The History of the German Section of the Theosophical Society 1902-1913

GA 250 — 24 October 1909, Berlin

41. Achte Generalversammlung Der Deutschen Sektion Der Theosophischen Gesellschaft

Bericht in den «Mitteilungen für die Mitglieder der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft (Hauptquartier Adyar), herausgegeben von Mathilde Scholl», Nr. 10/1910

Nach Eröffnung der achten Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft durch den Generalsekretär Dr. Rudolf Steiner wurde als erster Punkt der Tagesordnung die Feststellung des Stimmenverhältnisses und damit in Verbindung die Vorstellung der Delegierten der einzelnen Zweige vorgenommen.

Fräulein von Sivers verlas die Anzahl der Mitglieder der verschiedenen Zweige und darnach wurde die Zahl der Delegierten festgestellt.

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An die offiziellen Begrüßungsworte, die der Vorsitzende, Herr Dr. Rudolf Steiner, an die Versammlung richtete, knüpfte er die folgende, ihrem wesentlichen Inhalte nach hier wiedergegebene Eröffnungsrede:

«Meine lieben theosophischen Freunde!

So wie ich in der vorjährigen Generalversammlung darauf hinweisen durfte, dass wir in das siebente Jahr des Bestehens unserer Deutschen Sektion eintreten, können wir bei der Eröffnung der diesjährigen Versammlung davon sprechen, dass wir nun das siebente Jahr unseres Bestehens als Deutsche Sektion hinter uns haben. Bei dieser Gelegenheit darf wohl von vornherein bei Theosophen vorausgesetzt werden, dass sie ein Gefühl haben für das, was man eine zyklische Entwicklung der Ereignisse nennt. Demnach bedeutet also unser heutiges Zusammensein, nachdem der erste siebenjährige Turnus abgelaufen ist, eine besondere Art von Feier und Weihe. Bei einer solchen Gelegenheit darf es vielleicht geschehen, dass nicht bloß dasjenige, das Sie ja als Selbstverständlichkeit betrachten mögen, geschieht, nämlich dass Sie vom Generalsekretär aufs Herzlichste begrüßt werden, sondern es ist wohl nach Ablauf unseres siebenten Jahres am Platze, noch auf manches andere hinzuweisen. Wahrlich, ein solcher siebenjähriger Zyklus, wie er eben abgelaufen ist, kann uns über so mancherlei belehren. Es wird daher nicht überflüssig sein, wenn bei dieser Gelegenheit auf einige der Lehren hingewiesen wird, die uns durch die Ereignisse gegeben worden sind.

Diejenigen unter Ihnen, die mitgemacht haben an den verschiedensten Orten das theosophische Leben innerhalb unserer Deutschen Sektion, werden bemerkt haben, dass dieses Leben eine Entwicklung durchgemacht, eine Verwandlung erfahren hat. Diejenigen, die solches können, durch ihre lange Mitgliedschaft, mögen sich erinnern an die Art und Weise, wie wir vor sieben Jahren mit dem Leben der Theosophischen Gesellschaft hier in Deutschland angefangen haben. Wer verschiedene Vortrags-Zyklen mitgemacht und dabei die Vergleiche gezogen hat, wie gesprochen werden konnte in den letzten Zyklen gegenüber der Art und Weise, wie am Anfang der Bewegung gesprochen werden musste, wird einen großen Unterschied bemerken. Es musste eben aufgestiegen werden allmählich von der Betrachtung niederer Sphären der Erkenntnis zu höheren. Vor Jahren musste noch abstrakter und schematischer gesprochen werden, als dies jetzt geschieht. Die Anfangsgründe der Theosophie mussten damals so dargelegt werden, dass sie jeder aufnehmen konnte. Nun aber können wir uns auch so intime Lehren aneignen, wie sie vor einigen Monaten in München oder in Basel vor uns hingetreten sind. Wie viele Mitglieder hätten das, was da gesagt wurde, am Anfang der Bewegung noch als wilde Phantasterei aufgefasst. Es muss also ein erheblicher Umschwung eingetreten sein, den wohl ein jeder zu bemerken in der Lage ist. Das ist eine durchaus gerechtfertigte Sache; denn die theosophische Bewegung würde nicht vorwärtskommen, wenn sie nicht aus sich selber heraus nicht bloß der Zahl, sondern auch dem inneren Gehalte nach wachsen könnte. Es muss uns gerade diese Tatsache nahebringen, dass die theosophische Bewegung nichts ist, was auf einem einmal vorliegenden dogmatischen Buch oder einer Lehre fußt, sondern etwas ist, was wie ein Organismus immer neue Glieder ansetzt. Wir dürfen aber auch auf eine gewisse Fruchtbarkeit der Bewegung zurückblicken. Was darüber zu sagen ist, kann man entnehmen aus gewissen Zahlen, die sich auf unsere Arbeits-Verhältnisse beziehen. Ich habe mir aufgeschrieben die Zahl derjenigen Mitglieder, welche direkte Arbeit leisten, durch Vorträge und so weiter, die Zahl ist auf zwanzig gestiegen, und dabei sind nur diejenigen Mitglieder gerechnet, welche ihre Tätigkeit auf die verschiedenen Orte schon ausdehnen. Dazu käme dann noch die weitgehende und große Arbeit in den einzelnen Logen. Kaum einer von den zwanzig Mitarbeitenden ist vor sieben Jahren schon durch mündliche Vorträge tätig gewesen. Dies gibt uns ein Bild davon, dass wir doch etwas erreicht haben, dass die theosophische Bewegung seit ihrem Bestehen fruchtbar geworden ist. Solches ist aber auch nach vielen anderen Richtungen hin geschehen. So sind wir zum Beispiel in die Lage gekommen, unsere Tätigkeit auch dadurch zu erweitern, dass wir die sogenannten Kunstsäle eingerichtet haben. Herr Wagner wird uns nachher wohl einiges über diese neue Einrichtung, soweit sie Berlin betrifft, sagen. Diese Veranstaltungen sollen solchen Personen, welche noch der Theosophie ferne stehen, Künstlerisches vorführen, das vom theosophischen Hauch durchzogen ist. Da werden erzählt Mythen und Sagen, da wird für die, welche aus dem kleinen Leben des Alltags herankommen, ein kurzer Abriss in populärster Form über die theosophische Lehre gegeben und so fort. Ohne Zweifel darf gerade diese Art werktäger, geistiger Arbeit Nachahmung und Fortbildung erfahren. Es ist sehr erfreulich, wenn einfache Leute von der Straße hereinkommen, um mit Freuden die Grundbegriffe der Theosophie in sich aufzunehmen. Das ist auch eine richtige Art der Verbreitung der theosophischen Arbeit, aber sie muss in durchaus anspruchsloser Weise geschehen. Geschähe sie in prätentiöser Weise, so würde sie nicht fruchtbar wirken. So aber ist sie eine wahrhaft praktische Einrichtung. Es handelt sich eben darum, dass das, was im Sinne der Gegenwart geschehen soll, auch wirklich geschehe.

Endlich war es auch möglich, eine Intention zu verwirklichen, bei der man so recht das Wesen dessen fühlen kann, was in einem siebenjährigen Zyklus liegt. Vor sieben Jahren wurde nämlich einmal in Berlin von mir ein Vortrag gehalten über Schur&s Drama Die Kinder des Luzifer. Damals schon schwebte hinter diesem Vortrage der Gedanke einer späteren Aufführung. Im siebten Jahre unseres Bestehens nun konnte dieser Gedanke in München verwirklicht werden. So kehrt eben eine solche Bewegung wie die theosophische nach sieben Jahren gleichsam wieder in ihren Anfang zurück. Da kann dann unter Umständen sich das verwirklichen, was einstmals als bloße Intention einem vorgeschwebt hatte. Aber es braucht Geduld, solche Intentionen ausreifen zu lassen. Die Idee einer Aufführung des genannten Dramas vorher zu verwirklichen, wäre durchaus verfrüht gewesen. — Das sind so Dinge, die durch unsere Seele ziehen müssen, wenn wir den Weiheaugenblick des Ablaufes eines siebenjährigen Zyklus erleben. Das sind freilich zunächst bloß die Lichtseiten in der Entwicklung gewesen, aus denen man lernen kann, dass sie, wenn sie sich wirklich als Lichtseiten bewahrheiten, in ruhiger Weise fortgesetzt werden sollen. Viel mehr aber kann man aus den Schattenseiten lernen. Mit dem Wachstum der Mitgliederzahl der Gesellschaft ist sehr leicht ein Missverstehen des innersten Lebensnerves der Kräfte verbunden, die innerhalb der Bewegung spielen sollen. Die Mitglieder selber haben nämlich notwendig die Aufgabe, sowohl dafür zu sorgen, dass innerhalb der Theosophischen Gesellschaft nicht zu stark die Missverständnisse auftreten, und dass andererseits das Wahrheitsgut der Geistesforschung möglichst wenigen Missverständnissen draußen in der Welt ausgesetzt werde. Wir haben wahrlich ein heiliges geistiges Gut zu hüten, das sehr leicht Missverständnissen ausgesetzt werden kann; überall zeigen sich die Symptome solcher Missverständnisse. So erschien zum Beispiel neulich in einer Berliner Morgenzeitung ein Artikel, der zwar dem wirklichen Theosophen höchst langweilig und banal vorkommen muss, worin der Okkultismus dargestellt ist als umfassend Gebiete wie Somnambulismus, Hellsehen, Gedankenübertragung und so weiter. Der Schreiber dieses Artikels ist zwar innerhalb der Journalistenwelt ein berühmter Mann, weiß aber doch im Grunde von Okkultismus so wenig wie ein Buchbinder über den Inhalt der von ihm gebundenen Bücher. So aber musste jener Mann sprechen, wenn man erwägt, was man in der Öffentlichkeit heute Theosophie oder Okkultismus nennt. Aufgabe der theosophischen Bewegung ist es, von der schlecht unterrichteten Menschheit weg zunächst an das besser unterrichtete menschliche Herz und die menschliche Vernunft zu appellieren. Dazu aber muss sich der Theosoph allmählich den richtigen Takt aneignen. Der Mann, der jenen Artikel schrieb, sagte, er habe in einer Familie ein Kindermädchen getroffen, das tagtäglich die Kinder in den Tiergarten führte und dabei gelegentlich eine Dame traf, die ihr gleich zu erzählen begann über Wesen und Bedeutung des Astralleibes und schließlich dieses Dienstmädchen so zur völligen Überzeugung brachte. - Ich will mich hüten, zu glauben, dass dies einem Mitgliede der Theosophischen Gesellschaft passieren könnte; denn die Theosophen eignen sich wohl allmählich einen gewissen Takt für solche Dinge an. Es ist auch durchaus ungehörig, in dieser Weise für Theosophie Propaganda zu machen; wer dies doch tut, der wird dadurch der theosophischen Bewegung in intensivster Weise schaden. Anders liegt die Sache, wenn man in einem Kunstzimmer systematisch die Theosophie an solche Menschen heranbringt, wie jenes Dienstmädchen einer ist. Bringt man theosophische Tatsachen in solch abgerissener Weise an einen naiven Menschen heran, so wird derselbe dadurch nur beirrt; in seiner Seele wird unter Umständen großes Unheil angerichtet.

Dies führt uns aber auch dazu, in noch ernsterer Weise über einen Punkt zu sprechen, der heute schon wichtig ist, in Zukunft aber noch viel wichtiger werden wird. Wir werden daraus auch sehr viel lernen! Dieser Punkt betrifft nämlich das Verhältnis derjenigen, die innerhalb der Gesellschaft lehren und arbeiten, zu denen, die lernen wollen. Wir sind hier an einer schwierigen Stelle. Es kann nämlich leicht passieren, dass gerade durch eine solche Bewegung dasjenige überhandnimmt, was man blinden Glauben nennt, Glauben auf bloße Autorität hin. In dieser Richtung rächen sich die Sünden am allermeisten. Wir wollen bei dieser Gelegenheit auf einen Ausspruch Lessings hinweisen. Dieser fand, dass alle Leute um ihn herum die höchsten Loblieder auf Klopstock sangen. Als er aber einging auf das, was die Leute von Klopstock wirklich wussten, zeigte es sich, dass sie ihn kaum gelesen hatten. In der Theosophie kommt es einzig und allein auf das Verständnis an. Wer innerhalb dieser aus dem eigentlichen Quell des geistigen Lebens heraus verstehen will, wird jenes Wort Lessings, etwas abgeändert, wohl begreifen: «Wir wollen weniger gelobt, dafür aber fleißiger verstanden werden.» Dieses Wort sollte sich als eine heilsame Lehre, die sich in den letzten Jahren ergeben hat, tief in unser Herz einschreiben. Wir haben gesehen, wie eine wirklich schätzenswerte Lehrerin auf theosophischem Gebiet ungeteiltes Lob gefunden hat; wir mussten aber auch erfahren, wie sich allmählich eine heftige Opposition gegen sie geltend machte, freilich außerhalb der Deutschen Sektion. Wenn man nachprüfte, so würde man finden, dass sich hier Folgendes bewahrheitet: Es gab viele, welche in den verflossenen Jahren jene führende Persönlichkeit der Theosophischen Gesellschaft bewunderten und bestaunten. Hätten sich diese Bewunderer öfter in ihr Herz geschrieben: Wir wollen weniger bewundern als verstehen, so hätte sich die nachträgliche Opposition nicht geltend gemacht. Nicht äußere Verehrung und Bewunderung sollen wir den Lehrenden entgegenbringen, sondern deren Verständnis sollen wir anstreben. Wer im wahren Okkultismus bewandert ist, weiß, wie verderblich verständnislose Bewunderung wirkt. Er wird sich sagen, wenn jemand bemüht ist, eine Persönlichkeit nicht bloß zu bewundern und zu verehren, sondern deren Sache zur eigenen zu machen, diese Sache nicht bloß der Persönlichkeit zuliebe, die sie vertritt, anzunehmen, sondern ihrer selbst wegen, der ist auf richtigem Wege. Bloße persönliche Verehrung kann gar leicht in ihr Gegenteil umschlagen. Darin sind die wahren Gründe zu suchen für das Umschlagen so vieler Stimmungen innerhalb der theosophischen Bewegung in ihr Gegenteil. Hören Sie lieber immer auf die Worte derer, die wirklich im Geiste unserer Bewegung wirken, dann wird Ihnen auch klar werden, dass tatsächlich solche weniger bewundert als verstanden sein wollen. Aber die Sache hat eine noch ernstere Seite! Wer anfängt, die Lehren der Theosophie von dem oder jenem zu hören, ist nicht gleich in der Lage, alles zu verstehen. Zu diesem Verständnis gehört zwar nicht Hellsehertum, sondern zunächst bloße Anwendung der gesunden Vernunft. Nur derjenige versteht, der den Willen dazu hat, der mit seiner Vernunft sich darum bemüht. Von meiner Seite ist nichts gesprochen worden, es möge aus noch so hohen Höhen der Geisteswissenschaft stammen, das nicht mit der Vernunft, wenn dieselbe allseitig und unbefangen genug angewendet wird, begriffen oder doch geprüft werden könnte. Wir müssen uns darüber klar sein, dass nicht jeder Geistes-Forscher sein kann, aber das Mitgeteilte muss sich in allen Fällen in vernünftiger Weise prüfen lassen. Allerdings machen gewisse Dinge eine solche Prüfung oft schwierig, so zum Beispiel die hohen Wahrheiten des Lukas-Evangeliums; aber selbst hier können wir als an einem Beispiel sehen, wie etwa vorgegangen werden kann. Zunächst wird das vom Hellseher Erforschte als bloße Mitteilung aufgefasst. Dieses so ohne irgendwelche Urkunde Aufgezeigte wird dann an den vorhandenen Urkunden geprüft, in unserm Falle also am Lukas-Evangelium; denn darin ist vom Schreiber dieses Evangeliums in seiner Weise dasselbe gesagt worden, was sich auch aus der unmittelbaren Forschung ergibt. Dies ist zwar vorläufig nur eine annähernde Verifizierung; bei einfacheren Dingen aber kann sie genauer werden. So werden wir sehen, dass sich im Laufe der Zeit die Zeugnisse vermehren werden. Reinkarnations- und Karmalehre soll man am Leben nachweisen; denn allein dadurch können wir sie in richtiger Weise an ein größeres Publikum heranbringen. Wenn der Vorwurf gemacht wird, das, was der Geistesforscher sagt, könne nicht anders als auf bloße Autorität hingenommen werden, so ist ein solcher Grundsatz ganz falsch, und man soll ihn überhaupt nicht aufkommen lassen, sondern sich eher sagen: Ich will alle meine Vernunft aufraffen und das Mitgeteilte damit am Leben prüfen. So sollen wir zum Beispiel hingehen und studieren, was über den Zarathustra gesagt worden ist, was uns von der Geistesforschung darüber als große Richtlinien gegeben wird, und es vergleichen mit dem, was Geschichte und Leben darüber zu sagen haben, so wird sich alles schon bestätigen. Ich bin ganz ruhig bei denen, die wirklich die ganze Geschichte zu Hilfe nehmen, um das Gesagte zu verifizieren. Neu aufzufindende Tatsachen können nur neue Beweise liefern. Auch dasjenige, was gestern als kurze Skizze über Anthroposophie gesagt worden ist, kann durch Physiologie, Biologie und so fort nur bestätigt werden. Je mehr man solche Wissenschaften in richtiger Weise benützt, umso stärkere Belege werden sich ergeben. Scheinbare Widersprüche sollen zu lösen versucht werden; denn nur für eine ungenaue Prüfung sind es Widersprüche. Dieser Grundsatz ist besonders in meiner demnächst erscheinenden «Geheimwissenschaft» eingehalten worden.

Durch nichts wird mehr geschadet, als wenn einem Lehrer eine unbegründete Bewunderung entgegengebracht wird. Dadurch fügt sich nämlich der blinde Gläubige selber Schaden zu, indem er sich nicht entwickelt; noch mehr aber schadet er demjenigen, dem er blind glaubt, den er blind bewundert. Alles nämlich, was als blinde Bewunderung dem Geistesforscher entgegengebracht wird, nimmt sich für diesen selbst aus wie ein Hemmschuh, wogegen der Lehrer in der furchtbarsten Weise anzukämpfen hat. Gegen nichts hat er mehr anzukämpfen als gerade gegen solch blinde Bewunderung, durch die ihm förmlich Steine in den Weg geworfen werden. Dies sollte als ein Geheimnis nach Ablauf des siebten Jahresturnus Euch anvertraut werden! Diejenigen, die prüfen wollen, die stehen als willige Gestalten vor einem, mit denen kann man weiterkommen. Die anderen aber werfen einem fortwährend Wolken von Hindernissen entgegen, gegen die man sich zu wehren hat.

Sie können nur dadurch überwunden werden, dass der Lehrende absolut ehrlich ist. Blinde Bewunderung ist in der Theosophie die gefährlichste Klippe. Der Theosoph muss sich erziehen, dass er ehrlich und streng mit sich selber wird. Solche Dinge müssen sehr ernstlich erwogen werden. Die Lehrer müssen freilich in gewisser Weise auf sich nehmen, was hier charakterisiert worden ist; denn sie sind imstande, allseitig zu prüfen, was ihnen entgegengebracht wird. Persönliche Anhängerschaft gibt es ja immer; aber sie soll den Lehrer gar nicht berühren, er muss sich stark machen gegen sie. Blinde Anhänger sind seine Versucher und Verführer.

In dieser Richtung zu denken, muss sich als Grundsatz in der Theosophischen Gesellschaft allmählich herausbilden. Man soll zur Überzeugung kommen, dass man eine heilige Sache vertritt. Nur unter diesem Grundsatz werden wir weiterkommen. - Niemand braucht zurückzuschrecken, der in engerem oder weiterem Kreise lehren will, wenn ein solcher Grundsatz von ihm anerkannt wird.

Das ist so etwas, was wir aus den großen Erfahrungen heraus lernen sollen. Unbefangene, vorurteilsfreie Menschen sollen wir auf der einen Seite sein; auf der anderen aber sollen wir die peinlichste Sorgfalt walten lassen bei der Aufnahme dessen, was uns gegeben wird. Solches haben uns die verflossenen sieben Jahre gelehrt.

Es soll damit freilich nicht gesagt sein, dass nun ein jeder zurückhalte mit dem Lehren, bis er selber eine Sache verifiziert hat. Man muss eben immer streng unterscheiden zwischen dem, was schon durch die Vernunft, wenn auch nur durch sie, eingesehen werden kann, und dem, was erst späterhin, bei weiterer Entwicklung einzusehen möglich ist. Schlimm ist es, wenn wir die Dinge der Bequemlichkeit halber einfach auf Autorität hinnehmen. Warum werden so viele Medien zu Schwindlern? Sie sind nicht allein Schuld daran, sondern auch die blinden Hörer und Gläubigen. Eines muss der auf okkultem Gebiet Studierende vor allem haben, nämlich die immer mehr sich vertiefende Innerlichkeit des eigenen Selbst. Je mehr blinder Glaube, der nur der Bequemlichkeit entspringt, einem Medium zum Beispiel entgegengeschleudert wird, umso mehr und eher wird aus dem Medium ein Schwindler. Man kann nicht in einem

Maße, das stark genug ist, betonen, wie gerade hier auf diesem Gebiete es wichtig ist, den rechten Weg sich als Ideal vorzuzeichnen.»

Hiermit beschloss der Vorsitzende seine Eröffnungsrede und wies dann in einer kurzen Übersicht auf die äußere Arbeit in den letzten Jahren hin, auf seine verschiedenen Logenbesuche, seine verschiedenen Reisen, besonders auch die nach Österreich. Bei dieser Gelegenheit erwähnte er ein schönes Erlebnis, das für den Charakter der theosophischen Strömung besonders symptomatisch ist. Er gedachte nämlich des öffentlichen Vortrages in Prag, wo in gleicher Weise Mitglieder der tschechischen wie der deutschen Nationalität anwesend waren und in wunderbarster Eintracht beisammensaßen. Ein alter Herr sagte dem Vortragenden zum Schlusse, dass das, was hier die Theosophie zustande gebracht, sonst in Prag durchaus unmöglich gewesen wäre. Die Theosophie konnte aber jene einander sonst feindlich gegenüberstehenden Menschen an jenem schönen Abend so harmonisch vereinigen.

Die betreffende Reise ging dann weiter über Wien nach Klagenfurt. Auch in Wien ging die Arbeit in der friedlichsten Weise vor sich. Und das war in den Tagen, als zwischen den italienischen und deutschen Studenten jene Kämpfe stattfanden, bei denen sogar Schüsse fielen; es war auch die Zeit, wo sich die heftigen Streitigkeiten zwischen Deutschen und Tschechen abspielten. Daraus ist wohl zu ersehen, dass die Theosophie eine Mission hat, nämlich die, den Menschen Harmonie, Frieden und Eintracht zu bringen. Durch die Theosophie kann solches auch zustande gebracht werden.

Dann wurde auch hingewiesen auf die bemerkenswerte Tatsache, dass im abgelaufenen Jahre sieben Vortragszyklen stattgefunden haben: In Rom, Düsseldorf, Kristiania, Budapest, Kassel, München und Basel. Ferner wurde dankbarlich derjenigen Mitglieder gedacht, die immer wieder gewirkt haben an den verschiedensten Orten; die vielen anderen aber, deren Namen nicht alle genannt werden können, mögen als Dank hinnehmen den Erfolg, den ihr Arbeiten innerhalb der Theosophischen Gesellschaft gehabt hat, und daraus Anregung zu weiterem tüchtigem Arbeiten schöpfen. Als äußeres bedeutsames Ereignis hob der Vorsitzende auch den Kongress zu Budapest hervor und erwähnte, dass an diesem Kongress ihm für die Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?», die in englischer Übersetzung vorlag, vom Hauptquartier Adyar die Große Subba-Row-Medaille zugesprochen worden sei, ein Zeichen, dass zwischen den verschiedenen Lehrern der Theosophie auch Harmonie sein kann, wenn Selbstständigkeit herrscht. Besant und Steiner kommen also offenbar recht gut nebeneinander aus, wenn sie auch verschiedene Wege gehen. Es war eben notwendig, den alten Strom der theosophischen Bewegung mit einer neuen Strömung zu vereinigen, ihr von gewisser Seite her neues Lebensblut zuzuführen. Von irgendeinem leeren Harmoniegerede wird nichts Fruchtbares kommen. Diejenigen, die als Lehrer da sind, die wirken eben, jeder in seiner Weise, zusammen an dem einen großen Werk.

Erwähnt wurde des Weiteren die Gründung eines «Philosophisch-Theosophischen Verlages», der Fräulein Mücke unterstellt ist und in dem gelegentlich auch ein Abriss über Anthroposophie erscheinen soll.

In sehr weihevoller Art nannte der Generalsekretär dann diejenigen unserer lieben Mitglieder, die im Laufe des Jahres den physischen Plan verlassen haben, und knüpfte daran jeweilen eine kurze Schilderung des Verhältnisses der Verstorbenen zur Theosophie, besonders der dahingeschiedenen drei Damen aus Stuttgart, Frau Lina Schwarz, Frau Cohen und Frau Aldinger.

«Auch in einem solchen Falle», führte der Vorsitzende weiter aus, «können wir uns im Besonderen vor die Seele stellen, welche Bedeutung das, was uns Theosophie bieten kann, hat. Wir wollen den Schmerz der Hinterbliebenen der dahingeschiedenen lieben Freunde nicht mit banalen Phrasen hinwegzutrösten suchen, sondern wir wollen darauf hindeuten, dass wir zwar erst am Anfang unserer Bewegung stehen, dass aber auf das Gesamtkarma derselben allmählich dasjenige kommen muss, was in dem Einzelkarma zum Ausgleich gelangen soll. Die Theosophen müssen sich schließlich verpflichtet fühlen, in gewissen Fällen tätig für einander einzutreten. So wird dann die beliebte Phrase von allgemeiner Menschenliebe ersetzt durch ein richtiges Verständnis für individuelle wirkliche Nächstenliebe. Wenn sich die Menschenliebe nicht an die einzelnen Fälle macht und sich da betätigt, bleibt sie bloße Phrase. Solche Gedanken müssen uns aufsteigen, wenn wir von Zeit zu Zeit dieses oder jenes von unseren lieben Mitgliedern den physischen Plan verlassen sehen.»

Nach diesen Worten des Vorsitzenden ergriff Herr Bedrnicek aus Prag im Auftrage der Prager Sektion das Wort, um dem Generalsekretär für seine Bemühungen um die Prager Loge vor der Generalversammlung den wärmsten Dank auszusprechen.

Es wurde durch Herrn Günther Wagner im Auftrage des Besant-Zweiges der Antrag gestellt, von der Verlesung des Protokolls der letzten Generalversammlung Abstand zu nehmen, da sich in den gedruckten «Mitteilungen» jedermann über dessen Inhalt genügend hat orientieren können. Der Antrag, dass das Protokoll der letzten Generalversammlung nicht verlesen werde, ging einstimmig durch, und damit ward das Protokoll als genehmigt erklärt.

Einen Bericht über die Mitgliederbewegung gibt Fräulein von Sivers nach den zuletzt eingelaufenen Listen:

«Zahl der Mitglieder 1500 gegen 1150 im Vorjahre; neu eingetreten sind 415 gegen 336 im Vorjahre; ausgetreten oder nicht mehr aufzufinden und deshalb gestrichen sind 30; in andere Sektionen übergetreten 29, gestorben sechs.

Die aktuelle Zahl der Zweige ist 44 gegen 37 im Vorjahre, und ein Zentrum. Sieben neu begründete Zweige sind zu nennen: Zweig Breslau, Cusanus-Zweig in Koblenz, Zweig Essen; Paulus-Zweig in Mülhausen; Novalis- Zweig in Straßburg; Dante-Zweig in Dresden; Goethe-Zweig in München.»

Den Kassenbericht mit Jahresabschluss und Bilanz gibt Herr Seiler:
Die Gesamteinnahmen betrugen darnach 5817,69 Mark
Die Gesamtausgaben 5499,53 Mark
Es verbleibt somit ein Überschuss von 318,16 Mark
Hierzu Bankguthaben 2020,45 Mark
Mobilienbestand 338 Mark
was ein Gesamtvermögen ergibt von 2676,61 Mark

Daran anknüpfend stellte Herr Ahner aus Dresden den Antrag, künftig einen detaillierteren Kassabericht in den «Mitteilungen» erscheinen zu lassen, damit auch die Außenstehenden einen genaueren Einblick bekämen über Einnahmen und Ausgaben.

Herr Werner schlug vor, diesen Antrag rundweg abzulehnen.

Herr Elkan stellte den Antrag auf Schluss der Debatte, der angenommen wurde.

Der vorige Antrag, einen ausführlicheren Kassenbericht in den «Mitteilungen» erscheinen zu lassen, wurde mit überwältigend großer Mehrheit verworfen. Es erfolgte nun weiter die Verlesung des Berichtes der Kassenrevisoren Herrn Tessmar und Fräulein Motzkus. Herr Tessmar führte aus, dass nach drei Richtungen hin die Kassenbücher geprüft worden sind, erstens nach äußerlicher Sauberkeit und Übersicht, zweitens nach der rechnerischen Seite hin, drittens in Hinsicht auf die Genauigkeit der einzelnen Buchungen, woraus sich ergab, dass die beiden Revisoren berichten dürfen, dass die Kassenführung eine durchaus ordnungsgemäße sei. Auch die Abschlüsse stimmen mit den Buchungen wohl überein, und der positive Kassenbestand liegt auch faktisch vor.

Nun erfolgten die Anträge aus dem Plenum. Schriftlich sind keine solchen an den Vorsitzenden eingelaufen.

Herr Pastor Wendt bittet ums Wort und stellt den Antrag, die gelegentlich an die Mitglieder erfolgenden «Mitteilungen» jeweilen nicht mehr im offenen Kreuzband, sondern in verschlossenem Kuvert senden zu lassen.

Fräulein von Sivers erwidert, dass dadurch eine mächtige Mehrausgabe an Porto verursacht würde. Lieber sollen die einzelnen Mitglieder dafür Sorge tragen, dass nicht durch ihre eigene Unvorsichtigkeit die Sachen in unrichtige Hände geraten.

Herr Ahner schlägt vor, die verschiedenen Mitteilungen als Postpaket an die einzelnen Vorstände zu senden und sie durch diese verteilen zu lassen.

Herr Pastor Wendt zieht hierauf seinen Antrag zugunsten dieses zweiten zurück.

Herr van Leer meint, es wäre eventuell eine andere Art von Kreuzband zu gebrauchen.

Der Vorsitzende gibt nun zu bedenken, dass nur über solche Anträge abgestimmt werden kann, die mit den Statuten verträglich sind; da aber nach den Statuten die Logen autonom sind, so kann von der Generalversammlung nicht beschlossen werden, was die einzelnen Logen zu tun haben. Am besten wäre es gewesen, so führt der Vorsitzende weiter aus, man hätte den ursprünglichen Modus beibehalten können; wo wirklich alles verschlossen an die Mitglieder gelangte, aber der Finanzpunkt hat bei dem raschen Anwachsen der Gesellschaft die Änderung nötig gemacht. «Übrigens», meint er, «tun wir ja nichts, was zu verheimlichen wäre, und es liegt auch nicht viel daran, wenn gelegentlich ein Briefträger solch eine Mitteilung liest.» Einen derartigen tatsächlichen Fall hatte nämlich Herr Pastor Wendt seinem Antrag als Beispiel zugrunde gelegt.

Herr Pastor Wendt schlägt vor, zur Deckung der entstehenden Mehrausgaben für Porto die Mitgliederbeiträge zu erhöhen; doch auch darauf erwidert ihm der Vorsitzende, dass die Generalversammlung statutengemäß darüber nicht beschlussfähig sei. Damit war diese Angelegenheit erledigt.

Herr Oscar Grosheintz macht den Vorschlag, ein Adressen-Verzeichnis sämtlicher Mitglieder der Deutschen Sektion anzufertigen, um dasselbe, wenn nicht allen einzelnen Mitgliedern, doch wenigstens den Vorständen der Logen zukommen zu lassen, dadurch könnte nämlich seiner Meinung nach ein besserer Kontakt unter den Mitgliedern herbeigeführt werden.

Fräulein von Sivers entgegnet, dass bei einer früheren Gelegenheit beschlossen worden sei, aus verschiedenen Gründen nicht mehr die Namen der Eintretenden in die «Mitteilungen» aufzunehmen.

Herr Ahner meint, dass ein Verzeichnis der genauen Adressen doch tunlich wäre und besonders für die Logenvorstände wichtig, weil dadurch in jeder Weise eine Verkehrserleichterung unter den Mitgliedern geschaffen würde.

Fräulein von Sivers weist auf die Gefahren hin, die mit der Anfertigung eines solchen Adressenmaterials, das dann zu beliebigen andern Zwecken benutzt werden könnte, verbunden wären. Übrigens könnten sich ja die Mitglieder, meint sie, falls sie einen Ort besuchen, in dem sich ein theosophischer Zweig befindet, an den betreffenden Vorsitzenden des Orts wenden.

Herr Dr. Steiner erklärt, dass solches eine prinzipielle Frage wäre, die auch, nebst ihren Vorteilen, eine Kehrseite hätte, da es nämlich Menschen gibt, die innerhalb der Theosophischen Gesellschaft durchaus ehrlich wirken, aber doch infolge ihrer Stellung oder sonstiger Umstände mit ihrem Namen als Theosophen nicht in die Öffentlichkeit treten können.

Solch wichtige Dinge sollten dem begründeten Vertrauen der Leitung der Sektion überlassen bleiben. Der Vorsitzende wies noch auf weitere Übelstände hin, die mit dem öffentlichen Bekanntgeben der MitgliederAdressen verbunden wären. Er fühle sich auch nicht berufen, die Namen der Mitglieder preiszugeben, da ihm dieselben heilig seien. Nachdem wieder Herr Ahner in derselben Angelegenheit das Wort ergriffen hatte, stellte schließlich Herr Kiem den Antrag auf Schluss der Debatte, der angenommen wurde.

Der vorige Antrag, den Logen-Vorständen die Namen und Adressen sämtlicher Mitglieder der Deutschen Sektion zu übermitteln, wird durch Abstimmung mit großer Mehrheit verworfen.

Weitere Anträge aus dem Plenum wurden nicht gestellt.

Es erfolgte die Bericht-Erstattung der Vertreter der Zweige: Außer Fräulein von Sivers, die in Vertretung des Karlsruher Zweiges einen Bericht dieser Loge vorlas, wünschte niemand in dieser Angelegenheit zu sprechen.

Herr Günther Wagner gab nun einen kurzen Bericht über die Arbeit im Berliner Kunstzimmer und knüpfte daran eine allgemeine Betrachtung über die Zweckmäßigkeit derartiger Veranstaltungen innerhalb der theosophischen Bewegung. Er ermutigte auch, anderwärts ähnliche Versuche zu unternehmen, wie dies in Berlin und München bereits geschehen ist.

Zu dem Punkte «Verschiedenes» meldete sich niemand zum Wort.

Damit wurde vom Vorsitzenden die achte Generalversammlung der Deutschen Sektion für geschlossen erklärt.

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