The History of the German Section of the Theosophical Society 1902-1913
GA 250 — 14 December 1911, Berlin
46. Warum Wurde Bisher Das, Was Unter Theosophischer Bewegung Zu Verstehen Ist, Innerhalb Der Theosophischen Gesellschaft Vertreten?
Ansprache von Rudolf Steiner bei der Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft
Sie haben sehr schöne Gedanken und Ideen aus dem Kreise der hier Versammelten gehört und gewisse Schwierigkeiten der theosophischen Bewegung kennengelernt. Haben wir ja sogar hören müssen, dass es zahlreiche Menschen gibt, welche in dem Bestande der Gesellschaft ein Hindernis für sich schen, sich dieser Gesellschaft anzuschließen, aber wohl auch außerdem finden, dass die Bewegung als solche vielleicht eher gehemmt als gefördert werde durch den Bestand der gegenwärtigen Gesellschaft. Das sind gewichtige Gesichtspunkte, insbesondere für denjenigen, welchem die theosophische Befriedigung im Ernste und in der richtigen Art und Weise am Herzen liegt.
Es könnte die Frage entstehen: Ja, Theosophie, wie wir sie auffassen, ist doch etwas Reales, das gewissermaßen in unserer neueren Zeit in die Menschheitsentwicklung eingeflossen ist, und das sich in dieser in den verschiedenen Ländern verbreiteten Theosophischen Gesellschaft, wie wir sie eben haben, ein Gefäß geschaffen habe; und wie steht es denn nun mit dieser Tatsache, dass dieses Gefäß doch hervorgegangen ist aus der Theosophie, und dass es eigentlich im gegenwärtigen Momente nicht so recht zu dieser Bewegung passt? Das ist eine Frage, die, wie ich glaube, viele von Ihnen berechtigt sind, gewissermaßen an mich selbst zu richten. Denn es könnte mancher sagen: Warum vertrittst du das, was du theosophische Bewegung nennst, innerhalb dieser Gesellschaft?
Ich kann, weil ich nicht sehr viel Zeit in Anspruch nehmen möchte, nicht im Einzelnen auseinandersetzen, was jeder, wenn er die Tatsachen prüft, im Grunde genommen leicht bemerken kann, nämlich dass die Art und Weise der Verbreitung der Theosophie, wie sie von mir aus geschieht und wie sie Baron Walleen gemeint hat, eigentlich im Grunde genommen recht wenig zu tun hat mit dem, was wir Theosophische Gesellschaft nennen. Ein jeder könnte aus den Tatsachen der letzten Jahre dies ganz leicht selber herauslesen. Denn was hängt denn von alldem, was geschehen ist und wovon Baron Walleen gesprochen hat, zusammen mit dem, nun, sagen wir Zentralpunkte dessen, was man Theosophische Gesellschaft nennt?
‚Auch bei schärfster Untersuchung würde man recht wenig finden von dem, was aus der Theosophischen Gesellschaft für die Bewegung, die hier gemeint ist, herausgeflossen ist. Man kann diese Frage in gewissem Sinne nur historisch beantworten. Ich habe es für Einzelne schon getan und möchte hier auf einige Gesichtspunkte rein tatsächlich hinweisen. Jeder kann aus diesen Tatsachen dann selbst ablesen, was er braucht zur Beurteilung der hier vorliegenden Fragen.
Das Erste ist, dass ich hier in Berlin schon jene theosophischen Vorträge gehalten habe, die dann als kurzer Abriss erschienen sind in meiner «Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens»; ich habe theosophische Vorträge auch anderer Art in diesen oder jenen Kreisen gehalten, auch - nach Aufforderung von Theosophen und Nicht-Theosophen einen Teil jener Vorträge, welche zu dem Buch «Das Christentum als mystische Tatsache» geführt haben, ohne dass ich in die Theosophische Gesellschaft damals auch nur eingeschrieben gewesen wäre. Das heißt also: Es hing für mich nichts davon ab, in die Theosophische Gesellschaft eingeschrieben zu sein oder nicht, um Theosophie zu treiben, derart wie sie von mir aus getrieben werden sollte.
Dann wurde man bekannt mit dieser Tatsache, [dass ich nicht Mitglied der Theosophischen Gesellschaft war]. Und ich lernte damals eine Persönlichkeit kennen, welche seit jener Zeit verbunden geblieben ist mit dieser [von mir vertretenen] Art der theosophischen Bewegung, die aber viel eher als ich der Theosophischen Gesellschaft sich angeschlossen hatte: Das ist Fräulein von Sivers. Und in der Zeit, als Fräulein von Sivers schon Mitglied war, ich selbst aber noch nicht, da fand einmal ein Gespräch zwischen uns statt, in welchem sie fragte, warum ich mich denn nicht der Gesellschaft anschließe. Und ich antwortete darauf in einer längeren Auseinandersetzung, die den Inhalt hatte: Es werde mir immer unmöglich sein, einer Gesellschaft anzugehören, innerhalb welcher man eine solche Theosophie treibe, die in jenem Grade durchdrungen ist von unverstandener orientalischer Mystik, wie das bei der Theosophischen Gesellschaft der Fall sei; denn mein Beruf wäre es, zu erkennen, dass es bedeutsamere okkulte Impulse gebe für unsere Gegenwart, und dass es unmöglich wäre bei dieser Erkenntnis, zuzugeben, dass von dieser orientalisierenden Mystik das Abendland etwas zu lernen habe. Es würde das, was ich zu vertreten habe, sich einer falschen Beurteilung aussetzen, wenn ich sagen würde: Ich will Mitglied sein einer Gesellschaft, welche zu ihrem Schibboleth orientalisierende Mystik hat. Das war der Inhalt jenes Gesprächs.
Dann ergab sich eine weitere Tatsache - und ich erzähle nur Tatsachen und überlasse Ihnen das Urteil darüber. Ich habe jene Vorträge gehalten über die «Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens», die bald darauf wesentlich verkürzt in Buchform erschienen sind. Dieses Buch erschien wiederum im Auszug in englischer Übersetzung in der damals erscheinenden Zeitschrift «Theosophical Review», welche von Misses Besant und Mister Mead herausgegeben wurde. Der Auszug oder eigentlich das Referat über dieses Buch, das Mister Keightley damals gab, ist etwas anderes als die Übersetzung, die er jetzt [1911] besorgt hat. Dieses Faktum definiere ich so und habe es auch damals so definiert, dass damit die Tatsache gegeben war, dass die Theosophische Gesellschaft nichts von mir verlangt hat, nicht verlangt hat, dass ich etwas gemeinschaftlich haben sollte mit irgendwelchen Grundsätzen, Prinzipien, Dogmen, die vertreten werden sollten, sondern sie hat etwas angenommen, was von außerhalb, von mir gegeben wurde. Es war also dasjenige freundlichst eingeladen, was man zu geben hatte.
Dann ergaben sich weitere Tatsachen. Es wurde in Aussicht genommen, eine Deutsche Sektion zu begründen. Nun war ja durch das, was geschehen war, einfach in der Wirklichkeit eine Art Verbindung gegeben zwischen der Theosophischen Gesellschaft und mir, insofern sich die Bewegung in der Gesellschaft zum Ausdruck bringt. Das führte dazu — während auf der einen Seite die Tendenz bestand, eine Deutsche Sektion zu begründen -, dass mir vonseiten des damaligen Leiters [Graf Brockdorff] der «Deutschen Theosophischen Gesellschaft» [in Berlin], welche ein Zweig war in [der europäischen Sektion] der allgemeinen Theosophischen Gesellschaft, der Vorschlag gemacht wurde, mich in die Gesellschaft aufzunehmen und zu gleicher Zeit Vorsitzender der «Deutschen Theosophischen Gesellschaft» zu werden. Damit war gegeben, dass ich mich nicht einer Gesellschaft eingliederte, sondern dass ich hineinging, um das zu geben, was vorher nicht darinnen war, was sie vorher nicht hatte. Niemals war von meiner Seite irgendein Antrag gestellt worden, Mitglied der Gesellschaft zu werden, sondern ich habe mir gesagt: Wenn die Gesellschaft mich haben will, kann sie mich haben. Ich habe außerdem damals die Vorsicht gebraucht - um auch auf ein Äußeres hinzuweisen -, mich von allen Bezahlungen zu befreien. Ich habe nichts gezahlt. Dann wurde mir von England das unentgeltliche Diplom übersandt, und zugleich war ich Vorsitzender der «Deutschen Theosophischen Gesellschaft». Wenn ich noch ausführlicher sprechen könnte, würde ich zeigen, dass es eine notwendige Konsequenz war, dieses Faktum fortdauernd anzuerkennen, dass ich niemals etwas von der Gesellschaft gewollt habe und nicht nötig gehabt habe, irgendetwas zu übernehmen von ihren Prinzipien und Dogmen, sondern dass ausgemacht war, man will etwas von mir haben.
Dann ergab sich die Begründung der Deutschen Sektion, unter «Hangen und Bangen, in schwebender Pein», unter fürchterlichen Diskussionen, hin und her, damit will ich Sie verschonen. Es fand sich damals eine Persönlichkeit, die mittlerweile ausgetreten ist aus der Gesellschaft, die auch Vermittler des Karma war - in welcher Weise, darüber könnte viel erzählt werden in okkultem Zusammenhang -, es ergab sich, dass Herr Richard Bresch, der damalige Vorsitzende des Leipziger Zweiges, nachdem er sich besprochen hatte mit verschiedenen Persönlichkeiten, eines Tages zum Grafen Brockdorff kam und sagte: Wenn Doktor Steiner nun schon Vorsitzender der Berliner Loge ist, kann er auch Generalsekretär der Deutschen Sektion sein. - Es ergaben sich nun alle möglichen Notwendigkeiten, diesen Antrag, Vorsitzender der Deutschen Sektion zu werden, anzunehmen, und ich will Ihnen alle diese Notwendigkeiten in einige Worte zusammenfassen, damit Sie sie als solche erkennen:
Erstens: Die Notwendigkeit, Theosophie in der Art, wie es hier gemeint ist, zu vertreten und in die Welt zu bringen.
Zweitens: Die andere Notwendigkeit, die Sache für diejenigen, die arbeiten sollten, nicht gar zu schwierig zu machen, denn wir fingen in ganz kleinen Kreisen an.
Nun, im Einklang mit so manchem, was auf okkultem Boden zu allen Zeiten geschehen ist, musste ich mir sagen: Diese Gesellschaft ist mit allem, was sich in ihr entwickelt hat, eigentlich nur ein Hindernis für die theosophische Bewegung. Und ich glaube, dass sich Fräulein von Sivers noch erinnert, wie ich diesen Standpunkt vertreten habe in einem Gespräch über Schur& und sein Verhältnis zu H. P. Blavatsky. In diesem Gespräch habe ich ausführlich derjenigen Persönlichkeit, die mir am nächsten stand, auseinandergesetzt, ein wie schweres Hindernis diese Gesellschaft für die Bewegung ist. Das andere, was ich mir sagen musste, ist dasjenige, was in vielen Zeiten auf okkultem Boden geschehen musste, um mit Widerständen fertigzuwerden: Man saugt sie auf, diese Widerstände, man nimmt sie in die eigene Körperschaft auf, und sie sind dadurch in gewisser Weise aus der Welt geschafft. Diejenigen, die damals innerhalb der Bewegung in Deutschland standen, werden bestätigen können, dass wir in jenen Jahren an der Gesellschaft die unglaublichsten Hindernisse gehabt hätten, wenn wir nicht selbst diese Gesellschaft geworden wären. Wir hätten gar nicht Zeit genug gefunden, alles das auszuführen, was damals nötig war, um die sich von allen Seiten auftürmenden Hindernisse aus dem Weg zu schaffen und die Bewegung mit einem positiven Inhalt zu füllen. Es wäre unmöglich gewesen, nicht mit der Gesellschaft zu fahren. Denn Sie müssen nicht vergessen, dass die Konzentration der Hindernisse, wie sie jetzt auftreten an zunächst einem Punkte - es werden noch andere kommen, das macht aber nichts -, die repräsentiert waren innerhalb der Gesellschaft namentlich durch zwei Leute, dass diese Hindernisse und dann das viele Geschwätz von Brüderlichkeit, verbreitet waren in weitesten Kreisen; das schoss überall in die Höhe. Und sehen Sie, methodisch ist mir dieselbe Geschichte, die jetzt mit einem Menschen [Hugo Vollrath] passiert ist, damals gleich von einer ganzen Gesellschaft passiert; dass man nämlich genau das Gegenteil von dem vorgebracht hat und in Broschürenform verbreitete, was ich damals ihnen gesagt habe. Das war geradezu Methode innerhalb der verschiedenen Gesellschaften, die sich durch das Gesellschaftsprinzip überhaupt herausgebildet haben.
In demselben Jahre, wo ich eingetreten worden war in die Theosophische Gesellschaft, wo ich zum Vorsitzenden gemacht worden war, ohne Abstimmung - so etwas gab es nicht damals -, da war in London der Kongress der europäischen Sektionen, zu denen ja die Deutsche Sektion eben erst hinzukommen sollte. Da hatte ich mit Mister Mead in Gegenwart von Mister Keightley ein Gespräch, das sich hauptsächlich um meine «Mystik» drehte, die er aus dem Referat von Keightley kennengelernt hatte. Damals sind die Worte von Mister Mead gefallen - ich muss sie als Tatsache erwähnen, denn es ist aufklärend: «In Ihrem Buche steht ja die ganze Theosophie darinnen.» - Natürlich steht in einem so dünnen Buche nicht die ganze Theosophie darinnen. So etwas heißt in einem solchen Falle: Es steht das darinnen, als dessen Konsequenzen sich die ganze Theosophie ergeben kann. - Im Grunde steht alles hineingeheimnisst in meine «Mystik», was seither herausgeheimnisst worden ist. Daran möchte ich die Frage knüpfen: Liegt es nicht doch schon in diesem Ausspruche, dass man annehmen könnte, man werde dieser besonderen Strömung theosophischen Geisteslebens mit Sehnsucht entgegenkommen? Denn wenn man sagt: «darinnen liegt die ganze Theosophie», so ist überraschend viel damit gesagt.
Nach diesem Ausspruch war es begründet anzunehmen, es könnte sich die Theosophische Gesellschaft nach und nach so gestalten, dass sie ein Rahmen würde sein können für das, wovon man in London sagte: Darinnen steht die ganze Theosophie. Denn nichts von dem, wozu gegenwärtig in der Theosophischen Gesellschaft «Nein» gesagt wird, steht auch nur im Entferntesten in diesem Buch.
Sie sehen also, dass es eine Notwendigkeit gab, damals so zu handeln, wie gehandelt worden ist. Vom allerokkultesten Standpunkte lässt sich dieses rechtfertigen; denn es ist ja der theosophischen Bewegung, die wir meinen, ganz gelungen, jenen theosophischen Boden zu bereiten, den wir ihr bereiten konnten. Ohne dass dieses geschehen wäre damals im Beginne, hätte auch alles Folgende nicht geschehen können.
Eigentlich ist es ja ein Unsinn, wenn ich dieses sage, weil ich das Gegenteil sagen könnte: Damit jetzt alles geschehen konnte, was geschehen ist, musste es damals so gemacht werden, wie es gemacht worden ist.
Ich habe mich im Laufe der Jahre viel bemüht, Verständnis hervorzurufen für alles das, was sich als eine Art von Gefühls- und Empfindungskonsequenz ergibt. Niemand wird, wenn er gewissenhaft analysiert, sagen können, dass ich die Gesellschaft anders behandelt habe als im Sinne der Konsequenz der damaligen Tatsachen. Und es hat sich noch etwas Weiteres ergeben. Dies trat uns eben klar und bestimmt hervor in den schönen Worten unseres Freundes Baron Walleen, dass seit jener Zeit sich nicht innerhalb unserer Bewegung, wohl aber draußen, die Verhältnisse geändert haben. Es hat sich gar nichts innerhalb unserer Bewegung geändert, sondern es hat sich alles Schritt für Schritt vollzogen. Ich will auch hier wieder Tatsachen anführen.
Nehmen Sie die Situation der Theosophischen Gesellschaft, wie sie damals war, als ich Generalsekretär der Deutschen Sektion wurde. Bei jener Versammlung in London lernte ich auch Misses Besant kennen, und beim zweiten, ein Jahr darauffolgenden Kongress lernte ich Colonel Olcott kennen. Ich erwähne dies aus dem Grunde, weil es notwendig ist zu betonen, dass aus keiner Tatsache, die sich damals vollzog, irgendetwas anderes hervorgegangen ist als eine Bekräftigung der Auffassung, auf unsere Art Theosophie zu vertreten. Olcott sagte damals, er sei recht überrascht gewesen, mich zu sehen - das war eine Tatsache, die mich augenblicklich etwas nachdenken ließ -, er sagte, er hätte erwartet, nachdem er schon ein und ein halbes Jahr von mir wusste, dass ich mindestens ein so alter Herr sei als er selber.
Diese Tatsachen, die sich bis dahin zugetragen haben, waren so, dass jedes Mal, wenn nun die Hindernisse auftraten, diese immer in den verschiedensten Dingen bestanden, aber sie kleideten sich häufig in jene Formen, dass dieser oder jener sagte: Wir können uns nicht der Gesellschaft anschließen, denn ihr wird alles von Adyar aus diktiert, sie hat ein ganz autokratisches Prinzip. - Da sagte ich immer zu den Leuten - und das ist eine von den Konsequenzen, die sich aus den Voraussetzungen ergeben: Ich finde es unbegründet, dass man innerhalb der Deutschen Sektion so redet, denn ich behandle die «Ukasse» von Adyar so, dass ich einen nach dem andern hinlege und liegen lasse, und im Übrigen das tue, was mir als das Richtige erscheint. - Und ich habe beim ersten Gespräch mit Colonel Olcott, selbst auf die Gefahr hin, dass er es von einem gleichaltrigen Manne lieber gehört hätte, diesem gesagt, dass ich so verfahren werde, damit er nicht unklar sähe. Ich habe immer mit großer Wärme von Olcott gesprochen, denn er war wirklich das Ideal eines Begründers einer solchen Gesellschaft. Er verstand jede Regung von Freiheit sofort und hat sich nie gegen eine solche Sache aufgelehnt; es fiel ihm gar nicht ein. Er redete über solche Sachen nicht viel, sondern wenn ihm jemand schrieb, der Generalsekretär der Deutschen Sektion legt die Ukasse von Adyar einen nach dem andern hin und beachtet sie nicht, da legte er einen solchen Beschwerdebrief auch hin und beachtete ihn nicht. Sie sehen, es ging damals vorzüglich, zu arbeiten. Dann kamen nach und nach andere Zeiten. Und Sie sehen, ich spreche eigentlich gar nicht von dem, was als Lehre irgendwie vertreten wird, ich spreche auch nicht davon, dass es etwa als wichtig hätte erscheinen müssen, dass das Programm meiner Mystik in ausgiebigerem Maße hätte berücksichtigt werden müssen, sondern ich spreche von der Tatsache, die geschehen ist. Dann geschahen eben nach und nach andere Dinge. Nun würde es sehr weit führen, die verschiedenen andern Dinge zu erzählen. Beginnen müsste man damit, dass Olcott gestorben ist, und schon damals sich etwas ereignete, was nun zwar in einer solchen Weise durchaus aufgefasst werden kann, dass es mit dem Geiste der Theosophischen Gesellschaft im Einklang erscheint, was aber außerordentlich schwierig ist, einer solchen Interpretation zu unterwerfen. Kurz kann ich ja ausführen, es wurde von Adyar aus verbreitet, dass damals, am Sterbebette Olcotts, die Meister erschienen wären und bestimmt hätten, wer der Nachfolger Olcotts sein sollte.
Nun gibt es zweierlei Möglichkeiten, solche Dinge aufzufassen; ich meine jetzt nicht die inhaltliche Auffassung, Die eine Möglichkeit wäre die, dass man sagt: Es ist unter allen Umständen das absolut Notwendige, gleichgültig wie man es inhaltlich auffasst, dieses Faktum in den allerengsten Kreisen zu lassen und ja nicht in der Gesellschaft herumzusprechen. Die andere Möglichkeit ist, von diesem Faktum zu sprechen. Es geht dann ein solches Faktum selbstverständlich von Mund zu Mund und ist nicht zu halten. So ist es ja auch geschehen.
Wenn nun auch keine Persönlichkeit irgendetwas gegen den Geist der Gesellschaft getan hat, wenn auch keiner Persönlichkeit irgendein Vorwurf gemacht werden kann - denn Frau Besant hatte das Recht, so darüber zu denken, wie sie wollte, und auch so zu handeln, also diese Manifestation zu gebrauchen und in diesem Sinne die Gesellschaft zu führen -, so ist es doch eine Tatsache, dass wir seit jener Zeit in der Gesellschaft wirklich nicht mehr auf gesundem Boden stehen. Das ist eben auch eine Tatsache.
Das, was unser Freund Walleen gesagt hat, bezieht sich auf die Beurteilung außenstehender Leute, die sich fragen können, ob sie eintreten wollen oder nicht. Was ich jetzt sage, bezieht sich auf das Interne, auf den Boden, auf dem wir selbst stehen. Es war kein gesunder Boden mehr, und von da ab wurde die Frage nicht mehr aus der Welt geschafft, ob man denn überhaupt innerhalb der Gesellschaft sein kann, ob man nicht austreten müsse. Sie wissen, dass auch viele Menschen in aller Welt ausgetreten sind; zum Beispiel als einer der Hervorragendsten Mister Mead. Seit jener Zeit stehen wir eben nicht mehr auf gesundem Boden - aus verschiedensten Gründen - und ganz gewiss ist auch seit jener Zeit erst das Urteil der Außenwelt über die Gesellschaft in dieser Weise schlecht geworden, wie
es jetzt ist. Denn seit jener Zeit kamen ja die merkwürdigsten Dinge vor, die in der Tat nicht zu einem Verwaltungsmäßigen der Gesellschaft gehören, aber die Signatur der Gesellschaft tragen. Es geschahen verschiedene Dinge: Da kam zunächst der Casus Leadbeater; aber nicht der Casus als solcher. Diejenigen, welche meine Stellung kennen, werden wissen, dass ich den Standpunkt eingenommen habe: Als Persönlichkeit muss Leadbeater im weitesten Maße verteidigt werden. Das einzig Schlimme beim Fall Leadbeater ist, dass das auch auf das Konto der Gesellschaft kam. Das war das zweite Mal, dass ich betonte: Man kann eigentlich nicht mehr arbeiten mit dieser Gesellschaft. Bekannt ist ja auch durch Indiskretionen, dass Misses Besant zuerst persönlich Leadbeater verurteilt hat und dann nach kurzer Zeit sich zu ihm bekehrt hat. Das ist ein Faktum, das auch nach außen hin in die Signatur der Gesellschaft aufgenommen worden ist. Nun kommt etwas, was streng genommen auch nicht in das Verwaltungsmäßige der Theosophischen Gesellschaft hineingehört, was aber, wenn ich heute schweigen oder es nicht erwähnen würde, gedeutet werden könnte wie eine Art von Unaufrichtigkeit.
Es kommt nach vielen anderen Dingen, die zu weit führen würden, noch hinzu, dass Annie Besant vor einem Zeugen [Marie von Sivers], der jederzeit bereit sein wird, Zeugenschaft davon abzugeben, 1907 in München gesagt hat, dass sie in Bezug auf das Christentum nicht kompetent sei. Und deshalb trat sie sozusagen damals die Bewegung, insoferne das Christentum einfließen soll, mir ab. Nachdem Annie Besant mir dies gesagt hatte, wurden mancherlei Dinge gemacht, die nun unter diesem Gesichtspunkte Ordnung hätten bringen können in die Gesellschaft. Doch man konnte damals von vielen Seiten hören: Jetzt hat sich Doktor Steiner von Annie Besant getrennt; jetzt sind zwei Strömungen da; das bringt Uneinigkeit in die Gesellschaft. - Das machte die Leute stutzig. Und jetzt begann eine eigentümliche Methode praktisch zu werden, die darin bestand, dass man tatsächlich die Sache genau umkehrte. Und es grassiert seit jener Zeit in merkwürdiger Weise das Umkehren der Tatsachen. Es ist schwer, verständlich zu machen, was dieses Umkehren bedeutet. Man sagte damals: Ja, da treten viele Leute wegen der Uneinigkeit aus! - Die Wahrheit war diese, dass viele Leute ausgetreten wären, wenn diese sogenannte Uneinigkeit nicht gekommen wäre. Sie sind nur geblieben, weil jene Strömung herausging in vollständig gesellschaftlich legaler Weise, nachdem Annie Besant jenes Abkommen getroffen hatte. Eine andere Tatsache ist diese, die zwei Jahre nachher, also 1909, plötzlich auftauchte. Bitte nicht misszuverstehen, sondern ohne jeden Beisatz von Kritik dieses als Tatsache hinzunehmen, die selbstverständlich als Tatsache so hingestellt werden soll, dass sie absolut berechtigt ist - 1909 kündigte Annie Besant für die verschiedensten Orte einen Vortrag an über das Wesen des Christus. Damals tauchte langsam auf, dass man ebenso heranklingen hörte die Idee von einem im Fleische kommenden Christus, und diese Idee wurde immer mächtiger und endlich zu dem, das Sie ja kennen. Und wenn in letzter Zeit das Urteil der außenstehenden Menschen sich zu noch Ungünstigerem gestaltet hat, so gehört zweifellos die Geschichte von dem im Fleische kommenden Christus hinzu, was in hohem Maße dies Urteil herbeigeführt hat.
Nunmehr ist eine Tatsache geschaffen worden - auch im Gefolge jener Tatsache [bei Olcotts Tod] -, welche es heute unmöglich erscheinen lässt, das rein Verwaltungsmäßige und das Lehrhafte noch zu trennen. Es ist eine Tatsache, welche die Unmöglichkeit einer solchen Trennung herbeigeführt hat, und das ist die fatale Situation, in der wir heute in der gesamten Gesellschaft stehen. Das ist zunächst ja nur ein Symptom. Sie werden es in meinen Worten doch wohl angedeutet gefunden haben, dass ich Misses Besant nicht bestreite, sich zu ihrem Vertreter in Angelegenheiten des «Sterns des Ostens» zu ernennen, wen sie will. Nicht nur bestreite ich ihr dieses Recht nicht, sondern ich nehme es ihr bis zum jetzigen Augenblick nicht einen Moment übel, dass sie gerade Vollrath dazu ernannt hat. Das ist auch ihr gutes Recht, weil sie das Recht hat, über Vollrath eine andere Meinung zu haben als ich. Aber davon ist ja nicht die Rede gewesen, obwohl ich ganz sicher weiß, dass es in der nächsten Zeit heißen wird, als ob so geredet worden wäre, sondern von etwas anderem ist die Rede gewesen. Natürlich sche ich nicht ein, warum jemand, der mir sagt, ich hätte silberne Löffel gestohlen, nicht Repräsentant sein kann für etwas anderes; aber das Faktum ist doch dieses, dass dadurch die Unmöglichkeit geschaffen worden ist, die Präsidentin zu vertreten, an ihrer Seite zu stehen, wenn sie es gerade in diesem Momente tut, wo ein solches Pamphlet erscheint. Denn dadurch wird man ja ein Recht haben - wenn die Präsidentin weiter vertreten wird, selbst wenn nur gesagt wird, was eine Tatsache ist, dass man sie liebt -, man wird ein Recht haben, mir zu sagen: So, du stehst an der Seite von Misses Besant, dann bist du ja mit ihr einverstanden; du bist mir ein schöner Kerl! Das ist das Faktum, das vorliegt; oder man müsste auf der anderen Seite sagen: Misses Besant weiß das nicht. - Das ist aber nicht wahr, denn sie kennt den Fall ganz genau. In einem ausführlichen Brief musste ich Misses Besant diese Tatsachen mitteilen als Antwort auf einen Brief an sie von der anderen Seite [von Vollrath]. Außerdem würde jeder sagen: Wie steht es denn mit der Urteilsfähigkeit dieser Präsidentin, die du vertrittst, wenn sie nicht einsieht, dass sie das nicht tun kann? — Mit anderen Worten heißt das: Man ist vor eine unmögliche Situation gesetzt. Und vor eine solche werden wir alle Augenblicke gesetzt. Das ist geradezu jetzt die Signatur der Gesellschaft.
Ich will gar nicht von dem Genueser Kongress sprechen, der auch eine unmögliche Situation bedeutet. Aber sehen Sie, wenn zwei Menschen die entgegengesetzte Anschauung von einem Podium aus vertreten, wie es 1909 in Budapest der Fall war, so geht das in einer Gesellschaft, die aufgebaut ist auf gleichem Recht der Meinungen. Aber etwas anderes kann man nicht tun innerhalb einer Gesellschaft von Menschen. Ich will Sie zunächst fragen: Nehmen Sie an, Sie sind eingeladen und Sie bringen demjenigen, zu dem Sie eingeladen sind, jemanden mit, welcher Ihnen außerordentlich wertvoll ist. Sie legen einen großen Wert darauf, den Betreffenden mitzubringen. Sie kommen dann zu dem, bei dem Sie eingeladen sind, und der sagt: Von dem will ich nichts wissen, der geht mich nichts an. Ja, wie müssen Sie eine solche Sache auffassen? Als eine Art Beleidigung Ihrer Persönlichkeit. Es geht wohl kaum anders. Wenn Sie jemandem einen andern vorstellen, der Ihnen wertvoll ist, und der andere lehnt ihn ab, so geht das nicht, da ist kein Verkehr möglich. Nehmen Sie an, es wäre zum Genueser Kongress gekommen: Dann wären wir in diesem Falle gewesen. Wir hätten, ganz gleich, was von den andern vertreten wird, aus unserer Überzeugung heraus nicht einen Lehrgehalt, sondern einen Menschen, den Misses Besant mitgebracht hat - und doch nur aus dem Grunde, weil sie etwas ganz Besonderes in ihm sah, auch war hinlänglich dafür gesorgt worden, dass man das Besondere erfuhr - ablehnen, das heißt diesen Menschen ignorieren müssen. Jede andere Möglichkeit war ausgeschlossen. Wir wären auf diese Weise genötigt gewesen, die Präsidentin zu beleidigen. Wenn man die Dinge der Gesellschaft mit Persönlichem mischt, so kommt auch Persönliches heraus. Lehren können Sie das Entgegengesetzteste; aber wenn man Personen hinstellt, welche damit verflochten sind, dann ist uns das Faktum gegeben, dass die Gesellschaft radikal in das Persönliche getrieben ist. Wie stimmt das zusammen mit dem, was einstmals Olcott gesagt hat: Es handelt sich nicht um H. P. Blavatsky, nicht um mich, sondern um die Sache, da dürfen gar keine Persönlichkeiten mitspielen? - Stimmt denn das, wenn man der Gesellschaft geradezu Persönlichkeiten als zu der Lehre gehörig auftischt? Ist da nicht mit dem Gesellschaftsprinzip in der unzweideutigsten Weise gebrochen? Ja - wenn auch unbewusst. Ebenso, wenn man die Brüderlichkeit so vertritt, wie es heute kritisiert wurde. Wo steht denn irgendwo etwas in jenen drei Punkten, die ursprünglich von H. P. Blavatsky und Colonel Olcott aufgestellt worden sind, dass eine solche Brüderlichkeit gepflegt werden soll, wie die Leute im Fall Vollrath sagen, es stünde im ersten Satz? Es steht aber darin, einen «Kern», also gar nicht einen allgemeinen Brei, sondern den Kern von brüderlich verbundenen einzelnen Menschen zu bilden, die die Aufgabe haben, Theosophie in die Welt zu tragen. Das ist etwas anderes, als wenn man sagt, man sei in erster Linie verpflichtet, Brüderlichkeit zu treiben. Die Brüderlichkeit ist etwas, was sich von selbst ergeben kann, über die man keusch schweigt; dann ist sie am meisten da. Wenn man laut von ihr redet, dann ist sie am wenigsten da. Es ist aber mit allen andern Dingen zusammenhängend, dass eben dieser allgemeine Rühr-Brei nach und nach wie eine Satzungssache aufgekommen ist.
Sehen Sie, damit habe ich Ihnen auch einige Tatsachen vorgesetzt. Aber es war vielleicht notwendig, von diesen Dingen zu sprechen, um die Meinung zu begründen, um das begründete Urteil hervorzurufen, dass wir jetzt doch ohne unser Zutun vor einer außerordentlich wichtigen Situation innerhalb der Gesellschaft stehen. Und das Einzige, was für mich selber das Maßgebende ist, bis zu diesem Augenblick, das ist, dass ich weiß - nicht inwiefern Sie es als berechtigt anschen, dass ich so spreche, aber ich sage deshalb auch: Für mich ist es das Maßgebende -, es besteht einmal bei den Individualitäten, welche die Führenden unserer theosophischen Bewegung sind, die Meinung, dass man die Gesellschaft so lange halten soll, als es nur irgend geht! Und das ist es, was es mir schwierig macht, irgendeine unmittelbare Initiative anzuempfehlen zu irgendeinem Zerstören der Gesellschaft. Man könnte sagen: Gewiss, die Dinge, die damals waren, sind heute nicht mehr da - das würde nicht ganz richtig sein —, auf der andern Seite aber gilt doch, dass man mit dieser Gesellschaft etwas hat, was sich ergeben hat - nicht durch uns, denn wir sind nicht hineingekommen, sondern dazugestoßen - aus der Begründung der theosophischen Bewegung der neueren Zeit. Sodass das Zerstören der Gesellschaft als solches jetzt in diesem Augenblicke ganz gewiss nicht das Richtige ist; sondern das Richtige ist das Positive. Und was dieses betrifft, so ist das schwieriger zu machen als das Negative, das ist ja bald gemacht, da bedarf es nur noch einer Entschließung. Ein Positives bedarf aber Taten, die nicht nur am Ausgangspunkt stehen, sondern die fortdauernd geschehen müssen. Das ist das Wesentliche, das uns klar sein muss; und da wird es sich darum handeln, dass wir zu solchen Dingen kommen, die wirklich positiv sind, das heißt, die in einer gewissen Weise stufenweise das ergeben, was eine Realisierung des schönen Wortes des Baron von Walleen ist: dass der Inhalt sich den Rahmen jederzeit schafft, wenn der Inhalt da ist. Es ist aber immer notwendig, dass man den ersten Schritt macht. Nur scheint es mir, dass dies eine Sache ist, die außerordentlich wichtig und bedeutsam ist, und die nun wohl auch nicht so einfach vielleicht aufgefasst werden darf, als dies von mancher Seite geschieht. Deshalb erlaube ich mir, schon heute eins zu bemerken: dass ich genötigt sein werde, von dieser Stelle aus morgen, um elf Uhr etwa, Ihnen zu sprechen von einer Sache, die schon als solche existiert, die bei besonders feierlichen Gelegenheiten in der letzten Zeit schon eingerichtet worden ist, aber so, dass sie ja eine Art Gemeingut werden soll in einer ganz, eigentümlichen Art. Das, was in dieser Richtung verkündet werden kann, wird morgen geschehen. Wir werden dann schen, wie die Sache gemeint ist.