt Luzifer ihm entgegen und betont: Ich bin so alt wie du; du hättest nicht schaffen können in deiner Art, ohne das negative Prinzip, das sich immer entgegenstemmte, und das, was in der Entwicklung ist, in feste Formen prägt. Ohne das hättest du nicht schaffen können. - Wir sehen dann, wie der Mensch innerhalb des Paradieses auftritt als Adam und Eva; wir sehen, wie Gott dem Luzifer zwei Bäume übergibt, vor allem den Baum der Erkenntnis. Es wird in schönen Bildern dargestellt, wie Adam und Eva von dem Baume der Erkenntnis genießen, wie sie dann aus dem Paradiese vertrieben werden und nun in die Welt hinausgestellt sind, in der sie sich durch ihre eigene Kraft durchbringen müssen. Adam und Eva haben vor sich die Notwendigkeit, durch ihre Hände zu schaffen und zu wirken und sich so in der Welt durchzubringen. Da tritt Luzifer wieder auf. Adam, der den Drang hat, zu erfahren, was eigentlich aus dieser Welt wird, in die er hineingestellt ist, wird von Luzifer in einen Traum gewiegt, in welchem ihm in Bildern von überwältigender Größe vorgeführt wird, was der Mensch in der Vergangenheit durchgemacht und in der Zukunft noch durchzumachen hat. Zuerst erscheint das alte Ägypten; Adam als Pharao, rings um ihn Sklaven. Die Gattin eines der Sklaven ist Eva. Die ganze Tragik dieser Menschheitsepoche tritt vor Adams Seele. Er empfindet die furchtbare Schicksalsfügung, die sich ausdrückt in den Worten: Millionen für einen Einzigen - einer über Millionen. - Seine Seele eilt hinweg von diesem Bilde und sieht sich wieder in eine spätere Epoche versetzt. Adam ist wieder verkörpert in Miltiades im alten Athen. Miltiades hat eben eine große, ruhmvolle Tat hinter sich; er findet in seiner Gattin die wiederverkörperte Eva, die den Sohn lehrt, welches die Tugenden des Vaters sind. Um ihn herum eine demagogische Masse. Er wird als Verräter angeklagt, verurteilt und zum Tode geschleppt. Weiter tritt Adam im Traume eine spätere Zeit des römischen Kaisertums entgegen. Da wird er uns vorgeführt, wie er in der römischen Kaiserzeit lebte. Eine Szene furchtbarer Art. Macht hatte Adam angestrebt als Pharao; als Miltiades hatte er gesehen, wie wesenlos alles ist, hatte die großen Enttäuschungen durchgemacht, die ein Volksbeglücker durch Volksverrat durchmachen kann. Nun will er ein schwelgerisches Leben führen, in allen möglichen Gestalten das Böse haben. Er wird uns vorgeführt in schwelgender Gesellschaft, Eva als Freudenmädchen. Draußen wird ein an der Pest Gestorbener vorbeigetragen; ein Freudenmädchen drückt einen Kuss auf seine Lippen. Das ganze Leben und Tun eine furchtbare Vermessenheit. Und in diese Zeit fällt die Rede des Apostels Petrus. Wir sehen uns im Beginne der Ausbreitung des Christentums. Unter denen, welche gesehen hatten, wie die Dirne den Leichnam küsste, befand sich auch Petrus. Er trat vor und sagte: «Die Pest, Verwegene, atmest du da ein.» Dann sprach Petrus noch Worte, die die Sache blitzartig beleuchten:
«Du feig’ Geschlecht, du elendes Gezücht!
So lang dir Glück und Freude lächelt, gleich
Den Fliegen in der Sonne, unverschämt,
Das Gott und Tugend dreist mit Füßen tritt;
Doch wenn Gefahr an deine Türe pocht,
Der wucht’ge Finger Gottes dich berührt,
Sich feig’ verkriecht, und jämmerlich verzweifelt,
Fühlst du denn nicht, wie schwer des Himmels Strafe
Schon auf dir lastet? Schau nur, schau dich um,
Die Stadt verödet, rohes fremdes Volk
Zertritt die goldnen Saaten, alle Ordnung
Ist aufgelöst, niemand befiehlt und niemand
Gehorcht. Mit hocherhobnem Haupte schreiten
Durch stille Friedensstätten Raub und Mord,
Entsetzen, bleiche Sorge hinterher.
Und Himmel, Erde, Allewelt versagt
In diesen Nöten Mitleid, Hilfe dir.
Nicht wahr, vermagst mit geilem Sinnesrausch
Nicht einzuschläfern jene ernste Stimme,
Die alle Tiefen deines Innern aufwühlt
Und dich zu bess’rem Ziel vergeblich drängt? Nicht wahr, du fühlest nicht Befriedigung,
Nur Ekel weckt die Wollust dir im Herzen?
Du schaust dich ängstlich um, die Lippen stammeln ...
Umsonst, an deine alten Götter mangelt
Der Glaube dir, sie sind zu Stein geworden.
(In diesem Augenblick zerfallen die Götterstatuen in Staub.)
Ihr Bild zerfällt in Staub, und nimmer findest
Du eine neue Gottheit, die aufs Neue
Dich aus der Schlacke reinigend erhöbe.
Schau dich nur um, was wütet in der Stadt
Verheerender noch als die Pest? Unzähl’ge
Erheben sich von ihrem weichen Pfühl,
Um mit verwilderten Anachoreten
Die Wüsten der Thebais zu bevölkern,
Dort suchend, was noch ihre stumpfen Sinne
Erregen könnte, sie erheben möchte.
Du wirst, O ausgeartetes Geschlecht,
Spurlos vom Schauplatz dieser Welt verschwinden.»
«Das Bild zerfällt in Staub», das ist der Blitzstrahl, der durch die Rede des Petrus in diese Periode hineinfällt.
Auch von diesem Bilde wendet sich Adam weg, den Kreuzzügen zu. Hier sieht er dann, wie das Christentum sich in äußeren Formen verkörpert. Dann sieht er sich als Kepler, umgeben von der Eitelkeit des Hofes. Dann tritt er uns entgegen in der Französischen Revolution als Danton; Eva als die Schwester des Marquis.
Er eilt weg von diesem Bilde, kommt nach London und sieht sich in der Zeit, in welcher der Materialismus aufkommt, die Freiheitsidee Boden gewinnt und man die Welt durch sie erlösen will. Er wendet sich auch von diesem Bilde ab und kommt in eine andere Situation, wo die Menschen nur der Nützlichkeit leben, wo sie gleichsam nur noch wie Nummern nebeneinanderstehen, wo alles, was Wärme hat, geflohen ist, und nur noch Gedankenchimären übrig bleiben. Endlich beim letzten Bilde, am Ende der Erdenzeit angekommen, da sind die übrig bleibenden Menschen wie Eskimos halb vertiert, so also stellen sich ihm die Fortgeschrittenen, ihr Werden, ihre Macht selber dar, als solche «fratzenhafte Wesen» sieht er sie in zukünftigen Zeiten durch die Welten schreiten.
Als er aufwacht, will er sich töten. Nun kommt dasjenige, worauf ich eigentlich aufmerksam machen will, weil es die Notwendigkeit theosophischer Entwicklung in unsrer Zeit zeigt. Eva gesteht nach dem Traume dem Adam, dass sie sich [als] Mutter fühle. Darüber ist er ganz beglückt und hört sich nun selber sagen: Ich will nicht weiterforschen in dem, was vor uns liegt, in dem naturgesetzlichen Werden, ich will zufrieden sein damit, in der Gattung weiterzuleben. - Und in der Tat, das, was wie eine Art Lehre hier dem Menschen gegeben wird: Forsche nicht, o Mensch, vertraue auf das, was dir gegeben ist ... es ist enthalten in den Worten, die der Herr spricht:
«Forsch’ nicht nach dem Geheimnis, welches deinem
Sehnsüchtigen Blicke güt’ge Gotteshand
Mit weisem Sinn wohlwollend hat verhüllt.
Denn sähest du, dass deine Seele sich
Auf Erden nur vorübergehend birgt,
Und jenseits ew’ges Leben deiner harrt,
Wär’s keine Tugend mehr, allda zu leiden.
Und wenn du wiedersähest, deine Seele
Verrinnt in Staub, was sollte dir ein Sporn sein
Dem rohen Vollgenuss des AugenblicksFür sittliche Ideen zu entsagen?
Während du jetzt, wo deine Zukunft dir
Durch graue Nebel nur entgegenschimmert,
Wenn deines Daseins Last dich niederdrückt,
Vom Hochgefühle der Unendlichkeit
Getragen wirst. Und sollte hie und da
Dieses Gefühles Stolz zu weit dich führen,
So setzt die Spanne Lebensfrist dir Schranken
Und Seelengröße, Tugend sind gewahrt.»
Wir haben in der «Tragödie des Menschen» eine Dichtung von wirklicher Größe vor uns. Versenkt darin liegt aber auch etwas von der Traurigkeit, die nur möglich ist bei einer Persönlichkeit, die so tiefen Schmerz erfahren hat wie Madách, und dadurch prädestiniert worden ist, das Werk so zu schaffen. Was wäre möglich, wenn der Mensch die Welträtsel bis zu einem gewissen Grade lösen würde, sich Antwort geben könnte auf die Frage: «Was wird aus der Entwicklung?» Die besten Geister sind dadurch, dass sie keine Antwort fanden, zum Pessimismus gekommen. Und jetzt frage ich: Ist nicht auf eine solche Frage, wie sie sich aus der schönen, herrlichen, kraftvollen, aber unbefriedigenden Dichtung ergibt, die schönste Antwort: die Theosophie geworden? Beweist nicht der Dichter Madách die Notwendigkeit der Theosophie in unserer Zeit, der sagt: «Was wäre es auch, wenn wir blicken würden auf die Wert- und Ziellosigkeit des Daseins?» Und nun blicken wir mit der theosophischen Weltanschauung nicht nur in die Tiefen, die hinuntergehen bis zu den Eskimos, sondern sehen auch, wie sich die Menschheit hinaufheben wird zu immer höheren Stufen der Entwicklung, zu höheren geistigen Sphären.
Denken Sie sich einmal, welche Bedeutung es gehabt hätte, wenn in einer Stunde, wo Madách es hätte fassen können, vor seine Dichterseele getreten wäre, was im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts der Menschheit gegeben worden ist? Es wäre etwas für das Herzblut gewesen; und mit Herzblut hat Madách seine Dichtung geschrieben.
Noch ein paar Züge möchte ich erwähnen bezüglich des Kongresses.
Wenn man diesen Budapester Kongress mit den früheren vergleicht, so bemerkt man, dass in Bezug auf Denkweise und Auffassung des Verhältnisses von Theosophie und Wissenschaft ein gewaltiger Umschwung sich vollzogen hat. Insbesondere ist dieser Umschwung bemerkbar geworden durch unsere siebenjährige deutsche Arbeit und die Hilfe unserer wissenschaftlichen Mitarbeiter, die wesentlich zu dieser Umgestaltung des Verhältnisses zwischen Theosophie und Wissenschaft beigetragen haben.
Doktor Unger hat einen Vortrag gehalten über «Theosophie als Lebenskraft», in welchem er gezeigt hat, wie man, wenn man in wissenschaftlichem Geiste denkt, durchaus dieselbe Gesinnung gegenüber der Anerkennung des Erfahrenen finden wird in der Theosophie wie auch in den übrigen Wissenschaften. Er hat gezeigt, wie ein gerade so großes Stück Glaube und Autorität in den übrigen, sogar den Natur-Wissenschaften stecken muss, wie zum Beispiel darin ist, wenn eine theosophische Gemeinde irgendjemandem, der die okkulte Welt erforschen kann, zuhört und sich zu dem bekennt, was er aus seinen Forschungen mitzuteilen hat. Eine schöne Auseinandersetzung über Theosophie und Wissenschaft hat unser Freund Dr. Unger in seinem Vortrage gegeben.
Dann hat unser Freund Dr. Peipers in zwei Vorträgen, die von Lichtbildern begleitet waren, gezeigt, wie sich das in der Wissenschaft als praktisch erweist, was durch die theosophische Bewegung gelehrt wird. Er hat ausgeführt, wie durch die okkulte Anatomie und die okkulte Medizin die entsprechenden Wissenschaften unserer Zeit erst wieder auf eine gesunde Grundlage gestellt werden müssen. Ich müsste viel sagen, wenn ich über die Arbeit unseres so wackeren Mitarbeiters, des Herrn Dr. Peipers, Näheres mitteilen wollte.
Ich möchte endlich noch sagen, dass aus den verschiedenen Diskussionen, die angeregt worden sind, nicht viel geworden ist. Es zeigte sich wenig Interesse, die aufgeworfenen Fragen besonders zu diskutieren:
- Ob ein Journal gegründet werden soll in den bedeutendsten Sprachen, die innerhalb der theosophischen Bewegung gesprochen werden und in Esperanto, und
- ob man nicht Schulen gründen sollte, in denen geeignete theosophische Redner ausgebildet werden können.
Ich brauche wohl nicht zu sagen, dass ich mich an diesen Diskussionen nicht beteiligt habe, da Sie alle wissen, dass ich mir von Diskussionen nicht viel verspreche.
Dann hat Frau Wolfram - Leipzig - über die okkulten Gründe der Sage von «Tristan und Isolde» gesprochen.
An den Kongress reihten sich zwei öffentliche Vorträge, einer von Misses Besant über «Wege in die geistige Welt» und einer von mir über «Die westlichen Wege der Einweihung». Diese öffentlichen Vorträge waren verhältnismäßig außerordentlich gut besucht.
Im Großen und Ganzen konnte ich nur den Geist unserer Zusammenkunft in Budapest charakterisieren. Es war für uns befriedigend, dass die Theosophen Europas sich wieder einmal getroffen haben, wenn auch nur eine kleine Zahl derselben.