The History of the German Section of the Theosophical Society 1902-1913
GA 250 — 2 November 1909, Berlin
42. Über den Siebenjährigen Bestand der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft
Meine lieben Freunde!
Gerade diejenigen Betrachtungen, welche für unsern Berliner Zweig mit dem heutigen Abend beginnen sollen, werden Anlass sein können, in einer kurzen Einleitung mancherlei vorauszuschicken, um dabei noch einmal anzuknüpfen an etwas, was ja wiederholt in den letzten Wochen und insbesondere in den Tagen unserer Generalversammlung erwähnt und scharf betont worden ist. Wir stehen ja im achten, also nach dem Abschlusse des siebenten Jahres unserer Deutschen Sektion, und es ist aufmerksam darauf gemacht worden, dass immerhin das, was man zyklische Bewegung der Ereignisse und Tatsachen in der Zeit nennen kann, nicht irgendeiner phantastischen Theorie entspringt, sondern durchaus auf Tatsachen der Wirklichkeit beruht, und dass derjenige nur eine solche Sache im tieferen Sinne versteht, der sie dann anwendet auch auf das Leben, in dem er unmittelbar selbst darinnen steht. Für jeden von Ihnen ist ja die theosophische Bewegung dadurch, dass er sich in sie hineingestellt hat, in einer gewissen Beziehung seine eigene Sache, und daher sollte ein jeder einen solchen zyklischen Ablauf dieser Sache für sich selbst in Betracht ziehen und zwar, man möchte sagen, praktisch in Betracht ziehen. Man kann an einer solchen Sache schr, sehr viel lernen. Es ist wiederholt betont worden, dass bei der Entwicklung des Menschen im individuellen Leben der Zeitraum um das siebente Jahr herum, wo der Zahnwechsel eintritt, in einer mannigfaltigen Beziehung wichtig und einschneidend ist. Wer das Leben innerhalb unserer Deutschen Sektion nur oberflächlich betrachtet hat - gar nicht zu sprechen davon, dass sich alles das, was darüber zu sagen ist, für eine tiefere Betrachtung umso schärfer und intimer zeigt -, der darf nun wirklich sagen: Dieser erste Zyklus unseres theosophischen Wirkens lässt sich ganz richtig vergleichen mit jener individuellen Entwicklung, welche das Kind durchmacht von der Geburt bis zum Zahnwechsel, bis es die zweiten, dann bleibenden Zähne erhält. Denn derjenige, der wirklich die Ereignisse betrachten will, wird nicht umhin können, sich zu sagen, dass gerade jener Überblick, den man halten konnte während der Tage unserer Generalversammlung, ergeben hat, dass wir es zu tun haben mit mancherlei Fiebererscheinungen, die dieser unser Zahnwechsel in den gegenwärtigen Wochen und Monaten bewirkt hat. Wir haben es sogar mit ganz kräftigen Fiebererscheinungen zu tun, und es ist durchaus nicht in Abrede zu stellen, dass gar mancher Zahn, der jetzt, nachdem die ersten Milchzähne ausgefallen waren, neu gewachsen ist, ganz kräftig zugebissen hat, und dass das noch durchaus nicht zu Ende ist. Die Sache, die ich jetzt sage mit dem Zubeißen und den mancherlei sonstigen Symptomen, hat eine tiefe und gründliche Bedeutung. Es sollte einem jeden zum Bewusstsein kommen, dass ja für die theosophische Bewegung weitere sieben Jahre bevorstehen werden, und dass diese sieben Jahre in gewisser Beziehung ein Hineinwachsen sind in dasjenige, was man dann, wenn es heranrückt, die Flegeljahre nennt. Alle diese Dinge können durch eine gute Erziehung beim einzelnen Menschen so oder so gestaltet werden. In der theosophischen Bewegung muss diese Erziehung zum großen Teil, wenn wir unsere Angelegenheit ernst und würdig auffassen, eine ernste Selbsterziehung sein, ein In-die-Hand-Nehmen der einzelnen Seelen vonseiten der Teilnehmer der theosophischen Bewegung. Und es wird notwendig sein, dass mancherlei in der Zukunft genauer angesehen wird, als es bisher angesehen wurde. Praktisch ist ja mancherlei in den verflossenen sieben Jahren nicht ganz berücksichtigt worden; Dinge, die zu einem gedeihlichen Fortentwickeln notwendig sind, sollten durchaus aber berücksichtigt werden.
So zum Beispiel sollte bedacht werden, dass es in der theosophischen Weisheit zunächst die großen Richtlinien gibt, die man zuerst sich aneignen muss. Damit die Neueintretenden und frisch Nachkommenden sich immer diese Richtlinien aneignen können, und so für sich - vielleicht in kürzerer Zeit als die andern, die das ganze theosophische Leben seit sieben Jahren mitgemacht haben - sich gründlich diese Richtlinien aneignen können, darum wird immer darauf gesehen werden, dass ein Kursus mit diesen Richtlinien gehalten werde. Wenn man das Wesen der Aneignung dieser Richtlinien im echten, wahren Sinne des Wortes versteht, dann wird man auch auf der einen Seite verstehen, worin die spätere Vertiefung liegen soll, nachdem man sich diese Richtlinien angeeignet hat, für den, der ernst mitarbeiten will innerhalb der theosophischen Bewegung. Aber man wird auch das richtige Verhältnis finden zu den ersten Richtlinien sowohl wie auch zu dem, was später gegeben wird. Dies ist etwas, was man sich durch ein entsprechendes Gefühl aneignen soll. Das, was die ersten Richtlinien gibt, ist wirklich ein großer Plan der Weltenweisheit. Wenn Sie jene Konfiguration, jene planvolle Gliederung des Menschen in sich aufnehmen, wie dies in meiner «Theosophie» gegeben wird, so hängt es davon ab, wie der einzelne Leser oder Zuhörer sich selber dazu stellt, ob er in einer solchen Sache ein bloß abstraktes Wissen aufnimmt, ‚oder ob er eine warme, inhaltsvolle Weisheit aufnimmt. Das ganze Buch «Theosophie» enthält, wenn Sie wollen, ein abstraktes, kaltes, begriffliches Wissen, und es enthält ebenso, wenn Sie wollen, die wärmste, die tiefste, in die Seele gehende lebendigste Weisheit. Und Selbsterziehung und Selbsterkenntnis sind es einzig und allein, welche dazu führen müssen, einzusehen, dass es nur von dem Leser abhängt, ob es abstraktes, trockenes Wissen ist oder ob es warme, inhaltsvolle, tief ins Herz gehende, alles Leben ordnende, dem Leben Aufgaben setzende, den schwierigsten Lagen des Schicksals Trost bietende Weisheit ist.
Derjenige, der nicht zu bequem ist, kann aus einem solchen Buche für alle Lagen des Lebens sich selber Antwort holen. Oftmals kommt es vor, dass irgendjemand zu mir kommt, in der besten Absicht, und sagt: «Ach, sagen Sie mir, welches meine Fehler sind, ich möchte sie so gerne ablegen.» Dabei wird gar nicht bedacht, dass die Antwort gerade auf diese Frage jeder sich aus dem, was vorliegt in der geisteswissenschaftlichen Literatur, immer selber holen kann, und dass es für ihn weit größeren Wert hat, wenn er sich aus dem, was vorliegt, diese Antwort holt, als wenn er sie sich in einer äußerlichen Weise beantworten lässt. Es würde manchmal, statt eine solche Frage zu stellen, und sie persönlich beantwortet haben zu wollen, viel, viel besser sein, wenn der Betreffende sich die «Theosophie» hernehmen, eine halbe Seite darin lesen und die Sache dann mit seinen echten, eignen Gedanken durchdringen würde.
So dass es gar nicht zu viel ist, diese Richt- und Grundlinien der theosophischen Weltanschauung immer wieder und wiederum vorzunehmen, sich sie ganz zu eigen zu machen. Dann allein, wenn Sie das tun, werden Sie das richtige Verhältnis gewinnen können zu allem Späteren. Dann werden Sie verstehen können, dass es in einer gewissen Weise eben notwendig war, von den Richt- und Grundlinien vorzuschreiten zu dem, was im Verlaufe der letzten Jahre an den Zweigabenden gegeben worden ist: Es ist notwendig, da sich ganz hineinzufinden. Auf der anderen Seite aber ist es auch richtig, dass ich eigentlich in den letzten drei Jahren, nachdem die Grundlinien gelegt waren, in der Tat in Bezug auf die tieferen Wahrheiten nichts Neues mehr gesagt habe. So notwendig es war, intensiv alles das zu durchdringen, es waren dies gegenüber dem, was in den Grund- und Richtlinien gesagt war, weitere Ausführungen für das Leben, das wir allseitig betrachtet haben; es waren Lichter, welche auf die verschiedenen Gebiete des Lebens geworfen werden sollten. Vier Vorträge sind in den letzten Wochen im Architektenhaus gehalten worden: «Die Mission der Geisteswissenschaft einst und jetzt», «Die Mission des Zornes», «Die Mission der Wahrheit», «Die Mission der Andacht». Derjenige, der das Buch «Theosophie» wirklich studiert hat, der hätte finden können, dass alles, was da gesagt wurde, schon darinnen enthalten ist: Es sind dort vier Quadrate, die nun mit verschiedenen Farben ausgemalt worden sind. Diese Ausmalung in jeder einzelnen Seele vorzunehmen, ist durchaus notwendig; denn es wäre das Allerfalscheste und Unrichtigste, wenn man sich denken wollte, dass man deshalb, weil in der «Theosophie» alles enthalten ist, sein Leben lang bei der «Theosophie» wiederum stehen bleiben soll. Aber das richtige Verhältnis zu diesen weiteren Ausführungen im praktischen Leben findet man, wenn man sich das, was dort gesagt worden ist, ganz zu eigen gemacht hat. Dem, der das, was in der «Theosophie» gesagt ist, sich ganz zu eigen gemacht hat, kann es so gehen, dass er sich sagt: «Nun habe ich durch vier Jahre hindurch daran gearbeitet, mir jene Grundlinien der Theosophie ganz zu eigen zu machen. Und jetzt ist es so merkwürdig, was in mir vorgegangen ist! Hätte ich vor vier Jahren solch einen Vortrag gehört wie über «Die Mission des Zornes, so hätte ich ihn selbstverständlich auch verstehen können, aber ich sehe, es gibt verschiedene Arten des Verständnisses.» Das ist bei solchen Dingen, an denen wirklich etwas daran ist, der Fall. Es gibt ein Verständnis, das der haben könnte, der diese Vorträge vielleicht zum ersten Mal hört, aber gar nicht weiß, dass es eine «Theosophie» gibt. Dann gibt es ein zweites Verständnis, das der hat, der sich die Theosophie zu eigen gemacht hat, und der könnte dabei eine sonderbare Entdeckung machen. Der könnte sich sagen: «Vor vier Jahren wäre mir das schwierig erschienen; manche Dinge wären mir fremd gewesen, es hätte mir geschienen, dass manches, was da als Wendung gebraucht wurde, mir nicht recht einleuchten könnte. Und jetzt, nachdem ich diese Sache über Empfindungs-, Verstandes-, Bewusstseins-Seele und so weiter richtig aufgenommen habe, höre ich mir diese vier Vorträge etwa so an, wie ich vorher eine Novelle gelesen habe, die ganz leicht verständlich zu meiner Seele gesprochen hat.»
Dies sollte nur angegeben werden als das, was ein wirkliches Sich-zu-eigen-Machen der «Theosophie» bewirken kann und sicher tun wird, wenn es in der richtigen Weise durchgearbeitet wird. Wenn jemand freilich, nachdem er das Buch in die Hand genommen und ein- oder zweimal die Dinge durchgenommen hat, dann findet: «Das sind trockene Auseinandersetzungen, wie sie in jeder Wissenschaft vorkommen», dann hat er niemals die Unbequemlichkeit überwunden, sich zu fragen: «Liegt denn das wirklich nicht an mir, dass ich darin nichts anderes sehen kann als eine Wissenschaft? Dass ich nicht sehen kann dasjenige, was wie Feuerfunken aus ihm herauskommen kann?» - So müssen wir diese Dinge ansehen. Wir müssen nicht glauben, dass es für uns in späteren Lebensjahren in einer gewissen Beziehung erniedrigend ist, sich zu sagen: Ich soll an den Richt- und Grundlinien wirklich richtig lernen, und zwar so, wie sie da stehen. - Denn es ist ungeheuer wichtig, dass wir einsehen, dass die Dinge nicht deshalb gerade so oder so gesagt werden, weil es dem betreffenden Schreiber so eingefallen ist, sondern weil die Dinge mit einer inneren Notwendigkeit in jeder Einzelheit geschrieben sind. Von der großen Verantwortung, mit der das Buch geschrieben ist, hat die Gegenwart mit ihrer verlotterten Literatur überhaupt gar keinen Begriff. Es würde eine große Selbsterziehung sein, wenn man innerhalb der theosophischen Bewegung nach und nach dem Herzen angewöhnen würde, etwas zu fühlen von dieser Verantwortung. Glauben Sie [es mir], es ist nicht einerlei, wenn in einem solchen Buche, das mit der Verantwortung gegenüber den spirituellen Welten geschrieben ist, einmal ein Prädikat vor dem Subjekt steht oder anstatt «ist» «war» gewählt wird. Oder wenn in irgendeiner anderen Weise ein Satz so oder so geformt ist, so hat das seine guten Gründe. Und von jener ganz tief gehenden Verantwortung, die man diesen Dingen gegenüber haben muss, hat unsere gegenwärtige verlotterte Literatur, welche glaubt, man darf alles hinschreiben, was einem einfällt, und es wäre gleich, ob man dies oder jenes Wort gebraucht, gar nicht den Begriff. Heute wird alles so hingehudelt, wie es den Leuten einfällt. Es kommt darauf an, jeden Satz richtig zu prägen. Und wenn es in der Sprache für einen Begriff kein richtiges Wort gibt, dann muss man in einem solchen Buche wie in der «Theosophie» in der ersten halben Zeile ein Wort gebrauchen, welches annähernd den richtigen Sinn gibt, und damit der Begriff dann richtig herauskommt, in der zweiten halben Zeile ein entsprechendes Wort gebrauchen, damit die beiden Worte sich die Balance halten, und die Sache auf die Seele wirken kann.
Ein solches Buch, wie die «Theosophie» ist nicht annähernd zu vergleichen mit irgendeinem Buche der äußeren Literatur. Denn das wird die schönste, die höchste Frucht der theosophischen Bewegung sein, wenn von jener Selbsterziehung in der Seele ein Gefühl erwacht. Dann bekommt man auch ein Gefühl dafür, dass das allermeiste, was heute gedruckt wird - mit Ausnahme der bloßen Mitteilungen der Ereignisse, die gegeben werden über die sozialen Verhältnisse —, eigentlich am besten ungedruckt bliebe, weil es nicht ausgereift ist, weil es durchaus nicht reif ist, von einer Seele zur andern hinzufließen.
Dafür sollen wir ein Gefühl bekommen und eine wirklich würdige und ernste Empfindung. Es wäre übel, wenn die Theosophen das, was in der «Theosophie» gegeben wird, mit genau derselben Gesinnung aufnehmen würden, wie sie irgendetwas anderes aus der außenstehenden Literatur aufnehmen. Vielleicht erinnern Sie sich daran, dass von mir hier das System der Künste vor ein paar Tagen entwickelt worden ist in einem ganz besonderen Stil. Glauben Sie, dass das eine Schrulle war? Wenn Sie das glauben, würden Sie ganz fehl gehen. Es handelt sich gar nicht darum, diesen Vortrag gerade einmal in dieser Form zu halten, sondern darum, dass das, was dabei gesagt werden musste, notwendigerweise jeden einzelnen Satz und jede Wendung ganz von selbst ergab; und jede andere Art, darüber zu sprechen, hätte das niemals sagen können, was gerade in diesem Vortrag gesagt wurde. Es kam gerade dabei, wie überall übrigens, auf das «Wie» im höchsten Maße an. Und wenn Sie diese dort gegebenen Dinge umkleiden, dann sind sie nicht mehr dasselbe, dann sind sie etwas ganz anderes.
So ist es für den ernsten Theosophen immer wieder notwendig, zurückzukehren zu den ersten Richt- und Grundlinien, und gerade durch das Sich-zu-eigen-Machen dieser Richt- und Grundlinien die Möglichkeit sich zu verschaffen, immer weiter und weiter aufzurücken. Wer diese Richt- und Grundlinien in den ersten vier Jahren unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung hier so in sich aufgenommen hätte, wie in den vier Jahren bei uns versucht worden ist, sie zu verarbeiten; wer sie so aufgenommen hätte, dass sie damals vor drei Jahren in ihm gelebt hätten, dass sie in ihm gegenwärtig gewesen wären, der hätte in den folgenden drei Jahren die Entdeckung gemacht, dass das, was weiter ausgeführt wurde, nicht mehr neu war, sondern [Ausbau] nach der Lebenspraxis hin auf allen Gebieten. Er hätte bemerkt, dass er das mit einer völligen Leichtigkeit aufnimmt, ohne Schwierigkeit des Verständnisses und ohne zu verkennen die Notwendigkeit, wie das eine oder andere aufzufassen ist. Er hätte aber noch ein merkwürdiges anderes Gefühl nach weiteren drei Jahren ... heute also. Er würde sich die Möglichkeit verschafft haben, heute zu sagen: «Ich bin ja unvermerkt in ein ganz neues Leben der Seele hineingekommen: Jetzt weiß ich, was geistiges Leben ist. Jetzt weiß ich, dass ich früher einem Missverständnis unterlegen bin, wenn ich mir vorgestellt habe, dass ich das geistige Leben auf andere Weise erreichen könnte, als dass ich es durch die Welten-Betrachtung gewinnen könnte und mir dadurch die schlummernden Kräfte, auf der ersten Stufe wenigstens, wecken lasse! Vier und drei sind innerhalb eines siebenjährigen Zyklus wieder eine wichtige Sache: Deshalb wurde innerhalb unserer Bewegung in den ersten vier Jahren an den Richtlinien und Grundrissen gearbeitet, und wurde in den letzten drei Jahren in das, was vorgesteckt war im allgemeinen Bauplan, nur hineingefügt, was dann in Bezug auf den realen Inhalt des Lebens wichtiger ist als die Grundlage. Aber um es zu erlangen, ist es notwendig, dass man die Grund- und Richtlinien sich zu eigen gemacht hat.
Und das sollte vor allen Dingen auch heute gesagt werden zu den lieben Mitgliedern unseres Berliner Zweiges, der ja als einer der ältesten Zweige in gewisser Weise Führer sein kann. Es sollte wieder insbesondere ans Herz gelegt werden allen denen, die da oder dort beteiligt sind an neuen Zweigbildungen; denn diese Dinge werden ja nicht aus einer Willkür heraus gemacht, sondern darum, weil sie vorbildlich sein sollen für neue Zweiggründungen: Es ist außerordentlich wichtig, dass man sich immer wieder vor die Seele schreibt, dass es nicht richtig ist, dasjenige, was Ausbau sein soll, den Leuten etwa zuerst zu bieten; sondern derjenige, der auf dem theosophischen Weg kommen soll in das geistige Leben, der muss es einfach dadurch können, dass er sich in einer gründlichen, ernsten und würdigen Weise die Richtlinien in der Seele aneignet.
Wenn wir vor sieben Jahren zu arbeiten begonnen hätten mit einem kleinen oder größeren Häuflein von solchen Menschen, welche die tiefste Sehnsucht gehabt hätten nach der geistigen Welt, und diese Menschen — es hätten ja ebenso gut zehn wie eintausendfünfhundert sein können durch irgendein Ereignis zu gleicher Zeit von dieser Sehnsucht getrieben gewesen wären, wenn dieses Häuflein die Richtlinien mit Hingebung aufgenommen hätte, dann durch drei Jahre hindurch in diese Richtlinien das hineingepflanzt hätte, was in den letzten drei Jahren als Ausführung für die Lebenspraxis gegeben worden ist -, dann stünden wir jetzt, dadurch, dass wir, nachdem die meisten unserer lieben Freunde aus den Betrachtungen, die in Anlehnung an das Johannes-Evangelium gesprochen worden sind, etwas über die Begründung des Christentums und das Wesen des Christus gehört haben, nachdem die meisten, wenigstens in kurzer Wiederholung, die grundwesentlichen Tatsachen, die an das Lukas-Evangelium anknüpfen, noch dazugenommen hätten und aufgrund dessen, dass sie sich zu eigen gemacht hätten die Richt- und Grundlinien der «Theosophie», jetzt mit allem, was so erarbeitet worden ist, verbunden hätten das, was in Vorträgen, die die verschiedensten Kapitel des Lebens berührt haben, wie Erzichung, Krankheit, Moralprinzipien erwähnt worden ist, wenn das alles so wäre, und wenn wir nun gekrönt hätten das, was da war, durch die Tatsache, dass wir jetzt aufgenommen haben jene bedeutungsvollen Gesichtspunkte, die in Anlehnung an das Johannes- und Lukas-Evangelium gesagt worden sind, dann stünden wir jetzt davor, heranzugehen an die Betrachtung, die hinweist auf das Markus-Evangelium, und wir würden zuletzt aufsteigen können zur Betrachtung des Matthäus-Evangeliums. Dann würden wir anfangen, eine Ahnung zu haben von dem, was der Christus Jesus ist. Nun kann das natürlich in einer solchen Weise nicht der Fall sein, denn die Dinge können im Leben nicht so vollkommen sein. Da wir ja nicht ein solches Häuflein waren, das unter völligem Ausschluss aller störenden Umstände diese sieben Jahre gearbeitet hat, dadurch ist es immer wieder bei dem einen oder andern vorgekommen, dass er, nachdem er aufgenommen hatte das, was in den Vorträgen über die Christus-Wesenheit im Hinblick auf das Johannes-Evangelium gesagt worden ist, geglaubt hat, er wisse nun, was der Christus Jesus ist. Denn man könnte ja leicht glauben, dadurch dass über den Christus gesprochen worden ist, wisse man jetzt, um was es sich dabei handelt. Dann ist im Hinblick auf das Lukas-Evangelium gesprochen worden, und wiederum könnte jemand glauben: «Nun hat der Vortragende schon alles Mögliche gesagt, hat in den letzten drei Jahren so viel über den Christus gesprochen, im Anschluss an das Johannes-Evangelium, hat auch über die dreißig ersten Jahre gesprochen in Anknüpfung an das Lukas-Evangelium - jetzt kann man sich doch ein Bild machen von den dreiunddreißig Wirkungsjahren des Christus Jesus auf der Erde ...» Wenn das so wäre, dann wäre es nicht notwendig gewesen, der Welt auch das Markus- und Matthäus-Evangelium zu geben.
Wenn Sie vor allen Dingen auf die Gesinnung hinblicken wollen, von welcher aus die Betrachtungen gehalten worden sind in Anknüpfung an das Johannes- und Lukas-Evangelium, wenn Sie diese Gesinnungen ins Auge fassen wollen, so können sie nicht anders charakterisiert werden als so, dass diese Betrachtungen gesprochen worden sind von einem Gesichtspunkte, der etwa das Folgende sagt: «Das, was wir als die Christus-Jesus-Wesenheit bezeichnen, ist, soweit von ihr ein menschliches Verständnis überhaupt in unserer gegenwärtigen Zeit möglich ist, ein so Großes, so Umfassendes, Gewaltiges, dass eine Betrachtung nicht davon ausgehen kann, zu sagen in irgendeiner einseitigen Weise, wer der Christus-Jesus war, und welche Bedeutung seine Wesenheit für jeden einzelnen Menschengeist und für jede einzelne Seele hat; das würde geschienen haben in unsern Betrachtungen wie eine Unchrerbietung gegenüber dem größten Welten-Problem, das es gibt. Ehrerbietung und Ehrfurcht, das sind die Worte, welche jene Gesinnungen bezeichnen, von denen aus unsere Betrachtungen durchaus gegeben worden sind. Ehrfurcht und Ehrerbietung, die etwa sich ausdrücken könnten in der Stimmung: Versuche selber dasjenige, was menschliches Begreifen ist, gar nicht zu hoch zu stellen, wenn du dem größten Problem gegenübertrittst. Versuche selbst alles das, was dir eine noch so hohe Geisteswissenschaft geben kann, niemals zu hoch zu stellen, wenn es auch in die höchsten Regionen hinaufgeht, wenn es sich darum handelt, dem größten Problem des Lebens gegenüberzutreten. Und glaube nicht, dass ein menschliches Wort ausreichen würde, etwas anderes zunächst zu sagen als das, was dieses große und gewaltige Problem von einer Seite aus charakterisiert.